Paṭala 9: Navamaḥ Paṭalaḥ
Neunter Paṭala – Warum allein Kṛṣṇa? Die Ursprungserzählung des Tantras und die Frage der Opfergewalt
Der abschließende Paṭala der Sātvata-Saṃhitā: Śiva erzählt Nārada, wie er selbst einst aus Sorge um die verirrten, andere Götter mit Tieropfer verehrenden Menschen bei Kṛṣṇa Zuflucht suchte und eine ausführliche Vision samt Hymnus erhielt (V.1-24) – darin auch Śivas eigenes Bekenntnis, die Śaiva-Āgamas so gestaltet zu haben, dass sie Kṛṣṇa verhüllt enthalten (V.6-9). Es folgt die Rahmenerzählung der Entstehung des Tantras selbst aus dem Dialog zwischen Śiva und Pārvatī sowie den übrigen Göttern, niedergeschrieben von Gaṇeśa (V.25-31). Den zweiten Teil bildet Nāradas Frage nach dem Widerspruch zwischen dem im Tantra gelehrten Gewaltverbot und der vedisch vorgeschriebenen Opfertötung, sowie Śivas ausführliche Antwort über pravṛtti- und nivṛtti-Handeln, die bloß erlaubende (nicht gebietende) Natur der Opfergewalt-Vorschrift, und die besondere Gewaltlosigkeit der Viṣṇu-Verehrer (V.32-50). Ein zusammenfassender Rückblick auf den gesamten Inhalt der Sātvata-Saṃhitā (V.51-56) und ein abschließender Hymnus auf den bloßen Namen (V.57) beschließen das gesamte Werk.
Śrī Nārada sprach: Wenn ein solcher Vorzug im Dienst an den Füßen des Erhabenen liegt, o Gott der Götter, warum verehren dann die Menschen aus welchem Wunsch heraus überhaupt noch einen anderen Gott?
Wort für Wort
śrī-nārada uvāca
Śrī Nārada sprach
iyān guṇo 'sti deveśa
wenn ein solcher Vorzug besteht, o Gott der Götter
bhagavatpādasevane
im Dienst an den Füßen des Erhabenen
kuto bhajanti manujo anyadevaṃ kim icchayā
warum verehren die Menschen aus welchem Wunsch einen anderen Gott
Śrī Śiva sprach: Als im Zeitalter der Ur-Wahrheit (Satya-Yuga), o Fürst der Brahmanen, die Menschen ganz auf Viṣṇu ausgerichtet waren, verehrten sie außer Viṣṇu auf keine Weise irgendeinen anderen Gott.
Wort für Wort
śrī-śiva uvāca
Śrī Śiva sprach
yadā ādisatye viprendra
als im Ur-Zeitalter der Wahrheit, o Fürst der Brahmanen
narā viṣṇuparāyaṇāḥ
die auf Viṣṇu ausgerichteten Menschen
na yajanti vinā viṣṇum anyadevaṃ kathaṃcana
verehrten außer Viṣṇu auf keine Weise einen anderen Gott
tadātmapūjāprāptyarthaṃ sarvadevamayaṃ ca vai / pūjayāmo hṛṣīkeśaṃ kāyavāṅmanasā dvija //
Da sprachen die Götter: 'Zum Zweck des Erlangens der Verehrung unser selbst verehren wir doch Hṛṣīkeśa, der alle Götter in sich enthält, mit Leib, Rede und Geist, o Zweifachgeborener.'
Wort für Wort
tadā ātmapūjāprāptyartham
da, zum Zweck des Erlangens der eigenen Verehrung
sarvadevamayaṃ ca vai
der alle Götter enthält
pūjayāmo hṛṣīkeśam
verehren wir Hṛṣīkeśa
kāyavāṅmanasā dvija
mit Leib, Rede und Geist, o Zweifachgeborener
[Anm.: Sprecher hier die Götter, in Śivas Erzählung eingebettet.]
Da sprach zufrieden der Alldurchdringende, der Gott der Götter, der Herr der Ramā (Lakṣmī): 'Ich werde herabsteigen und opfern, indem ich euch und die Welten zum Opfern veranlasse.'
