Paṭala 1: Prathamaḥ Paṭalaḥ
Erster Paṭala – Nāradas Frage und der Beginn von Śivas kosmogonischer Lehrrede
Rahmenerzählung: Sūta berichtet, wie Nārada auf dem Kailāsa den Gott Śiva nach den Avatāras und Spielgestalten (līlā-tanu) Kṛṣṇas befragt. Śiva erklärt sich zur knappen, tantra-förmigen Darlegung bereit und beginnt mit einer Kosmogonie in Sāṃkhya-naher Begrifflichkeit (Brahman/Bhagavān → Prakṛti/Puruṣa/Mahat → die drei Ahaṃkāra-Arten → die Sinnes- und Handlungsorgan-Gottheiten → die fünf Elemente in ihrer klassischen Tanmātra-Abfolge), sehr ähnlich der Kosmogonie-Einleitung im bereits begonnenen Prapañcasāra-Tantra und in der Brahma-Purāṇa – ein für die synkretistische, sāṃkhya-gestützte Kosmologie der frühen Pāñcarātra-/Tantra-Literatur typisches Muster. Im weiteren Verlauf (V.30ff.) wird diese Tattva-Reihe auf den Puruṣa zurückgeführt, der als Virāj (mit der Nara/Nārāyaṇa- und Pura/Puruṣa-Etymologie) manifest wird; daraus entfaltet sich die dreigliedrige Avatāra-Hierarchie Viṣṇus (guṇa-Avatāras Brahmā/Viṣṇu/Rudra → deren Teil-Avatāras, u.a. die Ṛṣis, Manus und Götter → die reinen līlā-Gestalten Haris), bevor das Paṭala mit einer Verehrung Kṛṣṇas schließt.
śrīsūta uvāca / ya eko bahudhā kṛṣṇaḥ sṛṣṭyādau bahudheyate / tam ahaṃ śaraṇaṃ yāmi paramānandavigraham
Der erhabene Sūta sprach: „Zu ihm, der als der Eine – Kṛṣṇa – sich am Anfang der Schöpfung vielfach entfaltet, nehme ich meine Zuflucht: zu ihm, dessen Gestalt die höchste Wonne ist.“
Wort für Wort
śrīsūtaḥ uvāca
der erhabene Sūta sprach
yaḥ ekaḥ bahudhā kṛṣṇaḥ
der, [obgleich] einer, als Kṛṣṇa vielfach [wird]
sṛṣṭyādau
am Anfang der Schöpfung (Lok.)
bahudheyate
er entfaltet sich vielfach, wird mannigfaltig
tam ahaṃ śaraṇaṃ yāmi
zu ihm nehme ich meine Zuflucht
paramānandavigraham
dessen Gestalt die höchste Wonne ist (Akk. Sg. m.)
„O Herr, ich wünsche von den wunderbaren Taten Haris zu hören, von den mannigfaltigen Spielgestalten des unermesslichen, alldurchdringenden Śrī-Kṛṣṇa.“
yadarthaṃ yatsvarūpaṃ ca yadyat kāle yathā rataḥ / gṛhṇāti bhagavān svasthas tan mamākhyātum arhasi
Wozu, in welcher Wesensform, zu welcher Zeit jeweils und wie darauf bedacht der in sich selbst ruhende Herr [eine Gestalt] annimmt – das mögest du mir verkünden.
Sprich zuerst der Wahrheit gemäß vom Anlass der Herabkunft (avatāra), vom seit jeher bestehenden Ursprung dieser [göttlichen] Gestalt – du, der beste Kenner des Höchsten wie des Niederen.
