Quellen der Menschheit

Kauṣītaki-/Śāṅkhāyana-Āraṇyaka

Kapitel 11: śāṅkhāyanāraṇyakam · ekādaśo 'dhyāyaḥ Prajāpatis Einwohnung der Götter im Menschen, Todesvorzeichen und das Schutz-Amulett-Ritual (ŚĀ 11,1–11,8)

Der elfte Adhyāya (ŚĀ 11,1–11,8) ist hiermit vollständig übersetzt: der Mythos von Prajāpatis Erschaffung des Menschen und der Einwohnung der Gottheiten in dessen Sinnesvermögen, samt der Erzählung von deren vorübergehendem Entweichen und der Ätiologie von Hunger und Durst (11,1–11,2); ein Katalog von Todesvorzeichen, der ŚĀ 8,7 aufgreift und um eine Traumdeutungs-Sektion mit Gegenritual erweitert (11,3–11,4); Svāhā-Opferformeln, die die Götter-Vermögen-Zuordnungen liturgisch verankern (11,5–11,6); und ein Schutz- und Langlebigkeits-Amulett-Ritual auf Basis von Material-Metrum-Korrespondenzen (11,7–11,8). Es folgt Adhyāya 12 (ŚĀ 12,1ff., beginnend mit versnummeriertem Mantra-Material statt fortlaufender Khaṇḍa-Prosa, bereits sichtbar auf PDF-Seite 27) in einer künftigen Sitzung bzw. im täglichen automatisierten Lauf.

prajāpatir vā imaṃ puruṣam udañcata | tasminn etā devatā āveśayad vāci agniṃ prāṇe vāyum apāne vidyuta udāne parjanyaṃ cakṣuṣy ādityaṃ manasi candramasaṃ śrotre diśaḥ śarīre pṛthivīṃ retasy apo bala indraṃ manyāv īśānaṃ mūrdhany ākāśaṃ ātmani brahma | sa yathā mahān amṛtakumbhaḥ pinvamānas tiṣṭhed evaṃ haiva sa tasthau | atha hemā devatā īkṣāṃ cakrire kim ayam asmābhiḥ puruṣaḥ kariṣyati kiṃ vā vayam anena | hantāsmāc charīrād utkramāmeti | tā hoccakramuḥ | atha hedaṃ śarīraṃ riktam iva parisuṣiraṃ sa hekṣāñcakre prajāpatī randhrāya na kṣamam | hantāham imā aśanāyāpipāsābhyām upasṛjā iti | tā hopasasṛje | tā hopasṛṣṭāḥ sukhaṃ alabhamānā imam eva puruṣaṃ punaḥ pratyāviviśuḥ ||

Prajāpati nun gestaltete diesen Menschen empor [erhob diesen Menschen]. In ihn ließ er diese Gottheiten eingehen: in die Rede das Feuer, in den Einatem den Wind, in den Ausatem den Blitz, in den Zwischenatem den Regen[gott], in das Auge die Sonne, in den Geist den Mond, in das Gehör die Himmelsrichtungen, in den Leib die Erde, in den Samen das Wasser, in die Kraft Indra, in den Zorn Īśāna, in den Scheitel den Raum, in das Selbst das Brahman. Wie ein großer, [randvoll] anschwellender unsterblicher Krug dastünde, so stand er eben da. Da nun betrachteten diese Gottheiten [die Sache] und dachten: 'Was wird dieser Mensch mit uns machen, oder was [tun] wir mit ihm? Wohlan, lasst uns aus diesem Körper entweichen!' Da entwichen sie. Da wurde dieser Körper wie leer, ganz durchlöchert; da erwog Prajāpati: '[Dies] Durchlöchertsein ist nicht erträglich; wohlan, ich will ihnen Hunger und Durst zufügen.' Da fügte er sie [den entwichenen Göttern] zu. Diese, von [Hunger und Durst] befallen [und] kein Wohlbehagen findend, kehrten wieder in eben diesen Menschen zurück.

