Paṭala 10: 10. Khaṇḍa: Sarva-sādhāraṇa-krama
Khaṇḍa 10: Der allen Ablaufarten gemeinsame Ablauf
Das abschließende, allen vier Ritual-Abläufen (Lalitā/Śyāmā/Vārtālī/Parā) gemeinsame Regelwerk: die allgemeine Cakra-Struktur (S.1-7), die "Strahlen-Girlande" (raśmi-mālā) mit fünf Gāyatrī-artigen Kernformeln und zahlreichen Einzel-Vidyās für Heilung, Hochzeit, Reise- und Wasserschutz (S.8-16), eine lange Reihe stark verschlüsselter mantroddhāra-Silbenketten (Kodier-Mantras) für Mahā-Gaṇapati, Śiva, Śyāmā, Vārtālī und Śrī, deren exakte rituelle Lesart traditionelles Guru-Schlüsselwissen voraussetzt und hier bewusst nicht rekonstruiert, sondern nur wörtlich wiedergegeben wird (S.17-49), die Hindernis-Gottheiten und Tageszeiten-Zuordnung der vier Göttinnen (S.50-55), und schließlich ein ausführlicher ethischer Verhaltenskodex des Kaula-Adepten: eine situative, nicht pauschale Handhabung der pañca-makāra (S.56, 61-63, mit einem wörtlich zitierten Tieropfer-Verwandlungsmantra), ein Schutzgebot gegenüber Frauen unterschiedlicher Zuneigung (S.69), das programmatische Ziel der schrittweisen Überwindung von Kasten- und Sippenbindung (S.70), Guru-Ergebenheit (S.71-77), und die kastenkritische Schlusslehre von der Gleichgültigkeit des Sterbeortes für den zu Lebzeiten Befreiten (S.82) – gefolgt vom Kolophon, der Paraśurāma Bhārgava als mythischen Verfasser nennt (S.85).
Nun werden wir den allen Mantras gemeinsamen Ablauf erläutern. Wie im Śyāmā-Ablauf, von der Dämmerungsverehrung bis zur Arghya-Läuterung, unter Auslassung der Körperauflegung (nyāsa). Für das Mantra, dessen Sechsglied nicht eigens genannt ist, bilde man das Sechsglied mit der sechsfachen Māyā-Silbe, verbunden mit den sechs (Nyāsa-)Arten. Das Rad besteht aus Punkt, Dreieck, Sechseck, Achtblatt, Vierblatt und Viereck. Im Punkt (verehre man) die Hauptgottheit; im Dreieck die Kräfte des Wollens, Wissens und Handelns; im Sechseck deren jeweilige sechs Glieder; im Achtblatt Brāhmī usw.; im Vierblatt Gaṇapati, Durgā, Baṭuka und den Feldherrn (Kṣetreśa); im Viereck die Richtungswächter. Mit Tritārī und Kumārī sind alle Ablauf-Mantras zu verwenden. Mit dem jeweiligen Wurzelmantra (erfolge) die Anrufung, mit dem Kalā-Mantra das Opfer, in dieser Reihenfolge die Opfergabe.
Nun die "Strahlen-Girlande" (raśmi-mālā). Diese ist vom (gerade) aus dem Schlaf Erwachten im Geiste einmal zu wiederholen. (1) Der Praṇava, Bhūr Bhuvaḥ Svaḥ – "Tat savitur vareṇyaṃ bhargo devasya dhīmahi, dhiyo yo naḥ pracodayāt" – dies die dreißigsilbige Gāyatrī. (2) "Yata indra bhayāmahe tato no abhayaṃ kuru, maghavañ chagdhi tava tan na ūtaye vidviṣo vimṛdho jahi, svasti-dā viśas-patir vṛtra-hā vimṛdho vaśī, vṛṣendraḥ pura etu naḥ svasti-dā abhayaṅkaraḥ" – dies die siebenundsechzigsilbige Aindrī (Indra-Formel), die Furcht-Vernichterin in bedrängter Lage. (3) Der Praṇava, "ghṛṇiḥ sūryaḥ āditya" – dies die achtsilbige Saurī, die Glanz-Verleiherin. (4) Der Praṇava allein ist die Brahma-Wissenschaft, die Erlösung verleiht. (5) "Tāraḥ, paro-rajase 'sāv adom" – dies die neunsilbige vierte Gāyatrī, die die eigene Einheit erwägt. Dieses Fünf-Strahlen-Bündel ist als Same (bīja) an Wurzel, Herz, Stirn, dem Brahma-Loch und dem Zwölfer-Ende (über dem Scheitel) zu erwägen.