Wort für Wort
tadā tuṣṭo vibhuḥ prāha
da sprach zufrieden der Alldurchdringende
devadevo rameśvaraḥ
der Gott der Götter, der Herr der Ramā
avatīrya yajiṣyāmi
herabgestiegen werde ich opfern
yuṣmāṃl lokāṃś ca yājayan
indem ich euch und die Welten zum Opfern veranlasse
'Das die Sünde der Geringschätzung meiner nehmende, vortreffliche Tausend-Namen-Verzeichnis wirst du stets lesen, zum Heil, wie ich dich wiederum gebeten habe.'
tato me hy āgamaiḥ kṛṣṇam ācchādya na tu devatāḥ / yantrair mantraiś ca tantraiś ca darśitāḥ phaladā dvija //
Daraufhin wurden von mir, indem ich Kṛṣṇa durch die Āgamas verhüllte, nicht aber die anderen Gottheiten, mittels Ritualdiagrammen, Mantras und Verehrungsweisen die fruchtgewährenden (Gottheiten) gezeigt, o Zweifachgeborener.
Wort für Wort
tato me hi āgamaiḥ kṛṣṇam ācchādya
daraufhin wurde von mir, indem ich Kṛṣṇa durch die Āgamas verhüllte
na tu devatāḥ
nicht aber die Gottheiten
yantrair mantraiś ca tantraiś ca
mittels Diagrammen, Mantras und Verehrungsweisen
darśitāḥ phaladā dvija
gezeigt, die fruchtgewährenden, o Zweifachgeborener
[Anm.: Śiva erklärt, die Śaiva-/Śākta-Āgamas so gestaltet zu haben, dass sie Kṛṣṇa verhüllt enthalten, während oberflächlich andere Gottheiten im Zentrum stehen.]
Nachdem sie verschiedene Götter aus dem Wunsch nach mancherlei Lust und Glück verehrt haben, gehen sie am Ende des Genusses in ihre eigene, aus Finsternis bestehende Hölle ein.
Als ich solcherart beschaffene Menschen sah, wurde mein Sinn von der Furcht vor Sünde ergriffen, und ich nahm, o Zweifachgeborener, Zuflucht bei den Füßen des Vāsudeva.
Wort für Wort
dṛṣṭvā tathāvidhāṃ lokān
als ich solcherart beschaffene Welten (Menschen) sah
Und ich verneigte mich und verfasste ein Lobpreis, den Nacken in Ehrerbietung gesenkt, mit gesammeltem Sinn, o Brahmane, die Hände gefaltet, an den höchsten Geist gerichtet:
Oṃ, Verehrung sei Kṛṣṇa, dem ungetrübten Schöpfer, dem Verwandten der Lebewesen, die spielerisch Zuflucht bei deinen Füßen suchen, dem stets seine Wünsche Erlangten, der Ursache des großen Zwecks, dem Schatz von Erkenntnis und Wissen, dem Selbstentstandenen.
Wort für Wort
oṃ namo 'stu kṛṣṇāya
Oṃ, Verehrung sei Kṛṣṇa
vikuṇṭhavedhase
dem ungetrübten Schöpfer
tvatpādalīlāśrayajīvabandhave
dem Verwandten der Lebewesen, die spielerisch Zuflucht bei deinen Füßen suchen
sadāptakāmāya mahārthahetave
dem stets seine Wünsche Erlangten, der Ursache des großen Zwecks
vijñānavidyānidhaye svayambhuve
dem Schatz von Erkenntnis und Wissen, dem Selbstentstandenen
eko 'si sṛṣṭeḥ purato laye tathā yugādikāle ca vidāṃ samakṣataḥ / anyatra nānātanubhir virājate tasmā anantācaritāya te namaḥ //
Du bist einer vor der Schöpfung, ebenso bei der Auflösung und zu Beginn eines jeden Zeitalters, den Wissenden unmittelbar gegenwärtig; anderswo erstrahlst du in vielfältigen Körpern – darum sei dir, dessen Wirken unendlich ist, Verehrung.
