Paṭala 3: Tṛtīyaḥ Paṭalaḥ
Dritter Paṭala – Vollheit, Anteil und Bruchteil (aṃśa/kalā/vibhūti) der Avatāras
Nārada erfragt die Terminologie von sampūrṇa (Vollheit), aṃśa (Anteil) und kalā (Bruchteil) der Avatāras. Śiva erklärt: Der eine, unveränderliche Kṛṣṇa/Brahman zeigt je nach Avatāra unterschiedlich viele der sechs "bhaga"-Eigenschaften (aiśvarya, jñāna, dharma, vairāgya, śrī, yaśas); ihr vollständiges Sichtbarwerden macht einen Avatāra "vollständig" (pūrṇa), ihr Anteil (1/4) einen "Anteils-", ihr Bruchteil (1/16) einen "Bruchteils-Avatāra", ihre Vibhūti (1/100) eine bloße "Glanzmanifestation" (V.3.1–3.9). Es folgt eine Aufzählung von 62 Einzelqualitäten ("bhagabhedas"), die die sechs bhaga-Eigenschaften im Detail entfalten (V.3.10–3.24: jñāna sechsfach, dharma vierfach, vairāgya vierfach, aiśvarya = die acht klassischen Siddhis, śrī als weltliche Herrlichkeitsgüter, yaśas aus Tat und Eigenschaft), gefolgt von der Zuordnung konkreter Avatāras zu pūrṇa/aṃśa/kalā/vibhūti (Rāma, Matsya, Kūrma, Varāha, Narasiṃha u.a. als aṃśa; Kumāra, Nārada, Vyāsa u.a. als kalā; Brahmā u.a. als vibhūti; V.3.25–3.34). Der zweite Teil des Paṭala (V.3.35–3.55) behandelt, durch eine neue Frage Nāradas ausgelöst, die Identität von Brahman, Nārāyaṇa und Śrī-Kṛṣṇa: Śiva lehrt, dass es sich um eine einzige ewige Wesenheit handelt, die von Bhaktas als 'Śrī-Kṛṣṇa' (der wonnevolle Aufenthaltsort in Vaikuṇṭha), von Vedāntins als das formlose, lichthafte 'Brahman' und von rituell Orientierten als kosmischer Erhalter/Erlöser benannt wird – veranschaulicht durch das Gleichnis von Sonnenglanz und Sonnenscheibe (V.3.41). Der Paṭala schließt mit der Aussage, dass ebendieser Eine sich zur Erlösung der Menschen als Kṛṣṇa in Devakīs Schoß verkörperte, und leitet zu Paṭala 4 (den Arten der bhakti) über.
Śrī-Nārada spricht: „Geschildert wurden [von dir] die Avatāras des großmütigen Erhabenen Viṣṇu; sie sollen nun von dir, o Gebieter, gemäß der Unterscheidung von Vollheit (sampūrṇa), Anteil (aṃśa) und Bruchteil (kalā) [noch einmal] bedacht werden.
Wort für Wort
śrīnārada uvāca
Śrī-Nārada spricht:
kathitā bhagavān viṣṇor avatārā mahātmanaḥ
geschildert wurden die Avatāras des großmütigen Erhabenen Viṣṇu
sampūrṇāṃśakalābhedair bhāvanīyās tvayā prabho
sie sollen gemäß der Unterscheidung von Vollheit, Anteil und Bruchteil von dir, o Gebieter, bedacht werden
Eröffnet Paṭala 3: Nārada bittet um die Lehre der aṃśa/kalā/vibhūti-Terminologie der Avatāras.
Śrī-Śiva spricht: „Wahr ist, was du gesagt hast, o Brahmane: Bei Kṛṣṇa, der Seele der Welt, entstehen in allen Avatāras aus Unterscheidung heraus von selbst [scheinbare] Anteile und Bruchteile.
Wort für Wort
śrīśiva uvāca
Śrī-Śiva spricht:
satyam uktaṃ tvayā brahman kṛṣṇasya jagadātmanaḥ
wahr ist, was du gesagt hast, o Brahmane, über Kṛṣṇa, die Seele der Welt
avatāreṣu sarveṣu bhedād aṃśakalāḥ svataḥ
in allen Avatāras entstehen aus Unterscheidung von selbst Anteile und Bruchteile
na varṇayanti nipuṇā jñānino bhagavatparāḥ / avikārād acyutāc ca nirbhedād brahmarūpiṇaḥ
Die kundigen Wissenden, die dem Erhabenen ganz ergeben sind, beschreiben [ihn] nicht [als wirklich geteilt], weil er unveränderlich, unvergänglich und ohne [wirkliche] Unterscheidung, Brahman-gestaltig ist.
