Quellen der Menschheit

Kauṣītaki-/Śāṅkhāyana-Āraṇyaka

Kapitel 4: śāṅkhāyanāraṇyakam · caturtho 'dhyāyaḥ (= kauṣītakyupaniṣad, dvitīyo 'dhyāyaḥ) Prāṇa als Brahman und die daraus abgeleiteten Wunsch- und Liebeszauber-Rituale (KU 2,1–2,4)

Adhyāya 4 (= KU 2) eröffnet einen neuen Lehrabschnitt: zunächst zwei Lehrmeinungen (Kauṣītaki, Paiṅgya) darüber, wie der Atem (prāṇa) als Brahman sich zu den übrigen Sinnesorganen verhält, danach zwei darauf aufbauende Ritualtexte (Wunscherfüllung, Liebeszauber). Der vierte Adhyāya (ŚĀ 4,1–4,15 = KU 2,1–2,15) ist hiermit vollständig übersetzt: nach den beiden Prāṇa-Lehrmeinungen und den Wunsch-/Liebeszauber-Ritualen (Khaṇḍa 1–4) folgen die berühmte Lehre vom "inneren Agnihotra" des Prātardana (Khaṇḍa 5), die Uktha-Brahman-Verehrung (Khaṇḍa 6), das Sonnen-Ritual des Kauṣītaki zum All-Sieg (Khaṇḍa 7), mehrere Mond- und Empfängnis-/Nachkommenschafts-Rituale (Khaṇḍa 8–10), der kurze und der ausführliche Vater-Sohn-Selbstübertragungsritus (Khaṇḍa 11 und 15), die Lehre vom kosmischen und leiblichen "Verlöschen" (parimara, Khaṇḍa 12–13) sowie die berühmte Erzählung vom Wettstreit der Sinnesvermögen um den Vorrang, den der Atem für sich entscheidet (Khaṇḍa 14). Es folgt Adhyāya 5 (= KU 3,1ff., die berühmte Lehre des Indra an Pratardana über Prāṇa als Selbst, oft als philosophischer Höhepunkt der Kauṣītaki-Upaniṣad betrachtet) in einer künftigen Sitzung bzw. im täglichen automatisierten Lauf.

prāṇo brahmeti ha smāha kauṣītakiḥ | tasya vā etasya prāṇasya brahmaṇo mano dūtam, cakṣur goptṛ, śrotraṃ śrāvayitṛ, vāk pariveṣṭrī | sa yo ha va etasya prāṇasya brahmaṇo mano dūtaṃ veda dūtavān bhavati | yaś cakṣur goptṛ saṃśrāvayitṛmān bhavati | yo vācaṃ pariveṣṭrīṃ pariveṣṭrīmān bhavati | tasmai vā etasmai prāṇāya brahmaṇa etā devatā ayācamānāya baliṃ haranti | evaṃ haivāsmai sarvāṇi bhūtānyayācamānāyaiva baliṃ haranti ya evaṃ veda | tasyopaniṣan na yāced iti | tad yathā grāmam bhikṣitvālabdhvopaviśen nāham ato dattam aśnīyām iti | ta evainam upamantrayante ye purastāt pratyācakṣīran | eṣa dharmo 'yācato bhavati | annadās tvevainam upamantrayante - dadāma ta iti ||

'Der Atem (prāṇa) ist Brahman', so sprach Kauṣītaki. Von diesem Atem-Brahman ist der Geist (manas) der Bote, das Auge der Wächter, das Ohr der Verkünder, die Rede die Dienerin/Umhüllerin. Wer weiß, dass der Geist der Bote dieses Atem-Brahman ist, dem wird [selbst] ein Bote zuteil. Wer [weiß, dass] das Auge Wächter [ist, dem wird] ein Verkünder [zuteil] [?]. Wer [weiß, dass] die Rede die Dienerin [ist, dem wird] eine Dienerin [zuteil]. Diesem Atem-Brahman nun bringen diese Gottheiten, ohne dass er darum bittet, [ihre] Opfergabe dar. Ebenso bringen ihm alle Wesen, ohne dass er darum bittet, [ihre] Opfergabe dar, wer dies so weiß. Er soll [aber] nicht um die Geheimlehre (upaniṣad) darüber hinaus bitten [?]. Es ist, wie wenn einer, nachdem er in einem Dorf gebettelt und [eine Gabe] erhalten hat, sich niedersetzt [und denkt]: 'Ich möchte nichts weiter, was darüber hinaus gegeben wird, essen.' Da laden ihn eben diejenigen ein, die ihn zuvor abgewiesen hätten [?]. Dies ist die Regel für den, der nicht [mehr] bittet. Die Speisegeber aber laden ihn dann [von selbst] ein: 'Wir geben dir es.'

Wort für Wort
prāṇaḥ brahma iti ha sma āha kauṣītakiḥ
'der Atem ist Brahman', so sprach Kauṣītaki
tasya vai etasya prāṇasya brahmaṇaḥ manaḥ dūtam
von diesem Atem-Brahman ist der Geist der Bote
cakṣuḥ goptṛ śrotram śrāvayitṛ vāk pariveṣṭrī
das Auge der Wächter, das Ohr der Verkünder, die Rede die Dienerin
tasmai vai etasmai prāṇāya brahmaṇe etāḥ devatāḥ ayācamānāya balim haranti
diesem Atem-Brahman bringen diese Gottheiten, ohne dass er bittet, Opfergabe dar
evam ha eva asmai sarvāṇi bhūtāni ayācamānāya eva balim haranti yaḥ evam veda
ebenso bringen ihm alle Wesen ungebeten Opfergabe dar, wer dies weiß
tasya upaniṣad na yācet iti
er soll nicht um dessen Geheimlehre bitten [?]
tat yathā grāmam bhikṣitvā alabdhvā upaviśet
wie einer, der im Dorf gebettelt hat, sich niedersetzt
annadāḥ tu eva enam upamantrayante dadāma te iti
die Speisegeber aber laden ihn ein: 'wir geben dir es'

[Anm.: Mit Adhyāya 4 (= KU 2) beginnt ein neuer Lehrabschnitt über Prāṇa als Brahman, zunächst in der Fassung des Kauṣītaki, danach (ŚĀ 4,2) in der Variante des Paiṅgya. 'tasyopaniṣan na yāced' bleibt unsicher [?] – möglicherweise eine Warnung, nicht über das gegebene Maß hinaus nach der esoterischen Deutung zu fragen/verlangen. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

prāṇo brahmeti ha smāha paiṅgyaḥ | tasya vā etasya prāṇasya brahmaṇo vāk parastāc cakṣur ārundhate | cakṣuḥ parastāc chrotram ārundhate | śrotraṃ parastān mana ārundhate | manaḥ parastāt prāṇa ārundhate | tasmai vā etasmai prāṇāya brahmaṇa etā devatā ayācamānāya baliṃ haranti | evaṃ haivāsmai sarvāṇi bhūtānyayācamānāyaiva baliṃ haranti ya evaṃ veda | tad yathā grāmam bhikṣitvālabdhvopaviśen nāham ato dattam aśnīyām iti | ta evainam upamantrayante ye purastāt pratyācakṣīran | eṣa dharmo 'yācato bhavati | annadās tvevainam upamantrayante - dadāma ta iti ||

'Der Atem ist Brahman', so sprach Paiṅgya. Von diesem Atem-Brahman übertrifft [im Rang] das Auge die ihm vorangehende Rede; das Ohr übertrifft das ihm vorangehende Auge; der Geist übertrifft das ihm vorangehende Ohr; der Atem übertrifft den ihm vorangehenden Geist [?]. Diesem Atem-Brahman nun bringen diese Gottheiten, ohne dass er darum bittet, [ihre] Opfergabe dar. Ebenso bringen ihm alle Wesen, ohne dass er darum bittet, [ihre] Opfergabe dar, wer dies so weiß. Es ist, wie wenn einer, nachdem er in einem Dorf gebettelt und [eine Gabe] erhalten hat, sich niedersetzt [und denkt]: 'Ich möchte nichts weiter, was darüber hinaus gegeben wird, essen.' Da laden ihn eben diejenigen ein, die ihn zuvor abgewiesen hätten. Dies ist die Regel für den, der nicht [mehr] bittet. Die Speisegeber aber laden ihn dann [von selbst] ein: 'Wir geben dir es.'