Wort für Wort
eko 'si sṛṣṭeḥ purato laye
du bist einer vor der Schöpfung, bei der Auflösung
tathā yugādikāle ca vidāṃ samakṣataḥ
ebenso zu Beginn des Zeitalters, den Wissenden gegenwärtig
anyatra nānātanubhir virājate
anderswo erstrahlst du in vielfältigen Körpern
tasmā anantācaritāya te namaḥ
darum sei dir, dessen Wirken unendlich ist, Verehrung
pradhānakālāśayakarmasākṣiṇe tatsaṃgrahāpāravihārakāriṇe / kṛṣṇāya nānātanum īyuṣe same kṛtānurāgāya namo namas te //
Dem Zeugen der Urmaterie, der Zeit, der karmischen Neigung und des Handelns; dem Bewirker eines grenzenlosen Spiels bei deren Zusammenfassung; Kṛṣṇa, der zu vielfältigen Körpern gelangt, dem Gleichmütigen, der dennoch Zuneigung übt – Verehrung, immer wieder Verehrung sei dir.
Wort für Wort
pradhānakālāśayakarmasākṣiṇe
dem Zeugen von Urmaterie, Zeit, Neigung und Handeln
tatsaṃgrahāpāravihārakāriṇe
dem Bewirker eines grenzenlosen Spiels bei deren Zusammenfassung
kṛṣṇāya nānātanum īyuṣe
Kṛṣṇa, der zu vielfältigen Körpern gelangt
same kṛtānurāgāya namo namas te
dem Gleichmütigen, der Zuneigung übt, Verehrung, immer wieder Verehrung sei dir
śṛṇvanti gāyanti gṛṇanti ye yaśo jagatpavitraṃ jagadīśitus tava / te 'nyaṃ na paśyanti sukhāya hy ātmano vinā bhavatpādaniṣevaṇād bahiḥ //
Die, welche deinen die Welt reinigenden Ruhm hören, singen und aussprechen, du Herrscher der Welt – sie sehen zu ihrer eigenen Wonne nichts anderes außerhalb des Dienstes an deinen Füßen.
Wort für Wort
śṛṇvanti gāyanti gṛṇanti ye
die hören, singen und aussprechen, welche
yaśo jagatpavitraṃ jagadīśitus tava
deinen die Welt reinigenden Ruhm, du Herrscher der Welt
niṣkiṃcanā ye tava pādasaṃśrayāḥ puṣṇanti te tat sukham ātmasambhavam / jānanti tattvena vidus tataḥ parāḥ kāmaiḥ samākṛṣṭadhiyo vicakṣaṇāḥ //
Die, welche besitzlos bei deinen Füßen Zuflucht genommen haben, nähren jene aus dem Selbst entstandene Wonne; sie erkennen sie der Wahrheit nach, und die Weisen kennen sie darüber hinaus noch tiefer, mögen ihre Sinne auch von Wünschen angezogen werden.
Wort für Wort
niṣkiṃcanā ye tava pādasaṃśrayāḥ
die, welche besitzlos bei deinen Füßen Zuflucht genommen haben
puṣṇanti te tat sukham ātmasambhavam
nähren jene aus dem Selbst entstandene Wonne
jānanti tattvena vidus tataḥ parāḥ
sie erkennen sie der Wahrheit nach, die Weisen darüber hinaus
kāmaiḥ samākṛṣṭadhiyo vicakṣaṇāḥ
die Weisen, deren Sinn von Wünschen angezogen wird
[Anm.: Vers philosophisch dicht, genaue Pointe des zweiten Halbverses unsicher.]
Ich aber, obwohl ich unmittelbar stets deinen Lotosfuß verehre, o Alldurchdringender, war dennoch andersartigen Sinnes – da ich früher meinen eigenen Ruhm zu erlangen suchte; heute aber schneide ich, sogar von deiner Gegenwart aus, den eigenen Makel ab.
Wort für Wort
ahaṃ tu sākṣāt tava pādapaṅkajaṃ nityaṃ bhajāno 'pi
ich aber, obwohl ich unmittelbar stets deinen Lotosfuß verehre
pṛthaṅmatir vibho
war andersartigen Sinnes, o Alldurchdringender
purātmamānaṃ pracikīrṣur ātmanaḥ
da ich früher meinen eigenen Ruhm zu erlangen suchte
sakāśato 'py adya malaṃ nikṛntayan
heute aber, sogar von deiner Gegenwart aus, den Makel abschneidend
athāpi te deva padāmbujadvayaṃ nikāmalābhāya sadāstu me hareḥ / yac cintanāt sarvamano'nukūlāt siddhir bhavaty eva kimu prakīrtanāt //
Dennoch, o Gott, sei mir dein Lotosfuß-Paar stets zum vollständigen Erlangen bestimmt, o Hari – durch dessen Gedenken, das allem Sinnen zuträglich ist, entsteht ja schon Vollkommenheit, wie viel mehr erst durch dessen Preisen!