Wort für Wort
na varṇayanti nipuṇā jñānino bhagavatparāḥ
die kundigen Wissenden, die dem Erhabenen ergeben sind, beschreiben [ihn] nicht [als geteilt]
avikārād acyutāc ca nirbhedād brahmarūpiṇaḥ
weil er unveränderlich, unvergänglich und ohne Unterscheidung, Brahman-gestaltig ist
kiṃ tu jñānaprabhāvādeḥ pūrṇāṃśāṃśānudarśanāt / pūrṇam aṃśakalābhāgaṃ vadanti jagadīśituḥ
Aber aufgrund des [unterschiedlich starken] Sichtbarwerdens von Erkenntnis, Macht usw. – bald voll, bald [nur] als Anteil, bald als Anteil-des-Anteils – sprechen sie von der Aufteilung des Weltenherrn in Vollheit, Anteil und Bruchteil [Fußnote].
Wort für Wort
kiṃ tu jñānaprabhāvādeḥ
aber aufgrund [des Sichtbarwerdens] von Erkenntnis, Macht usw.
pūrṇāṃśāṃśānudarśanāt
aus dem [je unterschiedlichen] Sichtbarwerden als Volles, Anteil oder Anteil-des-Anteils
pūrṇam aṃśakalābhāgaṃ vadanti jagadīśituḥ
sprechen sie von der Aufteilung des Weltenherrn in Vollheit, Anteil und Bruchteil
[Anm.: Das Kompositum „pūrṇāṃśāṃśānudarśanāt“ ist unklar segmentiert [?] – die Übersetzung deutet das doppelte aṃśa als „Anteil“ und „Anteil des Anteils“ (= kalā, vgl. V.3.9), da dies zur nachfolgenden Dreiteilung pūrṇa/aṃśa/kalā passt.]
santi yady api sarvatra jñānavīryaguṇādayaḥ / tathāpi kāryataḥ kecid dṛśyante na hi sarvataḥ
Obwohl Erkenntnis, Kraft und [andere] Eigenschaften usw. überall vorhanden sind, werden dennoch, je nach [ihrer] Wirkung, manche [nur] sichtbar, nicht aber alle überall.
Wort für Wort
santi yady api sarvatra jñānavīryaguṇādayaḥ
obwohl Erkenntnis, Kraft und Eigenschaften usw. überall vorhanden sind
tathāpi kāryataḥ kecid dṛśyante na hi sarvataḥ
werden dennoch, der Wirkung nach, manche sichtbar, nicht aber alle überall
Herrschaftsmacht (aiśvarya), Erkenntnis (jñāna) und Rechtschaffenheit (dharma), Entsagung (vairāgya), Glanz (śrī) und Ruhm (yaśas) – aus dem unmittelbaren Sichtbarwerden dieser sechs [Eigenschaften] wird [ein Avatāra] von den Wissenden als „vollständig“ (pūrṇa) bezeichnet.
Wort für Wort
aiśvaryajñānadharmāś ca vairāgyaṃ śrīr yaśas tathā
Herrschaftsmacht, Erkenntnis, Rechtschaffenheit, Entsagung, Glanz und Ruhm
eṣāṃ saṃdarśanāt sākṣāt pūrṇo vidvadbhir ucyate
aus dem unmittelbaren Sichtbarwerden dieser wird [er] von den Wissenden als vollständig bezeichnet
Nennt die klassischen sechs bhaga-Eigenschaften (vgl. die traditionelle Bhaga-Definition: aiśvarya, dharma, yaśas, śrī, jñāna, vairāgya).
eteṣām api bhāgānām alpālpadarśanād asau / vibhāty aṃśakalābhedo bhagavān bhagabhedadhṛk
Auch von diesen [sechs] Anteilen her erscheint er, je nach dem Sichtbarwerden in immer geringerem Maße, in der Unterscheidung von Anteil und Bruchteil: der Erhabene, der die Unterscheidungen von bhaga [in sich] trägt.
Wort für Wort
eteṣām api bhāgānām alpālpadarśanād asau
auch von diesen Anteilen her, je nach immer geringerem Sichtbarwerden, [erscheint] er
vibhāty aṃśakalābhedo bhagavān bhagabhedadhṛk
in der Unterscheidung von Anteil und Bruchteil: der Erhabene, der Träger der bhaga-Unterscheidungen
aṃśas turīyo bhāgaḥ syāt kalā tu ṣoḍaśī matā / śatabhāgo vibhūtiś ca varṇyate kavibhiḥ pṛthak
Ein Anteil (aṃśa) sei der vierte Teil, eine Kalā hingegen gelte als der sechzehnte Teil, und eine Vibhūti wird von den Weisen (kavi) eigens als der hundertste Teil beschrieben.