Wort für Wort
prajāpatiḥ imaṃ puruṣam udañcata
Prajāpati erhob/gestaltete diesen Menschen
tasmin etāḥ devatāḥ āveśayat
ließ diese Gottheiten in ihn eingehen
vāci agnim, prāṇe vāyum, apāne vidyutam
Feuer in die Rede, Wind in den Einatem, Blitz in den Ausatem
udāne parjanyam, cakṣuṣi ādityam, manasi candramasam
Regen in den Zwischenatem, Sonne ins Auge, Mond in den Geist
śrotre diśaḥ, śarīre pṛthivīm, retasi āpaḥ
Richtungen ins Gehör, Erde in den Leib, Wasser in den Samen
bale indram, manyau īśānam, mūrdhani ākāśam, ātmani brahma
Indra in die Kraft, Īśāna in den Zorn, Raum in den Scheitel, Brahman ins Selbst
mahān amṛtakumbhaḥ pinvamānaḥ tiṣṭhet
wie ein großer, anschwellender unsterblicher Krug dastünde
devatāḥ īkṣāṃ cakrire
die Gottheiten betrachteten [die Sache]
śarīrāt utkramāma
lasst uns aus dem Körper entweichen
śarīraṃ riktam parisuṣiram
der Körper [wurde] leer, durchlöchert
aśanāyāpipāsābhyām upasṛjā
ich will [ihnen] Hunger und Durst zufügen
punaḥ pratyāviviśuḥ
kehrten wieder zurück

[?] [Anm.: Eröffnet Adhyāya 11 mit einem kosmogonischen Mythos über die Erschaffung des Menschen durch Prajāpati und die Einwohnung der Gottheiten in dessen Sinnesvermögen und Körperteile (13 Zuordnungen). Der Mythos erklärt Hunger und Durst als Mittel, mit dem die entwichenen Götter zur Rückkehr in den Körper bewogen wurden – eine ätiologische Erzählung, die dem folgenden Ritual (Prāṇa-Amulett bzw. Todesvorzeichen-Abwehr, 11,3–11,8) zugrunde liegt. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

vāṅ mamety agnir āviveśa | prāṇo mameti vāyur āviveśa | apāno mameti vidyutāviviśuḥ | udāno mameti parjanya āviveśa | cakṣur mamety āditya āviveśa | mano mameti candramā āviveśa | śrotram asmākam iti diśa āviviśuḥ | śarīraṃ mameti pṛthivy āviveśa | reto 'smākam ity āpa āviviśuḥ | balam mametīndra āviveśa | manyur mametīśāna āviveśa | mūrdhā mamety ākāśa āviveśa | ātmā mameti brahmāviveśa | sa yathā mahān vṛkṣa ārdra upasiktamūlas tiṣṭhed evaṃ haiva sa tasthau ||

'Die Rede ist mein', [so sprechend] ging das Feuer ein; 'der Einatem ist mein', ging der Wind ein; 'der Ausatem ist mein', gingen die Blitze ein; 'der Zwischenatem ist mein', ging der Regen[gott] ein; 'das Auge ist mein', ging die Sonne ein; 'der Geist ist mein', ging der Mond ein; 'das Gehör ist unser', gingen die Himmelsrichtungen ein; 'der Leib ist mein', ging die Erde ein; 'der Same ist unser', gingen die Gewässer ein; 'die Kraft ist mein', ging Indra ein; 'der Zorn ist mein', ging Īśāna ein; 'der Scheitel ist mein', ging der Raum ein; 'das Selbst ist mein', ging das Brahman ein. Wie ein großer Baum, feucht, mit durchtränkten Wurzeln, dastünde, so stand er eben da.