Der erhabene Śiva sprach: „Gefragt hast du mich, o Glücklicher, bester der Bhāgavatas – wodurch ich angeregt bin, die Macht des Herrn vollständig zu schildern.“
śrīviṣṇor avatārāṇāṃ virājaś ca mahāmate / kathane naiva paśyāmi pāraṃ varṣaśatair api / tathāpi sāram uddhṛtya tantrarūpeṇa nārada
In der Darlegung der Avatāras des erhabenen Viṣṇu und des Virāj, o Weiser, sehe ich kein Ende, selbst nicht in hundert Jahren. Dennoch will ich, das Wesentliche herausgreifend, es in Gestalt eines Tantra [darlegen], o Nārada,
Wort für Wort
śrīviṣṇor avatārāṇām
der Avatāras des erhabenen Viṣṇu (Gen. Pl.)
virājaś ca
und des Virāj [des kosmischen Körpers]
mahāmate
o Weiser (Vok.)
kathane naiva paśyāmi pāram api varṣaśataiḥ
in der Darlegung sehe ich kein Ende, selbst nicht in hundert Jahren
...will ich schildern, ganz so, wie es vom gnädigen Herrn selbst gesprochen wurde – nachdem ich mich, dem ein „Heil!“ vorausgeht, vor dem Herrn in Hirtengestalt verneigt habe.
Wort für Wort
varṇayāmi
ich werde schildern
yathaivoktam īśvareṇa dayālunā
ganz so, wie es vom gnädigen Herrn gesprochen wurde
jayapūrvaṃ namaskṛtya
nachdem ich mich, mit vorausgehendem Siegesruf, verneigt habe
Ich werde das „Sātvata-Tantra“ genannte [Werk] verkünden, das die Hingabe zum Herrn mehrt: [von der Zeit], als [nur] das Eine war – unmanifest, ewig, aus reinem Bewusstsein bestehend, unvergänglich.
Das, was die Wissenden als „Brahman“ bezeichnen und die Sātvatas als „den Erhabenen“ – da erachtete der Alldurchdringende, ohne ein [ihm entgegenstehendes] Sichtbares, sich selbst gleichsam als nicht-seiend,
Wort für Wort
brahmeti yad vidur vijñāḥ
das, was die Wissenden als Brahman bezeichnen
bhagavān iti sātvatāḥ
[und was] die Sātvatas als den Erhabenen [bezeichnen]
tadāsantam iva ātmānam matvā
da hielt er sich selbst gleichsam für nicht-seiend
das Wahre wurde zweifach, indem es selbst zu [reinem] Sein wurde: es [wurde], vermöge seiner Bewusstseinskraft (cicchakti), zu Prakṛti, Puruṣa und Mahat.
Wort für Wort
dviprakāram abhūt satyam
das Wahre/Wirkliche wurde zweifach
sattābhūtvā svayaṃ svayam
indem es selbst durch sich selbst zu [reinem] Sein wurde
wovon [der Zeit] sich einst, durch die Erregung der drei Guṇas, [etwas] gesondert manifestierte, wovon dem Jīva das Erlangen günstiger und ungünstiger Frucht zuteilwird –
kālakarmasvabhāvasthaḥ prakṛtiṃ prati noditaḥ / puruṣādhiṣṭhitā devī prakṛtir guṇasaṃgrahā
In Zeit, Karma und Eigennatur verweilend, wandte er sich [anregend] der Prakṛti zu – der vom Puruṣa belebten göttlichen Prakṛti, dem Inbegriff der Guṇas.
mahattattvam abhūt tattatparijñānakriyātmakam / tasmāj jāto hy ahaṃkāras trividho daivanoditāt
Das Mahat-Prinzip entstand, dessen Wesen im jeweiligen Erkennen und Handeln besteht. Aus diesem, göttlich angeregt, entstand das dreifache Ahaṃkāra (Ich-Bewusstsein),
Wort für Wort
mahattattvam abhūt
das Mahat-Prinzip entstand
tattatparijñānakriyātmakam
dessen Wesen im jeweiligen Erkennen und Handeln besteht
das man als „vaikārika, taijasa und tāmasa“ kennt. Aus dem vaikārika [-Ahaṃkāra] entstanden die Geistgottheiten, die Gebieter über Erkenntnis und Handlung [d.h. die den Sinnesorganen zugeordneten Gottheiten],
[?] Vāyu und [ein zweiter Windgott], die Himmelsrichtungen, Sūrya, die Nāsatya[-Zwillinge] – diese sind die Antreiber der [sinnlichen] Erkenntnis; Agni, Indra, Mitra und [ein vierter] – diese sind die Antreiber des Handelns.