Wort für Wort
athāpi te deva padāmbujadvayaṃ
dennoch, o Gott, dein Lotosfuß-Paar
nikāmalābhāya sadāstu me hareḥ
sei mir stets zum vollständigen Erlangen, o Hari
yac cintanāt sarvamano'nukūlāt
durch dessen Gedenken, das allem Sinnen zuträglich ist
siddhir bhavaty eva kimu prakīrtanāt
entsteht schon Vollkommenheit, wie viel mehr durch das Preisen
iti me saṃstutiṃ jñātvā bhagavān praṇatārtihā / mamākṣigocaraṃ rūpam akarot sa dayāparaḥ //
Nachdem der Erhabene, der die Not der sich Verneigenden nimmt, mein Lobpreis solcherart erkannt hatte, machte er, dem Mitleid ergeben, seine Gestalt für meine Augen sichtbar.
Wort für Wort
iti me saṃstutiṃ jñātvā
nachdem er mein Lobpreis solcherart erkannt hatte
bhagavān praṇatārtihā
der Erhabene, der die Not der sich Verneigenden nimmt
Ich sah ihn: dicht wie von Wonne durchdrungen wie ein großer Saphir, aus dessen Leib strahlendes Gold an der Krone hervortritt, mit Halskette und Ohrringpaar, mit Armreifen, Gürtel und Oberarmspangen, mit Fußglöckchen und glänzenden gelbbraunen Armreifen geschmückt, von Lakṣmī gezeichnet, den ewigen Allherrscher, den Mitleidsquell, von den besten Göttern und Hingebungsvollen zusammen verehrt.
Wort für Wort
sāndrānandamahendranīlamaṇivat
dicht wie von Wonne durchdrungen, wie ein großer Saphir
dehodgataprollasatsvarṇair mauliṣu
mit an der Krone aus dem Leib hervortretendem, strahlendem Gold
hārakuṇḍalayugaiḥ keyūrakāñcyaṅgadaiḥ
mit Halskette und Ohrringpaar, Armreifen, Gürtel und Oberarmspangen
mañjīrair vilasatpiśaṅgavalayam
mit Fußglöckchen, glänzenden gelbbraunen Armreifen
lakṣmyāṅkitaṃ śāśvatam sarveśaṃ karuṇākaraṃ
von Lakṣmī gezeichnet, den ewigen Allherrscher, den Mitleidsquell
suravarair bhaktaiḥ samāsevitam
von den besten Göttern und Hingebungsvollen verehrt
dṛṣṭvā tatpadapaṅkajaṃ hṛdi dadhe govindadāmodaraśrīkṛṣṇeti mukhair vadan trijagato bhartur mudāhaṃ tadā / netrair nirjharavāripūram iva me gātre ca harṣas tato vāṇyāṃ gadgadatāṃ vilokya bhagavān mām āha bhaktapriyaḥ //
Als ich seinen Lotosfuß erblickte, barg ich ihn im Herzen; 'Govinda, Dāmodara, Śrī Kṛṣṇa!' mit dem Mund sprechend, in Freude über den Herrn der drei Welten, da flossen mir aus den Augen wie eine Sturzbach-Wasserflut Tränen, und am Leib entstand Wonneschauer; als der Erhabene, der den Hingebungsvollen lieb ist, dann mein Stammeln in der Stimme wahrnahm, sprach er zu mir:
Wort für Wort
dṛṣṭvā tatpadapaṅkajaṃ hṛdi dadhe
als ich seinen Lotosfuß erblickte, barg ich ihn im Herzen
govindadāmodaraśrīkṛṣṇeti mukhair vadan
'Govinda, Dāmodara, Śrī Kṛṣṇa' mit dem Mund sprechend
trijagato bhartur mudā ahaṃ tadā
in Freude über den Herrn der drei Welten, da ich
netrair nirjharavāripūram iva me gātre ca harṣaḥ
aus den Augen wie eine Sturzbach-Wasserflut, und am Leib Wonneschauer
tato vāṇyāṃ gadgadatāṃ vilokya
als er dann das Stammeln in der Stimme wahrnahm
bhagavān mām āha bhaktapriyaḥ
sprach der Erhabene, dem die Hingebungsvollen lieb sind, zu mir
jñatāṃ me suravarya vāñchitatarāṃ madbhaktasaṅgāvaliṃ tat te 'haṃ pravadāmi te karuṇayā bhaktāya sākaṃ varaiḥ / mallīlāṃ gadato bhaviṣyati bhavatsarve janā vaiṣṇavāḥ / bhāryā cāpi tayānukūlasukhadā bhaktāgraṇīr me bhavān //
'Erkenne, o Bester der Götter, die sehr erwünschte Reihe der Gemeinschaft mit meinen Hingebungsvollen; dies verkünde ich dir mit Mitleid, dem Hingebungsvollen, zusammen mit Gaben: wer mein Spiel erzählt – alle Menschen an deinem Ort werden zu Viṣṇu-Verehrern werden; auch deine Gattin wird dir dadurch zuträgliches Glück schenken, du wirst mein bester Hingebungsvoller sein.'
