Quellen der Menschheit

Kauṣītaki-/Śāṅkhāyana-Āraṇyaka

Kapitel 3: śāṅkhāyanāraṇyakam · tṛtīyo 'dhyāyaḥ (= kauṣītakyupaniṣad, prathamo 'dhyāyaḥ) Citra Gāṅgyāyani und der Weg der Seele nach dem Tod (Beginn der Kauṣītaki-Upaniṣad, KU 1,1–1,6)

Mit Adhyāya 3 beginnt die in das Śāṅkhāyana-/Kauṣītaki-Āraṇyaka eingebettete Kauṣītaki-Upaniṣad (Adhyāyas 3–6 = KU 1–4); sie wird hier, wie bei den übrigen Āraṇyakas mit eingebetteten Upaniṣaden vereinbart, an ihrer Stelle mitübersetzt (anders als beim Bṛhad-Āraṇyaka, dessen eingebettete Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad als eigenes Werk in "Quellen der Menschheit" geführt wird). Thema von KU 1: der Dialog zwischen Citra Gāṅgyāyani und dem jungen Śvetaketu bzw. dessen Vater Āruṇi über den Weg der Seele nach dem Tod – über den Mond (Wiedergeburt nach Verdienst) oder über den Götterweg (devayāna) durch die Welten Agnis, Vāyus, Varuṇas, Indras, Prajāpatis bis zur Brahma-Welt, endend mit der berühmten Deutung von "satyam" als sat + tyam. Der dritte Adhyāya (ŚĀ 3,1–3,7 = KU 1,1–1,7) ist hiermit vollständig übersetzt, einschließlich des abschließenden Katechismus, welcher Sinn/welches Organ welche grammatische Kategorie bzw. welchen Erfahrungsbereich 'erlangt'. Es folgt Adhyāya 4 (= KU 2,1ff., ein neuer, eigenständiger Lehrabschnitt über Prāṇa als Brahman) in einer künftigen Sitzung bzw. im täglichen automatisierten Lauf.

citro ha vai gāṅgyāyanir yakṣyamāṇa āruṇiṃ vavre | sa ha putraṃ śvetaketuṃ prajighāya yājayeti | taṃ hābhyāgatam papraccha - gotamasya putra, asti saṃvṛtaṃ loke yasmin mā dhāsyasi, anyatamo vādhvā, tasya mā loke dhāsyasīti | sa hovāca - nāham etad veda hantācāryaṃ pṛcchānīti | sa ha pitaram āsādya papraccha - itīti māprākṣīt kathaṃ pratibravāṇīti | sa hovāca - aham apyetan na veda | sadasyeva vayaṃ svādhyāyam adhītya harāmahe yan naḥ pare dadati | ehyubhau gamiṣyāva iti | sa hi samitpāṇiś citraṃ gāṅgyāyaniṃ praticakrama upāyānīti | taṃ hovāca - brahmārho 'si gotama yo na mānam upāgāḥ | ehi vyeva tvā jñapayiṣyāmīti ||

Citra Gāṅgyāyani nun wollte opfern und wählte [dazu] Āruṇi. Dieser aber schickte seinen Sohn Śvetaketu [an seiner Statt] und sagte: 'Opfere [für ihn]!' Als jener hingekommen war, fragte ihn [Citra]: 'Sohn des Gotama, gibt es in der Welt einen verborgenen [Ort], an dem du mich unterbringen wirst, oder [ist es] ein anderer Weg, auf dem du mich in jener Welt unterbringen wirst?' Da sprach er: 'Das weiß ich nicht; wohlan, ich will meinen Lehrer [meinen Vater] fragen.' Da ging er zu seinem Vater und fragte: 'So und so hat er mich gefragt – wie soll ich [ihm] antworten?' Da sprach jener: 'Auch ich weiß dies nicht. Wie [bloße] Teilnehmer an einer Versammlung eignen wir uns [nur] das [überlieferte] Eigenstudium an und tragen [dann nur] davon, was uns andere [darüber hinaus] geben. Komm, wir wollen beide [zu ihm] gehen.' Da trat er [der Vater], das Brennholz [als Schülergabe] in der Hand, vor Citra Gāṅgyāyani und sprach: 'Ich will [zu dir als Schüler] kommen.' Da sprach jener zu ihm: 'Du bist des Brahman würdig, Gotama, der du nicht mit Dünkel zu mir gekommen bist. Komm, ich will es dich deutlich wissen lassen.'