Wort für Wort
vāk mama iti agniḥ āviveśa
'die Rede ist mein', so ging das Feuer ein
prāṇaḥ mama iti vāyuḥ āviveśa
'der Einatem ist mein', so der Wind
śrotram asmākam iti diśaḥ āviviśuḥ
'das Gehör ist unser', so die Richtungen
ātmā mama iti brahma āviveśa
'das Selbst ist mein', so das Brahman
mahān vṛkṣaḥ ārdraḥ upasiktamūlaḥ tiṣṭhet
wie ein großer, feuchter, wurzeldurchtränkter Baum dastünde

[Anm.: Zweite Fassung derselben Einwohnungs-Erzählung, nun mit jeder Gottheit selbst als sprechendem Subjekt ('die Rede ist mein'), das Bild wechselt vom unsterblichen Krug (11,1) zum feuchten, wurzelstarken Baum. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

athāyaṃ puruṣaḥ preṣyan purā saṃvatsarāt saṃvatsarasya dṛṣṭīḥ paśyati | chidrā chāyā bhavati na vā bhavati | mahāmeghe vā marīcīr iva paśyed anabhre vā vidyutam paśyed abhram enāṃ na paśyet | akṣiṇī vāpidhāya varāṭakānīva na paśyet | karṇau vāpidhāyopabdim iva na śṛṇoti | nāsmim̐l loke ramate nainaṃ manaś candayati | iti pratyakṣadarśanāni ||

Nun, dieser Mensch, der [bald] sterben wird, sieht vor Ablauf des Jahres die Erscheinungen des Jahres [vorzeitig]. Sein Schatten wird löchrig, oder [gar unsichtbar]. Er sieht in einer großen Gewitterwolke etwas wie Lichtstrahlen, oder er sieht ohne Wolke einen Blitz, sieht aber die Wolke selbst nicht. Oder, die Augen bedeckend, sieht er nicht [mehr] wie [sonst] kleine Muscheln [Lichtpunkte]. Oder, die Ohren bedeckend, hört er nicht [mehr] wie [sonst] ein Geräusch. Er findet kein Gefallen mehr an dieser Welt, der Geist erfreut ihn nicht mehr. Dies sind die unmittelbar wahrnehmbaren [Todes-]Anzeichen.

Wort für Wort
preṣyan
der [bald] sterben wird
purā saṃvatsarāt saṃvatsarasya dṛṣṭīḥ paśyati
sieht vor Jahresablauf die Jahres-Erscheinungen vorzeitig
chidrā chāyā bhavati
der Schatten wird löchrig
mahāmeghe marīcīḥ paśyet
sieht in der Gewitterwolke Lichtstrahlen
anabhre vidyutam paśyet
sieht ohne Wolke einen Blitz
akṣiṇī apidhāya varāṭakāni na paśyet
bedeckt die Augen, sieht keine 'Muscheln' [Lichtpunkte]
na asmin loke ramate
findet kein Gefallen an dieser Welt
pratyakṣadarśanāni
die unmittelbar wahrnehmbaren [Vor-]Zeichen

[Anm.: Wiederholt und variiert den bereits in ŚĀ 8,7 behandelten Todesvorzeichen-Katalog (löchriger Schatten, Blitz ohne Wolke, optische/akustische Halluzinationen bei bedeckten Augen/Ohren), hier als Einleitung zum apotropäischen Ritual der folgenden Khaṇḍas. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

atha svapnāḥ | puruṣaṃ kṛṣṇaṃ kṛṣṇadantaṃ paśyati sa enaṃ hanti | varāha enaṃ hanti | markaṭa enaṃ hanti enaṃ hanti | bisāni khādayati suvarṇaṃ bhakṣayitvāvagiraty ekapauṇḍarīkaṃ dhārayati gāṃ sabatsāṃ dakṣiṇāmukho naladamālī rājayati | sa yady eteṣāṃ kiṃcit paśyet pāṇḍuradarśanāṃ kālīṃ strīṃ muktakeśāṃ muṇḍāṃ tailābhyaṅgaṃ kausumbhaparidhānāṃ gītāny uṣṭrārohaṇaṃ dakṣiṇāśāgamanādīni vīkṣyopoṣya pāyasaṃ sthālīpākaṃ śrapayitvā sarūpavatsāyā goḥ payasā tv eva tu kṛṣṇāya agnim upasamādhāya parisamuhya paristīrya paryukṣya dakṣiṇaṃ jānv ācya sruveṇājyahutīr juhoti ||