Wort für Wort
aṃśas turīyo bhāgaḥ syāt
ein Anteil sei der vierte Teil
kalā tu ṣoḍaśī matā
eine Kalā hingegen gelte als der sechzehnte Teil
śatabhāgo vibhūtiś ca varṇyate kavibhiḥ pṛthak
und eine Vibhūti wird von den Weisen eigens als der hundertste Teil beschrieben
Schlüsselvers der Terminologie: aṃśa = 1/4, kalā = 1/16, vibhūti = 1/100 (der sechs bhaga-Eigenschaften).
Höre daher von mir, o bester der Zweifachgeborenen, die einzelnen Unterscheidungen der Erkenntnis, der Rechtschaffenheit, der Entsagung und der Herrschaftsmacht, des Glanzes [und] des Ruhmes.
Wort für Wort
ato jñānasya dharmasya vairāgyaiśvaryayoḥ śriyaḥ
daher [höre] von Erkenntnis, Rechtschaffenheit, Entsagung und Herrschaftsmacht, Glanz
yaśasaḥ pṛthagbhedaṃ mattaḥ śṛṇu dvijottama
und Ruhm die einzelnen Unterscheidungen von mir, o bester der Zweifachgeborenen
Leitet die folgende Detaillierung der sechs bhaga-Eigenschaften ein (V.3.11–3.24).
Entstehen und Vergehen, Wissen und Nichtwissen, Gehen [aus der Welt] und Kommen [in sie] – dies, o Freund, nennt man 'Erkenntnis' (jñāna); die höchste Erkenntnis ist sechsfach.
Wort für Wort
utpattipralayau caiva vidyāvidye gatāgatī
Entstehen und Vergehen, Wissen und Nichtwissen, Gehen und Kommen
eṣāṃ jñānaṃ vadanty aṅga jñānaṃ ṣaḍvidham uttamam
dies nennt man, o Freund, Erkenntnis; die höchste Erkenntnis ist sechsfach
Definiert 'jñāna' als Kenntnis von sechs Gegensatzpaaren (Entstehen/Vergehen, Wissen/Nichtwissen, Fortgehen/Wiederkommen).
satyaṃ śaucaṃ dayā maunaṃ dharmaś cāturvidhaḥ smṛtaḥ / amāno vyatirekaś ca aindriyas tu vaśīkṛtaḥ
Wahrhaftigkeit, Reinheit, Mitgefühl [und] Zurückhaltung/Schweigen – so gilt Rechtschaffenheit (dharma) als vierfach. [Es folgt, mit V.3.13ab, die Entsagung (vairāgya):] Freiheit von Stolz, Loslösung und die Bezwingung der Sinne [?].
Wort für Wort
satyaṃ śaucaṃ dayā maunaṃ
Wahrhaftigkeit, Reinheit, Mitgefühl, Schweigen
dharmaś cāturvidhaḥ smṛtaḥ
so gilt Rechtschaffenheit als vierfach
amāno vyatirekaś ca aindriyas tu vaśīkṛtaḥ
Freiheit von Stolz, Loslösung, und die Bezwingung der Sinne
[Anm.: Die Aufzählung der vier Bestandteile der Entsagung (vairāgya, V.3.12cd–3.13ab: amāna, vyatireka, aindriya-vaśīkṛti) ist im Sanskrit knapp/kompiliert und lässt sich nicht mit Sicherheit in exakt vier Einzelglieder auflösen [?] – hier als drei Ausdrücke wiedergegeben, von denen der letzte („Bezwingung der Sinne“) möglicherweise zwei ursprünglich getrennte Glieder zusammenfasst.]
So, o Guter, wird die Entsagung (vairāgya) als vierfach bezeichnet. [Es folgt die Herrschaftsmacht, aiśvarya:] Aṇimā (Winzigkeit), Laghimā (Leichtigkeit) und sogleich danach Mahimā (Größe),
Wort für Wort
evaṃ caturvidho bhadra vairāgyaḥ samudāhṛtaḥ
so wird, o Guter, die Entsagung als vierfach bezeichnet
prākāmyaṃ caiva prāptiś ca īśitā vaśitā tathā / kāmasyāvasitā hy ete aṣṭaiśvaryāḥ prakīrtitāḥ
...ferner Prākāmya (ungehinderte Wunscherfüllung) und Prāpti (Erlangen alles Gewünschten), Īśitā (Herrschaft) sowie Vaśitā (Bezwingung [aller Wesen]) und die Freiheit vom Verlangen (kāmāvasāyitā) – diese acht werden als die 'Herrschaftsmacht' (aiśvarya) gepriesen.
