Adhyāya 6
Agni unter den Jahreszeiten und der Mythos von Indra und Vṛtra
Brāhmaṇa 1 (Die Jahreszeiten und Agnis Platz im Opfer): Dieses Brāhmaṇa erzählt, wie die personifizierten Jahreszeiten (ṛtu) zunächst von den Göttern übergangen werden und sich daraufhin den Asuras zuwenden, bis Agni für sie einen festen Anteil am Opfer erwirkt. Die Erzählung dient als ätiologische Begründung für die Reihenfolge der fünf Prayāja-Opfer und für die feste Verbindung Agnis mit den Jahreszeiten-Anrufungen. Zugleich wird Agnis Rolle als „Rakṣas-Töter“ an drei Positionen des Opfers (Ājyabhāga, Puroḍāśa, Sviṣṭakṛt) begründet, wodurch der gesamte Opferablauf gegen dämonische Übergriffe abgesichert erscheint. Brāhmaṇa 2 (Der Ursprung des Puroḍāśa und die Vorrangstellung Agnis): Dieses kurze Brāhmaṇa bietet eine volksetymologische Erzählung zum Ursprung des Opferpfahls (yūpa) und des Opferkuchens (puroḍāśa): Die Götter verbergen das Opfer vor den Menschen, die Ṛṣis finden es in Gestalt einer davonkriechenden Schildkröte wieder, die schließlich bei Agni haltmacht und geopfert wird. Im Anschluss folgt eine Reihe von Begründungen, warum sämtliche Opfergaben – ungeachtet der eigentlich angerufenen Gottheit – letztlich im Agni-Feuer dargebracht werden, da Agni als Inbegriff aller Götter, als der Wahrhaftigste, Gütigste und Nächste gilt. Brāhmaṇa 3 (Tvaṣṭṛs Sohn, Vṛtra und Indras Kampf um den Soma): Das dritte, umfangreichste Brāhmaṇa entfaltet den zentralen vedischen Mythos von Tvaṣṭṛs dreiköpfigem Sohn Viśvarūpa, seiner Tötung durch Indra, der daraus entstehenden Rachegestalt Vṛtra und dessen endgültiger Erschlagung. Eingebettet sind mehrere volksetymologische Deutungen (Tittiri-Vogel, die Namen Vṛtra/Ahi/Dānava) sowie die berühmte grammatische Crux um „indraśatru“, die schon in der altindischen Sprachwissenschaft als Beispiel für die bedeutungsunterscheidende Kraft der Komposition diskutiert wurde. Der Mythos dient zugleich als ätiologische Grundlage für die Ājyabhāga-, Upāṃśu- und Puroḍāśa-Riten von Agni und Soma sowie für die Erzählung von Prajāpatis gelockerten Gelenken, die durch die periodischen Opfer (Agnihotra, Voll-/Neumondsopfer, Cāturmāsya) geheilt werden. Brāhmaṇa 4 (Indras Verbergung und die Mondallegorie von Indra und Vṛtra): Das vierte Brāhmaṇa schließt den Vṛtra-Zyklus ab: Nach der Tötung verbirgt sich Indra aus Furcht, wird von Agni gefunden und muss durch neu zusammengetragenen Soma (in Form von Dadhi) wieder gestärkt werden – eine Erzählung, die den Ursprung des Neumondsopfers und seiner Milchgaben erklärt. Den Abschluss bildet die berühmte Allegorie, in der Sonne und Mond mit Indra und Vṛtra gleichgesetzt werden: Der monatliche Wechsel von Zu- und Abnahme des Mondes wird so als fortwährende kosmische Wiederholung von Indras Sieg über seinen Widersacher gedeutet.
ṛtavo ha vai deveṣu yajñe bhāgamīṣire | ā no yajñe bhajata mā no yajñādantargatāstveva no 'pi yajñe bhāga iti
Die Jahreszeiten (ṛtu) verlangten einst bei den Göttern nach einem Anteil am Opfer: „Gebt auch uns Anteil am Opfer; schließt uns nicht vom Opfer aus, sondern lasst auch für uns einen Anteil am Opfer sein!“
tadvai devā na jajñuḥ | ta ṛtavo deveṣvajānatsvasurānupāvartantāpriyāndevānāṃ dviṣato bhrātṛvyān
Das aber bemerkten die Götter nicht. Da wandten sich die Jahreszeiten, weil die Götter nichts davon wussten, den Asuras zu – den Göttern verhassten, feindlichen Rivalen (bhrātṛvya).
te haitāmedhatumedhāṃ cakrire | yāmeṣāmetāmanuśṛṇvanti kṛṣanto ha smaiva pūrve vapanto yanti lunanto 'pare mṛṇantaḥ śaśvaddhaibhyo 'kṛṣṭapacyā evauṣadhayaḥ pecire
Sie vollzogen jenen „Wachstumszauber“ (edhatumedhā) [Anm.: Das Kompositum edhatumedhā ist ungewöhnlich und ohne sichere Parallele; die Übersetzung folgt der wahrscheinlichsten Ableitung von √edh „gedeihen“ + medhā „Weisheit/Zauber“, bleibt aber unsicher], von dem man noch heute ihretwegen erzählt: Die Früheren (pūrve) gehen pflügend und säend, die Anderen (apare) gehen schneidend und dreschend – denn für sie allein reiften die Pflanzen beständig, auch ohne dass gepflügt wurde.
Das war fürwahr ein Vergehen der Götter. [Anm.: Der Sinn dieser knappen, elliptischen Reflexion ist unsicher – unklar bleibt insbesondere, wer hier spricht und wie „kanīyaḥ“ syntaktisch anzuschließen ist; Übersetzung nach der plausibelsten Lesart.] „Ist es denn ein geringeres Vergehen, wenn ein Hassender sich gegen einen Hassenden feindselig verhält? Oder solltet ihr nur so viel begreifen, dass sich dadurch etwas ändern könnte?“
sa hāgniruvāca | atha yanmām purā prathamaṃ yajatha kvāham bhavānīti na tvāmāyatanāccyāvayāma iti te yadṛtūnabhihvayamānā athāgnimāyatanānnācyāvayaṃstasmādagniracyuto na ha vā āyatanāccyavate yasminnāyatane bhavati ya evametamagnimacyutaṃ veda
Da sprach Agni: „Wenn ihr mich aber bisher als Ersten verehrt habt, wo soll ich dann stehen?“ – „Wir werden dich nicht von deinem Platz (āyatana) verdrängen.“ Weil sie nun, als sie die Jahreszeiten anriefen, Agni dabei nicht von seinem Platz verdrängten, heißt Agni deshalb „der Unverdrängte“ (acyuta). Wer diesen Agni so als den Unverdrängten kennt, von dem weicht er nicht von dem Platz, an dem er sich befindet.
te devā agnimabruvan parehyenāṃstvamevānumantrayasveti sa hetyāgniruvāca 'rtevo 'vidaṃ vai vo deveṣu yajñe bhāgamiti kathaṃ no 'vida iti prathamāneva vo yajñe yakṣyantīti
Die Götter sprachen zu Agni: „Geh zu ihnen und gewinne du selbst sie!“ Er ging hin. Agni sprach: „Jahreszeiten! Ich habe euch bei den Göttern einen Anteil am Opfer erwirkt.“ – „Wie hast du ihn für uns erwirkt?“ – „Sie werden euch als Erste im Opfer verehren.“
ta ṛtavo 'gnimabruvan | ā vayaṃ tvāmasmāsu bhajāmo yo no deveṣu yajñe bhāgamavida iti sa eṣo 'gnirṛtuṣvābhaktaḥ samidho agne tanūnapādagna iḍo agne barhiragne svāhāgnimityābhakto ha vai tasyām puṇyakṛtyāyāṃ bhavati yāmasya samānobruvāṇaḥ karotyagnimate ha vā asmā agnimanta ṛtava oṣadhīḥ pacantīdaṃ sarvaṃ ya evametamagnimṛtuṣvābhaktaṃ veda
Die Jahreszeiten sprachen zu Agni: „Wir wollen dich zu uns aufnehmen, der du uns bei den Göttern einen Anteil am Opfer erwirkt hast.“ So ist Agni den Jahreszeiten zugeteilt (ābhakta): „Die Scheite, o Agni! Der Tanūnapāt, o Agni! Die Iḍā, o Agni! Das Barhis, o Agni! Svāhā dem Agni!“ [Anm.: Diese Reihe kurzer Anrufungen zitiert offenbar stichwortartig die zu den Prayāja-Opfern gehörigen Formeln; der knappe Folgesatz bleibt leicht mehrdeutig.] Wer so den Namen der Jahreszeit zugleich mit Agni nennt, nimmt an jener heilbringenden Handlung teil. Wer dies so weiß, dem lassen die mit Agni versehenen Jahreszeiten, ihm, dem „Agni-Habenden“, dies alles – die Pflanzen – reifen.