Wort für Wort
citraḥ ha vai gāṅgyāyaniḥ yakṣyamāṇaḥ āruṇim vavre
Citra Gāṅgyāyani wollte opfern und wählte Āruṇi
sa ha putram śvetaketum prajighāya yājaya iti
er schickte seinen Sohn Śvetaketu: 'Opfere!'
gotamasya putra asti saṃvṛtam loke yasmin mā dhāsyasi
Sohn des Gotama, gibt es einen verborgenen Ort in der Welt, an dem du mich unterbringen wirst
na aham etat veda hanta ācāryam pṛcchāni iti
'das weiß ich nicht, wohlan, ich will den Lehrer fragen'
sa ha pitaram āsādya papraccha
er ging zu seinem Vater und fragte
aham api etat na veda
'auch ich weiß dies nicht'
sadasi iva vayam svādhyāyam adhītya harāmahe
wie Versammlungsteilnehmer eignen wir uns das Eigenstudium an
ehi ubhau gamiṣyāvaḥ iti
'komm, wir wollen beide gehen'
sa hi samitpāṇiḥ citram gāṅgyāyanim praticakrama
er trat, das Brennholz in der Hand, vor Citra Gāṅgyāyani
brahmārhaḥ asi gotama yaḥ na mānam upāgāḥ
'du bist des Brahman würdig, Gotama, der du nicht mit Dünkel gekommen bist'
ehi vi eva tvā jñapayiṣyāmi iti
'komm, ich will es dich deutlich wissen lassen'

[Anm.: Dies ist der Beginn der in das Śāṅkhāyana-/Kauṣītaki-Āraṇyaka eingebetteten Kauṣītaki-Upaniṣad (KU 1,1 = ŚĀ 3,1); die Erzählung von Śvetaketu Āruṇeya und seinem Vater Uddālaka/Gautama Āruṇi hat Parallelen in Chāndogya-Upaniṣad 5,3 und Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad 6,2. 'samitpāṇiḥ' ('das Brennholz in der Hand') ist die traditionelle Geste eines Schülers, der einen Lehrer aufsucht; die genaue Nuance von 'praticakrama' ('trat vor/näherte sich') bleibt leicht unsicher [?]. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

sa hovāca - ye vai ke cāsmāl lokāt prayanti candramasam eva te sarvaṃ gacchanti | teṣāṃ prāṇaiḥ pūrvapakṣa āpyāyate | tān aparapakṣeṇa prajanayati | etad vai svargasya lokasya dvāraṃ yac candramāḥ | taṃ yaḥ pratyāha tam atisṛjate | atha yo na pratyāha tam iha vṛṣṭir bhūtvā varṣati | sa iha kīṭo vā pataṅgo vā matsyo vā śakunir vā siṃho vā varāho vā paraśvā vā śārdūlo vā puruṣo vānyo vā teṣu teṣu sthāneṣu pratyājāyate yathākarma yathāvidyam | āgataṃ pṛcchati - ko 'sīti | taṃ pratibrūyāt - vicakṣaṇād ṛtavo reta ābhṛtaṃ pañcadaśāt prasūtāt pitryāvataḥ | tan mā puṃsi kartari erayadhvaṃ puṃsā kartrā mātari māsiñca | jāyamāna upajāyamāno dvādaśatrayodaśopamāsaḥ | dvādaśatrayodaśena pitrā saṃ tad vide 'haṃ prati tad vide 'haṃ tan ma ṛtavo 'mṛtyava ārambhadhvam | tena satyena tena tapasā ṛtur asmi ārtavo 'smi | ko 'si tvam asmīti | tam atisṛjate ||

