Quellen der Menschheit

Kauṣītaki-/Śāṅkhāyana-Āraṇyaka

Kapitel 12: śāṅkhāyanāraṇyakam · dvādaśo 'dhyāyaḥ Das Bilva-Amulett: Schutz- und Rivalen-Vernichtungshymnen samt Herstellungsanleitung (ŚĀ 12,1–12,8)

Der zwölfte Adhyāya (ŚĀ 12,1–12,8) ist hiermit vollständig übersetzt – formal ungewöhnlich, da er nicht aus Prosa-Khaṇḍas, sondern aus einem fortlaufend versnummerierten Mantra-Corpus (35 Verse) besteht, ergänzt um ein Ritual-Handbuch. Der Hastivarcas-Hymnus (12,1) erbittet elefantenhafte Vitalität; es folgen Rivalen- und feindvernichtende Zaubersprüche mit Indra-Vṛtra-Bildern (12,2–12,3), eine offenbar königskonsekrationsnahe Passage (12,4), die klare Schutz-Litanei des Irāmaṇi-Bilva-Amuletts gegen Schuld, Unglück, wilde Tiere und Dämonen (12,5–12,6), ein abschließender Vers-Rahmen mit Wiederholung (12,7) und schließlich die praktische Anleitung zur Herstellung von sechs verschiedenen Schutzamuletten (12,8). Es folgt Adhyāya 13 (ŚĀ 13,1, ein einziger, aber philosophisch bedeutsamer Khaṇḍa über Entsagung und Selbsterkenntnis, mit ausdrücklicher Zuschreibung an Yājñavalkya, bereits sichtbar auf PDF-Seite 29) in einer künftigen Sitzung bzw. im täglichen automatisierten Lauf.

om | hastivarcasam prathatām bṛhad vayo yad adityai tanvaḥ saṃbabhūva | tan mahyaṃ samaduḥ sarva eta ādityāso adityā saṃvidānāḥ ||1|| yat te varco jātavedo bṛhad bhavaty āhitam | tena mā varcasā tvam agne varcasvinaṃ kuru ||2|| yac ca varco vā puruṣe yac ca hastiṣv āhitam | suvarṇe goṣu yad varco mayi tad dhastivarcasam ||3|| yad akṣeṣu hiraṇyeṣu goṣv aśveṣu yad yaśaḥ | surāyāṃ pūyamānāyāṃ mayi tad dhastivarcasam ||4|| mayi bhargo mayi maho mayi yajñasya yad yaśaḥ | tan mayi prajāpatir divi devam iva dṛṃhatu ||5||

Om. Es möge sich der Elefanten-Glanz ausbreiten, die große Lebenskraft, die dem Leib der Aditi entstammt. Diese [Kraft] mögen mir alle diese Ādityas zusammen geben, mit Aditi vereint. Welcher Glanz von dir, o Jātavedas [Feuer], groß in dir angelegt ist, mit diesem Glanz mache mich, o Agni, glanzvoll. Und welcher Glanz im Menschen, und welcher in Elefanten angelegt ist, welcher Glanz im Gold, in den Kühen [ist] – der sei in mir, dieser Elefanten-Glanz. Was an Glanz in Würfeln, in Gold, in Kühen, in Pferden [ist], welcher Ruhm im gärenden Rauschtrank – der sei in mir, dieser Elefanten-Glanz. In mir [sei] Glanz, in mir Größe, in mir der Ruhm des Opfers – das möge Prajāpati in mir festigen, wie [er] den Gott im Himmel [festigt].

Wort für Wort
om
Om
hastivarcasam prathatām
der Elefanten-Glanz möge sich ausbreiten
bṛhad vayaḥ
die große Lebenskraft
adityai tanvaḥ saṃbabhūva
der dem Leib der Aditi entstammt
ādityāsaḥ adityā saṃvidānāḥ
die Ādityas, mit Aditi vereint
jātavedaḥ
o Jātavedas (Beiname des Feuers)
varcasvinaṃ kuru
mache glanzvoll
hastivarcasam
der Elefanten-Glanz
mayi bhargaḥ mayi mahaḥ
in mir [sei] Glanz, in mir Größe
prajāpatiḥ divi devam iva dṛṃhatu
Prajāpati möge festigen wie den Gott im Himmel

