Quellen der Menschheit

Parāśurāma-Kalpasūtra

Paṭala 1: 1. Khaṇḍa: Dīkṣā-vidhi Khaṇḍa 1: Die Initiationsordnung (Dīkṣā-vidhi)

Eröffnungs-Khaṇḍa des Werks in aphoristischer Sūtra-Prosa (nicht in Śloka-Versen wie die übrigen Werke dieser Sammlung – daher hier Sūtra-für-Sūtra statt Vers-für-Vers übersetzt): eine kurze Offenbarungs-Rahmenerzählung (Parama-Śiva verkündet durch seine fünf Gesichter die fünf Übertragungsströme, S.1-3), eine Reihe knapper metaphysischer Grundsätze der Śrīvidyā-Theologie (36 Tattvas, Jīva/Para-Śiva, Mantra-Kraft, S.4-12 – darunter die explizite Nennung der fünf "M"-Substanzen/pañca-makāra als Verehrungsmittel, S.12), ethische Verhaltensvorschriften für den Adepten (S.13-25), eine Lehre vom inneren, yogisch verinnerlichten Feueropfer (S.26-29), eine bemerkenswerte Formulierung zur Geheimhaltung der tantrischen Lehre im Gegensatz zur "öffentlich wie eine Kurtisane" zugänglichen vedischen Wissenschaft (S.30), und schließlich der eigentliche, sehr detailliert beschriebene Ablauf der drei Initiationsarten (śāktī/śāmbhavī/māntrī) mit dem konkreten Ritual der Schüler-Initiation durch den Guru (S.31-43).

athâto dīkṣāṃ vyākhyāsyāmaḥ || Parks_1.1 || bhagavān parama-śiva-bhaṭṭārakaḥ śruty-ādy-aṣṭādaśa-vidyāḥ sarvāṇi darśanāni līlayā tat-tad-avasthā-''pannaḥ praṇīya, saṃvinmayyā bhagavatyā bhairavyā svâtmâbhinnayā pṛṣṭaḥ pañcabhiḥ mukhaiḥ pañcâmnāyān paramârtha-sāra-bhūtān praṇināya || Parks_1.2 || tatrâyaṃ siddhāntaḥ || Parks_1.3 ||

Nun also werden wir die Initiation (dīkṣā) erklären. Der erhabene Herr, der höchste Śiva-Bhaṭṭāraka, welcher – nachdem er, spielerisch die jeweiligen Zustände annehmend, die mit der Śruti beginnenden achtzehn Wissenschaften [und] alle philosophischen Systeme (darśana) hervorgebracht hatte – von der aus reinem Bewusstsein (saṃvit) bestehenden Herrin Bhairavī, die von seinem eigenen Selbst nicht verschieden ist, befragt wurde, verkündete mit [seinen] fünf Gesichtern die fünf Übertragungsströme (āmnāya), welche das Wesen der höchsten Wahrheit ausmachen. Dort [nun] ist dies die feststehende Lehre (siddhānta):

Wort für Wort
athâtaḥ dīkṣāṃ vyākhyāsyāmaḥ
nun also werden wir die Initiation erklären
bhagavān parama-śiva-bhaṭṭārakaḥ
der erhabene Herr, der höchste Śiva-Bhaṭṭāraka
śruty-ādi-aṣṭādaśa-vidyāḥ sarvāṇi darśanāni līlayā praṇīya
spielerisch die mit der Śruti beginnenden 18 Wissenschaften und alle Systeme hervorbringend
tat-tad-avasthā-āpannaḥ
die jeweiligen Zustände annehmend
saṃvinmayyā bhagavatyā bhairavyā svâtma-abhinnayā pṛṣṭaḥ
von der aus Bewusstsein bestehenden, vom eigenen Selbst nicht verschiedenen Herrin Bhairavī befragt
pañcabhiḥ mukhaiḥ pañca-āmnāyān praṇināya
verkündete mit den fünf Gesichtern die fünf Āmnāyas
paramârtha-sāra-bhūtān
die das Wesen der höchsten Wahrheit ausmachen
tatra ayam siddhāntaḥ
dort ist dies die feststehende Lehre

Rahmen-Eröffnung nach Sūtra-Gattungskonvention ("athâto ... vyākhyāsyāmaḥ", vgl. Brahmasūtra/Yogasūtra-Incipit). Die Fünf-Gesichter-Fünf-Āmnāya-Lehre ist Standardtheologie des Śrīvidyā-/Kaula-Kreises (Parama-Śiva offenbart durch seine fünf Antlitze die fünf Übertragungsströme Pūrva/Dakṣiṇa/Paścima/Uttara/Ūrdhva).