Da sprach jener: 'Alle, die von dieser Welt fortgehen, gehen zunächst eben zum Mond. Durch ihre Lebenshauche wird [dessen] wachsende Hälfte angefüllt; durch die abnehmende Hälfte lässt er sie [neu] entstehen. Dies nämlich ist das Tor der himmlischen Welt: der Mond. Wer ihm [die rechte] Antwort gibt, den lässt er weiterziehen. Wer aber nicht antwortet, den lässt er, hier [auf Erden] zu Regen geworden, herabregnen. Er wird hier je nach Tat und je nach Wissen an den jeweiligen Orten wiedergeboren: als Wurm, oder als Insekt/Vogel, oder als Fisch, oder als Raubvogel, oder als Löwe, oder als Eber, oder als [ein bestimmtes Raubtier, unsicher] [?], oder als Tiger, oder als Mensch, oder als etwas anderes. Zu dem Ankommenden spricht er: 'Wer bist du?' Dem soll er antworten: 'Aus dem umsichtigen [Mond] [?] wurde von den Jahreszeiten der Same hergebracht, aus dem fünfzehnfach [wachsenden Mond] hervorgebracht, vom väterlichen [Mond] herrührend. Diesen [Samen] habt ihr [Jahreszeiten] in den Mann als Bildner gesandt, durch den Mann als Bildner in die Mutter gesät. So bin ich, werdend und wiederum entstehend, der zwölf- oder dreizehnte Zusatzmonat, mit dem zwölf- oder dreizehnten Vater[-Jahr] vereint entstanden – ich weiß dies, ich weiß dies! Setzt mich danach ein, ihr Jahreszeiten, zum Nicht-Sterblichen! Durch diese Wahrheit, durch diese Askese bin ich [selbst] die Jahreszeit, ich bin der den Jahreszeiten Zugehörige. [Du fragtest] wer du seist – ich bin [es]!' Den lässt er [der Mond] weiterziehen.

Wort für Wort
ye vai ke ca asmāt lokāt prayanti candramasam eva te sarvam gacchanti
alle, die von dieser Welt fortgehen, gehen zunächst zum Mond
teṣām prāṇaiḥ pūrvapakṣaḥ āpyāyate
durch ihre Lebenshauche wird die wachsende Hälfte angefüllt
etat vai svargasya lokasya dvāram yat candramāḥ
dies ist das Tor der himmlischen Welt: der Mond
tam yaḥ pratyāha tam atisṛjate
wer ihm antwortet, den lässt er weiterziehen
atha yaḥ na pratyāha tam iha vṛṣṭiḥ bhūtvā varṣati
wer nicht antwortet, den lässt er als Regen herabregnen
sa iha pratyājāyate yathākarma yathāvidyam
er wird hier wiedergeboren je nach Tat und Wissen
āgatam pṛcchati kaḥ asi iti
zu dem Ankommenden spricht er: 'wer bist du?'
tena satyena tena tapasā ṛtuḥ asmi ārtavaḥ asmi
durch diese Wahrheit, durch diese Askese bin ich die Jahreszeit, ich bin der den Jahreszeiten Zugehörige
kaḥ asi tvam asmi iti tam atisṛjate
'wer bist du – ich bin es' – den lässt er weiterziehen

[Anm.: Diese berühmte Passage über den 'Weg der Väter' (pitṛyāna) via den Mond und die Wiedergeburt nach Verdienst hat enge Parallelen in Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad 6,2 und Chāndogya-Upaniṣad 5,10. Mehrere Einzelheiten bleiben unsicher und sind mit [?] markiert, insbesondere 'vicakṣaṇāt' (Mond-Epitheton, wörtl. 'der Umsichtige/Erwägende') und 'paraśvā' (eine Tierart, hier unübersetzt gelassen). Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

sa etaṃ devayānaṃ panthānam āpadyāgnilokam āgacchati | sa vāyulokam | sa varuṇalokam | sa indralokam | sa prajāpatilokam | sa brahmalokam | tasya vā etasya brahmalokasyārohadaḥ, muhūrtā yaṣṭihāḥ, vijarā nadī, ilyo vṛkṣaḥ, sālajyaṃ saṃsthanam, aparājitam āyatanam, indraprajāpatī dvāragopau, vibhu pramitam, vicakṣaṇāsandī, amitaujāḥ paryaṅkaḥ, priyā ca mānasī, pratirūpā ca cākṣuṣī, puṣpāṇyādāyāvayato vai ca jagānī, ambāś cāmbāyavīś cāpsarasaḥ, ambayā nadyaḥ | tam itthaṃvid āgacchati | taṃ brahmāha - abhidhāva ta mama yaśasā | vijarāṃ vā ayaṃ nadīṃ prāpāt | na vā ayaṃ jarayiṣyatīti ||