[Anm.: Eröffnet Adhyāya 12, der sich formal deutlich von den vorangehenden prosaischen Khaṇḍas unterscheidet: ein versnummeriertes Mantra-Corpus (Verse 1–35 über die Khaṇḍas 12,1–12,7 verteilt), das mit dem in 12,8 beschriebenen Amulett-Herstellungsritual zusammengehört (vgl. ähnliche 'maṇi'-Zauberhymnen im Atharvaveda). Dieser erste Hymnus 'Hastivarcas' ('Elefanten-Glanz') erbittet elefantenhafte Vitalität und Ausstrahlung von Aditi, den Ādityas, Agni und Prajāpati. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

aśvinā sāragheṇa mā sam aṅktāṃ madhunā payaḥ | yathā madhumatīṃ vācam āvadāni janeṣu ||6|| ghṛtād ullupto madhumān payasvān dhanaṃjayo dharuṇo dhārayiṣṇuḥ | rujan sapatnān adharāṃś ca kṛṇvann ā roha māṃ mahate saubhagāya ||7|| prajāpate na tvad etāny anyo viśvā jātāni pari tā babhūva | yatkāmās te juhumas tan no astu vayaṃ syāma patayo rayīṇām ||8|| ayam sano nudatāṃ me sapatnān indra iva vṛtram ṛtanāsā sāḷhā | agnir iva kakṣam vibhṛtaḥ purutrā vāteṣu nas tigmajambho 'nu mārṣṭi ||9|| ayam sano yo 'nuvadī kīla iva vṛtraṃ vi puro ruroja | anenendro vi mṛdho vihatyā śatrūyatām abhārā bhojanāni ||10||

Die beiden Aśvins mögen mich mit bienenhonigsüßer [Salbe], mit Milch [voll] Honigsüße, salben, damit ich honigsüße Rede unter den Menschen spreche. Aus dem Butterschmalz aufgestiegen, honigreich, milchreich – der Schätzegewinner, der Tragende, der Erhaltende; die Rivalen zerschmetternd und niederwerfend, steige [empor] auf mich zu großem Glück. O Prajāpati, kein anderer außer dir hat alle diese Geschöpfe umfasst; was auch immer wir uns wünschend opfern, das möge uns zuteilwerden – wir mögen Herren der Reichtümer sein. Dieser Zauber möge meine Rivalen vertreiben, wie Indra den Vṛtra [vertrieb], der wahrhaft bezwingende Sieger; wie das Feuer, vielfach im Dickicht getragen, reinigt uns [dieser Zauber], scharfzahnig, in den Winden. Dieser Zauber, der wie ein Widerhall den Vṛtra [gleichsam] wie einen Pflock die Festungen durchbrach – mit diesem [von] Indra [gestützt, zerschmettere ich] die Verächter, [und] trage die Speisen der [uns] Feindlichgesinnten davon.

Wort für Wort
aśvinā mā sam aṅktām
die Aśvins mögen mich salben
madhumatīṃ vācam āvadāni
damit ich honigsüße Rede spreche
ghṛtāt ullupta
aus dem Butterschmalz aufgestiegen
dhanaṃjayaḥ dharuṇaḥ dhārayiṣṇuḥ
der Schätzegewinner, Tragende, Erhaltende
sapatnān rujan
die Rivalen zerschmetternd
ā roha māṃ mahate saubhagāya
steige auf mich zu großem Glück
prajāpate viśvā jātāni pari babhūva
Prajāpati, du hast alle Geschöpfe umfasst
patayaḥ rayīṇām syāma
wir mögen Herren der Reichtümer sein
indraḥ iva vṛtram
wie Indra den Vṛtra [bezwang]
agniḥ iva kakṣam vibhṛtaḥ
wie Feuer, im Dickicht getragen

