Quellen der Menschheit

Kāṭhaka-Saṃhitā · Sthānaka 29

Anuvāka 3 Die neun Opfersprüche als Lebensatem, die Ergänzung des Verfehlten durch Verse, und der Avabhṛtha-Abschluss samt Loslösung aus Varuṇas Schlingen.

prāṇā vai sam̐sthitayajūm̐ṣi

Die Lebensatem sind die Sam̐sthita-Yajus-Sprüche (Abschlusssprüche).

navaitāni yajūm̐ṣi

Neun sind diese Opfersprüche.

navabhir bahiṣpavamānam̐ stuvanti

Mit neun (Versen) preisen sie das Bahiṣpavamāna.

prāṇair eva prayanti prāṇair udyanti

Mit den Lebensatem ziehen sie los, mit den Lebensatem kehren sie zurück.

prāṇānām̐ saṃtatyā avicchedāya

Zur Ununterbrochenheit der Lebensatem, damit sie nicht abreißen.

yaṃ kāmayeta pramīyeteti nava kṛtvo gṛhītvāyujuṣkeṇaikaikaṃ juhuyāt

Von wem man wünscht, er solle sterben, für den soll man neunmal schöpfen und mit ungleich (gerade nicht) zugerüstetem (Löffel) je einen (Spruch) opfern. [?]

prāṇā vai sam̐sthitayajūm̐ṣi

Die Lebensatem sind die Sam̐sthita-Yajus-Sprüche.

prāṇebhya evainam antareti tājak pradhanvati

Von den Lebensatem trennt er ihn ab; rasch eilt er (ins Verderben) dahin. [?]

viṣvarūpo vai tvāṣṭro yajñasya vyṛddhaṃ ca samṛddhaṃ cāpaśyat

Viśvarūpa, der Sohn des Tvaṣṭṛ, erblickte das Verfehlte und das Vollendete des Opfers.

ṣaḍ etāny ṛgmyāṇi

Sechs sind diese Vers-Formeln.

yad evāsya vyṛddhaṃ tat tais samardhayati

Was am Opfer verfehlt ist, das bringt er damit zur Vollendung.

ṛtuṣv eva pratitiṣṭhati

In den Jahreszeiten also findet er Halt.

eṣv eva lokeṣv ṛdhnoti ‖

In diesen Welten also gedeiht er.

yad vai yajñasyātiricyate varuṇas tad gṛhṇāti

Was vom Opfer übrig bleibt, das ergreift Varuṇa.

yajñasyaitad atiricyate yad ṛjīṣam

Das Übrigbleibende des Opfers ist der Ṛjīṣa (ausgepresster Soma-Rückstand).

yad audumbarī yad adhiṣavaṇe tenāpo 'vabhṛtham avayanti

Mit dem, was in der Udumbara-Schale und auf dem Pressbrett ist, gehen sie zu den Wassern zum Avabhṛtha (Abschlussbad).

nirvaruṇatvāya

(Das geschieht) damit er von Varuṇa frei werde.

na vahantīṣv abhyaveyuḥ

Sie sollen nicht zu fließenden (Wassern) hingehen. [?]

paśūn asya nirmṛjyur apaśus syāt

Würden sie dessen Vieh abwischen (wegspülen), würde er viehlos.

nodañco 'bhyaveyur

Nicht nordwärts sollen sie hingehen.

yad udañco 'bhyaveyur abhīpataḥ prajā varuṇo gṛhṇīyāt

Gingen sie nordwärts hin, würde Varuṇa die Nachkommen, die ihnen entgegen(fallen), ergreifen. [?]

yad dakṣiṇā pitṛbhyaḥ prajā nidhūveyur

denn wenn südwärts, würden sie die Nachkommen den Vätern hin abschütteln. [?]

udañcaḥ prāñco 'bhyavayanti

Sie gehen (also) nordöstlich (ostwärts aufwärts) hin. [?]

paścād dhi prāṅ yajño varuṇapāśān mucyamāna eti

Denn von hinten her geht das Opfer ostwärts, aus Varuṇas Schlingen gelöst.

sthāvarāsv avayanti

Sie gehen zu stehenden (Wassern).

sthāvarā vai pratyakṣaṃ varuṇas

Die stehenden (Wasser) sind sichtbar Varuṇa.

varuṇa eva varuṇam avayajate

So sühnt er durch Varuṇa Varuṇa ab.

urum̐ hi rājā varuṇaś cakāra

„Denn weiten Raum hat König Varuṇa geschaffen“ –

śataṃ te rājan bhiṣajas sahasram iti

„Hundert Heilkundige hast du, König, tausend“ –

agner anīkam apa āviveśety āghāram āghārayati

Mit „Agnis Antlitz ist in die Wasser eingegangen“ gießt er die Āghāra-Guss.

samiddhyā evoddīptyai

Zur Entzündung, zum Auflodern.

yatra tṛṇaṃ vā dāru vā paśyet tat pratyāghārayet

Wo er Gras oder Holz sieht, dort soll er den Guss zurückgießen.

agnimaty eva juhoti

Er opfert nur in (Wasser), das Agni hat. [?]

apabarhiṣaḥ prayājān yajati

Er vollzieht die Prayājas ohne Streu.

prajā eva mṛtyor utsṛjati

So löst er die Nachkommen vom Tod los.