Wort für Wort
jñatāṃ me suravarya vāñchitatarāṃ madbhaktasaṅgāvalim
erkenne, o Bester der Götter, die sehr erwünschte Reihe der Gemeinschaft mit meinen Hingebungsvollen
tat te 'haṃ pravadāmi te karuṇayā bhaktāya sākaṃ varaiḥ
dies verkünde ich dir mit Mitleid, dem Hingebungsvollen, zusammen mit Gaben
Nachdem der Erhabene so viel gesagt hatte, ging er in die überirdische Welt; und ich, nachdem ich jene Gaben erlangt hatte, bin erfüllten Zieles, o Stier unter den Zweifachgeborenen.
Wort für Wort
etāvad uktvā bhagavān gato lokam alaukikam
nachdem der Erhabene so viel gesagt hatte, ging er in die überirdische Welt
ahaṃ ca tān varāṃl labdhvā kṛtārtho 'smi
und ich, nachdem ich jene Gaben erlangt hatte, bin erfüllten Zieles
bhavān mahābhāgavataḥ kumārādyā maheśvarāḥ / kuberādyā devatāś ca nandīśādyāś ca me gaṇāḥ //
und ebenso du, der große Bhāgavata (Viṣṇu-Verehrer), die Kumāras u.a., die großen Herren, Kubera u.a. Gottheiten, und Nandin u.a., meine Gefolgsscharen,
einzeln, einzeln fragten sie mich, die bei den Lotosfüßen Kṛṣṇas Zuflucht genommen hatten, nach den höchst heilbringenden Geschichten, die die einzige Reinigung aller Welten sind.
Wort für Wort
pṛthak pṛthag apṛcchan mā
einzeln, einzeln fragten sie mich
kṛṣṇapādāmbujāśrayāḥ
die bei den Lotosfüßen Kṛṣṇas Zuflucht genommen hatten
Und die Worte der mich Befragenden sowie meine eigenen Worte, o bester Zweifachgeborener, schrieb jener wachsame Gaṇeśa, mein Sohn, in meiner Nähe nieder.
Wort für Wort
atha māṃ pṛcchatī vākyaṃ madvākyaṃ ca
und die Worte der mich Befragenden sowie meine Worte
dvijottama
o bester Zweifachgeborener
saṃlikhaty apramatto 'sau gaṇeśo matsuto 'ntike
schrieb jener wachsame Gaṇeśa, mein Sohn, in meiner Nähe nieder
śrīnārada uvāca / śrutaṃ bhagavato vaktrāt tantraṃ sātvatam uttamam / tasmin hiṃsāniṣedhaṃ ca śrutvā me saṃśayo 'bhavat //
Śrī Nārada sprach: Ich habe aus dem Munde des Erhabenen das vortreffliche Sātvata-Tantra gehört; und nachdem ich darin das Verbot der Gewalt gehört hatte, entstand mir ein Zweifel:
Wort für Wort
śrī-nārada uvāca
Śrī Nārada sprach
śrutaṃ bhagavato vaktrāt tantraṃ sātvatam uttamam
gehört aus dem Munde des Erhabenen das vortreffliche Sātvata-Tantra
tasmin hiṃsāniṣedhaṃ ca śrutvā
und nachdem ich darin das Verbot der Gewalt gehört hatte
Vom Veda ist die Tötung von Tieren im Opferwerk vorgeschrieben; im Opfer gilt das Töten zugleich als Nicht-Töten, wie es von den Vedakundigen dargelegt wird.