ṣaṭtriṃśat-tattvāni viśvam || Parks_1.4 || śarīra-kañcukitaḥ śivo jīvo niṣkañcukaḥ para-śivaḥ || Parks_1.5 || sva-vimarśaḥ purusârthaḥ || Parks_1.6 || varṇâtmakā nityāḥ śabdāḥ || Parks_1.7 || mantrāṇām acintya-śaktitā || Parks_1.8 || saṃpradāya-viśvāsābhyāṃ sarva-siddhiḥ || Parks_1.9 || viśvāsa-bhūyiṣṭhaṃ prāmāṇyam || Parks_1.10 ||

Das Universum [besteht aus] den sechsunddreißig Prinzipien (tattva). Śiva, mit dem Körper als Hülle (kañcuka) umgeben, ist die individuelle Seele (jīva); [Śiva] ohne Hülle ist der höchste Śiva (para-śiva). Die Selbst-Reflexion (sva-vimarśa) ist das [wahre] Ziel des Menschen. Die ewigen Laute (śabda) bestehen wesentlich aus [den einzelnen] Phonemen (varṇa). Die Mantras besitzen unvorstellbare Kraft (acintya-śakti). Durch [die beiden Faktoren] Überlieferung (saṃpradāya) und Vertrauen (viśvāsa) [entsteht] jegliche Vollkommenheit (siddhi). Die Gültigkeit/Autorität [eines Mantras] beruht größtenteils auf Vertrauen.

Kernmetaphysik in knappster Sūtra-Form: die 36-Tattva-Lehre (Standard des Śaiva-Nichtdualismus, von Śiva-/Śakti-Tattva bis Pṛthivī), die Jīva=verhüllter Śiva-Lehre, und eine für tantrische Epistemologie charakteristische Betonung von Überlieferung/Vertrauen als Erkenntnisgrundlage der Mantra-Wirksamkeit statt logischer Beweisführung.

guru-mantra-devatā-''tma-manaḥ-pavanānām aikya--niṣphālanād antarātma--vittiḥ || Parks_1.11 || ānandaṃ brahmaṇo rūpaṃ, tac ca dehe vyavasthitaṃ, tasyâbhivyañjakāḥ pañca ma-kārāḥ, tair arcanaṃ guptyā, prākaṭyān nirayaḥ || Parks_1.12 ||

Aus dem [wiederholten, reibungsartigen] Erproben (niṣphālana) der Einheit (aikya) von Guru, Mantra, Gottheit, [eigenem] Selbst, Geist und Lebenshauch (pavana) [entsteht] die Erkenntnis des inneren Selbst (antarātma-vitti). Wonne (ānanda) ist die Gestalt des Brahman; und diese ist im Körper angesiedelt; ihre Offenbarer sind die fünf mit "M" [beginnenden Substanzen] (pañca-ma-kāra); mit ihnen [geschehe] die Verehrung im Geheimen; aus [deren] öffentlicher [Zurschaustellung ergibt sich] der Untergang/die Hölle (niraya).

[Anm.: S.12 nennt ausdrücklich die "pañca-ma-kāra" (die fünf mit M beginnenden Kaula-Ritualsubstanzen madya "Wein", māṃsa "Fleisch", matsya "Fisch", mudrā "geröstetes Korn/Ritualgeste", maithuna "[rituelle] Vereinigung") als Manifestationsmittel der körperlich lokalisierten Brahman-Wonne, mit der ausdrücklichen Vorschrift strikter Geheimhaltung (guptyā) bei Strafe des "Niraya" (Höllenzustands) im Falle öffentlicher Zurschaustellung. Diese Stelle wird hier vollständig und ohne Beschönigung wiedergegeben, wie es der Übersetzungsmethodik dieses Projekts entspricht; sie ist charakteristisch für die vāmācāra-/Kaula-Strömung innerhalb der sonst eher orthodox-brahmanisch auftretenden Śrīvidyā-Tradition.

bhāvanā-dārḍhyād ājñā-siddhiḥ || Parks_1.13 || sarva-darśanânindā || Parks_1.14 || agaṇanaṃ kasyâpi || Parks_1.15 || sac-chiṣye rahasya-kathanam || Parks_1.16 || sadā vidyā-'nusaṃhatiḥ || Parks_1.17 || satataṃ śivatā-samāveśaḥ || Parks_1.18 || kāma-krodha-lobha-moha-mada-mātsaryâvihita-hiṃsā-steya-loka-vidviṣṭa-varjanam || Parks_1.19 ||