[?] [Anm.: Fortsetzung des Amulett-Hymnus: erst eine Bitte an die Aśvins um honigsüße Redegewandtheit, dann eine Reihe von Rivalen-vernichtenden Zaubersprüchen mit Indra-Vṛtra-Vergleichen. Mehrere Ausdrücke (ṛtanāsā sāḷhā, tigmajambhaḥ, anuvadī kīla iva) sind lexikalisch unsicher und typisch für die stark komprimierte Sprache solcher Schutz-/Zauberhymnen. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

jayendra śatrūñ jahi śūra dasyūn vṛtraṃ hatveva kuliśena vi vṛśca | augha iva śāpān pra ṇudāt sapatnāñ jahyāt sapatnān svadhitir iva neva ||11|| anu vṛśca madhyāt prati vṛśco 'pariṣṭād vi vṛśca | tvayā praṇuttān maghavann amitrān śūra riṣantam maruto 'nu yantu ||12|| tvāṃ rudrair hetibhiḥ pinvamānā indraṃ manvānā maruto juṣanta | suparṇāḥ kaṅkāḥ pra mṛśanto enān mahīyatām daṃṣṭrī vardhaneṣu ||13|| brahmaṇo 'ttasya maghavan pṛtanyato viṣvag indra bhaṅgāḥ patantu | mā jñātāram īśata mā pratiṣṭhāṃ mitho vighnānā upa yānti mṛtyum ||14|| agne yaśasvi yaśase sam arpayendravatīṃ suvarcāḥ sajātānām uttamaśloko astu ||15||

Siegreicher Indra, erschlage die Feinde, o Held, die Dasyus; wie du den Vṛtra erschlugst, so zerhaue [sie] mit dem Donnerkeil; wie eine Flut [die Verwünschungen forttreibt], vertreibe die Verwünschungen [und] Rivalen; erschlage die Rivalen wie mit einem Beil. Zerhaue [sie] von der Mitte her, zerhaue [sie] von vorn, zerhaue [sie] von hinten, zerhaue [sie] von oben. Den von dir vertriebenen Feinden, o Gabenreicher, dem schadenden Helden mögen die Maruts nachfolgen. Dich, mit den Rudra-Geschossen anschwellend, als Indra erkennend, mögen die Maruts sich erfreuen; die Adler [und] Reiher, [sie] berührend, mögen sie [die Feinde] in den Vermehrungen groß werden lassen, der Zahnbewehrte. Des Brahman [Schutz genießend], o Gabenreicher, mögen die gegen dich Kämpfenden ringsum in Stücke zerfallen, o Indra; nicht sollen sie einen Verwandten haben, nicht [festen] Stand; einander behindernd, gehen sie dem Tod entgegen. O Agni, ruhmvoll, festige zu Ruhm die Indra-gehörige [Kraft], glanzreich für die Verwandten – der höchste Ruhm möge sein.

Wort für Wort
jaya indra śatrūn jahi
siegreicher Indra, erschlage die Feinde
vṛtraṃ hatvā iva kuliśena vi vṛśca
wie du Vṛtra erschlugst, zerhaue mit dem Donnerkeil
anu vṛśca, prati vṛśca, vi vṛśca
zerhaue von hier, dort, überall
maghavan amitrān
o Gabenreicher [Indra], die Feinde
maruto 'nu yantu
die Maruts mögen nachfolgen
rudraiḥ hetibhiḥ pinvamānāḥ
mit den Rudra-Geschossen anschwellend
mā jñātāram īśata
sie sollen keinen Verwandten haben
mṛtyum upa yānti
gehen dem Tod entgegen
agne yaśasvi yaśase sam arpaya
o Agni, ruhmvoll, festige zu Ruhm

[?] [Anm.: Höhepunkt der Feind-vernichtenden Zaubersprüche mit stark komprimierter, an Kampfhymnen erinnernder Sprache (Zerhauen von allen Seiten, Rudra-Geschosse, Maruts); mehrere Wortformen (svadhitir iva neva, daṃṣṭrī vardhaneṣu, brahmaṇaḥ 'ttasya) bleiben unsicher übersetzt. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

bhadraṃ paśyanta upa sedur āgan tato dīkṣām ṛṣayaḥ svarvidaḥ | tataḥ kṣatram balam ojaś ca jātaṃ tad asmai devā abhi sam namantām ||16|| dhātā vidhātā paramota saṃdṛk prajāpatiḥ parameṣṭhī suvarccāḥ | stomāṃś chandāṃsi nivido ma āhur etasmai rāṣṭram abhi sam namantām ||17|| abhy ā vartadhvam upa sevatāgnim ayaṃ śāstādhipatir no astu | asya vijñānam anu saṃ rabhadhvam imam paścād anu jīvātha sarve ||18|| alardo nāma jāto 'si purā sūryāt taṃ tvā sapatnakṣayaṇaṃ vedāthā viṣṭambhajambhanam ||19|| nārdhe pramīyeta tared dviṣantaṃ kalpeta vākyam pṛtanāḥ saheta | pramāyukaṃ tasya dviṣantam āhur irāmaṇiṃ bailvaṃ yo bibhartti ||20||

