Kapitel 5: śāṅkhāyanāraṇyakam · pañcamo 'dhyāyaḥ (= kauṣītakyupaniṣad, tṛtīyo 'dhyāyaḥ)
Indras Lehre an Pratardana: Prāṇa als das unsterbliche Selbst jenseits von Gut und Böse (KU 3,1–3,8)
Adhyāya 5 (= KU 3) gilt vielen als philosophischer Höhepunkt der Kauṣītaki-Upaniṣad: Indra belehrt den König Pratardana, dass die Erkenntnis seiner selbst (als Prāṇa/Atem) das höchste Gut sei – ethisch provozierend illustriert durch Indras eigene, unbestrafte Gewalttaten (Khaṇḍa 1) –, entfaltet dies zur Lehre vom Atem als Einheitsgrund aller Erkenntniskräfte im Wachen, Schlafen und Sterben (Khaṇḍa 2–4), zur systematischen Zuordnung von Sinnesobjekten und Erkenntnisvermögen (Khaṇḍa 5–7) und mündet in die berühmte Rad-Speiche-Nabe-Metapher: der Atem als alterloses, unsterbliches, von Karma unberührtes 'Welten-Herr'-Selbst (Khaṇḍa 8). Der Adhyāya (ŚĀ 5,1–5,8 = KU 3,1–3,8) ist hiermit vollständig übersetzt. Es folgt Adhyāya 6 (= KU 4,1ff., der berühmte Dialog zwischen Gārgya Bālāki und König Ajātaśatru über Brahman, Parallele zu Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad 2,1) in einer künftigen Sitzung bzw. im täglichen automatisierten Lauf.
pratardano ha vai daivodāsir indrasya priyaṃ dhāmopajagāma yuddhena ca pauruṣeṇa ca | taṃ indra uvāca pratardanaṃ varaṃ vṛṇīṣveti | sa hovāca pratardanaḥ - tvam eva me vṛṇīṣva yaṃ tvaṃ manuṣyāya hitatamaṃ manyasa iti | taṃ indra uvāca - na vai varo 'varasmai vṛṇīte tvam eva vṛṇīṣveti | avaro vai kila meti hovāca pratardanaḥ | atho khalvindraḥ satyād eva neyāya | satyaṃ hīndraḥ | taṃ hendra uvāca - mām eva vijānīhi | etad evāhaṃ manuṣyāya hitatamaṃ manye yo māṃ vijānīyāt | triśīrṣāṇaṃ tvāṣṭram ahanam | arurmukhān yatīn sālāvṛkebhyaḥ prāyaccham | bahvīḥ saṃdhā atikramya divi prahlādīyān atṛṇaham | antarikṣe, paulomān pṛthivyāṃ kālakañjā | tasya me tatra na lomacanāmīyata | sa yo māṃ veda na ha vai tasya kena ca karmaṇā loko mīyate | na steyena na bhrūṇahatyayā na mātṛvadhena na pitṛvadhena | nādya pāpaṃ cakruṣo mukhān nīlaṃ vyetīti ||
Pratardana, der Sohn des Divodāsa, gelangte durch Kampf und Manneskraft in die geliebte Wohnstatt Indras. Zu ihm sprach Indra: 'Pratardana, wähle dir eine Gunst!' Da sprach Pratardana: 'Wähle du selbst für mich, was du für den Menschen am zuträglichsten hältst.' Da sprach Indra zu ihm: 'Ein Höherstehender wählt nicht für einen Niedrigeren; wähle du selbst!' 'Dann bin ich also der Niedrigere', sprach Pratardana. Indra aber wich dennoch nicht von der Wahrheit ab, denn Indra ist [die Personifikation der] Wahrheit. Da sprach Indra zu ihm: 'Erkenne eben mich! Dies eben halte ich für den Menschen am zuträglichsten: dass er mich erkenne. Ich erschlug den Dreiköpfigen, den Sohn des Tvaṣṭṛ; ich lieferte die [?] Asketen den Wölfen aus; nachdem ich viele Verträge übertreten hatte, tötete ich im Himmel die Prahlādīyas, im Luftraum die Paulomas, auf der Erde die Kālakañjas. Und dabei krümmte sich mir dort kein Haar. Wer mich so kennt – dessen Lebensglück wird durch keinerlei Tat gemindert: nicht durch Diebstahl, nicht durch Fruchttötung, nicht durch Muttermord, nicht durch Vatermord. Wenn er Übles tut, weicht das Dunkle nicht [einmal] von seinem Antlitz.'
