Quellen der Menschheit

Kāṭhaka-Saṃhitā · Sthānaka 28

Anuvāka 1 Über den Dhruva-Schöpfbecher als Lebensdauer, seine Handhabung, das Ausgießen und das Sitzen beim Agniṣṭoma.

āyur vai dhruvas

Die Lebensdauer nämlich ist der Dhruva (der „Feste“),

tasmād āyuḥ prāṇānām uttamam

Darum ist die Lebensdauer das Höchste [wörtl. Letzte] unter den Lebenshauchen.

nava hi prāṇās

denn neun sind die Lebenshauche.

ekākinam uttarasmin havirdhāne sādayati

Allein stellt er ihn auf dem hinteren Havirdhāna [Anm.: Opferspeisenwagen] ab;

tasmād ekākī prāṇānām ardhabhāg avāṅ prāṇas

darum ist der abwärts gerichtete Hauch allein unter den Hauchen ein Hälfte-Teilhaber [?].

dhruvaṃ vā anu manuṣyāḥ prajāyanta itarān grahān anv anyāḥ prajās

Dem Dhruva folgend werden die Menschen gezeugt, den anderen Schöpfbechern folgend die anderen Geschöpfe.

anupopte dhruvam̐ sādayaty upopta itarān grahān

Den Dhruva stellt er ab, ohne ihn (in die Erde) einzudrücken, die anderen Schöpfbecher, indem er sie eindrückt;

tasmāt puruṣo mām̐sena pratitiṣṭhaty asthnā paśavas

darum steht der Mensch fest durch das Fleisch, das Vieh durch das Knochengerüst [?].

rājaputro gopāyati

Der Königssohn hütet ihn (den Dhruva)

rājanyo vai prajānām adhipatir āyur dhruvas

— der Rājanya ist ja der Oberherr der Geschöpfe, die Lebensdauer ist der Dhruva —,

āyur eva prajānāṃ gopāyati

so hütet er die Lebensdauer der Geschöpfe;

atho kṣatram eva gopāyate

und zugleich hütet er die Herrschaft (kṣatra).

yadi kāmayetāvagatam aparundhyur aparuddho 'vagacched ity adhruvaṃ tvādhruvakṣitim adhruvāṇām adhruvatamam acyutānām acyutatamam amuṣyā viśa udūhāmīti dhruvam udūhet

Wenn er wünscht: „Man möge den Herabgekommenen verdrängen, der Verdrängte möge herabkommen“, so soll er mit „Dich, den Unfesten, den Unfest Wohnenden, den Unfestesten der Unfesten, den Unerschütterlichsten der Unerschütterlichen, führe ich aus jener Sippe hinaus“ den Dhruva hinausführen [Anm.: Formel unsicher gedeutet; der Sinn: Feind soll aus seinem Stamm vertrieben werden] [?].

dhruvo vā eṣa yo 'vagato 'dhruvo 'paruddhas

Fest nämlich ist jener, der herabgekommen ist; unfest, der verdrängt ist.

avagatam evāparuṇaddhy aparuddham avagamayati tājag vyavagacchete

Den Herabgekommenen verdrängt er, den Verdrängten bringt er herab; alsbald gehen beide auseinander [?].

yad evaṃ kuryād āyuḥ prajānāṃ vicālayet

Wenn er dies täte, würde er die Lebensdauer der Geschöpfe ins Wanken bringen.

tṛṇam etena mantreṇoparyupary atiharet

Einen Grashalm soll er mit diesem Spruch immer wieder darüber hinwegführen [?];

tenaivāparuddham avagamayati nāyuḥ prajānāṃ vicālayati

damit bringt er den Verdrängten herab, und die Lebensdauer der Geschöpfe bringt er nicht ins Wanken.

devakṣetraṃ vai vedis

Die Vedi ist nämlich das Götterfeld;

etāvatī pṛthivī yāvatī vedis

so groß die Vedi, so groß ist die Erde.

devakṣetreṇaivainaṃ manuṣyakṣetrān vadati

Durch das Götterfeld schafft er ihn aus dem Menschenfeld heraus [?].