Wort für Wort
prākāmyaṃ caiva prāptiś ca īśitā vaśitā tathā
Prākāmya, Prāpti, Īśitā und Vaśitā
kāmasyāvasitā hy ete aṣṭaiśvaryāḥ prakīrtitāḥ
und die Freiheit vom Verlangen – diese acht werden als Herrschaftsmacht gepriesen
Die klassischen acht Siddhis (aṣṭaiśvarya): aṇimā, laghimā, mahimā, prāpti, prākāmya, īśitā, vaśitā, kāmāvasāyitā.
gṛhā bhūr astraśastre ca durgādyāḥ śriya īritāḥ / yaśas tu puṃso bhavati karmato guṇatas tathā
...Häuser, Land, Waffen und Geschosse, Festungen und dergleichen – [dies alles] wird als 'Glanz' (śrī) bezeichnet. Der Ruhm (yaśas) eines Mannes aber entsteht aus [seinem] Handeln und ebenso aus [seinen] Eigenschaften.
Wort für Wort
gṛhā bhūr astraśastre ca durgādyāḥ śriya īritāḥ
Häuser, Land, Waffen, Geschosse, Festungen u.a. werden als Glanz bezeichnet
yaśas tu puṃso bhavati karmato guṇatas tathā
der Ruhm eines Mannes aber entsteht aus Handeln und aus Eigenschaften
Das Handeln (karman) wird als vierfach bezeichnet, im Wesentlichen aus Schöpfung, Erhaltung und Auflösung [bestehend – Fußnote]; dadurch [entsteht] die überaus wunderbare Wirksamkeit der Līlā-Avatāras.
Wort für Wort
karma caturvidhaṃ proktaṃ sṛṣṭisthitilayātmakam
das Handeln wird als vierfach bezeichnet, aus Schöpfung, Erhaltung, Auflösung bestehend
tayā līlāvatārāṇāṃ caritaṃ paramādbhutam
dadurch [entsteht] die überaus wunderbare Wirksamkeit der Līlā-Avatāras
[Anm.: Nur drei Glieder (sṛṣṭi/Schöpfung, sthiti/Erhaltung, laya/Auflösung) werden benannt, obwohl 'caturvidha' (vierfach) angekündigt wird [?] – ein viertes Glied (etwa anugraha/'Gnade', in anderen pāñcarātrischen Schemata ergänzt) bleibt implizit.]
Unermessliche Eigenschaften (guṇa) sind von den Weisen gepriesen worden; dennoch will ich dir [nun] die zweiundsechzig (dviṣaṣṭi) der Reihe nach beschreiben.
Wort für Wort
guṇāny aparimeyāṇi kīrtitāni manīṣibhiḥ
unermessliche Eigenschaften sind von den Weisen gepriesen worden
tathāpy ahaṃ dviṣaṣṭhīṃ te varṇayāmy anupūrvaśaḥ
dennoch will ich dir die zweiundsechzig der Reihe nach beschreiben
Kündigt die Liste der 62 'bhagabhedas' an (V.3.19–3.24).
brahmaṇyaś ca śaraṇyaś ca bhaktavātsalyam eva ca / dātṛtvaṃ satyasaṃdhatvaṃ vikrāntatvaṃ niyamyatā
Brahmanenfreundlichkeit, Zufluchtwürdigkeit, Zärtlichkeit gegenüber den Ergebenen, Freigebigkeit, Wahrhaltung des Versprechens, Tapferkeit, Beherrschtheit —
Wort für Wort
brahmaṇyaś ca śaraṇyaś ca bhaktavātsalyam eva ca
Brahmanenfreundlichkeit, Zufluchtwürdigkeit, Zärtlichkeit gegenüber den Ergebenen
dātṛtvaṃ satyasaṃdhatvaṃ vikrāntatvaṃ niyamyatā
Freigebigkeit, Wahrhaltung des Versprechens, Tapferkeit, Beherrschtheit
Beginn der Aufzählung der 62 bhagabhedas (hier: Nr. 1–7).
śāntiḥ puṣṭiḥ svavākśuddhir buddhir vidyā svarakṣatā / ete te bhagabhedās tu kathitā hy anupūrvaśaḥ
Friedfertigkeit, Gedeihen, Reinheit der eigenen Rede, Verstand, Wissen [und] Selbstschutz — dies sind, der Reihe nach dargelegt, die Unterscheidungen von bhaga (bhagabheda).