Wort für Wort
pratardanaḥ ha vai daivodāsiḥ indrasya priyam dhāma upajagāma
Pratardana, Sohn des Divodāsa, gelangte in Indras geliebte Wohnstatt
taṃ indraḥ uvāca pratardana varam vṛṇīṣva iti
Indra sprach zu ihm: 'Pratardana, wähle eine Gunst'
tvam eva me vṛṇīṣva yam tvam manuṣyāya hitatamam manyase iti
'wähle du für mich, was du für den Menschen am zuträglichsten hältst'
mām eva vijānīhi etat eva aham manuṣyāya hitatamam manye
'erkenne eben mich, dies halte ich für den Menschen am zuträglichsten'
triśīrṣāṇam tvāṣṭram ahanam
'ich erschlug den Dreiköpfigen, den Sohn des Tvaṣṭṛ'
sa yaḥ mām veda na ha vai tasya kena ca karmaṇā lokaḥ mīyate
wer mich kennt, dessen Lebensglück wird durch keine Tat gemindert
na steyena na bhrūṇahatyayā na mātṛvadhena na pitṛvadhena
nicht durch Diebstahl, Fruchttötung, Muttermord, Vatermord
na asya pāpam cakruṣaḥ mukhāt nīlam vyeti iti
das Dunkle weicht auch beim Übeltäter nicht von seinem Antlitz [?]
[Anm.: Mit Adhyāya 5 beginnt KU 3, die berühmte, ethisch provozierende Lehre Indras an Pratardana: Wer Indra/Prāṇa als das wahre Selbst erkennt, ist von den Folgen jeder Tat – auch der von Indra selbst aufgezählten Gewalttaten – unberührt. 'arurmukhān yatīn' bleibt in der genauen Bedeutung unsicher [?] (wörtl. etwa 'feuermündige Asketen'); die Bezugnahme auf mythologische Episoden (Triśiras, die Dämonengeschlechter der Prahlādīyas/Paulomas/Kālakañjas) folgt bekannten purāṇisch-vedischen Erzählmotiven. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]
Da sprach jener [Indra]: 'Ich bin der Atem als Erkenntnis-Selbst; mich sollst du als Leben [und] Unsterblichkeit verehren. Leben ist Atem, Atem ist Leben. Solange nämlich der Atem in diesem Körper ist, solange ist Leben. Denn durch den Atem erlangt man in dieser Welt Unsterblichkeit; durch die Erkenntnis (prajñā) [erlangt man] die Wahrheit im Willensentschluss [?]. Wer mich als Leben, als Unsterblichkeit verehrt, der erlangt seine volle Lebenszeit in dieser Welt; er erreicht Unsterblichkeit, Unvergänglichkeit in der himmlischen Welt.' Dazu sagen manche: 'Die Lebenskräfte werden [im Tiefschlaf] eins.' Denn niemand könnte zugleich mit der Rede alle Formen, mit dem Ohr [allein] den Klang, mit dem Geist [allein] denken – [erst weil] die Lebenskräfte eins geworden sind, machen sie [im Wachzustand] jeweils einzeln [ihre Gegenstände] erkennbar [?]. Wenn die Rede [einen Laut] hervorbringt, folgen ihr alle Lebenskräfte nach; wenn das Auge sieht, sehen alle Lebenskräfte mit; wenn das Ohr hört, hören alle Lebenskräfte mit; wenn der Geist denkt, denken alle Lebenskräfte mit; wenn der Atem atmet, atmen alle Lebenskräfte mit. 'So ist es eben', sprach Indra dazu, 'doch es gibt [darüber hinaus] ein höchstes Gut der Lebenskräfte.'
