Paṭala 9: 9. Khaṇḍa: Homa-vidhi
Khaṇḍa 9: Die Feueropfer-Vorschrift
Die allgemeine Vorschrift für das Feueropfer (homa) zum jeweils gewählten Mantra: Bereitung von Feuergrube und Feuer-Rad (S.2-7), die Vorstellung des Opferfeuers als Kind eines göttlichen Elternpaares (Vāgīśvarī/Vāgīśvara, S.8), Feuererzeugung und -erweckung mit Dhyāna-Vers (S.9-16), Verehrung der sieben Feuerzungen (S.17-19), und eine umfangreiche Liste zweckgebundener Opfersubstanzen, die das gesamte Spektrum tantrischer Zielsetzungen abdeckt – von Befriedung und Wohlergehen bis zu explizit feindzerstörerischen Zwecken wie Tötung (māraṇa) und Entzweiung (vidveṣaṇa), hier ohne Beschönigung wiedergegeben (S.24).
Nun werden wir die Feueropfer-Vorschrift für das jeweils gewählte (iṣṭa-)Mantra erläutern. Eine viereckige Feuergrube oder eine einen Handspann lange, einen Daumen hohe Opferplattform (sthaṇḍila) bereitend; das allgemeine Arghya läuternd, damit besprengend,
drei nach Osten und drei nach Norden verlaufende Linien ziehend; auf diesen Linien Brahmā, Yama, Soma, Rudra, Viṣṇu und Indra, mit der sechsfachen Tārī und "Namaḥ" umhüllt, verehrend; "Verehrung dem Herzen des Tausendstrahligen" – "Svāhā dem Haupt des Heilvoll-Erfüllten" – "Vaṣaṭ dem Haarschopf des 'Steh auf, o Mann'" – "Huṃ dem Panzer des Rauch-Durchdringenden" – "Vauṣaṭ den drei Augen des Siebenzüngigen" – "Phaṭ der Waffe des Bogenträgers" – so das Sechsglied bereitend, mit diesem Sechsglied die Feuergrube verehrend,
dort ein aus Achteck, Sechseck und Dreieck bestehendes Feuer-Rad zeichnend: "Verehrung der Gelben, der Weißen, der Rötlichen, der Schwarzen, der Rauchfarbenen, der Heftigen, der Funkensprühenden, der Anmutigen, der Flammenden" – so in der Mitte des Dreiecks die Sockel-Kräfte des Feuers verehrend; "Taṃ dem Tamas, Raṃ dem Rajas, Saṃ dem Sattva, Ām dem Selbst, Am dem Innersten Selbst, Paṃ dem Höchsten Selbst, Hrīṃ dem Wissens-Selbst, Verehrung" – so ebendort verehre man,
[Anm.: Diese neun Flammen-Namen erweitern die klassischen sieben Agni-Zungen (sapta-jihvā) um zwei weitere Glanz-Bezeichnungen.
dann die Eltern des zu entstehenden Feuers, Vāgīśvarī und Vāgīśvara, auf dem Sockel verehrend, ihre Vereinigung erwägend, "Hrīṃ, Verehrung Vāgīśvarī und Vāgīśvara" meditierend; aus dem Reibholz, aus dem Sonnenstein (Brennglas) oder aus dem Haus eines Zweifachgeborenen das Feuer erzeugend, es in einem Ton- oder Kupfergefäß in Feuer-, Nordost- oder Südwest-Richtung niederlegend, den ungezähmten, "fleischfressenden" Anteil des Feuers in die Südwest-(Richtung) verbreitend, durch Betrachten, Besprengen, Berühren, Umhüllen usw. läuternd, "Oṃ, o Vaiśvānara, Jātaveda, komm hierher, Rotäugiger, alle Werke vollbringe, Svāhā" – so das vom Wurzel-Cakra aufsteigende Bewusstsein durch die Stirn-Augen-Pforte hinausführend, dieses (Feuer), mit dem äußeren Feuer verbunden, entzünde man,
[Anm.: Die Vorstellung des rituellen Feuers als Kind eines göttlichen Elternpaares (hier: der "Sprache-Herrin" und des "Sprache-Herrn") knüpft an ein altes vedisches Motiv der Agni-Entstehung an und wird hier tantrisch fortgeführt.
mit dem Panzer-Mantra mit Brennholz bedeckend; "Ich verehre das entflammte Feuer, den Jātaveda, den Opferverzehrer, goldfarben, den entflammten, allseits gewandten" – so verehrend; "Steh auf, Grün-Bräunlicher, Rotäugiger, vollbringe alle Werke, gib mir, lass geben, Svāhā" – so das Feuer erweckend; "O bewusstseinshafter Bräunlicher, schlage, schlage, verbrenne, verbrenne, koche, koche, o Allwissender, befiehl, Svāhā" – so entfachend,
mit dem sechsfachen Tārī-Vāk-Namaḥ-Mantra: "Des soundso-Feuers soundso Werk – Empfängnisritus, Scheitelung, Geburtsritus, Namensgebung, Erstspeisung, Haarschnitt, Einweihung, Erstbartschur, Hochzeit – bereite ich, Verehrung" – so vollziehend; umgießend, mit Gras umlegend, umgürtend; "Verehret den dreiäugigen, rötlich schimmernden, mit gebundenem Haarschopf, in reinweißes, rötliches Gewand mit vielfachem Schmuck gehüllten, auf dem Lotos thronenden Feuergott, dessen Hände die gewünschte Gabe, die Macht, das Svastika-Zeichen und die Furchtlosigkeits-Geste halten, dessen Schultern mit goldener Girlande geschmückt sind" – so meditierend,
[Anm.: In S.14 werden die klassischen vedischen Lebensstationsriten (saṃskāra, von der Empfängnis bis zur Hochzeit) formelhaft dem Opferfeuer zugesprochen, ohne dass sie tatsächlich vollzogen würden – eine symbolische Verwendung dieser Ritenkette.
