Quellen der Menschheit

Kauṣītaki-/Śāṅkhāyana-Āraṇyaka

Kapitel 6: śāṅkhāyanāraṇyakam · ṣaṣṭho 'dhyāyaḥ (= kauṣītakyupaniṣad, caturtho 'dhyāyaḥ) Gārgya Bālāki und König Ajātaśatru: Zwölf Identifikationen des Brahman-Puruṣa (KU 4,1–4,12, fortlaufend)

Adhyāya 6 (= KU 4) enthält den berühmten Dialog zwischen dem brahmanischen Gelehrten Gārgya Bālāki und dem Kṣatriya-König Ajātaśatru von Kāśi – eine enge Parallele zu Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad 2,1: Zwölfmal (und mehr) schlägt Bālāki vor, 'die Person' in einem kosmischen oder leiblichen Phänomen (Sonne, Mond, Blitz, Donner, Wind, Raum, Feuer, Wasser; Spiegel, Schatten, Echo u.a.) zu verehren, und ebenso oft weist Ajātaśatru dies mit der Formel 'mā maitasmin saṃvādayiṣṭhāḥ' zurück und ersetzt es durch seine eigene, umfassendere Deutung. Der sechste Adhyāya (ŚĀ 6,1–6,20 = KU 4,1–4,20) ist hiermit vollständig übersetzt: nach zwanzig Identifikationen verstummt Bālāki, wird Ajātaśatrus Schüler (Khaṇḍa 19, mit der berühmten Lehre von den feinen Hitā-Adern des Herzens im traumlosen Tiefschlaf), und der Adhyāya mündet in die Lehre vom Atem als 'Zunftältestem', auf den sich alle Einzelvermögen stützen (Khaṇḍa 20). MIT DIESEM ADHYĀYA IST DIE GESAMTE EINGEBETTETE KAUṢĪTAKI-UPANIṢAD (Adhyāya 3–6 = KU 1–4) VOLLSTÄNDIG ÜBERSETZT. Es folgt Adhyāya 7 (ŚĀ 7,1ff., eine Schüler-Invokationsformel und die Saṃhitā-Upaniṣad-Lehre über phonetische Verbindungen, thematisch verwandt mit Taittirīya-Upaniṣad 1,1–1,3 – nun wieder reguläres Āraṇyaka-Material jenseits der Upaniṣad) in einer künftigen Sitzung bzw. im täglichen automatisierten Lauf.

atha gārgyo bālākir anūcānaḥ saṃspaṣṭa āsa | so 'vasad uśīnareṣu so 'vasan matsyeṣu kurupañcāleṣu kāśivideheṣviti | sa hājātaśatruṃ kāśyam āvrajyovāca - brahma te bravāṇīti | taṃ hovācājataśatruḥ - sahasraṃ dadmi ta ityetasyāṃ vāci | janako janaka iti vā u janā dhāvantīti ||

Und nun [folgt der Dialog]: Gārgya Bālāki, [der den Veda] rezitierte, war wohlbewandert; er wohnte bei den Uśīnaras, er wohnte bei den Matsyas, bei den Kurupañcālas, bei den Kāśis und Videhas. Er ging zu Ajātaśatru von Kāśi und sprach: 'Ich will dir das Brahman verkünden.' Da sprach Ajātaśatru zu ihm: 'Tausend [Kühe] gebe ich dir für diesen Ausspruch!' – [denn] bei einem solchen Ausspruch pflegen die Leute [scharenweise wie einst zu König] Janaka zu laufen [?].

Wort für Wort
atha gārgyaḥ bālākiḥ anūcānaḥ saṃspaṣṭaḥ āsa
Gārgya Bālāki, der rezitierte, war wohlbewandert
sa ha ajātaśatrum kāśyam āvrajya uvāca brahma te bravāṇi iti
er ging zu Ajātaśatru von Kāśi und sprach: 'ich will dir das Brahman verkünden'
tam ha uvāca ajātaśatruḥ sahasram dadmi te iti etasyām vāci
Ajātaśatru sprach zu ihm: 'tausend gebe ich dir für diesen Ausspruch'
janakaḥ janaka iti vai u janāḥ dhāvanti iti
'Janaka, Janaka' – so laufen die Leute [scharenweise] [?]

[Anm.: Mit Adhyāya 6 (= KU 4) beginnt der berühmte Dialog zwischen dem brahmanischen Gelehrten Gārgya Bālāki und dem Kṣatriya-König Ajātaśatru von Kāśi über das wahre Brahman – eine enge Parallele zu Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad 2,1. Die Wendung 'janako janaka iti vā u janā dhāvantīti' bleibt in der genauen Pointe unsicher [?]; sie spielt vermutlich sarkastisch auf den für seine Freigebigkeit gegenüber Brahman-Lehrern berühmten König Janaka von Videha an. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

