Kapitel 1
Agnihotra: Grundlehre und die Kosmologie der Atem-Kräfte
Der erste Abschnitt entfaltet die Jaiminīya-eigene Kosmogonie der fünf Atem-Kräfte aus den Stadien des Feuerquirlens und erzählt, wie Prajāpati das ursprünglich jahrelange Opfer schrittweise bis zum täglichen Agnihotra verkürzte. Zentrale Bilder sind die beiden 'Wiedertod' abwehrenden Spenden von Tag und Nacht, die wechselseitige Selbstopferung von Agni und Āditya sowie die Lehre von den zwei Mutterschößen des Menschen; den Abschluss bildet das berühmte Gespräch zwischen König Janaka von Videha und Yājñavalkya über das wahre Wesen des Agnihotra.
tad āhuḥ kena juhoti kasmin hūyata iti. prāṇenaiva juhoti prāṇe hūyate. tad yad etad agnīn manthanti yajamānasyaiva tat prāṇān janayanti. tad yāvad vai manthanta na tarhi prāṇiti. araṇyor evāsya tarhi prāṇā bhavanti. tasya vai mathyamānasya bhasmāvaśīyate. annam evāsya taj jāyate. annaṃ ma etad ajanītya eva tad vidyāt. dhūmo ’nu ninardati. mana evāsya taj jāyate. mano ma etad ajanītya eva tad vidyāt. aṅgāro ’nu nirvartate. cakṣur evāsya taj jāyate. cakṣura ma etad ajanītya eva tad vidyāt. sa eṣo ’ṅgāra etāni bhasmāni grasate. yathā kumāro jātas stanam abhipadyeta tathā tiryaṅ visarpati. śrotram evāsya taj jāyate. śrotraṃ ma etad ajanīty eva tad vidyāt. upari tṛṇāni dhunoti. prāṇa evāsya sa jāyate. prāṇo ma eṣo ’janīty eva tad vidyāt. bhā ity uddīpyate. vāg evāsya sā jāyate. vāṅ ma eṣājanītya eva tad vidyāt. sa etān pañca prāṇān janayate. tāṃs tredhā vyūhya devān kṛtvā teṣu juhvad ā te. devā haivāsya devā bhavanti. ime tv evāsya devā bhavanti yeṣu juhvad āsta
Dazu sagt man: »Womit opfert man, worein wird geopfert?« Einzig durch den Atem opfert man, in den Atem wird geopfert.
Wenn man dabei die Feuer erquirlt, erzeugt man eben damit die Atem-Kräfte des Opferherrn selbst. Solange man quirlt, atmet er ja noch nicht; solange sind seine Atem-Kräfte eben in den beiden Reibhölzern.
Während es gequirlt wird, bleibt Asche zurück: Das eben ist ihm die Speise, die da entsteht. »Das ist mir hier als Speise entstanden« – so soll man es erkennen.
Der Rauch dröhnt hinterher auf: Das eben ist ihm das Denken, das da entsteht. »Das ist mir hier als Denken entstanden« – so soll man es erkennen.
Die Glut bildet sich hinterher: Das eben ist ihm das Auge, das da entsteht. »Das ist mir hier als Auge entstanden« – so soll man es erkennen.
Diese Glut verzehrt die Asche; wie ein neugeborenes Kind sich der Brust zuwendet, so kriecht sie seitwärts: Das eben ist ihm das Ohr, das da entsteht. »Das ist mir hier als Ohr entstanden« – so soll man es erkennen.
Sie schüttelt oben die Grashalme: Das eben ist ihm der Atem, der da entsteht. »Das ist mir hier als Atem entstanden« – so soll man es erkennen.
Mit einem »Bhā!« flammt sie auf: Das eben ist ihm die Rede, die da entsteht. »Das ist mir hier als Rede entstanden« – so soll man es erkennen.
So erzeugt es diese fünf Atem-Kräfte. Indem man sie dreifach ordnet, zu Göttern macht und opfernd in ihnen sitzt [?], werden ihm die Götter zu [seinen] Göttern; eben diese hier werden ihm zu Göttern, in die hinein er opfernd gesessen hat.
[Anm.: Die Ableitung der fünf Atem-Kräfte (Speise/Nahrung, Denken, Auge, Ohr, Atem, Rede – hier tatsächlich sechs Glieder, von denen fünf als "Atem-Kräfte" zusammengefasst werden) aus den Stadien des Feuerquirlens ist eine eigenständige, der Jaiminīya-Schule eigentümliche Kosmogonie; vgl. die verwandte, aber anders aufgebaute Fünf-Atem-Kosmogonie in der Jaiminīya-Upaniṣad-Brāhmaṇa 4.22.]
tad yad āhuḥ -- kena juhoti kasmin hūyata iti -- prāṇenaiva juhoti prāṇe hūyate. tad etad annaṃ prāṇe juhoti. sa eṣo ’nnaṃ kāmayamāna imān hi prāṇān abhi vardhayamānas teṣu juhvad āste. athaitad dha vāva brāhmaṇasya svar yad dhaviḥ. tad ātman nidhatta eṣva amṛteṣu prāṇeṣu. tad asyātman nihitaṃ na pramīyate. tad yadā vai mana utkrāmati yadā prāṇo yadā cakṣur yadā śrotraṃ yadā vāg etān evāgnīn abhigacchati. athāsyedaṃ śarīram eteṣva evāgniṣv anupravidhyanti asmād vai tvam ajāyathā eṣa tvaj jāyatāṃ svāhā iti. so ’ta āhutimayo manomayaḥ prāṇamayaś cakṣurmayaś śrotramayo vāṅmaya ṛṅmayo yajurmayas sāmamayo brahmamayo hiraṇmayo ’mṛtas saṃbhavati. amṛtā haivāsya prāṇā bhavanti. amṛtaśarīram idaṃ kurute. so ’mṛtatvaṃ gacchati ya evaṃ vidvān agnihotraṃ juhoti
Wenn man dazu sagt – »Womit opfert man, worein wird geopfert?« –, so gilt: Einzig durch den Atem opfert man, in den Atem wird geopfert. Das heißt: Man opfert diese Speise in den Atem. Wer sich so die Speise wünscht, sitzt eben opfernd in diesen Atem-Kräften, indem er sie mehrt. Nun ist eben dies dem Brahmanen sein Himmelslicht, nämlich das Opfergut: Das legt er sich in diese unsterblichen Atem-Kräfte, in sich selbst hinein. Was ihm so in sich selbst hinterlegt ist, geht nicht verloren.