Nun die Träume: Sieht er einen schwarzen Mann mit schwarzen Zähnen, [dann] tötet dieser ihn; ein Eber tötet ihn; ein Affe tötet ihn, tötet ihn; er isst Lotoswurzelfasern; nachdem er Gold verschluckt hat, spuckt er es [wieder] aus; er trägt einen einzelnen weißen Lotos; eine Kuh mit ihrem Kalb, nach Süden gewandt, mit einem Kranz aus Naladā-Gras geschmückt, erscheint glänzend [vor ihm]. Wenn er etwas von diesen [Zeichen] sieht: eine bleich aussehende [oder] eine dunkle Frau mit aufgelöstem Haar, kahlköpfig, mit Öl gesalbt, in safrangelbes Gewand gehüllt; Gesänge; das Besteigen eines Kamels; das Gehen in Richtung Süden und dergleichen – [wenn er] dies erblickt, soll er fasten, [dann] einen Milchreisbrei im Topf kochen, und zwar mit der Milch einer Kuh, deren Kalb dieselbe Farbe hat, für den Schwarzen [Todesgott] [bestimmt], das Feuer [rituell] herrichten, [es] rings bestreichen, [mit Gras] belegen, [mit Wasser] besprengen, das rechte Knie [zum Feuer] hinwendend, mit dem Opferlöffel Butterschmalz-Opfergüsse darbringen.

Wort für Wort
svapnāḥ
die Träume
puruṣaṃ kṛṣṇaṃ kṛṣṇadantaṃ paśyati
sieht einen schwarzen Mann mit schwarzen Zähnen
varāhaḥ enaṃ hanti
ein Eber tötet ihn
markaṭaḥ enaṃ hanti
ein Affe tötet ihn
bisāni khādayati
isst Lotoswurzelfasern
suvarṇaṃ bhakṣayitvā avagirati
verschluckt Gold und spuckt es aus
gāṃ sabatsāṃ dakṣiṇāmukhaḥ naladamālī
eine Kuh mit Kalb, nach Süden gewandt, mit Naladā-Kranz
strīṃ muktakeśāṃ muṇḍām
eine Frau mit aufgelöstem Haar, kahlköpfig
uṣṭrārohaṇam, dakṣiṇāśāgamanam
das Besteigen eines Kamels, das Gehen nach Süden
upoṣya pāyasaṃ sthālīpākaṃ śrapayitvā
nach dem Fasten einen Milchreisbrei kochend
sarūpavatsāyāḥ goḥ payasā kṛṣṇāya
mit der Milch einer gleichfarbig-kälbigen Kuh, für den Schwarzen [bestimmt]
sruveṇa ājyahutīḥ juhoti
opfert mit dem Opferlöffel Butterschmalzgüsse

[?] [Anm.: Katalog von Unglücks-/Todes-Traumbildern (schwarzer Mann, Eber, Affe als Todesboten; diverse ambivalente Bilder wie Gold-Verschlucken, weißer Lotos, südwärts ziehende Kuh) mit anschließender Gegenmaßnahme: Fasten und ein Milchreisbrei-Opfer 'für den Schwarzen' (kṛṣṇāya), womit vermutlich Yama, der Todesgott, gemeint ist. Einzelne Traumbilder (bisāni khādayati, ekapauṇḍarīkaṃ dhārayati) sind in ihrer symbolischen Bedeutung nicht mehr sicher zu erschließen. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

vāci me 'gniḥ pratiṣṭhitaḥ svāhā | prāṇe me vāyuḥ pratiṣṭhitaḥ svāhā | apāne me vidyutaḥ pratiṣṭhitāḥ svāhā | udāne me parjanyaḥ pratiṣṭhitaḥ svāhā | cakṣuṣi ma ādityaḥ pratiṣṭhitaḥ svāhā | manasi me candramāḥ pratiṣṭhitaḥ svāhā | śrotre me diśaḥ pratiṣṭhitāḥ svāhā | śarīre me pṛthivī pratiṣṭhitā svāhā | retasi ma āpaḥ pratiṣṭhitāḥ svāhā | bale ma indraḥ pratiṣṭhitaḥ svāhā | manyau ma īśānaḥ pratiṣṭhitaḥ svāhā | mūrdhani ma ākāśaḥ pratiṣṭhitaḥ svāhā | ātmani me brahma pratiṣṭhitam svāhā | athaitad ājyāvaśeṣaṃ sthālīpāke samavaninīya sthālīpākasyopaghātaṃ juhoti ||