Wort für Wort
prāṇaḥ brahma iti ha sma āha paiṅgyaḥ
'der Atem ist Brahman', so sprach Paiṅgya
tasya vai etasya prāṇasya brahmaṇaḥ vāk parastāt cakṣuḥ ārundhate
von diesem Atem-Brahman übertrifft das Auge die vorangehende Rede [?]
cakṣuḥ parastāt śrotram ārundhate
das Ohr übertrifft das vorangehende Auge
śrotram parastāt manaḥ ārundhate manaḥ parastāt prāṇaḥ ārundhate
der Geist übertrifft das Ohr, der Atem übertrifft den Geist
tasmai vai etasmai prāṇāya brahmaṇe etāḥ devatāḥ ayācamānāya balim haranti
diesem Atem-Brahman bringen die Gottheiten ungebeten Opfergabe dar

[Anm.: 'ārundhate' (Wurzel rudh, 'zurückhalten/übertreffen/einschließen') beschreibt hier offenbar eine Rangfolge der Sinnesorgane, in der jedes nachfolgende das vorangehende übertrifft/einschließt (Auge > Rede, Ohr > Auge, Geist > Ohr, Atem > Geist) – die genaue Richtung und Bedeutung dieser Hierarchie bleibt unsicher [?] und wird in der Forschung unterschiedlich gedeutet. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

athāta ekadhanāvarodhanam | ya ekadhanam abhidhyāyāt paurṇamāsyāṃ vāmāvasyāyāṃ vā śuddhapakṣe vā puṇye nakṣatra eteṣām ekasmin parvaṇyagnim upasamādhāya parisamuhya paristīrya paryukṣya dakṣiṇam ānvācya sruveṇāhutīr juhoti | vāṅ nāma devatāvarodhinī sā me 'muṣmād idam avarundhyāt tasyai svāhā | prāṇo nāma devatāvarodhinī sā me 'muṣmād idam avarundhyāt tasyai svāhā | śrotraṃ nāma devatāvarodhinī sā me 'muṣmād idam avarundhyāt tasyai svāhā | mano nāma devatāvarodhinī sā me 'muṣmād idam avarundhyāt tasyai svāhā | prajñā nāma devatāvarodhinī sā me 'muṣmād idam avarundhyāt tasyai svāhā | atha dhūmagandham prajighrāyājyalepanenāṅgānyanuvimṛjya vācaṃyamo 'bhipravrajyārtham +brūyād dūtaṃ vā prahiṇuyāt | labhate haiva ||

Und nun [folgt] das 'Erwerben des einzigen Wunsches' (ekadhana). Wer sich einen bestimmten Wunsch [dringlich] vorstellt, soll an Vollmond oder Neumond, oder an einem reinen Tag der [hellen] Monatshälfte, oder an einem glückverheißenden Mondhaus, an einer dieser Zeitmarken das Opferfeuer aufschichten, ringsum bestreichen, [mit Gras] bestreuen, [mit Wasser] besprengen, rechts umschreiten und mit dem Opferlöffel Opfergüsse darbringen: 'Die Rede, „die Gottheit-Zurückhaltende“ genannt, möge mir von jenem [Ziel] her dieses zurückhalten [d. h. mir sichern] – ihr sei svāhā! Der Atem, „die Gottheit-Zurückhaltende“ genannt, möge mir dies zurückhalten – ihm svāhā! Das Ohr, „die Gottheit-Zurückhaltende“ genannt, möge mir dies zurückhalten – ihm svāhā! Der Geist, „die Gottheit-Zurückhaltende“ genannt, möge mir dies zurückhalten – ihm svāhā! Die Erkenntnis (prajñā), „die Gottheit-Zurückhaltende“ genannt, möge mir dies zurückhalten – ihr svāhā!' Dann, nachdem er den Rauchduft gerochen und sich mit der Salbe der Butteropferreste die Glieder abgerieben hat, soll er, schweigend, zum Zweck der Bitte sprechen oder einen Boten senden [?]. Er erlangt [den Wunsch] fürwahr.

Wort für Wort
atha ataḥ ekadhanāvarodhanam
und nun folgt das Erwerben des einzigen Wunsches
yaḥ ekadhanam abhidhyāyāt
wer sich einen bestimmten Wunsch vorstellt
agnim upasamādhāya parisamuhya paristīrya paryukṣya
das Feuer aufschichten, bestreichen, bestreuen, besprengen
vāk nāma devatāvarodhinī sā me amuṣmāt idam avarundhyāt tasyai svāhā
'die Rede, Gottheit-Zurückhaltende genannt, möge mir dies sichern – ihr svāhā'
prāṇaḥ ... śrotram ... manaḥ ... prajñā nāma devatāvarodhinī
ebenso für Atem, Ohr, Geist, Erkenntnis
atha dhūmagandham prajighrāya ājyalepanena aṅgāni anuvimṛjya vācaṃyamaḥ
dann, nach Riechen des Rauchdufts und Abreiben der Glieder mit der Butter-Salbe, schweigend
labhate ha eva
er erlangt es fürwahr

[Anm.: Ritualtext mit formelhaftem Refrain für die fünf 'Gottheit-Zurückhaltenden' (Rede, Atem, Ohr, Geist, Erkenntnis); das Pluszeichen im Quelltext vor 'brūyāt' markiert eine Textbesonderheit der Arbeitsausgabe, die genaue Bedeutung von 'abhipravrajyārtham' (etwa 'zum Zweck des Auszugs/der Bitte') bleibt leicht unsicher [?]. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

athāto daivaḥ smaraḥ | yasya priyo bubhūṣed yasyai vā yāsāṃ vaiteṣāṃ vaikasmin parvaṇyetayaivāvṛtaitā ājyāhutīr juhoti | vācaṃ te mayi juhomyasau svāhā | prāṇaṃ te mayi juhomyasau svāhā | mayi cakṣus te juhomyasau svāhā | śrotraṃ te mayi juhomyasau svāhā | manas te mayi juhomyasau svāhāti | atha dhūmagandhaṃ prajighrāyājyalepanenāṅgānyanuvimṛjya vācaṃyamaḥ saṃsparśaṃ jigamiṣet | abhivādāt vā tiṣṭhet saṃbhāṣamāṇaḥ | priyo haiva bhavati | smarate haivāsyā ||

Und nun [folgt] der 'göttliche Liebeszauber' (daiva smara). Wem [ein Mann] lieb sein möchte, oder welcher [Frau], oder welchen [Frauen] unter diesen – dem/der bringt er, nach demselben Ablauf [wie beim vorigen Ritual], an einem der [genannten] Zeitpunkte Butteropfergüsse dar: 'Deine Rede opfere ich mir hinein, dieser [Name] – svāhā! Deinen Atem opfere ich mir hinein – svāhā! Dein Auge opfere ich mir hinein – svāhā! Dein Ohr opfere ich mir hinein – svāhā! Deinen Geist opfere ich mir hinein – svāhā!' Dann, nachdem er den Rauchduft gerochen und sich mit der Salbe der Butteropferreste die Glieder abgerieben hat, soll er, schweigend, die Berührung [der betreffenden Person] suchen, oder bei der Begrüßung stehen bleiben und sich mit ihr unterhalten. Er wird ihr fürwahr lieb; sie gedenkt seiner fürwahr [beständig].