Wort für Wort
prāṇaḥ asmi prajñātmā tam mām āyuḥ amṛtam iti upāssva
'ich bin der Atem als Erkenntnis-Selbst, verehre mich als Leben und Unsterblichkeit'
āyuḥ prāṇaḥ prāṇaḥ vai āyuḥ
Leben ist Atem, Atem ist Leben
prāṇena hi eva asmin loke amṛtatvam āpnoti
durch den Atem erlangt man in dieser Welt Unsterblichkeit
prāṇāḥ eva ekadhā bhavanti iti
'die Lebenskräfte werden eins'
vāci uccariṣyantīm sarve prāṇāḥ anucaranti
wenn die Rede spricht, folgen alle Lebenskräfte nach
cakṣuḥ paśyat sarve prāṇāḥ anupaśyanti
wenn das Auge sieht, sehen alle Lebenskräfte mit
asti tu eva prāṇānām niḥśreyasam iti
'doch es gibt ein höchstes Gut der Lebenskräfte'
[Anm.: Diese Lehre von der Einheit der Lebenskräfte im Atem und ihrem koordinierten Zusammenwirken im Wachzustand ist zentral für das Verständnis von Prāṇa als vereinheitlichendem Prinzip; 'satyaṃ saṃkalpam' und die genaue Funktionsweise von 'ekaibhūyā ... prajñāpayanti' bleiben in Einzelheiten unsicher [?]. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]
jīvati vāgapetaḥ | mūkān hi paśyāmaḥ | jīvati cakṣurapetaḥ | andhān hi paśyāmaḥ | jīvati śrotrāpetaḥ | badhirān hi paśyāmaḥ | jīvati mano'petaḥ | bālān hi paśyāmaḥ | jīvati bāhucchinnaḥ | jīvatyūrucchinnaḥ | ityevaṃ hi paśyāma iti | atha khalu prāṇa eva prajñātmedaṃ śarīraṃ parigṛhyotthāpayati | tasmād etad evoktham upāsīteti | saiṣā prāṇe sarvāptiḥ | yo vai prāṇaḥ sā prajñā | yā vā prajñā sa prāṇaḥ | tasyaiṣaiva dṛṣṭiḥ | etad vijñānam | yatraitat puruṣaḥ suptaḥ svapnaṃ na kaṃcana paśyati | athāsmin prāṇa evaikadhā bhavati | tad enaṃ vāk sarvair nāmabhiḥ sahāpyeti | cakṣuḥ sarvai rūpaiḥ sahāpyeti | śrotraṃ sarvaiḥ śabdaiḥ sahāpyeti | manaḥ sarvair dhyānaiḥ sahāpyeti | sa yadā pratibudhyate | yathāgner jvalataḥ sarvā diśo visphuliṅgā vipratiṣṭheran evam evaitasmād ātmanaḥ prāṇā yathāyatanaṃ vipratiṣṭhante | prāṇebhyo devāḥ | devebhyo lokāḥ | sa eṣa prāṇa eva prajñātmedaṃ śarīraṃ parigṛhyotthāpayati | tasmād etad evoktham upāsīteti | saiṣā prāṇe sarvāptiḥ | yo vai prāṇaḥ sā prajñā | yā vā prajñā sa prāṇaḥ | tasyaiṣaiva siddhiḥ | etad vijñānam | yatraitat puruṣa ārto mariṣyann ābalyam etya saṃmoham eti | tam āhuḥ - udakramīc cittam | na śṛṇoti | na paśyati | na vācā vadati | na dhyāyati | athāsmin prāṇa ekaikadhā bhavati | tad enaṃ vāk sarvair nāmabhiḥ sahāpyeti | cakṣuḥ sarvai rūpaiḥ sahāpyeti | śrotraṃ sarvaiḥ śabdaiḥ sahāpyeti | manaḥ sarvair dhyātaiḥ sahāpyeti | sa yadāsmāc charīrād utkrāmati sahaivaitaiḥ sarvair utkrāmati ||
Man lebt, auch ohne Rede – wir sehen ja Stumme leben. Man lebt, auch ohne Auge – wir sehen ja Blinde leben. Man lebt, auch ohne Gehör – wir sehen ja Taube leben. Man lebt, auch ohne [ausgereiften] Geist – wir sehen ja Kinder [so] leben [?]. Man lebt, selbst mit abgeschnittenem Arm; man lebt, selbst mit abgeschnittenem Schenkel – so sehen wir es ja. Nun aber ist es eben der Atem als Erkenntnis-Selbst, der diesen Körper ergreift und aufrichtet. Deshalb soll man eben dies als Uktha verehren. Dies ist die vollständige Erlangung [alles Übrigen] im Atem: Was Atem ist, das ist Erkenntnis; was Erkenntnis ist, das ist Atem – denn dies eben ist ihre gemeinsame Anschauung [?]