'In meiner Rede ist das Feuer verankert – svāhā! In meinem Einatem ist der Wind verankert – svāhā! In meinem Ausatem sind die Blitze verankert – svāhā! In meinem Zwischenatem ist der Regen[gott] verankert – svāhā! In meinem Auge ist die Sonne verankert – svāhā! In meinem Geist ist der Mond verankert – svāhā! In meinem Gehör sind die Himmelsrichtungen verankert – svāhā! In meinem Leib ist die Erde verankert – svāhā! In meinem Samen ist das Wasser verankert – svāhā! In meiner Kraft ist Indra verankert – svāhā! In meinem Zorn ist Īśāna verankert – svāhā! In meinem Scheitel ist der Raum verankert – svāhā! In meinem Selbst ist das Brahman verankert – svāhā!' Darauf gießt er den Rest des Butterschmalzes in den Reisbrei-Topf und opfert [ihn] als Zugabe zum Reisbrei-Opfer.

Wort für Wort
vāci me agniḥ pratiṣṭhitaḥ svāhā
in meiner Rede ist das Feuer verankert - svāhā
[je Paar wiederholt für alle 13 Gottheiten]
(Wiederholungsformel wie in 11,1/11,2)
ātmani me brahma pratiṣṭhitam svāhā
in meinem Selbst ist das Brahman verankert - svāhā
ājyāvaśeṣaṃ sthālīpāke samavaninīya
gießt den Rest des Schmalzes in den Reisbrei-Topf

[Anm.: Rituelle Opferformel, die die 13 Gottheit-Vermögen-Zuordnungen aus 11,1/11,2 in Svāhā-Anrufungen umsetzt, begleitet vom Reisbrei-Opfer aus 11,4. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

vāci me 'gniḥ pratiṣṭhito vāg hṛdaye hṛdayam ātmani tat satyaṃ devānāṃ māham akāmo mariṣyāmy annavān annādo bhūyāsaṃ svāhā | prāṇe me vāyuḥ pratiṣṭhitaḥ prāṇo hṛdaye hṛdayam ātmani tat satyaṃ devānāṃ māham akāmo mariṣyāmy annavān annādo bhūyāsaṃ svāhā | apāne me vidyutaḥ pratiṣṭhitā apāno hṛdaye hṛdayam ātmani tat satyaṃ devānāṃ māham akāmo mariṣyāmy annavān annādo bhūyāsaṃ svāhā | udāne me parjanyaḥ pratiṣṭhita udānaṃ hṛdaye hṛdayam ātmani tat satyaṃ devānāṃ māham akāmo mariṣyāmy annavān annādo bhūyāsaṃ svāhā | cakṣuṣi ma ādityaḥ pratiṣṭhitaś cakṣur hṛdaye hṛdayam ātmani tat satyaṃ devānāṃ māham akāmo mariṣyāmy annavān annādo bhūyāsaṃ svāhā | manasi me candramāḥ pratiṣṭhito mano hṛdaye hṛdayam ātmani tat satyaṃ devānāṃ māham akāmo mariṣyāmy annavān annādo bhūyāsaṃ svāhā | śrotre me diśaḥ pratiṣṭhitā diśo hṛdaye hṛdayam ātmani tat satyaṃ devānāṃ māham akāmo mariṣyāmy annavān annādo bhūyāsaṃ svāhā | śarīre me pṛthivī pratiṣṭhitā pṛthivī hṛdaye hṛdayam ātmani tat satyaṃ devānāṃ māham akāmo mariṣyāmy annavān annādo bhūyāsaṃ svāhā | bale ma indraḥ pratiṣṭhito balaṃ hṛdaye hṛdayam ātmani tat satyaṃ devānāṃ māham akāmo mariṣyāmy annavān annādo bhūyāsaṃ svāhā | manyau ma īśānaḥ pratiṣṭhito manyur hṛdaye hṛdayam ātmani tat satyaṃ devānāṃ māham akāmo mariṣyāmy annavān annādo bhūyāsaṃ svāhā | mūrdhani ma ākāśaḥ pratiṣṭhito mūrdhā hṛdaye hṛdayam ātmani tat satyaṃ devānāṃ māham akāmo mariṣyāmy annavān annādo bhūyāsaṃ svāhā | ātmani me brahma pratiṣṭhitam ātmā hṛdaye hṛdayam ātmani tat satyaṃ devānāṃ māham akāmo mariṣyāmy annavān annādo bhūyāsaṃ svāhā | athaitat sthālīpākaśeṣam ātmani samavaninīya juhoti ||