Wenn nun das Denken entweicht, wenn der Atem, wenn das Auge, wenn das Ohr, wenn die Rede entweicht – dann gehen sie eben zu diesen Feuern ein. Dann durchbohrt man diesen seinen Leib eigens in diesen Feuern: »Aus diesem bist du geboren, aus diesem soll jener neu geboren werden, svāhā!« So entsteht er, aus der Opferspende bestehend, aus Denken, aus Atem, aus Auge, aus Ohr, aus Rede, aus dem Ṛc-Vers, aus dem Opferspruch, aus dem Sāman, aus dem Brahman, aus Gold bestehend, unsterblich. Unsterblich werden ihm da seine Atem-Kräfte; er macht sich diesen Leib unsterblich. Zur Unsterblichkeit gelangt, wer so wissend das Agnihotra darbringt.
prajāpatis sahasrasaṃvatsaram āsta. sa sapta śatāni varṣāṇāṃ samāpyemām eva jitim ajayad yāsyeyaṃ jitis tām. sa svargaṃ lokam ārohan devān abravīd etāni yūyaṃ trīṇi śatāni varṣāṇāṃ samāpayātheti. tatheti. te trīṇi śatāni varṣāṇāṃ samāpya tām u eva jitim ajayan yāṃ prajāpatir ajayat. ta ete sarva eva prajāpatimātrā ayāmayām? iti. te ’bruvan devaśarīrair vā idam amṛtaśarīrais samāpāma na vā idaṃ manuṣyās samāpsyanti. etemaṃ yajñaṃ saṃbharāmeti. taṃ saṃvatsaram abhisamabharan. te ’bruvan mahad vā idaṃ sam eva bharāmeti. taṃ dvādaśāham abhisamabharan. te ’bruvan mahad vā idaṃ sam eva bharāmeti. te pṛṣṭhyaṃ ṣaḍaham abhisamabharan. te ’bruvan mahad vā idaṃ sam eva bharāmeti
Prajāpati verharrte tausend Jahre. Er, der siebenhundert Jahre davon vollendet hatte, gewann [schon da] jenen Siegespreis, um den es bei dieser [ganzen Anstrengung] ging. [?]
Als er zur Himmelswelt aufstieg, sprach er zu den Göttern: »Vollendet ihr diese dreihundert Jahre!« – »So sei es.« Sie vollendeten die dreihundert Jahre und gewannen eben denselben Siegespreis, den Prajāpati gewonnen hatte. [Da fragten sie sich:] »Sind wir damit nicht alle Prajāpati gleich geworden?« [?]
Sie sprachen: »Wir vollenden dies zwar mit unsterblichen, göttlichen Leibern; Menschen aber werden dies nicht vollenden können. Wohlan, lasst uns dieses Opfer entsprechend zusammenstellen!« Sie stellten es zum Jahresopfer zusammen. Sie sprachen: »Das ist noch zu groß« – und stellten es zum Zwölftage-Opfer zusammen. Sie sprachen: »Das ist noch zu groß« – und stellten es zum sechstägigen Pṛṣṭhya-Opfer zusammen. Sie sprachen: »Das ist noch immer zu groß« –
[Anm.: Das "?" an dieser Stelle steht bereits so in der digitalen Textvorlage und wurde beibehalten (vgl. Vorwort). Die schrittweise Verkürzung eines ursprünglich jahrelangen Opfers bis hinab zum täglichen Agnihotra (fortgesetzt in 1.4) ist ein auch aus anderen Sāmaveda-Brāhmaṇas (Pañcaviṃśa-Brāhmaṇa) bekanntes Erzählmuster.]
taṃ trirātraṃ taṃ dvirātraṃ tam aptoryāmaṃ tam atirātraṃ taṃ vājapeyaṃ taṃ ṣoḍaśinaṃ tam ukthyaṃ tam agniṣṭomaṃ tam iṣṭipaśubandhāṃs taṃ cāturmāsyāni taṃ darśapūrṇamāsau tam ete agnihotrāhutī abhisamabharan. so ’to na parājayate. tad vā aparājitaṃ yad agnihotram. na ha vai parājayate ya evaṃ veda. sa yat purastād apa upaspṛśati -- satyaṃ vā āpas satyaṃ dīkṣā -- dīkṣaivāsya sā. agnir jyotir jyotir agnis svāhā ity aṣṭākṣareṇa juhoti. aṣṭākṣarā gāyatrī. tad eva prātaḥsavanam. manasā niṣkevalyenottarām āhutiṃ juhoti. tad eva mādhyaṃdinaṃ savanam. upamṛṣṭe prāśnāti. tad eva tṛtīyasavanam. lelihitam iva hi tat tṛtīya savanam. upariṣṭād apa upaspṛśati. avabhṛtha evāsya saḥ. sa yad ete sāyamāhutī juhoty etābhyām evāsyāhutibhyāṃ sarvair etair yajñakratubhir iṣṭaṃ bhavati. atha yad ete prātarāhutī juhoty etābhyām evāsyāhutibhyāṃ sarvair etair yajñakratubhir iṣṭaṃ bhavati. tad etad aparyantaṃ yad agnihotram
– zum Dreinächte-, zum Zweinächte-Opfer, zum Aptoryāma, zum Atirātra, zum Vājapeya, zum Ṣoḍaśin, zum Ukthya, zum Agniṣṭoma, zu den Iṣṭi- und Tieropfern, zu den Cāturmāsya-Opfern, zum Neu- und Vollmondopfer stellten sie es zusammen – bis sie zuletzt diese beiden Agnihotra-Trankopfer zusammenstellten. Von da an wird er nicht mehr überboten: Unüberboten nämlich ist das Agnihotra. Nicht wird überboten, wer dies weiß.
Dass man vorher die Wasserberührung vollzieht – Wahrheit sind ja die Gewässer, Wahrheit ist die Weihe –, eben diese Berührung ist ihm die Weihe.
Mit der achtsilbigen Formel »Agni ist das Licht, das Licht ist Agni, svāhā!« opfert man; achtsilbig ist auch die Gāyatrī – das eben ist wie die Morgenpressung. Mit dem Denken allein, ohne Begleitformel, opfert man die zweite Spende – das eben ist wie die Mittagspressung. Wenn die Gefäße gereinigt sind, isst man den Rest – das eben ist wie die dritte Pressung; gleichsam leckend nämlich ist diese dritte Pressung.
Danach vollzieht man wieder die Wasserberührung: Eben dies ist ihm das Abschlussbad.
Dass man diese beiden abendlichen Spenden darbringt: eben durch diese beiden Spenden ist ihm mit all diesen Opferhandlungen geopfert.
Und dass man diese beiden morgendlichen Spenden darbringt: eben durch diese beiden Spenden ist ihm mit all diesen Opferhandlungen geopfert.
So ist dieses Agnihotra ohne Ende an Verdienst.