Wort für Wort
atha ataḥ daivaḥ smaraḥ
und nun folgt der göttliche Liebeszauber
yasya priyaḥ bubhūṣet yasyai vā yāsām vā eteṣām
wem oder welcher/welchen [Frauen] er lieb sein möchte
vācam te mayi juhomi asau svāhā
'deine Rede opfere ich mir hinein – svāhā'
prāṇam te mayi juhomi ... cakṣuḥ te ... śrotram te ... manaḥ te mayi juhomi svāhā iti
ebenso für Atem, Auge, Ohr, Geist
vācaṃyamaḥ saṃsparśam jigamiṣet
schweigend soll er die Berührung suchen
priyaḥ ha eva bhavati smarate ha eva asyāḥ
er wird ihr fürwahr lieb, sie gedenkt seiner fürwahr

[Anm.: Ein Liebeszauber-Ritual nach demselben formalen Muster wie das vorangehende Wunscherfüllungs-Ritual (ŚĀ 4,3); die grammatische Flexibilität von 'yasya ... yasyai ... yāsāṃ' (für einen männlichen oder eine/mehrere weibliche Adressat[inn]en) wurde im Deutschen sinngemäß wiedergegeben. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

athātaḥ sāṃyamanaṃ prātardanam | āntaram agnihotram ityācakṣate | yāvad vai puruṣo bhāṣate na tāvat prāṇituṃ śaknoti | prāṇaṃ tadā vāci juhoti | yāvad vai puruṣaḥ prāṇiti na tāvad bhāṣituṃ śaknoti | vācaṃ tadā prāṇe juhoti | ete anante amṛte āhutī jāgracca svapaṃśca saṃtataṃ juhoti | atha yā anyā āhutayo 'ntavatyas tāḥ karmamayyo hi bhavanti | tad dha smaitat pūrve vidvāṃso 'gnihotraṃ na juhavāñcakruḥ ||

Und nun [folgt] die 'Zügelung' (saṃyamana) des Prātardana; man nennt sie das innere Agnihotra (Feueropfer). Solange nämlich ein Mensch spricht, kann er nicht [zugleich] atmen; dann opfert er den Atem in die Rede. Solange nämlich ein Mensch atmet, kann er nicht [zugleich] sprechen; dann opfert er die Rede in den Atem. Diese beiden endlosen, unsterblichen Opfergüsse bringt er ununterbrochen dar, wachend wie schlafend. Die anderen Opfergüsse hingegen sind endlich, denn sie bestehen nur aus [äußerlichem] Ritualwerk. Deshalb pflegten die alten Wissenden das [äußere] Agnihotra nicht [mehr] darzubringen.

Wort für Wort
atha ataḥ sāṃyamanam prātardanam āntaram agnihotram iti ācakṣate
und nun die Zügelung des Prātardana, man nennt sie das innere Agnihotra
yāvat vai puruṣaḥ bhāṣate na tāvat prāṇitum śaknoti prāṇam tadā vāci juhoti
solange ein Mensch spricht, kann er nicht atmen; dann opfert er den Atem in die Rede
yāvat vai puruṣaḥ prāṇiti na tāvat bhāṣitum śaknoti vācam tadā prāṇe juhoti
solange er atmet, kann er nicht sprechen; dann opfert er die Rede in den Atem
ete anante amṛte āhutī jāgrat ca svapan ca saṃtatam juhoti
diese beiden endlosen, unsterblichen Opfergüsse bringt er ununterbrochen dar, wachend wie schlafend
atha yāḥ anyāḥ āhutayaḥ antavatyaḥ tāḥ karmamayyaḥ hi bhavanti
die anderen Opfergüsse sind endlich, denn sie bestehen aus Ritualwerk
tat dha sma etat pūrve vidvāṃsaḥ agnihotram na juhavāṃcakruḥ
deshalb brachten die alten Wissenden das äußere Agnihotra nicht mehr dar

[Anm.: Diese berühmte Lehre vom 'inneren Agnihotra' (das ständige Wechselspiel von Atem und Rede als das eigentliche, unaufhörliche Opfer) gehört zu den philosophisch bedeutendsten Stellen der Kauṣītaki-Upaniṣad und wird oft als Vorstufe der Verinnerlichung des vedischen Opferkults gedeutet. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

uktham brahmeti ha smāha śuṣkabhṛṅgāraḥ | tad ṛg ityupāsīta | sarvāṇi hāsmai bhūtāni śraiṣṭhyāyābhyacarante | tad yajur ityupāsīta | sarvāṇi hāsmai bhūtāni śraiṣṭhyāya yujyante | tat sāma ityupāsīta | sarvāṇi hāsmai bhūtāni śraiṣṭhyāya saṃnamante | tac chrīr ityupāsīt | tad yaśa ityupāsīta | tat teja ityupāsīta | tad yathaitac chrīmattamaṃ yaśasvitamaṃ tejasvitamam iti śastreṣu bhavati | evaṃ haiva sa sarveṣu bhūteṣu śrīmattamo yaśasvitamas tejasvitamo bhavati ya evaṃ veda | tad etad aiṣṭikaṃ karma yam ātmānam adhvaryuḥ saṃskaroti | tasmin yajurmayaṃ pravayati | yajurmaya ṛṃmayaṃ hotā | ṛṃmaye sāmamayam udgātā | sa eṣa trayyai vidyayā ātmā | eṣa u evaitad indrasyātmā bhavati ya evaṃ veda ||

'Die Uktha [Rezitation] ist Brahman', so sprach Śuṣkabhṛṅgāra. Man verehre sie als Ṛc: Dann streben ihm alle Wesen um der Vorzüglichkeit willen entgegen [?]. Man verehre sie als Yajus: Dann werden ihm alle Wesen zur Vorzüglichkeit verbunden [?]. Man verehre sie als Sāman: Dann neigen sich ihm alle Wesen zur Vorzüglichkeit zu. Man verehre sie als Glanz (śrī); man verehre sie als Ruhm; man verehre sie als Kraft (tejas). Wie diese [Uktha] die glanzvollste, ruhmreichste, kraftvollste unter den Rezitationen ist, ebenso wird, wer dies so weiß, unter allen Wesen der Glanzvollste, Ruhmreichste, Kraftvollste. Dies ist jenes für den Opferwunsch [geeignete] Werk, durch das der Adhvaryu-Priester sich selbst herrichtet [?]: In dieses [Werk] webt er das Yajus-Gewebe ein; in das Yajus-Gewebe [webt] der Hotṛ das Ṛc-Gewebe ein; in das Ṛc-Gewebe [webt] der Udgātṛ das Sāman-Gewebe ein. Dies ist das Selbst gemäß der dreifachen Wissenschaft [Ṛc-Yajus-Sāman]; eben dies wird zum Selbst Indras für den, der dies so weiß.

