Kapitel 15
Rivalisierende Opferer, der Tod in der Opfersitzung und die Sühne-Kataloge
Zunächst wird gelehrt, wie man einen gleichzeitig opfernden rituellen Rivalen durch gesteigerte Opferformen 'überwältigt', unter Berufung auf den Seher Agastya, der einst die ihn verfolgenden Rakṣas-Dämonen erschlug. Stirbt ein Teilnehmer während einer langen Opfersitzung, folgen genaue Bestattungsriten mit Schlangenversen zur 'Häutung' der Toten; ein umfangreicher Katalog behandelt zudem Sühnehandlungen für verschütteten oder geraubten Soma, zerbrochene Gefäße und Presssteine sowie zu kurz oder zu lang geratene Lobgesänge, samt der mythischen Herkunft der verschiedenen Soma-Ersatzpflanzen.
tad eva sūdgītam. atho arorātre eva tad anyonyasmin pratiṣṭhāpayan gāyati. tad yad ahar āvis sat tac channaṃ gāyati tasmād asāv āditya idaṃ sarvaṃ na pradahati. atha yada rātriṃ channāṃ satīṃ tām āvir gāyati tasmād u hedaṃ naktaṃ kiṃ ca nirjñāyate. yad dha tāṃ channām eva gāyed andham eva tamas syāt. atha rājāno ’gniṣṭomasāmāni rājaputrā dvādaśāhīyāni viśaś chandasyāni. tasmād etāni trayāṇi sāmāni saṃvasare kāryāṇi. yad vai kṣatraṃ viḍvad rājaputravad bhavati tat samṛddham. sa yathā kṣatraṃ viḍvad rājaputravat syāt tādṛk tat. tad yad etāni sāmāni saṃvatsare kriyante ’thāto ’gniṣṭomasāmnām eva gānam. yathā rājñaḥ pariṣkāraś śārdūlājinaṃ maṇihiraṇyaṃ hastī niṣko ’śvatarīratho ’śvaratho rukmaḥ kaṃsas ta evam eṣa aiteṣāṃ sāmnāṃ pariṣkāraḥ. tasmād agniṣṭomasāmāny eva gānīkṛtya gāyed yathāgītam itarāṇi yathāgītam itarāṇi
Das eben ist der wohlgesungene Udgītha. Zudem singt man Tag-und-Nacht so, dass man jedes im anderen gründet. Dass man den Tag, obwohl er offenkundig ist, verhüllt singt – deshalb verbrennt jene Sonne dort nicht diese ganze Welt. Dass man aber die Nacht, obwohl sie verhüllt ist, offen singt – deshalb lässt sich bei Nacht doch noch etwas erkennen. Sänge man sie hingegen nur verhüllt, wie sie ist, so wäre die Finsternis vollkommen blind.
Den Königen gehören die Agniṣṭoma-Sāmans, den Königssöhnen die Dvādaśāha-Sāmans, dem gemeinen Volk die Chandasya-Sāmans. Deshalb sollen diese drei Sāmans im Laufe des Jahres vollzogen werden. Denn eine Herrschaft, die vom Volk und von den Königssöhnen begleitet wird, ist eine gedeihliche; so soll die Herrschaft vom Volk und von den Königssöhnen begleitet sein. Wenn nun diese Sāmans im Jahreslauf vollzogen werden, so handelt es sich hierbei nur um den Gesang der Agniṣṭoma-Sāmans [selbst]. So wie die Ausstattung eines Königs Tigerfell, Edelstein-und-Gold, Elefant, Halsschmuck, Maultierwagen, Pferdewagen, Goldblech, Metallschale ist, ebenso ist dies die Ausstattung dieser Sāmans. Deshalb soll man, nachdem man die Agniṣṭoma-Sāmans zum Maßstab des Gesangs gemacht hat, die übrigen entsprechend diesem Gesang singen, ganz wie er gesungen wurde.
Sollten die beiden Soma-[Pressungen] [vollständig] gepriesen sein, so soll man in der großen Nacht die Morgenrezitation vollziehen. Wer zuerst [beginnt], eignet sich die Sprache an, eignet sich die Gottheiten an, eignet sich die Versmaße an. Die Versmaße nämlich sind alle Gottheiten; er eignet sich damit alle ihre Gottheiten an. Wer zuerst [beginnt], soll die Vasatīvarī-Wasser holen lassen; diese Vasatīvarī-Wasser nämlich sind alle Gottheiten; er eignet sich damit alle ihre Gottheiten an.
Man soll opfern, wenn [das Feuer] gut entzündet ist. Agni nämlich ist alle Gottheiten; im Anblick aller dieser Gottheiten opfern sie so, aus den Versmaßen heraus, zur Überwältigung. Man soll am Āgnīdhra-Feuer opfern. »Zum Niederlegen, zum Sichsetzen, dem Versmaß Gāyatrī, zur Überwältigung, svāhā!« – so opfere man bei der Morgenpressung. »Zum Niederlegen, zum Sichsetzen, dem Versmaß Triṣṭubh, zur Überwältigung, svāhā!« – so opfere man bei der Mittagspressung. »Zum Niederlegen, zum Sichsetzen, dem Versmaß Jagatī, zur Überwältigung, svāhā!« – so opfere man bei der dritten Pressung. Durch die Versmaße nämlich überwältigten die Götter die Asuras. Wie Rivalen verhalten sich eben jene, die [gleichzeitig, in Konkurrenz] Soma pressen; durch die Versmaße eben überwältigt man sie. Mit Prajāpatis Versen soll man opfern; Prajāpati nämlich ist alle Gottheiten; man eignet sich damit alle ihre Gottheiten an.
Sollten sie [die Rivalen] wünschen: »Möge ihr Adhvaryu sterben!«, so sollen sie dem Adhvaryu bei der Morgenpressung sagen: »Opfere mit Prajāpatis Versen!« Sollten sie wünschen: »Möge ihr Hotṛ sterben!«, so sollen sie dem Hotṛ bei der Mittagspressung sagen: »Opfere mit Prajāpatis Versen!« So haben die Priester [je] ihre eigene Stätte: Der Adhvaryu wird als Erster eingesetzt, seine Stätte ist die Morgenpressung; dann der Hotṛ, seine Stätte ist die Mittagspressung; dann der Udgātṛ, seine Stätte ist die dritte Pressung. Ihrer je eigenen Stätte gemäß begegnet man ihnen [den Gefahren].
Sollten sie wünschen: »Möge ihr Opferherr sterben!«, so sollen sie dem Opferherrn sagen: »Opfere mit Prajāpatis Versen!« Sollten sie wünschen: »Mögen sie alle sterben!«, so sollen alle bei allen Pressungen opfern.