[Anm.: Agniṣṭoma, Ukthya, Ṣoḍaśin, Atirātra und Aptoryāma sind die fünf stufenweise erweiterten Grundformen des Soma-Opfers, s. Glossar.]
atha paśukāmas sāyaṃ paśuṣu sameteṣv agnihotraṃ juhuyāt. brahma vā agnihotram. brahmaṇaivaitat paśūn parigṛhṇāti. avisṛṣṭeṣu prātaḥ. brahma vā agnihotram. brahmaṇaivaitat paśūn parigṛhṇāti. sa etān brahmaṇobhayataḥ paśūn parigṛhṇīte. ava paśūn runddhe. bahupaśur bhavati. atha svargakāmaḥ dvau samudrāv acaryau vitatau mahāntāv āvarīvartete caryeva pādau iti. dvau heva samudrāva acaryāv ahaś caiva rātriś ca. te ye naktaṃ juhvati rātrim eva te samudraṃ praviśanti. atha ya udite juhvaty ahar eva te samudraṃ praviśanti. tayor vā etayor atyayanam asti yathā vaiṣavaṃ vā syāt setor vā saṃkramaṇam. astam ite purā tamisrāyai suvyuṣṭāyāṃ purodayāt
Wer sich Vieh wünscht, opfere abends das Agnihotra, wenn das Vieh im Stall versammelt ist. Brahman ist das Agnihotra: eben durch das Brahman umfängt er damit das Vieh. Und er opfere es morgens, bevor es wieder hinausgelassen ist: Brahman ist das Agnihotra, eben durch das Brahman umfängt er damit das Vieh. So umfängt er dieses Vieh von beiden Seiten durch das Brahman; er schließt das Vieh gleichsam ein. Er wird viehreich.
Wer sich die Himmelswelt wünscht, spreche: »Zwei unbefahrbare Meere, ausgebreitet, gewaltig, wälzen sich hin und her wie zwei tastende Füße.« Zwei unbefahrbare Meere nämlich sind Tag und Nacht. Die, welche das Agnihotra bei Nacht opfern, gehen eben in das Meer der Nacht ein; die es nach Sonnenaufgang opfern, gehen eben in das Meer des Tages ein. Zwischen diesen beiden aber gibt es einen Übergang, wie eine Furt oder einen Steg zum Hinüberschreiten: nach Sonnenuntergang, noch vor der tiefsten Finsternis, aber schon nach dem ersten Aufleuchten der Dämmerung, vor Sonnenaufgang.
[Anm.: Gemeint ist ein schmales rituelles Zeitfenster in der Dämmerung, das weder ganz der Nacht noch ganz dem Tag angehört.]
atho haitau śyāmaśavalāv eva yad ahorātre. ahar vai śavalo rātriś śyāmaḥ. te ye naktaṃ juhvati rātrim eva te śyāmaṃ praviśanti. atha ya udite juhvatya ahar eva te śabalaṃ praviśanti. tayor etad evātyayanam, astam ite purā tamisrāyai suvyuṣṭāyāṃ purodayāt. atho haiṣu savitaiva dyumnaḥ. savitā vai prajāpatiḥ prajāpatir viśve devāḥ. prajāpatāv evāsya tad viśveṣu deveṣu hutaṃ bhavati. tad etat prājāpatyaṃ yad agnihotram. atha yad etat prātaḥ prabhāti, etasmin vai dyumne prajāḥ prajanayāṃcakāra. savitā vai prajāpatiḥ prajāpatir viśve devāḥ, prajāpatāv evāsya tad viśveṣu deveṣu hutaṃ bhavati. tad etad vaiśvadevaṃ yad agnihotram. atho haitad ahorātre evaṃmukhaṃ saṃdhattaḥ. annaṃ vā agnihotram. annādyam evaitad ahorātrayor mukhato ’pidadhāti. evam eva punaḥ prātas saṃdhattaḥ. annaṃ vā agnihotram. annādyam evaitad ahorātrayor mukhato ’pidhāyaitau punarmṛtyū atimucyate yad ahorātre
Und diese beiden, Tag und Nacht, sind eben der scheckige und der dunkle [Hund]. Der Tag ist der scheckige, die Nacht der dunkle. Die, welche bei Nacht opfern, gehen eben in den dunklen ein; die nach Sonnenaufgang opfern, gehen eben in den scheckigen ein. Zwischen beiden aber liegt eben jener Übergang: nach Sonnenuntergang, noch vor der Finsternis, nach gutem Aufleuchten, vor Sonnenaufgang.
Und in diesen Zeiten ist eben Savitṛ der Lichtglanz. Savitṛ nämlich ist Prajāpati, Prajāpati sind die All-Götter; in Prajāpati eben ist ihm damit den All-Göttern geopfert. So gehört dieses Agnihotra dem Prajāpati.
Und wenn es hier morgens hell wird: In diesem Lichtglanz eben hat er die Geschöpfe erzeugt. Savitṛ ist Prajāpati, Prajāpati sind die All-Götter; in Prajāpati eben ist ihm damit den All-Göttern geopfert. So gehört dieses Agnihotra den All-Göttern.
Und so verschließen Tag und Nacht gleichsam ihren Mund. Speise ist das Agnihotra: eben damit verschließt man Tag und Nacht den Mund mit Speise und Essbarem. Ebenso verschließt man ihn wieder morgens: Speise ist das Agnihotra, eben damit verschließt man Tag und Nacht den Mund mit Speise und Essbarem, und entrinnt so diesen beiden Wiedertoden, die Tag und Nacht sind.
[Anm.: "Der scheckige und der dunkle Hund" spielt auf die beiden vieräugigen Hunde des Totengottes Yama an (Śyāma und Śabala), die nach Ṛgveda 10.14 die Verstorbenen auf ihrem Weg geleiten. "Wiedertod" (punarmṛtyu) – die Vorstellung eines im Jenseits drohenden zweiten, endgültigen Todes, dem man nur durch rechtes Ritualwissen entgeht – ist ein Grundmotiv der Brāhmaṇa-Literatur; vgl. den Wettstreit zwischen Prajāpati und dem Tod darum in der Jaiminīya-Upaniṣad-Brāhmaṇa 2.]
asau vā ādityo ’staṃ yan ṣoḍhā vimrocati. vyamrucad iti ha sma vā etaṃ pūrve purāṇina ācakṣate. athaitarhi nyamrucad iti. sa vā eṣo ’staṃ yan brāhmaṇam eva śraddhayā praviśati payasā paśūṃs tejasāgnim ūrjauṣadhī rasenāpas svadhayā vanaspatīn. sa yad brāhmaṇo ’gnihotrapātrāṇi nirṇenekti yat pariceṣṭati yayaivainaṃ śraddhayā praviṣṭo bhavati tām evāsmiṃs tat saṃbharati. atha yat payo duhanti yena payasā paśūn praviṣṭo bhavati tad evāsmiṃs tat saṃbharati. atha yad aṅgārān nirūhati yena tejasāgniṃ praviṣṭo bhavati tad evāsmiṃs tat saṃbharati. atha yat tṛṇenāvadyotayati yayorjauṣadhīḥ praviṣṭo bhavati tām evāsmiṃs tat saṃbharati. atha yad apaḥ pratyānayati yena rasenāpaḥ praviṣṭo bhavati tam evāsmiṃs tat saṃbharati. atha yat samidham abhyādadhāti yayā svadhayā vanaspatīn praviṣṭo bhavati tām evāsmiṃs tat saṃbharati
Wenn jene Sonne dort untergeht, löst sie sich sechsfach auf. Die Alten, die Vorzeitlichen, sagten dazu einst »sie löste sich auf«, heutzutage aber sagt man »sie sank hinab«.