Wort für Wort
vedena vihitā hiṃsā paśūnāṃ yajñakarmaṇi
vom Veda ist die Tötung von Tieren im Opferwerk vorgeschrieben
Wie kann bei deren Verbot das im Veda und in der Smṛti gegründete Ritualwerk, das den Menschen hier und im Jenseits Frucht gewährt, bestehen bleiben, o großer Herr?
Wort für Wort
tanniṣedhe kathaṃ śrautaṃ smārtaṃ karma maheśvara
wie kann bei deren Verbot das vedische und smṛti-gegründete Werk, o großer Herr
śrīśiva uvāca / pravṛttaṃ ca nivṛttaṃ ca dvividhaṃ karma varṇitam / śrutyā smṛtyā ca viprendra kāmyaṃ kāmijanāya vai //
Śrī Śiva sprach: Handeln wird zweifach geschildert – als hinwendendes und als abwendendes, durch Śruti und Smṛti, o Fürst der Brahmanen; das Wunsch-Handeln gilt für den Begehrenden.
Wort für Wort
śrī-śiva uvāca
Śrī Śiva sprach
pravṛttaṃ ca nivṛttaṃ ca dvividhaṃ karma varṇitam
hinwendendes und abwendendes Handeln wird zweifach geschildert
Wer das hinwendende Handeln ohne Widerspruch zur Vorschrift vollzieht, gelangt als Mensch zum Himmel; bei verbliebenem Verdienstrest wird er auf der Erdoberfläche unter den 'karma-benannten' Menschen wiedergeboren.
Wort für Wort
pravṛttam avirodhena kurvan svar yāti mānavaḥ
wer das hinwendende Handeln ohne Widerspruch vollzieht, gelangt als Mensch zum Himmel
puṇyāvaśeṣe bhūpṛṣṭhe
bei verbliebenem Verdienstrest auf der Erdoberfläche
Der Yogin aber, der das abwendende Handeln übt, dessen Sinn den Wunsch nach Genuss aufgegeben hat, gelangt zur höchsten Vollkommenheit, von wo aus er, einmal gegangen, nicht mehr zurückkehrt.
Daher wurde für den, der im hinwendenden Handeln gegründet ist, der mancherlei Begierde zugetan ist, durch die sechsfachen Regeln der Brahmanen eben nur eine Erlaubnis, keine Vorschrift gezeigt,
Wort für Wort
ataḥ pravṛttiniṣṭhasya nānākāmānurāgiṇaḥ
daher für den im hinwendenden Handeln Gegründeten, mancherlei Begierde Zugetanen
denn eine verpflichtende Vorschrift zur Gewalt gibt es gar nicht – da nur eine Erlaubnis erteilt wurde; darum wird von den Weisen selbst beim Opfer die Enthaltung von Gewalt gelehrt.
Wort für Wort
vidhir na eva asti hiṃsāyām
eine Vorschrift zur Gewalt gibt es gar nicht
abhyanujñā yataḥ kṛtā
da nur eine Erlaubnis erteilt wurde
ato nivṛttihiṃsāyāṃ yajñe 'pi kathitā budhaiḥ
darum wird selbst beim Opfer die Enthaltung von Gewalt von den Weisen gelehrt
ahiṃsā paramo dharmaḥ sarvavarṇāśramāditaḥ / sa ca ācārato nṇām abhīṣṭaphalado bhavet //
Gewaltlosigkeit ist das höchste Dharma für alle Kasten und Lebensstände; und diese wird, durch rechten Wandel geübt, den Menschen zur Gewährerin der erwünschten Frucht.
Darum gilt: der Erhabene, der Herr über alles, ist in alle Wesen eingegangen und erscheint in den vielfältigen Gestalten der unbeweglichen und beweglichen Geschöpfe.