pūrṇaṃ gṛhṇīyād yaṃ kāmayeta sarvam āyur iyād iti

Voll soll er (den Becher) schöpfen für den, von dem er wünscht: „Er möge die ganze Lebensdauer erreichen.“

pūrṇam evāsmā āyur gṛhṇāti

Volle Lebensdauer schöpft er ihm damit;

alpaṃ gṛhṇīyād yaṃ kāmayetālpam āyur iyād iti

Wenig soll er schöpfen für den, von dem er wünscht: „Er möge eine kurze Lebensdauer erreichen.“

alpam evāsyāyuṣ karoti tājak pradhanvati

Kurz macht er dessen Lebensdauer; alsbald läuft er davon [d. h. er stirbt bald] [?].

uparyardhaṃ gṛhṇīyād yaṃ kāmayetottaram āyur iyād iti

Zur oberen Hälfte hin soll er schöpfen für den, von dem er wünscht: „Er möge eine spätere [höhere] Lebensdauer erreichen.“

uttaram evainam āyur gamayati ‖

Zu späterer Lebensdauer lässt er ihn gelangen.

yathārūpam asmā āyuḥ parigṛhṇāti

Je nach Gestalt umfasst er ihm die Lebensdauer [?].

ubhayatovaiśvānaraṃ gṛhṇāti

Er schöpft ihn beiderseits mit Vaiśvānara-Bezug [Anm.: d. h. mit Versen an Agni Vaiśvānara vorn und hinten] [?];

tasmāt prāṇā ubhayatovaiśvānarās

darum haben die Lebenshauche beiderseits Vaiśvānara-Bezug.

mūrdhānaṃ divo aratiṃ pṛthivyā iti

„Das Haupt des Himmels, den Hüter [?] der Erde“ (so der Vers).

deveṣu caiva manuṣyeṣu cāyur dadhāti

Bei Göttern und bei Menschen legt er Lebensdauer nieder.

puruṣeṇa vai yajñas saṃmita āyuṣā puruṣas saṃtatas

Das Opfer ist dem Menschen gleichgemessen, der Mensch ist durch die Lebensdauer fortgesetzt [zusammenhängend].

yad eṣa prātargṛhīta ā tṛtīyasavanāc chaye

Dass dieser (Dhruva), am Morgen geschöpft, bis zur dritten Pressung liegt,

āyuṣaiva yajñam̐ saṃtanoti

damit setzt er das Opfer durch die Lebensdauer fort.

prātar vā etau gṛhyete gāyatryā loka āgrāyaṇaś ca dhruvaś ca

Am Morgen werden diese beiden geschöpft, im Bereich der Gāyatrī: der Āgrayaṇa und der Dhruva;

tā ā tṛtīyasavanāc chayāte jagatyā lokāt

sie liegen bis zur dritten Pressung, vom Bereich der Jagatī her.

tasmād gāyatry ayātayāmny uttare savane pratyeti

Darum kehrt die Gāyatrī, unverbraucht, bei der späteren Pressung wieder.

etad evābhi bhāgadheyam

Dies eben ist im Hinblick darauf der Anteil (bhāgadheya).

prāṇo vai gāyatry āyur dhruvas

Der Lebenshauch ist nämlich die Gāyatrī, die Lebensdauer der Dhruva.

yad eṣa prātassanna ā tṛtīyasavanāc chaye

Dass dieser, am Morgen (geschöpft), bis zur dritten Pressung liegt,

tasmād yāvad evāyus tāvān prāṇas

darum ist der Lebenshauch so lang wie die Lebensdauer.

āyur vai dhruvo rudro 'gnis

Die Lebensdauer ist der Dhruva, Rudra ist Agni;

naikākī hotavyas

nicht allein darf er (der Dhruva) geopfert werden;

āyuḥ prajānāṃ pradadhyāt pramāyukās syur

er würde [sonst] die Lebensdauer der Geschöpfe zerstören [?], sie würden vorzeitig sterben.

hotuś camase 'vanayati

Er gießt (davon) in den Camasa [Anm.: Holzbecher] des Hotṛ hinein.

vaiśvadevo vai hotā vaiśvadevīr imāḥ prajāḥ

Der Hotṛ gehört nämlich allen Göttern (Viśvedevas), und diese Geschöpfe gehören allen Göttern;

prajāsv evāyur dadhāti

so legt er Lebensdauer in die Geschöpfe.