. Dies ist die Erkenntnis darüber: Wenn ein Mensch schläft und keinerlei Traum sieht, dann ist der Atem in ihm eins geworden; dann geht die Rede mit allen Namen in ihn ein, das Auge mit allen Formen, das Ohr mit allen Tönen, der Geist mit allen Gedanken. Wenn er wieder erwacht, dann verteilen sich, wie von einem lodernden Feuer die Funken nach allen Richtungen auseinanderfahren, ebenso von diesem Selbst die Lebenskräfte, jede an ihren eigenen Ort; aus den Lebenskräften [entstehen] die Götter, aus den Göttern die Welten. Eben dieser Atem als Erkenntnis-Selbst ist es, der diesen Körper ergreift und aufrichtet; deshalb soll man eben dies als Uktha verehren. Dies ist die vollständige Erlangung im Atem: Was Atem ist, das ist Erkenntnis; was Erkenntnis ist, das ist Atem – denn dies eben ist ihre gemeinsame Vollendung [?]. Dies ist die Erkenntnis darüber: Wenn ein Mensch, krank und im Sterben liegend, in Kraftlosigkeit verfällt und die Besinnung verliert, sagt man von ihm: 'Sein Denken ist entwichen; er hört nicht, er sieht nicht, er spricht nicht mit der Rede, er denkt nicht.' Dann ist der Atem in ihm eins geworden; dann geht die Rede mit allen Namen in ihn ein, das Auge mit allen Formen, das Ohr mit allen Tönen, der Geist mit allen Gedachten. Wenn er dann aus diesem Körper austritt, tritt er zusammen mit all diesen [Vermögen] aus.
Wort für Wort
jīvati vāgapetaḥ mūkān hi paśyāmaḥ
man lebt ohne Rede – wir sehen Stumme leben
atha khalu prāṇaḥ eva prajñātmā idam śarīram parigṛhya utthāpayati
der Atem als Erkenntnis-Selbst ergreift diesen Körper und richtet ihn auf
yaḥ vai prāṇaḥ sā prajñā yā vā prajñā sa prāṇaḥ
was Atem ist, ist Erkenntnis; was Erkenntnis ist, ist Atem
yatra etat puruṣaḥ suptaḥ svapnam na kaṃcana paśyati atha asmin prāṇaḥ eva ekadhā bhavati
wenn ein Mensch schläft und keinen Traum sieht, wird der Atem in ihm eins
wie von lodernden Feuer die Funken nach allen Richtungen fahren
evam eva etasmāt ātmanaḥ prāṇāḥ yathāyatanam vipratiṣṭhante
so verteilen sich von diesem Selbst die Lebenskräfte an ihren Ort
prāṇebhyaḥ devāḥ devebhyaḥ lokāḥ
aus den Lebenskräften die Götter, aus den Göttern die Welten
yatra etat puruṣaḥ ārtaḥ mariṣyan ābalyam etya saṃmoham eti
wenn ein sterbender Kranker in Kraftlosigkeit und Bewusstlosigkeit verfällt
sa yadā asmāt śarīrāt utkrāmati saha eva etaiḥ sarvaiḥ utkrāmati
wenn er aus dem Körper austritt, tritt er mit allen diesen zusammen aus
[Anm.: Dies ist eine der zentralen philosophischen Passagen der Kauṣītaki-Upaniṣad über den traumlosen Tiefschlaf und den Sterbeprozess als Analogiefälle für die Einswerdung aller Erkenntniskräfte im Atem/Prāṇa; das Bild der auseinanderfahrenden Funken beim Erwachen ist besonders bekannt. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]
In ihm [dem Atem] werden durch die Rede alle Namen ausgesandt; durch die Rede erlangt man alle Namen. In ihm werden durch den Atem [selbst] alle Düfte ausgesandt; durch den Atem erlangt man alle Düfte. In ihm werden durch das Auge alle Formen ausgesandt; durch das Auge erlangt man alle Formen. In ihm werden durch das Ohr alle Töne ausgesandt; durch das Ohr erlangt man alle Töne. In ihm werden durch den Geist alle Gedanken ausgesandt; durch den Geist erlangt man alle Gedanken. Denn diese [Vermögen und der Atem] wohnen gemeinsam in diesem Körper, treten gemeinsam [wieder aus ihm] aus. Nun wollen wir erklären, wie ihm, für die Erkenntnis, alle Wesen eins werden.