Wort für Wort
ataḥ sarveṣu bhūteṣu bhagavān akhileśvaraḥ
darum ist der Erhabene, der Herr über alles, in alle Wesen
praviṣṭa īyate
eingegangen und erscheint
nānārūpaiḥ sthāvarajaṅgamaiḥ
in den vielfältigen Gestalten der unbeweglichen und beweglichen Geschöpfe
mayāpi hy āgame hiṃsā vihitā yā vidhānataḥ / sāpi kāmukalokānāṃ kāmitāphalasiddhaye / viṣṇubhaktā na vāñchanti matto 'pi kiyad eva hi / atas teṣāṃ vidhāne 'pi hiṃsā nindyā prakīrtitā //
Auch die von mir selbst im Āgama vorschriftsmäßig verordnete Gewalt dient nur den nach weltlichem Genuss verlangenden Menschen zur Erlangung ihrer erwünschten Frucht; die Viṣṇu-Verehrer begehren davon auch von mir nur allenfalls ein Geringes; darum wird selbst innerhalb der für sie geltenden Vorschrift die Gewalt als tadelnswert verkündet.
Wort für Wort
mayāpi hy āgame hiṃsā vihitā yā vidhānataḥ
auch die von mir im Āgama vorschriftsmäßig verordnete Gewalt
sāpi kāmukalokānāṃ kāmitāphalasiddhaye
dient den nach Genuss verlangenden Menschen zur Erlangung ihrer Frucht
viṣṇubhaktā na vāñchanti matto 'pi kiyad eva hi
die Viṣṇu-Verehrer begehren auch von mir nur ein Geringes
atas teṣāṃ vidhāne 'pi hiṃsā nindyā prakīrtitā
darum wird selbst in der für sie geltenden Vorschrift die Gewalt als tadelnswert verkündet
Darum sollst du, nachdem du die Wunsch-Handlungen besonders aufgegeben hast, die verdienstvollen Kṛṣṇa-Geschichten hören, die allen Welten die erwünschte Vollkommenheit gewähren.
Wort für Wort
atas tvaṃ kāmyakarmāṇi parityajya viśeṣataḥ
darum sollst du, nachdem du die Wunsch-Handlungen besonders aufgegeben hast
śrūyāḥ kṛṣṇakathāḥ puṇyāḥ
die verdienstvollen Kṛṣṇa-Geschichten hören
sarvalokeṣṭasiddhidāḥ
die allen Welten die erwünschte Vollkommenheit gewähren
Man höre die Lehre des hinwendenden Handelns nur soweit, dass man danach dem abwendenden Handeln ergeben wird; als das Vorzüglichste aber wird selbst innerhalb des abwendenden Handelns die mit Hingabe zu Hari verbundene Praxis verkündet.
Besonders die Geschichten von Kṛṣṇas Spiel, die der Welt höchst heilbringend sind, preise, o bester Zweifachgeborener, und lass sie ununterbrochen hören.
Wort für Wort
viśeṣataḥ kṛṣṇalīlākathā lokasumaṅgalāḥ
besonders die Geschichten von Kṛṣṇas Spiel, die der Welt heilbringend sind
hitvānyadevaśaraṇaṃ bhajanaṃ ca viśeṣataḥ / ye bhajanti hareḥ pādaṃ kṛṣṇaikaśaraṇaṃ narāḥ //
Die Menschen, die, nachdem sie die Zuflucht bei und Verehrung anderer Götter besonders aufgegeben haben, den Fuß Haris verehren, allein bei Kṛṣṇa Zuflucht nehmend,
Wort für Wort
hitvā anyadevaśaraṇaṃ bhajanaṃ ca viśeṣataḥ
nachdem sie die Zuflucht bei und Verehrung anderer Götter besonders aufgegeben haben
ye bhajanti hareḥ pādaṃ
die den Fuß Haris verehren
kṛṣṇaikaśaraṇaṃ narāḥ
die Menschen, die allein bei Kṛṣṇa Zuflucht nehmen
ye tu naivaṃvido 'śāntā mūḍhāḥ paṇḍitamāninaḥ / yajanty avirataṃ devān paśūn hatvā sukhecchayā //
Die aber, die dies nicht wissen, unruhig, verblendet, sich selbst für gelehrt haltend, unablässig Götter verehren, indem sie aus Verlangen nach Glück Tiere töten,
Wort für Wort
ye tu na evaṃvido 'śāntā mūḍhāḥ paṇḍitamāninaḥ
die aber, die dies nicht wissen, unruhig, verblendet, sich für gelehrt haltend
diese werden am Ende ihres Lust-Genusses mit Gewissheit davon abgeschnitten werden. – So wurde dies, o Brahmane, verkündet: das vortreffliche Sātvata-Tantra,
Wort für Wort
kāmabhogāvasāne taṃ te cchetsyanti viniścitam
am Ende ihres Genusses werden sie davon mit Gewissheit abgeschnitten
ity etat kathitaṃ vipra
so wurde dies, o Brahmane, verkündet
tantraṃ sātvatam uttamam
das vortreffliche Sātvata-Tantra
[Anm.: 'taṃ te cchetsyanti' unsicher übersetzt – wörtlich 'sie werden ihn/es abschneiden', evtl. Bezug auf den Faden ihres Verdienstes oder Lebens.]
