Quellen der Menschheit

Sātvata Saṃhitā

Paṭala 1: Prathamaḥ Paṭalaḥ Erster Paṭala – Nāradas Frage und der Beginn von Śivas kosmogonischer Lehrrede

Rahmenerzählung: Sūta berichtet, wie Nārada auf dem Kailāsa den Gott Śiva nach den Avatāras und Spielgestalten (līlā-tanu) Kṛṣṇas befragt. Śiva erklärt sich zur knappen, tantra-förmigen Darlegung bereit und beginnt mit einer Kosmogonie in Sāṃkhya-naher Begrifflichkeit (Brahman/Bhagavān → Prakṛti/Puruṣa/Mahat → die drei Ahaṃkāra-Arten → die Sinnes- und Handlungsorgan-Gottheiten → die fünf Elemente in ihrer klassischen Tanmātra-Abfolge), sehr ähnlich der Kosmogonie-Einleitung im bereits begonnenen Prapañcasāra-Tantra und in der Brahma-Purāṇa – ein für die synkretistische, sāṃkhya-gestützte Kosmologie der frühen Pāñcarātra-/Tantra-Literatur typisches Muster. Im weiteren Verlauf (V.30ff.) wird diese Tattva-Reihe auf den Puruṣa zurückgeführt, der als Virāj (mit der Nara/Nārāyaṇa- und Pura/Puruṣa-Etymologie) manifest wird; daraus entfaltet sich die dreigliedrige Avatāra-Hierarchie Viṣṇus (guṇa-Avatāras Brahmā/Viṣṇu/Rudra → deren Teil-Avatāras, u.a. die Ṛṣis, Manus und Götter → die reinen līlā-Gestalten Haris), bevor das Paṭala mit einer Verehrung Kṛṣṇas schließt.

śrīsūta uvāca / ya eko bahudhā kṛṣṇaḥ sṛṣṭyādau bahudheyate / tam ahaṃ śaraṇaṃ yāmi paramānandavigraham

Der erhabene Sūta sprach: „Zu ihm, der als der Eine – Kṛṣṇa – sich am Anfang der Schöpfung vielfach entfaltet, nehme ich meine Zuflucht: zu ihm, dessen Gestalt die höchste Wonne ist.“

Wort für Wort
śrīsūtaḥ uvāca
der erhabene Sūta sprach
yaḥ ekaḥ bahudhā kṛṣṇaḥ
der, [obgleich] einer, als Kṛṣṇa vielfach [wird]
sṛṣṭyādau
am Anfang der Schöpfung (Lok.)
bahudheyate
er entfaltet sich vielfach, wird mannigfaltig
tam ahaṃ śaraṇaṃ yāmi
zu ihm nehme ich meine Zuflucht
paramānandavigraham
dessen Gestalt die höchste Wonne ist (Akk. Sg. m.)

kailāsaśikharāsīnaṃ śivaṃ śivakaraṃ param / nāradaḥ paripapraccha sarvabhūtahite rataḥ

Nārada, dem Wohl aller Wesen zugetan, befragte eingehend Śiva, den Höchsten, den Segensspendenden, der auf dem Gipfel des Kailāsa saß.

Wort für Wort
kailāsaśikharāsīnam
der auf dem Gipfel des Kailāsa sitzt (Akk. Sg. m.)
śivam śivakaram param
Śiva, den Segensspendenden, den Höchsten (Akk.)
nāradaḥ paripapraccha
Nārada befragte eingehend (3. Sg. Perfekt von pari-pracch)
sarvabhūtahite rataḥ
dem Wohl aller Wesen zugetan (Nom. Sg. m.)

bhagavan śrotum icchāmi harer adbhutakarmaṇaḥ / śrīkṛṣṇasyāprameyasya nānā līlātanūr vibhoḥ

„O Herr, ich wünsche von den wunderbaren Taten Haris zu hören, von den mannigfaltigen Spielgestalten des unermesslichen, alldurchdringenden Śrī-Kṛṣṇa.“

Wort für Wort
bhagavan
o Herr (Vok.)
śrotum icchāmi
ich wünsche zu hören
hareḥ adbhutakarmaṇaḥ
des Hari von wunderbaren Taten (Gen.)
śrīkṛṣṇasya aprameyasya
des unermesslichen Śrī-Kṛṣṇa (Gen.)
nānā līlātanūḥ
die mannigfaltigen Spielgestalten (Akk. Pl. f.)
vibhoḥ
des Alldurchdringenden (Gen.)

yadarthaṃ yatsvarūpaṃ ca yadyat kāle yathā rataḥ / gṛhṇāti bhagavān svasthas tan mamākhyātum arhasi

Wozu, in welcher Wesensform, zu welcher Zeit jeweils und wie darauf bedacht der in sich selbst ruhende Herr [eine Gestalt] annimmt – das mögest du mir verkünden.

Wort für Wort
yadartham
wozu, zu welchem Zweck
yatsvarūpam ca
und welche Wesensform
yadyat kāle
zu welcher Zeit jeweils
yathā rataḥ
wie [darauf] bedacht
gṛhṇāti bhagavān svasthaḥ
der in sich selbst ruhende Herr nimmt an
tan mamākhyātum arhasi
das mögest du mir verkünden

avatāranimittaṃ yac cirād vigrahasambhavam / prathamaṃ tattvato brūhi tvaṃ parāparavittamaḥ

Sprich zuerst der Wahrheit gemäß vom Anlass der Herabkunft (avatāra), vom seit jeher bestehenden Ursprung dieser [göttlichen] Gestalt – du, der beste Kenner des Höchsten wie des Niederen.