Er begibt sich auf diesen Götterweg (devayāna) und gelangt zur Welt Agnis, [dann] zur Welt Vāyus, [dann] zur Welt Varuṇas, [dann] zur Welt Indras, [dann] zur Welt Prajāpatis, [dann] zur Welt Brahmans. Zu dieser Brahma-Welt gehören: die 'Aufstiege' [genannt] Yaṣṭiha-Augenblicke [?]; der Fluss Vijarā ('die Alterslose'); der Baum Ilya; die Wohnstätte Sālajya; die unbesiegbare Residenz; Indra und Prajāpati als Torwächter; der Palast Vibhu; der Richterstuhl Vicakṣaṇā; das Ruhelager Amitaujas ('von unermesslicher Kraft'); die liebliche [Gattin] Mānasī ('die Geistgeborene') und die schöne [Gattin] Cākṣuṣī ('die Augengeborene'); [die Nymphen], die Blumen bringend, [ihm] entgegenkommen [?]; die 'Mütter' und die Ambayavīs als Apsaras; die Ambayā-Flüsse. Zu diesem [Ort] gelangt, wer dies so weiß. Zu ihm sagt Brahman: 'Eile herbei mit meinem Ruhm!' Diesen [Wissenden] hat der Fluss Vijarā erreicht; nicht wird er [nun] altern.

Wort für Wort
sa etam devayānam panthānam āpadya agnilokam āgacchati
er begibt sich auf den Götterweg und gelangt zur Welt Agnis
sa vāyulokam sa varuṇalokam sa indralokam
zur Welt Vāyus, zur Welt Varuṇas, zur Welt Indras
sa prajāpatilokam sa brahmalokam
zur Welt Prajāpatis, zur Welt Brahmans
vijarā nadī ilyaḥ vṛkṣaḥ
der Fluss Vijarā, der Baum Ilya
indraprajāpatī dvāragopau
Indra und Prajāpati als Torwächter
amitaujāḥ paryaṅkaḥ
das Ruhelager Amitaujas
tam itthaṃvid āgacchati
zu diesem gelangt, wer dies so weiß
tam brahma āha abhidhāva te mama yaśasā
zu ihm sagt Brahman: 'eile herbei mit meinem Ruhm'
vijarām vai ayam nadīm prāpāt na vai ayam jarayiṣyati iti
diesen hat der Fluss Vijarā erreicht, nicht wird er altern

[Anm.: 'muhūrtā yaṣṭihāḥ' und mehrere der Eigennamen dieser mythischen Topographie der Brahma-Welt bleiben in ihrer genauen Bedeutung unsicher [?] und werden hier als Eigennamen belassen bzw. sinngemäß umschrieben. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

taṃ pañca śatānyapsarasāṃ pratiyanti - śataṃ phalahastāḥ, śatam āñjanahastāḥ, śataṃ mālyahastāḥ, śataṃ vāsohastāḥ, śataṃ cūrṇahastāḥ | taṃ brahmālaṅkāreṇālaṅkurvanti | sa brahmaālaṅkāreṇālaṅkṛto brahma vidvān brahmābhipraiti | sa āgacchatyaraṃ hradam | taṃ manasātyeti | tam itvā saṃpravido majjanti | sa āgacchati muhūrtān yaṣṭihān | te 'smād apadravanti | sa āgacchati vijarāṃ nadīm | tāṃ manasaivātyeti | tat sukṛtaduṣkṛte dhunuvāte | tasya priyā jñātayaḥ sukṛtam upayanti, apriyā duṣkṛtam | tad yathā rathena dhāvayan rathacakre paryavekṣeta | evam ahorātre paryavekṣeta | evaṃ sukṛtaduṣkṛte sarvāṇi ca dvandvāni | sa eṣa visukṛto duṣkṛto brahma vidvān brahmaivābhipraiti ||