Diese Sonne nämlich geht, indem sie untergeht, durch den Glauben in den Brahmanen ein, durch die Milch in das Vieh, durch den Glanz in das Feuer, durch die Kraft in die Pflanzen, durch den Saft in die Gewässer, durch die Opferkraft in die Bäume.
Dass der Brahmane die Agnihotra-Gefäße reinigt und pflegt: eben damit sammelt er in diesem Feuer denselben Glauben, durch den sie in ihn eingegangen ist.
Und dass man Milch melkt: eben damit sammelt er in diesem dieselbe Milch, durch die sie in das Vieh eingegangen ist.
Und dass man die Glut heraushebt: eben damit sammelt er in diesem denselben Glanz, durch den sie in das Feuer eingegangen ist.
Und dass man mit einem Grashalm die Flamme aufleuchten lässt: eben damit sammelt er in diesem dieselbe Kraft, durch die sie in die Pflanzen eingegangen ist.
Und dass man Wasser zurückholt: eben damit sammelt er in diesem denselben Saft, durch den sie in die Gewässer eingegangen ist.
Und dass man Brennholz auflegt: eben damit sammelt er in diesem dieselbe Opferkraft, durch die sie in die Bäume eingegangen ist.
[Anm.: Die sechsfache "Auflösung" der untergehenden Sonne wird auf sechs Paare von Trägersubstanz und Empfänger verteilt (Glaube/Brahmane, Milch/Vieh, Glanz/Feuer, Kraft/Pflanzen, Saft/Gewässer, Opferkraft/Bäume); die einzelnen Handgriffe beim abendlichen Agnihotra sammeln diese verstreuten Kräfte der Sonne im Opferfeuer wieder ein.]
tam evaṃ saṃbhṛtya sāyaṃ juhoti. sa tāṃ garbhakṛto rātriṃ vasati. evam eva punas saṃbhṛtya prātar juhoti. taṃ janayati. so ’sya jāyamāna eva sarvaṃ pāpmānam apahanti. devā vai prajāpater ajāyanta. eṣa u evaṃvido jāyate. sa yāvantaṃ prajāpatir lokam ajayat tāvantaṃ jayati. atho hekṣata ’yaṃ vāva mām anuṣṭhyā saṃbharati hantāyaṃ sāṅgas satanur avihruto jarasaṃ gacchatv iti. sa ha sāṅga eva satanur avihruto jarasaṃ gacchati. atho hekṣate ’yaṃ vāva mām anuṣṭhyā vad hantemam evāviśānīti. sa haivaṃvidam evāviśati. sa eṣa vā eko vīro ya eṣa tapaty eṣa indra eṣa prajāpatiḥ. etasmin hāsya tad dhutaṃ bhavati ya evaṃ vidvān agnihotraṃ juhoti
Nachdem er sie so gesammelt hat, opfert er abends. Er verbringt jene Nacht wie einer, der einen Keim gezeugt hat. Ebenso sammelt er wieder und opfert morgens: Dadurch erzeugt er sie neu. Indem sie ihm da geboren wird, vertreibt sie all sein Übel. Die Götter wurden ja aus Prajāpati geboren; ebenso wird sie täglich neu geboren, wer dies weiß. Er gewinnt so viel von der Welt, wie Prajāpati gewann.
Und sie denkt: »Dieser da sammelt mich eigens durch seinen Vollzug; wohlan, er soll mit heilen Gliedern, heilem Leib, unversehrt zum Greisenalter gelangen!« Und so gelangt er mit heilen Gliedern, heilem Leib, unversehrt zum Greisenalter.
Und sie denkt weiter: »Dieser da ruft mich eigens durch seinen Vollzug; wohlan, ich will eben in ihn eingehen!« Und so geht sie eben in den ein, der dies weiß.
Dieser eine Held eben ist es, der dort glüht: das ist Indra, das ist Prajāpati. In ihm eben ist ihm dann geopfert, der so wissend das Agnihotra darbringt.
yad dha vā ahnā pāpaṃ kriyata ādityas tat kārayati. yad rātryāgnis tat. tāv abrūtām itthaṃ ced vai bhaviṣyāvo na vai tarhi śakṣyāvaḥ prajā bhartum. hantānnam evāsāvānyonyasminn evātmānaṃ juhavāveti. sa yad ādityo ’stam ety agnāv eva tad ātmānaṃ juhoti. sa yat kiṃ cādityo ’hnā pāpaṃ karoti tad asyāgnī rātryāpahanti. ādityam udyantam agnir anūdeti. āditya eva tad ātmānaṃ juhoti. sa yat kiṃ cāgnau rātryā pāpaṃ karoti tad asyādityo ’hnāpahanti. sa yathāhir ahicchavyai nirmucyeta yathā muñjād iṣīkāṃ vivṛhed evam eva sarvasmāt pāpmano nirmucyate sa ya evaṃ vidvān agnihotraṃ juhoti
Was am Tag an Übel getan wird, das lässt Āditya geschehen; was in der Nacht an Übel getan wird, das lässt Agni geschehen. Die beiden sprachen: »Wenn es so bliebe, könnten wir die Geschöpfe nicht länger tragen. Wohlan, lasst uns einander gegenseitig unser Selbst opfern!« Wenn nun Āditya untergeht, opfert er eben sein Selbst in Agni; was Āditya da tagsüber an Übel tut, das vertreibt ihm Agni während der Nacht.