Wort für Wort
uktham brahma iti ha sma āha śuṣkabhṛṅgāraḥ
'die Uktha ist Brahman', so sprach Śuṣkabhṛṅgāra
tat ṛk iti upāsīta sarvāṇi ha asmai bhūtāni śraiṣṭhyāya abhyacarante
man verehre sie als Ṛc: alle Wesen streben ihm zur Vorzüglichkeit entgegen
tat yajuḥ iti upāsīta ... tat sāma iti upāsīta
man verehre sie als Yajus ... als Sāman
tat chrīḥ iti upāsīta tat yaśaḥ iti upāsīta tat tejaḥ iti upāsīta
man verehre sie als Glanz, als Ruhm, als Kraft
evam ha eva sa sarveṣu bhūteṣu śrīmattamaḥ yaśasvitamaḥ tejasvitamaḥ bhavati yaḥ evam veda
so wird, wer dies weiß, unter allen Wesen der Glanzvollste, Ruhmreichste, Kraftvollste
yajurmaye ṛṃmayam hotā ṛṃmaye sāmamayam udgātā
in das Yajus-Gewebe webt der Hotṛ das Ṛc-Gewebe, in das Ṛc-Gewebe der Udgātṛ das Sāman-Gewebe
eṣaḥ u eva etat indrasya ātmā bhavati yaḥ evam veda
dies wird zum Selbst Indras für den, der dies weiß

[Anm.: Die genaue Konstruktion von 'abhyacarante', 'yujyante' und 'saṃnamante' als Ausdruck steigender Verbundenheit/Zuwendung sowie die Bedeutung von 'aiṣṭikaṃ karma yam ātmānam adhvaryuḥ saṃskaroti' bleiben in Einzelheiten unsicher [?]. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

athātaḥ sarvajitaḥ kauṣītakes trīṇyupāsanāni bhavanti | sarvajid dha sma kauṣītakir udyantam ādityaṃ upatiṣṭhate yajñopavītaṃ kṛtvodakam ānīya triḥ prasicyodakapātram | vargo 'si pāpmānāṃ me vṛṇdhīti | etayaivāvṛtā madhye santam udvargo 'si pāpmānāṃ ma udvṛṇdhīti | etayaivāvṛtāstaṃ yantam | saṃvargo 'si pāpmānāṃ me saṃvṛṇdhīti | tad yad ahorātrābhyāṃ pāpaṃ karoti saṃ tad vṛṅkte | tatho evaivaṃ vidvān etayaivāvṛtādityam upatiṣṭhate | yad ahorātrābhyāṃ pāpaṃ karoti saṃ tad vṛṅkte ||

Und nun [folgt] das dreifache Verehrungsritual des Kauṣītaki [zur Erlangung] des All-Siegs (sarvajit). Kauṣītaki pflegte die aufgehende Sonne zu verehren, nachdem er die heilige Schnur [über die Schulter] gelegt und Wasser geholt hatte, indem er es dreimal aus dem Wassergefäß ausgoss: 'Du bist der Abwender – wende meine Übel ab!' Nach demselben Ablauf [verehrte er sie], wenn sie in der Mitte [des Himmels] stand: 'Du bist der Aufwärts-Abwender – wende meine Übel nach oben ab!' Nach demselben Ablauf, wenn sie unterging: 'Du bist der Voll-Abwender – wende meine Übel gänzlich ab!' Was für ein Übel er bei Tag und Nacht auch tut, das streift er damit gänzlich ab. So verehrt, wer dies weiß, nach demselben Ablauf die Sonne: Was für ein Übel er bei Tag und Nacht auch tut, das streift er damit gänzlich ab.

Wort für Wort
atha ataḥ sarvajitaḥ kauṣītakeḥ trīṇi upāsanāni bhavanti
und nun das dreifache Verehrungsritual des Kauṣītaki zum All-Sieg
sarvajit dha sma kauṣītakiḥ udyantam ādityam upatiṣṭhate
Kauṣītaki verehrte die aufgehende Sonne
vargaḥ asi pāpmānām me vṛṅdhi iti
'du bist der Abwender, wende meine Übel ab'
madhye santam udvargaḥ asi pāpmānām me udvṛṅdhi iti
wenn sie in der Mitte steht: 'du bist der Aufwärts-Abwender'
astam yantam saṃvargaḥ asi pāpmānām me saṃvṛṅdhi iti
beim Untergehen: 'du bist der Voll-Abwender'
yat ahorātrābhyām pāpam karoti sam tat vṛṅkte
was er bei Tag und Nacht an Übel tut, das streift er damit ab

[Anm.: Die drei Anrufungen (varga/udvarga/saṃvarga) spielen mit der Wurzel vṛj/vṛṅkte ('abwenden, abstreifen') zur aufgehenden, mittäglichen und untergehenden Sonne. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

atha māsimāsyāvāsyāyāṃ vṛttāyāṃ paścāc candramasaṃ dṛśyamānam upatiṣṭhetaitayaivāvṛtā | haritatṛṇe vā pratyasya - yan me susīmaṃ hṛdayaṃ divi candramasi śritam | manye 'haṃ māṃ tad vidvāṃsaṃ māhaṃ putryaṃ agharudam || iti | na hyasmāt pūrvā prajā praitīti nu jātaputrasya | athājātaputrasya - āpyāyasva sametu +te, saṃ te payāṃsi sam u yantu vājāḥ | yam ādityāṃśum āpyāyayantītyetās tisra ṛco japitvā - māsmākāṃ prāṇena prajayā paśubhir āpyāyayiṣṭhāḥ | yo 'smān dveṣṭi yaṃ ca vayaṃ dviṣmas tasya prāṇena prajayā paśubhir āpyāyayasvetyaindrīm āvṛtta āvarta ādityasyāvṛtam anvāvarta iti dakṣiṇaṃ bāhum anvāvartate ||

Und wenn jeder Monat nach dem Neumond vergangen ist, soll man sich, sobald der Mond wieder sichtbar wird, nach demselben Ablauf [wie zuvor beschrieben] an ihn wenden. Oder er werfe ihm grünes Gras entgegen [mit den Worten]: 'Mein Herz, das so gut geborgen im Himmel, im Mond, ruht – ich glaube, ich erkenne es [wieder]; möge ich nicht die Klage um ein [verlorenes] Kind [erleben müssen]!' So [spricht], wem noch kein Kind geboren ist – denn für diesen [Fall] gilt [das Ritual] noch nicht [?]. Wem aber [schon] ein Kind geboren ist, [der spricht stattdessen]: 'Schwill an [, Mond]! Mit dir mögen deine Säfte, mögen [meine] Kräfte zusammenkommen!' Nachdem er diese drei den Sonnenstrahl anschwellen lassenden Verse gemurmelt hat: 'Nicht sollst du unseren Atem, unsere Nachkommenschaft, unser Vieh anschwellen lassen [zu unserem Schaden] – wer uns hasst und den wir hassen, dessen Atem, dessen Nachkommenschaft, dessen Vieh sollst du [stattdessen] anschwellen lassen!' [Mit diesen Worten] wendet er sich, [dem Lauf] Indras folgend im Kreis, dem Lauf der Sonne folgend im Kreis – so wendet er sich zum rechten Arm hin [im Uhrzeigersinn].

Wort für Wort
atha māsimāsi amāvāsyāyām vṛttāyām paścāt candramasam dṛśyamānam upatiṣṭheta
wenn jeder Monat nach dem Neumond vergangen ist, verehre man den wieder sichtbaren Mond
yat me susīmam hṛdayam divi candramasi śritam
'mein Herz, das im Himmel, im Mond geborgen ruht'
na hi asmāt pūrvā prajā praiti iti nu jātaputrasya
so [spricht], wem noch kein Kind geboren ist [?]
atha ajātaputrasya āpyāyasva sam etu te sam te payāṃsi sam u yantu vājāḥ
wem ein Kind geboren ist: 'schwill an, deine Säfte und Kräfte mögen zusammenkommen' [Zuordnung im Text ungewöhnlich, vgl. Anm.]
mā asmākam prāṇena prajayā paśubhiḥ āpyāyayiṣṭhāḥ
'nicht sollst du unseren Atem, unsere Nachkommenschaft, unser Vieh anschwellen lassen'
yaḥ asmān dveṣṭi tasya prāṇena prajayā paśubhiḥ āpyāyayasva iti
'wen wir hassen, dessen Atem, Nachkommenschaft, Vieh sollst du anschwellen lassen'
dakṣiṇam bāhum anvāvartate
er wendet sich zum rechten Arm hin [im Uhrzeigersinn]

