Quellen der Menschheit

Kauṣītaki-/Śāṅkhāyana-Āraṇyaka

Kapitel 8: śāṅkhāyanāraṇyakam · aṣṭamo 'dhyāyaḥ Der Atem als Firstbalken, Laut-Kosmos-Analogien, die göttliche Vīṇā und Prajāpatis Saṃhitā (ŚĀ 8,1–8,11)

Der achte Adhyāya (ŚĀ 8,1–8,11) ist hiermit vollständig übersetzt: Lehren über den Atem als 'Firstbalken' des Selbst samt zahlenmystischer Entsprechungen zu Jahr und Tag (8,1–8,2), die vierfache Puruṣa-Typologie mit Sonne als Essenz des 'Groß-Menschen' (8,3–8,5, mit Zitaten aus Ṛgveda 1,115,1 und 1,50,10), eine Mahnung zur Weitergabe nur an würdige Schüler unter Zitat von Ṛgveda 10,71,6 (8,6), ein ungewöhnlicher Sterbevorzeichen-Katalog (8,7), weitere Laut-Kosmos-Analogien (8,8), die bemerkenswerte Vīṇā-Leib-Allegorie (8,9–8,10) und eine abschließende Prajāpati-Ätiologie der Saṃhitā mit Restriktionsformel (8,11). Es folgt Adhyāya 9 (ŚĀ 9,1ff., beginnend mit dem berühmten Gāyatrī-Mantra 'tat savitur vṛṇīmahe' und einer Lehre über Vorrang und Rangordnung der Sinnesvermögen) in einer künftigen Sitzung bzw. im täglichen automatisierten Lauf.

prāṇo vaṃśa iti ha smāha sthaviraḥ śākalyaḥ | tad u yathā śālāvaṃśe sarve 'nye vaṃśāḥ samāhitāḥ syur evam evaitasmin prāṇe sarva ātmā samāhitaḥ | tasyaitasyātmanaḥ prāṇa ūṣmarūpam asthīni sparśarūpaṃ majjā svararūpaṃ māṃsaṃ lohitam ityetac caturtham antasthārūpam iti | treyaṃ tv eva naitat proktam iti ha smāha hvastro māṇḍūkeyaḥ | tasyaitasya trayasya trīṇi ṣaṣṭiśatāni bhavanti saṃdhīnāṃ trīṇitas tāni saptaviṃśatiśatāni bhavanti | sapta vai viṃśatiśatāni saṃvatsarasyāhorātrāṇām | tat saṃvatsarasyāhorātrāṇyāpnoti | sa eṣa saṃvatsarasaṃmānaś cakṣurmayaś śrotramayaś chandomayo manomayo vāṇmaya ātmā | sa ya evam etaṃ saṃvatsarasaṃmānaṃ cakṣurmayaṃ śrotramayaṃ chandomayaṃ manomayaṃ vāṇmayam ātmānaṃ veda saṃvatsarasya salokatāṃ sarūpatāṃ sabhakṣatām aśnute | putrī paśumān bhavati sarvam āyur etyasyāruṇikeyo devayāñcake ||

'Der Atem ist der Firstbalken (vaṃśa)' – so sprach der Alte Śākalya. Wie nämlich am Dach-Gebälk alle anderen Balken befestigt sind, ebenso ist an diesem Atem das ganze Selbst befestigt. Von diesem Selbst ist der Atem die Reibelaut-Gestalt, die Knochen sind die Verschlusslaut-Gestalt, das Mark die Vokal-Gestalt, Fleisch und Blut sind, als viertes, die Halbvokal-Gestalt – so [heißt es]. 'Nur von dreien, nicht [von diesen vieren], wurde dies [eigentlich] gesagt' – so sprach Hvastra Māṇḍūkeya. Von diesen drei [Lautgruppen] gibt es dreimal hundertsechzig [Einheiten]; der Verbindungen davon gibt es dreimal hundertsiebenundzwanzig; hundertsiebenundzwanzig aber sind [die Zahl der] Tag-und-Nächte des Jahres. Damit erfasst er die Tag-und-Nächte des Jahres. Dies ist das mit dem Jahr gleichgesetzte, aus Auge, Gehör, Versmaß, Geist [und] Rede bestehende Selbst. Wer dies so weiß – dieses mit dem Jahr gleichgesetzte ... Selbst –, der erlangt Gleichwelt-, Gleichgestalt- und Gleichgenuss-Schaft mit dem Jahr; er wird reich an Söhnen und Vieh, erlangt volles Lebensalter – [so heißt es] in Āruṇikeyas Götterwunsch-Formel.

Wort für Wort
prāṇaḥ vaṃśaḥ
Atem = Firstbalken
iti sthaviraḥ śākalyaḥ
so der Alte Śākalya
śālāvaṃśe sarve vaṃśāḥ samāhitāḥ
am Dachfirst sind alle Balken befestigt
prāṇa ūṣmarūpam
Atem = Reibelaut-Gestalt
asthīni sparśarūpam
Knochen = Verschlusslaut-Gestalt
majjā svararūpam
Mark = Vokal-Gestalt
māṃsaṃ lohitam antasthārūpam
Fleisch, Blut = Halbvokal-Gestalt
saṃvatsarasaṃmānaḥ ātmā
das mit dem Jahr gleichgesetzte Selbst
salokatāṃ sarūpatāṃ sabhakṣatām aśnute
erlangt Gleichwelt-, Gleichgestalt-, Gleichgenuss-Schaft
putrī paśumān
reich an Söhnen und Vieh
sarvam āyuḥ eti
erlangt volles Lebensalter