Friedfertigkeit, Gedeihen, Reinheit der eigenen Rede, Verstand, Wissen, Selbstschutz
ete te bhagabhedās tu kathitā hy anupūrvaśaḥ
dies sind, der Reihe nach dargelegt, die Unterscheidungen von bhaga
Abschluss der bhagabheda-Liste (Nr. 54–59 in dieser Zählung). [Anm.: Die genaue Gesamtzahl der in V.3.19–3.24 aufgezählten Einzelbegriffe hängt von der Segmentierung mancher Komposita ab und lässt sich nicht in jedem Fall zweifelsfrei auf exakt 62 (V.3.18) auflösen [?]; die Übersetzung zählt durch, ohne die Diskrepanz zu glätten.]
eṣāṃ prakāśo yatrāsīt sa pūrṇaḥ parikīrtitaḥ / aṃśaprakāśād aṃśaḥ syāt kalāyās tu kalā smṛtā
Wo das [volle] Erscheinen dieser [Eigenschaften] gegeben ist, das wird als 'vollständig' (pūrṇa) gepriesen; aus dem Erscheinen [nur] eines Anteils [ergibt sich] ein Anteil (aṃśa), aus dem einer Kalā gilt eine Kalā.
Wort für Wort
eṣāṃ prakāśo yatrāsīt sa pūrṇaḥ parikīrtitaḥ
wo das Erscheinen dieser [Eigenschaften] gegeben ist, wird das als vollständig gepriesen
aṃśaprakāśād aṃśaḥ syāt kalāyās tu kalā smṛtā
aus dem Erscheinen eines Anteils [ergibt sich] ein Anteil, aus dem einer Kalā eine Kalā
vibhūtes tu vibhūtiḥ syād eṣa bhedo na hi svataḥ / nirvikalpasya satyasya parabrahmasvarūpiṇaḥ
Aus dem [Erscheinen] einer Vibhūti [ergibt sich] eine Vibhūti. Dieser Unterschied besteht jedoch nicht von sich aus bei dem Unveränderlichen, Wahren, dessen Wesen das höchste Brahman ist,
Wort für Wort
vibhūtes tu vibhūtiḥ syād
aus dem Erscheinen einer Vibhūti ergibt sich eine Vibhūti
eṣa bhedo na hi svataḥ nirvikalpasya satyasya parabrahmasvarūpiṇaḥ
dieser Unterschied besteht nicht von sich aus bei dem Unveränderlichen, Wahren, dessen Wesen das höchste Brahman ist
...[nämlich] bei dem reinen Nārāyaṇa, dem großmütigen Śrī-Kṛṣṇa – denn durch die Avatāra-Gestalt Kṛṣṇas [werden] die Unterscheidungen von bhaga einzeln [sichtbar],
Wort für Wort
nārāyaṇasya śuddhasya śrīkṛṣṇasya mahātmanaḥ
bei dem reinen Nārāyaṇa, dem großmütigen Śrī-Kṛṣṇa
yataḥ kṛṣṇāvatāreṇa bhagabhedāḥ pṛthak pṛthak
denn durch die Avatāra-Gestalt Kṛṣṇas werden die bhaga-Unterscheidungen einzeln [sichtbar]
...werden sie einzeln je nach [ihrer] Wirkung gezeigt; deshalb wird [Kṛṣṇa] als 'vollständig' (sampūrṇa) bezeichnet. In der Avatāra-Gestalt des Hayagrīva u.a. hingegen [sind sie] geringer, deshalb...
Wort für Wort
saṃdarśitāḥ pṛthakkārye tasmāt sampūrṇa ucyate
sie werden einzeln je nach Wirkung gezeigt, deshalb wird [er] als vollständig bezeichnet
hayagrīvādyavatāre tasmād alpatarā yataḥ
in der Avatāra-Gestalt Hayagrīvas u.a. hingegen sind sie geringer, deshalb
...werden dort [nur wenige] bhaga-Unterscheidungen gezeigt; deshalb werden sie als 'Anteile' (aṃśa) bezeichnet – so [bei] Rāma, Matsya, Kūrma, Varāha, Narasiṃha ('Männerlöwe'),
Wort für Wort
darśitā bhagabhedā vai tasmād aṃśāḥ prakīrtitāḥ
dort werden [nur wenige] bhaga-Unterscheidungen gezeigt, deshalb werden sie als Anteile bezeichnet
manvantarāvatārāś ca yajñādyā hayaśīrṣavān / tathā śuklādayo hy āvirbhāvā ṛṣabha ātmavān
...den Manvantara-Avatāras wie Yajña u.a., dem Hayaśīrṣa (Pferdehaupt-Avatāra), ebenso den Erscheinungen wie Śukla usw. [und] dem selbstbeherrschten Ṛṣabha,
Wort für Wort
manvantarāvatārāś ca yajñādyā hayaśīrṣavān
den Manvantara-Avatāras wie Yajña u.a., dem Hayaśīrṣa
tathā śuklādayo hy āvirbhāvā ṛṣabha ātmavān
ebenso den Erscheinungen wie Śukla u.a. und dem selbstbeherrschten Ṛṣabha
[Anm.: 'Śukla' als Avatāra-Name ist ungewöhnlich und ließ sich nicht sicher identifizieren [?] – möglicherweise eine der zahlreichen manvantara-spezifischen Nebengestalten aus Paṭala 2.]
naranārāyaṇo dattaḥ kalau ca buddhakalkinau / jñānakarmaprabhāvādyair aṃśā viṣṇoḥ prakīrtitāḥ
[den Gestalten] Nara-Nārāyaṇa, Dattātreya und, im Kali[-Zeitalter], Buddha und Kalki – [sie alle] werden, gemäß [ihrer geringeren] Macht an Erkenntnis, Handeln usw., als 'Anteile' des Viṣṇu bezeichnet.