[Anm.: Dieser Abschnitt über die Mond-Verehrung nach dem Verlust bzw. zur Sorge um Nachkommenschaft ist textlich stark komprimiert und an mehreren Stellen unsicher, insbesondere 'na hyasmāt pūrvā prajā praitīti nu jātaputrasya' (hier sinngemäß als Unterscheidung zwischen Menschen mit und ohne bereits geborenes Kind verstanden) [?]; das Pluszeichen im Quelltext markiert eine Textbesonderheit der Arbeitsausgabe. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

atha paurṇamāsyāṃ purastāc candramasaṃ dṛśyamānam upatiṣṭhaitayaivāvṛtā | somo rājāsi vicakṣaṇaḥ pañcamukho 'si prajāpatiḥ | brāhmaṇas ta ekaṃ mukhaṃ tena mukhena rājño 'si | tena mukhena māṃ annādaṃ kuru | rājā ta ekaṃ mukhaṃ tena mukhena viśo 'si | tena mukhena māṃ annādaṃ kuru | śyenas ta ekaṃ mukhaṃ tena mukhena pakṣiṇo 'si | tena mukhena māṃ annādaṃ kuru | agniṣ ṭa ekaṃ mukhaṃ tena mukhenemaṃ lokam atsi | tena mukhena māṃ annādaṃ kuru | māsmākāṃ prāṇena prajayā paśubhir apakṣeṣṭhāḥ | yo 'smān dveṣṭi yaṃ ca vayaṃ dviṣmas tasya prāṇena prajayā paśubhir apakṣīyasveti daivīm āvṛtam āvarta ādityasyāvṛtam anvāvarta iti dakṣiṇaṃ bāhum anvāvartate ||

Und am Vollmondtag, wenn [der Mond] im Osten sichtbar wird, soll man sich nach demselben Ablauf an ihn wenden: 'Du bist König Soma, der Umsichtige, du bist der fünfgesichtige Prajāpati. [Für] den Brahmanen [ist] eines deiner Gesichter – mit diesem Gesicht gehörst du dem König [?]; mit diesem Gesicht mache mich zum Speiseesser. [Für] den König [ist] eines deiner Gesichter – mit diesem Gesicht gehörst du dem Volk [?]; mit diesem Gesicht mache mich zum Speiseesser. Der Falke [hat] eines deiner Gesichter – mit diesem Gesicht bist du [Herr] der Vögel; mit diesem Gesicht mache mich zum Speiseesser. Agni [hat] eines deiner Gesichter – mit diesem Gesicht verzehrst du diese Welt; mit diesem Gesicht mache mich zum Speiseesser. Nicht sollst du unseren Atem, unsere Nachkommenschaft, unser Vieh schwinden lassen – wer uns hasst und den wir hassen, dessen Atem, dessen Nachkommenschaft, dessen Vieh sollst du schwinden lassen!' [Mit diesen Worten] wendet er sich, der göttlichen Bahn folgend im Kreis, dem Lauf der Sonne folgend im Kreis – so wendet er sich zum rechten Arm hin.

Wort für Wort
atha paurṇamāsyām purastāt candramasam dṛśyamānam upatiṣṭheta
am Vollmondtag, wenn er im Osten sichtbar wird, verehre man ihn
somaḥ rājā asi vicakṣaṇaḥ pañcamukhaḥ asi prajāpatiḥ
'du bist König Soma, der Umsichtige, der fünfgesichtige Prajāpati'
brāhmaṇaḥ te ekam mukham tena mukhena rājñaḥ asi
'dem Brahmanen [gehört] eines deiner Gesichter, mit diesem gehörst du dem König' [?]
tena mukhena mām annādam kuru
'mit diesem Gesicht mache mich zum Speiseesser'
śyenaḥ te ekam mukham tena mukhena pakṣiṇaḥ asi
'der Falke [hat] eines deiner Gesichter, mit diesem bist du der Vögel [Herr]'
agniḥ te ekam mukham tena mukhena imam lokam atsi
'Agni [hat] eines deiner Gesichter, mit diesem verzehrst du diese Welt'
mā asmākam prāṇena prajayā paśubhiḥ apakṣeṣṭhāḥ
'nicht sollst du unseren Atem, unsere Nachkommenschaft, unser Vieh schwinden lassen'
dakṣiṇam bāhum anvāvartate
er wendet sich zum rechten Arm hin

[Anm.: Die genaue Zuordnung der vier Gesichter Prajāpati-Somas zu Brahmane/König/Falke/Agni und die syntaktisch ungewöhnliche Wendung 'tena mukhena rājño 'si' / 'viśo 'si' (wörtl. 'mit diesem Gesicht bist du des Königs/des Volkes') bleiben in ihrer genauen Sinnrichtung unsicher [?] und wurden sinngemäß als Zugehörigkeits-/Herrschaftsverhältnis wiedergegeben. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

atha saṃvekṣyan jāyāyai hṛdayam abhi mṛśet - yat te susīme hṛdayaṃ śritam antaḥ prajāpatau | tenāmṛtatvasyeśāne mā tvaṃ putryaṃ aghaṃ ni gā iti || na hyasyāḥ pūrvā prajā praitīti ||

Und wenn er [mit seiner Frau] zusammenliegen will, soll er das Herz seiner Gattin berühren [und sprechen]: 'Dein Herz, das so gut geborgen, o Holde, innen in Prajāpati ruht – durch dieses [Herz], du Herrin der Unsterblichkeit, mögest du nicht in das Übel [des Verlusts] eines Kindes geraten.' Denn von dieser [Gattin] geht [noch] keine frühere Nachkommenschaft aus.

Wort für Wort
atha saṃvekṣyan jāyāyai hṛdayam abhi mṛśet
wenn er zusammenliegen will, berühre er das Herz seiner Gattin
yat te susīme hṛdayam śritam antaḥ prajāpatau
'dein Herz, das innen in Prajāpati geborgen ruht'
tena amṛtatvasya īśāne mā tvam putryam agham ni gāḥ iti
'durch dieses, Herrin der Unsterblichkeit, mögest du nicht ins Übel eines Kindesverlusts geraten'
na hi asyāḥ pūrvā prajā praiti iti
denn von dieser geht noch keine frühere Nachkommenschaft aus

[Anm.: Kurzer Abschluss-Khaṇḍa, thematisch an ŚĀ 4,8 anknüpfend (Sorge um Nachkommenschaft); gilt offenbar für den Fall, dass die Gattin noch kein Kind geboren hat. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

atha proṣyāyan putrasya mūrdhanam abhijighret - aṅgād aṅgāt saṃbhavasi hṛdayād adhi jāyase | ātmā vai putranāmāsi sa jīva śaradaḥ śatam iti nāmāsya dadhāti | aśmā bhava paraśur bhava, hiraṇyam astṛtaṃ bhava | tejo vai putrānāmāsi sa jīva śaradaḥ śatam iti nāmāsya gṛhṇāti | athainaṃ parigṛhṇāti | yena prajāpatiḥ prajāḥ paryagṛhṇāt tad ariṣṭyaitena tvā parigṛhṇāmi, asāv iti | athāsya dakṣiṇe karṇe japati - asme prayandhi maghavann ṛjīṣin iti | indraṃ śreṣṭhāni draviṇāni dehīti savye | mā bhetthā mā vyathiṣṭhāḥ śataṃ śarada āyuṣaḥ | jīvasva putra te nāmnā mūrdhānam abhijighrāmīti | trir asya mūrdhānam abhijighret | gavāṃ tvāṃ hiṃkāreṇābhihiṃkaromīti trir asya mūrdhānam abhihiṃkaroti ||

Und wenn er im Begriff ist wegzugehen, soll er den Kopf seines Sohnes beriechen [und sprechen]: 'Aus jedem Glied entstehst du, aus dem Herzen wirst du geboren; du bist mein Selbst unter dem Namen „Sohn“ – so lebe hundert Herbste!' Damit gibt er ihm seinen Namen. 'Sei ein Stein, sei eine Axt, sei unversehrtes Gold! Du bist Glanz (tejas) unter dem Namen „Sohn“ – so lebe hundert Herbste!' Damit nimmt er [den Namen] an. Dann umfasst er ihn ganz: 'Womit Prajāpati die Geschöpfe umfasste, damit umfasse ich dich, unversehrt, [du,] der Soundso.' Dann murmelt er ihm ins rechte Ohr: 'Gewähre uns [Gaben], Freigebiger, Reichgesegneter!' – und ins linke: 'Gib, Indra, die besten Güter!' 'Fürchte dich nicht, gerate nicht ins Wanken, [lebe] hundert Herbste des Lebens! Lebe, mein Sohn – mit deinem Namen beriech ich nun deinen Kopf.' Dreimal beriecht er seinen Kopf. 'Mit dem Hiṃkāra-Ruf der Kühe rufe ich dir Hiṃ zu' – damit ruft er dreimal Hiṃ über seinem Kopf.