[?] [Anm.: Eröffnet Adhyāya 8 mit einer neuen Reihe von Lehren, die den Leib und die Sprachlaute in vierfacher (Atem/Knochen/Mark/Fleisch-Blut = Reibelaute/Verschlusslaute/Vokale/Halbvokale) bzw. dreifacher Entsprechung zur Zeit (Jahr, Tag-Nacht) setzen. Die zahlenmystische Berechnung (3×160, 3×127=381≈127 Tag-Nächte) folgt einer für vedische Zahlenspekulation typischen, aber im Detail nicht mehr sicher nachvollziehbaren Arithmetik; die Übersetzung gibt die Struktur wieder, ohne die genaue Rechnung zu behaupten. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

atha kauṣṭharavyaḥ | trīṇi ṣaṣṭiśatānyakṣarāṇām | trīṇi ṣaṣṭiśatānyūṣmaṇām | trīṇi ṣaṣṭiśatāni saṃdhīnām | yānyakṣarāṇyavocāmāhāni tāni | yān ūṣmaṇo rātrayastāḥ | yān saṃdhīn avocāmāhorātrāṇāṃ te saṃdhayaḥ | ityadhidaivatam | athādhyātmam - yānyakṣarāṇyadhidaivatam avocāmāsthīni tānyadhyātmam | yān ūṣmaṇo 'dhidaivatam avocāma prāṇāstīni tānyadhyātmam eṣa u haiva saṃpratiprāṇo yan majjā - etad reta na vā ṛte prāṇād retasaḥ siddhir asti | yad vā ṛte prāṇād retaḥ sicyeta tat pūyen na saṃbhavet | yat saṃdhīn adhidaivatam avocāma parvāṇi tānyadhyātmam | tasyaitasyāsthnaḥ [+majjā] parvaṇām iti pañcetaścatvāriṃśacchatāni bhavanti | saṃdhīnāṃ pañcetastadaśītisahasraṃ bhavati | aśītisahasraṃ vārkalino bṛhatīr aharāhani saṃpādayanti | sa eṣo 'haḥsaṃmānaś cakṣurmayaś śrotramayaś chandomayo manomayo vāṇmaya ātmā | sa ya evam etad ahaḥsaṃmānaṃ cakṣurmayaṃ śrotramayaṃ chandomayaṃ manomayaṃ vāṇmayam ātmānaṃ veda ahnāṃ salokatāṃ sarūpatāṃ sabhakṣatām aśnute | putrī paśumān bhavati sarvam āyur eti ||

Nun aber Kauṣṭharavya: Dreimal hundertsechzig sind die Silben, dreimal hundertsechzig die Reibelaute, dreimal hundertsechzig die Verbindungen. Welche Silben wir genannt haben, das sind die Tage; welche Reibelaute, das sind die Nächte; welche Verbindungen wir genannt haben, das sind die Verbindungen der Tag-und-Nächte. Dies [gilt] in Bezug auf die Götter. Nun in Bezug auf das Selbst: Welche Silben wir in Bezug auf die Götter genannt haben, das sind in Bezug auf das Selbst die Knochen; welche Reibelaute wir in Bezug auf die Götter genannt haben, das ist in Bezug auf das Selbst der Atem, welcher eben das Mark ist – dies ist der Same, denn ohne den Atem gibt es kein Zustandekommen des Samens; würde nämlich ohne den Atem Same ausgegossen, würde er verderben und nicht [zu neuem Leben] werden. Welche Verbindungen wir in Bezug auf die Götter genannt haben, das sind in Bezug auf das Selbst die Gelenke. Von diesem Knochen[gerüst mit dem] Mark gibt es der Gelenke fünfmal hundertvierundvierzig; der Verbindungen davon fünffach ergibt das achtzigtausend. Achtzigtausend [Bṛhatī-Silben] bewirken die großen Bṛhatī-[Verse] Tag für Tag. Dies ist das mit dem Tag gleichgesetzte, aus Auge, Gehör, Versmaß, Geist [und] Rede bestehende Selbst. Wer dies so weiß, der erlangt Gleichwelt-, Gleichgestalt- und Gleichgenuss-Schaft mit den Tagen; er wird reich an Söhnen und Vieh, erlangt volles Lebensalter.

Wort für Wort
trīṇi ṣaṣṭiśatāni akṣarāṇām
dreimal 160 Silben
ūṣmaṇām, saṃdhīnām
Reibelaute, Verbindungen
adhidaivatam / adhyātmam
in Bezug auf die Götter / auf das Selbst
asthīni, prāṇaḥ (majjā), parvāṇi
Knochen, Atem (=Mark), Gelenke
ṛte prāṇād retasaḥ siddhiḥ na asti
ohne Atem kein Zustandekommen des Samens
aśītisahasram
achtzigtausend
ahaḥsaṃmānaḥ ātmā
das mit dem Tag gleichgesetzte Selbst

[?] [Anm.: Fortsetzung der Zahlenspekulation aus 8,1, nun auf Knochen/Mark/Gelenke und den Tag bezogen; die eingeschobene Bemerkung zum Samen (reta) als vom Atem abhängig unterbricht das arithmetische Schema mit einer physiologischen Reflexion. Die editorische Markierung [+majjā] im Quelltext zeigt, dass diese Stelle bereits im Sanskrit-Original als unsicher überliefert gilt. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

catvāraḥ puruṣā iti vāstyaḥ - śarīrapuruṣaś chandaḥpuruṣo vedapuruṣo mahāpuruṣa iti | śarīrapuruṣa iti yam avocam ya evāyaṃ daivika ātmā tasyaitasya yo 'yam aśarīraḥ prajñātmā sa rasaḥ | chandaḥpuruṣa iti yam avocāmākṣarasamāmnāya eva | tasyaitasyākāro rasaḥ | vedapuruṣa iti yam avocāma yena devān veda ṛgvedaṃ yajurvedaṃ sāmavedam iti tasyaitasya brahmarasaḥ | tasmād brahmiṣṭhaṃ brahmāṇam ṛtvijaṃ kurvīta yo yajñasyolvaṇaṃ vidyāt | mahāpuruṣa iti yam avocāma saṃvatsara eva tasyaitasyāsāv ādityo rasaḥ | sa yaś cāyaṃ śarīraḥ prajñātmā yaś cāsāv āditya ekam etad iti vidyāt | tad etad ṛcābhyuditam ||