Dazu sagt man: „Wenn man die Prayāja-Opfer als Letzte herbeiruft, warum verehrt man sie dann als Erste?“ – Weil man sie ursprünglich als Letzte im Opfer festgesetzt, dann aber gesagt hatte: „Wir wollen euch als Erste verehren“ – deshalb ruft man sie als Letzte herbei, verehrt sie aber als Erste.
caturthena vai prayājena devāḥ | yajñamāpnuvaṃstam pañcamena samasthāpayannatha yadata ūrdhvamasaṃsthitaṃ yajñasya svargameva tena lokaṃ samāśnuvata
Durch das vierte Prayāja-Opfer erlangten die Götter das Opfer, durch das fünfte brachten sie es zum Abschluss (saṃsthā); und was darüber hinaus an unabgeschlossenen Prayājas übrig war, dadurch gelangten sie eben zur Himmelswelt.
Als sie sich zur Himmelswelt aufmachten, fürchteten sie einen Anschlag (āsaṅga) der Asuras und Rakṣas. Da setzten sie Agni, den Rakṣas-Töter und Vertreiber der Rakṣas, an den Anfang, in die Mitte und ans Ende.
Griffen jene sie von vorn an, so erschlug sie eben Agni, der Rakṣas-Töter; griffen sie von der Mitte her an, so erschlug sie eben Agni; griffen sie von hinten an, so erschlug sie eben Agni. So gelangten sie, von allen Seiten durch die Agni-Feuer geschützt, zur Himmelswelt.
tatho evaiṣa etat | caturthenaiva prayājena yajñamāpnoti tam pañcamena saṃsthāpayatyatha yadata ūrdhvamasaṃsthitaṃ yajñasya svargameva tena lokaṃ samaśnute
Ebenso erlangt nun auch der Opferer durch eben das vierte Prayāja das Opfer, durch das fünfte bringt er es zum Abschluss; und was darüber hinaus an unabgeschlossenen Prayājas übrig ist, dadurch gelangt er eben zur Himmelswelt.
Wenn er den dem Agni gehörigen Ājya-Anteil darbringt, setzt er damit Agni, den Rakṣas-Töter, an den Anfang; wenn der dem Agni gehörige Puroḍāśa dargebracht wird, setzt er damit Agni in die Mitte; wenn er dem Agni den Sviṣṭakṛt opfert, setzt er damit Agni ans Ende.
Greifen jene ihn von vorn an, so erschlägt sie eben Agni, der Rakṣas-Töter; von der Mitte her, so erschlägt sie eben Agni; von hinten, so erschlägt sie eben Agni. So gelangt er, von allen Seiten durch die Agni-Feuer geschützt, zur Himmelswelt.
sa yadyenam purastāt | yajñasyānuvyāharettam prati brūyānmukhyāmārttimāriṣyasyandho vā badhiro vā bhaviṣyasītyetā vai mukhyā ārttayastathā haiva syāt
Wenn ihm jemand den Anfang des Opfers durch unheilvolles Dazwischenreden störte, so soll man zu ihm sagen: „Du wirst ein Leiden des Kopfes (mukhyā ārtti) [Anm.: Die genaue Bedeutung von mukhyām ārtim ist unsicher; mukhya kann sich sowohl auf Mund/Kopf als auch übertragen auf „das Wichtigste“ beziehen – hier im Bezug auf Blindheit und Taubheit als „Leiden des Kopfes“ übersetzt] erleiden, du wirst blind oder taub werden“ – das sind ja die Leiden des Kopfes; und so würde es sich auch tatsächlich verhalten.
yadi madhyato yajñasyānuvyāharet | tam prati brūyādaprajā apaśurbhaviṣyasīti prajā vai paśavo madhyaṃ tathā haiva syāt
Redete er in die Mitte des Opfers hinein unheilvoll dazwischen, so soll man zu ihm sagen: „Du wirst kinderlos und viehlos werden“ – Nachkommenschaft und Vieh sind nämlich die Mitte; und so würde es sich auch tatsächlich verhalten.
yadyantato yajñasyānuvyāharet | tam prati brūyādapratiṣṭhito daridraḥ kṣipre 'muṃ lokameṣyasīti tathā haiva syāttasmāduha nānuvyāhārīva syāduta hyevaṃvitparo bhavati
Redete er ans Ende des Opfers unheilvoll dazwischen, so soll man zu ihm sagen: „Du wirst ohne festen Halt und arm sein und bald in jene Welt eingehen“ – und so würde es sich auch tatsächlich verhalten. Deshalb sollte man keinesfalls dazwischenreden; denn wer dies so weiß, wird selbst dadurch überlegen.
saṃvatsaraṃ ha vai prayājairjayañjayati | sa ha nvevainaṃ jayati yo 'sya dvārāṇi veda kiṃ hi sa tairgṛhaiḥ kuryādyānantarato na vyavavidyādyathāsya te bhavanti tasya vasanta eva dvāraṃ hemanto dvāraṃ taṃ vā etaṃ saṃvatsaraṃ svargaṃ lokam prapadyate sarvaṃ vai saṃvatsaraḥ sarvaṃ vā akṣayyametena hāsyākṣayyaṃ sukṛtam bhavatyakṣayyo lokaḥ
Durch die Prayāja-Opfer erobert der Siegende das Jahr (saṃvatsara). Es erobert es aber nur, wer dessen Türen kennt. Denn was sollte er mit Häusern anfangen, deren Innenräume er nicht zu durchschreiten wüsste? Damit sie ihm zugänglich werden: Der Frühling ist ihm die Tür, der Winter ist die Tür. So gelangt er in eben dieses Jahr, die Himmelswelt; denn das Jahr ist das All, und das All ist unvergänglich – dadurch wird ihm auch sein frommes Werk unvergänglich, und er erlangt die unvergängliche Welt.
tadāhuḥ | kiṃdevatyānyājyānīti prājāpatyānīti ha brūyādanirukto vai prajāpatiraniruktānyājyāni tāni haitāni yajamānadevatyānyeva yajamāno hyeva sve yajñe prajāpatiretena hyuktā ṛtvijastanvate taṃ janayanti
Dazu sagt man: „Welchen Gottheiten gehören die Ājya-Opfer?“ Man soll sagen: „Sie gehören Prajāpati.“ Undefiniert (anirukta) ist nämlich Prajāpati, undefiniert sind die Ājya-Opfer; sie gehören eben dem Opferherrn als Gottheit zu, denn der Opferherr selbst ist in seinem eigenen Opfer Prajāpati; von ihm angewiesen, führen die Opferpriester die Handlungen aus und erzeugen ihn dadurch.
sa ājyasyopastīrya | dvirhaviṣo 'vadāyāthopariṣṭādājyasyābhighārayati saiṣājyena miśrāhutirhūyate yajamānena haivaiṣaitanmiśrā hūyate yadi ha vā api dūre sanyajate yadyantike yathā haivānte sata iṣṭaṃ syādevaṃ haivaivaṃ viduṣa iṣṭam bhavati yadyu hāpi bahviva pāpaṃ karoti no haiva bahirdhā yajñādbhavati ya evametadveda
Nachdem er eine Schicht Ājya ausgebreitet hat, schneidet er zweimal von der Opfergabe ab und begießt sie danach obenauf mit Ājya: Das ist eine mit Ājya vermischte Opferspende (āhuti). Durch den Opferherrn wird sie eben so vermischt dargebracht: Mag er auch fernab vom Opferplatz sein Opfer vollziehen, so ist es doch, als wäre er in der Nähe; wie für den, der in der Nähe ist, geopfert wird, so wird es eben für den, der dies weiß, geopfert. Und selbst wenn er noch so viel Sünde begeht, gerät er dadurch doch nicht außerhalb des Opfers – so für den, der dies so weiß.