āditye bṛhat, candramasyannam, vidyuti satyam, stanayitnau śabdaḥ, vāyāvindro vaikuṇṭhaḥ, ākāśe pūrṇam, agnau viṣāsahiḥ, apsu tejaḥ | ityadhidaivatam | atādhyātmam - ādarśe pratirūpaḥ, chāyāyāṃ dvitīyaḥ, pratiśrutkāyām asuriti, śabde mṛtyuḥ, svapne yamaḥ, śarīre prajāpatiḥ, dakṣiṇe' kṣiṇi vācaḥ, savye 'kṣiṇi satyasya ||

In der Sonne [ist] das Große (bṛhat); im Mond die Speise; im Blitz die Wahrheit; im Donner der Ton; im Wind Indra Vaikuṇṭha; im Raum die Fülle; im Feuer der Überwältiger; im Wasser der Glanz – so [gilt es] in Bezug auf die Götter (adhidaivatam). Nun in Bezug auf das Selbst (adhyātmam): im Spiegel das Gegenbild; im Schatten der Zweite; im Echo der Lebenshauch; im [bloßen] Ton der Tod; im Traum Yama; im Körper Prajāpati; im rechten Auge [das] der Rede; im linken Auge [das] der Wahrheit.

Wort für Wort
āditye bṛhat candramasi annam vidyuti satyam
in der Sonne das Große, im Mond die Speise, im Blitz die Wahrheit
stanayitnau śabdaḥ vāyau indraḥ vaikuṇṭhaḥ ākāśe pūrṇam
im Donner der Ton, im Wind Indra Vaikuṇṭha, im Raum die Fülle
agnau viṣāsahiḥ apsu tejaḥ iti adhidaivatam
im Feuer der Überwältiger, im Wasser der Glanz – so in Bezug auf die Götter
ādarśe pratirūpaḥ chāyāyām dvitīyaḥ pratiśrutkāyām asuḥ iti
im Spiegel das Gegenbild, im Schatten der Zweite, im Echo der Lebenshauch
śabde mṛtyuḥ svapne yamaḥ śarīre prajāpatiḥ
im Ton der Tod, im Traum Yama, im Körper Prajāpati
dakṣiṇe akṣiṇi vācaḥ savye akṣiṇi satyasya
im rechten Auge das der Rede, im linken Auge das der Wahrheit

[Anm.: Dieser Khaṇḍa ist eine kompakte Vorwegnahme der Korrespondenztabelle, die in den folgenden Khaṇḍas (ŚĀ 6,3-6,13ff.) im Dialogformat einzeln entfaltet wird: acht kosmische (adhidaiva) und mehrere leibliche (adhyātma) Entsprechungen. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

sa hovāca bālākiḥ - ya evaiṣa āditye puruṣas tam evāham upāsa iti | taṃ hovācājataśatruḥ - mā maitasmin saṃvādayiṣṭhāḥ | bṛhan pāṇḍaravāsā atiṣṭhāḥ sarveṣāṃ bhūtānāṃ mūrdheti vā aham etam upāsa iti | sa yo haitam evam upāste sarveṣāṃ bhūtānāṃ mūrdhā bhavati ||

Da sprach Bālāki: 'Diese Person eben, die in der Sonne ist, diese verehre ich.' Da sprach Ajātaśatru zu ihm: 'Lass mich darüber nicht mit dir streiten [wörtl. mich nicht in einen Disput darüber verwickeln]. Als den Großen, in weißes Gewand Gehüllten, alle Wesen Überragenden, das Haupt aller Wesen – so verehre ich ihn.' Wer ihn so verehrt, wird [selbst] zum Haupt aller Wesen.

Wort für Wort
ya evaiṣaḥ āditye puruṣaḥ tam eva aham upāse iti
'diese Person, die in der Sonne ist, verehre ich'
mā mā etasmin saṃvādayiṣṭhāḥ
'lass mich darüber nicht streiten/disputieren'
bṛhat pāṇḍaravāsāḥ atiṣṭhāḥ sarveṣām bhūtānām mūrdhā iti vai aham etam upāse
'als den Großen, weißgekleideten, Überragenden, das Haupt aller Wesen verehre ich ihn'
sa yaḥ ha etam evam upāste sarveṣām bhūtānām mūrdhā bhavati
wer ihn so verehrt, wird zum Haupt aller Wesen

[Anm.: 'mā maitasmin saṃvādayiṣṭhāḥ' (etwa 'lass mich darüber nicht in einen [oberflächlichen] Wortwechsel verwickeln') ist die feste Formel, mit der Ajātaśatru in jedem der folgenden Khaṇḍa Gārgyas jeweilige Identifikation zurückweist und durch seine eigene, umfassendere Deutung ersetzt. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

sa hovāca bālākiḥ - ya evaiṣa candramasi puruṣas tam evāham upāsa iti | taṃ hovācājataśatruḥ - mā maitasmin saṃvādayiṣṭhāḥ | annasyātmeti vā aham etam upāsa iti | sa yo haitam evam upāste 'nnasyātmā bhavati ||

Da sprach Bālāki: 'Diese Person, die im Mond ist, diese verehre ich.' Da sprach Ajātaśatru: 'Lass mich darüber nicht mit dir streiten. Als das Selbst der Speise verehre ich ihn.' Wer ihn so verehrt, wird zum Selbst der Speise.