Wort für Wort
atha proṣyāyan putrasya mūrdhānam abhijighret
wenn er weggehen will, beriecht er den Kopf des Sohnes
aṅgāt aṅgāt saṃbhavasi hṛdayāt adhi jāyase
'aus jedem Glied entstehst du, aus dem Herzen wirst du geboren'
ātmā vai putranāma asi sa jīva śaradaḥ śatam iti nāma asya dadhāti
'du bist mein Selbst unter dem Namen Sohn, lebe hundert Herbste' – damit gibt er ihm den Namen
yena prajāpatiḥ prajāḥ paryagṛhṇāt tad ariṣṭyā etena tvā parigṛhṇāmi
'womit Prajāpati die Geschöpfe umfasste, damit umfasse ich dich unversehrt'
athā asya dakṣiṇe karṇe japati asme prayandhi maghavan ṛjīṣin iti
dann murmelt er ins rechte Ohr: 'gewähre uns, Freigebiger'
mā bhetthāḥ mā vyathiṣṭhāḥ śatam śaradaḥ āyuṣaḥ jīvasva putra
'fürchte dich nicht, wanke nicht, lebe hundert Herbste, mein Sohn'
gavām tvām hiṃkāreṇa abhihiṃkaromi iti trir asya mūrdhānam abhihiṃkaroti
'mit dem Hiṃkāra der Kühe rufe ich dir Hiṃ zu' – dreimal ruft er Hiṃ über seinem Kopf

[Anm.: Dies ist der erste, kürzere Beleg des berühmten Vater-Sohn-'Selbstübertragungs'-Ritus (saṃpradāna), der in KU 2,15 in ausführlicherer Form wiederkehrt und eine enge Parallele in Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad 1,5,17 hat. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

athato daivaḥ parimaraḥ | etad vai brahma dīpyate yad agnir jvalati | athaitan mriyate yan na jvalati | tasyādityam eva tejo gacchati vāyuṃ prāṇaḥ | etad vai brahma dīpyate yad ādityo dṛśyate | athaitan mriyate yan na dṛśyate | tasya candramasam eva tejo gacchati vāyuṃ prāṇaḥ | etad vai brahma dīpyate yac candramā dṛśyate | athaitan mriyate yan na dṛśyate | tasya vidyutam eva tejo gacchati vāyuṃ prāṇaḥ | etad vai brahma dīpyate yad vidyud vidyotate | athaitan mriyate yan na vidyotate | tasyādiśa eva tejo gacchati vāyuṃ prāṇaḥ | tā vā etāḥ sarvā devatā vāyum eva praviśya vāyau mṛtvā na mṛcchante | tasmād eva punarudīrate | ityadhidaivam | athādhyātmam ||

Und nun [folgt die Lehre vom] göttlichen Verlöschen (parimara). Dies Brahman leuchtet auf, wenn das Feuer brennt; dies stirbt, wenn es nicht brennt. Dessen Glanz geht dann eben in die Sonne ein, [dessen] Lebenshauch in den Wind. Dies Brahman leuchtet auf, wenn die Sonne sichtbar ist; dies stirbt, wenn sie nicht sichtbar ist. Dessen Glanz geht dann eben in den Mond ein, [dessen] Lebenshauch in den Wind. Dies Brahman leuchtet auf, wenn der Mond sichtbar ist; dies stirbt, wenn er nicht sichtbar ist. Dessen Glanz geht dann eben in den Blitz ein, [dessen] Lebenshauch in den Wind. Dies Brahman leuchtet auf, wenn der Blitz aufblitzt; dies stirbt, wenn er nicht aufblitzt. Dessen Glanz geht dann eben in die Himmelsrichtungen ein, [dessen] Lebenshauch in den Wind. Alle diese Gottheiten nun gehen, in den Wind eingegangen, im Wind [zwar] unter, doch sie vergehen nicht [ganz]; von ihm aus erheben sie sich eben wieder. So [gilt dies] in Bezug auf die Götter (adhidaivam); nun [folgt es] in Bezug auf das Selbst (adhyātmam).

Wort für Wort
atha ataḥ daivaḥ parimaraḥ
und nun das göttliche Verlöschen
etat vai brahma dīpyate yat agniḥ jvalati
dies Brahman leuchtet, wenn das Feuer brennt
atha etat mriyate yat na jvalati
dies stirbt, wenn es nicht brennt
tasya ādityam eva tejaḥ gacchati vāyum prāṇaḥ
dessen Glanz geht in die Sonne ein, der Atem in den Wind
tā vai etāḥ sarvāḥ devatāḥ vāyum eva praviśya vāyau mṛtvā na mṛcchante
alle diese Gottheiten gehen in den Wind ein, gehen im Wind unter, vergehen aber nicht
tasmāt eva punaḥ udīrate
von ihm aus erheben sie sich wieder
iti adhidaivam atha adhyātmam
so in Bezug auf die Götter, nun in Bezug auf das Selbst

[Anm.: Dieser Abschnitt über das 'Verlöschen' (parimara) von Feuer/Sonne/Mond/Blitz, deren Glanz und Lebenshauch stets in ein nächstes Element bzw. in den Wind übergehen, bildet mit dem folgenden Khaṇḍa (ŚĀ 4,13) ein Paar aus kosmischer (adhidaiva) und leiblicher (adhyātma) Entsprechung. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

etad vai brahma dīpyate yad vācā vadati | athaitan mriyate yan na vadati | tasya cakṣur eva tejo gacchati prāṇaṃ prāṇaḥ | etad vai brahma dīpyate yac cakṣuṣā paśyati | athaitan mriyate yan na paśyati | tasya śrotram eva tejo gacchati prāṇaṃ prāṇaḥ | etad vai brahma dīpyate yac chrotreṇa śṛṇoti | athaitan mriyate yan na śṛṇoti | tasya mana eva tejo gacchati prāṇaṃ prāṇaḥ | etad vai brahma dīpyate yan manasā dhyāyati | athaitan mriyate yan na dhyāyati | tasya prāṇam eva tejo gacchati prāṇaṃ prāṇaḥ | tā vā etāḥ sarvā devatāḥ prāṇam eva praviśya prāṇe mṛtvā na mṛcchante | tasmād eva punar udīrate | tad yad iha vā evaṃ vidvāṃsam ubhau parvatāv abhipravarteyātām dakṣiṇaścottaraś ca tustūrṣamāṇau na hainaṃ stṛṇvīyātām | atha ya enaṃ dviṣanti yāṃś ca svayaṃ dveṣṭi ta evainaṃ parimriyante ||

Dies Brahman leuchtet auf, wenn er mit der Rede spricht; dies stirbt, wenn er nicht spricht. Dessen Glanz geht dann eben ins Auge ein, [dessen] Lebenshauch in den Atem. Dies Brahman leuchtet auf, wenn er mit dem Auge sieht; dies stirbt, wenn er nicht sieht. Dessen Glanz geht dann eben ins Ohr ein, [dessen] Lebenshauch in den Atem. Dies Brahman leuchtet auf, wenn er mit dem Ohr hört; dies stirbt, wenn er nicht hört. Dessen Glanz geht dann eben in den Geist ein, [dessen] Lebenshauch in den Atem. Dies Brahman leuchtet auf, wenn er mit dem Geist denkt; dies stirbt, wenn er nicht denkt. Dessen Glanz geht dann eben in den Atem (prāṇa) ein, [dessen] Lebenshauch in den Atem. Alle diese Gottheiten nun gehen, in den Atem eingegangen, im Atem [zwar] unter, doch sie vergehen nicht [ganz]; von ihm aus erheben sie sich eben wieder. Wenn nun hier auf einen solchen Wissenden zwei Berge losstürmten, ein südlicher und ein nördlicher, um ihn zu zermalmen, so würden sie ihn nicht zermalmen. Diejenigen aber, die ihn hassen, und die, welche er selbst hasst, die vergehen [stattdessen].