Bṛhat-und-Rathantara sind beide zugegen; sie sind ja Indras beide Falben. Wenn beide, Bṛhat-und-Rathantara – das Opfer ist der göttliche Wagen –, mit Indras eigenen Falben, durch das Opfer, den göttlichen Wagen, den Wettlauf gewinnen: Diese Erde hier ist das Rathantara, jene dort das Bṛhat – von diesem wohlgepaarten Rossegespann bleiben ihnen diese [Gefahren] heute fern.
pra vo vājā abhidyavaḥ ity āgneyam ājyaṃ bhavati. pravat tyad devatānāṃ rūpam abhi bhūtyai rūpam. abhy evainān bhavanti. ābhīkam abhinidhanam abhīvartam ābhīśavam ity etāni sāmāni bhavanti abhibhūtyai rūpam. abhy evainān bhavanti. vihavīyaṃ sajanīyam agastyasya kayāśubhīyam ity etāni śastrāṇi bhavanti. tato yad vihavīyam indram eva tena devān āhvayante. sam evainaṃ sajanīyena vṛñjate. agastyaṃ vai rakṣāṃsi anvasacanta. so ’kāmayatāpa rakṣāṃsi hanīyeti. sa etat kayāśubhīyaṃ śastram apaśyat. tena rakṣāṃsy apāghnata. rakṣāṃsīva vā etān sacante ye saṃsunvanti. kayāśubhīyaṃ śastraṃ bhavati rakṣasām evāpahatyai. yadītare ’gniṣṭomaṃ kurvīrann athātmanokthyaṃ kurvīran. yadītara ukthyaṃ kurvīrann athātmanā ṣoḍaśinaṃ gṛhṇīran. yadītare ṣoḍaśinaṃ gṛhṇīrann athātmanātirātraṃ kurvīran. yadītare ’tirātraṃ kurvīrann athātmanā dvirātraṃ kurvīran. yadītare dvirātraṃ kurvīrann athātmanā trirātraṃ kurvīrann. bhūyāṃsi stotrāṇi bhūyāṃsi śastrāṇi bhūyasīr devatā upayanti. abhibhūtyai rūpam. abhy evainān bhavanti. yathā ha vā idaṃ senayos saṃtiṣṭhānayor ’nu yodhā bhūyāṃsa āyanti tādṛk tat. tad u vā āhur iyam evāgre manasā yajñakratum ākuvetam evojjigīṣet. yo vai saha palāyitayoḥ pūrvaḥ kāṣṭhāṃ gacchati sa vāva tayor jayati. pūrva eva saṃsthāṃ prepsed iti
»Hervor, eure Kräfte, himmelwärts strebend« – dies wird die Āgneya-Opferschmalzspende. »Vorwärtsgerichtet ist jene Gestalt der Gottheiten« – die Gestalt zur Überwältigung; damit überwältigt man jene. »Ābhīka«, »Abhinidhana«, »Abhīvarta«, »Ābhīśava« – dies werden die Sāmans, eine Gestalt zur Überwältigung; damit überwältigt man jene. »Vihavīya«, »Sajanīya«, Agastyas »Kayāśubhīya« – dies werden die Rezitationen. Von diesen ruft man mit dem Vihavīya eben Indra samt den Göttern herbei; mit dem Sajanīya vereinigt man sich mit ihm.
Die Rakṣas-Dämonen nämlich verfolgten einst Agastya. Er wünschte: »Möchte ich doch die Rakṣas erschlagen!« Da erschaute er diese Kayāśubhīya-Rezitation; mit ihr erschlug er die Rakṣas. Wie von Rakṣas verfolgt, so verhalten sich eben jene, die [rivalisierend] Soma pressen; die Kayāśubhīya-Rezitation dient eben der Vertreibung der Rakṣas.
Sollten die anderen einen Agniṣṭoma vollziehen, so soll man selbst einen Ukthya vollziehen. Sollten die anderen einen Ukthya vollziehen, so soll man selbst einen Ṣoḍaśin ergreifen. Sollten die anderen einen Ṣoḍaśin ergreifen, so soll man selbst einen Atirātra vollziehen. Sollten die anderen einen Atirātra vollziehen, so soll man selbst einen Zweinächtigen vollziehen. Sollten die anderen einen Zweinächtigen vollziehen, so soll man selbst einen Dreinächtigen vollziehen. Mehr Lobgesänge, mehr Rezitationen, mehr Gottheiten erlangt man dabei – eine Gestalt zur Überwältigung; damit überwältigt man jene.
So wie, wenn zwei Heere einander gegenüberstehen, immer mehr Kämpfer nachrücken, ebenso verhält es sich damit. Dazu sagt man: Wer von vornherein, mit dem Geist, das Opferwerk zu gestalten unternimmt, der soll eben von Anfang an den Sieg erstreben wollen. Wer von zweien, die um die Wette laufen, zuerst das Ziel erreicht, der ist eben der Sieger von beiden. Man soll eben zuerst nach dem Abschluss trachten.
[Anm.: »Pra vo vājā abhidyavaḥ« lässt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit einem Agni-Hymnus des Ṛgveda zuordnen. Die Namen Ābhīka, Abhinidhana, Abhīvarta und Ābhīśava teilen alle das Präfix »abhi« (gegen, über … hinaus) und spielen damit auf das Leitmotiv der Überwältigung (abhibhūti) an; Agastya ist der berühmte vedische Seher, dem auch sonst Rakṣas-vertreibende Hymnen zugeschrieben werden.]
yad dīkṣitānāṃ pramīyeta taṃ dagdhvāsthāny upanahyāpabhajya somaṃ yo ’sya nediṣṭhatamas syāt tena saha dīkṣayitvā yājayeyuḥ. samānāya vā ete yajñāya samānāya sukṛtāya samārabhya dīkṣante. tenaivainaṃ niravadayante. etad anyat kuryuḥ. abhiṣutya somam anyad agṛhītvā grahān yā dakṣiṇās sraktīs tad asthāni nidhāya mārjālīye stuvīran. arbudasyargbhis stuvate. arvudo vai sarpaḥ. etābhir mṛtāṃ tvacam apāhata. bhriyanta iva vā ete ye mṛtāya kurvantīti. mṛtām evaitābhis tvacam apaghnate. tisṛṣu stuvanti. tṛtīyo vā itaḥ pitṛlokaḥ. pitṛlokam evainaṃ gamayanti. parācīṣu stuvanti. parāñcam evainaṃ tad amuṃ lokaṃ gamayanti. yāmaṃ sāma bhavati. yamalokam evainaṃ gamayanti. aprastutam apratihṛtaṃ sāma bhavati. prastāvapratihārābhyāṃ vai yajamāno dhṛtaḥ. tad yad aprastutam apratihṛtaṃ sāma bhavaty amuṣminn evainaṃ tal loke pratiṣṭhāpayanti. stutam anuśaṃsanty etā ṛco ’anubruvanto dakṣiṇān ūrūn upāghnānāḥ. trir apasalair mārjālīyaṃ paryapayanti. amuṣminn evainal loke nidhuvate. abhy enam amuṣmin loke vāyuḥ pavate. tad āhur yanti vā ete patho ye mṛtāya kurvantīti
Sollte einer der Geweihten sterben, so soll man ihn verbrennen, seine Knochen einbinden, seinen Somaanteil unter die Übrigen verteilen und denjenigen, der ihm am nächsten steht, mitweihen lassen und ihn [an des Verstorbenen Stelle] opfern lassen. Denn diese haben sich ja für dasselbe Opfer, für dasselbe gute Werk gemeinsam zur Weihe entschlossen; eben dadurch entlasten sie ihn [den Verstorbenen von aller Unvollständigkeit].