'Es gibt vier [Arten von] Menschen (puruṣa)' – so [lehrt] Vāstya: den Körper-Menschen, den Versmaß-Menschen, den Veda-Menschen, den Groß-Menschen. 'Körper-Mensch' – das, was ich damit meinte, ist eben dieses göttliche Selbst; von diesem ist der, welcher [dessen] körperloses Erkenntnis-Selbst ist, die Essenz. 'Versmaß-Mensch' – das, was wir damit meinten, ist eben die Silben-Überlieferung [das Alphabet]; von diesem ist der Laut 'a' die Essenz. 'Veda-Mensch' – das, was wir damit meinten, [ist das,] wodurch man die Götter kennt, den Ṛgveda, Yajurveda, Sāmaveda; von diesem ist der Brahman-[Veda] die Essenz. Deshalb soll man den Brahman-kundigsten [Priester] zum Brahman-Priester machen, [nämlich] wer die Vollendung des Opfers kennt. 'Groß-Mensch' – das, was wir damit meinten, ist eben das Jahr; von diesem ist jene Sonne die Essenz. Und der, welcher dieses körperliche Erkenntnis-Selbst ist, und jener, welcher die Sonne ist – man soll wissen: dies ist eins. Dazu wurde dieser Vers aufgesagt:

Wort für Wort
catvāraḥ puruṣāḥ
vier [Arten von] Menschen
iti vāstyaḥ
so Vāstya
śarīrapuruṣaḥ, chandaḥpuruṣaḥ, vedapuruṣaḥ, mahāpuruṣaḥ
Körper-, Versmaß-, Veda-, Groß-Mensch
aśarīraḥ prajñātmā rasaḥ
das körperlose Erkenntnis-Selbst = Essenz
akṣarasamāmnāyaḥ
die Silben-Überlieferung
ākāraḥ rasaḥ
der Laut 'a' = Essenz
brahmarasaḥ
der Atharvaveda (brahma-Veda) als Essenz
brahmiṣṭham brahmāṇam ṛtvijam kurvīta
soll den Brahman-kundigsten zum Brahman-Priester machen
saṃvatsaraḥ, ādityaḥ rasaḥ
das Jahr, die Sonne als Essenz
ekam etad iti vidyāt
man soll wissen: dies ist eins

[Anm.: Vierfache Typologie des 'Menschen' (puruṣa) mit je einer 'Essenz' (rasa): Körper-Mensch/Erkenntnis-Selbst, Versmaß-Mensch/Laut a, Veda-Mensch/Atharvaveda (als vierter, 'brahmischer' Veda), Groß-Mensch/Sonne – mündet in die Gleichsetzung von individuellem Erkenntnis-Selbst und Sonne, die im folgenden Khaṇḍa (8,4) durch ein berühmtes Sonnenlied (Ṛgveda 1,115,1) untermauert wird. 'Ulvaṇa' (hier 'Vollendung/Überschuss') ist unsicher gedeutet. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

citraṃ devānām udagād anīkaṃ cakṣur mitrasya varuṇasyāgneḥ | āprā dyāvāpṛthivī antarikṣaṃ sūrya ātmā jagatas tasthuṣaś ca || iti | etaṃ divi etam agnāv etaṃ vāyāv etaṃ candramasy etaṃ nakṣatreṣv etam apsv etam oṣadhīṣv etaṃ sarveṣu bhūteṣv etam akṣareṣv etam eva brahmety upāsate | tad etad ṛcābhyuditam ||

'Das leuchtende Antlitz der Götter ist aufgegangen, das Auge von Mitra, Varuṇa, Agni; er hat Himmel und Erde, den Luftraum erfüllt: die Sonne ist das Selbst des Beweglichen und des Feststehenden.' [Ṛgveda 1,115,1] – Ihn [verehrt man] im Himmel, ihn im Feuer, ihn im Wind, ihn im Mond, ihn in den Sternen, ihn im Wasser, ihn in den Pflanzen, ihn in allen Wesen, ihn in den unvergänglichen Silben – eben ihn verehrt man als Brahman. Dazu wurde dieser Vers aufgesagt.

Wort für Wort
citraṃ devānām anīkam
das leuchtende Antlitz der Götter
cakṣuḥ mitrasya varuṇasya agneḥ
das Auge von Mitra, Varuṇa, Agni
āprā dyāvāpṛthivī antarikṣam
erfüllte Himmel, Erde, Luftraum
sūryaḥ ātmā jagataḥ tasthuṣaḥ ca
die Sonne = Selbst des Beweglichen und Feststehenden
etaṃ divi, agnau, vāyau...
ihn im Himmel, im Feuer, im Wind...
akṣareṣu, brahma
in den unvergänglichen Silben, [als] Brahman