'In meiner Rede ist das Feuer verankert, die Rede im Herzen, das Herz im Selbst – das ist die Wahrheit der Götter. Nicht unerfüllt möge ich sterben; nahrungsreich, ein Nahrung-Essender möge ich sein – svāhā!' [Und ebenso, mit jeweils dem betreffenden Paar, für die übrigen zwölf:] In meinem Einatem der Wind, der Einatem im Herzen ...; in meinem Ausatem die Blitze, der Ausatem im Herzen ...; in meinem Zwischenatem der Regen[gott], der Zwischenatem im Herzen ...; in meinem Auge die Sonne, das Auge im Herzen ...; in meinem Geist der Mond, der Geist im Herzen ...; in meinem Gehör die Himmelsrichtungen, [diese] im Herzen ...; in meinem Leib die Erde, [diese] im Herzen ...; in meiner Kraft Indra, die Kraft im Herzen ...; in meinem Zorn Īśāna, der Zorn im Herzen ...; in meinem Scheitel der Raum, der Scheitel im Herzen ...; in meinem Selbst das Brahman, das Selbst im Herzen – das ist die Wahrheit der Götter; nicht unerfüllt möge ich sterben, nahrungsreich, ein Nahrung-Essender möge ich sein – svāhā! Darauf gießt er den Rest des Reisbrei-Topfes ins Selbst [verzehrt ihn] und opfert [so].

Wort für Wort
vāci agniḥ, vāk hṛdaye, hṛdayam ātmani
Feuer in der Rede, Rede im Herzen, Herz im Selbst
tat satyaṃ devānām
das ist die Wahrheit der Götter
mā aham akāmaḥ mariṣyāmi
möge ich nicht unerfüllt [im Wunsch] sterben
annavān annādaḥ bhūyāsam
nahrungsreich, ein Nahrung-Essender möge ich sein
[Formel wiederholt für alle 13 Paare]
(feste Wiederholungsformel wie in 11,1/11,2/11,5)
sthālīpākaśeṣam ātmani samavaninīya juhoti
gießt den Rest des Reisbreis ins Selbst und opfert

[?] [Anm.: Erweiterte Fassung der Svāhā-Formel aus 11,5: jede Gottheit wird nun über das Herz mit dem Selbst rückverbunden ('X im Herzen, das Herz im Selbst') und mit einer Bitte um erfülltes, nicht vorzeitiges Sterben sowie fortdauernden Nahrungsreichtum verbunden. Die genaue Bedeutung von 'akāmaḥ mariṣyāmi' ('unerfüllt/wunschlos sterben') bleibt in der Nuance unsicher. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

aśmā jāgatam ayas traiṣṭubham loham auṣṇiham sīsam kākubham rajataṃ svārājyaṃ suvarṇaṃ gāyatram annaṃ vairājyam tṛptir ānuṣṭubham nākam sāmrājyaṃ bṛhaspatir bārhatam brahma pāṅktam prajāpatir āticchandasaṃ sāvitrī sarvavedachandasaṃ chandaseti ||

Der Stein [entspricht dem Metrum] Jagatī, das Eisen dem Triṣṭubh, das Kupfer dem Uṣṇih, das Blei dem Kakubh, das Silber der Eigenherrschaft (Svārājya), das Gold dem Gāyatrī, die Speise dem Virāj, die Sättigung dem Anuṣṭubh, das Firmament der Allherrschaft (Sāmrājya), Bṛhaspati dem Bṛhatī, das Brahman dem Paṅkti, Prajāpati dem Atichandas; die Sāvitrī [ist] das alle-Veden-[umfassende] Metrum – so [die Zuordnungen] der Versmaße.