Wort für Wort
marutkeśau
Vāyu und [ein zweiter, mit ihm genannter Windgott] (Dual)
diśaḥ sūryo nāsatyo
die Himmelsrichtungen, Sūrya, die Nāsatyas
jñānanodakāḥ
die Antreiber der [sinnlichen] Erkenntnis (die fünf Jñānendriya-Gottheiten)
vahnīndramitrakopetāḥ
versehen mit/einschließlich Agni, Indra, Mitra [und einem vierten]
ete karmāpanodakāḥ
diese sind die Antreiber des Handelns (die Karmendriya-Gottheiten)
[?] Die genaue Eins-zu-eins-Zuordnung der hier genannten Gottheiten zu den zehn Sinnes-/Handlungsorganen des klassischen Sāṃkhya-Schemas (vgl. ähnliche Listen in Purāṇas) ist nicht mit letzter Sicherheit rekonstruiert, insbesondere die Lesung "keśau" (Dual) bleibt unsicher.
rājasād viṣayagrāhajñānakarmasvarūpiṇaḥ / tvagrasajñā śrutiś cakṣur ghrāṇaṃ buddhiś ca tanmayāḥ
Aus dem rājasa[-Ahaṃkāra, d.h. taijasa] entstanden jene, deren Wesen das Erfassen der Objekte durch Erkenntnis und Handlung ist: Haut, Zunge, Ohr, Auge und Nase, sowie der Buddhi – aus diesen bestehend.
Wort für Wort
rājasād
aus dem rājasa(=taijasa)-Ahaṃkāra
viṣayagrāhajñānakarmasvarūpiṇaḥ
jene, deren Wesen das Erfassen der Objekte durch Erkenntnis und Handlung ist
tvagrasajñā śrutiś cakṣur ghrāṇaṃ
Haut, Zunge, Ohr, Auge, Nase
buddhiś ca tanmayāḥ
und der Buddhi, aus diesen bestehend
„tvagrasajñā“ als tvak (Haut) + rasajñā (wörtl. „Geschmackskennerin“, stehender Ausdruck für die Zunge) analysiert.
vākpāṇipāyūpasthāś ca gatiś ceti kriyātmakāḥ / tāmasāt pañcabhūtāni tanmātrāṇi ca bhāgaśaḥ
und Sprachorgan, Hand, After, Geschlechtsorgan sowie Bewegung(sorgan) – diese sind von handlungshafter Natur. Aus dem tāmasa[-Ahaṃkāra kommen] die fünf Elemente und die Tanmātras, ihrem Anteil nach.
Wort für Wort
vākpāṇipāyūpasthāś ca gatiś ca
und Sprachorgan, Hand, After, Geschlechtsorgan und Bewegung(sorgan)
Zuerst entstand aus dem tāmasa[-Ahaṃkāra] der Ton (Śabda); daraus entstand der Raum (Ākāśa). Aus dem tonhaften Raum aber entstand die Berührung (Sparśa); daraus entstand der Wind (Vāyu).
Wort für Wort
prathamaṃ tāmasāj jajñe śabdaḥ
zuerst entstand aus dem tāmasa der Ton
tasmād abhūn nabhaḥ
daraus entstand der Raum
śabdarūpāt tu nabhasaḥ
aus dem tonhaften Raum aber
sparśas tasmād abhūn marut
[entstand] die Berührung, daraus entstand der Wind
Aus dem Wind entstand sodann das Feuer (Tejas); aus dem Feuer die vorzügliche Form/Farbe (Rūpa). Aus der bloßen Form entstand der Geschmack (Rasa); daraus entstanden die reinen Wasser (Āpas).