Wenn Āditya aufgeht, geht Agni ihm nach; eben Āditya opfert dann sein Selbst. Was Agni da während der Nacht an Übel tut, das vertreibt ihm Āditya während des Tages. Wie eine Schlange sich aus ihrer Haut löst, wie man den Schilfhalm aus dem Rohr herauszieht, ebenso löst er sich von allem Übel, wer so wissend das Agnihotra darbringt.
sāyamāhutyaiva yat kiṃ cāhnā pāpaṃ karoti tad asyāgnī rātryāpahanti. prātarāhutyaiva yat kiṃ ca rātryā pāpaṃ karoti tad asyādityo ’hnāpahanti. sa yathāhir ahicchavyai nirmucyeta yathā muñjād iṣīkāṃ vivṛhed evam eva sarvasmāt pāpmano nirmucyate. tad yathā hiraṇye dhmāte na kaś cana nyaṅgaḥ pāpmā pariśiṣyata evaṃ haivāsmin na kaśa cana nyaṅgaḥ pāpmā pariśiṣyate ya evaṃ vidvān agnihotraṃ juhoti
Eben durch die Abendspende vertreibt ihm Agni, was er tagsüber an Übel tut; eben durch die Morgenspende vertreibt ihm Āditya, was er in der Nacht an Übel tut. Wie eine Schlange sich aus ihrer Haut löst, wie man den Schilfhalm aus dem Rohr herauszieht, ebenso löst er sich von allem Übel. Wie beim Schmelzen von Gold kein Makel an Übel zurückbleibt, ebenso bleibt an dem, der so wissend das Agnihotra darbringt, kein Makel an Übel zurück.
atha ha smāha nagarī jānaśruteyo ’sau vā ādityo ’staṃ yann agnim eva yoniṃ praviśatīti. sa yad ete sāyamāhutī juhoty etasyaiva tad ādityasya pṛṣṭhe pratitiṣṭhati. yathobhayāpadī pratitiṣṭhet tādṛk tat. atha yad ete prātarāhutī juhoty utthāpayaty evainaṃ tābhyām. sa yathā hastī hastyāsanam upary āsīnam ādāyottiṣṭhed evam evaiṣā devataitad vidvāṃsaṃ juhvatam ādāyodaiti. sainaṃ taṃ lokaṃ gamayati ya etasyai yataḥ paraṃ nāsti. sa yat kiṃ ca parācīnam ādityāt tad amṛtaṃ tad abhijayati. atha yad arvācīnam ādityād ahorātre tad upamathnītām ito yathā reṣmṇopamathnyād evam. bahavo ha vā ādityāt parāñco lokāḥ. te ’sya sarva āptā bhavanti te jitāḥ. teṣv asya sarveṣu kāmacāro bhavati ya evaṃ vidvān agnihotraṃ juhoti
Dazu sprach einst Nagarī Jānaśruteya: »Wenn jene Sonne untergeht, geht sie eben in Agni als ihren Mutterschoß ein.«
Dass man diese beiden abendlichen Spenden darbringt: damit steht man eben auf dem Rücken jener Sonne selbst; wie einer, der sicher auf beiden Füßen steht, so ist das.
Und dass man diese beiden morgendlichen Spenden darbringt: damit richtet man sich eben durch sie auf. Wie ein Elefant sich erhebt und dabei den, der oben auf dem Elefantensitz sitzt, mit sich nimmt, ebenso nimmt diese Gottheit den, der dies weiß und opfert, mit sich und steigt auf.
Sie führt ihn eben zu jener Welt, über die hinaus es für sie nichts Höheres mehr gibt. Was jenseits der Sonne liegt, das ist unsterblich; das erringt er. Was diesseits der Sonne liegt, Tag und Nacht, das zehrt sich von selbst auf [?], wie durch Verschleiß aufgezehrt. Viele Welten nämlich liegen jenseits der Sonne; die alle werden ihm erreichbar, die sind gewonnen. In ihnen allen hat freie Bewegung nach Belieben, wer so wissend das Agnihotra darbringt.
[Anm.: Die knappe Wendung über das "Diesseits der Sonne" (upamathnītām... reṣmṇā) bleibt im Wortlaut unsicher; dem Sinn nach steht ihr endgültiges Erringen des Jenseitigen der bloßen Abnutzung des Diesseitigen (Tag und Nacht) gegenüber.]
devā vai mṛtyunā samayatanta. sa yo ha sa mṛtyur agnir eva saḥ. te ’bruvann ete ’muṃ jigīṣāmeti. te ’bruvann ājyāhutiṃ juhuvāma tayainaṃ jigīṣāmeti. tatheti. ta ājyāhutim ajuhavuḥ. tām annam akuruta tāṃ pratyudadīpyata. tasmād yatrājyāhutiṃ juhvati pratyuddīpyata eva. te ’bruvan paśvāhutiṃ juhavāma tayainaṃ jigīṣāmeti. tatheti. te paśum ālabhya medas samavadāya paśvāhutim ajuhavuḥ. tām annam akuruta tāṃ pratyudadīpyata. tasmād yatra paśvāhutiṃ juhvati pratyuddīpyata eva. te ’bruvan kṣīrāhutiṃ juhavāma tayainaṃ jigīṣāmeti. tatheti te kṣīrāhutim ajuhavuḥ. tayainam ajayan. tasmād yatra kṣīrāhutiṃ juhvaty aṅgārā eva bhavanti. te ’bruvann ajeṣu vā enam annena hantānapajayyaṃ jigīṣāmeti
Die Götter gerieten mit dem Tod in Streit. Dieser Tod, das war eben Agni. Sie sprachen: »Wir wollen jenen dort besiegen.« Sie sprachen: »Lasst uns eine Ghee-Spende darbringen, um ihn damit zu besiegen.« – »So sei es.« Sie brachten die Ghee-Spende dar; sie machten sie zu Speise, sie flammte dadurch nur heller auf. Deshalb flammt es stets heller auf, wo man eine Ghee-Spende darbringt.
Sie sprachen: »Lasst uns eine Tier-Spende darbringen, um ihn damit zu besiegen.« – »So sei es.« Sie nahmen ein Tier, sonderten das Fett ab und brachten die Tier-Spende dar; sie machten sie zu Speise, sie flammte dadurch nur heller auf. Deshalb flammt es stets heller auf, wo man eine Tier-Spende darbringt.
Sie sprachen: »Lasst uns eine Milch-Spende darbringen, um ihn damit zu besiegen.« – »So sei es.« Sie brachten die Milch-Spende dar; damit besiegten sie ihn teilweise. Deshalb entstehen, wo man die Milch-Spende darbringt, nur noch Kohlen statt heller Flamme.
Sie sprachen: »Wohlan, mit Speise wollen wir den, der unter den Ungeborenen [?] unbesiegbar ist, gänzlich besiegen« –
[Anm.: Die genaue Bedeutung von "ajeṣu" ("unter den Ungeborenen" oder, mit anderer Worttrennung, "unter den Böcken") an dieser Stelle bleibt unsicher.]
te ’bruvan somāhutiṃ juhavāma tayainaṃ jigīṣāmeti. tatheti. te somenāyajanta. te somāhutim ajuhavuḥ. tayainaṃ prājayan. tasmād yatra somāhutiṃ juhvatya aṅgārā eva bhavanti. sa ya evaṃ vidvān ājyāhutiṃ ca paśvāhutiṃ juhoti priyam evāsya tena dhāmopagacchati. atha yat kṣīrāhutiṃ juhoti jayaty evainaṃ tena. atha yat somāhutiṃ juhoti yathā jitvā prajayet tādṛk tat. sa etau punarmṛtyū atimucyate yad ahorātre
– sie sprachen: »Lasst uns eine Soma-Spende darbringen, um ihn damit zu besiegen.« – »So sei es.« Sie opferten mit Soma; sie brachten die Soma-Spende dar und besiegten ihn damit vollständig. Deshalb entstehen, wo man die Soma-Spende darbringt, eben nur noch Kohlen.