yajñena vai devāḥ | imāṃ jitiṃ jigyuryaiṣāmiyaṃ jitiste hocuḥ kathaṃ na idam manuṣyairanabhyārohyaṃ syāditi te yajñasya rasaṃ dhītvā yathā madhu madhukṛto nirdhayeyurviduhya yajñaṃ yūpena yopayitvā tiro 'bhavannatha yadenenāyopayaṃstasmaddyūpo nāma tadvā ṛṣīṇāmanuśrutamāsa
Durch das Opfer errangen die Götter jenen Sieg, der ihr Sieg ist. Sie aber sprachen: „Wie könnte dies den Menschen unzugänglich bleiben?“ Da saugten sie den Saft des Opfers aus, wie Bienen (madhukṛt) den Honig aussaugen, molken das Opfer gleichsam leer, ließen es mittels des Opferpfahls (yūpa) verschwinden und wurden selbst unsichtbar. [Anm.: Die Ableitung von yūpa aus √yup „verbergen“ ist volksetymologisch; ob die Götter selbst oder das Opfer unsichtbar wurden, bleibt in der Satzkonstruktion leicht uneindeutig.] Weil sie es mittels dieses Pfahls versteckten (āyopayan), heißt er deshalb dem Namen nach „Yūpa“. Das war eben eine Überlieferung der Ṛṣis.
yajñena ha vai devāḥ | imāṃ jitiṃ jigyuryaiṣāmiyaṃ jitiste hocuḥ kathaṃ na idam manuṣyairanabhyārohyaṃ syāditi te yajñasya rasaṃ dhītvā yathā madhu madhukṛto nirdhayeyurviduhya yajñaṃ yūpena yopayitvā tiro 'bhavanniti tamanveṣṭuṃ dadhrire
Durch das Opfer errangen die Götter jenen Sieg, der ihr Sieg ist. Sie aber sprachen: „Wie könnte dies den Menschen unzugänglich bleiben?“ Da saugten sie den Saft des Opfers aus, wie Bienen den Honig aussaugen, molken das Opfer gleichsam leer, ließen es mittels des Opferpfahls verschwinden und wurden selbst unsichtbar. – Da nahmen sie sich vor, es zu suchen.
tercantaḥ śrāmyantaśceruḥ | śrameṇa ha sma vai taddevā jayanti yadeṣāṃ jayyamāsarṣayaśca tebhyo devā vaiva prarocayāṃ cakruḥ svayaṃ vaiva dadhrire preta tadeṣyāmo yato devāḥ svargaṃ lokaṃ samāśnuvateti te kim prarocate kim prarocata iti ceruretpuroḍāśameva kūrmam bhūtvā sarpantaṃ teha sarva eva menire yaṃ vai yajña iti
Sie zogen umher, Verse rezitierend und sich abmühend – durch Anstrengung (śrama) nämlich erobern die Götter, was für sie zu erobern ist –, und mit ihnen die Ṛṣis. Ihnen ließen die Götter es erglänzen; sie selbst aber nahmen sich vor: „Lasst uns fortgehen; wir wollen dorthin gelangen, von wo die Götter die Himmelswelt erlangten.“ Sie zogen umher und riefen: „Was erglänzt da? Was erglänzt da?“ Da fanden sie den Opferkuchen (puroḍāśa), der, zur Schildkröte (kūrma) geworden, dahinkroch. Sie alle meinten: „Das ist ja der, welcher das Opfer ist.“
Sie sprachen: „Bleib stehen für die beiden Aśvin! Bleib stehen für Sarasvatī! Bleib stehen für Indra!“ Er kroch aber weiter. „Bleib stehen für Agni!“ – da blieb er stehen. „Für Agni also ist er stehengeblieben“, sagten sie. Sie ergriffen ihn im Agni-Feuer und opferten ihn als Ganzopfer (sarvahuta) – die Opferspende gehört nämlich den Göttern. Von da an erglänzte ihnen das Opfer; sie erschufen es, sie führten es fort. So wird dieses Opfer von einem Höheren an einen Niederen weitergegeben, wie ein Vater es seinem Sohn, dem Brahmacārin, weitergibt.
sa vā ebhyastatpuro 'dāśayat | ya ebhyo yajñam prārocayattasmātpurodāśaḥ purodāśo ha vai nāmaitadyatpuroḍāśa iti sa eṣa ubhayatrācyuta āgneyo 'ṣṭākapālaḥ puroḍāśo bhavati
Er, der ihnen das Opfer erglänzen ließ, gab es ihnen vorn dar (puro 'dāśayat) – daher der Name „Puroḍāśa“, denn „Puroḍāśa“ heißt eben so viel wie „vorn dargebracht“. Dieser an beiden Stellen unverrückte (acyuta) Kuchen ist der dem Agni gehörige, aus acht Scherben bestehende Puroḍāśa.
sa na paurṇamāsaṃ haviḥ | nāmāvāsyamagnīṣomīya eva paurṇamāsaṃ haviḥ sāṃnāyyamāmāvāsyaṃ yajña evaiṣa ubhayatrāvakḷpto nedyajñādayānīti nveva purastātpaurṇamāsasya kriyata evamvāmāvāsyasyaitannu tadyasmādatra kriyate
Dieser Kuchen heißt weder „Vollmonds-Havis“ noch „Neumonds-Havis“, sondern eben der „Agnīṣomīya“; das Vollmonds-Havis ist das Sāṃnāyya, das Neumonds-Havis ist eben das Opfer selbst. Der Agnīṣomīya-Kuchen ist an beiden Anlässen verankert: „Damit ich nicht vom Opfer abkomme“ [Anm.: Die genaue logische Verknüpfung dieser Begründung mit dem Vollzugsort des Agnīṣomīya-Opfers bleibt knapp und lässt sich nicht mit letzter Sicherheit auflösen] – deshalb wird er sowohl vor dem Vollmonds- als auch vor dem Neumondsopfer vollzogen; das eben ist der Grund, weshalb er hierbei vollzogen wird.
yadyu enamupadhāvet | iṣṭyā mā yājayetyetayaiva yājayedyatkāmā vā etamṛṣayo 'juhavuḥ sa ebhyaḥ kāmaḥ samardhyata yatkāmo ha vā etena yajñena yajate so 'smai kāmaḥ samṛdhyate yasyai vai kasyai ca devatāyai havirgṛhyate 'gnau vai tasyai yuhvatyagnā u ceddhoṣyantsyātkimanyasyai devatāyā ādiśettasmādagnaya eva
Nimmt nun jemand zu diesem Opfer seine Zuflucht mit den Worten: „Man opfere für mich mit dieser Iṣṭi!“, so soll man ihn eben mit dieser opfern lassen. Mit welchem Wunsch die Ṛṣis dieses Opfer darbrachten, dieser Wunsch ging ihnen in Erfüllung; mit welchem Wunsch nun jemand mit diesem Opfer opfert, dieser Wunsch geht ihm in Erfüllung. Welcher Gottheit auch immer die Opfergabe entnommen wird – im Agni-Feuer opfert man doch für sie; und will man ohnehin im Agni-Feuer opfern [Anm.: Die Wortfolge „agnā u ceddhoṣyantsyāt“ ist syntaktisch schwierig und wurde als „agnau ced hoṣyan syāt“ aufgelöst; die Lesart bleibt unsicher], warum sollte man dann eine andere Gottheit namentlich bezeichnen? Deshalb opfert man eben dem Agni allein benannt.
agnirvai sarvā devatāḥ | agnau hi sarvābhyo devatābhyo juhvati tadyathā sarvā devatā upadhāvedevaṃ tattasmādagnaya eva
Agni ist wahrlich alle Gottheiten; denn im Agni-Feuer opfert man für alle Gottheiten. Das ist ebenso, als riefe man alle Gottheiten an – deshalb eben dem Agni allein.
agnirvai devānāmaddhātamām | yam vā addhātamām manyeta tamupadhāvettasmādagnaya eva
Agni ist wahrlich der Wahrhaftigste (addhātama) der Götter. Wen man für den Wahrhaftigsten hält, zu dem soll man seine Zuflucht nehmen – deshalb eben zu Agni.
agnirvai devānāṃ mṛduhṛdayatamaḥ | yaṃ vai mṛduhṛdayatamam manyeta tamupadhāvettasmādagnaya eva
Agni ist wahrlich der Weichherzigste, der Gütigste der Götter. Wen man für den Weichherzigsten hält, zu dem soll man seine Zuflucht nehmen – deshalb eben zu Agni.
agnirvai devānāṃ nediṣṭham | yaṃ vai nediṣṭhamupasartavyānām manyeta tamupadhāvettasmādagnaya eva
Agni ist wahrlich der Nächste der Götter. Wen man unter denen, die man aufsuchen soll, für den Nächsten hält, zu dem soll man seine Zuflucht nehmen – deshalb eben zu Agni.