Wort für Wort
ya evaiṣaḥ candramasi puruṣaḥ tam eva aham upāse iti
'diese Person, die im Mond ist, verehre ich'
annasya ātmā iti vai aham etam upāse
'als das Selbst der Speise verehre ich ihn'
sa yaḥ ha etam evam upāste annasya ātmā bhavati
wer ihn so verehrt, wird zum Selbst der Speise

[Anm.: Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

sa hovāca bālākiḥ - ya evaiṣa vidyuti puruṣas tam evāham upāsa iti | taṃ hovācājataśatruḥ - mā maitasmin saṃvādayiṣṭhāḥ | satyasyātmeti vā aham etam upāsa iti | sa yo haitam evam upāste satyasyātmā bhavati ||

Da sprach Bālāki: 'Diese Person, die im Blitz ist, diese verehre ich.' Da sprach Ajātaśatru: 'Lass mich darüber nicht mit dir streiten. Als das Selbst der Wahrheit verehre ich ihn.' Wer ihn so verehrt, wird zum Selbst der Wahrheit.

Wort für Wort
ya evaiṣaḥ vidyuti puruṣaḥ tam eva aham upāse iti
'diese Person, die im Blitz ist, verehre ich'
satyasya ātmā iti vai aham etam upāse sa yaḥ ha etam evam upāste satyasya ātmā bhavati
'als das Selbst der Wahrheit verehre ich ihn' – wer ihn so verehrt, wird dazu

[Anm.: Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

sa hovāca bālākiḥ - ya evaiṣa stanayitnau puruṣas tam evāham upāsa iti | taṃ hovācājataśatruḥ - mā maitasmin saṃvādayiṣṭhāḥ | śabdasyātmeti vā aham etam upāsa iti | sa yo haitam evam upāste śabdasyātmā bhavati ||

Da sprach Bālāki: 'Diese Person, die im Donner ist, diese verehre ich.' Da sprach Ajātaśatru: 'Lass mich darüber nicht mit dir streiten. Als das Selbst des Tons verehre ich ihn.' Wer ihn so verehrt, wird zum Selbst des Tons.

Wort für Wort
ya evaiṣaḥ stanayitnau puruṣaḥ tam eva aham upāse iti
'diese Person, die im Donner ist, verehre ich'
śabdasya ātmā iti vai aham etam upāse sa yaḥ ha etam evam upāste śabdasya ātmā bhavati
'als das Selbst des Tons verehre ich ihn' – wer ihn so verehrt, wird dazu

[Anm.: Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

sa hovāca bālākiḥ - ya evaiṣa vāyau puruṣas tam evāham upāsa iti | taṃ hovācājataśatruḥ - mā maitasmin saṃvādayiṣṭhāḥ | indro vaikuṇṭho 'parājitā seneti vā aham etam upāsa iti | sa yo haitam evam upāste jiṣṇur ha vā aparājiṣṇur anyatastyajāyī bhavati ||

Da sprach Bālāki: 'Diese Person, die im Wind ist, diese verehre ich.' Da sprach Ajātaśatru: 'Lass mich darüber nicht mit dir streiten. Als Indra Vaikuṇṭha, das unbesiegte Heer, verehre ich ihn.' Wer ihn so verehrt, wird zum Sieger, zum Unbesiegten, der die andere [Kampf-]Partei besiegt [?].

Wort für Wort
ya evaiṣaḥ vāyau puruṣaḥ tam eva aham upāse iti
'diese Person, die im Wind ist, verehre ich'
indraḥ vaikuṇṭhaḥ aparājitā senā iti vai aham etam upāse
'als Indra Vaikuṇṭha, das unbesiegte Heer, verehre ich ihn'
sa yaḥ ha etam evam upāste jiṣṇuḥ ha vai aparājiṣṇuḥ bhavati
wer ihn so verehrt, wird zum Sieger, zum Unbesiegten

[Anm.: 'anyatastyajāyī' bleibt in der genauen Wortbildung leicht unsicher [?] (hier sinngemäß als 'der die gegnerische Seite besiegt' verstanden). Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

sa hovāca bālākiḥ - ya evaiṣa ākāśe puruṣas tam evāham upāsa iti | taṃ hovācājataśatruḥ - mā maitasmin saṃvādayiṣṭhāḥ | pūrṇam apravarti brahmeti vā aham etam upāsa iti | sa yo haitam evam upāste pūryate prajayā paśubhir yaśasā brahmavarcasena svargeṇa lokena sarvam āyur eti ||

Da sprach Bālāki: 'Diese Person, die im Raum ist, diese verehre ich.' Da sprach Ajātaśatru: 'Lass mich darüber nicht mit dir streiten. Als das volle, unbewegliche Brahman verehre ich ihn.' Wer ihn so verehrt, wird erfüllt mit Nachkommenschaft, Vieh, Ruhm, geistlicher Kraft, der himmlischen Welt; er erlangt sein volles Lebensalter.