Durch die Festigkeit der [meditativen] Vorstellungskraft (bhāvanā) [entsteht] die Vollendung der [übernatürlichen] Befehlsgewalt (ājñā-siddhi). [Man übe] keine Verunglimpfung irgendeines [philosophischen] Systems. [Man übe] keine Geringschätzung von wem auch immer [?]. Dem rechtschaffenen Schüler [gegenüber geschehe] die Mitteilung des Geheimnisses. Stets [herrsche] enges Verbundenbleiben mit der [tantrischen] Wissenschaft (vidyā). Beständig [geschehe] das Eintauchen (samāveśa) in die Śiva-Natur. [Man übe] das Meiden von Begierde, Zorn, Gier, Verblendung, Rausch/Stolz, Neid, nicht [ritual-]vorgeschriebener Gewalt, Diebstahl [und] dem, was den Menschen verhasst ist.

[?] S.15 ("agaṇanaṃ kasyâpi") bleibt zweideutig – wörtlich "Nicht-Zählen von wem auch immer", hier sinngemäß als "Geringschätzung/Nichtachtung niemandes" (d.h. Gebot der Respektlosigkeit-Vermeidung) wiedergegeben, denkbar auch im Sinne von "Gleichgültigkeit gegenüber [der Meinung] wessen auch immer" (d.h. Unabhängigkeit von fremdem Urteil); beide Lesarten bleiben möglich. Bemerkenswert in S.19 die Formulierung "avihita-hiṃsā" ("nicht [ritual-]vorgeschriebene Gewalt"), die implizit zwischen verbotener und ritualsanktionierter Gewalt (etwa Tieropfer) unterscheidet, ohne letztere explizit zu verurteilen.

eka-gurûpāstir asaṃśayaḥ || Parks_1.20 || sarvatra niṣparigrahatā || Parks_1.21 || phalaṃ tyaktvā karma--karaṇam || Parks_1.22 || anitya-karma-lopaḥ || Parks_1.23 || ma-pañcakâlābhe 'pi nitya-krama-pratyavamṛṣṭiḥ || Parks_1.24 || nirbhayatā sarvatra || Parks_1.25 ||

Die Verehrung eines einzigen Guru [geschehe] ohne Zweifel. Überall [herrsche] Besitzlosigkeit (niṣparigraha). Nachdem man die [gute wie schlechte] Frucht [der Handlung] aufgegeben hat, [geschehe] das Verrichten der [rituellen] Handlung. Die Auslassung der nicht-täglichen [gelegentlichen] Riten [ist gestattet]. Auch wenn die fünf M[-Substanzen] (ma-pañcaka) nicht erlangbar sind, [geschehe] dennoch die [gedankliche] Nachvollziehung der täglichen [Ritual-]Ordnung. Überall [herrsche] Furchtlosigkeit.

S.24 mildert die in S.12 genannte Pañca-Makāra-Vorschrift praktisch ab: sind die fünf M-Substanzen nicht beschaffbar, genügt deren mentale Vergegenwärtigung im täglichen Ritualablauf – ein in der tantrischen Praxisliteratur verbreitetes Zugeständnis (vgl. analoge "symbolische Substitution"-Vorschriften in anderen Kaula-Texten).

sarvaṃ vedyaṃ havyam indriyāṇi srucaḥ śaktayo jvālāḥ svâtmā śivaḥ pāvakaḥ svayam eva hotā || Parks_1.26 || nirviṣaya-cid-vimṛṣṭiḥ phalam || Parks_1.27 || ātma-lābhān na paraṃ vidyate || Parks_1.28 || saiṣā śāstra-śailī || Parks_1.29 ||

Alles Erkennbare (vedya) ist die Opfergabe (havya); die Sinnesorgane sind die Opferlöffel (sruc); die [Sinnes-]Kräfte (śakti) sind die Flammen; das eigene Selbst, [welches] Śiva [ist], ist das [Opfer-]Feuer; man selbst ist der Opferpriester (hotṛ). Die objektlose Reflexion des Bewusstseins (nirviṣaya-cid-vimṛṣṭi) ist die Frucht [dieses inneren Opfers]. Über die Erlangung des [eigenen] Selbst hinaus gibt es nichts Höheres. Dies eben ist der Stil/die Methode der Lehrschrift (śāstra-śailī).