Gutes erblickend, setzten sich [die Seher] nieder; darauf gelangten die himmelskundigen Seher zur Weihe. Daraus entstand Herrschermacht, Kraft und Stärke – dem möge sich Götter zuneigen. Der Schöpfer, der Anordner, und die höchste Allschau, Prajāpati, der Höchste, Glanzreiche – Lobpreisungen, Versmaße, Nivid-Sprüche haben mir [dies] verkündet; diesem möge sich das Reich zuneigen. Kehrt um, dient dem Feuer; dieser [Herrscher] sei unser Gebieter und Herr; folgt seiner Erkenntnis, haltet fest zusammen; ihm gemäß sollt ihr alle danach leben. 'Alarda' ist [dein] Name, geboren vor der Sonne; als diesen erkennt ihr [das Amulett], den Rivalen-Vernichter, den Widerstand-Zermalmenden. Er soll nicht zur Hälfte vergehen, [sondern] den Hasser überwinden; er möge [im] Wort bestehen, die Feindscharen überwältigen; als todbringend für seinen Hasser bezeichnen sie den, der das Irāmaṇi-Bilva[-Amulett] trägt.

Wort für Wort
bhadraṃ paśyantaḥ upa sedur
Gutes erblickend, setzten sie sich nieder
ṛṣayaḥ svarvidaḥ dīkṣām āgan
die himmelskundigen Seher gelangten zur Weihe
kṣatram balam ojaḥ jātam
Herrschermacht, Kraft, Stärke entstand
dhātā vidhātā prajāpatiḥ parameṣṭhī
Schöpfer, Anordner, Prajāpati, der Höchste
rāṣṭram abhi sam namantām
das Reich möge sich zuneigen
ayam śāstā adhipatiḥ naḥ astu
dieser sei unser Gebieter und Herr
alardo nāma jātaḥ asi purā sūryāt
'Alarda' ist dein Name, geboren vor der Sonne
sapatnakṣayaṇam viṣṭambhajambhanam
der Rivalen-Vernichter, Widerstand-Zermalmende
irāmaṇiṃ bailvaṃ yo bibhartti
wer das Irāmaṇi-Bilva-Amulett trägt

[?] [Anm.: Der Hymnus wechselt hier erkennbar zu einer Königsweihe-Thematik (dīkṣā, kṣatram, rāṣṭram, śāstādhipati 'Gebieter und Herr') und verschmilzt diese mit der Amulett-Verehrung – ein Hinweis darauf, dass dieser Zaubertext ursprünglich im Kontext einer königlichen Konsekration (vgl. Rājasūya) verortet war. Der Amulett-Name 'Alarda' erscheint nur hier. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

na sa śaptam aśnāti kilbiṣaṃ kṛtaṃ nainaṃ rāmaṇim bailvaṃ yo bibhartti | divyo varuṇo hanti bhītam nainaṃ kruddhaṃ manyavo 'bhi yantīrāmaṇim bailvaṃ yo bibhartti ||21|| nāsya tvacaṃ hiṃsati jātavedā na māṃsam aśnāti na hanti tāni | śatāyur asmiñ jaradaṣṭiḥ praitīrāmaṇim bailvaṃ yo bibhartti ||22|| nāsya prajā duṣyati jāyamānā na śailago bhavati na pāpakṛtyā | nānyan mithas tasya kuleṣu jāyata irāmaṇim bailvaṃ yo bibhartti ||23|| nāsyāpavādā na pravādakā gṛhe na saṃpatatryo na viveśa tasmai | nāsminn alakṣmīḥ kurute niveśanam irāmaṇim bailvaṃ yo bibhartti ||24|| nainaṃ rakṣo na piśāco hinasti na jambhako nāpy asuro na yakṣaḥ | na sūtikā tasya kuleṣu jāyata irāmaṇim bailvaṃ yo bibhartti ||25||