Wort für Wort
ya evaiṣaḥ ākāśe puruṣaḥ tam eva aham upāse iti
'diese Person, die im Raum ist, verehre ich'
pūrṇam apravarti brahma iti vai aham etam upāse
'als das volle, unbewegliche Brahman verehre ich ihn'
sa yaḥ ha etam evam upāste pūryate prajayā paśubhiḥ yaśasā
wer ihn so verehrt, wird erfüllt mit Nachkommenschaft, Vieh, Ruhm
sarvam āyuḥ eti
er erlangt sein volles Lebensalter

[Anm.: Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

sa hovāca bālākiḥ - ya evaiṣo 'gnau puruṣas tam evāham upāsa iti | taṃ hovācājataśatruḥ - mā maitasmin saṃvādayiṣṭhāḥ | viṣāsahir iti vā aham etam upāsa iti | sa yo haitam evam upāste viṣāsahir haivānyeṣu bhavati ||

Da sprach Bālāki: 'Diese Person, die im Feuer ist, diese verehre ich.' Da sprach Ajātaśatru: 'Lass mich darüber nicht mit dir streiten. Als den Überwältiger verehre ich ihn.' Wer ihn so verehrt, wird fürwahr zum Überwältiger unter anderen.

Wort für Wort
ya evaiṣaḥ agnau puruṣaḥ tam eva aham upāse iti
'diese Person, die im Feuer ist, verehre ich'
viṣāsahiḥ iti vai aham etam upāse sa yaḥ ha etam evam upāste viṣāsahiḥ ha eva anyeṣu bhavati
'als den Überwältiger verehre ich ihn' – wer ihn so verehrt, wird zum Überwältiger unter anderen

[Anm.: Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

sa hovāca bālākiḥ - ya evaiṣo 'psu puruṣas tam evāham upāsa iti | taṃ hovācājataśatruḥ - mā maitasmin saṃvādayiṣṭhāḥ | tejasa ātmeti vā aham etam upāsa iti | sa yo haitam evam upāste tejasa ātmā bhavati | ityadhidaivatam | athādhyātmam ||

Da sprach Bālāki: 'Diese Person, die im Wasser ist, diese verehre ich.' Da sprach Ajātaśatru: 'Lass mich darüber nicht mit dir streiten. Als das Selbst des Glanzes verehre ich ihn.' Wer ihn so verehrt, wird zum Selbst des Glanzes. So [gilt es] in Bezug auf die Götter; nun in Bezug auf das Selbst.

Wort für Wort
ya evaiṣaḥ apsu puruṣaḥ tam eva aham upāse iti
'diese Person, die im Wasser ist, verehre ich'
tejasaḥ ātmā iti vai aham etam upāse sa yaḥ ha etam evam upāste tejasaḥ ātmā bhavati
'als das Selbst des Glanzes verehre ich ihn' – wer ihn so verehrt, wird dazu
iti adhidaivatam atha adhyātmam
so in Bezug auf die Götter, nun in Bezug auf das Selbst

[Anm.: Mit diesem Khaṇḍa endet die kosmische (adhidaiva) Reihe von acht Identifikationen; es folgt ab ŚĀ 6,11 die leibliche (adhyātma) Reihe. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

sa hovāca bālākiḥ - ya evaiṣa ādarśe puruṣas tam evāham upāsa iti | taṃ hovācājataśatruḥ - mā maitasmin saṃvādayiṣṭhāḥ | pratirūpa iti vā aham etam upāsa iti | sa yo haitam evam upāste pratirūpo haivāsya prajāyām ājāyate nāpratirūpaḥ ||

Da sprach Bālāki: 'Diese Person, die im Spiegel ist, diese verehre ich.' Da sprach Ajātaśatru: 'Lass mich darüber nicht mit dir streiten. Als das Gegenbild verehre ich ihn.' Wer ihn so verehrt, dem wird in seiner Nachkommenschaft ein Ebenbild [von ihm] geboren, kein Missgestaltetes.

Wort für Wort
ya evaiṣaḥ ādarśe puruṣaḥ tam eva aham upāse iti
'diese Person, die im Spiegel ist, verehre ich'
pratirūpaḥ iti vai aham etam upāse
'als das Gegenbild verehre ich ihn'
sa yaḥ ha etam evam upāste pratirūpaḥ ha eva asya prajāyām ājāyate na apratirūpaḥ
wer ihn so verehrt, dem wird ein Ebenbild geboren, kein Missgestaltetes

[Anm.: Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

sa hovāca bālākiḥ - ya evaiṣa cchāyāyāṃ puruṣas tam evāham upāsa iti | taṃ hovācājataśatruḥ - mā maitasmin saṃvādayiṣṭhāḥ | dvitīyo 'napaga iti vā aham etam upāsa iti | sa yo haitam evam upāste vindate dvitīyāt | dvitīyavān bhavati ||

Da sprach Bālāki: 'Diese Person, die im Schatten ist, diese verehre ich.' Da sprach Ajātaśatru: 'Lass mich darüber nicht mit dir streiten. Als den unweichenden Zweiten verehre ich ihn.' Wer ihn so verehrt, gewinnt von einem Zweiten [Gefährten]; er wird einen Gefährten haben.