Ihm kommen fünfhundert Apsaras entgegen: hundert mit Früchten in der Hand, hundert mit Salböl in der Hand, hundert mit Blumengirlanden in der Hand, hundert mit Gewändern in der Hand, hundert mit [duftendem] Puder in der Hand. Sie schmücken ihn mit dem Schmuck Brahmans. Mit dem Schmuck Brahmans geschmückt, geht der Brahman-Wissende zu Brahman hin. Er gelangt zum See Ara; diesen überquert er mit dem Geist [allein]. Wer [dorthin nur] mit [äußerem] Wissen gelangt ist, versinkt darin [?]. Er gelangt zu den Muhūrta-Augenblicken [namens] Yaṣṭiha; die weichen vor ihm zurück. Er gelangt zum Fluss Vijarā; auch diesen überquert er mit dem Geist [allein]. Dort schütteln [ihn] Gutes und Schlechtes [Getanes] ab [?]. Seine lieben Verwandten empfangen [dabei] das Gute, die unlieben das Schlechte. Wie einer, der mit dem Wagen dahinfährt, auf die beiden Radkränze [zugleich] blickte, so blickt er auf Tag und Nacht [zugleich], so auf Gutes und Schlechtes und auf alle Gegensatzpaare. Als so von Gutem und Schlechtem befreiter, das Brahman wissender [Mensch] geht er eben zu Brahman hin.

Wort für Wort
tam pañca śatāni apsarasām pratiyanti
ihm kommen fünfhundert Apsaras entgegen
tam brahmālaṅkāreṇa alaṅkurvanti
sie schmücken ihn mit dem Schmuck Brahmans
sa āgacchati aram hradam tam manasā atyeti
er gelangt zum See Ara, diesen überquert er mit dem Geist
sa āgacchati vijarām nadīm
er gelangt zum Fluss Vijarā
tat sukṛtaduṣkṛte dhunuvāte
dort schütteln Gutes und Schlechtes ab [?]
tasya priyā jñātayaḥ sukṛtam upayanti apriyāḥ duṣkṛtam
seine lieben Verwandten empfangen das Gute, die unlieben das Schlechte
tat yathā rathena dhāvayan rathacakre paryavekṣeta
wie einer im fahrenden Wagen auf die Radkränze blickte
evam ahorātre paryavekṣeta
so blickt er auf Tag und Nacht
sa eṣaḥ visukṛtaḥ duṣkṛtaḥ brahma vidvān brahma eva abhipraiti
als von Gutem und Schlechtem befreiter, Brahman wissender geht er zu Brahman hin

[Anm.: 'tam itvā saṃpravido majjanti' bleibt unsicher [?] (hier verstanden als Warnung vor bloß äußerlichem, nicht verinnerlichtem Wissen). Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

sa āgacchatīlyaṃ vṛkṣam | taṃ brahmagandhaḥ praviśati | sa āgacchati sālajyaṃ saṃsthanam | taṃ brahmarasaḥ praviśati | sa āgacchatyaparājitam āyatanam | taṃ brahmayaśaḥ praviśati | sa ācacchatīndraprajāpatī dvāragopau | tāv asmād apadravataḥ | sa āgacchati vibhu pramitam | taṃ brahmatejaḥ praviśati | sa āgacchati vicakṣaṇāṃ āsandīm | bṛhadrathantare sāmanī pūrvau pādau | śyaitanaudhase cāparau | vairūpavairāje anūcye | śākvararaivate tiraścī | sā prajñā prajñayā hi vipaśyati | sa āgacchatyamitaujasaṃ paryaṅkam | sa prāṇaḥ | tasya bhūtaṃ ca bhaviṣyac ca pūrvau pādau | śrīś cerā cāparau | bhadrayajñāyajñīye śīrṣaṇye | bṛhadrathantare anūcye | ṛcaś ca sāmāni ca prācīnātānāni | yajūṃṣi tiraśvīnāni | somāṃśavaḥ upastaraṇam | udgītho 'paśrayaḥ | śrīr upabarhaṇam | tasmin brahmāste | tam itthaṃvid pādenaivāgra ārohati | taṃ brahmā pṛcchati - ko 'sīti | taṃ pratibrūyāt ||