Man verfährt dabei noch anders: Nachdem man den Soma ausgepresst hat, ohne einen weiteren Becher zu entnehmen, legt man die Knochen an die südlichen Altarecken und singt am Mārjālīya-Platz Lobgesänge. Man preist mit den Versen des Arbuda; Arbuda nämlich ist eine Schlange. Mit diesen streift man die tote Haut ab. Wie mitgetragen gleichsam sind ja diese, die für den Toten [Riten] vollziehen. Eben die tote Haut streifen sie mit diesen Versen ab.
Man preist mit drei [Versen]; denn die dritte Welt von hier aus ist die Väterwelt. Man führt ihn eben zur Väterwelt. Man preist mit rückwärtsgewandten [Versen]; man führt ihn damit, rückwärtsgewandt, zu jener Welt. Das Yāma-Sāman kommt zur Anwendung; man führt ihn damit zu Yamas Welt. Ein Sāman ohne Prastāva und ohne Pratihāra kommt zur Anwendung; denn durch Prastāva und Pratihāra wird der Opferherr [sonst] in dieser Welt gehalten. Indem nun das verwendete Sāman ohne Prastāva und ohne Pratihāra ist, gründet man ihn eben fest in jener Welt dort.
Man rezitiert im Anschluss an das Gepriesene diese Verse, sich dabei die rechten Schenkel schlagend. Dreimal umkreist man mit der linken [Hand] den Mārjālīya-Platz. In eben jener Welt lässt man ihn zur Ruhe kommen. Vāyu weht ihm dort in jener Welt entgegen. Dazu sagt man: Wer für einen Toten [solche Riten] vollzieht, der beschreitet fürwahr [gefährliche] Pfade.
[Anm.: Die linke statt der sonst üblichen rechten Hand beim dreifachen Umkreisen ist ein bekanntes Merkmal des rituellen ›Umkehrens‹ bei Totenriten in vedischer Zeit. Arbuda ist eine im Ṛgveda (etwa 10,94) bezeugte dämonische Schlangengestalt; ihre Verse werden hier wegen der Häutung der Schlange auf das ›Abstreifen‹ der toten Haut des Verstorbenen übertragen.]
aindravāyavāgnān grahān gṛhṇanti punaḥ panthānaṃ paryavayanti. asaṃmitaṃ sarvaṃ stotraṃ bhavati. asaṃmite hy asau lokaḥ. amum evaitena lokam upasīdanti. tad āhus trivṛta eva pavamānās syuḥ. saptadaśāny uttarāṇi stotrāṇi. prāṇā vai trivṛtaḥ. prāṇair vā ete vyṛdhyante ye mṛtāya kurvantīti. tad yat trivṛtaḥ pavamānā bhavanti prāṇair eva tat samṛdhyante. saptadaśāny uttarāṇi stotrāṇi. prajāpatir vai saptadaśaḥ prajāpatis svargasya lokasyābhinetā. sa yas svargasya lokasyābhinetā sa mā svargaṃ lokam abhinayād iti. saptadaśā u evānyat pavamānās syuḥ. trivṛnty uttarāṇi stotrāṇi. abhihvātāraṃ vāvamubdha ṛcchanti. tad yathā prathamenaivaṃ hy arvāṅ ity abhihvayeta tādṛk tat. trivṛnty uttarāṇi. prāṇā vai trivṛtaḥ. prāṇān eva tad abhyutkrāmanto yanti. tad āhur vīva vā ete prāṇāpānābhyām ṛdhyante ye mṛtāya kurvantīti
Sie nehmen die Trankopfer wieder auf, beginnend mit dem Aindravāyava-Becher; wieder schreiten sie den [gewohnten] Pfad entlang. Der gesamte Lobgesang wird dabei unbemessen. Denn unbemessen ist jene Welt dort; eben mit diesem [Gesang] nähert man sich jener Welt.
Dazu sagt man: Die Pavamānas sollen dreifach sein, die folgenden Lobgesänge siebzehnfach. Die Atemkräfte nämlich sind das Dreifache; durch die Atemkräfte eben kommen diese zu Schaden, die für einen Toten [Riten] vollziehen. Dass nun die Pavamānas dreifach sind, dadurch eben, durch die Atemkräfte, gedeihen sie.
Die folgenden Lobgesänge sollen siebzehnfach sein. Prajāpati nämlich ist der Siebzehnfache; Prajāpati ist der Führer zur Himmelswelt. [Der Sänger denke:] »Er, der Führer zur Himmelswelt ist – er möge mich zur Himmelswelt führen!«
Oder aber sollen die Pavamānas siebzehnfach sein, die folgenden Lobgesänge dreifach: Dann begegnet man dabei, gleichsam verwirrt, nur einem, der zurückruft. Wie wenn man mit dem allerersten [Ruf] gleich »herwärts!« riefe, so verhält es sich damit. Die folgenden [Gesänge wären dann] dreifach; die Atemkräfte nämlich sind das Dreifache: eben über die Atemkräfte hinweg schreitend gehen sie dann.
Dazu sagt man: Durch Atem-und-Ausatem eben gedeihen diese, die für einen Toten [Riten] vollziehen.
[Anm.: »Unbemessen« gibt asaṃmita wieder, im Gegensatz zum sonst zahlenmäßig genau festgelegten Lobgesang. Die genaue Wortform »vāvamubdha« im Ausdruck für das Zurückrufen ist im Sanskrit unsicher überliefert; die Übersetzung folgt dem aus dem Zusammenhang erschließbaren Sinn. Das Motiv des abwärts-, herwärts-gewandten Rufes (arvāṅ) knüpft an die schon aus 1.296 bekannte Ūrdhva-Arvāñc-Richtungssymbolik an.]
maitrāvaruṇāgrān grahān gṛhṇanti. prāṇāpānau vai mitrāvaruṇau. prāṇāpānābhyām eva tat samṛdhyante. tad āhur na purā saṃvatsarād asthāni yājyāni. yat purā saṃvatsarād asthāni yājayeyur vācaṃ krūrām ariṣkṛtām ṛccheyuḥ. upariṣṭād eva saṃvatsarasyāsthāni yājyāni. vācaṃ krūrām ariṣkṛtām ṛccheyuḥ. upariṣṭād eva saṃvatsarasyāsthāni yājyāni. vācaṃ krūrām ariṣkṛtāṃ ned ṛcchāmeti. atho khalv āhur yatraivetare ’vabhṛtham abhyaveyus tad asthāny avahareyuḥ. samā hi vā eteṣāṃ yuktiś ca vimuktiś ca. yaivāmīṣāṃ vimuktis tām evānuvimucyata iti
Sie nehmen die Trankopfer, beginnend mit dem Maitrāvaruṇa-Becher. Atem-und-Ausatem nämlich sind Mitra-und-Varuṇa; durch Atem-und-Ausatem eben gedeihen sie dabei.