Wort für Wort
avatāranimittam
den Anlass der Herabkunft (Akk.)
yac cirād vigrahasambhavam
der seit langem bestehende Ursprung der Gestalt
prathamaṃ tattvato brūhi
sprich zuerst der Wahrheit gemäß
tvaṃ parāparavittamaḥ
du, der beste Kenner des Höchsten und Niederen

śrīśiva uvāca / pṛṣṭaṃ mahābhāga tvayā bhāgavatottama / yad ahaṃ noditaḥ samyagbhagavadvīryavarṇane

Der erhabene Śiva sprach: „Gefragt hast du mich, o Glücklicher, bester der Bhāgavatas – wodurch ich angeregt bin, die Macht des Herrn vollständig zu schildern.“

Wort für Wort
śrīśivaḥ uvāca
der erhabene Śiva sprach
pṛṣṭaṃ mahābhāga tvayā
gefragt [wurde ich] von dir, o Glücklicher
bhāgavatottama
bester der Bhāgavatas (Vok.)
yad ahaṃ noditaḥ
wodurch ich angeregt bin
samyagbhagavadvīryavarṇane
die Macht des Herrn vollständig zu schildern

śrīviṣṇor avatārāṇāṃ virājaś ca mahāmate / kathane naiva paśyāmi pāraṃ varṣaśatair api / tathāpi sāram uddhṛtya tantrarūpeṇa nārada

In der Darlegung der Avatāras des erhabenen Viṣṇu und des Virāj, o Weiser, sehe ich kein Ende, selbst nicht in hundert Jahren. Dennoch will ich, das Wesentliche herausgreifend, es in Gestalt eines Tantra [darlegen], o Nārada,

Wort für Wort
śrīviṣṇor avatārāṇām
der Avatāras des erhabenen Viṣṇu (Gen. Pl.)
virājaś ca
und des Virāj [des kosmischen Körpers]
mahāmate
o Weiser (Vok.)
kathane naiva paśyāmi pāram api varṣaśataiḥ
in der Darlegung sehe ich kein Ende, selbst nicht in hundert Jahren
tathāpi sāram uddhṛtya
dennoch, das Wesentliche herausziehend
tantrarūpeṇa nārada
in Gestalt eines Tantra, o Nārada

varṇayāmi yathaivoktam īśvareṇa dayālunā / jayapūrvaṃ namaskṛtya goparūpiṇam īśvaram

...will ich schildern, ganz so, wie es vom gnädigen Herrn selbst gesprochen wurde – nachdem ich mich, dem ein „Heil!“ vorausgeht, vor dem Herrn in Hirtengestalt verneigt habe.

Wort für Wort
varṇayāmi
ich werde schildern
yathaivoktam īśvareṇa dayālunā
ganz so, wie es vom gnädigen Herrn gesprochen wurde
jayapūrvaṃ namaskṛtya
nachdem ich mich, mit vorausgehendem Siegesruf, verneigt habe
goparūpiṇam īśvaram
vor dem Herrn in Hirtengestalt (Akk.)

vakṣye sātvatatantrākhyaṃ bhagavadbhaktivardhanam / yadāsīd ekam avyaktaṃ nityaṃ cidrūpam avyayam

Ich werde das „Sātvata-Tantra“ genannte [Werk] verkünden, das die Hingabe zum Herrn mehrt: [von der Zeit], als [nur] das Eine war – unmanifest, ewig, aus reinem Bewusstsein bestehend, unvergänglich.

Wort für Wort
vakṣye
ich werde verkünden
sātvatatantrākhyam
das „Sātvata-Tantra“ genannte (Akk.)
bhagavadbhaktivardhanam
das die Hingabe zum Herrn mehrt
yadāsīd ekam avyaktam
als das Eine, Unmanifeste war
nityaṃ cidrūpam avyayam
ewig, aus Bewusstsein bestehend, unvergänglich

brahmeti yad vidur vijñā bhagavān iti sātvatāḥ / tadāsantam ivātmānaṃ matvā dṛśya vinā vibhuḥ

Das, was die Wissenden als „Brahman“ bezeichnen und die Sātvatas als „den Erhabenen“ – da erachtete der Alldurchdringende, ohne ein [ihm entgegenstehendes] Sichtbares, sich selbst gleichsam als nicht-seiend,

Wort für Wort
brahmeti yad vidur vijñāḥ
das, was die Wissenden als Brahman bezeichnen
bhagavān iti sātvatāḥ
[und was] die Sātvatas als den Erhabenen [bezeichnen]
tadāsantam iva ātmānam matvā
da hielt er sich selbst gleichsam für nicht-seiend
dṛśya vinā vibhuḥ
der Alldurchdringende, ohne ein Sichtbares

[?] Dichte vedāntisch-sāṃkhya geprägte Formulierung; "asantam iva ātmānam matvā" sinngemäß, nicht wortwörtlich aufgelöst.

dviprakāram abhūt satyaṃ sattābhūtvā svayaṃ svayam / tac cicchaktisvarūpeṇa prakṛtiḥ puruṣo mahān

das Wahre wurde zweifach, indem es selbst zu [reinem] Sein wurde: es [wurde], vermöge seiner Bewusstseinskraft (cicchakti), zu Prakṛti, Puruṣa und Mahat.