[Anm.: Zitiert den berühmten Sūrya-Vers Ṛgveda 1,115,1 und deutet die Sonne kosmotheistisch als in allen Erscheinungsformen (Feuer, Wind, Mond, Sterne, Wasser, Pflanzen, Wesen, heilige Silben) gegenwärtiges Brahman – Fortführung der Sonne-Selbst-Gleichsetzung aus 8,3. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

ud vayaṃ tamasas pari jyotiṣ paśyanta uttaram | devaṃ devatrā sūryam aganma jyotir uttamam || iti | sa eṣo 'kṣarasaṃmānaś cakṣurmayaḥ śrotramayaś chandamayo manomayo vāṇmaya ātmā | sa ya evam etam akṣarasaṃmānaṃ cakṣurmayaṃ śrotramayaṃ chandamayaṃ manomayaṃ vāṇmayam ātmānaṃ parasmai saṃsati dugdhadohā asya vedā bhavanti | abhāgo vāci bhavati abhāgo 'nūkte | tad etad ṛcābhyuditam ||

'Hinauf aus der Finsternis, das höhere Licht erblickend, sind wir zur Sonne gelangt, dem Gott unter den Göttern, dem höchsten Licht.' [Ṛgveda 1,50,10] Dies ist das mit der [unvergänglichen] Silbe gleichgesetzte, aus Auge, Gehör, Versmaß, Geist [und] Rede bestehende Selbst. Wer dies so weiß – dieses mit der Silbe gleichgesetzte Selbst –, dem werden, wenn er es dem Höchsten [Lehrer] mitteilt, die Veden zu ergiebigen [wörtl. 'gemolkenen'] Kühen; [wer es] nicht [mitteilt, für den] bleibt [sein Anteil] an der Rede ohne Anteil, ohne Anteil am [selbst] Rezitierten. Dazu wurde dieser Vers aufgesagt.

Wort für Wort
ud vayaṃ tamasaḥ pari
hinauf, wir, aus der Finsternis
jyotiḥ uttaram paśyantaḥ
das höhere Licht erblickend
devaṃ devatrā sūryam aganma
zum Gott unter den Göttern, der Sonne, gelangten wir
jyotiḥ uttamam
das höchste Licht
akṣarasaṃmānaḥ ātmā
das mit der Silbe gleichgesetzte Selbst
parasmai saṃsati
wenn er [es] dem Höchsten mitteilt
dugdhadohāḥ vedāḥ bhavanti
die Veden werden ergiebig ('gemolken')
abhāgaḥ vāci, abhāgaḥ anūkte
ohne Anteil an der Rede, ohne Anteil am Rezitierten

[?] [Anm.: Zitiert Ṛgveda 1,50,10, einen weiteren berühmten Sonnenvers. Der Schlussteil über Mitteilung/Nicht-Mitteilung an den Lehrer und den daraus resultierenden 'Anteil an der Rede' ist knapp und in Details unsicher. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

yas tityāja sacividaṃ sakhāyaṃ na tasya vācy api bhāgo asti | yad īṃ śṛṇoty alakaṃ śṛṇoti na hi pravedā sukṛtasya panthām || iti | nāsyānūkte vāco bhāgo astīty eva tad āha | tan na parasmā etad ahaḥ saṃset | nāgniṃ cinuyān na mahāvratena stuyān ned ātmano 'pihīyeteti | sa yaś cāyam aśarīraḥ prajñātmā yaś cāsāv āditya ekam etad ity avocāma tau yatra vipradṛśyete ||

'Wer den mitwissenden Freund verlassen hat, der hat keinen Anteil mehr an dessen Rede; was er auch hört, hört er vergeblich, denn er kennt nicht den Pfad des rechten Handelns.' [Ṛgveda 10,71,6] – 'Am [selbst] Rezitierten hat er dann keinen Anteil an der Rede' – so eben sagte er dies [im vorigen Khaṇḍa]. Dies soll man dem Höchsten [Schüler] nicht am selben Tag [der Verfehlung] mitteilen; man soll [ihn] nicht das [Opfer-]Feuer aufschichten lassen, nicht durch das Mahāvrata preisen lassen, damit er nicht seines Selbst beraubt werde. Und der, welcher dieses körperlose Erkenntnis-Selbst ist, und jener, welcher die Sonne ist – 'dies ist eins', so haben wir gesagt, [dort] wo die beiden einander sichtbar werden.

Wort für Wort
yaḥ tityāja sacividaṃ sakhāyam
wer den mitwissenden Freund verließ
na tasya vāci api bhāgaḥ asti
hat keinen Anteil an [dessen] Rede
alakaṃ śṛṇoti
hört vergeblich
na pravedā sukṛtasya panthām
kennt nicht den Pfad des rechten Handelns
nāgniṃ cinuyāt
man soll nicht das Feuer aufschichten lassen
na mahāvratena stuyāt
nicht durch das Mahāvrata preisen lassen
ned ātmanaḥ apihīyeta
damit er nicht seines Selbst beraubt werde
tau yatra vipradṛśyete
dort, wo die beiden einander sichtbar werden

[?] [Anm.: Zitiert Ṛgveda 10,71,6 (aus dem berühmten 'Rede'-Hymnus über Weisheit und Sprache) als Mahnung, die Lehre nicht einem unwürdigen Schüler mitzuteilen; die genaue Konstruktion von 'tan na parasmā etad ahaḥ saṃset' bleibt unsicher. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