Wort für Wort
ya evaiṣaḥ chāyāyām puruṣaḥ tam eva aham upāse iti
'diese Person, die im Schatten ist, verehre ich'
dvitīyaḥ anapagaḥ iti vai aham etam upāse
'als den unweichenden Zweiten verehre ich ihn'
sa yaḥ ha etam evam upāste vindate dvitīyāt dvitīyavān bhavati
wer ihn so verehrt, gewinnt von einem Zweiten, wird einen Gefährten haben

[Anm.: Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

sa hovāca bālākiḥ - ya evaiṣa pratiśrutkāyāṃ puruṣas tam evāham upāsa iti | taṃ hovācājataśatruḥ - mā maitasmin saṃvādayiṣṭhāḥ | asur iti vā aham etam upāsa iti | sa yo haitam evam upāste na purā kālāt saṃmoham eti ||

Da sprach Bālāki: 'Diese Person, die im Echo ist, diese verehre ich.' Da sprach Ajātaśatru: 'Lass mich darüber nicht mit dir streiten. Als den Lebenshauch (asu) verehre ich ihn.' Wer ihn so verehrt, verfällt nicht vor der [ihm bestimmten] Zeit der Bewusstlosigkeit [d. h. stirbt nicht vorzeitig].

Wort für Wort
ya evaiṣaḥ pratiśrutkāyām puruṣaḥ tam eva aham upāse iti
'diese Person, die im Echo ist, verehre ich'
asuḥ iti vai aham etam upāse
'als den Lebenshauch verehre ich ihn'
sa yaḥ ha etam evam upāste na purā kālāt saṃmoham eti
wer ihn so verehrt, verfällt nicht vorzeitig der Bewusstlosigkeit

[Anm.: Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

sa hovāca bālākiḥ - ya evaiṣa śabde puruṣas tam evāham upāsa iti | taṃ hovācājataśatruḥ - mā maitasmin saṃvādayiṣṭhāḥ | mṛtyur iti vā aham etam upāsa iti | sa yo haitam evam upāste na purā kālāt praiti ||

Da sprach Bālāki: 'Diese Person, die im [bloßen, ungreifbaren] Ton ist, diese verehre ich.' Da sprach Ajātaśatru: 'Lass mich darüber nicht mit dir streiten. Als den Tod verehre ich ihn.' Wer ihn so verehrt, geht nicht vor der ihm bestimmten Zeit dahin.

Wort für Wort
ya evaiṣaḥ śabde puruṣaḥ tam eva aham upāse iti
'diese Person, die im Ton ist, verehre ich'
mṛtyuḥ iti vai aham etam upāse sa yaḥ ha etam evam upāste na purā kālāt praiti
'als den Tod verehre ich ihn' – wer ihn so verehrt, stirbt nicht vorzeitig

[Anm.: Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

sa hovāca bālākiḥ - yenaitat puruṣaḥ suptaḥ svapnayā carati tam evāham upāsa iti | taṃ hovācājataśatruḥ - mā maitasmin saṃvādayiṣṭhāḥ | yamo rājeti vā aham etam upāsa iti | sa yo haitam evam upāste sarvaṃ hāsmā idaṃ śraiṣṭhyāya yamyate ||

Da sprach Bālāki: 'Wodurch dieser Mensch, schlafend, im Traum umherwandelt, eben diesen verehre ich.' Da sprach Ajātaśatru: 'Lass mich darüber nicht mit dir streiten. Als König Yama verehre ich ihn.' Wer ihn so verehrt, dem wird dies Alles zur Vorzüglichkeit gebändigt [?].

Wort für Wort
yena etat puruṣaḥ suptaḥ svapnayā carati tam eva aham upāse iti
'wodurch dieser Mensch schlafend im Traum wandelt, diesen verehre ich'
yamaḥ rājā iti vai aham etam upāse
'als König Yama verehre ich ihn'
sa yaḥ ha etam evam upāste sarvam ha asmai idam śraiṣṭhyāya yamyate
wer ihn so verehrt, dem wird dies alles zur Vorzüglichkeit gebändigt

[Anm.: 'śraiṣṭhyāya yamyate' (von der Wurzel yam, 'zügeln/lenken', wortspielend mit dem Namen Yama) bleibt in der genauen Nuance unsicher [?]. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

sa hovāca bālākiḥ - ya evaiṣa śarīre puruṣas tam evāham upāsa iti | taṃ hovācājataśatruḥ - mā maitasmin saṃvādayiṣṭhāḥ | prajāpatir iti vā aham etam upāsa iti | sa yo haitam evam upāste prajāyate prajayā paśubhir yaśasā brahmavaracasema svargeṇa lokena sarvam āyur eti ||

Da sprach Bālāki: 'Diese Person, die im Körper ist, diese verehre ich.' Da sprach Ajātaśatru: 'Lass mich darüber nicht mit dir streiten. Als Prajāpati verehre ich ihn.' Wer ihn so verehrt, vermehrt sich durch Nachkommenschaft, Vieh, Ruhm, geistliche Kraft, die himmlische Welt; er erlangt sein volles Lebensalter.