Wort für Wort
dviprakāram abhūt satyam
das Wahre/Wirkliche wurde zweifach
sattābhūtvā svayaṃ svayam
indem es selbst durch sich selbst zu [reinem] Sein wurde
tac cicchaktisvarūpeṇa
dieses, in Gestalt seiner Bewusstseinskraft
prakṛtiḥ puruṣo mahān
[wurde zu] Prakṛti, Puruṣa, Mahat

sarvalokaikanilayo bhagavān iti śabdyate / tasyaiva śaktiḥ prakṛtiḥ kāryakāraṇarūpiṇī

Die alleinige Stätte aller Welten wird „der Erhabene“ genannt; eben seine Kraft ist die Prakṛti, die in Gestalt von Wirkung und Ursache besteht,

Wort für Wort
sarvalokaikanilayo
die alleinige Stätte aller Welten (Nom.)
bhagavān iti śabdyate
wird „der Erhabene“ genannt
tasyaiva śaktiḥ prakṛtiḥ
eben seine Kraft [ist] die Prakṛti
kāryakāraṇarūpiṇī
die in Gestalt von Wirkung und Ursache besteht

guṇatrayasvarūpeṇa yā svayaṃ bhidyate punaḥ / yaḥ kālas taṃ vadanty eke hareś ceṣṭāṃ duranvayām

die sich wiederum selbst in Gestalt der drei Guṇas aufspaltet. Was die Zeit ist, nennen manche das schwer zu ergründende Wirken Haris.

Wort für Wort
guṇatrayasvarūpeṇa
in Gestalt der drei Guṇas
yā svayaṃ bhidyate punaḥ
die sich wiederum selbst aufspaltet
yaḥ kālas taṃ vadanty eke
was die Zeit ist, das nennen manche
hareś ceṣṭāṃ duranvayām
das schwer nachvollziehbare Wirken Haris (Akk.)

yasmād guṇatrayakṣobhāt pṛthagbhūto 'bhavat purā / jīvasya yasmād bhavati śubhāśubhaphalagrahaḥ

wovon [der Zeit] sich einst, durch die Erregung der drei Guṇas, [etwas] gesondert manifestierte, wovon dem Jīva das Erlangen günstiger und ungünstiger Frucht zuteilwird –

Wort für Wort
yasmād guṇatrayakṣobhāt
wovon, durch die Erregung der drei Guṇas
pṛthagbhūto 'bhavat purā
sich einst gesondert manifestierte
jīvasya yasmād bhavati
wovon dem Jīva zuteilwird
śubhāśubhaphalagrahaḥ
das Erlangen günstiger und ungünstiger Frucht

tat karma mahato janmahetur avyaktamūrtimat / bhāvānāṃ pariṇāmo hi yato bhavati sarvadā

das ist das Karma – die von unsichtbarer Gestalt seiende Ursache der Geburt des Mahat, denn von ihm geht stets die Wandlung der Daseinszustände aus.

Wort für Wort
tat karma
das ist das Karma
mahato janmahetuḥ
die Geburtsursache des Mahat (Gen.)
avyaktamūrtimat
von unsichtbarer Gestalt
bhāvānāṃ pariṇāmo hi
denn die Wandlung der Daseinszustände
yato bhavati sarvadā
geht davon stets aus

tam evāhur vedavidaḥ sūkṣmarūpaṃ svabhāvakam / ukto 'yaṃ puruṣaḥ sākṣād īśvaro bhagavattanuḥ

Eben dieses nennen die Vedakenner die subtile, naturgegebene Gestalt. Dieser so genannte Puruṣa ist unmittelbar der Īśvara, der Leib des Erhabenen.

Wort für Wort
tam evāhur vedavidaḥ
eben dieses nennen die Vedakenner
sūkṣmarūpaṃ svabhāvakam
die subtile, naturgegebene Gestalt
ukto 'yaṃ puruṣaḥ
dieser so genannte Puruṣa
sākṣād īśvaro bhagavattanuḥ
ist unmittelbar der Īśvara, der Leib des Erhabenen

kālakarmasvabhāvasthaḥ prakṛtiṃ prati noditaḥ / puruṣādhiṣṭhitā devī prakṛtir guṇasaṃgrahā

In Zeit, Karma und Eigennatur verweilend, wandte er sich [anregend] der Prakṛti zu – der vom Puruṣa belebten göttlichen Prakṛti, dem Inbegriff der Guṇas.

Wort für Wort
kālakarmasvabhāvasthaḥ
in Zeit, Karma und Eigennatur verweilend
prakṛtiṃ prati noditaḥ
auf die Prakṛti hin angeregt
puruṣādhiṣṭhitā devī prakṛtiḥ
die vom Puruṣa belebte göttliche Prakṛti
guṇasaṃgrahā
der Inbegriff/die Zusammenfassung der Guṇas

mahattattvam abhūt tattatparijñānakriyātmakam / tasmāj jāto hy ahaṃkāras trividho daivanoditāt

Das Mahat-Prinzip entstand, dessen Wesen im jeweiligen Erkennen und Handeln besteht. Aus diesem, göttlich angeregt, entstand das dreifache Ahaṃkāra (Ich-Bewusstsein),

Wort für Wort
mahattattvam abhūt
das Mahat-Prinzip entstand
tattatparijñānakriyātmakam
dessen Wesen im jeweiligen Erkennen und Handeln besteht
tasmāj jāto hy ahaṃkāraḥ
daraus entstand ja das Ahaṃkāra
trividho daivanoditāt
dreifach, aus dem göttlich Angeregten

vaikārikas taijasaś ca tāmasaś ceti yaṃ viduḥ / vaikārikān manodevā jātā jñānakriyādhipāḥ

das man als „vaikārika, taijasa und tāmasa“ kennt. Aus dem vaikārika [-Ahaṃkāra] entstanden die Geistgottheiten, die Gebieter über Erkenntnis und Handlung [d.h. die den Sinnesorganen zugeordneten Gottheiten],

Wort für Wort
vaikārikas taijasaś ca tāmasaś ceti yaṃ viduḥ
das man als vaikārika, taijasa und tāmasa kennt
vaikārikān manodevā jātā
aus dem vaikārika entstanden die Geistgottheiten
jñānakriyādhipāḥ
die Gebieter über Erkenntnis und Handlung

marutkeśau diśaḥ sūryo nāsatyo jñānanodakāḥ / vahnīndramitrakopetā ete karmāpanodakāḥ

[?] Vāyu und [ein zweiter Windgott], die Himmelsrichtungen, Sūrya, die Nāsatya[-Zwillinge] – diese sind die Antreiber der [sinnlichen] Erkenntnis; Agni, Indra, Mitra und [ein vierter] – diese sind die Antreiber des Handelns.