Wort für Wort
naranārāyaṇo dattaḥ kalau ca buddhakalkinau
Nara-Nārāyaṇa, Dattātreya und, im Kali-Zeitalter, Buddha und Kalki
jñānakarmaprabhāvādyair aṃśā viṣṇoḥ prakīrtitāḥ
werden gemäß [ihrer] Macht an Erkenntnis, Handeln usw. als Anteile des Viṣṇu bezeichnet
[Die Gestalten] Kumāra (Sanaka u.a.), Nārada, Vyāsa, Brahmarāta u.a. [hingegen] sind 'Bruchteile' (kalā) – mit [nur] einem Anteil der Erkenntnis ausgestattete Avatāras des großmütigen Śrī-Viṣṇu.
Wort für Wort
kumāranāradavyāsā brahmarātādayaḥ kalāḥ
Kumāra, Nārada, Vyāsa, Brahmarāta u.a. sind Bruchteile
jñānāṃśayuktāḥ śrīviṣṇor avatārā mahātmanaḥ
mit einem Anteil der Erkenntnis ausgestattete Avatāras des großmütigen Śrī-Viṣṇu
[Anm.: 'Brahmarāta' als Nebenfigur nicht sicher zu identifizieren [?].]
gayaḥ pṛthuś ca bharataḥ śaktiyuktāḥ kalā matāḥ / guṇāvatārā brahmādyās tadaṃśā ye vibhūtayaḥ
Gaya, Pṛthu und Bharata, mit [besonderer] Kraft ausgestattet, gelten als 'Bruchteile'; die Guṇa-Avatāras wie Brahmā u.a., die [nur] Anteile davon [sind], [gelten] als 'Vibhūtis'.
Wort für Wort
gayaḥ pṛthuś ca bharataḥ śaktiyuktāḥ kalā matāḥ
Gaya, Pṛthu und Bharata, mit Kraft ausgestattet, gelten als Bruchteile
guṇāvatārā brahmādyās tadaṃśā ye vibhūtayaḥ
die Guṇa-Avatāras wie Brahmā u.a., deren Anteile, gelten als Vibhūtis
eṣā mayā te kathitā sampūrṇāṃśakalābhidā / kāryānurūpā viprendra bhagabhedapradarśanāt
Dies ist von mir dir dargelegt worden: die Bezeichnung als 'vollständig', 'Anteil' [oder] 'Bruchteil', o Fürst der Brahmanen, [jeweils] der Wirkung entsprechend, aus dem [unterschiedlichen] Sichtbarwerden der bhaga-Unterscheidungen.
Wort für Wort
eṣā mayā te kathitā sampūrṇāṃśakalābhidā
dies ist von mir dir dargelegt worden: die Bezeichnung als vollständig, Anteil oder Bruchteil
kāryānurūpā viprendra bhagabhedapradarśanāt
der Wirkung entsprechend, o Fürst der Brahmanen, aus dem Sichtbarwerden der bhaga-Unterscheidungen
Zusammenfassender Abschluss der aṃśa/kalā/vibhūti-Lehre.
na brahmaṇo bhidā vipra śrīkṛṣṇasya ca sattama / nārāyaṇasya vā saumya hy avatārisvarūpiṇaḥ
Es gibt keinen [wirklichen] Unterschied, o Brahmane, bei Brahman, bei Śrī-Kṛṣṇa, dem Besten, oder, o Sanfter, bei Nārāyaṇa, dessen Wesen der Avatāra-Träger (avatārin) ist.
Wort für Wort
na brahmaṇo bhidā vipra śrīkṛṣṇasya ca sattama
es gibt keinen Unterschied, o Brahmane, bei Brahman [und] bei Śrī-Kṛṣṇa, dem Besten
nārāyaṇasya vā saumya hy avatārisvarūpiṇaḥ
oder, o Sanfter, bei Nārāyaṇa, dessen Wesen der Avatāra-Träger ist
Überleitung zum zweiten Lehrgespräch dieses Paṭala: der Identität von Brahman, Nārāyaṇa und Kṛṣṇa.