Wort für Wort
ya evaiṣaḥ śarīre puruṣaḥ tam eva aham upāse iti
'diese Person, die im Körper ist, verehre ich'
prajāpatiḥ iti vai aham etam upāse
'als Prajāpati verehre ich ihn'
sa yaḥ ha etam evam upāste prajāyate prajayā paśubhiḥ yaśasā
wer ihn so verehrt, vermehrt sich durch Nachkommenschaft, Vieh, Ruhm

[Anm.: Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

sa hovāca bālākiḥ - ya evaiṣa dakṣiṇe 'kṣiṇi puruṣas tam evāham upāsa iti | taṃ hovācājataśatruḥ - mā maitasmin saṃvādayiṣṭhāḥ | vāca ātmāgner ātmā jyotiṣa ātmeti vā aham etam upāsa iti | sa yo haitam evam upāste eteṣāṃ sarveṣām ātmā bhavati ||

Da sprach Bālāki: 'Diese Person, die im rechten Auge ist, diese verehre ich.' Da sprach Ajātaśatru: 'Lass mich darüber nicht mit dir streiten. Als das Selbst der Rede, das Selbst des Feuers, das Selbst des Lichts verehre ich ihn.' Wer ihn so verehrt, wird zum Selbst all dieser Dinge.

Wort für Wort
ya evaiṣaḥ dakṣiṇe akṣiṇi puruṣaḥ tam eva aham upāse iti
'diese Person, die im rechten Auge ist, verehre ich'
vācaḥ ātmā agneḥ ātmā jyotiṣaḥ ātmā iti vai aham etam upāse
'als das Selbst der Rede, des Feuers, des Lichts verehre ich ihn'
sa yaḥ ha etam evam upāste eteṣām sarveṣām ātmā bhavati
wer ihn so verehrt, wird zum Selbst all dieser Dinge

[Anm.: Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

sa hovāca bālākiḥ - ya evaiṣa savye 'kṣiṇi puruṣas tam evāham upāsa iti | taṃ hovācājataśatruḥ - mā maitasmin saṃvādayiṣṭhāḥ | satyasyātmā vidyuta ātmā tejasa ātmeti vā aham etam upāsa iti | sa yo haitam evam upāste eteṣāṃ sarveṣām ātmā bhavati ||

Da sprach Bālāki: 'Diese Person, die im linken Auge ist, diese verehre ich.' Da sprach Ajātaśatru: 'Lass mich darüber nicht mit dir streiten. Als das Selbst der Wahrheit, das Selbst des Blitzes, das Selbst des Glanzes verehre ich ihn.' Wer ihn so verehrt, wird zum Selbst all dieser Dinge.

Wort für Wort
ya evaiṣaḥ savye akṣiṇi puruṣaḥ tam eva aham upāse iti
'diese Person, die im linken Auge ist, verehre ich'
satyasya ātmā vidyutaḥ ātmā tejasaḥ ātmā iti vai aham etam upāse
'als das Selbst der Wahrheit, des Blitzes, des Glanzes verehre ich ihn'
sa yaḥ ha etam evam upāste eteṣām sarveṣām ātmā bhavati
wer ihn so verehrt, wird zum Selbst all dieser Dinge

[Anm.: Mit diesem Khaṇḍa endet die lange Reihe der von Ajātaśatru zurückgewiesenen Einzelidentifikationen; im folgenden Khaṇḍa (ŚĀ 6,19) verstummt Bālāki und wird Ajātaśatrus Schüler. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

tata u ha bālākis tūṣṇīm āsa | taṃ hovācājataśatruḥ - etāvān nu bālāka3 iti | etāvad iti hovāca bālākiḥ | taṃ hovācājataśatruḥ - mṛṣā vai khalu mā saṃvādayiṣṭhā brahma te bravāṇīti | tata u ha bālākiḥ samitpāṇiḥ praticakrama upāyānīti | taṃ hovācājataśatruḥ - pratilomarūpam eva tan manye yat kṣatriyo brāhmaṇam upanayeta | ehi vyeva tvā jñapayiṣyāmīti | taṃ ha pāṇāvabhipadya pravavrāja | tau ha suptaṃ puruṣam ājagmatuḥ | taṃ hājātaśatrur āmantrayāñcakre - bṛhan pāṇḍaravāsāḥ soma rājann iti | sa u ha śiśya eva | tat tu hainaṃ yaṣṭyā vicikṣepa | sa sata eva samutthasthau | taṃ hovācājataśatruḥ - kvaiṣa etad puruṣo 'śayiṣṭa, yatraitad abhūt, yata etad āgād iti | hitā nāma puruṣasya nāḍyo hṛdayāt purītatam abhipratanvanti | tad yathā sahasradhā keśo vipāṭitas tāvad aṇvyaḥ | piṅgalasyāṇimnyas tiṣṭhanti śuklasya kṛṣṇasya pītasya lohitasya ca | tāsu tadā bhavati yadā suptaḥ svapnaṃ na kaṃcana paśyati ||