Will er eine Iṣṭi (Opferhandlung) vollziehen, so soll er siebzehn Sāmidhenī-Verse hersagen; leise (upāṃśu) opfert er der Gottheit – das ist nämlich die Form der Iṣṭi. Die Yājyā- und Anuvākyā-Verse sollen „mit Kopf versehen“ (mūrdhanvatī) sein; die beiden Ājya-Anteile sollen die „vṛtratötenden“ (vārtraghna) sein, die Saṃyājyā-Verse im Virāj-Versmaß. [Anm.: Die technischen Bezeichnungen mūrdhanvatī, vārtraghna und virāj benennen bestimmte liturgische Verse bzw. Versmaße, deren genaue Identität sich aus dem Kontext allein nicht sicher erschließen lässt.]
sa yatsomapānamāsa | tataḥ kapiñjalaḥ samabhavattasmātsababhruka iva babhruriva hi somo rājā
Was von ihm zum Somatrinken bestimmt war, daraus entstand der Kapiñjala (Frankolinhuhn); deshalb ist er gleichsam bräunlich, denn der Soma, der König, ist bräunlich.
Was von ihm zum Surātrinken bestimmt war, daraus entstand der Kalaviṅka (Sperling); deshalb redet er wie ein Berauschter, denn wie berauscht redet, wer Surā getrunken hat.
atha yadanyasmā aśanāyāsa | tatastittiriḥ samabhavattasmātsa viśvarūpatama iva santyeva ghṛtastokā iva tvanmadhustokā iva tvatparṇeṣvāścutitā evaṃ rūpaṃ hi sa tenāśanamāvayat
Was aber für den dritten Mund, zum Essen, bestimmt war, daraus entstand der Tittiri (Rebhuhn); deshalb ist er gleichsam der allgestaltigste, buntgefiedertste: „Wie Ghee-Tröpfchen bist du, wie Honig-Tröpfchen bist du, auf die Federn herabgeträufelt“ – mit solcher Gestalt umkleidete er (Indra) ihn durch diesen Mund des Essens.
sa tvaṣṭā cukrodha | kuvinme putramavadhīditi so 'pendrameva somamājahre sa yathāyaṃ somaḥ prasuta evamapendra evāsa
Da wurde Tvaṣṭṛ zornig: „Hat er mir doch meinen Sohn erschlagen!“ Da entzog er dem Indra den Soma; wie dieser Soma sonst ausgepresst wird, so war er nun ohne Indra dargebracht.
indro ha vā īkṣāṃ cakre | idaṃ vai mā somādantaryantīti sa yathā balīyānabalīyasa evamanupahūta eva yo droṇakalaśe śukra āsa tam bhakṣayāṃ cakāra sa hainaṃ jihiṃsa so 'sya viṣvaṅṅeva prāṇebhyo dudrāva mukhāddhaivāsya na dudrāvātha sarvebhyo 'nyebhyaḥ prāṇebhyo 'dravattadadaḥ sautrāmaṇītīṣṭistasyāṃ tadvyākhyāyate yathainaṃ devā abhiṣajyan
Indra aber überlegte: „Sie halten mich damit vom Soma fern.“ Da handelte er, wie ein Stärkerer gegenüber einem Schwächeren, uneingeladen: Den Soma, der im Droṇakalaśa hell und klar war, den genoss er. Doch dieser Soma schädigte ihn; er entwich ihm nach allen Seiten aus den Lebenshauchen – aus dem Mund freilich entwich er ihm nicht, aus allen anderen Lebenshauchen aber entwich er. Das ist der Ursprung jener Iṣṭi namens „Sautrāmaṇī“; in ihr wird erklärt, wie die Götter ihn heilten.
sa tvaṣṭā cukrodha kuvinme 'nupahūtaḥ somamababhakṣaditi sasvayameva yajñaveśasa cakre sa yo droṇakalaśe śukraḥ pariśiṣṭa āsa ta pravartayāṃ cakārendraśatrurvardhasveti so'gnimeva prāpya sambabhūvāntaraiva sambabhūvetyu haika āhuḥ so 'gnīṣomāvevābhisambabhūva sarvā vidyāḥ sarvaṃ yaśaḥ sarvamannādyaṃ sarvāṃ śrīṃ
Da wurde Tvaṣṭṛ zornig: „Hat er doch, uneingeladen, meinen Soma getrunken!“ Da veranstaltete er selbst ein Opferfest. Den Soma, der im Droṇakalaśa als heller Rest übriggeblieben war, ließ er hervortreten mit den Worten: „Wachse heran, Indra-Feind!“ Da entstand er, indem er Agni erreichte, zugleich mit diesem – „inmitten entstand er“, sagen manche; er entstand also, sich mit Agni und Soma vereinigend, mit allem Wissen, allem Ruhm, aller Speise, aller Herrlichkeit.
sa yadvartamānaḥ samabhavat | tasmādvṛtro 'tha yadapātsamabhavattasmādahistaṃ danuśca danāyūśca māteva ca piteva ca parijagṛhatustasmāddānava ityāhuḥ
Weil er, im Entstehen begriffen (vartamāna), zustande kam, heißt er deshalb „Vṛtra“; weil er aber fußlos (apād) zustande kam [Anm.: Volksetymologisches Wortspiel – apāt samabhavat „er wurde fußlos“ erklärt den Namen ahi „Schlange“, wörtlich „der Fußlose“ (a-pad)], heißt er deshalb „Ahi“ (Schlange, wörtlich „der Fußlose“). Ihn umfingen Danu und Danāyu wie eine Mutter und wie ein Vater – deshalb nennt man ihn „Dānava“.
atha yadabravīdindraśatrurvardhasveti | tasmādu hainamindra eva jaghānātha yaddha śaśvadavakṣyadindrasya śatrurvardhasveti śaśvadu ha sa evendramahaniṣyat
Weil er (Tvaṣṭṛ) aber sagte: „Wachse heran, indraśatru!“ [Anm.: Hier liegt die berühmte grammatische Doppeldeutigkeit des Kompositums indraśatru vor: als Bahuvrīhi „der, dessen Feind Indra ist“ besiegelt es Vṛtras Untergang, als aufgelöste Genitivverbindung „indrasya śatru“, „Feind des Indra“, hätte es umgekehrt Indras Untergang bedeutet – ein bereits in der altindischen Grammatik (Pāṇini, Kātyāyana) diskutiertes Beispiel für die bedeutungsunterscheidende Kraft von Akzent und Komposition], deshalb erschlug ihn eben Indra. Hätte er aber stattdessen beständig gesagt: „Wachse heran, Feind des Indra!“, so hätte dieser beständig eben den Indra erschlagen.
atha yadabravīdvardhasveti | tasmādu ha smeṣumātrameva tiryaṅvardhata iśumātram prāṅkṣo vaivāvaraṃ samudraṃ dadhāvava pūrvaṃ sa yāvatsa āsa sahaiva tāvadannāda āsa
Weil er aber sagte: „Wachse heran!“, wuchs er nur um eine Pfeillänge seitwärts, um eine Pfeillänge vorwärts [Anm.: Text/Wortform unsicher – die Zeichenfolge „prāṅkṣo“ ist vermutlich verderbt oder fehlerhaft überliefert; Sinn und Wortgrenzen dieses Satzteils bleiben ungeklärt]; er eilte hinab zum diesseitigen Meer und hinauf zum jenseitigen; und solange er bestand, war er zugleich ein Fresser der Speise.
sa vā indrastathaiva nuttaścaran | agnīṣomā upamantrayāṃ cakre 'gnīṣomau yuvaṃ vai mama stho yuvayorahamasmi na yuvayoreṣa kiṃ cana kam ma imaṃ dasyuṃ vardhayatha upa māvartethāmiti
Indra, so fortgetrieben und umherirrend, redete Agni und Soma an: „Agni und Soma! Ihr gehört mir doch, und ich gehöre euch; dieser (Vṛtra) hat nichts mit euch zu tun – warum lasst ihr mir diesen Unhold wachsen? Wendet euch mir zu!“
Die beiden aber sprachen: „Was hätten wir davon?“ Da brachte er ihnen den aus elf Scherben bestehenden Agnīṣomīya-Opferkuchen dar; deshalb besteht der Agnīṣomīya-Opferkuchen aus elf Scherben.
tāvenamupāvavṛtatuḥ | tāvanu sarve devāḥ preyuḥ sarvā vidyāḥ sarvaṃ yaśaḥ sarvamannādyaṃ sarvā śrīsteneṣṭvendra etadabhavadyadidamindra eṣa u paurṇamāsasya bandhuḥ sa yo haivaṃ vidvānpaurṇamāsena yajata etāṃ haiva śriyaṃ gacatyevaṃ yaśo bhavatyevamannādo bhavati
Die beiden wandten sich ihm daraufhin zu; ihnen folgten alle Götter, alles Wissen, aller Ruhm, alle Speise, alle Herrlichkeit. Durch dieses Opfer wurde Indra all das, was Indra nun ist; und eben dies – der Kuchen aus elf Scherben – ist die Verwandtschaft mit dem Vollmondsopfer. Wer dies so weiß und mit dem Vollmondsopfer opfert, gelangt eben zu dieser Herrlichkeit, wird ebenso ruhmvoll, wird ebenso ein Speisenesser.