Dazu sagt man: Nicht vor Ablauf eines Jahres sollen die Knochen [endgültig] dargebracht werden. Würde man die Knochen vor Ablauf eines Jahres darbringen, so würde man grausamer, schädigender Rede begegnen. Erst nach Ablauf des Jahres sollen die Knochen dargebracht werden – [in dem Gedanken:] »Möchten wir doch nicht grausamer, schädigender Rede begegnen!«
Auch sagt man ferner: Wo immer die anderen zu ihrem Abschlussbad gelangen, dort mögen sie auch die Knochen fortschaffen. Gleich nämlich sind bei diesen [Opfergemeinschaften] das Anspannen und das Ausspannen; was für jene die Loslösung ist, mit eben dieser löst man sich selbst mit.
Sollten sie einen Sattra nur zur Hälfte abbrechen, so sollen sie mit einem Viśvajit-Atirātra opfern, begleitet von allen Pṛṣṭhas und unter Hingabe ihres ganzen Besitzes. Die Jahreszeiten nämlich sind die Pṛṣṭhas, das Jahr besteht aus den Jahreszeiten; dadurch eben wird für sie das Jahr [symbolisch] erreicht. Und mit der Dakṣiṇā, die sie geben, gleichen sie das Fehlende aus.
Auch sagt man ferner: Mit eben jenem Vaiśvānara-Prāyaṇīya-Atirātra sollen sie stattdessen opfern. Tag-und-Nacht nämlich erreichen, indem sie sich fortwährend wenden, ein ganzes Jahr; dadurch eben wird für sie das Jahr [symbolisch] erreicht. Und mit der Dakṣiṇā, die sie geben, gleichen sie das Fehlende aus.
Sollte, während eine Runde ungesungen geblieben ist, die Morgendämmerung anbrechen, so soll man für den Hotṛ fünfzehnfach preisen, für die übrigen Priester je fünffach. Sollte, während zwei Runden ungesungen geblieben sind, die Morgendämmerung anbrechen, so sollen für den Hotṛ und den Maitrāvaruṇa die ersteren Zahlen gelten, für den Brahman und den Acchāvāka die weiteren. Sollte, während alle Runden ungesungen geblieben sind, die Morgendämmerung anbrechen, so soll man für den Hotṛ sechsfach preisen, für die übrigen je dreifach.
Als etwas von alledem Abweichendes mögen sie auch dies tun: elf Einzelvers-Gesänge, zusammen mit dem Aindra-Zehnvers, als Ganzes zu einem einzigen Tṛca zusammenzufassen – so eben verfuhr Sāhaśravasa Maunja.
[Anm.: »Dakṣiṇā« (Priestergabe) erscheint hier zum ersten Mal als eigener Begriff im Kāṇḍa und wird, wie andere feststehende Ritualbegriffe, unübersetzt beibehalten. Die genaue Zuordnung der Zahlwörter »die ersteren« und »die weiteren« bei zwei unvollständigen Runden bleibt im knappen Sanskrit-Text unsicher; die Übersetzung folgt der wahrscheinlichsten Lesart, wonach sich die zuvor genannten Fünfzehn- beziehungsweise Fünf-Zahlen auf das erste, entsprechend verkürzte Zahlen auf das zweite Priesterpaar verteilen.]
tam u ha na kapivano bhauvāyana uvācāgavāyanībhir bata mahā sāhaśravaso ’gād unmadiṣṇur asya prajā bhaviṣyatīti brahmavarcasinī tv eva bhaviṣyatīti. yan mām āmantrayiṣyateti hovāca. dvādaśaivaitān ekarcān upetyaindra dvādaśam agne vivasvad uṣasaḥ ity etasmiṃs tṛce rāthantaraṃ saṃdhim astoṣyat. agne iti tenāgneyād rūpān naiṣyat. uṣasaḥ ity uṣasyāt sajūr aśvibhyām ity uta hainam uvāca. naitad api prasnāntam iva hvayantv iti. tad vai nānūktā iti hovāca. atha haike ’bhyuditāpyeva nililyire. te hāvarāṃ rātriṃ sametya tuṣṭuvur iyaṃ vāva sā yā naḥ pūrvātyagād iti. te ha rarādhuḥ. te ya evaṃ vidvāṃsaḥ kurvanti rādhnuvanty eva
Zu ihm sprach da Kapivana Bhauvāyana: »Mit nicht-gavāyanischen Versen – ach, wie weit ist Sāhaśravasa doch gegangen! Frenetisch wird seine Nachkommenschaft werden!« – »Vielmehr voller heiliger Glut wird sie werden!«, entgegnete jener. »Wenn man mich darauf ansprechen sollte …«, so sprach er weiter.
Er erwog, ob man diese selben zwölf Einzelvers-Gesänge, zusammen mit dem Aindra-Zwölfvers, beginnend mit »Agni, gleich dem Vivasvat, der Morgenröten«, in diesem Tṛca die Rathantara-Verbindung besingen könne. Durch »Agni« würde man von der āgneyischen Gestalt nicht abweichen; durch »der Morgenröten« gehörte es zur Uṣas-Gestalt, »mit den Aśvins vereint« – so sprach auch ein anderer zu ihm.
»Auch dieses soll man nicht gleichsam wie einen bloßen Abschluss [einer Frage] anrufen«, wandte jener ein. »Das ist ja nicht ordnungsgemäß nachgesprochen worden«, sprach er. Da hielten sich manche, obgleich schon zum Gesang aufgestiegen, dennoch zurück. Diese kamen in der folgenden Nacht zusammen und priesen: »Dies eben ist jene [Morgenröte], die uns zuvor entgangen ist.« Und es gelang ihnen. Wer, dies wissend, ebenso verfährt, dem gelingt es gewiss.
[Anm.: Kapivana Bhauvāyana ist derselbe Lehrer, der schon in 1.284 auftritt. »Mit nicht-gavāyanischen Versen« (agavāyanībhiḥ) bleibt in seinem genauen Bezug unsicher, vermutlich eine Anspielung auf die Verwendung sattra-fremden Formelguts; ebenso unsicher ist die genaue Bedeutung von »prasnāntam«, hier sinngemäß als bloßer Abschluss einer Frage wiedergegeben. Der Gegensatz von unmadiṣṇu (rauschhaft-frenetisch) und brahmavarcasin (voller heiliger Glut) stellt zwei entgegengesetzte Folgen unorthodoxer liturgischer Kombination einander gegenüber.]
Sollte von der Morgenpressung Soma übrigbleiben, so soll man »Die Kuh trinkt den Anteil der Maruts« vor dem Pavamāna der Mittagspressung preisen. Man preist in Gāyatrī-Versen; denn von der Gāyatra-Pressung her bleibt Soma übrig. Man preist in Mārutvatī-Versen; denn im Verhältnis zur marutvat-Pressung bleibt Soma übrig. Man preist in Dhayadvatī-Versen; der Maruts Anteil eben trinken damit die Kühe. So groß wie der Lobgesang der Ājya-Sprüche ist, so groß wird auch dieser Lobgesang. Was eben übrigbleibt, das eben verwendet man damit auf.