Śrī-Nārada spricht: „Beschreibe mir das Wesen des Avatāra-Trägers, o Sadāśiva! [Ist es] unmittelbar das höchste Brahman, oder ist es der Gebieter Nārāyaṇa,
Wort für Wort
śrīnārada uvāca
Śrī-Nārada spricht:
avatārisvarūpaṃ me varṇayasva sadāśiva
beschreibe mir das Wesen des Avatāra-Trägers, o Sadāśiva
kiṃ brahma paramaṃ sākṣāt kiṃ vā nārāyaṇo vibhuḥ
ist es unmittelbar das höchste Brahman, oder ist es der Gebieter Nārāyaṇa
Eine einzige höchste, ewige Wesenheit ist es, die den Avatāra trägt; nur durch die Bezeichnungen 'Śrī-Kṛṣṇa', 'Brahman' [und] 'Puruṣa' wird sie [scheinbar] einzeln unterschieden benannt.
Wort für Wort
ekam eva paraṃ tattvam avatāri sanātanam
eine einzige höchste, ewige Wesenheit ist der Avatāra-Träger
śrīkṛṣṇabrahmapuruṣaiḥ saṃjñābhir dīyate pṛthak
nur durch die Bezeichnungen Śrī-Kṛṣṇa, Brahman und Puruṣa wird sie einzeln benannt
Zentrale Identitätsaussage: Kṛṣṇa, Brahman und Puruṣa sind nur verschiedene Namen einer einzigen Wesenheit.
yathā bhānoḥ prakāśasya maṇḍalasyāpṛthaksthitiḥ / tathā śrīkṛṣṇadevasya brahmaṇaḥ puruṣasya ca
Wie beim [Licht der] Sonne der Glanz und die Sonnenscheibe untrennbar bestehen, so [verhält es sich] mit dem Gott Śrī-Kṛṣṇa, dem Brahman und dem Puruṣa.
Wort für Wort
yathā bhānoḥ prakāśasya maṇḍalasyāpṛthaksthitiḥ
wie bei der Sonne der Glanz und die Sonnenscheibe untrennbar bestehen
tathā śrīkṛṣṇadevasya brahmaṇaḥ puruṣasya ca
so [verhält es sich] mit dem Gott Śrī-Kṛṣṇa, dem Brahman und dem Puruṣa
Das Sonnen-Gleichnis (Glanz/prakāśa und Scheibe/maṇḍala als untrennbar) illustriert die Wesenseinheit.
Deshalb nennen die Kenner des Sātvata-Tantra, die in der Hingabe (bhakti) gefestigt [und dadurch] von anderen unterschieden sind, den höchsten, überaus wonnevollen Aufenthaltsort (dhāma) mit dem Namen 'Śrī-Kṛṣṇa',
Wort für Wort
ataḥ sātvatatantrajñā bhaktiniṣṭhā vilakṣaṇāḥ
deshalb [nennen] die Kenner des Sātvata-Tantra, die in der Hingabe gefestigt und dadurch unterschieden sind
śrīkṛṣṇākhyaṃ paraṃ dhāma paramānandam uttamam
den höchsten, überaus wonnevollen Aufenthaltsort mit dem Namen Śrī-Kṛṣṇa
...der in der Vaikuṇṭha-Welt wohnt, dessen Körper aus reinem Sattva besteht, den sie als ewig, wahr [und] von der Schar der eigenen Anhänger verehrt bezeichnen.
Wort für Wort
vaikuṇṭhalokanilayaṃ śuddhasattvātmavigraham
der in der Vaikuṇṭha-Welt wohnt, dessen Körper aus reinem Sattva besteht
vadanti śāśvataṃ satyaṃ svabhaktagaṇasevitam
den sie als ewig, wahr, von der Schar der eigenen Anhänger verehrt bezeichnen
Die Vedāntins, die in der Erkenntnis gefestigt sind, nennen ihn, den Lehrschriften der Erkenntnis folgend, das höchste Brahman, dessen Wesen reines Licht ist, das Unvergängliche,
Wort für Wort
vedāntino jñānaniṣṭhā jñānaśāstrānusārataḥ
die Vedāntins, in der Erkenntnis gefestigt, den Lehrschriften der Erkenntnis folgend
vadanti brahma paramaṃ prakāśātmakam avyayam
nennen [ihn] das höchste Brahman, dessen Wesen Licht ist, das Unvergängliche
Beginnt die Beschreibung Brahmans aus vedāntischer Sicht (V.3.44–3.47).