Wort für Wort
marutkeśau
Vāyu und [ein zweiter, mit ihm genannter Windgott] (Dual)
diśaḥ sūryo nāsatyo
die Himmelsrichtungen, Sūrya, die Nāsatyas
jñānanodakāḥ
die Antreiber der [sinnlichen] Erkenntnis (die fünf Jñānendriya-Gottheiten)
vahnīndramitrakopetāḥ
versehen mit/einschließlich Agni, Indra, Mitra [und einem vierten]
ete karmāpanodakāḥ
diese sind die Antreiber des Handelns (die Karmendriya-Gottheiten)

[?] Die genaue Eins-zu-eins-Zuordnung der hier genannten Gottheiten zu den zehn Sinnes-/Handlungsorganen des klassischen Sāṃkhya-Schemas (vgl. ähnliche Listen in Purāṇas) ist nicht mit letzter Sicherheit rekonstruiert, insbesondere die Lesung "keśau" (Dual) bleibt unsicher.

rājasād viṣayagrāhajñānakarmasvarūpiṇaḥ / tvagrasajñā śrutiś cakṣur ghrāṇaṃ buddhiś ca tanmayāḥ

Aus dem rājasa[-Ahaṃkāra, d.h. taijasa] entstanden jene, deren Wesen das Erfassen der Objekte durch Erkenntnis und Handlung ist: Haut, Zunge, Ohr, Auge und Nase, sowie der Buddhi – aus diesen bestehend.

Wort für Wort
rājasād
aus dem rājasa(=taijasa)-Ahaṃkāra
viṣayagrāhajñānakarmasvarūpiṇaḥ
jene, deren Wesen das Erfassen der Objekte durch Erkenntnis und Handlung ist
tvagrasajñā śrutiś cakṣur ghrāṇaṃ
Haut, Zunge, Ohr, Auge, Nase
buddhiś ca tanmayāḥ
und der Buddhi, aus diesen bestehend

„tvagrasajñā“ als tvak (Haut) + rasajñā (wörtl. „Geschmackskennerin“, stehender Ausdruck für die Zunge) analysiert.

vākpāṇipāyūpasthāś ca gatiś ceti kriyātmakāḥ / tāmasāt pañcabhūtāni tanmātrāṇi ca bhāgaśaḥ

und Sprachorgan, Hand, After, Geschlechtsorgan sowie Bewegung(sorgan) – diese sind von handlungshafter Natur. Aus dem tāmasa[-Ahaṃkāra kommen] die fünf Elemente und die Tanmātras, ihrem Anteil nach.

Wort für Wort
vākpāṇipāyūpasthāś ca gatiś ca
und Sprachorgan, Hand, After, Geschlechtsorgan und Bewegung(sorgan)
iti kriyātmakāḥ
so die handlungshaften (Karmendriyas)
tāmasāt pañcabhūtāni
aus dem tāmasa[-Ahaṃkāra] die fünf Elemente
tanmātrāṇi ca bhāgaśaḥ
und die Tanmātras, ihrem Anteil nach

prathamaṃ tāmasāj jajñe śabdas tasmād abhūn nabhaḥ / śabdarūpāt tu nabhasaḥ sparśas tasmād abhūn marut

Zuerst entstand aus dem tāmasa[-Ahaṃkāra] der Ton (Śabda); daraus entstand der Raum (Ākāśa). Aus dem tonhaften Raum aber entstand die Berührung (Sparśa); daraus entstand der Wind (Vāyu).

Wort für Wort
prathamaṃ tāmasāj jajñe śabdaḥ
zuerst entstand aus dem tāmasa der Ton
tasmād abhūn nabhaḥ
daraus entstand der Raum
śabdarūpāt tu nabhasaḥ
aus dem tonhaften Raum aber
sparśas tasmād abhūn marut
[entstand] die Berührung, daraus entstand der Wind

maruto 'bhūt tatas tejas tejaso rūpam uttamam / rūpamātrād raso jajñe tasmād āpo 'bhavan śucīḥ

Aus dem Wind entstand sodann das Feuer (Tejas); aus dem Feuer die vorzügliche Form/Farbe (Rūpa). Aus der bloßen Form entstand der Geschmack (Rasa); daraus entstanden die reinen Wasser (Āpas).

Wort für Wort
maruto 'bhūt tatas tejaḥ
aus dem Wind entstand sodann das Feuer
tejaso rūpam uttamam
aus dem Feuer die vorzügliche Form/Farbe
rūpamātrād raso jajñe
aus der bloßen Form entstand der Geschmack
tasmād āpo 'bhavan śucīḥ
daraus entstanden die reinen Wasser

adbhyo jāto gandhaguṇo gandhād bhūmir ajāyata / mahattattvam ahaṃkāraḥ saśabdasparśatejasaḥ

Aus den Wassern entstand die Eigenschaft des Geruchs (Gandha); aus dem Geruch entstand die Erde (Bhūmi). [So sind] Mahat-Prinzip [und] Ahaṃkāra samt [den daraus hervorgegangenen Elementen] Ton, Berührung und Feuer/Form [vollständig benannt]. [?]