Da schwieg Bālāki daraufhin. Da sprach Ajātaśatru zu ihm: 'So weit also, Bālāki?' 'So weit', sprach Bālāki. Da sprach Ajātaśatru zu ihm: 'Vergeblich fürwahr hast du mich [in dies alles] verwickelt mit den Worten "ich will dir das Brahman verkünden".' Da trat Bālāki, das Brennholz in der Hand, [vor ihn] und sprach: 'Ich will [zu dir als Schüler] kommen.' Da sprach Ajātaśatru zu ihm: 'Dies eben halte ich für eine verkehrte Ordnung, dass ein Kṣatriya einen Brahmanen [als Schüler] annehmen sollte. Komm, ich will es dich dennoch deutlich wissen lassen.' Und er nahm ihn bei der Hand und ging mit ihm fort. Sie beide gingen zu einem schlafenden Menschen. Diesen redete Ajātaśatru an: 'Großer, Weißgekleideter, König Soma!' Doch jener blieb liegen [wie tot]. Da stieß er ihn mit einem Stock. Da erhob er sich sogleich. Da sprach Ajātaśatru zu ihm: 'Wo war dieser Mensch, während er schlief, wo war er, und von wo ist er hierher zurückgekehrt?' [Die Antwort:] Die sogenannten Hitā-Adern des Menschen erstrecken sich vom Herzen zur Herzhülle (purītat); sie sind so fein wie ein Haar, tausendfach gespalten. In ihnen befinden sich [Säfte] von bräunlicher, weißer, schwarzer, gelber und roter Farbe. In diesen befindet er sich, wenn er schläft und keinerlei Traum sieht.

Wort für Wort
tataḥ u ha bālākiḥ tūṣṇīm āsa
da schwieg Bālāki
mṛṣā vai khalu mā saṃvādayiṣṭhāḥ brahma te bravāṇi iti
'vergeblich hast du mich verwickelt mit "ich will dir das Brahman verkünden"'
tataḥ u ha bālākiḥ samitpāṇiḥ praticakrama upāyāni iti
da trat Bālāki, das Brennholz in der Hand, vor und sprach: 'ich will kommen'
pratilomarūpam eva tat manye yat kṣatriyaḥ brāhmaṇam upanayeta
'dies halte ich für verkehrt, dass ein Kṣatriya einen Brahmanen annehme'
tau ha suptam puruṣam ājagmatuḥ
sie beide gingen zu einem schlafenden Menschen
tat tu ha enam yaṣṭyā vicikṣepa sa sataḥ eva samutthasthau
er stieß ihn mit einem Stock, da erhob er sich sogleich
kva eṣaḥ etat puruṣaḥ aśayiṣṭa yatra etat abhūt yataḥ etat āgāt iti
'wo war dieser Mensch, wo war er, von wo kam er zurück?'
hitāḥ nāma puruṣasya nāḍyaḥ hṛdayāt purītatam abhipratanvanti
die Hitā-Adern erstrecken sich vom Herzen zur Herzhülle
tāsu tadā bhavati yadā suptaḥ svapnam na kaṃcana paśyati
in ihnen befindet er sich, wenn er schläft und keinen Traum sieht

[Anm.: Dies ist der berühmte Wendepunkt des Dialogs (enge Parallele zu Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad 2,1,15-19): Bālāki verstummt, wird formell Ajātaśatrus Schüler (obwohl dieser als Kṣatriya die Umkehrung der üblichen Lehrer-Schüler-Ordnung selbst benennt), und erhält die berühmte Lehre von den feinen Hitā-Adern des Herzens als Sitz des Selbst im traumlosen Tiefschlaf. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

athāsmin prāṇa ekaikadhā bhavati | tad enaṃ vāk sarvair nāmabhiḥ sahāpyeti | cakṣuḥ sarvai rūpaiḥ sahāpyeti | śrotraṃ sarvaiḥ śabdaiḥ sahāpyeti | manaḥ sarvair dhyātaiḥ sahāpyeti | sa yadā pratibudhyate, yathāgner jvalataḥ sarvā diśo visphuliṅgā vipratiṣṭheran evam evaitasmād ātmanaḥ prāṇā yathāyatanaṃ vipratiṣṭhante | prāṇebhyo devāḥ | devebhyo lokāḥ | sa eṣa prāṇa eva prajñātmedaṃ śarīram ātmānam anupraviṣṭa ā lomabhya ā nakhebhyaḥ | tad yathā kṣuraḥ kṣuradhāne 'vopahito viśvambharo vā viśvambarakulāya evam evaiṣa prajñātmedaṃ śarīram ātmānam anupraviṣṭa ā lomabhya ā nakhebhyaḥ | tam etam ātmānam eta ātmāno 'nvavasyante yathā śreṣṭhinaṃ svāḥ | tad yathā śreṣṭhī svair bhuṅkte yathā vā svāḥ śreṣṭhinaṃ bhuñjanti | evam evaiṣa prajñātmaitair ātmabhir bhuṅkte | evam evaita ātmāna etam ātmānaṃ bhuñjanti | sa yāvad dha vā indra etam ātmānaṃ na vijajñe tāvad enam asurā abhibabhūvuḥ | sa yadā vijajñe 'tha hatvāsurān vijitya sarveṣāṃ ca devānāṃ śraiṣṭhyaṃ svārājyam ādhipatyaṃ paryait | tathaivaṃ vidvān sarvān pāpmano 'pahatya sarveṣāṃ ca bhūtānāṃ śraiṣṭhyaṃ svārājyam ādhipatyaṃ paryeti | ya evaṃ veda ya evaṃ veda || iti śāṅkhāyanāraṇyake ṣaṣṭho 'dhyāyaḥ ||