candramā ivādityo dṛśyate na raśmayaḥ prādur bhavanti | lohinī dyaur bhavati yathā mañjiṣṭhāḥ | vyastaḥ pāyur bhavati | saṃpareto 'syātmā na ciram iva jīviṣyatīti vidyāt | sa yat karaṇīyaṃ manyeta tat kuryāt | athāpyādarśe vodake vā jihmaśirasaṃ vāśirasaṃ vātmānaṃ paśyen na vā paśyet | tad apy evam eva vidyāt | athāpi cchidrā chāyā bhavati tad apy evam eva vidyāt | athāpi cchidra ivādityo rathanābhir ivākhyāyet tad apy evam eva vidyāt | athāpi nīla ivāgnir dṛśyeta yathā mayūragrīvā mahāmeghe vā marīcīr iva paśyet | anabhre vā vidyutam paśyet | tad apy evam eva vidyāt | athāpy apidhāyākṣiṇī upekṣeta tatraitad varāṭakānīva na paśyet | tad apy evam eva vidyāt | athāpy apidhāya karṇā upāsīta | ya eṣo 'gner iva jvalataḥ śabdo rathasyeva pathi baddhasya tam yadā śṛṇuyāt tad apy evam eva vidyāt | athāpi viparyaste kanyake dṛśyete dvijihmeva na vā dṛśyeta tad apy evam eva vidyāt | sa yo 'taḥ śruto mato vijñāto dṛṣṭo nādiṣṭo ghuṣṭaḥ śrotā mantā vijñātā draṣṭādeṣṭā ghoṣṭā sarveṣāṃ bhūtānām antaraḥ puruṣaḥ sa ma ātmeti vidyāt | sa utkrāmann evaitam aśarīraṃ prajñātmānam abhisaṃpadyate vijahātītaraṃ dauhikam | saiṣā sarvasyai vāca upaniṣat | sarvā haivemāḥ sarvasyai vācaupaniṣadaḥ | imāṃ tv evam ācakṣate ||

Wenn die Sonne wie der Mond erscheint [und] ihre Strahlen nicht hervortreten; der Himmel rötlich wird wie krapprot [gefärbt]; der After [gelähmt/]verkehrt funktioniert – [dann] soll man wissen: 'Sein Selbst wird verscheiden, es wird nicht mehr lange leben.' Was er dann zu tun für nötig hält, das soll er tun. Und wenn er im Spiegel oder im Wasser sein Selbst mit schiefem oder verzerrtem Kopf sieht, oder [es] nicht sieht – auch dann soll man dasselbe wissen. Und wenn sein Schatten löchrig wird – auch dann soll man dasselbe wissen. Und wenn ihm die Sonne wie durchlöchert erscheint, wie durch Radnaben [hindurch] – auch dann soll man dasselbe wissen. Und wenn ihm das Feuer bläulich erscheint wie ein Pfauenhals, oder er in einer großen Gewitterwolke Lichtstrahlen sieht, oder er ohne Wolke einen Blitz sieht – auch dann soll man dasselbe wissen. Und wenn er, die Augen bedeckend, hinsieht und dort etwas wie kleine Muscheln [statt Dunkelheit] sieht – auch dann soll man dasselbe wissen. Und wenn er, die Ohren bedeckend, lauscht [und] jenen Klang wie von loderndem Feuer, wie von einem auf dem Weg angebundenen Wagen hört – auch dann soll man dasselbe wissen. Und wenn ihm die beiden Augenlider verkehrt erscheinen, wie doppelt [gespalten], oder [sie] nicht [mehr richtig] erscheinen – auch dann soll man dasselbe wissen. Der, welcher [all dies] gehört, gedacht, erkannt, gesehen hat, [welcher] nicht ausdrücklich genannt [und doch] verkündet wird, der Hörende, Denkende, Erkennende, Sehende, Anzeigende, Verkündende, der innere Mensch in allen Wesen – 'der ist mein Selbst', so soll man wissen. Und im Verscheiden gelangt er eben zu diesem körperlosen Erkenntnis-Selbst [und] verlässt das übrige, vom Körper Abstammende. Das ist diese Geheimlehre über alle Rede. All dies sind wahrhaftig Geheimlehren über alle Rede. Dies aber bezeichnen sie so.

Wort für Wort
candramāḥ iva ādityaḥ dṛśyate
die Sonne erscheint wie der Mond
raśmayaḥ na prādurbhavanti
die Strahlen treten nicht hervor
lohinī dyauḥ bhavati
der Himmel wird rötlich
vyastaḥ pāyuḥ bhavati
der After funktioniert verkehrt
saṃparetaḥ asya ātmā
sein Selbst wird verscheiden
ādarśe vā udake vā ātmānaṃ paśyet
sieht sein Selbst im Spiegel oder Wasser
chidrā chāyā
löchriger Schatten
ādityaḥ rathanābhiḥ iva ākhyāyeta
die Sonne erscheint wie [durch] Radnaben
nīlaḥ iva agniḥ, mayūragrīvā
bläuliches Feuer wie ein Pfauenhals
anabhre vidyutam paśyet
sieht ohne Wolke einen Blitz
apidhāya akṣiṇī upekṣeta
bedeckt die Augen und blickt hin
apidhāya karṇau upāsīta
bedeckt die Ohren und lauscht
antaraḥ puruṣaḥ sa ma ātmā
der innere Mensch, der ist mein Selbst
utkrāman aśarīraṃ prajñātmānam abhisaṃpadyate
im Verscheiden gelangt er zum körperlosen Erkenntnis-Selbst
sarvasyai vācaḥ upaniṣat
Geheimlehre über alle Rede