Wort für Wort
adbhyo jāto gandhaguṇaḥ
aus den Wassern entstand die Eigenschaft des Geruchs
gandhād bhūmir ajāyata
aus dem Geruch entstand die Erde
mahattattvam ahaṃkāraḥ
das Mahat-Prinzip, das Ahaṃkāra
saśabdasparśatejasaḥ
samt Ton, Berührung und Feuer/Form

[?] Der zweite Halbvers liest sich als knappe Zusammenfassung der bisherigen Tattva-Kette; eine im Einzelnen sichere Satzkonstruktion ist wegen der Kompression nicht auszumachen.

rasagandhāv ime sarve smṛtā prakṛtivikriyāḥ / śabdasya prakṛter eva saṃdṛśyante yato budhaiḥ

Geschmack und Geruch – diese alle gelten als Umwandlungen der Prakṛti, da sie von den Weisen als letztlich aus der Ton-Prakṛti hervorgehend erkannt werden.

Wort für Wort
rasagandhāv ime sarve
Geschmack und Geruch, diese alle
smṛtāḥ prakṛtivikriyāḥ
gelten als Umwandlungen der Prakṛti
śabdasya prakṛter eva
eben aus der Ton-Prakṛti
saṃdṛśyante yato budhaiḥ
werden sie dementsprechend von den Weisen erkannt

Anspielung auf die Pañcīkaraṇa-Lehre der kumulativen Übernahme von Eigenschaften durch die aufeinanderfolgenden Elemente.

ato 'bhavan prakṛtayo vikārān vikṛtīr viduḥ / ākāśe śabdamātraṃ syād vāyau sparśaḥ saśabdakaḥ

So entstanden die [Element-]Ur-Prinzipien; man kennt sie [zugleich] als Ursachen und als deren Umwandlungen. Im Ākāśa gibt es nur den Ton; im Vāyu die Berührung samt Ton;

Wort für Wort
ato 'bhavan prakṛtayaḥ
so entstanden die [Element-]Ur-Prinzipien
vikārān vikṛtīr viduḥ
man kennt [sie] als Ursachen [und] als Umwandlungen
ākāśe śabdamātraṃ syāt
im Ākāśa gibt es nur den Ton
vāyau sparśaḥ saśabdakaḥ
im Vāyu die Berührung samt Ton

rūpaṃ tejasi śabdaś ca sparśaś caiva jale tathā / rasaśabdasparśarūpaṃ pṛthivyāṃ sarvam eva hi

im Feuer die Form sowie Ton und Berührung; ebenso im Wasser [dazu der Geschmack]; in der Erde [sind] Geschmack, Ton, Berührung [und] Form – wahrhaftig alles [zusammen].

Wort für Wort
rūpaṃ tejasi śabdaś ca sparśaś ca eva
im Feuer Form, Ton und Berührung
jale tathā
ebenso im Wasser [dazu der Geschmack]
rasaśabdasparśarūpaṃ pṛthivyāṃ
Geschmack, Ton, Berührung, Form in der Erde
sarvam eva hi
wahrhaftig alles [zusammen]

[Anm.: Klassische Pañcīkaraṇa-Lehre der kumulativen Eigenschaften der fünf Elemente; der Geruch der Erde ist durch „sarvam“ implizit mitgemeint.]

kāraṇānāṃ yataḥ kārye samanvayavidhis tataḥ / dṛśyate tv adhikas tatra guṇo yāvati kaś ca ha

[?] Da bei den Ursachen eine Regel der Übereinstimmung in der Wirkung [besteht], zeigt sich dort jeweils eine zusätzliche Eigenschaft, in welchem Maße auch immer.

Wort für Wort
kāraṇānāṃ yataḥ
da bei den Ursachen
kārye samanvayavidhis tataḥ
dort eine Regel der Übereinstimmung in der Wirkung [besteht]
dṛśyate tv adhikas tatra guṇaḥ
dort aber zeigt sich eine zusätzliche Eigenschaft
yāvati kaś ca ha
in welchem Maße auch immer

[?] Vers von hoher Kompression; die genaue Formulierung des Sāṃkhya-Kausalitätsprinzips (Satkāryavāda) bleibt im Detail unsicher.

mahadādīni tattvāni puruṣasya mahātmanaḥ / kāryāvatārarūpāṇi jānīhi dvijasattama

Wisse, o Bester der Zweifachgeborenen, dass die mit dem Mahat beginnenden Prinzipien die als Wirkung [erscheinenden] Herabkunfts-Gestalten des großmütigen Puruṣa sind.

Wort für Wort
mahadādīni tattvāni
die mit dem Mahat beginnenden Prinzipien
puruṣasya mahātmanaḥ
des großmütigen Puruṣa
kāryāvatārarūpāṇi
die als Wirkung erscheinenden Herabkunfts-Gestalten
jānīhi dvijasattama
wisse [das], o Bester der Zweifachgeborenen

sarvāṇy etāni saṃgṛhya puruṣasyecchayā yā / aṃśair utpādayāmāsur virājaṃ bhuvanātmakam

[?] Nachdem [die Prakṛti], die nach dem Willen des Puruṣa [wirkt], all diese [Prinzipien] zusammengefasst hatte, brachten sie [gemeinsam] anteilig den Virāj hervor, dessen Wesen die Welten sind.

Wort für Wort
sarvāṇy etāni saṃgṛhya
nachdem [man] all diese zusammengefasst hatte
puruṣasyecchayā yā
[die Prakṛti], die nach dem Willen des Puruṣa [wirkt]
aṃśair utpādayāmāsuḥ
brachten sie anteilig hervor
virājaṃ bhuvanātmakam
den Virāj, dessen Wesen die Welten sind

[?] Kongruenz von Subjekt und Verb (Plural „utpādayāmāsuḥ“ bei feminin-singularischem Relativpronomen „yā“) im Sanskrit-Text uneindeutig; hier als kollektives Wirken der Tattvas unter Führung der Prakṛti gedeutet.

tasya cāntargataṃ chidraṃ pañcāśatkoṭivistṛtam / daśottarādhikair etaiḥ saptabhir bahir āvṛtam

Und in seinem (des Virāj) Inneren [befindet sich] ein Hohlraum von fünfzig Koṭi Ausdehnung, außen umhüllt von diesen sieben [Elementhüllen], von denen jede die vorige je um das Zehnfache übertrifft.