Aus den Wassern entstand die Eigenschaft des Geruchs (Gandha); aus dem Geruch entstand die Erde (Bhūmi). [So sind] Mahat-Prinzip [und] Ahaṃkāra samt [den daraus hervorgegangenen Elementen] Ton, Berührung und Feuer/Form [vollständig benannt]. [?]
Wort für Wort
adbhyo jāto gandhaguṇaḥ
aus den Wassern entstand die Eigenschaft des Geruchs
gandhād bhūmir ajāyata
aus dem Geruch entstand die Erde
mahattattvam ahaṃkāraḥ
das Mahat-Prinzip, das Ahaṃkāra
saśabdasparśatejasaḥ
samt Ton, Berührung und Feuer/Form
[?] Der zweite Halbvers liest sich als knappe Zusammenfassung der bisherigen Tattva-Kette; eine im Einzelnen sichere Satzkonstruktion ist wegen der Kompression nicht auszumachen.
rasagandhāv ime sarve smṛtā prakṛtivikriyāḥ / śabdasya prakṛter eva saṃdṛśyante yato budhaiḥ
Geschmack und Geruch – diese alle gelten als Umwandlungen der Prakṛti, da sie von den Weisen als letztlich aus der Ton-Prakṛti hervorgehend erkannt werden.
Wort für Wort
rasagandhāv ime sarve
Geschmack und Geruch, diese alle
smṛtāḥ prakṛtivikriyāḥ
gelten als Umwandlungen der Prakṛti
śabdasya prakṛter eva
eben aus der Ton-Prakṛti
saṃdṛśyante yato budhaiḥ
werden sie dementsprechend von den Weisen erkannt
Anspielung auf die Pañcīkaraṇa-Lehre der kumulativen Übernahme von Eigenschaften durch die aufeinanderfolgenden Elemente.
So entstanden die [Element-]Ur-Prinzipien; man kennt sie [zugleich] als Ursachen und als deren Umwandlungen. Im Ākāśa gibt es nur den Ton; im Vāyu die Berührung samt Ton;
Wort für Wort
ato 'bhavan prakṛtayaḥ
so entstanden die [Element-]Ur-Prinzipien
vikārān vikṛtīr viduḥ
man kennt [sie] als Ursachen [und] als Umwandlungen
rūpaṃ tejasi śabdaś ca sparśaś caiva jale tathā / rasaśabdasparśarūpaṃ pṛthivyāṃ sarvam eva hi
im Feuer die Form sowie Ton und Berührung; ebenso im Wasser [dazu der Geschmack]; in der Erde [sind] Geschmack, Ton, Berührung [und] Form – wahrhaftig alles [zusammen].
Wort für Wort
rūpaṃ tejasi śabdaś ca sparśaś ca eva
im Feuer Form, Ton und Berührung
jale tathā
ebenso im Wasser [dazu der Geschmack]
rasaśabdasparśarūpaṃ pṛthivyāṃ
Geschmack, Ton, Berührung, Form in der Erde
sarvam eva hi
wahrhaftig alles [zusammen]
[Anm.: Klassische Pañcīkaraṇa-Lehre der kumulativen Eigenschaften der fünf Elemente; der Geruch der Erde ist durch „sarvam“ implizit mitgemeint.]
kāraṇānāṃ yataḥ kārye samanvayavidhis tataḥ / dṛśyate tv adhikas tatra guṇo yāvati kaś ca ha
[?] Da bei den Ursachen eine Regel der Übereinstimmung in der Wirkung [besteht], zeigt sich dort jeweils eine zusätzliche Eigenschaft, in welchem Maße auch immer.
Wort für Wort
kāraṇānāṃ yataḥ
da bei den Ursachen
kārye samanvayavidhis tataḥ
dort eine Regel der Übereinstimmung in der Wirkung [besteht]
dṛśyate tv adhikas tatra guṇaḥ
dort aber zeigt sich eine zusätzliche Eigenschaft
yāvati kaś ca ha
in welchem Maße auch immer
[?] Vers von hoher Kompression; die genaue Formulierung des Sāṃkhya-Kausalitätsprinzips (Satkāryavāda) bleibt im Detail unsicher.