[?] [Anm.: Ungewöhnlicher und in dieser Ausführlichkeit seltener Katalog von Vorzeichen des nahenden Todes (Sehen von Sonne/Mond/Schatten/Blitz in verzerrter Form, akustische und optische Halluzinationen bei bedeckten Augen/Ohren) – vergleichbar der 'Vorzeichen'-Literatur (nimitta/utpāta) andernorts, wird hier mit der Erkenntnis des 'inneren Menschen' als eigentlichem Selbst verknüpft. Mehrere Einzelbegriffe (mañjiṣṭhāḥ 'krapprot', varāṭakānīva 'wie kleine Muscheln', dvijihmā 'doppelzüngig/-gespalten') sind unsicher übersetzt. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

pṛthivyā rūpaṃ sparśā antarikṣasyoṣmāṇo divaḥ svarāḥ | agne rūpaṃ sparśā vāyor ūṣmāṇa ādityasya svarāḥ | ṛgvedasya rūpaṃ sparśā yajurvedasyoṣmāṇaḥ sāmavedasya svarāḥ | rathantarasya rūpaṃ sparśā vāmadevyasyoṣmāṇo bṛhataḥ svarāḥ | prāṇasya rūpaṃ sparśā apānasyoṣmāṇo manasaḥ svarāḥ | prāṇasya rūpaṃ sparśā apānasyoṣmāṇa udānasya svarāḥ svarā iti punardattaḥ | eṣa u haiva sarvāṃ vācaṃ veda ya evaṃ veda ||

Die Erde ist die Gestalt, die Verschlusslaute; der Luftraum die Reibelaute; der Himmel die Vokale. Das Feuer ist die Gestalt, die Verschlusslaute; der Wind die Reibelaute; die Sonne die Vokale. Der Ṛgveda ist die Gestalt, die Verschlusslaute; der Yajurveda die Reibelaute; der Sāmaveda die Vokale. Das Rathantara[-Sāman] ist die Gestalt, die Verschlusslaute; das Vāmadevya[-Sāman] die Reibelaute; das Bṛhat[-Sāman] die Vokale. Der Einatem ist die Gestalt, die Verschlusslaute; der Ausatem die Reibelaute; der Geist die Vokale. [Wiederum:] Der Einatem ist die Gestalt, die Verschlusslaute; der Ausatem die Reibelaute; der Zwischenatem die Vokale – 'Vokale' wird [hier] noch einmal genannt. Eben dieser kennt die ganze Rede, wer dies so weiß.

Wort für Wort
pṛthivyāḥ rūpaṃ sparśāḥ
Erde = Gestalt, Verschlusslaute
antarikṣasya ūṣmāṇaḥ
Luftraum = Reibelaute
divaḥ svarāḥ
Himmel = Vokale
ṛgvedasya, yajurvedasya, sāmavedasya
Ṛg-, Yajur-, Sāmaveda
rathantarasya, vāmadevyasya, bṛhataḥ
Rathantara, Vāmadevya, Bṛhat (Sāmans)
prāṇasya, apānasya, manasaḥ / udānasya
Ein-, Ausatem, Geist / Zwischenatem
sarvāṃ vācaṃ veda
kennt die ganze Rede

[Anm.: Systematische Fortsetzung der Laut-Kosmos-Analogie (Verschlusslaut/Reibelaut/Vokal = Gestalt/Wärme/Ton) über sechs Trias-Reihen: Kosmos, Elemente, drei Veden, drei Sāmans, und zweifach die Atem-Arten. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

atha khalv iyaṃ daivī vīṇā bhavati tadanukṛtir asau mānuṣī bhavati | tad yatheyaṃ śastravatī tardavatī bhavaty evam evāsau śastravatī tardavatī bhavati | tad yathāsyāḥ śira evam amuṣyāḥ śiraḥ | tad yathāsyai vaṃśa evam amuṣya daṇḍaḥ | tad yathāsyā udaram evam amuṣyā ambhaṇam | tad yathāsyai mukhanāsike akṣiṇī ity evam amuṣyāś chidrāṇi | tad yathāsyā aṅgulinigrahā upastaraṇānīty evam amuṣyāḥ parvāṇi | tad yathāsyā aṅgulaya evam amuṣyās tantryaḥ | tad yathāsyai jihvaivam amuṣyā vādanam | tad yathāsyāḥ svarā evam amuṣyāḥ svarāḥ | tad yathā haiveyaṃ romaśena carmaṇāpihitā bhavaty evam evāsau romaśena carmaṇāpihitā bhavati | romaśena ha sma carmaṇā purā vīṇām apidadhati | saiṣā daivī vīṇā bhavati | sa ya evam etāṃ daivīṃ vīṇāṃ veda śrutavadanatamo bhavati bhūmiprāsā kīrtir bhavati +śuśrūṣante hāsya parṣatsu bhāṣyamāṇasyedam astu yad ayam īhate yatrāryā vāg vadati vidur enaṃ tatra ||

Nun aber, diese [Welt] ist die göttliche Vīṇā (Laute), deren Nachbildung jene, die menschliche, ist. Wie diese [göttliche Vīṇā] mit Zupfstab [und] Steg versehen ist, ebenso ist jene [der Mensch] mit Zupfstab [und] Steg versehen. Wie deren Kopf [ist], so [ist] jenes Kopf; wie deren Griffbrett, so [ist] jenes [Rücken-]Stab; wie deren Bauch[-Resonanzkörper], so [ist] jenes Gefäß [Leib]; wie deren Mund [und] Nasenlöcher, so [entsprechen dem] jenes Augen [als] Öffnungen; wie deren Fingergriffe [den] Auflagen [entsprechen], so [entsprechen] jenes Gelenke; wie deren Finger, so [sind] jenes Saiten; wie deren Zunge, so [ist] jenes Spielwerkzeug; wie deren Töne, so [sind] jenes Töne. Und wie diese [göttliche Vīṇā] mit einer behaarten Haut bedeckt ist, ebenso ist jene [der Mensch] mit einer behaarten Haut bedeckt – mit einer behaarten Haut nämlich bedeckte man einst die Vīṇā. Das ist diese göttliche Vīṇā. Wer dies so weiß, diese göttliche Vīṇā, der wird zum Bestklingend-Redenden; sein Ruhm erstreckt sich über die Erde; man wird ihm in Versammlungen gerne zuhören: 'Dies möge dem zuteilwerden, wonach er, der Redende, strebt; dort, wo die edle Rede spricht, dort erkennen sie ihn.'