Dann wird in ihm der Atem eins; dann geht die Rede mit allen Namen in ihn ein, das Auge mit allen Formen, das Ohr mit allen Tönen, der Geist mit allen Gedachten. Wenn er erwacht, dann verteilen sich, wie von einem lodernden Feuer die Funken nach allen Richtungen auseinanderfahren, ebenso von diesem Selbst die Lebenskräfte, jede an ihren Ort; aus den Lebenskräften [entstehen] die Götter, aus den Göttern die Welten. Eben dieser Atem als Erkenntnis-Selbst ist in diesen Körper als dessen Selbst eingegangen, bis hin zu den Haaren, bis hin zu den Nägeln. Wie ein Rasiermesser im Rasiermesser-Etui verwahrt wäre, oder wie Feuer für die ganze Sippschaft [im Herdfeuer bereitgehalten würde], ebenso ist eben dieses Erkenntnis-Selbst in diesen Körper als dessen Selbst eingegangen, bis hin zu den Haaren, bis hin zu den Nägeln. Auf dieses [eine] Selbst stützen sich jene [übrigen, einzelnen] Selbste, wie sich Untertanen auf einen Zunftältesten stützen. Wie ein Zunftältester sich durch seine Untertanen nährt, oder wie die Untertanen sich durch den Zunftältesten nähren, ebenso nährt sich eben dieses Erkenntnis-Selbst durch jene einzelnen Selbste, und ebenso nähren sich jene einzelnen Selbste durch dieses eine Selbst. Solange nun Indra dieses Selbst nicht erkannte, solange überwältigten ihn die Asuras (Dämonen). Als er es aber erkannte, da überwand er, nachdem er die Asuras erschlagen und besiegt hatte, den Vorrang, die Selbstherrschaft, die Oberherrschaft über alle Götter. Ebenso erlangt, wer dies weiß, nachdem er alles Übel von sich abgeschüttelt hat, den Vorrang, die Selbstherrschaft, die Oberherrschaft über alle Wesen – wer dies so weiß, wer dies so weiß. [Kolophon:] So endet im Śāṅkhāyana-Āraṇyaka der sechste Adhyāya.

Wort für Wort
atha asmin prāṇaḥ ekaikadhā bhavati
dann wird in ihm der Atem eins
sa eṣaḥ prāṇaḥ eva prajñātmā idam śarīram ātmānam anupraviṣṭaḥ ā lomabhyaḥ ā nakhebhyaḥ
eben dieser Atem als Erkenntnis-Selbst ist in diesen Körper eingegangen, bis zu Haaren und Nägeln
tat yathā kṣuraḥ kṣuradhāne upahitaḥ
wie ein Rasiermesser im Etui verwahrt wäre
tam etam ātmānam ete ātmānaḥ anvavasyante yathā śreṣṭhinam svāḥ
auf dieses Selbst stützen sich die anderen Selbste wie Untertanen auf einen Zunftältesten
evam eva eṣaḥ prajñātmā etaiḥ ātmabhiḥ bhuṅkte evam eva ete ātmānaḥ etam ātmānam bhuñjanti
so nährt sich das Erkenntnis-Selbst durch jene, und jene durch dieses
sa yāvat ha vai indraḥ etam ātmānam na vijajñe tāvat enam asurāḥ abhibabhūvuḥ
solange Indra dieses Selbst nicht erkannte, überwältigten ihn die Asuras
sa yadā vijajñe atha hatvā asurān vijitya sarveṣām ca devānām śraiṣṭhyam svārājyam ādhipatyam paryait
als er es erkannte, erlangte er nach dem Sieg über die Asuras den Vorrang über alle Götter
tathā eva vidvān sarvān pāpmanaḥ apahatya sarveṣām ca bhūtānām śraiṣṭhyam svārājyam ādhipatyam paryeti
ebenso erlangt der Wissende, nach Abschütteln allen Übels, den Vorrang über alle Wesen
iti śāṅkhāyanāraṇyake ṣaṣṭhaḥ adhyāyaḥ
so endet im Śāṅkhāyana-Āraṇyaka der sechste Adhyāya

[Anm.: Dies ist der krönende Abschluss der gesamten in das Śāṅkhāyana-/Kauṣītaki-Āraṇyaka eingebetteten Kauṣītaki-Upaniṣad (KU 1-4 = ŚĀ 3-6): das Erkenntnis-Selbst (Atem) als der 'Zunftälteste', auf den sich alle Einzelvermögen stützen und von dem sie zugleich genährt werden, illustriert durch Indras eigenen Sieg über die Asuras nach Erkenntnis dieses Selbst. Mit diesem Khaṇḍa ist der sechste Adhyāya (ŚĀ 6,1–6,20 = KU 4,1–4,20) und damit die gesamte eingebettete Kauṣītaki-Upaniṣad vollständig übersetzt. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

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