Wisse, o Bester der Zweifachgeborenen, dass die mit dem Mahat beginnenden Prinzipien die als Wirkung [erscheinenden] Herabkunfts-Gestalten des großmütigen Puruṣa sind.
Wort für Wort
mahadādīni tattvāni
die mit dem Mahat beginnenden Prinzipien
puruṣasya mahātmanaḥ
des großmütigen Puruṣa
kāryāvatārarūpāṇi
die als Wirkung erscheinenden Herabkunfts-Gestalten
[?] Nachdem [die Prakṛti], die nach dem Willen des Puruṣa [wirkt], all diese [Prinzipien] zusammengefasst hatte, brachten sie [gemeinsam] anteilig den Virāj hervor, dessen Wesen die Welten sind.
Wort für Wort
sarvāṇy etāni saṃgṛhya
nachdem [man] all diese zusammengefasst hatte
puruṣasyecchayā yā
[die Prakṛti], die nach dem Willen des Puruṣa [wirkt]
aṃśair utpādayāmāsuḥ
brachten sie anteilig hervor
virājaṃ bhuvanātmakam
den Virāj, dessen Wesen die Welten sind
[?] Kongruenz von Subjekt und Verb (Plural „utpādayāmāsuḥ“ bei feminin-singularischem Relativpronomen „yā“) im Sanskrit-Text uneindeutig; hier als kollektives Wirken der Tattvas unter Führung der Prakṛti gedeutet.
Und in seinem (des Virāj) Inneren [befindet sich] ein Hohlraum von fünfzig Koṭi Ausdehnung, außen umhüllt von diesen sieben [Elementhüllen], von denen jede die vorige je um das Zehnfache übertrifft.
Diesen [Hohlraum] nennt man das eigene Haus des Puruṣa, in das er selbst eintrat – denn zuvor war [dieser Raum], obgleich schon vollständig ausgedehnt, allein noch unbeseelt.
Weil seine Ruhestätte (Ayana) in der Gesamtheit der aus [dem Urwesen] Nara entstandenen Prinzipien war, die „Nāra“ genannt wird, deshalb wird er als Nārāyaṇa überliefert.
Wort für Wort
narād utpannatattvānāṃ saṃgrahe
in der Gesamtheit der aus Nara entstandenen Prinzipien
nārasaṃjñake
die „Nāra“ genannt wird
ayanaṃ tasya yad abhūt
weil seine Ruhestätte darin war
tasmān nārāyaṇaḥ smṛtaḥ
deshalb wird er als Nārāyaṇa überliefert
[Anm.: Klassische Etymologie nāra (die aus Nara/Puruṣa entstandenen Wasser bzw. Prinzipien) + ayana (Ruhestätte) = Nārāyaṇa, vgl. Manusmṛti 1.10.]
da erhob sich, nachdem er [ihm] Bewusstsein verliehen hatte, nach langer Zeit ein [manifester] Körper, benannt mit dem Wort „Gesamtheit“ (Samaṣṭi), die Zufluchtsstätte der vierzehn Welten.
Wort für Wort
tadā cetanam āpādya
da, nachdem er [ihm] Bewusstsein verliehen hatte
cirād vigraha utthitaḥ
nach langer Zeit erhob sich ein [manifester] Körper
In dem [Körper befindet sich] das Bewegliche und Unbewegliche, [und] der Schöpfer Brahmā, [der] ein Leib Haris [ist] – die Kenner erkennen jenen Virāj, insoweit er dort aus den Welten besteht.
[Man nennt] dessen sich-selbst-vorstellenden [individuellen] Lebensgeist „Vairāja-Puruṣa“, [und] den ihn innerlich lenkenden Gott [nennt man] den makellosen Nārāyaṇa,
Wort für Wort
tasyābhimāninaṃ jīvaṃ
dessen sich-selbst-vorstellenden individuellen Lebensgeist
Durch dessen mit Rajas verbundenen Anteil wurde Brahmā für die Schöpfung geboren; Viṣṇu, der Gebieter der Sattva-Eigenschaft, [wurde geboren], um die Welt in der Erhaltung zu bewahren,
und durch Tamas wurde er zum allwaltenden Rudra-Gestaltigen der Auflösung. Diese sind die aus den Guṇas bestehenden, durch [ihre jeweilige] Tätigkeit unterschiedenen Herabkünfte Viṣṇus.