(1) im Achteck: "Verehrung dem Jātaveda, dem Siebenzüngigen, dem Opferträger, dem Pferdebäuchigen, dem Vaiśvānara, der Kaumāra-Glut, dem Allgesichtigen, dem Gottgesichtigen"; (2) im Sechseck das Sechsglied; (3) im Dreieck mit dem Feuer-Mantra das Feuer verehrend; "Verehrung der Goldenen, der Golden-Glänzenden, der Roten, der Schwarzen, der Wohlleuchtenden, der Höchst-Roten, der Vielgestaltigen" – an den sieben Zungen des Feuers, mit reinem, durch das Wurzelmantra geläutertem Ghee sieben Opfergüsse vollziehe man; mit den Mantras "Vaiśvānara", "Uttiṣṭha" und "Cit-piṅgala" dreifache Opfergabe an das Feuer vollziehend,
auf der Vielgestalt-Zunge die gewünschte Gottheit anrufend, mit den fünf Ehrengaben verehrend; allen Kreis-Göttinnen je eine Opfergabe darbringend, die übrigen, mit "Namaḥ" endenden und die mit "Pādukā" endenden Mantras mit "Svāhā" endend machend, opfere man; dann bringe man der Hauptgottheit zehn Opfergaben dar. Wenn man einen bestimmten Wunsch begehrt, verkünde man ihn der gewünschten Gottheit und fasse den Entschluss: "Zur Vollendung dieses und jenes Werkes werde ich so und so viele Opfergaben darbringen."
Mit Sesam und Ghee zur Befriedung; mit Speise für Nahrungsfülle und Unsterblichkeit; mit Mango-Trieben und Brennholz zur Fieberstillung; mit Dūrvā-Gras für langes Leben; mit Kṛtamāla-Blüten für Reichtum, mit Lotosblüten für Anteil; mit Bilva-Blättern für Königsherrschaft; mit Lotosblüten für Kaiserherrschaft; mit reinem Röstgetreide für (die Gunst) einer Jungfrau; mit Nandyāvarta-Blüten für Dichtkunst; mit Vañjula-Blüten für Gedeihen; mit Jasmin-, Jātī- und Punnāga-Blüten für Glück; mit Bandhūka-, Hibiskus-, Kiṃśuka-, Bakula- und Madhuka-Blüten für Herrschermacht; mit Salz zur Anziehung; mit Kadamba-Blüten zur allgemeinen Unterwerfung; mit Reiskörnern für Getreidefülle; mit Safran, Gorocanā und anderen Wohlgerüchen für Wohlergehen; mit Palāśa-Blüten oder Kapilā-Ghee für Glanz; mit Stechapfel-Blüten zur Verwirrung; mit Giftbaum-Hölzern – Nimba, Śleṣmātaka, Vibhītaka – zur Feindvernichtung; mit ölgetränktem Nimba und Salz zum Töten; mit Krähen- und Eulenfedern zur Entzweiung; mit ölgetränktem Pfeffer gegen Husten und Atemnot – opfere man.
[Anm.: Diese Liste umfasst das gesamte Spektrum tantrischer ṣaṭkarma-Zielsetzungen, von wohlwollenden (śānti = Befriedung, puṣṭi = Gedeihen) bis zu offen feindzerstörerischen Zwecken (māraṇa = Töten, vidveṣaṇa = Entzweiung, unmāda = Wahnsinn-Erregung). Letztere werden hier, wie es die Projektmethodik vorschreibt, ohne Beschönigung wiedergegeben – sie sind fester Bestandteil des dokumentierten tantrischen Zauberrituals-Repertoires (abhicāra) und keine Fehllesung.
baliṃ pradāya || Parks_9.25 || oṃ bhūr agnaye ca pṛthivyai ca mahate ca svāhā | oṃ bhuvo vāyave cântarikṣāya ca mahate ca svāhā | oṃ suvar ādityāya ca dive ca mahate ca svāhā | oṃ bhūr bhuvas suvaś candramase ca nakṣatrebhyaś ca digbhyaś ca mahate ca svāhā | iti caturbhir mantraiḥ mahā-vyāhṛti-homaṃ kṛtvā || Parks_9.26 ||
das Opfer darbringend; "Oṃ Bhūḥ, dem Agni und der Erde und dem Großen, Svāhā" – "Oṃ Bhuvaḥ, dem Vāyu und dem Luftraum und dem Großen, Svāhā" – "Oṃ Svaḥ, dem Āditya und dem Himmel und dem Großen, Svāhā" – "Oṃ Bhūr-Bhuvaḥ-Svaḥ, dem Mond und den Sternbildern und den Richtungen und dem Großen, Svāhā" – mit diesen vier Mantras das Große-Vyāhṛti-Opfer vollziehend,
"Was bisher, aus der Zuständigkeit von Lebensatem, Verstand und Körper, in den Zuständen des Wachens, Träumens und Tiefschlafs, mit Geist, Rede, Tat, mit beiden Händen, den Füßen, dem Bauch, dem Glied gedacht, gesagt, getan wurde – all dies möge eine Opfergabe an Brahman werden, Svāhā" – so die Brahman-Opfergabe vollziehend,
"Das Bewusstseinsfeuer und die Gottheit entlasse ich in mich selbst, Verehrung" – so entlassend, jene Asche als Stirnzeichen tragend, die Welt bezaubernd, wandle man glücklich umher. So ist es heilig.