Wort für Wort
daivī vīṇā
die göttliche Vīṇā (Laute)
mānuṣī vīṇā tadanukṛtiḥ
die menschliche [Vīṇā] als deren Nachbildung
śira, vaṃśa, udaram
Kopf, Griffbrett/Hals, Bauch(-Resonanzkörper)
mukhanāsike = akṣiṇī
Mund/Nase entsprechen den Augen
aṅgulinigrahāḥ = parvāṇi
Fingergriffe entsprechen den Gelenken
aṅgulayaḥ = tantryaḥ
Finger entsprechen den Saiten
jihvā = vādanam
Zunge entspricht dem Spielwerkzeug
romaśena carmaṇā apihitā
mit behaarter Haut bedeckt
śrutavadanatamaḥ bhavati
wird zum Bestklingend-Redenden
bhūmiprāsā kīrtiḥ
über die Erde reichender Ruhm

[Anm.: Bemerkenswerte, detailreiche Allegorie des menschlichen Körpers als Nachbildung einer kosmischen 'göttlichen Vīṇā' (Saiteninstrument), mit genauer Teil-für-Teil-Entsprechung (Kopf, Hals/Griffbrett, Resonanzkörper, Löcher, Bünde/Gelenke, Saiten/Finger, Plektrum/Zunge). Einzelne Fachbegriffe des Instrumentenbaus (śastra 'Zupfstab/Plektrum', tarda 'Steg', ambhaṇa 'Resonanzgefäß') sind unsicher identifiziert. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

athātas tāṇḍavindasya vacaḥ | tad yatheyam akuśalena vādayitrā vīṇārabdhā na kṛtsnaṃ vīṇārthaṃ sādhayaty evam evākuśalena vaktrā vāg ārabdhā na kṛtsnaṃ vāg arthaṃ sādhayati | tad yathā haiveyaṃ kuśalena vādayitrā vīṇārabdhā kṛtsnaṃ vīṇārthaṃ sādhayaty evam eva kuśalena vaktrā vāg ārabdhā kṛtsnaṃ vāg arthaṃ sādhayati | tasyai vā etasyai vīṇāyai yā tviṣiḥ sā saṃhiteti kātyāyanīputro jātūkarṇyaḥ | atha ha smaitat kṛtsnahārito brāhmaṇam evodāharati ||

Nun aber das Wort des Tāṇḍavinda: Wie diese [Vīṇā], von einem ungeschickten Spieler angeschlagen, nicht den ganzen Zweck der Vīṇā erreicht, ebenso erreicht die von einem ungeschickten Sprecher hervorgebrachte Rede nicht den ganzen Zweck der Rede. Und wie diese [Vīṇā], von einem geschickten Spieler angeschlagen, den ganzen Zweck der Vīṇā erreicht, ebenso erreicht die von einem geschickten Sprecher hervorgebrachte Rede den ganzen Zweck der Rede. Von dieser Vīṇā aber ist das, was ihr Glanz ist, die Verbindung – so [lehrt] Kātyāyaniputra Jātūkarṇya. Darauf trägt Kṛtsnahārita eben dieses Brāhmaṇa[-Stück] vor.

Wort für Wort
tāṇḍavindasya vacaḥ
das Wort des Tāṇḍavinda
akuśalena vādayitrā vīṇā ārabdhā
von ungeschicktem Spieler angeschlagene Vīṇā
na kṛtsnaṃ vīṇārthaṃ sādhayati
erreicht nicht den ganzen Zweck der Vīṇā
kuśalena vaktrā vāk ārabdhā
von geschicktem Sprecher hervorgebrachte Rede
yā tviṣiḥ sā saṃhitā
was der Glanz ist, das ist die Verbindung
iti kātyāyanīputro jātūkarṇyaḥ
so Kātyāyaniputra Jātūkarṇya

[Anm.: Setzt die Vīṇā-Allegorie aus 8,9 fort: wie beim Instrument entscheidet die Geschicklichkeit des 'Spielers' (Sprechers) über die volle Wirksamkeit der Rede. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

prajāpatiḥ prajāḥ sṛṣṭvā vyasraṃsata sa chandobhir ātmānaṃ samadadhat | tad yac chandobhir ātmānaṃ samadadhat tasmāt saṃhitā | tasyai vā etasyai saṃhitāyai nakāro balaṃ śakāraḥ prāṇa ātmā saṃhitā | athaiṣā kṣudramiśrā vikṛtis tāni nakhāni romāṇi vyañjanānīti | sa yo 'tra vicikitset saṇakāram eva brūyād ṛte nakāram iti saṇakāram eva brūyāt | evam eva yo 'tra vicikitset saṣakāram eva brūyād ṛte śakāram iti saṣakāram eva brūyāt | tau vā etau nakārasakārau vidvān anusaṃhitam ṛco 'dhīyātāyuṣyam iti vidyād evam eva vidyāt | atha vāg vayam anusaṃhitam ṛco 'dhīmahe yac cānyat kiṃcid brāhmīkṛtyevādhīyīta tad apy evam eva vidyāt | te yad vayam anusaṃhitam ṛco 'dhīmahe yac ca māṇḍūkeyīyam adhyāyaṃ prabrūmas tena no nakārasakārā upāptāv iti ha smāha hrasvo māṇḍūkeyaḥ | atha yad ayaṃ vayam anusaṃhitam ṛco 'dhīmahe yac ca svādhyāyam adhīmahe tena no nakārasakārā upāptāv iti ha smāha sthaviraḥ śākalyaḥ | etad dha sma vai tad vidvāṃsa āhuḥ kāvaṣeyāḥ kimarthā vayaṃ yakṣyāmahe kimarthaṃ vayam adheṣyāmahe vāci hi prāṇaṃ juhumaḥ prāṇe vācaṃ yo hy eva prabhavaḥ sa evāpyaya iti | tā etāḥ saṃhitā nānantevāsine brūyān nāsaṃvatsaravāsine nābrahmacāriṇe nāvedavide nāpavaktra ity ācāryā ity ācāryāḥ || iti śāṅkhāyanāraṇyake aṣṭamo 'dhyāyaḥ ||