Er gelangt zum Baum Ilya; ihn durchdringt der Duft Brahmans. Er gelangt zur Wohnstätte Sālajya; ihn durchdringt der Saft/Geschmack Brahmans. Er gelangt zur unbesiegbaren Residenz; ihn durchdringt der Ruhm Brahmans. Er gelangt zu Indra und Prajāpati, den Torwächtern; die beiden weichen vor ihm zurück. Er gelangt zum Palast Vibhu; ihn durchdringt der Glanz Brahmans. Er gelangt zum Richterstuhl Vicakṣaṇā: Die Bṛhat- und Rathantara-Sāmans [bilden] dessen vordere zwei Füße; das Śyaita- und Naudhasa-[Sāman] die hinteren; das Vairūpa und Vairāja [bilden] die Längsstreben [?]; das Śākvara und Raivata die Querstreben; diese Erkenntnis (prajñā) durchschaut ja mit [eigener] Erkenntnis [?]. Er gelangt zum Ruhelager Amitaujas; das ist der Lebenshauch (prāṇa) [selbst]: Vergangenes und Zukünftiges [bilden] dessen vordere zwei Füße; Glanz (śrī) und [ein weiterer, unsicherer Begriff] [?] die hinteren; das Bhadra- und das Yajñāyajñīya-[Sāman bilden] die Kopfenden; das Bṛhat und Rathantara die Längsstreben; die Ṛc- und Sāman-Verse [bilden] die der Länge nach gespannten [Bänder]; die Yajus-Formeln die quer gespannten [Bänder]; die Soma-Triebe die Unterlage; das Udgītha[-Lied] die Rückenlehne; Glanz das Kopfkissen. Auf diesem [Lager] sitzt Brahman. Wer dies so weiß, besteigt es zuerst mit dem Fuß [voran]. Da fragt ihn Brahman: 'Wer bist du?' Dem soll er antworten:

Wort für Wort
sa āgacchati ilyam vṛkṣam tam brahmagandhaḥ praviśati
er gelangt zum Baum Ilya, ihn durchdringt der Duft Brahmans
sa āgacchati aparājitam āyatanam tam brahmayaśaḥ praviśati
er gelangt zur unbesiegbaren Residenz, ihn durchdringt der Ruhm Brahmans
sa āgacchati vicakṣaṇām āsandīm
er gelangt zum Richterstuhl Vicakṣaṇā
bṛhadrathantare sāmanī pūrvau pādau
die Bṛhat- und Rathantara-Sāmans sind die vorderen zwei Füße
sa āgacchati amitaujasam paryaṅkam sa prāṇaḥ
er gelangt zum Ruhelager Amitaujas, das ist der Lebenshauch
tasya bhūtam ca bhaviṣyat ca pūrvau pādau
Vergangenes und Zukünftiges sind dessen vordere zwei Füße
ṛcaḥ ca sāmāni ca prācīnātānāni yajūṃṣi tiraśvīnāni
die Ṛc- und Sāman-Verse sind die Längs-, die Yajus-Formeln die Querstränge
udgīthaḥ apaśrayaḥ śrīḥ upabarhaṇam
das Udgītha ist die Rückenlehne, Glanz das Kopfkissen
tasmin brahma āste
auf diesem sitzt Brahman
tam brahmā pṛcchati kaḥ asi iti
da fragt ihn Brahman: 'wer bist du?'