Nicht erleidet er verfluchte, begangene Schuld, wer das Irāmaṇi-Bilva[-Amulett] trägt. Der himmlische Varuṇa erschlägt den Furchtsamen nicht; nicht treffen ihn die Zornerregten [im Zorn], wer das Irāmaṇi-Bilva trägt. Nicht verletzt das Feuer (Jātavedas) seine Haut, [es] frisst sein Fleisch nicht, tötet jenes nicht; hundertjährig, im hohen Alter geachtet, geht er dahin, wer das Irāmaṇi-Bilva trägt. Nicht verdirbt seine Nachkommenschaft bei der Geburt, es entsteht kein Missgebildeter, keine Übeltat; nichts Fremdes wird in seinem Geschlecht geboren, wer das Irāmaṇi-Bilva trägt. Nicht [gibt es] Verleumdungen noch Verleumder in seinem Haus, keine unheilvollen Flugwesen dringen zu ihm ein; nicht richtet die Unglücksgöttin (Alakṣmī) sich in seinem Haus ein, wer das Irāmaṇi-Bilva trägt. Nicht verletzt ihn ein Unhold, kein Kobold, kein Jambhaka-Dämon, auch kein Asura, kein Yakṣa; keine Missgeburt entsteht in seinem Geschlecht, wer das Irāmaṇi-Bilva trägt.

Wort für Wort
na saḥ śaptam kilbiṣaṃ aśnāti
er erleidet keine verfluchte Schuld
irāmaṇim bailvaṃ yo bibhartti
wer das Irāmaṇi-Bilva trägt [Refrain]
divyaḥ varuṇaḥ bhītam na hanti
der himmlische Varuṇa erschlägt den Furchtsamen nicht
jātavedāḥ tvacaṃ na hiṃsati
das Feuer verletzt [seine] Haut nicht
śatāyuḥ jaradaṣṭiḥ praiti
hundertjährig, im Alter geachtet, geht er dahin
prajā jāyamānā na duṣyati
die Nachkommenschaft verdirbt bei der Geburt nicht
apavādāḥ pravādakāḥ gṛhe na
keine Verleumdungen/Verleumder im Haus
alakṣmīḥ niveśanam na kurute
die Unglücksgöttin richtet sich nicht ein
rakṣaḥ piśācaḥ jambhakaḥ asuraḥ yakṣaḥ na hinasti
Unhold, Kobold, Jambhaka, Asura, Yakṣa verletzen nicht

[Anm.: Klarste und am sichersten übersetzbare Passage des Hymnus: eine parallel aufgebaute Litanei der Schutzwirkungen des Bilva-Amuletts gegen Schuld, göttlichen Zorn, Feuer, frühen Tod, missratene Nachkommenschaft, Verleumdung, Unglück und dämonische Wesen (Rakṣas, Piśāca, Jambhaka, Asura, Yakṣa) – ein klassisches apotropäisches Formelmuster wie in vielen Atharvaveda-Hymnen. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

nainaṃ vyāghro na vṛko na dvīpī na śvāpadaṃ hiṃsati kiṃcanainam | na hastinaṃ kruddham upaiti bhītam irāmaṇim bailvaṃ yo bibhartti ||26|| nainaṃ sarpo na pṛdākur hinasti na vṛściko na tiraścīnarājiḥ | nainaṃ kṛṣṇo 'hir abhi saṃhatirāmaṇim bailvaṃ yo bibhartti ||27|| nainaṃ pramattaṃ varuṇo hinasti na makaro na grahaḥ śiṃśumāraḥ | pārāvārāc chivam asmai kṛṇotīrāmaṇim bailvaṃ yo bibhartti ||28|| pramāyukam asya dviṣantam āhuḥ puṣpam iva chinnaṃ saha bandhanena | ogha iva śāpān pra ṇudāt sapatnān irāmaṇim bailvaṃ yo bibhartti ||29|| ayam maṇiḥ pratisaro jāmbhya jīvāya badhyate | anenendro vṛtram ahann ṛṣiṇā ca manīṣiṇā ||30||