Wort für Wort
aśmā jāgatam
Stein - Jagatī
ayaḥ traiṣṭubham
Eisen - Triṣṭubh
loham auṣṇiham
Kupfer - Uṣṇih
sīsam kākubham
Blei - Kakubh
rajataṃ svārājyam
Silber - Svārājya
suvarṇaṃ gāyatram
Gold - Gāyatrī
annaṃ vairājyam
Speise - Virāj
tṛptiḥ ānuṣṭubham
Sättigung - Anuṣṭubh
nākam sāmrājyam
Firmament - Sāmrājya
bṛhaspatiḥ bārhatam
Bṛhaspati - Bṛhatī
brahma pāṅktam
Brahman - Paṅkti
prajāpatiḥ āticchandasam
Prajāpati - Atichandas
sāvitrī sarvavedachandasam
Sāvitrī - alle-Veden-Metrum

[?] [Anm.: Katalog von Material-Metrum-Zuordnungen (Metalle/Mineralien und Versmaße), Grundlage für das im folgenden Khaṇḍa beschriebene Schutz-Amulett-Ritual. 'Svārājya' und 'Sāmrājya' ('Eigenherrschaft', 'Allherrschaft') erscheinen hier anstelle eines eigenen Metrumnamens; ob damit ein bestimmtes Versmaß oder ein Herrschaftsbegriff gemeint ist, bleibt unsicher. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

aśmeva sthiro vasāni jāgatena chandasā | puruṣo maṇiḥ prāṇaḥ sūtram annaṃ granthis taṃ granthim udgrathnāmy annakāmaḥ | mṛtyave brāhmaṇam api sarvam āyur aśīyāyuṣmān māham akāmo mariṣyāmy annavān annādo bhūyāsaṃ svāhā | aya iva sthiro vasāny auṣṇihena chandasā puruṣo maṇiḥ prāṇaḥ ... svāhā | sīsam iva sthiro vasāni kākubhena chandasā puruṣo maṇiḥ prāṇaḥ ... svāhā | rajatam iva sthiro vasāni svārājyena chandasā puruṣo maṇiḥ prāṇaḥ ... svāhā | suvarṇam iva sthiro vasāni gāyatreṇa chandasā puruṣo maṇiḥ prāṇaḥ ... svāhā | annam iva sthiro vasāni vairājena chandasā puruṣo maṇiḥ prāṇaḥ ... svāhā | tṛptir iva sthiro vasāny ānuṣṭubhena chandasā puruṣo maṇiḥ prāṇaḥ ... svāhā | nākam iva sthiro vasāni sāmrājyena chandasā puruṣo maṇiḥ prāṇaḥ ... svāhā | bṛhaspatir iva sthiro vasāni bārhatena chandasā puruṣo maṇiḥ prāṇaḥ ... svāhā | brahmeva sthiro vasāni pāṅktena chandasā puruṣo maṇiḥ prāṇaḥ ... svāhā | prajāpatir iva sthiro vasāny āticchandasena chandasā puruṣo maṇiḥ prāṇaḥ ... svāhā | sāvitrīva sthiro vasāni sarvavedachandasena chandasā puruṣo maṇiḥ prāṇaḥ ... svāhā | priyāyai vā jāyāyai priyāya vāntevāsine 'nyasmai vāpi yasmai kāmayeta tasmā ucchiṣṭaṃ dadyāt | sa hāpi śataṃ varṣāṇi jīvati punaḥ punaḥ prayuñjāno jīvaty eva jīvaty eva || iti śāṅkhāyanāraṇyake ekādaśamo 'dhyāyaḥ ||