Wort für Wort
vāk eva asmin sarvāṇi nāmāni abhivisṛjyante vācā sarvāṇi nāmāni āpnoti
durch die Rede werden alle Namen ausgesandt, durch die Rede erlangt man alle Namen
prāṇaḥ eva asmin sarve gandhāḥ abhivisṛjyante
durch den Atem werden alle Düfte ausgesandt
saha hi etau asmin śarīre vasataḥ saha utkrāmataḥ
sie wohnen gemeinsam im Körper, treten gemeinsam aus
atha yathā asmai prajñāyai sarvāṇi bhūtāni ekam bhavanti tat vyākhyāsyāmaḥ
wir wollen erklären, wie ihm alle Wesen für die Erkenntnis eins werden
[Anm.: Übergangs-Khaṇḍa, der die folgende detaillierte Analyse (KU 3,5-3,8) der Einheit von Objekt- und Erkenntnis-Elementen im Atem ankündigt. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]
Die Rede ist ein hervorgehobenes Glied von ihr [der Erkenntnis]; ihr zugeordnetes Sonderelement ist der Name. Der Atem ist ein hervorgehobenes Glied von ihr; sein Sonderelement ist der Duft. Das Auge ist ein hervorgehobenes Glied von ihr; sein Sonderelement ist die Form. Das Ohr ist ein hervorgehobenes Glied von ihr; sein Sonderelement ist der Ton. Die Zunge ist ein hervorgehobenes Glied von ihr; ihr Sonderelement ist der Speisesaft. Die beiden Hände sind ein hervorgehobenes Glied von ihr; ihr Sonderelement ist die Tat. Der Körper ist ein hervorgehobenes Glied von ihr; sein Sonderelement ist Glück und Leid. Das Zeugungsglied ist ein hervorgehobenes Glied von ihr; sein Sonderelement ist Wonne, Liebesfreude, Zeugung. Die beiden Füße sind ein hervorgehobenes Glied von ihr; ihr Sonderelement ist das Gehen. Der Geist ist ein hervorgehobenes Glied von ihr; sein Sonderelement sind Denken und Wünsche.
[Anm.: Systematische Zuordnung von zehn Sonderelementen (bhūtamātrā) zu den zehn Organen/Vermögen als 'Gliedern' der Erkenntnis (prajñā). Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]
Nachdem sie [die Erkenntnis] mittels der Erkenntnis die Rede erklommen hat, erlangt sie durch die Rede alle Namen. Nachdem sie den Atem erklommen hat, erlangt sie durch den Atem alle Düfte. Nachdem sie das Auge erklommen hat, erlangt sie durch das Auge alle Formen. Nachdem sie das Ohr erklommen hat, erlangt sie durch das Ohr alle Töne. Nachdem sie die Zunge erklommen hat, erlangt sie durch die Zunge alle Geschmäcke. Nachdem sie die beiden Hände erklommen hat, erlangt sie durch die Hände alle Taten. Nachdem sie den Körper erklommen hat, erlangt sie durch den Körper Glück und Leid. Nachdem sie das Zeugungsglied erklommen hat, erlangt sie durch dieses Wonne, Liebesfreude, Zeugung. Nachdem sie die beiden Füße erklommen hat, erlangt sie durch die Füße alles Gehen. Nachdem sie den Geist erklommen hat, erlangt sie durch den Geist alle Gedanken.