Wort für Wort
tamasā rudrarūpo 'bhūt
durch Tamas wurde er Rudra-gestaltig
pratisaṃcaraṇo vibhuḥ
der allwaltende [Bewirker] der Auflösung
ete viṣṇor guṇamayā avatārāḥ
diese sind die aus den Guṇas bestehenden Avatāras Viṣṇus
Pulastya und Pulaha, Kratu, Dakṣa – o Bester der Zweifachgeborenen –, Bhṛgu, Vasiṣṭha und Atharvan, sowie Kardama und die übrigen Herren der Geschöpfe.
Durch einen Anteil Viṣṇus entstanden Dharma, Yajña [und] „Bṛhattrivṛt“ [?]; [ebenso] die vierzehn mit Svāyambhuva beginnenden Manus, in der Welt gepriesen.
Wort für Wort
viṣṇor aṃśena samabhūt
durch einen Anteil Viṣṇus entstand
dharmo yajño bṛhattrivṛt
Dharma, Yajña, „Bṛhattrivṛt
svāyambhuvādyā manavo dvisaptā
die vierzehn mit Svāyambhuva beginnenden Manus
lokaviśrutāḥ
in der Welt gepriesen
[?] „Bṛhattrivṛt“ (wörtl. etwa „der große Dreifache“) ist als Eigen-/Beiname unklar; möglicherweise Bezug auf eine bestimmte Opfer- oder Gottheitsform (vgl. die vedischen „Bṛhat“- und „Trivṛt“-Sāman-Bezeichnungen).
eṣāṃ putrāś ca pautrāś ca tathendrādyāś ca devatāḥ / viṣṇvaṃśayuktā lokānāṃ pālakāḥ kathitā mayā
Deren Söhne und Enkel, und ebenso die mit Indra beginnenden Gottheiten, verbunden mit einem Anteil Viṣṇus, wurden von mir als die Beschützer der Welten genannt.
rudrasyāṃśena śataśo jātā rudragaṇāḥ pṛthak / sarpāś ca śataśo jātā ye ca hiṃsrāḥ svabhāvataḥ
Durch einen Anteil Rudras entstanden zu Hunderten die einzelnen Rudra-Scharen; und zu Hunderten entstanden die Schlangen sowie jene [Wesen], die von Natur aus gewalttätig sind.
Nun will ich dir gesondert die Spielgestalten (Līlā-Körper) Haris verkünden – höre [von ihnen], die aus reinem Sattva bestehen, friedvoll [sind] und die Stätte der Liebe der Welt [bilden].
Er, der eine Gebieter, der Erhabene, der Unendliche, der Brahman-gestaltige Puruṣa, der Über-Opfer-Herr (Adhiyajña) – er nahm, um das All abermals zu schützen, seiner eigenen Aufgabe [entsprechende] Körper an: ihn, Kṛṣṇa, verehre ich.
Wort für Wort
ya īśa eko bhagavān ananto
er, der eine Gebieter, der Erhabene, der Unendliche
brahmasvarūpī puruṣo 'dhiyajñaḥ
der Brahman-gestaltige Puruṣa, der Über-Opfer-Herr
pātuṃ punar viśvam asau
er, um das All abermals zu schützen
svakāryaṃ bheje tanūḥ
nahm seiner eigenen Aufgabe entsprechende Körper an
taṃ praṇamāmi kṛṣṇam
ihn, Kṛṣṇa, verehre ich
[Anm.: abweichendes, längeres Versmaß (vermutlich triṣṭubh-verwandt) markiert den feierlichen Abschluss des Paṭala.]