Wort für Wort
tasya cāntargataṃ chidram
und in seinem Inneren [ist] ein Hohlraum
pañcāśatkoṭivistṛtam
von fünfzig Koṭi Ausdehnung
daśottarādhikair etaiḥ saptabhiḥ
von diesen sieben, je zehnfach zunehmenden
bahir āvṛtam
außen umhüllt

tam āhuḥ puruṣasyaiva gehaṃ yatrāviśat svayam / yato 'cetanam evāsīt kevalaṃ sarvavistaram

Diesen [Hohlraum] nennt man das eigene Haus des Puruṣa, in das er selbst eintrat – denn zuvor war [dieser Raum], obgleich schon vollständig ausgedehnt, allein noch unbeseelt.

Wort für Wort
tam āhuḥ puruṣasyaiva geham
diesen nennt man eben das Haus des Puruṣa
yatrāviśat svayam
in das er selbst eintrat
yato 'cetanam evāsīt
weil er zuvor nur unbeseelt war
kevalaṃ sarvavistaram
obgleich bereits vollständig ausgedehnt

narād utpannatattvānāṃ saṃgrahe nārasaṃjñake / ayanaṃ tasya yad abhūt tasmān nārāyaṇaḥ smṛtaḥ

Weil seine Ruhestätte (Ayana) in der Gesamtheit der aus [dem Urwesen] Nara entstandenen Prinzipien war, die „Nāra“ genannt wird, deshalb wird er als Nārāyaṇa überliefert.

Wort für Wort
narād utpannatattvānāṃ saṃgrahe
in der Gesamtheit der aus Nara entstandenen Prinzipien
nārasaṃjñake
die „Nāra“ genannt wird
ayanaṃ tasya yad abhūt
weil seine Ruhestätte darin war
tasmān nārāyaṇaḥ smṛtaḥ
deshalb wird er als Nārāyaṇa überliefert

[Anm.: Klassische Etymologie nāra (die aus Nara/Puruṣa entstandenen Wasser bzw. Prinzipien) + ayana (Ruhestätte) = Nārāyaṇa, vgl. Manusmṛti 1.10.]

virāḍdehe yad avasad bhagavān purasaṃjñake / ataḥ puruṣanāmānam avāpa puruṣaḥ paraḥ

Weil der Erhabene im Leib des Virāj wohnte, der „Pura“ (Stadt/Leib) genannt wird, deshalb erlangte der höchste Puruṣa den Namen „Puruṣa“.

Wort für Wort
virāḍdehe yad avasad bhagavān
weil der Erhabene im Leib des Virāj wohnte
purasaṃjñake
der „Pura“ genannt wird
ataḥ puruṣanāmānam avāpa
deshalb erlangte er den Namen Puruṣa
puruṣaḥ paraḥ
der höchste Puruṣa

[Anm.: Etymologie puri + √śī („in der Stadt/im Leib ruhen“) = puruṣa, vgl. verwandte Upaniṣad-Etymologien wie „puriśaya“ (BĀU 2.5.18).]

yadā sa bhagavān devo mūlaprakṛtivistaraḥ / nārāyaṇena rūpeṇa virajam aviśat svayam

Als jener göttliche Erhabene, die Entfaltung der Wurzel-Prakṛti, in Gestalt des Nārāyaṇa selbst in den Virāj eintrat,

Wort für Wort
yadā sa bhagavān devo
als jener göttliche Erhabene
mūlaprakṛtivistaraḥ
die Entfaltung der Wurzel-Prakṛti
nārāyaṇena rūpeṇa
in Gestalt des Nārāyaṇa
virajam aviśat svayam
selbst in den Virāj eintrat

tadā cetanam āpādya cirād vigraha utthitaḥ / samaṣṭiśabdatāvācyo dvisaptabhuvanāśrayaḥ

da erhob sich, nachdem er [ihm] Bewusstsein verliehen hatte, nach langer Zeit ein [manifester] Körper, benannt mit dem Wort „Gesamtheit“ (Samaṣṭi), die Zufluchtsstätte der vierzehn Welten.

Wort für Wort
tadā cetanam āpādya
da, nachdem er [ihm] Bewusstsein verliehen hatte
cirād vigraha utthitaḥ
nach langer Zeit erhob sich ein [manifester] Körper
samaṣṭiśabdatāvācyo
benannt mit dem Wort „Gesamtheit
dvisaptabhuvanāśrayaḥ
die Zufluchtsstätte der vierzehn (2×7) Welten

yasmin carācaraṃ bhūtaṃ sraṣṭā brahmāhares tanūḥ / tatra lokamayaṃ yāvat taṃ virājaṃ vido viduḥ

In dem [Körper befindet sich] das Bewegliche und Unbewegliche, [und] der Schöpfer Brahmā, [der] ein Leib Haris [ist] – die Kenner erkennen jenen Virāj, insoweit er dort aus den Welten besteht.