Prajāpati, nachdem er die Geschöpfe erschaffen hatte, zerfiel; er fügte sich [wieder] mit den Versmaßen zusammen. Weil er sich mit den Versmaßen zusammenfügte, [heißt es] deshalb 'Saṃhitā'. Von dieser Saṃhitā aber ist der Laut 'n' die Kraft, der Laut 's' der Atem, das Selbst die Verbindung. Und dies ist eine mit Geringem vermischte Abwandlung: die Nägel, die Haare, die [gemischten] Konsonanten [entsprechen dem Geringen]. Wer hier zweifelt, soll statt [bloß] 'n' [die Verbindung] 'ṇ' [wörtl. saṇakāra] sprechen; ebenso, wer zweifelt, ob man statt 's' [den Laut] 'ṣ' sprechen soll, soll [eben] 'ṣ' sprechen. Wer nun diese beiden Laute 'n' und 's' kennend die im Anschluss an die Saṃhitā[-Lehre] [stehenden] Verse rezitiert, [dem gereicht dies] zur Langlebigkeit, so soll man wissen. Und ebenso soll man wissen: wenn wir, [dies] wissend, im Anschluss an die Saṃhitā[-Lehre] Verse rezitieren, oder was sonst irgendetwas 'zu Brahman gemacht' [Heiliges] man rezitieren möge, auch dann [gilt dasselbe]. 'Dass wir im Anschluss an die Saṃhitā[-Lehre] Verse rezitieren und auch das Māṇḍūkeya-Kapitel vortragen, dadurch sind uns die Laute n und s zuteilgeworden' – so sprach Hrasva Māṇḍūkeya. Und: 'Dass wir im Anschluss an die Saṃhitā[-Lehre] Verse rezitieren und [auch] das tägliche Selbststudium betreiben, dadurch sind uns die Laute n und s zuteilgeworden' – so sprach der Alte Śākalya. Dies eben pflegten die kundigen Kāvaṣeyas zu sagen: 'Wozu wollen wir opfern, wozu wollen wir [weiter] lernen? Denn wir opfern den Atem in die Rede, [und] in den Atem [geht] die Rede ein – wer nämlich der Ursprung ist, der ist auch die Auflösung.' Diese Saṃhitā[-Lehren] soll man weder einem Nicht-Schüler mitteilen, noch einem, der nicht [mindestens] ein Jahr [beim Lehrer] gewohnt hat, noch einem Nicht-Brahmacārin, noch einem, der die Veden nicht kennt, noch einem, der nicht [würdig] zu sprechen [versteht] – so [sagen] die Lehrer, so die Lehrer. – So endet im Śāṅkhāyana-Āraṇyaka der achte Adhyāya.

Wort für Wort
prajāpatiḥ prajāḥ sṛṣṭvā vyasraṃsata
Prajāpati zerfiel, nachdem er die Geschöpfe erschaffen hatte
chandobhiḥ ātmānaṃ samadadhāt
fügte sich mit den Versmaßen zusammen
nakāraḥ balam, śakāraḥ prāṇaḥ
n-Laut = Kraft, s-Laut = Atem
kṣudramiśrā vikṛtiḥ
eine mit Geringem vermischte Abwandlung
nakhāni romāṇi vyañjanāni
Nägel, Haare, [gemischte] Konsonanten
anusaṃhitam ṛcaḥ adhīyāt āyuṣyam
rezitiert Verse im Anschluss an die Saṃhitā, [dies dient] der Langlebigkeit
iti ha smāha hrasvo māṇḍūkeyaḥ
so sprach Hrasva Māṇḍūkeya
iti ha smāha sthaviraḥ śākalyaḥ
so sprach der Alte Śākalya
kāvaṣeyāḥ
die Kāvaṣeyas (Lehrer-Sippe)
vāci prāṇaṃ juhumaḥ
wir opfern den Atem in die Rede
yaḥ prabhavaḥ sa eva apyayaḥ
wer der Ursprung ist, ist auch die Auflösung
na ananteVāsine, na asaṃvatsaravāsine, na abrahmacāriṇe
nicht einem Nicht-Schüler, Nicht-Jahresbewohner, Nicht-Brahmacārin
iti ācāryāḥ
so die Lehrer
iti śāṅkhāyanāraṇyake aṣṭamo 'dhyāyaḥ
so endet der achte Adhyāya

[?] [Anm.: Abschluss-Khaṇḍa des Adhyāya mit einer Prajāpati-Ätiologie des Wortes 'saṃhitā' und einer phonetisch-mystischen Deutung der Laute n und s; der mittlere Teil zur genauen Aussprache-Regelung (saṇakāra/saṣakāra) bleibt technisch und im Detail unsicher. Der Ausspruch der Kāvaṣeyas ('wozu opfern, wozu lernen, wenn Atem und Rede ohnehin ineinander aufgehen') ist ein bemerkenswert radikales, quietistisches Motiv. Die Schluss-Restriktion (Weitergabe nur an würdige, mindestens einjährige Schüler) ist eine typische Formel zum Abschluss vedischer Geheimlehren. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

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