sie erklimmt den Geist und erlangt durch ihn alle Gedanken
[Anm.: Kehrseite des vorangehenden Khaṇḍas: hier 'ersteigt' die Erkenntnis (prajñā) selbst jedes Organ, um durch es zu wirken. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]
na hi prajñāpetā vāṅ nāma kiṃcana prajñāpayet | anyatra me mano 'bhūd ityāha | nāham etan nāma prājñāsiṣam iti | na hi prajñāpetaḥ prāṇo gandhaṃ kaṃcana prajñāpayet | anyatra me mano 'bhūd ityāha | nāham etaṃ gandhaṃ prājñāsiṣam iti | na hi prajñāpetaṃ cakṣū rūpaṃ kiṃcana prajñāpayet | anyatra me mano 'bhūd ityāha | nāham etad rūpaṃ prājñāsiṣam iti | na hi prajñāpetaṃ śrotraṃ śabdaṃ kaṃcana prajñāpayet | anyatra me mano 'bhūd ityāha | nāham etaṃ śabdaṃ prājñāsiṣam iti | na hi prajñāpetā jihvānnarasaṃ kaṃcana prajñāpayet | anyatra me mano 'bhūd ityāha | nāham etam annarasaṃ prājñāsiṣam iti | na hi prajñāpetau hastau karma kiṃcana prajñāpayetām | anyatra nau mano 'bhūd ityāhatuḥ | nāvām etat karma prājñāsiṣveti | na hi prajñāpetaṃ śarīraṃ na sukhaṃ na duḥkhaṃ kiṃcana prajñāpayet | anyatra me mano 'bhūd ityāha | nāham etaṃ na sukhaṃ na duḥkhaṃ prājñāsiṣam iti | na hi prajñāpeta upastha ānandaṃ na ratiṃ na prajātiṃ kāṃcana prajñāpayet | anyatra me mano 'bhūd ityāha | nāham etam ānandaṃ na ratiṃ prajātiṃ prājñāsiṣam iti | na hi prajñāpetau pādāv ityāṃ kāṃcana prajñāpayet | anyatra nau mano 'bhūd ityāhatuḥ | nāvām etām ityāṃ prājñāsiṣveti | na hi prajñāpetaṃ dhīḥ kāṃcana sidhyet | na prajñātavyaṃ prajñāyet ||
Denn ohne die Erkenntnis würde die Rede überhaupt keinen Namen zu erkennen geben; sie sagt: 'Mein Sinn war anderswohin gerichtet – diesen Namen habe ich nicht erkannt.' Denn ohne die Erkenntnis würde der Atem überhaupt keinen Duft zu erkennen geben; er sagt: 'Mein Sinn war anderswohin gerichtet – diesen Duft habe ich nicht erkannt.' Denn ohne die Erkenntnis würde das Auge überhaupt keine Form zu erkennen geben; es sagt: 'Mein Sinn war anderswohin gerichtet – diese Form habe ich nicht erkannt.' Denn ohne die Erkenntnis würde das Ohr überhaupt keinen Ton zu erkennen geben; es sagt: 'Mein Sinn war anderswohin gerichtet – diesen Ton habe ich nicht erkannt.' Denn ohne die Erkenntnis würde die Zunge überhaupt keinen Speisesaft zu erkennen geben; sie sagt: 'Mein Sinn war anderswohin gerichtet – diesen Speisesaft habe ich nicht erkannt.' Denn ohne die Erkenntnis würden die beiden Hände überhaupt keine Tat zu erkennen geben; sie sagen: 'Unser Sinn war anderswohin gerichtet – diese Tat haben wir nicht erkannt.' Denn ohne die Erkenntnis würde der Körper weder Glück noch Leid zu erkennen geben; er sagt: 'Mein Sinn war anderswohin gerichtet – weder dies Glück noch dies Leid habe ich erkannt.' Denn ohne die Erkenntnis würde das Zeugungsglied weder Wonne noch Liebesfreude noch Zeugung zu erkennen geben; es sagt: 'Mein Sinn war anderswohin gerichtet – weder diese Wonne noch diese Liebesfreude noch diese Zeugung habe ich erkannt.' Denn ohne die Erkenntnis würden die beiden Füße überhaupt kein Gehen zu erkennen geben; sie sagen: 'Unser Sinn war anderswohin gerichtet – dieses Gehen haben wir nicht erkannt.' Denn ohne die Erkenntnis würde kein Denken gelingen; nichts zu Erkennendes würde erkannt.