Sollte von der Mittagspressung Soma übrigbleiben, so soll man »Hei, groß bist du, Sonne!« vor dem Ārbhava-Pavamāna preisen. Man preist in Bṛhatī-Versen; denn von der Bārhata-Pressung her bleibt Soma übrig. Man preist in Saurī-Versen; denn im Verhältnis zur Saurya-Pressung bleibt Soma übrig. So groß wie der Lobgesang der Pṛṣṭhas ist, so groß wird auch dieser Lobgesang. Woher eben er übrigbleibt, das eben verwendet man damit auf.
Sollte von der dritten Pressung Soma übrigbleiben, so sollen sie daraufhin einen Ukthya vollziehen. Sollte er den Ukthya übertreffen, sollen sie einen Ṣoḍaśin ergreifen. Sollte er den Ṣoḍaśin übertreffen, sollen sie einen Atirātra vollziehen. Doch darüber hinaus soll man es nicht nach eigenem Belieben ausdehnen. Wer sich Vieh wünscht, mag es für Vieh weiter ausdehnen; für einen viehbesitzenden Vaiśya mag man es für Vieh weiter ausdehnen. Man preist dabei in Triṣṭubh-Versen, mit dem Bṛhat-Sāman. Kṣatra nämlich ist die Triṣṭubh; der Kṣatriya aber ist der Geber des Viehs. [Man denke:] »Er, der Geber des Viehs ist – er möge uns Vieh gewähren!«
[Anm.: Dieselbe Eskalationsleiter Agniṣṭoma–Ukthya–Ṣoḍaśin–Atirātra begegnete bereits in 1.344, dort im Zusammenhang mit rivalisierenden Opferern statt mit überschüssigem Soma; die Gleichung Kṣatra=Triṣṭubh knüpft an die schon mehrfach begegnete Verbindung Indras, des Kṣatra-Gottes, mit dem Triṣṭubh-Versmaß an.]
atiriktam anubudhyante. atha brūyān mānu vaṣaṭkāra iti. tān sarvāhuto hutvābhyutpūryānu vaṣaṭkāre juhuyāt. yady u bhūyān evātiricyeta sahaiva kalaśena pratitiṣṭhet. yadi rājānam avavarṣet indur indum avāgāt tasya ta indv indriyāvato madhumato vicakṣaṇasyopahūtasyopahūto bhakṣayāmi. vāg juṣāṇā somasya tṛpyatu iti. tad āhuḥ kṛtsnaṃ vā etad amṛtam annādyam imaṃ lokam āgacchati yad āpaḥ. kṛtsnaṃ vedam amṛtam annādyām imaṃ lokam agād ity eva manyamāno bhakṣayet. saiva tatra prāyaścittiḥ. yadi camasam abhyupākuryus tam uttaravargeṇābhipravṛtyāsīta. rājā haitad ṛcā mithunībhavati. tam adhvaryuḥ pratyākīrya yan nādāyeyād yady u mārtvijyasyādya evainaṃ saṃprati dhiṣṇyas syāt taṃ pratisadaso ’piyutya prayacchet. taṃ mārjayitvā yadvidhā itare camasās tadvidhaṃ kuryuḥ. saiva tatra prāyaścittiḥ
Sie bemerken, dass etwas übrig ist. Dann soll er sagen: »Nicht ohne den Vaṣaṭ-Ruf!« Nachdem er es mit der Sarvāhuti dargebracht hat, soll er das Gefäß wieder auffüllen und im Anschluss an den Vaṣaṭ-Ruf darbringen. Sollte noch mehr übrig bleiben, so soll er zusammen mit dem Gefäß selbst stehen bleiben.
Sollte er König Soma verschütten: »Der Tropfen ist zum Tropfen gegangen. Von diesem deinem, o Tropfen, Indra-kraftvollen, honigsüßen, weitschauenden, angerufenen Soma verzehre ich, selbst angerufen, meinen Anteil. Die Rede, sich daran erfreuend, möge sich am Soma sättigen.« Dazu sagt man: Vollständig gewiss ist dieses unsterbliche Speiseopfer, das in diese Welt gelangt – nämlich was zu Wasser geworden ist. In dem Gedanken: »Vollständig ist dieses unsterbliche Speiseopfer in diese Welt gelangt«, soll er es verzehren. Das eben ist dort die Sühne.
Sollten sie einen Camasa-Becher bereitstellen, so soll man sich, mit der nördlichen Gruppe herangetreten, dazu niedersetzen. König Soma verbindet sich hierdurch mit dem Vers. Der Adhvaryu, nachdem er ihn zurückgegossen hat – falls er ihn nicht selbst übernehmen sollte, und falls jener, gerade erst heute in sein Priesteramt eingesetzt, nun bereits einen Feuersitz innehätte –, soll ihn, vom Versammlungssitz gelöst, überreichen. Nachdem man ihn gereinigt hat, soll man mit ihm ebenso verfahren, wie es bei den übrigen Camasa-Bechern üblich ist. Das eben ist dort die Sühne.
[Anm.: Der genaue Wortlaut von »camasam abhyupākuryuḥ« sowie der anschließende, sehr knapp formulierte Ablauf um den neu in sein Amt eingesetzten Priester bleiben im Sanskrit-Text unsicher; die Übersetzung folgt der wahrscheinlichsten Deutung, wonach hier die Bereitstellung eines Camasa-Bechers für einen erst am selben Tag investierten Priester geregelt wird. »Sarvāhuti« bezeichnet eine besondere, das gesamte verbliebene Opfergut umfassende Spendeformel.]
yadi prātassavane kalaśo dīryeta viśvet tā viṣṇur ā bharat iti vaiṣṇavīr bṛhatīr mādhyaṃdine kuryuḥ. yadi mādhyaṃdine savane kalaśo dīryeta pavasva vājasātaye iti vaiṣṇavīr anuṣṭubha ārbhavapavamāne kuryuḥ. yadi tṛtīyasavane kalaśo dīryetokthyaṃ kṛtvā yat somam indra viṣṇave ity etāsu brahmasāma kuryuḥ. chidraṃ vā etad yajñasya yataḥ kalaśo dīryate. tad viṣṇunaiva yajñenopayacchānta. tad dhy asya sadevaṃ vaṣaṭkāraṇidhanaṃ sāma bhavati. ubhau vā etāv agnī yad iyaṃ ca vaṣaṭkāraś ca. sāmnaivāsyāṃ samiddhe hūyate. śrāyantīyaṃ brahmasāma. sam evainat tac chrīṇanti. yajñāyajñīyam anuṣṭupsu prohanti. vāg vai yajñāyajñīyaṃ vāg anuṣṭup. vācaivainat tat samṛddhayanti. vāravantīyam agniṣṭomasāma. indriyaṃ vai vīryaṃ vāravantīyam. indriyeṇaivainat tad vīrye samṛddhayanti. dīrṇasya parilāpsetāpi. atha upasthitam icchet. sa brūyād anyaṃ kalaśam āharateti. tad udīcīnadaśaṃ pavitraṃ vitatya śalkam asyātha rājānam ānayet. athāgrayaṇasya grahasyāścotayet. athaikadhanam. ekaṃ vā dvau vā yāvad alaṃ manyeta. saiva tatra prāyaścittiḥ
Sollte bei der Morgenpressung das Gefäß bersten, so sollen sie »Viśve it tā viṣṇur ā bharat« [Alle diese hat Viṣṇu herbeigetragen] als vaiṣṇavische Bṛhatī-Verse bei der Mittagspressung anwenden. Sollte bei der Mittagspressung das Gefäß bersten, so sollen sie »Pavasva vājasātaye« [Läutere dich zum Gewinn der Kampfesbeute] als vaiṣṇavische Anuṣṭubh-Verse beim Ārbhava-Pavamāna anwenden. Sollte bei der dritten Pressung das Gefäß bersten, so sollen sie, nachdem sie einen Ukthya vollzogen haben, bei »Yat somam indra viṣṇave« [Welchen Soma, Indra, für Viṣṇu] auf diesen das Brahma-Sāman anwenden.