Wort für Wort
yasmin carācaraṃ bhūtaṃ
in dem [ist] das Bewegliche und Unbewegliche
sraṣṭā brahmāhares tanūḥ
der Schöpfer Brahmā, ein Leib Haris
tatra lokamayaṃ yāvat
dort, insoweit [er] aus den Welten besteht
taṃ virājaṃ vido viduḥ
jenen Virāj erkennen die Kenner

tasyābhimāninaṃ jīvaṃ vairājaṃ puruṣābhidham / tadantaryāmiṇaṃ devaṃ nārāyaṇam anāmayam

[Man nennt] dessen sich-selbst-vorstellenden [individuellen] Lebensgeist „Vairāja-Puruṣa“, [und] den ihn innerlich lenkenden Gott [nennt man] den makellosen Nārāyaṇa,

Wort für Wort
tasyābhimāninaṃ jīvaṃ
dessen sich-selbst-vorstellenden individuellen Lebensgeist
vairājaṃ puruṣābhidham
genannt „Vairāja-Puruṣa
tadantaryāmiṇaṃ devam
den ihn innerlich lenkenden Gott
nārāyaṇam anāmayam
den makellosen Nārāyaṇa

sarvajīvaikanilayaṃ bhagavantaṃ pracakṣate / avatārasahasrāṇāṃ nidhānaṃ bījam avyayam

[den] man als den Erhabenen bezeichnet, die alleinige Zufluchtsstätte aller Lebewesen, den Schatzort tausender Herabkünfte, den unvergänglichen Samen.

Wort für Wort
sarvajīvaikanilayaṃ
die alleinige Zufluchtsstätte aller Lebewesen
bhagavantaṃ pracakṣate
[so] bezeichnet man den Erhabenen
avatārasahasrāṇāṃ nidhānam
den Schatzort tausender Avatāras
bījam avyayam
den unvergänglichen Samen

yasyāṃśena rajoyuktaḥ sṛṣṭau brahmā vyajāyata / viṣṇuḥ sattvaguṇādhīśaḥ sthitau sthāpayituṃ jagat

Durch dessen mit Rajas verbundenen Anteil wurde Brahmā für die Schöpfung geboren; Viṣṇu, der Gebieter der Sattva-Eigenschaft, [wurde geboren], um die Welt in der Erhaltung zu bewahren,

Wort für Wort
yasyāṃśena rajoyuktaḥ
durch dessen mit Rajas verbundenen Anteil
sṛṣṭau brahmā vyajāyata
wurde für die Schöpfung Brahmā geboren
viṣṇuḥ sattvaguṇādhīśaḥ
Viṣṇu, der Gebieter der Sattva-Eigenschaft
sthitau sthāpayituṃ jagat
um in der Erhaltung die Welt zu bewahren

tamasā rudrarūpo 'bhūt pratisaṃcaraṇo vibhuḥ / ete viṣṇor guṇamayā avatārāḥ kriyākṛtāḥ

und durch Tamas wurde er zum allwaltenden Rudra-Gestaltigen der Auflösung. Diese sind die aus den Guṇas bestehenden, durch [ihre jeweilige] Tätigkeit unterschiedenen Herabkünfte Viṣṇus.

Wort für Wort
tamasā rudrarūpo 'bhūt
durch Tamas wurde er Rudra-gestaltig
pratisaṃcaraṇo vibhuḥ
der allwaltende [Bewirker] der Auflösung
ete viṣṇor guṇamayā avatārāḥ
diese sind die aus den Guṇas bestehenden Avatāras Viṣṇus
kriyākṛtāḥ
durch [ihre] Tätigkeit unterschiedenen

eṣām aṃśāvatārān me nibodha gadato mama / brahmaṇo 'ṃśena samabhūn marīcir atrir aṅgirāḥ

Erfahre von mir, während ich [es] verkünde, die Teil-Herabkünfte dieser [drei]: durch einen Anteil Brahmās entstanden Marīci, Atri [und] Aṅgiras,

Wort für Wort
eṣām aṃśāvatārān
die Teil-Herabkünfte dieser [drei]
me nibodha gadato mama
erfahre von mir, während ich [es] verkünde
brahmaṇo 'ṃśena samabhūn
durch einen Anteil Brahmās entstanden
marīcir atrir aṅgirāḥ
Marīci, Atri, Aṅgiras

pulastyaḥ pulahaś caiva kratur dakṣo dvijottama / bhṛgur vasiṣṭho 'tharvā ca kardamādyāḥ prajeśvarāḥ

Pulastya und Pulaha, Kratu, Dakṣa – o Bester der Zweifachgeborenen –, Bhṛgu, Vasiṣṭha und Atharvan, sowie Kardama und die übrigen Herren der Geschöpfe.

Wort für Wort
pulastyaḥ pulahaś caiva
Pulastya und Pulaha
kratur dakṣo dvijottama
Kratu, Dakṣa, o Bester der Zweifachgeborenen
bhṛgur vasiṣṭho 'tharvā ca
Bhṛgu, Vasiṣṭha und Atharvan
kardamādyāḥ prajeśvarāḥ
Kardama und die übrigen Herren der Geschöpfe

eṣāṃ putrāś ca pautrāś ca prapautrāś ca mahaujasaḥ / sṛṣṭyartham udgatāḥ sarve bhagavadvīryasaṃyutāḥ

Deren Söhne, Enkel und Urenkel, von großer Kraft, sind alle zum Zweck der Schöpfung hervorgegangen, ausgestattet mit der Tatkraft des Erhabenen.

Wort für Wort
eṣāṃ putrāś ca pautrāś ca prapautrāś ca
deren Söhne, Enkel und Urenkel
mahaujasaḥ
von großer Kraft
sṛṣṭyartham udgatāḥ sarve
alle zum Zweck der Schöpfung hervorgegangen
bhagavadvīryasaṃyutāḥ
ausgestattet mit der Tatkraft des Erhabenen

viṣṇor aṃśena samabhūd dharmo yajño bṛhattrivṛt / svāyambhuvādyā manavo dvisaptā lokaviśrutāḥ

Durch einen Anteil Viṣṇus entstanden Dharma, Yajña [und] „Bṛhattrivṛt“ [?]; [ebenso] die vierzehn mit Svāyambhuva beginnenden Manus, in der Welt gepriesen.