[Anm.: Diese kunstvolle Beschreibung des Richterstuhls und Ruhelagers Brahmans in Begriffen der Sāman-Melodien ist stark technisch; einzelne Bauteile ('anūcye', 'tiraścī', der Begriff 'cerā') bleiben unsicher [?] und wurden sinngemäß umschrieben. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

ṛtur asmi | ārtavo 'smi | ākāśād yoneḥ saṃbhūto bhāryāyai retaḥ, saṃvatsarasya tejobhūtasya bhūtasya bhūtasyātmāsi | yas tvam asi so 'ham asmi | tam āha - ko 'ham asmīti | satyam iti brūyāt | kiṃ tad yat satyam iti | yad anyad devebhyaśca prāṇebhyaśca tat sat | yad devāśca prāṇāśca tat sat | tad ekayā vācābhivyāhriyate sattyam iti | etāvad idaṃ sarvam | idaṃ sarvam asmītyevainaṃ tad āha | tad etac chlokenābhyuktam ||

'Ich bin die Jahreszeit, ich bin der den Jahreszeiten Zugehörige. Aus dem Schoß des Raumes (ākāśa) entstanden, [bin ich] der Same für die Gattin; ich bin das Selbst (ātman) des zu Glanz gewordenen Jahres, [das Selbst] alles Gewordenen.' 'Der, der du bist, der bin ich.' Zu ihm spricht [Brahman]: 'Wer bin ich?' 'Das Wahre (satya)', soll er antworten. 'Was ist das, was das Wahre ist?' – 'Was anders ist als die Götter und die Lebenshauche, das ist „sat“ [das Seiende]; was [aber] die Götter und die Lebenshauche [selbst sind], das ist „tyat“ [jenes]. Dies wird mit einem [einzigen] Wort zusammengefasst ausgesprochen: „satyam“ [das Wahre].' So viel ist dies Alles. 'Dies Alles bin ich' – so spricht [Brahman] eben zu ihm. Dies wird auch mit einem Vers ausgesagt [im Folgenden].

Wort für Wort
ṛtuḥ asmi ārtavaḥ asmi
ich bin die Jahreszeit, ich bin der den Jahreszeiten Zugehörige
ākāśāt yoneḥ saṃbhūtaḥ bhāryāyai retaḥ
aus dem Schoß des Raumes entstanden, der Same für die Gattin
yaḥ tvam asi saḥ aham asmi
der, der du bist, der bin ich
tam āha kaḥ aham asmi iti satyam iti brūyāt
er fragt ihn: 'wer bin ich?' – 'das Wahre', soll er antworten
yat anyat devebhyaḥ ca prāṇebhyaḥ ca tat sat
was anders ist als Götter und Lebenshauche, das ist 'sat'
yat devāḥ ca prāṇāḥ ca tat sat
was die Götter und Lebenshauche selbst sind, das ist 'tyat' [im Text: 'sat' wiederholt, wohl Textvariante]
tat ekayā vācā abhivyāhriyate satyam iti
dies wird mit einem Wort zusammengefasst: 'satyam'
idam sarvam asmi iti eva enam tat āha
'dies Alles bin ich' – so spricht er zu ihm

[Anm.: Die etymologisierende Deutung von 'satyam' als sat + tyam ('das Seiende' + 'jenes') ist eine berühmte Lehrformel, die auch in Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad 5,5,1 begegnet. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

yajūḍaraḥ sāmaśira āsāv ṛnmūrttir avyayaḥ | sa brahmeti vijñeya ṛṣir brahmamayo mahān || iti | tad āha - kena me pauṃsnāni nāmānyāpnoṣīti | prāṇeneti brūyāt | kena napuṃsakānīti | manaseti | kena strīnāmānīti | vāceti | kena gandhān iti | ghrāṇeneti | kena rūpāṇīti | cakṣuṣeti | kena śabdān iti | śrotreṇeti | kenānnarasān iti | jihvayeti | kena karmāṇīti | hastābhyāmiti | kena sukhaduḥkhe iti | śarīreṇeti | kenānandaṃ ratiṃ prajātim iti | upastheneti | kenetyā iti | pādābhyām iti | kena dhiyo vijñātavyaṃ kāmān iti | prajñayaiveti brūyāt | tam āha - āpo vai khalu me loko 'yaṃ te 'sāv iti | sā yā brahmaṇo jitir yā vyaṣṭiḥ, tāṃ jitiṃ jayati, tāṃ vyaṣṭiṃ vyaśnute ya evaṃ veda ya evaṃ veda || iti śāṅkhāyanāraṇyake tṛtīyo 'dhyāyaḥ ||