Ein Loch nämlich ist dies im Opfer, wodurch das Gefäß birst; das stopfen sie eben mit dem Opfer des Viṣṇu. Deshalb wird dieses, mit seiner eigenen Gottheit versehen, zu einem Sāman, das den Vaṣaṭ-Ruf als Nidhana hat. Beide nämlich sind Agni: diese Erde hier und der Vaṣaṭ-Ruf; mit dem Sāman eben wird, während sie entzündet ist, geopfert.
Das Śrāyantīya ist das Brahma-Sāman; eben dadurch »kochen« sie es zusammen. Das Yajñāyajñīya schieben sie in Anuṣṭubh-Versen ein; Rede nämlich ist das Yajñāyajñīya, Rede die Anuṣṭubh; mit der Rede eben lassen sie es dadurch gedeihen. Das Vāravantīya ist das Agniṣṭoma-Sāman; Vitalkraft, nämlich Manneskraft, ist das Vāravantīya; mit der Vitalkraft eben lassen sie es dadurch an Manneskraft gedeihen.
Auch vom geborstenen Gefäß soll er noch das Mögliche zu retten suchen. Dann soll er nach einem bereitstehenden Ersatz verlangen. Er soll sagen: »Bringt ein anderes Gefäß!« Dann soll er, den Filter mit dem Saum nach Norden ausgebreitet, die Scherbe wegwerfen und darauf König Soma herbeibringen. Dann soll er etwas vom Āgrayaṇa-Becher hinzuträufeln lassen. Dann eine einzelne Portion – eine oder zwei, so viel er für genug hält. Das eben ist dort die Sühne.
[Anm.: Die Zuordnung der Vaiṣṇavī-Verse zu einem geborstenen Gefäß beruht auf der Vorstellung, dass Viṣṇu als der das Opfer vervollständigende Gott eben jene Lücke schließt, die ein solcher Zwischenfall reißt. Das Wortspiel śrāyantīya/śrīṇanti (›kochen, verschmelzen‹) gehört zu den im Text mehrfach begegnenden Sāman-Namen-Etymologien.]
yadi dhruvaḥ pravarteta saṃlikhya nyubjya yac chuddhaṃ tenābhyutpūrayet. yadya āgrayaṇo grahaḥ pravartetetarebhyo ’bhyutpūrayet. ātmā vā āgrayaṇo grahaḥ prāṇā itare. prāṇebhyo vā ātmā saṃbhavaty ātmano vā prāṇāḥ. sa eṣa sarvāṇi savanāni pariśaye yajñasyaivāriṣṭayai. yadi pṛṣadājyaṃ pravartetābhyutpūrya punar gṛhṇīyāt. yadi śvāvalihyād ahaviṣyaṃ vā syāt. tad uttaravedyāṃ ninīya mārjayitvā srucam anyad gṛhṇīyāt. yadi nārāśaṃsaṃ sannaṃ camasam abhyunnayeran nāha so ’huto bhakṣāya no bhakṣito homāya. tam antarā paridhīṃś camasaṃ ca ninayet hutasya cāhutasya hutasya ca pītāpītasya somasyendrāgnī pibataṃ sutaṃ svāhā iti yajuṣāṃ haike ninayanti. tūṣṇīm eveti ha smāha śāṭyāyaniḥ. mārjayitvā camasaṃ yenādhvaryur graheṇa pratiṣṭheta tasya lipseta. prāṇaṃ vā etasyopadāsayanti yasya camasam upadāsayanti. prāṇo vai grahaḥ. prāṇenaivainaṃ tat samṛddhayanti. yadi paryunnayeran punas samavanayadhvam iti brūyāt. atha tam evānūnnayeran. yady udgāyeyur api teṣām eva saṃpracchindyuḥ. yadi paribhakṣayeyur upahavam iccheta. yadi bahirvedi carantam abhy astam iyād api vā śrāvayeyur gṛhapatāv upahavam iccheta. prajāpatir vai gṛhapatiḥ. prajāpatinaivainaṃ tad upahvayate. yadi grāvā viśīryeta dyutānasya mārutasya brahmasāmnā stuvīran. yadi vānyo grāvā syāt tenābhiṣuṇuyuḥ. yadi tan na vindeyur audumbaraṃ vā pālāśaṃ vā kṛtvā tenābhiṣuṇuyuḥ. saiva tatra prāyaścittiḥ
Sollte das Dhruva-Gefäß umkippen, so soll man es, nachdem man es ausgekratzt und umgestülpt hat, mit dem, was rein ist, wieder auffüllen. Sollte der Āgrayaṇa-Becher umkippen, so soll man ihn aus den übrigen Bechern wieder auffüllen. Das Selbst nämlich ist der Āgrayaṇa-Becher, die Atemkräfte sind die übrigen; aus den Atemkräften nämlich entsteht das Selbst, oder aus dem Selbst die Atemkräfte. Dieser wiederhergestellte Becher besteht dann durch alle Pressungen hindurch fort, zum unversehrten Gelingen eben des Opfers.
Sollte das Pṛṣadājya-Gemisch verschüttet werden, so soll man es wieder auffüllen und von neuem aufnehmen. Sollte ein Hund daran lecken, oder sollte es sonst unopferbar werden, so soll man es, nachdem man es zur nördlichen Altarstätte getragen und gereinigt hat, mit einem anderen Löffel ersetzen.
Sollten sie den bereits geleerten Nārāśaṃsa-Becher wieder anheben: Weder ist dies, unangeboten, zum Verzehr, noch ist es, verzehrt, zum Opfer tauglich. Man soll ihn zwischen die Einfassungspflöcke und den Camasa-Becher hinabführen, mit dem Spruch: »Vom geopferten und ungeopferten, vom getrunkenen und ungetrunkenen gepressten Soma trinkt, Indra-und-Agni, svāhā!« – so führen manche der Yajus-Kundigen ihn hinab. »Schweigend eben soll es geschehen«, pflegte dazu Śāṭyāyani zu sagen. Nachdem man den Camasa-Becher gereinigt hat, soll man nach einem Anteil von demjenigen Becher trachten, durch den der Adhvaryu selbst Bestand hat. Den Atem nämlich lässt man dem schwinden, dessen Camasa-Becher man schwinden lässt; der Atem nämlich ist der Becher; durch den Atem eben lässt man dies daran gedeihen.