'Wie der Stein fest [bleibt] durch das Jagatī-Metrum, [so] wohne auch ich fest; der Mensch [ist] das Amulett (maṇi), der Atem der Faden, die Speise der Knoten – diesen Knoten knüpfe ich, [ich,] der Speise begehrt. Bis zum Tode [wahre ich] auch das ganze Brāhmaṇa; volles Lebensalter möge ich erlangen, langlebig; nicht unerfüllt möge ich sterben, nahrungsreich, ein Nahrung-Essender möge ich sein – svāhā!' [Und ebenso, mit jeweils ausgetauschtem Material und Metrum:] Wie das Eisen fest [bleibt] durch das Uṣṇih-Metrum ... svāhā; wie das Blei fest [bleibt] durch das Kakubh-Metrum ... svāhā; wie das Silber fest [bleibt] durch das Svārājya-Metrum ... svāhā; wie das Gold fest [bleibt] durch das Gāyatrī-Metrum ... svāhā; wie die Speise fest [bleibt] durch das Virāj-Metrum ... svāhā; wie die Sättigung fest [bleibt] durch das Anuṣṭubh-Metrum ... svāhā; wie das Firmament fest [bleibt] durch das Sāmrājya-Metrum ... svāhā; wie Bṛhaspati fest [bleibt] durch das Bṛhatī-Metrum ... svāhā; wie das Brahman fest [bleibt] durch das Paṅkti-Metrum ... svāhā; wie Prajāpati fest [bleibt] durch das Atichandas-Metrum ... svāhā; wie die Sāvitrī fest [bleibt] durch das alle-Veden-Metrum ... svāhā. Einer geliebten Gattin, einem geliebten Schüler, oder auch wem sonst man wohlgesonnen ist, dem soll man den Opferrest geben. Er lebt dann sogar hundert Jahre, [das Ritual] immer wieder anwendend – wahrlich lebt er, wahrlich lebt er. – So endet im Śāṅkhāyana-Āraṇyaka der elfte Adhyāya.

Wort für Wort
aśma iva sthiraḥ vasāni
wie der Stein fest, [so] wohne ich fest
puruṣaḥ maṇiḥ
der Mensch = das Amulett
prāṇaḥ sūtram
der Atem = der Faden
annaṃ granthiḥ
die Speise = der Knoten
taṃ granthim udgrathnāmi annakāmaḥ
diesen Knoten knüpfe ich, der Speise begehrt
mṛtyave brāhmaṇam api
bis zum Tode auch das Brāhmaṇa[-Wissen bewahrend]
sarvam āyuḥ aśīya āyuṣmān
möge ich volles Lebensalter erlangen, langlebig
[Formel wiederholt mit je anderem Material/Metrum]
(analog für Eisen/Uṣṇih, Blei/Kakubh, Silber/Svārājya usw.)
priyāyai jāyāyai, priyāya antevāsine ucchiṣṭaṃ dadyāt
gibt den Opferrest der geliebten Gattin oder dem geliebten Schüler
śataṃ varṣāṇi jīvati
er lebt hundert Jahre
punaḥ punaḥ prayuñjānaḥ jīvati eva jīvati eva
immer wieder anwendend, lebt er wahrlich
iti śāṅkhāyanāraṇyake ekādaśamo 'dhyāyaḥ
so endet der elfte Adhyāya

[?] [Anm.: Abschluss-Ritual des Adhyāya: ein Schutz- und Langlebigkeits-Amulett (maṇi) wird geknüpft, wobei der Mensch selbst als Amulett, der Atem als Faden und die Speise als Knoten gedeutet werden – begleitet von der immer wiederholten Bitte, nicht unerfüllt zu sterben und nahrungsreich zu bleiben. Die Zwölfergruppe der Material-Metrum-Paare aus 11,7 wird hier vollständig durchdekliniert (im Sanskrit-Original mit '...' abgekürzt wiederholt). Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

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