...das ohne Hände, Füße, Augen, Ohren, Haut [und] Nase an Körper ist, mit aller Macht ausgestattet, aus Glanz bestehend, für Rede und Denken unzugänglich,
Wort für Wort
apāṇipādanayanaśrotratvagghrāṇavigraham
ohne Hände, Füße, Augen, Ohren, Haut und Nase an Körper
sarvaśaktiyutaṃ tejomayaṃ vāṅmanasāpadam
mit aller Macht ausgestattet, aus Glanz bestehend, für Rede und Denken unzugänglich
...reine Wonne, völlig geläutert, als Bewusstsein offenbar, die Ursache von allem. Die Hairaṇyagarbhas (Hiraṇyagarbha-Anhänger) [und] die Traividyas (Kenner der drei Veden) [nennen ihn] 'Nārāyaṇa', den Makellosen,
Wort für Wort
ānandamātraṃ saṃśuddhaṃ cidvyaktaṃ sarvakāraṇam
reine Wonne, völlig geläutert, als Bewusstsein offenbar, die Ursache von allem
hairaṇyagarbhās traividyā nārāyaṇam anāmayam
die Hairaṇyagarbhas und die Traividyas [nennen ihn] Nārāyaṇa, den Makellosen
Die dem [rituellen] Handeln Ergebenen nennen ihn [so]: den, der Erhaltung, Entstehung und Untergang bewirkt, den, der alle Wonne schafft, den Friedvollen, den, der über den Ozean des Weltenkreislaufs (saṃsāra) hinüberführt.
Wort für Wort
vadanti karmaparamāḥ sthityutpattyantabhāvanam
die dem Handeln Ergebenen nennen [ihn]: den, der Erhaltung, Entstehung und Untergang bewirkt
sarvānandakaraṃ śāntaṃ saṃsārārṇavatārakam
den, der alle Wonne schafft, den Friedvollen, den Überführer über den Ozean des Saṃsāra
Die Sicht der 'Karma-Ergebenen' (rituell-mīmāṃsā-orientierte Deuter) als dritte Perspektive neben Bhaktas und Vedāntins.
ataḥ kṛṣṇasya devasya brahmaṇaḥ puruṣasya ca / vastuto naiva bhedo hi varṇyate tair api dvija
Deshalb wird, o Zweifachgeborener, auch von diesen [drei Gruppen der Deuter] kein wirklicher Unterschied zwischen dem Gott Kṛṣṇa, dem Brahman und dem Puruṣa beschrieben.
Wort für Wort
ataḥ kṛṣṇasya devasya brahmaṇaḥ puruṣasya ca
deshalb [wird] zwischen dem Gott Kṛṣṇa, dem Brahman und dem Puruṣa
vastuto naiva bhedo hi varṇyate tair api dvija
kein wirklicher Unterschied auch von diesen beschrieben, o Zweifachgeborener
Wie ein [einzelner] Sinngehalt durch die verschiedenen Tätigkeiten der [Erkenntnis-]Organe vielfältig erscheint, so wird jener Erhabene Kṛṣṇa [nur scheinbar] als vielfältig bezeichnet.
Wort für Wort
yathārtho bahudhā bhāti nānākaraṇavṛttibhiḥ
wie ein Sinngehalt durch die verschiedenen Tätigkeiten der Organe vielfältig erscheint
tathā sa bhagavān kṛṣṇo nāneva paricakṣate
so wird jener Erhabene Kṛṣṇa als vielfältig bezeichnet
atas taṃ puruṣā nityaṃ bhaktibhedena nityadā / bhajanti hy apavargeśaṃ pareśaṃ tadakāmyayā
Deshalb verehren die Menschen ihn, den Herrn der Erlösung, den höchsten Herrn, beständig, mittels der [verschiedenen] Unterscheidungen der Hingabe, ohne [eigennütziges] Verlangen.
Wort für Wort
atas taṃ puruṣā nityaṃ bhaktibhedena nityadā
deshalb [verehren] die Menschen ihn beständig, mittels der Unterscheidungen der Hingabe
bhajanti hy apavargeśaṃ pareśaṃ tadakāmyayā
sie verehren den Herrn der Erlösung, den höchsten Herrn, ohne eigennütziges Verlangen
Schließt den Bogen zu Paṭala 4, das die Arten der bhakti (Hingabe) im Detail behandelt.
mayā te kathitā vipra avatārā mahātmanaḥ / kim anyat kathayāmy adya tvaṃ hi bhāgavatottamaḥ
Von mir sind dir, o Brahmane, die Avatāras des Großmütigen dargelegt worden. Was [noch] anderes soll ich heute erzählen, da du ja der beste der Bhāgavatas bist?“
Wort für Wort
mayā te kathitā vipra avatārā mahātmanaḥ
von mir sind dir, o Brahmane, die Avatāras des Großmütigen dargelegt worden
kim anyat kathayāmy adya tvaṃ hi bhāgavatottamaḥ
was anderes soll ich heute erzählen, da du der beste der Bhāgavatas bist
Abschlussvers des Paṭala. Im Anschluss (Paṭala 4, Quelltext ab Zeile 477) fragt Nārada nach den Arten der bhakti (Hingabe).