Sollten sie den Becher falsch herumreichen, so soll er sagen: »Setzt ihn wieder gemeinsam ab!« Dann sollen sie ihn richtig weiterreichen. Sollten sie fälschlich den Udgītha anstimmen, so soll er sie eben mittendrin unterbrechen. Sollten sie etwas unrechtmäßig verzehren, so soll er den Upahava-Anruf vollziehen. Sollte, während es außerhalb der Altarstätte umhergeht, dieses nach Hause gehen, oder sollten sie es verkünden lassen, so soll er den Upahava-Anruf für den Hausherrn vollziehen. Prajāpati nämlich ist der Hausherr; durch Prajāpati eben wird er damit herbeigerufen.
Sollte der Pressstein zerbröckeln, so sollen sie mit dem Brahma-Sāman des »Dyutānasya mārutasya« [Verses vom leuchtenden Marut] preisen. Sollte es aber einen anderen Pressstein geben, so sollen sie mit diesem pressen. Sollten sie keinen finden, so sollen sie, einen aus Udumbara- oder Palāśa-Holz angefertigt, mit diesem pressen. Das eben ist dort die Sühne.
[Anm.: Die Gleichung Āgrayaṇa-Becher = Selbst, übrige Becher = Atemkräfte, mitsamt der paradoxen wechselseitigen Herkunftsbeziehung zwischen Selbst und Atem, greift ein auch sonst im Text, etwa in 1.298, begegnendes Muster wechselseitiger Begründung auf. Der genaue Bezug der Wendung über den wieder angehobenen Nārāśaṃsa-Becher bleibt im knappen Sanskrit unsicher; die Übersetzung folgt dem erschließbaren Sinn eines unentschiedenen Zwischenzustands zwischen Verzehr und Opfer.]
yady akrītaṃ rājānam upahareyur āṃ vettor iccheyuḥ. api girira dhāveyur yad dīkṣita eva tāvad āsīta. yadi krītam apahareyur yam eva kaṃ cādhigatyābhiṣuṇuyuḥ. yenaivāsya pūrvakrayeṇa krīto bhavati tenaivāsyāyaṃ krīto bhavati. somavikrayiṇe tu kiṃ cit kaṃ deyaṃ nen no ’bhiṣavo hato ’sad iti. yadi taṃ na vindeyur babhrutūlāni phālgunāny abhiṣuṇuyuḥ. indro vṛtraṃ vajreṇāhan. tasya yo nastas somo niradravat tāny eva babhutūlāni phālgunāny abhavan. atha yo vapāyām utkhedanatas tāni rohitatūlāni. tasmād babhrutūlānya. evābhiṣutyāni medhyatarāṇi. asuryas tenānabhiṣutya ity āhuḥ. asureṣu vā idam agra āsīt. tad devā abhijityātmann akurvata. tasmād abhiṣutya eveti. yadi taṃ na vindeyur ūtīkān abhiṣuṇuyuḥ. indro vṛtraṃ vajreṇādhyasya nāstṛṣīti manyamānas sa ūtīkān eva prāviśat. tasmai ta evotim avindan. ūtir vā etasya naśyati yasya rājānam apaharanti. ūtim evāsmai vindanti. yajñasya vai yatra śiro ’chidyata tasya yo rasaḥ prāṇedat ta evotīkā abhavan. tam u tad yajñam eva pratyakṣam abhiṣuṇvanti yad ūtīkān. yadi taṃ na vindeyuḥ -
Sollten sie König Soma ungekauft darbringen – man wird dann Genaueres wissen wollen. Selbst wenn sie zum Berg davonliefen: Er soll einfach so lange geweiht bleiben.
Sollten sie das gekaufte Soma rauben, so sollen sie, ein beliebiges Soma, das sie auftreiben können, erlangen und pressen. Durch eben denselben früheren Kaufpreis, durch den jenes gekauft ist, ist auch dieses gekauft. Dem Soma-Verkäufer aber soll man noch etwas geben, im Gedanken: »Dass uns nur nicht die Pressung zunichtegemacht sei!«
Sollten sie jenes nicht finden, so sollen sie die braunwolligen Phālguna-Pflanzen pressen. Indra erschlug Vṛtra mit dem Vajra. Was von dessen Soma da aus der Nase herausfloss, eben das wurden die braunwolligen Phālguna-Pflanzen; und was aus dem Bauchfell, durch das Aufreißen, herausfloss, das wurden die rotwolligen. Deshalb sind die braunwolligen eben die reineren, zu pressenden. »Asurisch und deshalb nicht zu pressen« – so sagt man von den anderen. Bei den Asuras nämlich war dies zuerst; das machten sich die Götter, nachdem sie es erobert hatten, zu eigen. Deshalb ist es eben doch zu pressen.
Sollten sie auch jenes nicht finden, so sollen sie Ūtīka-Pflanzen pressen. Indra, der Vṛtra mit dem Vajra niedergeschlagen hatte, verbarg sich, im Gedanken »Möge ich nicht getroffen werden«, eben in den Ūtīka-Pflanzen; diese eben verschafften ihm Schutz. Der Schutz nämlich geht dem verloren, dessen König man raubt; Schutz eben verschafft man ihm damit. Wo nämlich der Kopf des Opfers abgeschnitten wurde, was von dessen Saft da heraustönte, eben das wurden die Ūtīka-Pflanzen. Das eben, wenn sie die Ūtīka-Pflanzen pressen, ist das Opfer selbst, sichtbar geworden, das sie pressen.
Sollten sie auch jenes nicht finden –
[Anm.: Der genaue Sinn von »āṃ vettoḥ iccheyuḥ« sowie der Hinweis auf das Davonlaufen zum Berg bleiben im knappen Sanskrit-Text unsicher; die Übersetzung folgt der wahrscheinlichen Deutung, dass hier ein bei unvollständigem Soma-Kauf entstehender Zweifelsfall behandelt wird. Die Ableitung der braun- und rotwolligen Phālguna-Ersatzpflanzen aus dem bei Vṛtras Erschlagung ausgetretenen Soma sowie der Ūtīka-Pflanzen aus Indras Zuflucht knüpfen an den schon aus zahlreichen früheren Abschnitten bekannten Vṛtra-Mythos an; die Bewertung der rotwolligen Pflanzen als asurisch trotz ihrer letztlich doch bestätigten Verwendbarkeit bleibt in der Logik des Sanskrit-Textes eher angedeutet als voll ausgeführt.]