ājyabhāgau yajati

Er opfert die beiden Ājyabhāga-Gaben.

prāṇāpānau vā ājyabhāgau

Einatem und Ausatem sind die Ājyabhāgas.

prāṇāpānā eva prajānāṃ varuṇapāśān muñcati

So löst er Einatem und Ausatem der Nachkommen aus Varuṇas Schlingen.

ekakapālo bhavati

sie ist ein Kuchen auf einer einzigen Schale (ekakapāla).

na vai puruṣaṃ kapālair āptum arhati

Den Menschen kann man nicht mit (mehreren) Schalen erreichen.

agnīvaruṇābhyām̐ samavadyati

Für Agni und Varuṇa schneidet er zusammen ab.

ubhayata evainaṃ varuṇapāśān muñcaty agneś ca varuṇāc ca

Beiderseits befreit er ihn aus Varuṇas Schlingen, von Agni und von Varuṇa.

yat sam̐sthāpayed yajñaṃ varuṇena grāhayet

Schlösse er (es) ab, ließe er das Opfer von Varuṇa ergreifen.

yajñam eva varuṇapāśād utsṛjati

(damit) löst er das Opfer aus Varuṇas Schlinge.

samudre te hṛdayam apsv antar iti

„Im Meer ist dein Herz, in den Wassern drinnen“ –

samudrayonir vai yajñas

Das Opfer hat das Meer zum Schoß.

svam evainaṃ yoniṃ gamayati

So führt er es in seinen eigenen Schoß.

yajñasya tvā yajñapata iti

„Dich für den Opferherrn des Opfers“ –

avabhṛtha nicuṅkuṇeti

„Avabhṛtha, Nicuṅkuṇa“ –

ubhayasmād evainam etad devakṛtāc ca manuṣyakṛtāc cainaso muñcati

So löst er ihn von beidem, von der von Göttern gemachten und der von Menschen gemachten Verfehlung.

devīr āpa eṣa vo garbha iti

„Göttliche Wasser, dies ist euer Keim“ –

svam evainaṃ yoniṃ gamayati

So führt er ihn in seinen eigenen Schoß.

abhiṣṭhito varuṇasya pāśo 'vahato varuṇasya pāśa iti

„Überwunden ist Varuṇas Schlinge, weggeführt Varuṇas Schlinge“ –

varuṇapāśam evāvahanti

Varuṇas Schlinge führen sie so weg.

apsu dhautasya te deva someti bindum ācāmati

Mit „In den Wassern gewaschen, dein, göttlicher Soma –“ schlürft er einen Tropfen.

ya eva tatra somapīthas tasyāvaruddhyai ‖

Zur Gewinnung eben des dort (befindlichen) Somatrunks.

yad ācāmed varuṇa enaṃ grāhukas syān nīva gṛhṇīta

Schlürfte er (nur), so würde Varuṇa ihn ergreifen, er würde gleichsam gepackt. [?]

pratyasto varuṇasya pāśo namo varuṇasya pāśāyeti

„Zurückgeworfen ist Varuṇas Schlinge; Verehrung Varuṇas Schlinge!“ –

varuṇapāśam eva pratyasyati

So wirft er Varuṇas Schlinge zurück.

udeta prajām āyur varco dadhānā iti

„Steigt auf und bringt Nachkommenschaft, Lebenskraft, Glanz mit euch“ –

āśiṣam evāśāste ‖

Segenswunsch spricht er so aus.

edho 'sy edhiṣīmahīti

„Brennholz bist du, möchten wir gedeihen“ –

varuṇam eva niravadāyaidhatum upayanti

Varuṇa haben sie beiseitegetan und gehen zum Gedeihen (Aufflammen) hin. [?]

samid asi samedhiṣīmahīti

„Entzündungsholz bist du; möchten wir uns entzünden (erstarken)“ –

āśiṣam evāśāste

Segenswunsch spricht er so aus.

tejo 'si tejo mayi dhehīti

„Glanz bist du, lege Glanz in mich“ –

teja evātman dhatte

So legt er Glanz in sich selbst.

apo adyānvacāriṣaṃ rasena samaganmahīti

„Die Wasser bin ich heute gefolgt; mit Saft haben wir uns vereint“ –