Erst dann ward Vṛtra tatsächlich geschlagen; wie ein ausgepresster Schlauch lag er zusammengesunken da, wie ein ausgeschütteter Mehlsack lag er zusammengesunken da. Auf ihn stürzte Indra los, um ihn zu erschlagen.
sa hovāca | mā nu me prahārṣīstvaṃ vai tadetarhyasi yadahaṃ vyeva mā kuru māmuyā bhūvamiti sa vai me 'nnamedhīti tatheti taṃ dvedhānvabhinattasya yatsaumyaṃ nyaktamāsa taṃ candramasaṃ cakārātha yadasyāsuryamāsa tenemāḥ prajā udareṇāvidhyattasmādāhurvṛtra eva tarhyannāda āsīdvṛtra etarhītīdaṃ hi yadasāvāpūryate 'smādevaitallokādāpyāyate 'tha yadimāḥ prajā aśanamicante 'smā evaitadvṛtrāyodarāya baliṃ haranti sa yo haivametaṃ vṛtramannādaṃ vedānādo haiva bhavati
Er sprach: „Schlag mich doch nicht! Du bist jetzt das, was ich war – teile mich lieber auf, lass mich so werden.“ „Du sollst mir zur Speise werden“, sagte Indra. „So sei es“, sprach Vṛtra. Da spaltete er ihn in zwei Teile: Was von ihm somaartig, hell war, daraus machte er den Mond; was aber asurisch an ihm war, damit durchbohrte er die Geschöpfe im Bauch. Deshalb sagt man: „Vṛtra war damals der Speisenfresser, Vṛtra ist es noch jetzt“ – denn wenn jener [der Mond] voll wird, so wird er eben aus dieser [irdischen] Welt wieder aufgefüllt; und weil die Geschöpfe nach Speise verlangen, bringen sie eben diesem Vṛtra, dem Bauch, Tribut dar. Wer diesen Vṛtra so als Speisenfresser kennt, wird selbst ein Speisenfresser.
tā u haitā devatā ūcuḥ | yā imā agnīṣomāvanvājagmuragnīṣomau yuvaṃ vai no bhūyiṣṭhabhājau stho yayorvāmidaṃ yuvayorasmānanvābhajatamiti
Jene Gottheiten aber, die Agni und Soma nachgefolgt waren, sprachen: „Agni und Soma, ihr seid die mit dem größten Anteil; von dem, was euch beiden zusteht, gebt auch uns einen Anteil!“
tau hocatuḥ | kimāvayostataḥ syāditi yasyai kasyai ca devatāyai havirnirvapāṃstadvām purastādājyasya yajāniti tasmādyasyai kasyai ca devatāyai havirnirvapanti tatpurastādājyabhāgāvagnīṣomābhyāṃ yajanti tanna saumye 'dhvare na paśau yasyai kasyai ca devatāyai nirvapāniti hyabruvan
Die beiden aber sprachen: „Was hätten wir davon?“ – „Welcher Gottheit auch immer man eine Opfergabe darbringt, dabei will ich für euch vor dem Ājya opfern.“ Deshalb opfert man, welcher Gottheit auch immer man eine Opfergabe darbringt, dabei vorher die beiden Ājya-Anteile dem Agni und Soma. Das gilt jedoch nicht beim Soma-Opfer und nicht beim Tieropfer; denn dort hatte man nicht gesagt: „Welcher Gottheit auch immer will ich Opfergabe darbringen.“
Da sprach Agni: „Man opfere für euch alle eben in mir; dann teile ich es euch in mir zu.“ Deshalb opfert man im Agni-Feuer für alle Götter; deshalb sagt man: „Agni ist alle Gottheiten.“
Da sprach Soma: „Man opfere für euch alle eben mir; dann teile ich es euch in mir zu.“ Deshalb opfert man den Soma für alle Götter; deshalb sagt man: „Soma ist alle Gottheiten.“
atha yadindre sarve devāstasthānāḥ | tasmādāhurindraḥ sarvā devatā indraśreṣṭhā devā ityetaddha vai devāstredhaikadevatyā abhavantsa yo haivametadvedaikadhā haiva svānāṃ śreṣṭho bhavati
Weil aber alle Götter in Indra Halt fanden, sagt man deshalb: „Indra ist alle Gottheiten“, „die Götter haben Indra als Besten (indraśreṣṭha)“. So wurden die Götter auf dreifache Weise eingottheitlich (ekadevatya). Wer dies so weiß, wird selbst auf einheitliche Weise der Vorzüglichste der Seinen.
Zweifach nur ist diese Welt, ein Drittes gibt es nicht: das Feuchte und das Trockene. Was trocken ist, gehört dem Agni; was feucht ist, gehört dem Soma. Wenn nun dieses Zweifache bereits erreicht ist, warum wird dann so vieles vollzogen? – Es gibt eben die beiden Ājya-Anteile für Agni und Soma, das Upāṃśu-Opfer für Agni und Soma, den Opferkuchen für Agni und Soma; wenn man doch schon durch eines von diesen all dies erreicht, warum wird dann so vieles vollzogen? – Von Agni und Soma eben ist die Fortpflanzung, die Fülle so groß.
sūrya evāgneyaḥ | candramāḥ saumyo 'harevāgneyaṃ rātriḥ saumyā ya evāpūryate 'rdhamāsaḥ sa āgneyo yo 'pakṣīyate sa saumyaḥ
Die Sonne gehört dem Agni, der Mond dem Soma; der Tag gehört dem Agni, die Nacht dem Soma; die zunehmende Monatshälfte gehört dem Agni, die abnehmende dem Soma.
Durch die beiden Ājya-Anteile erlangt man Sonne und Mond; durch das Upāṃśu-Opfer erlangt man Tag und Nacht; durch den Opferkuchen erlangt man die beiden Monatshälften – so sagen manche.
Dazu aber sagte Āsuri: „Durch die beiden Ājya-Anteile erlangt man dabei irgendein beliebiges Paar von diesen; durch das Upāṃśu-Opfer erlangt man dabei Tag und Nacht; durch den Opferkuchen erlangt man dabei die beiden Monatshälften – so dass gilt: Alles sei mir erreicht, alles errungen; mit allem will ich Vṛtra erschlagen, mit allem will ich den hassenden Rivalen erschlagen.“ Deshalb wird also so vieles vollzogen.
tadāhuḥ | kimidaṃ jāmi kriyate 'gnīṣomayorevājyasyāgnīṣomayoḥ puroḍāśasya yadanantarhitaṃ tena jāmītyanena ha tvevājāmyājyasyetaram puroḍāśasyetaraṃ tadanyadivetaramanyadivetaram bhavatyṛcamanūcya juṣāṇena yajatyṛcamanūcyarcā yajati tadanyadivetaramanyadivetaram bhavatyanena ha tvevājāmyupāṃśvājyasya yajatyuccaiḥ puroḍāśasya sa yadupāṃśu tatprājāpatyaṃ rūpaṃ tasmāttasyānuṣṭubhamanuvākyāmanvāha vāgghyanuṣṭubvāgghi prajāpatiḥ
Dazu sagt man: „Warum wird hier Gleichartiges (jāmi) vollzogen?“ Für Agni und Soma gilt dasselbe beim Ājya, dasselbe beim Opferkuchen, insofern es beide Male ununterbrochen ist – dadurch entsteht Gleichartigkeit. Eben dadurch aber entsteht auch Nicht-Gleichartigkeit (ajāmi): Beim Ājya ist es ein Anderes, beim Opferkuchen ein Anderes – dadurch wird das eine anders als das andere; mit dem Vers „juṣāṇena“ opfert er nach der Anuvākyā, ein andermal rezitiert er einen Vers und opfert mit einem weiteren – dadurch wird wiederum das eine anders als das andere. Eben dadurch also entsteht Nicht-Gleichartigkeit: Leise (upāṃśu) opfert er beim Ājya, laut beim Opferkuchen. Dass das Opfer beim Ājya leise geschieht, ist die Prajāpati eigene Gestalt; deshalb spricht er dazu die Anuvākyā im Anuṣṭubh-Versmaß – die Rede ist nämlich das Anuṣṭubh, die Rede ist nämlich Prajāpati.