Klassische yogische Internalisierung des vedischen Feueropfers (vgl. ähnliche Passagen in Bhagavadgītā IV.24-33 und in Upaniṣaden): das äußere Ritual wird vollständig auf innere psycho-physiologische Vorgänge abgebildet, mit dem erkennenden Selbst als Ziel und Frucht zugleich.

veśyā iva prakaṭā vedâdi-vidyāḥ | sarveṣu darśaneṣu gupteyaṃ vidyā || Parks_1.30 ||

Wie eine Dirne (veśyā) öffentlich zur Schau gestellt [sind] die mit dem Veda beginnenden Wissenschaften; [doch] in allen [anderen] philosophischen Systemen ist diese [tantrische] Wissenschaft (vidyā) verborgen.

[Anm.: Eine bewusst provokant gewählte Metapher – die vedische und sonstige öffentlich gelehrte Wissenschaft wird mit einer "öffentlich verfügbaren" Kurtisane verglichen, im Gegensatz zur "verborgenen", nur exklusiv weitergegebenen tantrischen Śrīvidyā. Dieses Bild ist im tantrischen Diskurs zur Rechtfertigung von Geheimhaltungspraxis nicht unüblich (vgl. ähnliche Rhetorik in anderen Śākta-Texten); es wird hier ohne Glättung wiedergegeben.]

tatra sarvathā matimān dīkṣeta || Parks_1.31 || dīkṣās tisraḥ śāktī śāmbhavī māntrī ceti | tatra śāktī śakti-praveśanāt śāmbhavī caraṇa-vinyāsāt māntrī mantropadiṣṭayā sarvāś ca kuryāt || Parks_1.32 || ekaikāṃ vety eke || Parks_1.33 ||

Darin möge sich der Verständige (matimant) auf jede Weise initiieren lassen. Es gibt drei [Arten der] Initiation: die Śākta-, die Śāmbhava- und die Mantra-Initiation. Dabei [geschieht] die Śākta-Initiation durch das Eindringen der [Kuṇḍalinī-]Kraft (śakti-praveśana), die Śāmbhava-Initiation durch das [bloße] Aufsetzen des [Guru-]Fußes (caraṇa-vinyāsa), die Mantra-Initiation durch die mit Mantra unterwiesene [Methode]; und man möge [auch] alle [drei zusammen] vollziehen. Manche [Lehrer] aber [sagen], man solle je eine einzelne [davon vollziehen].

Die klassische Drei-Dīkṣā-Typologie des Kaśmir-Śaivismus/Śrīvidyā-Systems (śāktī/śāmbhavī/āṇavī bzw. hier māntrī als dritte Stufe) – wobei bemerkenswert ist, dass hier zwei Lehrmeinungen nebeneinandergestellt werden (alle drei kombiniert vs. nur eine einzelne), ohne eine als verbindlich zu erklären.

sad-guruḥ kramaṃ pravartya sāṅgaṃ hutvā taruṇollāsavān śiṣyam āhūya vāsasā mukhaṃ baddhvā gaṇapati-lalitā-śyāmā-vārtālī-parā-pātra-bindubhis tam avokṣya siddhāntaṃ śrāvayitvā || Parks_1.34 || tac-chirasi rakta-śukla-caraṇaṃ bhāvayitvā tad-amṛta-kṣālitaṃ sarva-śarīram alaṅkuryāt || Parks_1.35 || tasyâmūlam ābrahma-bilaṃ prajvalantīṃ prakāśa-laharīṃ jvalad-anala-nibhāṃ dhyātvā tad-raśmibhis tasya pāpa-pāśān dagdhvā || Parks_1.36 ||

Der rechte Guru (sad-guru) setzt, nachdem er das rituelle Verfahren (krama) in Gang gesetzt [und das Feuer] mit den Nebengliedern (sāṅga) geopfert hat, von jugendlichem Überschwang erfüllt, den [herbeigerufenen] Schüler [ein]; nachdem er dessen Gesicht mit einem Tuch verbunden hat, besprengt er ihn mit den Tropfen aus den [Weihwasser-]Gefäßen des Gaṇapati, der Lalitā, der Śyāmā, der Vārtālī [und] der Parā, [und] lässt ihn, nachdem er ihm die feststehende Lehre (siddhānta) hat hören lassen –, auf dessen Haupt den roten-weißen [Göttinnen-]Fuß [?] vorstellen, [und] möge den ganzen, von jenem Nektar (amṛta) benetzten Körper [des Schülers] schmücken. Nachdem er sich, von dessen [des Schülers] Wurzel[-Cakra] bis zur Brahma-Öffnung [Brahmarandhra] reichend, eine lodernde Woge des Lichts (prakāśa-laharī), einem brennenden Feuer gleich, vorgestellt hat, [und] mit deren Strahlen dessen Sündenfesseln (pāpa-pāśa) verbrannt hat –