'Yajus ist [sein] Rumpf, Sāman [sein] Haupt, jener [die Sonne dort] ist [seine] Ṛc-Gestalt, unvergänglich. Er ist als Brahman zu erkennen, der Seher, der brahman-erfüllte, große [Puruṣa].' So [heißt es]. Da sprach jener [Brahman]: 'Wodurch erlangst du für mich die männlichen Namen?' – 'Durch den Atem (prāṇa)', soll er antworten. 'Wodurch die sächlichen Namen?' – 'Durch den Geist (manas).' 'Wodurch die weiblichen Namen?' – 'Durch die Rede (vāc).' 'Wodurch die Düfte?' – 'Durch den Geruchssinn.' 'Wodurch die Formen?' – 'Durch das Auge.' 'Wodurch die Töne?' – 'Durch das Ohr.' 'Wodurch die Speisesäfte?' – 'Durch die Zunge.' 'Wodurch die Taten?' – 'Durch die beiden Hände.' 'Wodurch Lust und Leid?' – 'Durch den Körper.' 'Wodurch Wonne, Liebesfreude, Zeugung?' – 'Durch die Zeugungsglieder.' 'Wodurch das Gehen?' – 'Durch die beiden Füße.' 'Wodurch [werden] die vom Denken zu erkennenden [Dinge] und die Wünsche [erkannt]?' – 'Eben durch die Erkenntnis (prajñā)', soll er antworten. Zu ihm spricht jener: 'Das Wasser fürwahr ist meine Welt, die dir dort [offensteht].' Diesen Sieg des Brahman, diese besondere Erlangung (vyaṣṭi) – diesen Sieg erringt, diese besondere Erlangung genießt, wer dies so weiß, wer dies so weiß. [Kolophon:] So endet im Śāṅkhāyana-Āraṇyaka der dritte Adhyāya.

Wort für Wort
yajus udaraḥ sāma śiraḥ asau ṛkmūrtiḥ avyayaḥ
Yajus ist der Rumpf, Sāman das Haupt, jener [die Sonne] die Ṛc-Gestalt, unvergänglich
sa brahma iti vijñeyaḥ ṛṣiḥ brahmamayaḥ mahān
er ist als Brahman zu erkennen, der Seher, der brahman-erfüllte, große
kena me pauṃsnāni nāmāni āpnoṣi iti prāṇena iti brūyāt
'wodurch erlangst du die männlichen Namen?' – 'durch den Atem', soll er antworten
kena napuṃsakāni iti manasā iti
'wodurch die sächlichen?' – 'durch den Geist'
kena strīnāmāni iti vācā iti
'wodurch die weiblichen Namen?' – 'durch die Rede'
kena gandhān iti ghrāṇena iti kena rūpāṇi iti cakṣuṣā iti
'wodurch die Düfte?' – 'durch den Geruchssinn'; 'wodurch die Formen?' – 'durch das Auge'
kena karmāṇi iti hastābhyām iti kena sukhaduḥkhe iti śarīreṇa iti
'wodurch die Taten?' – 'durch die Hände'; 'wodurch Lust und Leid?' – 'durch den Körper'
kena dhiyaḥ vijñātavyam kāmān iti prajñayā eva iti brūyāt
'wodurch die Wünsche?' – 'eben durch die Erkenntnis', soll er antworten
āpaḥ vai khalu me lokaḥ ayam te asau iti
'das Wasser fürwahr ist meine Welt, die dir dort offensteht'
tām jitim jayati tām vyaṣṭim vyaśnute yaḥ evam veda
diesen Sieg erringt, diese besondere Erlangung genießt, wer dies so weiß
iti śāṅkhāyanāraṇyake tṛtīyaḥ adhyāyaḥ
so endet im Śāṅkhāyana-Āraṇyaka der dritte Adhyāya

[Anm.: Dieser berühmte Katechismus (welcher Sinn/welches Organ welche grammatische Kategorie bzw. welchen Erfahrungsbereich 'erlangt') markiert den Abschluss der Einleitungserzählung der Kauṣītaki-Upaniṣad; mit Adhyāya 4 (= KU 2) beginnt ein neuer, eigenständiger Lehrabschnitt. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

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