[Anm.: Die erste Formel ist die berühmte vedische Sāvitrī/Gāyatrī (RV 3.62.10); die "vierte Gāyatrī" (5) zitiert einen bekannten, u.a. in der Taittirīya-Āraṇyaka-Tradition belegten Vers. Eine exakte Stellenverifikation ohne Sekundärliteratur bleibt hier jedoch unsicher [?] und wird nicht behauptet.
(1) "Verehrung dem Glanz des Sonnenauges." (2) "Verehrung dem Himmelswandler." (3) "Führe mich vom Nichtseienden zum Seienden." (4) "Führe mich von der Finsternis zum Licht." (5) "Führe mich vom Tod zur Unsterblichkeit." (6) "Heiß ist der Erhabene, rein von Gestalt." (7) "Der Schwan ist der Erhabene, rein, ohne Gegenbild." (8) "Die allgestaltige, glühende, allwissende Sonne, die goldene, einzige, brennende Leuchte, mit tausend Strahlen, hundertfach kreisend – dieser Lebensatem der Geschöpfe geht auf, diese Sonne." (9) "Oṃ, Verehrung dem erhabenen Sūrya, o du Strömende, Strömende, Svāhā." (10) "Die geflügelten Vögel näherten sich Indra, die priyamedha-Seher, Schutz suchend: enthülle die Finsternis, öffne das Auge, befreie uns, wie aus einer Fessel Gebundene." (11) "Verehrung dem Lotosäugigen." (12) "Verehrung dem mit Lotosaugen Blickenden." (13) "Verehrung dem Reinäugigen." (14) "Verehrung dem Lotosäugigen." (15) "Verehrung dem Allgestaltigen." (16) "Verehrung dem heiligen großen Viṣṇu." So ist dies die aus sechzehn Mantras zusammengesetzte, Weitsicht verleihende, augenkräftigende Wissenschaft.
[Anm.: Mehrere dieser Verse (besonders 2-5 und 10) sind wörtliche oder nahezu wörtliche vedische bzw. upaniṣadische Zitate (u.a. aus dem bekannten "asato mā sad gamaya"-Vers der Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad und einem RV-nahen Sūrya-Hymnus). Eine exakte Stellenverifikation ohne Sekundärliteratur bleibt hier unsicher [?] und wird nicht behauptet.
"Der Praṇava, o Gandharva-König Viśvāvasu, gib mir die von mir begehrte Soundso-Jungfrau" – danach "Agni-vallabhā" (die Feuer-Geliebte) – dies die beste Jungfrau-Hochzeit-verleihende Wissenschaft. "Der Praṇava, Verehrung dem Rudra, dem Weg-Sitzenden, bring mich glückhaft hindurch" – dies die Wegnot-hinwegnehmende Wissenschaft. Den Praṇava, das Wort "Tāre" sprechend, dann "Tuttāre", das Wort "Ture" und "Dahana-dayite" – dies die Wasser-Unheil-stillende Wissenschaft. "Verehrung dem Acyuta, Verehrung dem Ananta, Verehrung dem Govinda" – dies die große-Krankheit-vernichtende Dreinamen-Wissenschaft.
[Anm.: S.14 spielt offenkundig auf das bekannte Tārā-Mantra (Oṃ Tāre Tuttāre Ture Svāhā) an, hier jedoch mit abweichendem Zweck (Wasser-/Flutabwehr statt allgemeiner Rettung) verwendet.
Diese fünf Strahlen sind, als Gefolge des Wurzelmantras usw., zu entfalten. Der Praṇava, "Kamalā", "Bhuvanā", "Madana", "Glāṃ", die vierzehnte und fünfzehnte Vokalsilbe, "Gaṃ, dem Gaṇapati", das Gabenpaar, "Da", "Sarva-janaṃ me", das Wort "Vaśam ānaya", "Agni-vāma-locane" – dies die große Gaṇapati-Wissenschaft, die Hindernisse stillt.
[Anm.: Ab hier beginnt eine Reihe stark verschlüsselter mantroddhāra-Silbenaufreihungen, bei denen die tatsächliche Lautfolge des Mantras nur mit traditionellem Guru-Schlüsselwissen korrekt rekonstruiert werden kann. Gemäß der Projektmethodik (keine Zuhilfenahme von Kommentaren/Sekundärliteratur) werden die genannten Bestandteile durchgehend wörtlich wiedergegeben, ohne die vollständige Silbenkette zu rekonstruieren; entsprechende Stellen sind mit [?] gekennzeichnet.