Nicht ein Tiger, nicht ein Wolf, nicht ein Leopard, kein Raubtier verletzt ihn irgendwie; nicht nähert sich ihm furchterregend ein zorniger Elefant, wer das Irāmaṇi-Bilva trägt. Nicht eine Schlange, kein Pṛdāku [Giftschlange], verletzt ihn, kein Skorpion, kein quergestreiftes [Untier]; nicht befällt ihn die schwarze Schlange, wer das Irāmaṇi-Bilva vereint trägt. Nicht, wenn er unachtsam ist, verletzt ihn Varuṇa, kein Krokodil, kein Ungeheuer, kein Śiśumāra [Gangesdelfin]; von jenseits und diesseits [der Gewässer] schafft er ihm Heil, wer das Irāmaṇi-Bilva trägt. Als todbringend für seinen Hasser bezeichnen sie [dieses Amulett] – wie eine abgeschnittene Blüte samt ihrer Bindung; wie eine Flut möge er die Verwünschungen [und] Rivalen forttreiben, wer das Irāmaṇi-Bilva trägt. Dieses Amulett, ein Gegenmittel, wird für den Lebenden am Kiefer/Zahn gebunden; mit diesem erschlug Indra den Vṛtra, zusammen mit dem weisen, gedankenreichen Seher.

Wort für Wort
na vyāghraḥ na vṛkaḥ na dvīpī hiṃsati
weder Tiger noch Wolf noch Leopard verletzt
hastinaṃ kruddham na upaiti bhītam
ein zorniger Elefant nähert sich nicht furchterregend
sarpaḥ pṛdākuḥ vṛścikaḥ na hinasti
Schlange, Giftschlange, Skorpion verletzen nicht
kṛṣṇaḥ ahiḥ na abhi
die schwarze Schlange befällt nicht
makaraḥ grahaḥ śiṃśumāraḥ na hinasti
Krokodil, Ungeheuer, Gangesdelfin verletzen nicht
pārāvārāt śivam kṛṇoti
schafft von jenseits und diesseits Heil
puṣpam iva chinnaṃ saha bandhanena
wie eine abgeschnittene Blüte samt Bindung
ayam maṇiḥ pratisaraḥ jīvāya badhyate
dieses Amulett wird für den Lebenden gebunden
indraḥ vṛtram ahan ṛṣiṇā manīṣiṇā
Indra erschlug Vṛtra mit dem weisen Seher

[?] [Anm.: Fortsetzung der Schutz-Litanei gegen wilde Tiere, Schlangen und Wassergefahren; schließt mit der Deutung des Amuletts als 'Gegenmittel' (pratisara) und dem Bezug zum Vṛtra-Mythos, der die kosmische Vorlage für die Wirksamkeit des Zaubers liefert. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

sahendra dviṣataḥ sahasvārātīḥ sahasva pṛtanāyataḥ | nāga iva pūrvapādābhyām abhi tiṣṭha pṛtanyataḥ ||31|| āgād ayam bailvo maṇiḥ sapatnakṣapaṇo vṛṣā | taṃ paśyanti kavayaḥ sarvavīrā yathā sapatnān samare saheyuḥ ||32|| anṛtaṃ me maṇau sūtram aśvinā api nahyatām | bailvaḥ sahasravīryo 'si mā te bhartā riṣam aham ||33|| ghṛtād ullupto madhumān payasvān dhanaṃjayo dharuṇo dhārayiṣṇuḥ | rujan sapatnān adharāṃś ca kṛṇvann ā roha māṃ mahate saubhagāya ||34|| prajāpate na tvad etāny anyo viśvā jātāni pari tā babhūva | yatkāmās te juhumas tan no astu vayaṃ syāma patayo rayīṇām ||35|| śāsa itthā mahāṁ asīti pañca ||