Wort für Wort
na hi prajñāpetā vāk nāma kiṃcana prajñāpayet
ohne Erkenntnis würde die Rede keinen Namen zu erkennen geben
anyatra me manaḥ abhūt iti āha
'mein Sinn war anderswohin gerichtet', sagt sie
na aham etat nāma prājñāsiṣam iti
'diesen Namen habe ich nicht erkannt'
na hi prajñāpetā dhīḥ kāṃcana sidhyet
ohne Erkenntnis würde kein Denken gelingen
na prajñātavyam prajñāyet
nichts zu Erkennendes würde erkannt
[Anm.: Dieser Khaṇḍa demonstriert im Umkehrschluss, dass jedes Sinnesorgan ohne die begleitende Erkenntnis (prajñā) funktionslos bliebe – ein zentrales Argument für die Priorität der Erkenntnis/des Bewusstseins gegenüber den bloßen physischen Organen. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]
na vācaṃ vijijñāsīta vaktāraṃ vidyāt | na gandhaṃ vijijñāsīta ghrātāraṃ vidyāt | na rūpaṃ vijijñāsīta draṣṭāraṃ vidyāt | na śabdaṃ vijijñāsīta śrotāraṃ vidyāt | nānnarasaṃ vijijñāsīta annarasasya vijñātāraṃ vidyāt | na karma vijijñāsīta kartāraṃ vidyāt | na sukhaduḥkhe vijijñāsīta sukhaduḥkhayor vijñātāraṃ vidyāt | nānandaṃ na ratiṃ na prajātiṃ vijijñāsīta ānandasya rateḥ prajāter vijñātāraṃ vidyāt | netyāṃ vijijñāsīta etāraṃ vidyāt | na mano vijijñāsīta mantāraṃ vidyāt | tā vā etā daśaiva bhūtamātrā adhiprajñam | daśa prajñāmātrā adhibhūtam | yad dhi bhūtamātrā na syur na prajñāmātrāḥ syuḥ | yad vā prajñāmātrā na syur na bhūtamātrāḥ syuḥ | no etanānā tad yathā rathasyāreṣu nemir arpitā nābhyāvarā arpitā | evam evaitā bhūtamātrāḥ prajñāmātrāsvarpitāḥ | prajñāmātrāḥ prāṇe 'rpitāḥ | sa eṣa prāṇa eva prajñātmānando 'jaro 'mṛto na sādhunā karmaṇā bhūyān bhavati np vāsādhunā kanīyān | eṣa hyeva sādhu karma kārayati taṃ yam ebhyo lokebhya unninīṣate | eṣa u evāsādhu karma kārayati taṃ yam adho ninīṣate | eṣa lokapālaḥ | eṣa lokādhipatiḥ | eṣa lokeśaḥ | sa ma ātmeti vidyāt | sa ma ātmeti vidyāt || iti śāṅkhāyanāraṇyake pañcamo 'dhyāyaḥ ||
Man soll nicht die Rede erforschen, man soll den Sprecher erkennen. Man soll nicht den Duft erforschen, man soll den Riechenden erkennen. Man soll nicht die Form erforschen, man soll den Sehenden erkennen. Man soll nicht den Ton erforschen, man soll den Hörenden erkennen. Man soll nicht den Speisesaft erforschen, man soll den Erkenner des Speisesafts erkennen. Man soll nicht die Tat erforschen, man soll den Handelnden erkennen. Man soll nicht Glück und Leid erforschen, man soll den Erkenner von Glück und Leid erkennen. Man soll nicht Wonne, Liebesfreude, Zeugung erforschen, man soll den Erkenner von Wonne, Liebesfreude, Zeugung erkennen. Man soll nicht das Gehen erforschen, man soll den Gehenden erkennen. Man soll nicht den Geist erforschen, man soll den Denkenden erkennen. Diese zehn Objekt-Sonderelemente beziehen sich auf die Erkenntnis; die zehn Erkenntnis-Sonderelemente beziehen sich auf die Objekte. Wenn es nämlich keine Objekt-Elemente gäbe, gäbe es auch keine Erkenntnis-Elemente; und gäbe es keine Erkenntnis-Elemente, gäbe es auch keine Objekt-Elemente – denn keines von beiden könnte für sich allein eine Erscheinung hervorbringen [?]