Der Praṇava, "Namaḥ Śivāyai", der Praṇava, "Namaḥ Śivāya" – dies die zwölfsilbige, das Śiva-Prinzip erwägende Wissenschaft. Der Praṇava, "Ka" als achte (Silbe), die rechte Śruti-Punkt-Verdichtung, Bhṛgu (Sa) als sechzehnte, das Wortpaar "māṃ pālaya" – dies die zehnsilbige, selbst des Todes Tod seiende Wissenschaft.
[Anm.: Auch S.19 ist eine verdichtete mantroddhāra-Formel; die exakte Silbenrekonstruktion bleibt unsicher [?], die Übersetzung gibt nur die genannten Bestandteile wörtlich wieder.
Der Praṇava, "Namo brahmaṇe, dhāraṇaṃ me astu, anirā-karaṇaṃ dhārayitā bhūyāsaṃ, karṇayoḥ śrutaṃ mā cyoḍhvaṃ mama amuṣya, Oṃ" – dies die Gehörtes-bewahrende Wissenschaft. Alle Buchstaben von "Śrī" bis "Kṣa", mit Punkt (Anusvāra) versehen, bilden die Buchstabenreihe, die Allwissenheit verleihende Wissenschaft. Die fünf Strahlen sind, als Schutz-Wesenheit von Wurzel(-mantra) usw., zu verehren.
Śiva, Śakti, Kāma, Kṣiti, Māyā, Ravi, Indu, Smara, Haṃsa, Purandara, Bhuvanā, Parā, Manmatha, Vāsava und Bhauvanā – dies die mit Śiva beginnende Wissenschaft, die die eigene Wesensform erwägt. Vom Wort "Kla" ausgehend: der eine (Punkt) der "Auge-der-Linken"-Bindu, ein anderer die endlosen Yoni-Bindus, ein weiterer die Śaṅkara-Parā-Dreizack-Aussendungen – und eben diese Teile, rückläufig angeordnet, bilden die sechsgipflige, Wohlstand verleihende Wissenschaft.
[Anm.: Beide Sūtras gehören zur mantroddhāra-Gattung und bleiben ohne kommentarielles Schlüsselwissen nur strukturell, nicht silbengenau nachvollziehbar [?].
"Sam" aussprechend, "der ewig Schöpferischen, Svāhā", "Ham" sprechend, "der in der Erhaltung Vollen, Verehrung" – dies das Feuer-Punkt-große-Vernichtungs-(Mantra); vom Wort "Kṛśe" aus, das Wort "Caṇḍa", "Kāli Phaṭ" – dies das Feuer-Punkt-siebte-Geste-Samenkorn, im "großen Nichtnamen"; "Ananta-bhāskari", vom Wort "Mahā-caṇḍa", "Kāli Phaṭ" – dies die Rückläufigkeit der Benennungen von Schöpfung, Erhaltung und Vernichtung, das Khecarī-Samenkorn, sowie "Mahā-caṇḍa-vāṇī" und "Yogīśvarī" – so besteht diese aus fünf Wissenschaften zusammengesetzte (Gestalt), die die Zeit an sich zieht und höchstes Leben verleiht.
[Anm.: Einer der dichtesten Verschlüsselungsabschnitte des Werkes; die Übersetzung folgt der grammatischen Struktur so genau wie möglich, kann die tatsächliche mantrische Silbenfolge aber nicht rekonstruieren [?]. Auffällig ist die explizite Dreiteilung in Schöpfung-Erhaltung-Vernichtung (sṛṣṭi-sthiti-saṃhāra) als Kodierungsprinzip.
Die Tritārī, die siebte Geste, die mit Śiva verbundene Śakti, das Ich-Paar – eben dies fünffach, in richtiger Reihenfolge – dies die aus reinem Wissen bestehende Śāmbhavī-Wissenschaft. Bhṛgu (Sa), der Dreizack (Śūla) und die Aussendungen (Visarga) – dies die Parā-Wissenschaft. Diese fünf Strahlen sind als Grundlage von Wurzel(-mantra) usw. zu gestalten. Vāk, Kāma (und) Śakti, in Vorwärts-, Rückwärts- und wieder Vorwärts-Richtung – dies die Glied-Bālā der Śrī.