Wer so wissend die Ghee-Spende und die Tier-Spende darbringt, gelangt damit eben zu seiner, des Todes, lieben Stätte. Und dass man die Milch-Spende darbringt: damit besiegt man ihn eben. Und dass man die Soma-Spende darbringt: das ist, wie wenn man nach dem Sieg sich fortpflanzt. So entrinnt er diesen beiden Wiedertoden, die Tag und Nacht sind.
[Anm.: Der hier erzählte sechsstufige Wettstreit der Götter mit dem Tod (Agni) um dessen Bezwingung durch aufeinanderfolgende Opfergaben ist strukturell dem Wettstreit zwischen Prajāpati und dem Tod um die Sechserweihe in der Jaiminīya-Upaniṣad-Brāhmaṇa 2 verwandt.]
Das Zusammentreffen der Soma-Spende.
»Dir für den Atem!« – so legt man das Brennholz auf. »Im Ausatem habe ich das Unsterbliche niedergelegt, svāhā!« – so opfert man.
Dann berührt man den Opferlöffel: »Das Herz ist das Hingehen, das Denken die Fortdauer, das Auge das Sich-Neigen, das Ohr das Herannahen, die Rede das Ankommen. Zugewandt, den Göttern lieb, ist das Opfergut bereitgestanden. Es hat mich in das Unsterbliche gelegt. Die Atem-Kräfte sollen in mich eingehen, zu noch größerem Wohlgetanem!«
So bewirkt er noch mehr Wohlgetanes. Und in jener Welt begegnet ihm keine üble Nachrede, der so wissend das Agnihotra darbringt.
[Anm.: "Das Zusammentreffen der Soma-Spende" ist eine titelartige Überschrift für diesen knappen Formel-Abschnitt.]
tad āhur yaj jīvan puruṣaḥ karotya eva sādhu karoti pāpaṃ kā tayor duṣkṛtṛsukṛtayor vyāvṛttir iti. yad dha vai jīvan puruṣas sādhu karoti prāṇāṃs tad abhisaṃpadyate. atha yad duṣkṛtaṃ śarīraṃ tat. sa yad asmāl lokād evaṃvit praiti tasya prāṇena saha sukṛtam utkrāmati śarīre saha duṣkṛtaṃ hīyate. tad āhur durviditaṃ vaitad yadā martyavān duṣkṛtena saha vasāt. yo vā etena jīvann eva vyāvartate tat suviditam iti. tad vā etad agnihotram evābhisaṃpadyate
Dazu sagt man: Was ein lebender Mensch tut, das tut er teils gut, teils schlecht – wie geschieht dann die Scheidung dieser beiden, des Übeltuns und des Wohltuns?
Was ein lebender Mensch Gutes tut, das geht in die Atem-Kräfte ein; was er Schlechtes tut, das bleibt im Leib. Wenn nun einer, der dies weiß, aus dieser Welt scheidet, entweicht mit seinem Atem das Wohlgetane; im Leib bleibt das Übelgetane zurück.
Dazu sagt man: Schlecht erkannt hätte er dies, würde er als Sterblicher mit dem Übelgetanen zusammen wohnen bleiben; wer sich aber davon schon zu Lebzeiten scheidet, der hat es gut erkannt. Eben das leistet das Agnihotra.
mano vā anu prāṇā vācam anv ātmā. sa yad vācā pūrvām āhutiṃ juhoti manasottarāṃ tad duṣkṛtasukṛte vyāvartayati. tasmād āhur naite āhutī saṃsṛjye. duṣkṛtasukṛte hy etābhyāṃ vyāvartayatīti. sa yat sāyamāhutyor vācā pūrvām āhutiṃ juhoti yat evāhnā pāpaṃ karoti tasmād eva tayā vyāvartate. atha yan manasottarāṃ yad eva rātryā pāpaṃ karoti tasmād eva tayā vyāvartata. atha yat prātarāhutyor vācā pūrvām āhutiṃ juhoti yad eva rātryā pāpaṃ karoti tasmād eva tayā vyāvartate. atha yan manasottarāṃ yad evāhnā pāpaṃ karoti tasmād eva tayā vyāvartate. sa eṣo ’harahar duṣkṛtena vyāvartamāna eti ya evaṃ vidvān agnihotraṃ juhoti
Dem Denken folgen die Atem-Kräfte, der Rede folgt das Selbst. Dass man die erste Spende mit der Rede, die zweite mit dem Denken darbringt: damit scheidet man Übelgetanes und Wohlgetanes voneinander. Deshalb sagt man: Diese beiden Spenden dürfen nicht vermischt werden, denn durch sie scheidet man Übelgetanes und Wohlgetanes voneinander.
Dass man bei den beiden Abendspenden die erste mit der Rede darbringt: damit scheidet man sich eben von dem, was man tagsüber an Übel tut. Und dass man die zweite mit dem Denken darbringt: damit scheidet man sich von dem, was man in der Nacht an Übel tut.
Und dass man bei den beiden Morgenspenden die erste mit der Rede darbringt: damit scheidet man sich von dem, was man in der Nacht an Übel tut. Und dass man die zweite mit dem Denken darbringt: damit scheidet man sich von dem, was man tagsüber an Übel tut. So schreitet Tag für Tag voran, sich vom Übelgetanen scheidend, wer so wissend das Agnihotra darbringt.
dve ha vāva yonī. devayonir haivānyā manuṣyayonir anyā. dvā u haiva lokau. devaloko haivānyo manuṣyaloko ’nyaḥ. sā yā manuṣyayonir manuṣyaloka eva saḥ. tat striyai prajananam. ato ’dhi prajāḥ prajāyante. tasmād u kalyāṇīṃ jāyām iccheta kalyāṇe ma ātmā saṃbhavād iti. tasmād u jāyāṃ jugpsen nen mama yonau mama loke ’nyas saṃbhavād iti. tasya vai saṃbhaviṣyataḥ prāṇā agra praviśanty atha retas sicyate. sa imān prāṇān ākāśān abhinivartate. tasmād u samānasyaiva retasas sato yādṛśa eva bhavati tādṛśo jāyate. athaiṣā devayonir devaloko yad āhavanīyaḥ. eṣa ha vai devayonir devalokaḥ. tasmād yo gārhapatya juhuyād akṛtaṃ karotīty evainaṃ manyeran. sa yaj juhoti yas sādhu karttetya etasyām evainad devayonāv ātmānaṃ siñcati. so ’syātmāmuṣminn āditye saṃbhavati. sa haivaṃ vidvān dvyātmā dviyoniḥ. ekātmā haivaikayonir etad avidvān. sa yasmāl lokād evaṃvit prati -
Es gibt zwei Mutterschöße: Der eine ist der Götter-Mutterschoß, der andere der Menschen-Mutterschoß. Und es gibt zwei Welten: Die eine ist die Götterwelt, die andere die Menschenwelt.