Wort für Wort
viṣṇor aṃśena samabhūt
durch einen Anteil Viṣṇus entstand
dharmo yajño bṛhattrivṛt
Dharma, Yajña, „Bṛhattrivṛt
svāyambhuvādyā manavo dvisaptā
die vierzehn mit Svāyambhuva beginnenden Manus
lokaviśrutāḥ
in der Welt gepriesen

[?] „Bṛhattrivṛt“ (wörtl. etwa „der große Dreifache“) ist als Eigen-/Beiname unklar; möglicherweise Bezug auf eine bestimmte Opfer- oder Gottheitsform (vgl. die vedischen „Bṛhat“- und „Trivṛt“-Sāman-Bezeichnungen).

eṣāṃ putrāś ca pautrāś ca tathendrādyāś ca devatāḥ / viṣṇvaṃśayuktā lokānāṃ pālakāḥ kathitā mayā

Deren Söhne und Enkel, und ebenso die mit Indra beginnenden Gottheiten, verbunden mit einem Anteil Viṣṇus, wurden von mir als die Beschützer der Welten genannt.

Wort für Wort
eṣāṃ putrāś ca pautrāś ca
deren Söhne und Enkel
tathendrādyāś ca devatāḥ
und ebenso die mit Indra beginnenden Gottheiten
viṣṇvaṃśayuktā
verbunden mit einem Anteil Viṣṇus
lokānāṃ pālakāḥ kathitā mayā
von mir als Beschützer der Welten genannt

rudrasyāṃśena śataśo jātā rudragaṇāḥ pṛthak / sarpāś ca śataśo jātā ye ca hiṃsrāḥ svabhāvataḥ

Durch einen Anteil Rudras entstanden zu Hunderten die einzelnen Rudra-Scharen; und zu Hunderten entstanden die Schlangen sowie jene [Wesen], die von Natur aus gewalttätig sind.

Wort für Wort
rudrasyāṃśena śataśo jātā
durch einen Anteil Rudras zu Hunderten entstanden
rudragaṇāḥ pṛthak
die einzelnen Rudra-Scharen
sarpāś ca śataśo jātāḥ
und zu Hunderten entstanden die Schlangen
ye ca hiṃsrāḥ svabhāvataḥ
und jene, die von Natur aus gewalttätig sind

ete saṃkṣepataḥ proktā rudrasyāṃśās tamojuṣaḥ / saṃhāriṇo 'sya jagato ghorarūpā vilakṣaṇāḥ

Diese sind in Kürze genannt worden als die tamas-erfüllten Anteile Rudras – die Vernichter dieser Welt, schrecklich an Gestalt, von besonderer Art.

Wort für Wort
ete saṃkṣepataḥ proktā
diese sind in Kürze genannt worden
rudrasyāṃśās tamojuṣaḥ
die tamas-erfüllten Anteile Rudras
saṃhāriṇo 'sya jagataḥ
die Vernichter dieser Welt
ghorarūpā vilakṣaṇāḥ
schrecklich an Gestalt, von besonderer Art

atha te sampravakṣyāmi līlādehān hareḥ pṛthak / śuddhasattvamayān śāntān lokapremāspadān śṛṇu

Nun will ich dir gesondert die Spielgestalten (Līlā-Körper) Haris verkünden – höre [von ihnen], die aus reinem Sattva bestehen, friedvoll [sind] und die Stätte der Liebe der Welt [bilden].

Wort für Wort
atha te sampravakṣyāmi
nun will ich dir verkünden
līlādehān hareḥ pṛthak
gesondert die Spielgestalten Haris
śuddhasattvamayān śāntān
aus reinem Sattva bestehend, friedvoll
lokapremāspadān śṛṇu
höre [von ihnen], der Stätte der Liebe der Welt

ya īśa eko bhagavān ananto brahmasvarūpī puruṣo 'dhiyajñaḥ / pātuṃ punar viśvam asau svakāryaṃ bheje tanūs taṃ praṇamāmi kṛṣṇam

Er, der eine Gebieter, der Erhabene, der Unendliche, der Brahman-gestaltige Puruṣa, der Über-Opfer-Herr (Adhiyajña) – er nahm, um das All abermals zu schützen, seiner eigenen Aufgabe [entsprechende] Körper an: ihn, Kṛṣṇa, verehre ich.

Wort für Wort
ya īśa eko bhagavān ananto
er, der eine Gebieter, der Erhabene, der Unendliche
brahmasvarūpī puruṣo 'dhiyajñaḥ
der Brahman-gestaltige Puruṣa, der Über-Opfer-Herr
pātuṃ punar viśvam asau
er, um das All abermals zu schützen
svakāryaṃ bheje tanūḥ
nahm seiner eigenen Aufgabe entsprechende Körper an
taṃ praṇamāmi kṛṣṇam
ihn, Kṛṣṇa, verehre ich

[Anm.: abweichendes, längeres Versmaß (vermutlich triṣṭubh-verwandt) markiert den feierlichen Abschluss des Paṭala.]

iti śrīsātvatatantre śivanāradasaṃvāde prathamaḥ paṭalaḥ

So [endet] im erhabenen Sātvata-Tantra, im Zwiegespräch zwischen Śiva und Nārada, das erste Paṭala.

Wort für Wort
iti śrīsātvatatantre
so im erhabenen Sātvata-Tantra
śivanāradasaṃvāde
im Zwiegespräch zwischen Śiva und Nārada
prathamaḥ paṭalaḥ
[endet] das erste Paṭala

Kolophon-Vers.

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