"Bhuvanā", "Kamalā", "Subhagā", der Praṇava, "Namo bhagavati pūrṇe", "Śekharam", "Anna, das von mir Begehrte" sprechend, "Annaṃ dehi, o Feuer-Gattin" – dies das Nebenglied der Śrī, Annapūrṇā (die Speise-Erfüllte). Der Praṇava, die mit "Pāśa" beginnende Dreisilbe, "Ehi parameśvari" sprechend, die Feuer-Links-Auge-Aussage – dies das Ergänzungsglied der Śrī, Aśvārūḍhā (die Pferdereiterin).
Die Tāri-Dreiheit, die siebte Geste, Śiva-Śakti-Zusammenrollung, "Pu", die fünfte Vokalsilbe, Purandara, "Va-Ra-Yūṃ", Śakti-Śiva-Kṣa-Ende, "Vādi-Va-Ra-Yīṃ", Śiva-Bhṛgu-Dreizack-Punkt, Bhṛgu-Śiva-Dreizack-Aussendungen – mit "Śrī" voran, nach dem Namen des eigenen Guru die Achtsilbige – dies die Śrī-Fußspur. Mit diesen vier (Gliedern) verbunden, ist die Wurzel-Wissenschaft-Kaiserin am Wurzel-Stütze-Cakra zu betrachten.
[Anm.: S.32 gehört, wie S.25, zu den am stärksten verschlüsselten Passagen des Textes; die genannten Silbenbestandteile werden wörtlich, aber ohne Anspruch auf silbengenaue Rekonstruktion des tatsächlichen Mantras wiedergegeben [?].
Vāk-Verehrung, "Ucchiṣṭa-cāṇḍali", "Mātā" sprechend, "Gi", vom Wort "Sarva" aus, "Vaśaṅkari", "Vahni-vāma-locane" – dies das Śyāmā-Glied, die kleine Śyāmā. Kumārī aussprechend, das Wortpaar "Vada", das Wort "Vāk", "Vādini vahni-priye" – dies das Śyāmā-Nebenglied, Vāgvādinī (die Redekundige).
Der Praṇava, die Wortfolge O-Pi-Nā-Ku-Daṃ-Pa-Vṛ-Pa-Sa-Syai-Ca-Śā-Cā-Mā-Ha-Da, mit dem Scheitelzeichen Ṣṭhā-Dhā-Na-Lī-Taiḥ-Ri-Tā-Viḥ-Rva-Vā-Ī-Nā-Ru-Mi-Vā-Yaḥ – Nakulī, dies das Śyāmā-Ergänzungsglied. An der Stelle der Lalitā-Fußspur-Dreiheit usw. ist die Kumārī einzusetzen, das Übrige entsprechend – dies auch die Śyāmā-Fußspur. Mit den vier (Gliedern) verbunden, ist Śyāmā im Herz-Kreis zu verehren.
[Anm.: S.37 gehört zu den am stärksten verschlüsselten Silbenreihungen des gesamten Werkes und wird hier rein deskriptiv, ohne inhaltliche Auflösung, wiedergegeben [?].
Deren Wissenschaft aber ist: Tritārī, Kumārī, sowie die Buchstabenfolge Na-Bha-Va-Śrī-Taṃ-Śva-Sa-Ja-Ma-Hā-Sa-Mu-Raṃ-Ni-Māyā-Sa-Rā-Va-Ka-Sa-Strī-Ru-Va-Ka-Sa-Du-Mṛ-Va-Ka-Sa-Sa-Va-Ka-Sa-Lo-Va-Ka-A-Kaṃ-Va-Mā-Ya-Hā, dann Oṃ-Mo-Ga-Ti-Mā-Gī-Ri-Rva-Na-No-Ri-Rva-Kha-Ji-Madana-Śrīṃ-Rva-Ja-Śaṃ-Ri-Rva-Pu-Ṣa-Śaṃ-Ri-Rva-Ṣṭa-Ga-Śaṃ-Ri-Rva-Tva-Śaṃ-Ri-Rva-Ka-Śaṃ-Ri-Mu-Me-Śa-Na-Svā endend, mit dem sechsfachen, rückläufig angeordneten Anfangs-Bīja des Mantras – so besteht sie aus achtundneunzig Silben.