. So wie an der Felge eines Wagenrades die Speichen befestigt sind und an der Nabe die Speichen befestigt sind, ebenso sind diese Objekt-Elemente an den Erkenntnis-Elementen befestigt, und die Erkenntnis-Elemente sind im Atem befestigt. Eben dieser Atem ist das Erkenntnis-Selbst, voll Wonne, alterslos, unsterblich; er wird nicht durch gutes Tun größer, noch durch schlechtes Tun geringer. Denn eben er ist es, der den, den er aus diesen Welten emporführen will, gutes Werk tun lässt; und eben er ist es auch, der den, den er hinabführen will, schlechtes Werk tun lässt. Er ist der Welten-Hüter, er ist der Welten-Herrscher, er ist der Welten-Herr. 'Er ist mein Selbst' – so soll man ihn erkennen. 'Er ist mein Selbst' – so soll man ihn erkennen.
[Kolophon:] So endet im Śāṅkhāyana-Āraṇyaka der fünfte Adhyāya.
Wort für Wort
na vācam vijijñāsīta vaktāram vidyāt
man soll nicht die Rede erforschen, sondern den Sprecher erkennen
tāḥ vai etāḥ daśa eva bhūtamātrāḥ adhiprajñam daśa prajñāmātrāḥ adhibhūtam
diese zehn Objekt-Elemente beziehen sich auf die Erkenntnis, zehn Erkenntnis-Elemente auf die Objekte
tat yathā rathasya areṣu nemiḥ arpitā nābhyām arāḥ arpitāḥ
wie am Wagenrad die Felge an den Speichen und die Speichen an der Nabe befestigt sind
evam eva etāḥ bhūtamātrāḥ prajñāmātrāsu arpitāḥ prajñāmātrāḥ prāṇe arpitāḥ
so sind die Objekt-Elemente in den Erkenntnis-Elementen, diese im Atem befestigt
sa eṣaḥ prāṇaḥ eva prajñātmā ānandaḥ ajaraḥ amṛtaḥ
eben dieser Atem ist das Erkenntnis-Selbst, voll Wonne, alterslos, unsterblich
na sādhunā karmaṇā bhūyān bhavati na vā asādhunā kanīyān
er wird nicht durch gutes Tun größer, noch durch schlechtes geringer
eṣaḥ hi eva sādhu karma kārayati tam yam ebhyaḥ lokebhyaḥ unninīṣate
er lässt den gutes Werk tun, den er emporführen will
eṣaḥ lokapālaḥ eṣaḥ lokādhipatiḥ eṣaḥ lokeśaḥ
er ist der Welten-Hüter, -Herrscher, -Herr
sa ma ātmā iti vidyāt
'er ist mein Selbst' – so soll man erkennen
iti śāṅkhāyanāraṇyake pañcamaḥ adhyāyaḥ
so endet im Śāṅkhāyana-Āraṇyaka der fünfte Adhyāya
[Anm.: Dies ist der philosophische Höhepunkt und Abschluss von KU 3: die berühmte Rad-Speiche-Nabe-Metapher für die wechselseitige Fundierung von Objekt- und Erkenntniselementen im Atem/Prāṇa als dem alterslosen, unsterblichen, von gutem wie schlechtem Karma unberührten Selbst, das zugleich als 'Welten-Herr' die Wesen durch ihre eigenen Taten nach oben oder unten lenkt. Mit diesem Khaṇḍa ist der fünfte Adhyāya (ŚĀ 5,1–5,8 = KU 3,1–3,8) vollständig übersetzt. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]