- śuklāś śādo ’bhiṣuṇuyuḥ. somo vai rājā yad imaṃ lokam ājagāma sa śātsv eva tad uvāsa. sa evāsya saṃnyaṅgaḥ. tam eva tad abhiṣuṇvanti. yadi taṃ na vindeyuḥ parṇam abhiṣuṇuyuḥ. somaṃ vai rājānaṃ yat suparṇa ājahāra tasya yat parṇ apatat sa eva parṇo ’bhavat sa evāsya saṃnyaṅgaḥ. tam eva tad abhiṣuṇvanti. yadi taṃ na vindeyur ya eva kāś cauṣadhīra abhiṣuṇuyuḥ. somaṃ vai rājānaṃ yat suparṇa āharan samabhinat tasya vā vipruṣo apataṃs tā evemā oṣadhayo ’bhavan. sarvā u ha vai saumyā oṣadhayaḥ. sa evāsya saṃnyaṅgaḥ. tam eva tad abhiṣuṇvanti. pratidhuk prātassavane ’vanayec chritaṃ mādhyaṃdine savane dadhi tṛtīyasavane. tam u taṃ somam eva pratyakṣaṃ bhakṣayanti yat payaḥ. oṣadhīnāṃ hi sa rasaḥ. pañca dakṣiṇā dadyāt. pāṃkto yajñaḥ. yāvatī yajñasya mātrā tasyām evaitat pratitiṣṭhanti. avabhṛthād udetya punar dīkṣeta. sa yāvad dāsyan syāt tad dadyāt. saiva tatra prāyaścittiḥ
– so sollen sie die weißen Śāda-Gräser pressen. Als nämlich König Soma in diese Welt kam, wohnte er eben in den Śāda-Gräsern; das eben gehört zu seinem eigenen Leib. Eben das pressen sie dann.
Sollten sie jenes nicht finden, so sollen sie Parṇa-Blätter pressen. Als nämlich der Adler König Soma herbeitrug, wurde aus der Feder, die ihm dabei abfiel, eben dieses Parṇa-Blatt; das eben gehört zu seinem eigenen Leib. Eben das pressen sie dann.
Sollten sie auch jenes nicht finden, so sollen sie pressen, welche Pflanzen auch immer es gebe. Als nämlich der Adler König Soma herbeitrug und dabei verwundet wurde, wurden aus dessen herabfallenden Tropfen eben diese Pflanzen hier; alle Pflanzen nämlich gehören fürwahr zu Soma. Das eben gehört zu seinem eigenen Leib. Eben das pressen sie dann.
Frischgemolkene Milch soll man bei der Morgenpressung einrühren, erhitzte bei der Mittagspressung, Dickmilch bei der dritten Pressung. Das eben, was Milch ist, das verzehren sie als König Soma selbst, sichtbar geworden; er ist ja der Saft der Pflanzen.
Fünf Dakṣiṇās soll er geben; fünfteilig ist das Opfer. So groß wie das Maß des Opfers ist, in eben diesem Maß gründen sie dies. Nachdem er aus dem Abschlussbad aufgestiegen ist, soll er sich von neuem weihen lassen. Was auch immer er noch zu geben hätte, das soll er geben. Das eben ist dort die Sühne.
[Anm.: Der Mythos vom Adler, der König Soma vom Himmel herabträgt, ist bereits aus 1.156 bekannt, dort mit Verweis auf Ṛgveda 4,26–27; hier werden ihm die Ursprünge weiterer Ersatzpflanzen für den Fall verlorenen Somas zugeschrieben. Das Bild vom abgeschnittenen Kopf des Opfers, das der Ūtīka-Ätiologie in 1.354 zugrunde liegt, knüpft an das bereits mehrfach im Text begegnete Motiv vom Kopf des Opfers an.]
yad arvāk stutam astutaṃ tat. yad atiṣṭutaṃ duṣṭutaṃ tat. yat saṃprati tat stutam. yad arvāk stuyur uttare stotre tāvatīr vopaprastuyur bhūyokṣarāsu vā stuvīran. nyūna eva tad atiriktaṃ dadhati mithunatvāya prajananāya. yady atiṣṭuyur uttare stotre tāvatībhir vā na stuvīran kanīyokṣarāsu vā stuvīran. atirikta eva vā tan nyūnaṃ dadhati nyūne vātiriktaṃ mithunatvāya prajananāya. mithunena jāyate ya evaṃ veda. yad arvāk stuyus trīḷam agniṣṭomasāma kuryuḥ. dve yajñasya chidram apidhattaḥ. sva āyata ekā bhavati. yady atiṣṭuyus svāram agniṣṭomasāma kuryuḥ. nyūno vai svaraḥ. aty etad recayanti yad atiṣṭuvanti. yad ekayātiṣṭutaṃ virāṭ sā lomaśā. yad dvābhyāṃ stanau tau. yat tisṛbhir dohas saḥ. dogdhā hy eva yat tṛtīyaḥ. yac catasṛbhis stanās te. yat pañcabhir dohaḥ saḥ. dogdhā hy eva pañcamaḥ. ṣaṣṭhyā vā tvai saptamyā vātiṣṭutam
Was zu kurz gesungen wird, das ist wie ungesungen. Was übermäßig gesungen wird, das ist schlechtgesungen. Was genau im rechten Augenblick geschieht, das ist recht gesungen.
Sollten sie zu kurz singen, so sollen sie im folgenden Lobgesang ebenso viele zusätzliche Upaprastāva-Verse singen, oder mit mehr Silben singen. Zum Unzulänglichen eben fügen sie damit ein Übermaß hinzu, zur Paarung, zur Zeugung. Sollten sie übermäßig singen, so sollen sie im folgenden Lobgesang entweder nicht ebenso viele singen, oder mit weniger Silben singen. Zum Übermaß eben fügen sie damit ein Zuwenig hinzu, oder zum Zuwenig ein Übermaß, zur Paarung, zur Zeugung. Durch Paarung wird neu geboren, wer dies weiß.
Sollten sie zu kurz singen, so sollen sie das Trīḷa-Agniṣṭoma-Sāman vollziehen; zwei Dinge verschließen damit die Lücke des Opfers, während eines sich von selbst auf sein eigenes Maß ausdehnt. Sollten sie übermäßig singen, so sollen sie das Svāra-Agniṣṭoma-Sāman vollziehen; unzulänglich nämlich ist der Svāra – dies lassen sie überströmen, indem sie übermäßig singen.
Was um einen Vers übermäßig gesungen ist, das ist die Virāj – sie ist die Behaarte. Was um zwei, das sind die beiden Brüste. Was um drei, das ist das Melken; der dritte nämlich ist eben der Melkende. Was um vier, das sind die Zitzen. Was um fünf, das ist das Melken; der fünfte nämlich ist eben der Melkende. Oder um einen sechsten, oder um einen siebten wird übermäßig gesungen …
[Anm.: Die genaue Bedeutung des Sāman-Beinamens »Trīḷa« sowie der knappen Wendung über die »Lücke des Opfers«, die von zwei Elementen verschlossen wird, während sich eines von selbst auf sein eigenes Maß ausdehnt, bleiben im Sanskrit-Text unsicher. Die Reihe Behaarte Virāj – Brüste – Melken/Melkender – Zitzen – Melken/Melkender, die den fortschreitenden Silbenüberschuss begleitet, entfaltet ein kühnes, rätselhaftes Körper-und-Kuh-Bild, wie es für die Zahlenspekulationen der sāmavedischen Brāhmaṇa-Literatur charakteristisch ist; der Abschnitt bricht, wie im Sanskrit-Original, mitten im Aufzählen ab.]