[Anm.: Dies ist das umfangreichste der kodierten Śyāmā-Mantras des Khaṇḍa; die 98 Silben werden vollständig und wörtlich wiedergegeben, jedoch ohne Anspruch, die tatsächliche rituell-korrekte Lesart (die traditionelles Guru-Schlüsselwissen voraussetzt) rekonstruiert zu haben [?]. Die im Original durchgehend mit Bindestrichen verbundene Silbenkette ist charakteristisch für die mantroddhāra-Gattung tantrischer Literatur, die Mantras absichtlich in kodierter Form niederschreibt, um sie vor Unbefugten zu schützen.
"Haraḥ" mit Punkt, "Vā"-voran-"Rāhi", "Sthāṇuḥ" mit Punkt, das Wort "Unmatta", das Wort "Bhai", "Verehrung den Sonnen-Fußspuren" – dies das Vārtālī-Glied, die kleine Vārtālī. "Veda"-voran-"Bhuvanaṃ", "Verehrung, o Vārāhī, Schreckliche", "Svapnaṃ" (Traum), das Ṭha-Paar, "Agni-dārā" – dies das Vārtālī-Nebenglied, die Traum-Vārtālī, die im Traum günstige und ungünstige Vorzeichen verkündet. "Vāk-Herz, o Erhabene, Verhüllende, große Māyā", vom Wort "Paśu" aus, "Jana-manaś-cakṣus-tiraskaraṇam" (das Verhüllen von Geist und Auge der Leute), das "Kuru"-Paar, "Varma Phaṭ", "Pāvaka-parigraha" – dies das Vārtālī-Ergänzungsglied, Tiraskariṇī (die Unsichtbar-Machende). Unter Weglassung des dreifachen Anfangs-Bīja des Śyāmā-Fußspur-Mantras ist "Vāk Glauṃ" einzusetzen; dies die Vārtālī-Fußspur.
[Anm.: Ein "Unsichtbarkeits-Mantra" (tiraskariṇī, S.43, das den Blick anderer täuscht oder verhüllt) ist ein in der tantrischen Literatur bekanntes Motiv der siddhi-Erlangung.
Mit diesen Wissenschaften verbunden, ist diese erhabene, eber(erdträger)-gesichtige Göttin im Stirn-Kreis zu verehren. Dieses Mantra ist folgendes: mit Vāk umhüllt, "Glauṃ", dann die Silbenfolge Na-Bha-Va-Vā-Li-Rtā-Vā-Hi-Rā-Va-Ha-Khi-Rā-Mu-Aṃ-Aṃ-Ni-Maḥ-Dhe-Dhi-Na-Jaṃ-Jaṃ-Ni-Maḥ-He-Hi-Na-Staṃ-Staṃ-Ni-Maḥ-Rva-Ṣṭa-Du-Nāṃ-Rve-Sa-Vāk-Tta-Kṣu-Kha-Ti-Hvā-Bha-Ku-Ku-Śī-Va, der Reihe nach versehen mit den Worten Mo-Ga-Ti-Rtā-Vā-Li-Rā-Vā-Hi-Rā-Mu-Va-Ha-Khi-Dhe-Dhi-Na-Ruṃ-Ruṃ-Ni-Maḥ-Bhe-Bhi-Na-Mo-Mo-Ni-Maḥ-Bhe-Bhi-Na-Sa-Du-Pra-Ṣṭā-Sa-Ṣāṃ-Rva-Ci-Ca-Rmu-Ga-Ji-Staṃ-Naṃ-Ru-Ru-Ghraṃ-Śyaṃ, dann wieder Vāk-Glauṃ, endend mit den vier siebten Aussendungs-Silben, "Varmâstrāya Phaṭ" – so besteht es aus hundertzwölf Silben.
[Anm.: Wie S.40 gehört auch dieser Abschnitt zur mantroddhāra-Gattung; die 112 Silben werden vollständig wiedergegeben, jedoch ohne Anspruch auf silbengenaue rituelle Rekonstruktion [?].
Unter Weglassung des fünften und elften Bīja ist eben die Śrī(-Wissenschaft) die Śrī-Erfüllungs-Wissenschaft, im Brahma-Höhlenraum (Scheitel) zu verehren. An der Stelle der ersten Dreiheit der Śyāmā-Fußspur sind die dreifache Tāra, Kumārī, Vāk und Glauṃ einzusetzen; danach ist das Übrige gleich. Diese große Fußspur, die Gesamtgestalt aller Mantras, die die eigene Einheit erwägt, die große Vollendung verleiht, ist am Zwölfer-Ende (über dem Scheitel) zu verehren.