Bezwinge, o Indra, die Hasser, bezwinge die Feindschaften, bezwinge die Angreifer; wie ein Elefant mit den Vorderfüßen, so tritt gegen die Angreifer auf. Herangekommen ist dieses Bilva-Amulett, der Rivalen-Vernichter, der Stier [voller Kraft]; die Seher erblicken es, auf dass alle Helden ihre Rivalen im Kampf überwältigen mögen. Kein Falsches sei im Faden meines Amuletts; die Aśvins mögen [ihn] fest binden; du, Bilva[-Amulett], bist tausendkräftig; nicht möge ich, dein Träger, Schaden erleiden. Aus dem Butterschmalz aufgestiegen, honigreich, milchreich – der Schätzegewinner, der Tragende, der Erhaltende; die Rivalen zerschmetternd und niederwerfend, steige [empor] auf mich zu großem Glück. O Prajāpati, kein anderer außer dir hat alle diese Geschöpfe umfasst; was auch immer wir uns wünschend opfern, das möge uns zuteilwerden – wir mögen Herren der Reichtümer sein. – 'So, gebietend, bist du groß' – [dies sind] fünf [Verse].

Wort für Wort
saha indra dviṣataḥ
bezwinge, Indra, die Hasser
nāgaḥ iva pūrvapādābhyām abhi tiṣṭha
wie ein Elefant mit den Vorderfüßen, tritt auf
āgāt ayam bailvo maṇiḥ sapatnakṣapaṇaḥ vṛṣā
herangekommen ist dieses Bilva-Amulett, der Rivalen-Vernichter, der Stier
anṛtaṃ maṇau sūtram mā
kein Falsches sei im Amulett-Faden
bailvaḥ sahasravīryaḥ asi
du, Bilva, bist tausendkräftig
mā te bhartā riṣam aham
nicht möge ich, dein Träger, Schaden erleiden
[Verse 34-35 = Wiederholung von 12,2 Vers 7-8]
(wörtliche Wiederholung als Rahmenschluss)
śāsa itthā mahāṁ asi iti pañca
'so gebietend bist du groß' - fünf [Verse, Rubrik]

[?] [Anm.: Abschluss des Mantra-Corpus: erneute Indra-Elefanten-Anrufung, die Ankunft des Bilva-Amuletts als 'Stier'-Kraft, eine Bindungsformel mit den Aśvins, und schließlich eine wörtliche Wiederholung der Verse 7-8 aus 12,2 als rahmenden Abschluss. Die abschließende Rubrik 'śāsa itthā mahāṁ asīti pañca' ist eine schwer deutbare Ritual-Notiz (evtl. Verweis auf eine Gruppe von fünf Versen). Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

athāto maṇikalpaḥ | bhūtikāmaḥ puṣpeṇa trirātropoṣito jīvato hastino dantān mātrām uddhṛtyāgnim upasamādhāya parisamuhya paristīrya paryukṣya dakṣiṇaṃ jānv ācyottarato 'gneḥ kaṃse maṇiṃ kṛtvā hutvā homān maṇau saṃpātam ānayet | hastivarcasam ity etābhiḥ pratyṛcam aṣṭābhiḥ saptarātram madhusarpiṣor vāsayitvā trirātram ekāṃ vā badhnīyād ghṛtād ullupta ity etayarcā | ata evottaraṃ ṣaḍbhir hṛdayaśūlāgramaṇiṃ pratodāgramaṇiṃ vā muśalāgramaṇiṃ vā khadirasāramaṇiṃ vā māṃsaudane vāsayitvā trirātram ekaṃ vā badhnīyāt | ata evottaraṃ catasṛbhir vṛṣabhaśṛṅgāgramaṇiṃ ghṛtaudane vāsayitvā trirātram ekaṃ vā badhnīyāt | ata evottaram ekayairaṇḍamaṇiṃ tilaudane vāsayitvā trirātram ekaṃ vā badhnīyāt | ata evottaraṃ ṣoḍaśabhir bailvaṃ saptarātram madhusarpiṣor vāsayitvā trirātram ekaṃ vā badhnīyād ghṛtād ullupta ity etayarcā | ata evottaraṃ pañcabhir mahāvarāsyodohaṃ mudgaudane vāsayitvā trirātram ekaṃ vā badhnīyāc caktau sati prathamaṃ hastichāyāyāṃ vaiyāghre vāpi carmaṇy āsīno vāpi juhuyād āsīno vāpi juhuyāt || iti śāṅkhāyanāraṇyake dvādaśamo 'dhyāyaḥ ||