Für den, der die Hingabe erlangt hat, o Frommer, was bleibt da noch anderes übrig? Denn vom Erhabenen selbst wurde verkündet, dass dies die Hingabe zu ihm mehrt.
Wort für Wort
bhaktiṃ labdhavataḥ sādho kim anyad avaśiṣyate
für den, der die Hingabe erlangt hat, o Frommer, was bleibt noch übrig
yato bhagavatā proktaṃ tasya bhaktivivardhanam
denn vom Erhabenen wurde verkündet, dass dies dessen Hingabe mehrt
In diesem Tantra wurde, o Brahmane, die vortreffliche Entstehung des Universums verkündet, sowie die Avatāras Śrī Viṣṇus in ihrer Unterscheidung als Vollheit, Anteil und Bruchteil,
bhaktibhedāś ca bhedānāṃ lakṣaṇaṃ ca pṛthagvidham / yugānurūpaṃ śrīviṣṇoḥ sevayā mokṣasādhanam //
die Unterscheidungen der Hingabe und das je gesonderte Kennzeichen dieser Unterscheidungen, sowie das den Weltzeitaltern gemäße Mittel der Erlösung durch den Dienst an Śrī Viṣṇu,
Wort für Wort
bhaktibhedāś ca bhedānāṃ lakṣaṇaṃ ca pṛthagvidham
die Unterscheidungen der Hingabe und ihr gesondertes Kennzeichen
yugānurūpaṃ śrīviṣṇoḥ sevayā mokṣasādhanam
das den Weltzeitaltern gemäße Mittel der Erlösung durch den Dienst an Śrī Viṣṇu
sarvasārarahasyaṃ ca tantrotpatteś ca kāraṇam / hiṃsāvidhiniṣedhaṃ ca tava praśnānusārataḥ //
das Geheimnis alles Wesentlichen, sowie den Ursprung dieses Tantras, und das Gebot und Verbot der Gewalt – all dies habe ich gemäß deiner Frage dargelegt.
yan nāmaikaṃ karṇamūlaṃ praviṣṭaṃ vācānviṣṭaṃ cetanāsu smṛtaṃ vā / dagdhvā pāpaṃ śuddhasattvāt taddehaṃ kṛtvā sākṣāt saṃvidhatte 'navadyam / tasmād anantāya janārdanāya vederitānantaguṇākarāya / mahānubhāvāya nirañjanāya nityātmalābhāya namo namas te //
Dessen einziger Name, sei er nur in die Ohrwurzel eingedrungen, mit der Stimme ausgesprochen oder im Bewusstsein gedacht, verbrennt die Sünde und gestaltet, aus reinem Sattva heraus, jenen Leib unmittelbar makellos – darum sei dir, dem Endlosen, dem Janārdana, der vom Veda als Fundgrube endloser Eigenschaften verkündet wird, dem von großer Erhabenheit, dem Makellosen, dem stets sein eigenes Selbst Erlangenden, Verehrung, immer wieder Verehrung!
Wort für Wort
yan nāmaikaṃ karṇamūlaṃ praviṣṭaṃ
dessen einziger Name, sei er in die Ohrwurzel eingedrungen
vācānviṣṭaṃ cetanāsu smṛtaṃ vā
mit der Stimme ausgesprochen oder im Bewusstsein gedacht