Der Menschen-Mutterschoß, das ist eben die Menschenwelt selbst; das ist, in Gestalt der Frau, die Zeugungsstätte, aus der heraus sich die Geschöpfe fortpflanzen. Deshalb soll man sich eine gute Gattin wünschen, in dem Gedanken: »In einer guten Frau möge mein Selbst entstehen.« Deshalb soll man auch vor der falschen Gattin zurückschrecken: »Dass nicht in meinem Mutterschoß, in meiner Welt, ein anderer entstehe.« Wenn er entstehen wird, gehen zuerst seine Atem-Kräfte ein, und dann –
– wird der Same eingegossen. Dieser Same kehrt sich diesen Atem-Kräften als ihrem Raum zu [?]. Deshalb wird, obwohl der Same stets derselbe ist, das Kind je nachdem, wie er beschaffen ist, ebenso geboren.
Der Götter-Mutterschoß aber, die Götterwelt, das ist das Āhavanīya-Feuer; eben dieses ist der Götter-Mutterschoß, die Götterwelt. Wer daher stattdessen in das Gārhapatya-Feuer opferte, von dem meinte man, er täte Ungetanes. Wer aber richtig opfert, der tut Gutes: eben damit ergießt er sein Selbst in diesen Götter-Mutterschoß; sein Selbst entsteht dann in jener Sonne dort. So hat, wer dies weiß, ein doppeltes Selbst, einen doppelten Mutterschoß; nur ein Selbst, nur einen Mutterschoß hat, wer dies nicht weiß. Wenn er, der dies weiß, aus welcher Welt auch immer hinschei–
[Anm.: Āhavanīya (das östliche "Darbringungsfeuer") und Gārhapatya (das häusliche Feuer) sind zwei der drei Feuer des śrauta-Rituals. Die Wendung über den in die Atem-Kräfte "eingehenden" Samen (ākāśān abhinivartate) ist im Wortlaut unsicher.]
- tasya prāṇaḥ prathama utkrāmati. sa he ya ttā devebhya ācaṣṭa iyad asya sādhu kṛtam iyat pāpam iti. atha hāyaṃ dhūmena sahordhva utkrāmati. tasya haitasyartavo dvārapāḥ. tebhyo haitena prabruvīta. vicakṣaṇād ṛtavo reta ābhṛtam ardhama syaṃ prasutāt pitryāvataḥ. taṃ mā pusi kartary erayadhvaṃ puṃsaḥ kartur mātay āsiṣikta. sa upajāyopajāyamāno dvādaśena trayodaśopamāsaḥ. samaṃ tad vide prati tad vide ’haṃ taṃ mā ṛtavo ’mṛta ānayadhvam. iti. taṃ hartava ānayante. yathā vidvān vidvāṃsaṃ yathā jānan jānantam evaṃ hainam ṛtava ānayante. taṃ hātyarjayante. sa haitam āgacchati tapantam. taṃ hāgataṃ pṛcchati kas tvam asi iti. sa yo ha nāmnā vā gotreṇa vā prabrūte taṃ hāha yas te ’yaṃ mayy ātmābhūd eṣa te saḥ iti. tasmin hātman pratipatta ṛtavas saṃpalāyya padgṛhītam apakarṣanti. tasya hāhorātre lokam āpnutaḥ. tasmā u haitena prabruvīta ko ’ham asmi suvas tvam. sa tvāṃ svargyaṃ svar agām iti. ko ha vai prajāpatiḥ. atha haivaṃvid eva suvargaḥ. sa hi suvar gacchati. taṃ hāha yas tvam asi so ’ham asmi. yo ’ham asmi sa tvam asy ehi iti. sa etam eva sukṛtarasam apyeti. tasya putrā dāyam upayanti pitaras sādhukṛtyām. sa haivaṃ vidvān dvayātmā dvidāyaḥ. ekātmā haivaikadāya etad avidvān agnihotraṃ juhoti
– det, so entweicht ihm zuerst der Atem. Er verkündet dies wohl den Göttern: »So viel ist von ihm gut getan, so viel ist Übel« [?].
Dann steigt er mit dem Rauch nach oben. Ihm sind die Jahreszeiten die Türhüter. Zu ihnen soll er mit folgender Formel sprechen:
»Vom Leuchtenden her ist durch die Jahreszeiten der Same herbeigebracht, ein Halbmonat, entsandt vom Väterlichen. Den setzt ihr in den Mann als Erzeuger; vom Erzeuger wird er in die Mutter eingegossen. So wird er, immer wieder neu erzeugt, mit dem dreizehnten zum zwölfmonatigen Zusatz. Ebenso weiß ich es, weiß ich es wiederum: Mich, ihr Jahreszeiten, führt unsterblich hinüber!« [?]
So spricht er. Da führen ihn die Jahreszeiten, den man zu holen gekommen ist. Wie ein Wissender einen Wissenden, wie ein Kundiger einen Kundigen führt, so führen ihn die Jahreszeiten.
Sie geleiten ihn hindurch. Er gelangt dann zu jenem Wesen, das dort glüht. Dieses fragt ihn, wenn er ankommt: »Wer bist du?«
Wer sich da mit Namen oder Gotra-Zugehörigkeit vorstellt, zu dem spricht es: »Der, welcher als dein Selbst in mir geworden ist – der ist eben dieser dort.« Wenn er sich so an sein irdisches Selbst hält, statt an das wahre, fliehen die Jahreszeiten und ziehen ihn, am Fuß gepackt, zurück; ihm gehört dann nur die Welt von Tag und Nacht.
Diesem soll er vielmehr Folgendes erwidern: »Wer bin ich? Du bist die Sonne! Ich bin zur himmlischen Sonne gegangen.« Wer nämlich ist Prajāpati? Eben wer dies weiß, gelangt zur Sonnenwelt; er geht ja zur Sonne ein.
Da spricht sie zu ihm: »Der du bist, der bin ich; der ich bin, der bist du. Komm!« Und er geht ein in eben diesen Saft des Wohlgetanen. Seine Söhne erhalten dann sein irdisches Erbe, seine Vorfahren erhalten die wohlgetane Handlung als ihr Erbe. So hat, wer dies weiß, ein doppeltes Selbst, ein doppeltes Erbe; nur ein Selbst, nur ein Erbe hat, wer dies nicht weiß und dennoch das Agnihotra darbringt.