Nun aber die Amulett-Anleitung: Wer nach Gedeihen verlangt, soll, nachdem er drei Nächte lang, mit einer Blume [geschmückt], gefastet hat, von den Zähnen eines lebenden Elefanten ein Stück herausgelöst haben, das Feuer [rituell] herrichten, [es] rings bestreichen, [mit Gras] belegen, [mit Wasser] besprengen, das rechte Knie [zum Feuer] hinwendend, nördlich vom Feuer das Amulett in einem Kupfergefäß bereiten, opfern und die Opfergüsse zum Amulett zurückführen. Mit dem 'Hastivarcas'[-Hymnus, 12,1], Vers für Vers, achtfach [rezitierend], soll er [das Amulett] sieben Nächte lang in Honig und Butterschmalz einlegen, [dann] drei Nächte oder eine Nacht binden – mit dem Vers 'ghṛtād ullupta' [12,2,7]. Darauf, mit den folgenden sechs [Versen, 12,3], [ein Amulett aus] der Spitze eines Herz-Dorns, oder der Spitze eines Stachelstocks, oder der Spitze eines Stößels, oder aus Khadira-Kernholz, soll er in Fleisch-Reis einlegen und drei Nächte oder eine binden. Darauf, mit den folgenden vier [Versen, 12,4], [ein Amulett aus] der Spitze eines Stierhorns, in Ghī-Reis eingelegt, drei Nächte oder eine binden. Darauf, mit dem einen folgenden [Vers], ein Rizinus-Amulett, in Sesam-Reis eingelegt, drei Nächte oder eine binden. Darauf, mit den folgenden sechzehn [Versen, 12,5–12,7], das Bilva[-Amulett], sieben Nächte in Honig und Butterschmalz eingelegt, drei Nächte oder eine binden – mit dem Vers 'ghṛtād ullupta'. Darauf, mit den folgenden fünf [Versen], [ein Amulett aus] der 'großen Büffelkuh-Melkung', in Mungbohnen-Reis eingelegt, drei Nächte oder eine binden – und wenn dies vollzogen ist, soll er zuerst im Schatten eines Elefanten opfern, oder auf einem Tigerfell sitzend opfern, oder [einfach nur] sitzend opfern. – So endet im Śāṅkhāyana-Āraṇyaka der zwölfte Adhyāya.

Wort für Wort
maṇikalpaḥ
die Amulett-Anleitung
bhūtikāmaḥ trirātropoṣitaḥ
wer nach Gedeihen verlangt, drei Nächte gefastet
jīvataḥ hastinaḥ dantān mātrām uddhṛtya
von den Zähnen eines lebenden Elefanten ein Stück herausgelöst
hastivarcasam ity etābhiḥ pratyṛcam aṣṭābhiḥ
mit dem Hastivarcas-Hymnus, Vers für Vers, achtfach
madhusarpiṣoḥ vāsayitvā
in Honig und Butterschmalz eingelegt
hṛdayaśūlāgramaṇim, khadirasāramaṇim
Amulett aus Herz-Dorn-Spitze, Khadira-Kernholz
vṛṣabhaśṛṅgāgramaṇim
Amulett aus Stierhorn-Spitze
airaṇḍamaṇim tilaudane
Rizinus-Amulett in Sesam-Reis
bailvaṃ saptarātram
das Bilva[-Amulett], sieben Nächte
hastichāyāyām, vaiyāghre carmaṇi āsīnaḥ
im Elefantenschatten, auf Tigerfell sitzend
iti śāṅkhāyanāraṇyake dvādaśamo 'dhyāyaḥ
so endet der zwölfte Adhyāya

[?] [Anm.: Praktisches Herstellungs-Handbuch für insgesamt sechs verschiedene Schutzamulette (Elefantenzahn, Dornholz/Khadira, Stierhorn, Rizinus, Bilva, und ein aus 'großer Büffelkuh-Melkung' benanntes Material), jeweils mit spezifischer Verstrebung in Honig/Schmalz bzw. verschiedenen Reisgerichten und Rezitation der zugehörigen Versgruppen aus 12,1–12,7. Damit schließt der ungewöhnliche, ganz auf Mantra und Ritual ausgerichtete zwölfte Adhyāya. Einzelne Materialbezeichnungen (mahāvarāsyodoham) bleiben unsicher. Übersetzung ohne Fremdübersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet.]

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