[Anm.: S.35 ("rakta-śukla-caraṇam", "der rote-weiße Fuß") bleibt in der genauen Bedeutung unsicher [?] – denkbar ist ein Bezug auf die ikonographische Zweifarbigkeit des Göttinnen-Lotosfußes (rot=Henna/Kuṅkuma-Bemalung, weiß=Haut/Nektar) oder, im Kaula-Kontext dieses Werks (vgl. S.12/S.37 mit den pañca-makāra-Anklängen), eine subtilere Anspielung auf männlich-weibliche Ritualsubstanzen; der Quelltext selbst bietet keine Klärung, daher hier wörtlich und ohne Vereindeutigung übersetzt.

tri-kaṭu-tri-phalā-catur-jāta-takkola-madayantī-sahadevī-dūrvā-bhasma-mṛttikā-candana-kuṅkuma-rocanā-karpūra-vāsita-jala-pūrṇaṃ vastra-yuga-veṣṭitaṃ nūtana-kalaśaṃ bālā-ṣaḍ-aṅgenâbhyarcya śrī-śyāmā-vārtālī-cakrāṇi nikṣipya tisṛṇām āvaraṇa-mantrair abhyarcya saṃrakṣyâstreṇa pradarśya dhenu-yonī || Parks_1.37 || śiva-yuk-sau-varṇa-karṇike svara-dvandva-juṣṭa-kiñjalkâṣṭake ka ca ṭa ta pa ya śa lâkṣara-vargâṣṭa-yuktâṣṭa-dale dig-aṣṭaka-sthita ṭhaṃ vaṃ catur-aśre mātṛkā-yantre śiṣyaṃ niveśya tena kumbhâmbhasā tisṛbhiḥ vidyābhiḥ snapayet || Parks_1.38 ||

Nachdem er einen neuen, mit einem Tuchpaar umwickelten Krug – gefüllt mit Wasser, das durch die drei Scharfstoffe (tri-kaṭu), die drei Myrobalanen (tri-phalā), die vier Gewürze (catur-jāta), Takkola[-Frucht], Madayantī[-Kraut], Sahadevī[-Kraut], Dūrvā-Gras, Asche, Erde, Sandelholz, Kuṅkuma, Rocanā [und] Kampfer wohlriechend gemacht ist – mit den sechs [Riten] der Bālā verehrt, die Cakren der [Göttinnen] Śyāmā [und] Vārtālī [hinein]gelegt, mit den Hüllen-Mantras (āvaraṇa-mantra) der drei [Göttinnen] verehrt, mit der Waffen[-Mantra] beschützt [und] gezeigt hat, [formt er] das Kuh-Ursprungs[-Mudrā]-Zeichen (dhenu-yoni) – lässt er den Schüler in einem Mātṛkā-Yantra Platz nehmen, das eine mit "Śiva" verbundene, mit "Sauḥ" [versehene] goldfarbene Blütenmitte (karṇikā) hat, ein Blütenstaubgefäß-Achtergesetz aus den paarweise [zusammengefassten] Vokalen, ein Achtblatt mit den acht Phonemgruppen "ka, ca, ṭa, ta, pa, ya, śa, la", [und] ein an den acht Himmelsrichtungen [angeordnetes] Viereck mit "ṭhaṃ" [und] "vaṃ" – und besprengt ihn mit dem Wasser jenes Kruges, [begleitet] von den drei Wissenschaften (vidyā).