Mit eben diesem Upāṃśu-Opfer erschlugen die Götter jeden Asura, den sie zu erschlagen begehrten, indem sie sich ihm heimlich näherten und ihn mit der Vajra-Keule beim Vaṣaṭ-Ruf erschlugen. Ebenso erschlägt nun auch der Opferer mit eben diesem Upāṃśu-Opfer den bösen, hassenden Rivalen, indem er sich ihm heimlich naht und ihn mit der Vajra-Keule beim Vaṣaṭ-Ruf erschlägt. Deshalb opfert er das Upāṃśu-Opfer.
sa vā ṛcamanūcya juṣāṇena yajati tadanvimā anyataratodantāḥ prajāḥ prajāyante 'sthi hyṛgasthi hi danto 'nyatarato hyetadasthi karoti
Rezitiert er nun einen Vers und opfert mit „juṣāṇena“, so werden dementsprechend die Geschöpfe mit Zähnen nur auf einer Seite geboren; denn der Vers ist Knochen, der Zahn ist Knochen – auf einer Seite nämlich bewirkt dies den Knochen.
atharcamanūcyarcā yajati | tadanvimā ubhayatodantāḥ prajāḥ prajāyante 'sthi hyṛgasthi hi danta ubhayato hyetadasthi karotyetā vā imā dvayyaḥ prajā anyataratodantāścaivobhayatodantāśca sa yo haivaṃ vidvānagnīṣomayoḥ prajātiṃ yajati bahurhaiva prajayā paśubhirbhavati
Rezitiert er aber einen Vers und opfert mit einem weiteren Vers, so werden dementsprechend die Geschöpfe mit Zähnen auf beiden Seiten geboren; denn der Vers ist Knochen, der Zahn ist Knochen – auf beiden Seiten nämlich bewirkt dies den Knochen. Zweifach also sind diese Geschöpfe: solche mit Zähnen auf nur einer Seite und solche mit Zähnen auf beiden Seiten. Wer dies so weiß und die Fortpflanzung von Agni und Soma opfert, wird reich an Nachkommenschaft und Vieh.
sa vai paurṇamāsenopavatsyan | na satrā suhita iva syāttenedamudaramasuryaṃ vlinātyāhutibhiḥ prātardaivameṣa u paurṇamāsasyopacāraḥ
Wollte er nun am Vollmondstag die Vorabend-Enthaltung einhalten, so wäre dies nicht durchweg wohlgeordnet; deshalb erweicht er diesen asurischen Bauch (Vṛtra, den Mond) frühmorgens durch Opferspenden. Das eben ist die rechte Behandlung des Vollmondsopfers.
sa vai saṃpratyevopavaset | saṃprati vṛtraṃ hanāni saṃprati dviṣantam bhrātṛvyaṃ hanānīti
Vielmehr soll er die Enthaltung zeitgleich mit dem Vollmond einhalten, mit dem Gedanken: „Zeitgleich will ich Vṛtra erschlagen, zeitgleich will ich den hassenden Rivalen erschlagen.“
sa vā uttarāmevopavaset | samiva vā eṣa kramate yaḥ saṃpratyupavasatyanaddhā vai saṃkrāntayoryadītaro vetaramabhibhavatītaro vetaramatha ya uttarāmupavasati yathā parāñcamāvṛttaṃ saṃpiṃṣyādapratyālabhamānaṃ so 'nyatoghātyeva syādevaṃ tadya uttarāmupavasati
Oder er soll den auf den Vollmond folgenden Tag zur Enthaltung wählen. Denn wer zeitgleich mit dem Vollmond die Enthaltung einhält, der schreitet gewissermaßen im Gleichschritt mit dem Gegner; es ist ja nicht entschieden, wer bei einem Zusammentreffen den anderen überwältigt. Wer aber den folgenden Tag wählt – das ist, wie wenn man einen sich Abwendenden zermalmte, ohne von ihm berührt zu werden: der wäre gleichsam ein einseitig Schlagender. Ebenso verhält es sich mit dem, der den folgenden Tag zur Enthaltung wählt.
sa vai saṃpratyevopavaset | yathā vā anyasya hataṃ saṃpiṃṣyādevaṃ tadya uttarāmupavasati so 'nyasyaiva kṛtānukaro 'nyasyopāvasāyī bhavati tasmādu saṃpratyevopavaset
Er soll aber doch vielmehr zeitgleich die Enthaltung einhalten. Denn wie wenn man das schon von einem anderen Erschlagene noch nachträglich zermalmte – ebenso verhält es sich mit dem, der den folgenden Tag zur Enthaltung wählt: Der wird nur zum Nachahmer der Tat eines anderen, wird nur Nachfaster eines anderen. Deshalb soll er vielmehr zeitgleich die Enthaltung einhalten.
prajāpaterha vai prajāḥ sasṛjānasya | parvāṇi visasraṃsuḥ sa vai saṃvatsara eva prajāpatistasyaitāni parvāṇyahorātrayoḥ saṃdhī paurṇamāsī cāmāvāsyā cartumukhāni
Als Prajāpati die Geschöpfe erschaffen hatte, lockerten sich seine Gelenke. Prajāpati aber ist eben das Jahr; seine Gelenke sind dies: die Verbindungsstellen von Tag und Nacht, Vollmond und Neumond sowie die Jahreszeiten-Anfänge.
sa visrastaiḥ parvabhiḥ | na śaśāka saṃhātuṃ tametairhaviryajñairdevā abhiṣajyannagnihotreṇaivāhorātrayoḥ saṃdhī tatparvābhiṣajyaṃstatsamadadhuḥ paurṇamāsena caivāmāvāsyena ca paurṇamāsīṃ cāmāvāsyāṃ ca tatparvābhiṣajyaṃstatsamadadhuścāturmāsyairevartumukhāni tatparvābhiṣajyaṃstatsamadadhuḥ
Mit gelockerten Gelenken vermochte er sich nicht mehr zusammenzuhalten. Da heilten ihn die Götter durch diese Havis-Opfer: Durch das Agnihotra heilten sie das Gelenk der Verbindungsstellen von Tag und Nacht und fügten es zusammen; durch das Vollmonds- und das Neumondsopfer heilten sie das Gelenk von Vollmond und Neumond und fügten es zusammen; durch die Cāturmāsya-Opfer heilten sie das Gelenk der Jahreszeiten-Anfänge und fügten es zusammen.
sa saṃhitaiḥ parvābhiḥ | idamannādyamabhyuttasthau yadidam prajāpaterannādyaṃ sa yo haivaṃ vidvāntsaṃpratyupavasati saṃprati haiva prajāpateḥ parva bhiṣajyatyavati hainaṃ prajāpatiḥ sa evamevānnādo bhavati ya evaṃ vidvāntsaṃpratyupavasati tasmādu saṃpratyevopavaset
Mit zusammengefügten Gelenken erhob er sich zu dieser Speise, die dieses Weltall ist, nämlich Prajāpatis Speise. Wer dies so weiß und zeitgleich die Enthaltung einhält, heilt eben zeitgleich das Gelenk des Prajāpati; ihn beschützt Prajāpati. Ebenso wird selbst zu einem Speisenesser, wer dies so weiß und zeitgleich die Enthaltung einhält. Deshalb soll man eben zeitgleich die Enthaltung einhalten.
Die beiden Ājya-Anteile sind nämlich die beiden Augen des Opfers. Deshalb opfert er sie zuerst; denn vorn liegen ja diese beiden, die Augen; damit setzt er eben diese beiden Augen an den Anfang. Deshalb sind sie am Anfang die Augen.
uttarārdhapūrvārdhe haike | āgneyamājyabhāgaṃ juhvati dakṣiṇārdhapūrvārdhe saumyamājyabhāgametatpurastāccakṣuṣī dadhma iti vadantastadu tadāvijñānyamiva havīṃṣi ha vā ātmā yajñasya sa yadeva purastāddhaviṣāṃ juhoti tatpurastāccakṣuṣī dadhāti yatro eva samiddhatam manyeta tadāhutīrjuhuyātsamiddhahomena hyeva samṛddhā āhutayaḥ
Manche opfern den dem Agni gehörigen Ājya-Anteil in der vorderen Hälfte der linken Körperhälfte, den dem Soma gehörigen in der vorderen Hälfte der rechten Körperhälfte, mit den Worten: „Wir setzen dies damit an den Anfang als die beiden Augen.“ Das aber ist eher schwer nachzuvollziehen. Die Opfergaben sind nämlich der Leib des Opfers selbst; was er zuerst von den Opfergaben darbringt, damit setzt er die beiden Augen an den Anfang. Wo man das Feuer für am besten entzündet hält, dort soll man die Opferspenden darbringen; denn durch die Opferung bei bestem Feuerbrand sind die Opferspenden erfolgreich.