adhruvaṃ vā enam etat karoti yad avanayati

Unfest macht er ihn damit, dass er ihn ausgießt;

etasya vā adhruvatvam anu prajābhyo na kalpate

wegen dessen Unfestigkeit gedeiht es den Geschöpfen nicht [?].

dṛm̐hantāṃ daivīr viśaḥ kalpantāṃ manuṣyā divi divyāni santv antarikṣe vayām̐si pṛthivyāṃ pārthivānīti dhruvam avanayati

„Fest sollen werden die göttlichen Stämme, gedeihen sollen die Menschen; im Himmel sei das Himmlische, im Luftraum die Vögel, auf der Erde das Irdische“ — (mit diesem Spruch) gießt er den Dhruva aus.

yathāyatanam eva prajā dṛm̐hati

So festigt er die Geschöpfe, jedes an seinem Platz.

āhūta ukthe 'vanayet

Nachdem das Ukthá (Rezitation) angerufen ist, soll er ausgießen;

stutenaiva śastram abhisaṃtanoti

durch den Lobgesang (stuta) verbindet er die Rezitation (śastra) fortlaufend.

yad āhūte 'vanayed uktham atirecayet

Würde er nach der Anrufung ausgießen, so ließe er das Uktha überschießen;

yac chaste graham atirecayet

würde er nach der Rezitation (ausgießen), so ließe er den Schöpfbecher (graha) überschießen.

yā madhyamā paridhānīyā tasyām avanayati

Bei der mittleren Schlussverszeile [Anm.: paridhānīyā, Abschlussvers] gießt er aus.

aṅgāni vā etāni yajñasya yad ukthāmadāny āyur dhruvas

Glieder des Opfers sind nämlich diese: die Uktha-Lobpreisungen; die Lebensdauer ist der Dhruva.

ardhaṃ vai puruṣasyātmano 'ṅgāny ardham āyur

Die Hälfte des Selbst des Menschen sind die Glieder, die (andere) Hälfte die Lebensdauer.

antā evābhitas saṃdhāyāyur madhyato dadhāti

Die Enden beiderseits zusammenfügend, legt er die Lebensdauer in die Mitte.

kasmāt satyād ity āhur brahmavādina āpas tvaramāṇā na kṣīyante na pradasyantīti

Die Brahmavādins fragen: „Aus welchem wahren Grund versiegen die Wasser nicht, obwohl sie eilen, und gehen nicht zur Neige?“

etam eva somapīthaṃ pratīkṣamāṇā yad dhruvas

Eben diesen Somatrunk erwartend (bleiben sie), nämlich den Dhruva.

pratyaṅṅ āsīno 'vanayati

nach Westen gewandt sitzend gießt er aus;

anvīpam evainā avārjati

gegen den Strom wendet er sie ab [?].

na sāmi prasrāvayeta

Nicht halb soll er ihn ausfließen lassen [?].

agniṣṭomam evāsīta

Beim Agniṣṭoma soll er (nach dem Ausgießen) sitzen bleiben;

āyur vai dhruvas

die Lebensdauer ist nämlich der Dhruva.

āyur vyavasrāvayeta

Er würde sonst die Lebensdauer verrinnen lassen.

etāvān vai yajño yāvān evāgniṣṭomas

So groß ist das Opfer, wie eben der Agniṣṭoma groß ist;

yad agniṣṭomam āste

dass er den Agniṣṭoma über sitzt,

prāṇasyaivāsyāntar gacchati

damit geht er in das Innere des Lebenshauchs ein;

udaraṃ vā etad yajñasya yat sadas

Der Bauch des Opfers ist nämlich dies, das Sadas (Sitzhalle);

tad dravanti nissarpantas

dorthin laufen sie, indem sie hinauskriechen [?].

yad agniṣṭomam āste

dass er den Agniṣṭoma über sitzt,

prajāpater evodaraṃ na riṇakty akṣodhuko bhavati ‖

damit leert er Prajāpatis Bauch nicht aus [?]; er wird nicht hungrig (akṣodhuka).