Wort für Wort
etat vai brahma dīpyate yat vācā vadati
dies Brahman leuchtet, wenn er mit der Rede spricht
tasya cakṣuḥ eva tejaḥ gacchati prāṇam prāṇaḥ
dessen Glanz geht ins Auge, der Atem in den Atem
tā vai etāḥ sarvāḥ devatāḥ prāṇam eva praviśya prāṇe mṛtvā na mṛcchante
alle diese Gottheiten gehen in den Atem ein, gehen darin unter, vergehen aber nicht
ubhau parvatau abhipravarteyātām dakṣiṇaḥ ca uttaraḥ ca tustūrṣamāṇau na ha enam stṛṇvīyātām
zwei Berge, ein südlicher und nördlicher, könnten ihn nicht zermalmen
atha ye enam dviṣanti yān ca svayam dveṣṭi te eva enam parimriyante
die ihn hassen und die er hasst, die vergehen stattdessen

[Anm.: Dieser Khaṇḍa bildet das leibliche (adhyātma) Gegenstück zum vorangehenden kosmischen (adhidaiva) Khaṇḍa; das Bild der zwei anstürmenden Berge, die den Wissenden nicht zermalmen können, unterstreicht die Unverwundbarkeit des im Atem gründenden Wissenden. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

athāto niḥśreyasādānam | etā ha vai devatā ahaṃśreyase vividamānāḥ asmāc charīrād uccakramuḥ | tad dha papāta, śuṣkaṃ dāruvat śiśye | athainad vāk praviveśa | tad vācā vadac chiṣya eva | athainac cakṣuḥ praviveśa | tad vācā vadac cakṣuṣā paśyac chiṣya eva | athainac chrotraṃ praviveśa | tad vācā vadac cakṣuṣā paśyac chrotreṇa śṛṇvac chiṣya eva | athainan manaḥ praviveśa | tad vācā vadac cakṣuṣā paśyac chrotreṇa śṛṇvan manasā dhyāyac chiṣya eva | athainat prāṇaḥ praviveśa | tat tata eva samutthasthau | tā vā etāḥ sarvā devatāḥ prāṇe niḥśreyasaṃ viditvā prāṇam eva prajñātmānam abhisaṃbhūya sahaivaitaiḥ sarvair asmāc charīrād uccakramuḥ | te vāyupratiṣṭhā ākāśātmānaḥ svar īyuḥ | tatho evaivaṃ vidvān prāṇe niḥśreyasaṃ viditvā prāṇam eva prajñātmānam abhisaṃbhūya sahaivaitaiḥ sarvair asmāc charīrād utkrāmati | sa vāyupratiṣṭha ākāśātmā svar eti | sa tad gacchati yatraite devāḥ | tat prāpya yad amṛtā devāḥ | tad amṛto bhavati ya evaṃ veda ||

Und nun [folgt die Lehre vom] 'Erwerb des höchsten Guts' (niḥśreyasa). Diese Sinnesvermögen (Gottheiten) nun stritten darüber, wer von ihnen der Vorzüglichste sei, und traten [nacheinander] aus diesem Körper aus. Da fiel er hin, lag da wie trockenes Holz. Dann trat die Rede [wieder] ein; da lag er sprechend, [aber immer noch] wie tot da. Dann trat das Auge ein; da lag er sprechend und mit dem Auge sehend, [aber immer noch] wie tot da. Dann trat das Ohr ein; da lag er sprechend, sehend und mit dem Ohr hörend, [aber immer noch] wie tot da. Dann trat der Geist ein; da lag er sprechend, sehend, hörend und mit dem Geist denkend, [aber immer noch] wie tot da. Dann trat der Atem (prāṇa) ein; da erhob er sich sogleich davon wieder. Alle diese Sinnesvermögen nun erkannten das höchste Gut im Atem, wurden eins mit dem Atem als dem Erkenntnis-Selbst, und traten zusammen mit all diesen [übrigen Vermögen] aus diesem Körper aus; im Wind verankert, mit dem Raum als Selbst, gingen sie zum Himmel ein. Ebenso tritt, wer dies so weiß, nachdem er das höchste Gut im Atem erkannt und sich mit dem Atem als dem Erkenntnis-Selbst geeint hat, zusammen mit all diesen [Vermögen] aus diesem Körper aus; im Wind verankert, mit dem Raum als Selbst, geht er zum Himmel ein. Er gelangt dorthin, wo jene Götter sind. Da er dies erreicht, wird er, so wie die Götter unsterblich sind, [ebenfalls] unsterblich, wer dies so weiß.

Wort für Wort
atha ataḥ niḥśreyasādānam
und nun der Erwerb des höchsten Guts
etāḥ ha vai devatāḥ ahaṃśreyase vividamānāḥ asmāt śarīrāt uccakramuḥ
diese Sinnesvermögen stritten um den Vorrang und traten aus dem Körper aus
tat dha papāta śuṣkam dāruvat śiśye
da fiel er hin, lag wie trockenes Holz
atha enat vāk praviveśa tat vācā vadat śiṣya eva
dann trat die Rede ein, da lag er sprechend, aber wie tot
atha enat prāṇaḥ praviveśa tat tataḥ eva samutthasthau
dann trat der Atem ein, da erhob er sich sogleich
tāḥ vai etāḥ sarvāḥ devatāḥ prāṇe niḥśreyasam viditvā prāṇam eva prajñātmānam abhisaṃbhūya
alle diese Sinnesvermögen erkannten das höchste Gut im Atem, wurden eins mit ihm als Erkenntnis-Selbst
te vāyupratiṣṭhāḥ ākāśātmānaḥ svar īyuḥ
im Wind verankert, mit dem Raum als Selbst, gingen sie zum Himmel ein
sa tat gacchati yatra ete devāḥ tat prāpya yat amṛtāḥ devāḥ tat amṛtaḥ bhavati yaḥ evam veda
er gelangt dorthin, wo die Götter sind, und wird, wie die Götter unsterblich sind, unsterblich, wer dies weiß