Rezitiert er einen Vers und opfert mit „juṣāṇena“, so sind diese beiden Augen, obwohl knochenlos, deshalb gleichsam „mit Knochen versehen“ und eng verbunden. Würde er aber, einen Vers rezitierend, mit einem weiteren Vers opfern, so würde er nur Knochen bewirken, nicht Auge.
te vā ete | agnīṣomayoreva rūpamanvāyatte yacuklaṃ tadāgneyaṃ yatkṛṣṇaṃ tatsaumyaṃ yadi vetarathā yadeva kṛṣṇaṃ tadāgneyaṃ yacuklaṃ tatsaumyaṃ yadeva vīkṣate tadāgneyaṃ rūpaṃ śuṣke iva hi vīkṣamāṇasyākṣiṇī bhavataḥ śuṣkamiva hyāgneyaṃyadeva svapiti tatsaumyaṃ rūpamārdre iva hi suṣupuṣo 'kṣiṇī bhavata ārdra iva hi soma ājarasaṃ ha vā asmiṃ loke cakṣuṣmānbhavati sacakṣuramuṣmiṃloke sambhavati ya evametau cakṣuṣī ājyabhāgau veda
Diese beiden Augen hängen von der Gestalt Agnis und Somas ab: Was weiß ist, gehört dem Agni, was schwarz ist, dem Soma – oder auch umgekehrt: was schwarz ist, gehört dem Agni, was weiß ist, dem Soma. Was im Auge blickt, ist die dem Agni zugehörige Gestalt; denn trocken gleichsam sind die Augen dessen, der blickt – trocken gleichsam ist ja das dem Agni Zugehörige. Was aber schläft, ist die dem Soma zugehörige Gestalt; denn feucht gleichsam sind die Augen dessen, der fest schläft – feucht gleichsam ist ja der Soma. Bis ins hohe Alter bleibt man in dieser Welt sehend, und mit unversehrtem Auge gelangt man in jene Welt – so für den, der diese beiden Augen als die Ājya-Anteile kennt.
indro ha yatra vṛtrāya vajram prajahāra | so 'balīyānmanyamāno nāstṛṣītīva bibhyannilayāṃ cakre sa parāḥ parāvato jagāma devā ha vai vidāṃ cakrurhato vai vṛtro 'thendro nyaleṣṭeti
Als Indra dem Vṛtra die Keule (vajra) entgegenschleuderte, verbarg er sich, weil er sich für zu schwach hielt, wie von Furcht ergriffen, mit dem Gedanken „nāstṛṣīt“ [Anm.: Text/Wortform unsicher – die Form nāstṛṣīt lässt sich morphologisch nicht sicher auflösen, vermutlich verkürzt oder verderbt aus einer negierten Form von √stṛ „niederstrecken“; hier sinngemäß als „Ich habe ihn wohl nicht niedergestreckt“ übersetzt]. Er ging in die fernsten Fernen. Die Götter aber erkannten: „Vṛtra ist ja erschlagen, doch Indra hat sich verkrochen.“
tamanveṣṭuṃ dadhrire | agnirdevatānāṃ hiraṇyastūpa ṛṣīṇām bṛhatī candasāṃ tamagniranuviveda tenaitāṃ rātriṃ sahājagāma sa vai devānāṃ vasurvīro hyeṣām
Sie nahmen sich vor, ihn zu suchen: Agni unter den Göttern, Hiraṇyastūpa unter den Ṛṣis, die Bṛhatī unter den Versmaßen. Agni fand ihn auf; noch in derselben Nacht kam er mit ihm an. Er ist nämlich der Schatz der Götter, denn er ist ihr Held.
te devā abruvan | amā vai no 'dya vasurvasati yo naḥ prāvātsīditi tābhyāmetadyathā jñātibhyāṃ vā sakhibhyāṃ vā sahāgatābhyāṃ samānamodanam pacedajaṃ vā tadaha mānuṣaṃ havirdevānāmevamābhyāmetatsamānaṃ havirniravapannaindrāgnaṃ dvādaśakapālam puroḍāśaṃ tasmādaindrāgno dvādaśakapālaṃ puroḍāśo bhavati
Die Götter sprachen: „Heute weilt bei uns zu Hause unser Schatz, der uns beigestanden hat.“ Ihnen beiden brachten sie dies dar, wie man für Verwandte oder Freunde, die zusammen angekommen sind, gemeinsam Brei kocht oder eine Ziege schlachtet – das ist freilich menschliche, nicht göttliche Opfergabe; ebenso brachten sie diesen beiden diese gemeinsame Opfergabe dar, den dem Indra und Agni gehörigen zwölf-Scherben-Opferkuchen. Deshalb besteht der dem Indra und Agni gehörige Opferkuchen aus zwölf Scherben.
sa indro 'bravīt | yatra vai vṛtrāya vajram prāharaṃ tadvyasmaye sa kṛśa ivāsmi na vai medaṃ dhinoti yanmā dhinavattanme kuruteti tatheti devā abruvan
Da sprach Indra: „Als ich dem Vṛtra die Keule entgegenschleuderte, geriet ich außer mir; ich bin gleichsam abgemagert; mich stärkt nun nicht mehr, was mich sonst stärken sollte – schafft mir Abhilfe!“ „So sei es“, sprachen die Götter.
te devā abruvan | na vā imamanyatsomāddhinuyātsomamevāsmai sambharāmeti tasmai somaṃ samabharanneṣa vai somo rājā devānāmannaṃ yaccandramāḥ sa yatraiṣa etāṃ rātriṃ na purastānna paścāddadṛśe tadimaṃ lokamāgacati sa ihaivāpaścauṣadhīśca praviśati sa vai devānāṃ vasvannaṃ hyeṣāṃ tadyadeṣa etāṃ rātrimihāmā vasati tasmādamāvāsyā nāma
Die Götter sprachen: „Nichts anderes als Soma könnte ihn wohl stärken; wir wollen ihm Soma zusammentragen.“ Sie trugen ihm Soma zusammen. Dieser Soma, der König, ist nämlich die Speise der Götter, der Mond. Wenn er in dieser Nacht weder vorn noch hinten am Himmel gesehen wird, dann kommt er in diese Welt; er geht dann hier in die Wasser und die Pflanzen ein. Er ist nämlich der Schatz der Götter, denn er ist ihre Speise. Dass er nun in dieser Nacht hier zu Hause weilt, heißt diese Nacht deshalb „Amāvāsyā“.
Sie ließen ihn mittels der Kühe darin Fuß fassen und trugen ihn zusammen: Was diese an Pflanzen fraßen, sammelten sie von den Pflanzen her; was sie an Wasser tranken, sammelten sie vom Wasser her. Nachdem sie ihn so zusammengetragen, ausgegossen und verstärkt hatten, reichten sie ihm dies dar.
so 'bravīt | dhinotyeva medaṃ neva tu mayi śrayate yathedam mayi śrayātai tathopajānīteti taṃ śṛtenaivāśrayan
Da sprach er (Indra): „Es stärkt mich zwar, aber es haftet nicht an mir; ersinnt etwas, damit dies an mir hafte!“ Da ließen sie es an ihm haften, indem sie es einkochten.
Dies ist nun eigentlich ein und dasselbe: Es ist eben Milch, es ist eben die Kraft des Indra selbst; man bezeichnet es aber doch verschieden – weil er sagte „es stärkt mich (dhinoti)“, heißt es deshalb „Dadhi“; und weil sie es beim Einkochen an ihm haften ließen, heißt es deshalb „Cūta“ [Anm.: Text/Wortform unsicher – die Form tasmācūtaṃ ergibt keine klare, bekannte Etymologie und könnte verderbt oder fehlerhaft überliefert sein, etwa für ein Wort wie śūtam oder chūtam].
sa yathāṃśurāpyāyet | evamāpyāyatāpa pāpmānaṃ harimāṇamahataiṣa u āmāvāsyasā bandhuḥ sa yo haivaṃ vidvāntsaṃnayatyevaṃ haiva prajayā paśubhirāpyāyate 'pa pāpmānaṃ hate tasmādvai saṃnayet
So wie sich der Soma-Trieb durch Aufgießen füllt, so füllte sich Indra und verscheuchte das Übel, die Blässe (harimāṇa). Dies eben ist die Verwandtschaft mit dem Neumondsopfer. Wer dies so weiß und den Soma zusammenbringt, füllt sich ebenso mit Nachkommenschaft und Vieh und verscheucht das Übel. Deshalb soll man den Soma zusammenbringen.