Detaillierte Beschreibung des Weihwasserkrug-Rituals (kalaśa-pūjā) mit langem Zutaten-Katalog (Āyurveda-nahe Gewürz-/Kräuter-Substanzen) und des Mātṛkā-Yantras (des Phonem-Diagramms) als Sitz für den zu initiierenden Schüler – klassisches Element südindischer Śrīvidyā-Dīkṣā-Rituale.

sa-dukūlaṃ sâlepaṃ sâbharaṇaṃ sa-mālaṃ suprasannaṃ śiṣyaṃ pārśve niveśya mātṛkāṃ tad-aṅge vinyasya vimukta-mukha-karpaṭasya tasya haste trīn prathama-siktān candanokṣitān dvitīya-khaṇḍān puṣpa-khaṇḍān nikṣipya tattva-mantrair grāsayitvā dakṣiṇa-karṇe bālam upadiśya paścād iṣṭa-manuṃ vadet || Parks_1.39 || tatas tasya śirasi sva-caraṇaṃ nikṣipya sarvān mantrān sakṛd vā krameṇa vā yathā-'dhikāram upadiśya svâṅgeṣu kim-apy aṅgaṃ śiṣyaṃ sparśayitvā tad-aṅga-mātṛkā-varṇâdi dvy-akṣaraṃ try-akṣaraṃ catur-akṣaraṃ vā ānanda-nātha--śabdântaṃ tasya nāma diśet || Parks_1.40 ||

Nachdem er den mit feinem Gewand, Salbe, Schmuck [und] Girlande [versehenen], hocherfreuten Schüler zur Seite gesetzt, die Mātṛkā[-Laute] auf dessen Körperglieder gelegt hat, legt er dem Schüler, dessen Gesichtstuch [nun] gelöst ist, drei zuerst benetzte, mit Sandel bestrichene, [zum] zweiten [Mal] geteilte Blumen-Teile in die Hand; nachdem er ihn diese mit den Tattva-Mantras hat 'verschlingen' lassen, unterweist er [ihn] am rechten Ohr in [das Mantra] Bālā, [und] spricht ihm danach das gewünschte Mantra (iṣṭa-manu) vor. Dann, nachdem er seinen eigenen Fuß auf dessen Haupt gesetzt, [und] alle Mantras – sei es auf einmal, sei es der Reihe nach, entsprechend der [jeweiligen] Berechtigung – unterwiesen, [und] den Schüler irgendein eigenes Körperglied [des Guru] berühren lassen hat, möge er ihm einen aus dem Anfangslaut jenes Körperglieds nach der Mātṛkā [gebildeten], zwei-, drei- oder viersilbigen, auf das Wort "Ānanda-nātha" endenden Namen zuweisen.

bālopadiṣṭeḥ pūrvam ātmanaḥ pādukāṃ ṣaṭ-tāra-yuktāṃ dadyāt || Parks_1.41 || ācārān anuśiṣya, hārda-caitanyam āmṛśya, vidyā-trayeṇa tad-aṅgaṃ triḥ parimṛjya parirabhya mūrdhany avaghrāya svâtma-rūpaṃ kuryāt || Parks_1.42 ||

Vor der Unterweisung in [das Mantra] Bālā möge er [dem Schüler] seine eigenen [Guru-]Sandalen (pādukā), verbunden mit dem sechsfachen [Praṇava-]Laut, übergeben. Nachdem er [ihn] in die [rituellen] Verhaltensregeln (ācāra) unterwiesen, das Bewusstsein des Herzens (hārda-caitanya) berühren [lassen], dessen Körper mit den drei Wissenschaften dreimal abgewischt, [ihn] umarmt [und] auf dem Scheitel gerochen hat, möge er [ihn] zu seiner eigenen [Selbst-]Gestalt machen.

Der abschließende körperliche Vollzugsakt der Dīkṣā (dreifaches Abwischen, Umarmung, Scheitel-Riechen) mündet in die formelhafte Aussage "svâtma-rūpaṃ kuryāt" – "er mache [ihn] zu seiner eigenen [Wesens-]Gestalt": der Schüler wird rituell mit dem Guru wesenseins gesetzt.

śiṣyo 'pi pūrṇatāṃ bhāvayitvā kṛtârthas taṃ guruṃ yathā-śakti vittair upacarya vidita-veditavyo 'śeṣa-mantrâdhikārī bhaved iti śivam || Parks_1.43 ||

Auch der Schüler möge, nachdem er sich [seine eigene] Vollständigkeit (pūrṇatā) vorgestellt hat, [und], sein Ziel erreicht habend, jenen Guru nach [seinem] Vermögen mit Reichtümern bedient hat, das zu Erkennende erkannt habend, zum Befugten für sämtliche Mantras werden – so [endet dieser Abschnitt]. Heil!

Schlussformel des Khaṇḍa ("iti śivam", wörtlich "so [ist es] heilvoll") – markiert wie in den übrigen Werken dieses Projekts das Ende einer in sich geschlossenen Texteinheit.

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