[Anm.: Dies ist die berühmte Erzählung vom 'Wettstreit der Sinnesvermögen' um den Vorrang, bei dem sich der Atem (prāṇa) als der eigentlich Lebenserhaltende erweist – mit engen Parallelen in Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad 6,1 und Chāndogya-Upaniṣad 5,1. Das Pluszeichen im Quelltext vor 'sahaivaitaiḥ' (zweimal) markiert eine Textbesonderheit der Arbeitsausgabe. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

athātaḥ pitāputrīyaṃ saṃpradānam iti cācakṣate | pitā putraṃ preṣyann āhvayati | navais tṛṇair agāraṃ saṃstīryāgnim upasamādhāyodakumbhaṃ sapātram upanidhāyāhatena vāsasā sampracchannaḥ pitā śete | etya putra upariṣṭād abhinipadyata indriyair indriyāṇi saṃspṛśya api vāsmā āsīnāyābhimukhāyaiva saṃpradadyāt | athāsmai saṃprayacchati | vācaṃ me tvayi dadhānīti pitā | vācaṃ te mayi dadha iti putraḥ | prāṇaṃ me tvayi dadhānīti pitā | prāṇaṃ te mayi dadha iti putraḥ | cakṣur me tvayi dadhānīti pitā | cakṣus te mayi dadha iti putraḥ | śrotraṃ me tvayi dadhānīti pitā | śrotraṃ te mayi dadha iti putraḥ | annarasān me tvayi dadhānīti pitā | annarasāṃs te mayi dadha iti putraḥ | karmāṇi me tvayi dadhānīti pitā | karmāṇi te mayi dadha iti putraḥ | sukhaduḥkhe me tvayi dadhānīti pitā | sukhaduḥkhe te mayi dadha iti putraḥ | ānandaṃ ratiṃ prajātiṃ me tvayi dadhānīti pitā | ānandaṃ ratiṃ prajātiṃ te mayi dadha iti putraḥ | ityāṃ me tvayi dadhānīti pitā | ityāṃ te mayi dadha iti putraḥ | dhiyo vijñātavyaṃ kāmān me tvayi dadhānīti pitā | dhiyo vijñātavyaṃ kāmāṃs te mayi dadha iti putraḥ | mano me tvayi dadhānīti pitā | manas te mayi dadha iti putraḥ | prajñāṃ me tvayi dadhānīti pitā | prajñāṃ te mayi dadha iti putraḥ | yad u vā upābhigadaḥ syāt samāsenaiva brūyāt | prāṇān me tvayi dadhānīti pitā | prāṇāṃs te mayi dadha iti putraḥ | atha dakṣiṇāvṛd upaniṣkrāmati | taṃ pitrānumantrayate | yaśo brahmavarcasaṃ kīrtis tvā juṣatām iti | athetaraḥ savyam anvaṃsam abhyavekṣate | pāṇinā antardhāya vasanāntena vā pracchādya svargāṁllokān kāmān āpnuhīti | sa yadyugadaḥ syāt putrasyaiśvarye pitā vaset | pari vā vrajet | yadyu vai preyāt tathaivainaṃ samāpayeyuḥ | yathā samāpayitavyo bhavati yathā samāpayitavyo bhavati || iti śāṅkhāyanāraṇyake caturtho 'dhyāyaḥ ||

Und nun [folgt] das sogenannte Vater-Sohn-Übertragungsritual (saṃpradāna). Der Vater ruft den Sohn, wenn er im Sterben liegt. Nachdem er das Haus mit frischem Gras bestreut, das Feuer aufgeschichtet und einen Wasserkrug samt Gefäß danebengestellt hat, legt sich der Vater, mit einem neuen Gewand bedeckt, nieder. Der Sohn kommt und legt sich von oben auf ihn, wobei er die Sinnesorgane [des einen] mit den Sinnesorganen [des anderen] in Berührung bringt; oder er soll die Übertragung auch vornehmen, während [der Vater] sitzt und ihm gegenüber [sitzt]. Dann überträgt er ihm [alles]: 'Meine Rede will ich in dich legen', [spricht] der Vater. 'Deine Rede lege ich in mich auf', [spricht] der Sohn. 'Meinen Atem will ich in dich legen' – 'Deinen Atem lege ich in mich auf.' 'Mein Auge will ich in dich legen' – 'Dein Auge lege ich in mich auf.' 'Mein Ohr will ich in dich legen' – 'Dein Ohr lege ich in mich auf.' 'Meine Speisesäfte will ich in dich legen' – 'Deine Speisesäfte lege ich in mich auf.' 'Meine Taten will ich in dich legen' – 'Deine Taten lege ich in mich auf.' 'Mein Glück und Leid will ich in dich legen' – 'Dein Glück und Leid lege ich in mich auf.' 'Meine Wonne, Liebesfreude und Zeugungskraft will ich in dich legen' – 'Deine Wonne, Liebesfreude und Zeugungskraft lege ich in mich auf.' 'Mein Gehen will ich in dich legen' – 'Dein Gehen lege ich in mich auf.' 'Mein durch Denken zu Erkennendes und meine Wünsche will ich in dich legen' – 'Dein durch Denken zu Erkennendes und deine Wünsche lege ich in mich auf.' 'Meinen Geist will ich in dich legen' – 'Deinen Geist lege ich in mich auf.' 'Meine Erkenntnis (prajñā) will ich in dich legen' – 'Deine Erkenntnis lege ich in mich auf.' Wollte er es aber zusammengefasst [sprechen], so möge er kurz sagen: 'Meine Lebenskräfte will ich in dich legen' – 'Deine Lebenskräfte lege ich in mich auf.' Dann tritt er, [den Vater] rechts umschreitend, hinaus. Der Vater spricht ihm dabei zu: 'Ruhm, geistliche Kraft und Ansehen mögen dir gewogen sein!' Dann blickt der andere [der Sohn] über die linke Schulter zurück, verhüllt sich mit der Hand oder mit einem Gewandzipfel [und spricht]: 'Erlange die himmlischen Welten und die Wünsche!' Sollte er [der Vater] wieder gesund werden, so möge er unter der Herrschaft seines Sohnes verweilen oder umherziehen [als Asket]; sollte er aber sterben wollen, so sollen sie ihn ebenso zu Ende bringen: So, wie es zu Ende gebracht werden muss, so wie es zu Ende gebracht werden muss. [Kolophon:] So endet im Śāṅkhāyana-Āraṇyaka der vierte Adhyāya.

Wort für Wort
atha ataḥ pitāputrīyam saṃpradānam iti ca ācakṣate
und nun das sogenannte Vater-Sohn-Übertragungsritual
pitā putram preṣyan āhvayati
der Vater ruft den Sohn, wenn er im Sterben liegt
etya putraḥ upariṣṭāt abhinipadyate indriyaiḥ indriyāṇi saṃspṛśya
der Sohn kommt, legt sich darauf, die Sinnesorgane berührend
vācam me tvayi dadhāni iti pitā vācam te mayi dadhe iti putraḥ
'meine Rede lege ich in dich' – Vater; 'deine Rede lege ich in mich auf' – Sohn
prāṇam ... cakṣuḥ ... śrotram ... annarasān ... karmāṇi ... sukhaduḥkhe me tvayi dadhāni
ebenso für Atem, Auge, Ohr, Speisesäfte, Taten, Glück und Leid
ānandam ratim prajātim ... dhiyaḥ vijñātavyam kāmān ... manaḥ ... prajñām me tvayi dadhāni iti pitā
ebenso für Wonne/Liebesfreude/Zeugung, Denken/Wünsche, Geist, Erkenntnis
atha dakṣiṇāvṛt upaniṣkrāmati
dann tritt er rechts umschreitend hinaus
yaśaḥ brahmavarcasam kīrtiḥ tvā juṣatām iti
'Ruhm, geistliche Kraft und Ansehen mögen dir gewogen sein'
sa yadi yugadaḥ syāt putrasya aiśvarye pitā vaset pari vā vrajet
sollte er gesund werden, verweile der Vater unter der Herrschaft des Sohnes oder ziehe umher
yadi u vai preyāt tathā eva enam samāpayeyuḥ
sollte er sterben wollen, sollen sie ihn ebenso zu Ende bringen
iti śāṅkhāyanāraṇyake caturthaḥ adhyāyaḥ
so endet im Śāṅkhāyana-Āraṇyaka der vierte Adhyāya

[Anm.: Dies ist die ausführliche, formelhafte Fassung des Vater-Sohn-Übertragungsritus, dessen kürzere Vorform bereits in ŚĀ 4,11 begegnete; er hat eine enge Parallele in Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad 1,5,17. 'yadyugadaḥ syāt' ('sollte er wieder gesund werden') und die abschließende Anweisung zum Sterbenlassen des Vaters bleiben in Einzelheiten der genauen Nuancierung unsicher [?]. Mit diesem Khaṇḍa ist der vierte Adhyāya (ŚĀ 4,1–4,15 = KU 2,1–2,15) vollständig übersetzt. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

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