[Anm.: Die Eingangsformel ist an dieser Stelle offenbar lückenhaft überliefert. Die Frage nach dem Tod ("Wer bist du?") und die rechte, das eigene Selbst mit dem Befragenden identifizierende Antwort ist ein verbreitetes Motiv der frühen Upaniṣaden-Literatur, vgl. die Mond-Befragung in Kauṣītaki-Upaniṣad 1 und verwandte Jenseitswege in der Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad. "Wer" (ka) ist zugleich ein traditioneller Beiname Prajāpatis. Die Wandermond-Formel über Same, Jahreszeiten und den dreizehnten Monat spielt auf den vedischen Schaltmonat an, der Sonnen- und Mondjahr ausgleicht; ihr genauer Wortlaut bleibt an mehreren Stellen unsicher.]
vāg vā agnihotrī. tasyai mana eva vatsaḥ. manasā vai vācaṃ pṛktāṃ duhre. vatsena vai mātaraṃ pṛktāṃ duhre. tad vā idaṃ manaḥ pūrvam. yat paścā vāg anveti tasmād vatsaṃ pūrvaṃ yantaṃ paścā mātānveti. hṛdayam eva methy upadohanī prāṇo rajjuḥ. prāṇenaiva vāk ca manaśca cābhihite. rajjvā vai vatsaṃ ca mātaraṃ cābhidadāti. tad dha janako vaideho yājñavalkyaṃ papraccha vetthāgnihotraṃ yājñavalkyā iti. vedeti hovāca. kim iti. paya iti. yat payo na syāt kena juhuyā iti. vrīhiyavābhyām iti. yad vrīhiyavau na syātāṃ kena juhuyā iti. yad anyad dhānyaṃ teneti. yad anyad dhānyaṃ na syāt kena juhuyā iti. āraṇyābhir oṣadhībhir iti. yad āraṇyā oṣadhayo na syuḥ kena juhuyā iti. adbhir iti. yad āpo na syuḥ kena juhuyā iti. sa hovāca na vā iha tarhi kiṃ canāsīd athaitad u hūyata iva satyaṃ śraddhāyām iti. taṃ hovāca vetthāgnihotraṃ yājñavalkya namas te ’stu sahasraṃ bhagavo dadma iti. atha hainam upajagau kiṃ svid vidvān pravasati --.
Die Rede ist die Agnihotra-Kuh; ihr Kalb eben ist das Denken. Durch das Denken melkt man die mit ihm verbundene Rede; durch das Kalb melkt man ja die mit ihm verbundene Mutterkuh. Dieses Denken geht dabei zeitlich voran; ihm folgt hinterher die Rede – deshalb folgt die Mutterkuh hinterher dem vorangehenden Kalb. Das Herz ist der Pflock, woran das Kalb gebunden wird, das Melkgefäß, der Atem der Strick: eben durch den Atem sind Rede und Denken miteinander verbunden; durch den Strick bindet man ja Kalb und Mutterkuh zusammen.
Dazu befragte einst Janaka von Videha den Yājñavalkya: »Kennst du das Agnihotra, Yājñavalkya?« – »Ich kenne es«, sprach er. – »Woraus besteht es?« – »Aus Milch.« – »Wenn keine Milch vorhanden wäre, womit würde man opfern?« – »Mit Reis und Gerste.«
»Wenn kein Reis und keine Gerste vorhanden wären, womit würde man opfern?« – »Mit anderem Getreide, was es auch sei.«
»Wenn kein anderes Getreide vorhanden wäre, womit würde man opfern?« – »Mit wilden Pflanzen.«
»Wenn keine wilden Pflanzen vorhanden wären, womit würde man opfern?« – »Mit Wasser.«
»Wenn kein Wasser vorhanden wäre, womit würde man opfern?« Da sprach er: »Dann gäbe es hier wahrhaftig nichts mehr – und doch wird gleichsam geopfert: mit Wahrheit im Glauben.« Da sprach jener zu ihm: »Du kennst wahrhaftig das Agnihotra, Yājñavalkya! Verehrung sei dir, tausend Kühe geben wir dir, Verehrter!« Darauf sang man ihm dazu: »Wie zieht wohl ein Wissender in die Fremde –«
--agnihotrī gṛhebhya. kathā tad asya kāvyaṃ kathā saṃtato ’gnibhiḥ. iti. yad agnīn ādhāyāthāpapravasati katham asyānapaproṣitaṃ bhavatīti. sa hovāca vājasaneyaḥ yo javiṣṭho bhuvaneṣu sa vidvān pravasan vide. tathā tad asya kāvyaṃ tathā saṃtato ’gnibhiḥ. iti mana iti hovāca. mano vāva bhuvaneṣu javiṣṭham. manasaivāsyānapaproṣitaṃ bhavatīti ha tad uvāca. atha hainam upajagau yat sa dūraṃ paretyātha tatra pramādyati. kasmin sāsya hutāhutir gṛhe yām asya juhvati. iti. sa hovāca vājasaneyaḥ yo jāgāra bhuvaneṣu sa vidvān pravasan vide. tasmin sāsya hutāhutir gṛhe yām asya juhvati. iti. prāṇa iti hovāca. prāṇo vā bhuvaneṣu jāgaraḥ. prāṇa evāsya sā hutāhutir bhavati. tasmādu āhuḥ prāṇo ’gnihotram iti. yāvad dhya eva prāṇena prāṇiti tāvad agnihotraṃ juhoti
– während die Agnihotra-Kuh im Haus bleibt? Wie bewahrt sich da seine Dichterweisheit, wie bleibt er mit den Feuern verbunden?« – so lautete der Vers.
Man fragte: »Wenn man die Feuer gelegt hat und dann verreist, wie ist es, dass er dabei dennoch nicht wirklich abwesend ist?« Da sprach der Vājasaneya: »Was das Schnellste ist unter den Wesen, das kennt der Wissende, wenn er verreist. So bewahrt sich seine Dichterweisheit, so bleibt er mit den Feuern verbunden.« – »Das Denken«, sprach er. »Das Denken ist ja das Schnellste unter den Wesen; eben durch das Denken ist er nicht wirklich abwesend« – so sprach er dazu.
Dann sang man ihm weiter: »Wenn er weit fortgeht und dort etwas versäumt – in welchem Haus wird da für ihn die Spende dargebracht, die man für ihn opfert?« Da sprach der Vājasaneya: »Was unter den Wesen wach bleibt, das kennt der Wissende, wenn er verreist; in dem Haus eben wird für ihn die Spende dargebracht, die man für ihn opfert.« – »Der Atem«, sprach er. »Der Atem nämlich ist unter den Wesen das Wache; eben der Atem ist ihm diese dargebrachte Spende. Deshalb sagt man: Der Atem ist das Agnihotra. Solange einer eben durch den Atem atmet, so lange bringt er das Agnihotra dar.«
[Anm.: Vājasaneya bezeichnet einen Anhänger der von Yājñavalkya Vājasaneya begründeten Schule, hier wohl Yājñavalkya selbst als Antwortender auf die vorangehende Frage.]