Dazu sagt man: „Wer nicht Soma-Opferer ist, soll den Soma nicht zusammenbringen; dies ist ja eine Soma-Opferspende, die dem Nicht-Soma-Opferer verwehrt ist; deshalb soll, wer nicht Soma-Opferer ist, den Soma nicht zusammenbringen.“
tadu sameva nayet | nanvatrāntareṇa śuśruma somena nu mā yājayatātha ma etadāpyāyanaṃ saṃbhariṣyathetyabravīditi na vai medaṃ dhinoti yanmā dhinavattanme kuruteti tasmā etadāpyāyanaṃ samabharaṃstasmādapyasomayājī sameva nayet
Man soll ihn aber doch zusammenbringen. „Haben wir nicht dazwischen gehört, wie er sagte: ‚Opfert mir doch mit Soma, dann werdet ihr mir diese Stärkung zusammentragen‘ – ‚es stärkt mich nicht, was mich stärken sollte; schafft mir Abhilfe!‘ – deshalb trugen sie ihm diese Stärkung zusammen“; deshalb soll auch, wer nicht Soma-Opferer ist, den Soma doch zusammenbringen.
Das Vollmondsopfer ist nämlich „vṛtratötend“; denn mit diesem erschlug Indra den Vṛtra. Das Neumondsopfer aber ist ebenso die Vṛtra-Tötung selbst; denn dem, der Vṛtra erschlagen hatte, verschafften sie damit die Stärkung.
tadvā etadeva vārtraghnam | yatpaurṇamāsamathaiṣa eva vṛtro yaccandramāḥ sa yatraiṣa etāṃ rātriṃ na purastānna paścāddadṛśe tadenametena sarvaṃ hanti nāsya kiṃ cana pariśinaṣṭi sarvaṃ ha vai pāpmānaṃ hanti na pāpmanaḥ kiṃ cana pariśinaṣṭi ya evametadveda
Dies eben ist das vṛtratötende, das Vollmondsopfer. Der Mond aber ist eben dieser Vṛtra; wenn er in dieser Nacht weder vorn noch hinten gesehen wird, erschlägt er ihn damit ganz und gar, lässt nichts von ihm übrig. Er erschlägt wahrlich das Übel ganz und gar, lässt nichts vom Übel übrig – so für den, der dies weiß.
taddhaike | dṛṣṭvopavasanti śvo nodetetyado haiva devānāmavikṣīṇamannam bhavatyathaibhyo vayamita upapradāsyāma iti taddhi samṛddhaṃ yadakṣīṇa eva pūrvasminnanne 'thāparamannamāgacati sa ha bahvanna eva bhavatyasomayājī tu kṣīrayājyado haiva somo rājā bhavati
Dabei fasten manche erst, nachdem sie den Mond gesehen haben, mit dem Gedanken: „Möge er morgen nicht aufgehen“; denn jenes ist ja die unaufgezehrte Speise der Götter – „dann werden wir ihnen von hier aus weitere zugeben“. Das ist nämlich vollkommen gelungen, wenn, während die frühere Speise noch nicht aufgezehrt ist, schon weitere Speise hinzukommt: Dann hat man wahrlich reichlich Speise. Dem Nicht-Soma-Opferer aber, der mit Milch opfert, ist eben dieser Mond der Ersatz für Soma, den König.
atha yathaiva purā | kevalīroṣadhīraśnanti kevalīrapaḥ pibanti tāḥ kevalameva payo duhra eva tadeṣa vai somo rājā devānāmannaṃ yaccandramāḥ sa yatraiṣa etāṃ rātriṃ na purastānna paścāddadṛśe tadimaṃ lokamāgacati sa ihāpaścauṣadhīśca praviśati tadenamadbhya oṣadhibhyaḥ saṃbhṛtyāhutibhyo 'dhi janayati sa eṣa āhutibhyo jātaḥ paścāddadṛśe
Wie schon früher: Sie (die Kühe) fressen bloß Pflanzen, trinken bloß Wasser; daraus geben sie eben bloß Milch. Dies eben ist jener Soma, der König, die Speise der Götter, der Mond. Wenn er in dieser Nacht weder vorn noch hinten gesehen wird, kommt er in diese Welt; er geht dann hier in die Wasser und die Pflanzen ein. Ihn erzeugt man daraufhin aus Wasser und Pflanzen, aus den zusammengetragenen Opferspenden. Er, dieser aus den Opferspenden Geborene, wird erst hinterher wieder gesehen.
tadvā etat | avikṣīṇameva devānāmannādyam pariplavate 'vikṣīṇaṃ ha vā asyāsmiṃloke 'nnam bhavatyakṣayyamamuṣmiṃloke sukṛtaṃ ya evametadveda
Dies eben ist es: Die unaufgezehrte Speise der Götter zirkuliert beständig. Unaufgezehrt bleibt ihm wahrlich seine Speise in dieser Welt, unvergänglich sein frommes Werk in jener Welt – so für den, der dies weiß.
tadvā etāṃ rātrim | devebhyo 'nnādyam pracyavate tadimaṃ lokamāgacati te devā akāmayanta kathaṃ nu na idam punarāgacetkathaṃ na idam parāgeva na praṇaśyediti tadya eva saṃnayanti teṣvāśaṃsanta eta eva naḥ saṃbhṛtya pradāsyantītyā ha vā asmintsvaśca niṣṭyāśca śaṃsante ya evametadveda yo vai paramatāṃ gacati tasminnāśaṃsante
In dieser Nacht weicht den Göttern die Speise; sie kommt dann in diese Welt. Die Götter wünschten: „Wie könnte diese Speise uns doch wieder zukommen, wie könnte sie doch nicht gänzlich verlorengehen?“ Da setzten sie ihre Hoffnung eben auf jene, die den Soma zusammenbringen: „Eben diese werden uns die Speise, zusammengetragen, wiedergeben.“ Auf ihn setzen also sowohl die Eigenen als auch die Fremden ihre Hoffnung – so für den, der dies weiß; wer nämlich zu höchstem Rang gelangt, auf den setzt man seine Hoffnung.
tadvā eṣa evendraḥ | ya eṣa tapatyathaiṣa eva vṛtro yaccandramāḥ mo 'syaiṣa bhrātṛvyajanmeva tasmādyadyapi purā vidūramivodito 'thainametāṃ rātrimupaiva nyāplavate so 'sya vyāttamāpadyate
Dies, das da glüht, die Sonne, ist eben jener Indra selbst; der Mond aber ist eben jener Vṛtra selbst. „Möge dieser nicht seine Rivalen-Brut sein!“ [Anm.: Die Wendung mo 'syaiṣa bhrātṛvyajanmeva ist knapp und nur sinngemäß zu erschließen; die genaue syntaktische Funktion der Wunschpartikel mo im Satzgefüge bleibt unsicher] – deshalb nähert sich die Sonne ihm, obwohl sie vordem gleichsam weit entfernt aufgegangen ist, in dieser Nacht doch ganz nah: Er, der Mond, gerät in ihren aufgesperrten Rachen.
taṃ grasitvodeti | sa na purastānna paścāddadṛśe grasate ha vai dviṣantam bhrātṛvyamayamevāsti nāsya sapatnāḥ santītyāhurya evametadveda
Nachdem sie ihn verschlungen hat, geht sie wieder auf; da wird er weder vorn noch hinten gesehen. Sie verschlingt wahrlich den hassenden Rivalen: „Nur er selbst ist da, seine Rivalen sind nicht mehr“, sagt man von dem, der dies so weiß.
taṃ nirdhīya nirasyati | sa eṣa dhītaḥ paścāddadṛśe sa punarāpyāyate sa etasyaivānnādyāya punarāpyāyate yadi ha vā asya dviṣanbhrātṛvyo vaṇijyayā vā kenacidvā sambhavatyetasya haivānnādyāya punaḥ sambhavati ya evametadveda
Nachdem sie ihn ausgesogen hat, wirft sie ihn wieder aus; er, so ausgesogen, wird hinterher wieder gesehen; er füllt sich dann wieder – er füllt sich wieder eben zur Speise für sie. Wenn nun sein hassender Rivale sich wieder erhebt, sei es durch Handel oder wodurch auch immer, so erhebt sich dies wieder eben zur Speise für den Opferer – so für den, der dies weiß.
Dabei verfahren manche mit der Formel „Für Mahendra“: Er war nämlich vor der Erschlagung des Vṛtra nur Indra; dann aber, nach der Erschlagung des Vṛtra, wurde er, wie ein Großkönig, der gesiegt hat, zum „Mahendra“ („Groß-Indra“) – deshalb die Formel „Für Mahendra“. Man sollte aber vielmehr „Für Indra“ sagen: Er war nämlich schon vor der Erschlagung des Vṛtra Indra; Indra hat den Vṛtra erschlagen – deshalb sollte man vielmehr „Für Indra“ sagen.