So ist die Strahlen-Girlande vollständig. Wer an allen Gliedern aus reiner Wissenschaft geformten Körper hat, eben der ist der höchste Śiva. Nun die Hindernis-Gottheiten: "Vom Wort Iri-Mili-Kiri-Kili, Parimirom" – dies das erste; "der Praṇava, Māyā, Verehrung, o Erhabene, von der großen Tripurā, vom Buchstaben Bhai, nach dem Wort Ravi, schütze meinen Tripura-Schutz, schütze" – dies das zweite; "Vernichte, vernichte die Hindernis-Rākṣasas, die Schrecklichen, zermalme, Huṃ Phaṭ Svāhā" – dies das dritte; "Blūṃ, Verehrung den roten Yoginīs" – dies das vierte; "Sāṃ, Verehrung dem Vielfraß-Reiher" – dies das fünfte; "Dumuluṣu Muluṣu Māyā, Verehrung der Cāmuṇḍā" – dies das sechste. Dies sind die Mantras der Hindernis-Gottheiten der Lalitā-Rezitation.
"Hasanti", vom Wort "Hasita-ālāpa", "Mātā" sprechend, "Gī-paricārike", "mein Furcht-Hindernis vernichte", das "Kuru"-Paar, das Ṭha-Dreifach mit Visarga – dies die Hindernis-Göttin der Śyāmā. "Staṃ, Verehrung der Stambhinī" – dies die Hindernis-Göttin der Kola-mukhī. Diese sind zu Beginn der jeweiligen Rezitation zu rezitieren. Lalitā (verehre man) am Vormittag, Śyāmā am Nachmittag, Vārtālī in der Nacht, Parā in der Brahma-Stunde (vor Sonnenaufgang).
Nur nach Erwägung von Umgang, Ort, eigener Wesensart, Lebensatem-Erregung, Gefährten, Krankheit und Alter (erfolge) die entsprechend förderliche Erwägung der fünf "M"-Substanzen usw. Mit allen Wesen herrsche Unfeindlichkeit. Gegenüber Widersachern herrsche Bezwingung. Gegenüber den Zuflucht-Suchenden herrsche Gnade. Wie gegenüber dem Guru sei das Verhalten gegenüber dessen Sohn, Gattin usw. Der eigenmächtige Gebrauch des ersten (der fünf "M", des Weins) ist, nach Ansicht der Āgamas, als fehlerhaft zu meiden. Der Genuss des Freudespendenden, Angenehmen, Wohlduftenden, Leichten, aus Baumsaft, Rohrzucker oder Mehl bereiteten (Getränks), oder des aus Rinde, aus Blüten bereiteten, oder des je nach Landessitte üblichen (Getränks) sei erlaubt. Danach, bei den beiden mittleren ("M", Fleisch und Fisch), gelte nicht das eigenmächtige Freisetzen des Lebensodems (d.h. nicht selbst töten); beim zweiten ("M") gilt diese Beschränkung nicht; beim mittleren (Tier) aber, wenn man es selbst rituell schlachtet, gilt folgendes Mantra: "Erwache, du Tier, denn du bist nicht unheilvoll, du bist heilvoll; dieser von Śiva zerschnittene Leib – gehe du von mir aus in den Śiva-Zustand ein."
[Anm.: S.61-63 zeigen eine differenzierte, situative Handhabung der pañca-makāra: der Weingenuss wird nicht rundweg verboten, sondern hinsichtlich Art und Herkunft der Substanz eingegrenzt und kulturell relativiert. Die genaue Abgrenzung, welche der beiden "mittleren" M-Substanzen (Fleisch/Fisch) von welcher Regel betroffen ist, bleibt grammatisch elliptisch und daher unsicher [?]. Das zitierte Schlachtmantra – das dem zu tötenden Tier eine rituelle Verwandlung in den Śiva-Zustand zuspricht – ist ein bekanntes Motiv vedisch-tantrischer Tieropfer-Rechtfertigung und wird hier wörtlich, ohne Beschönigung, wiedergegeben.
Überall gehe dem Handeln eine vorherige Ansage voraus. Man übe Nicht-Beeinträchtigung der zehn Sippen-Bäume. Beim Anblick einer Frauenschar, eines mit dem ersten "M" gefüllten Kruges, eines vollendeten Yogins, eines Śiva-Verehrers, eines von Spiellust erfüllten Ortes, einer Jungfrauenschar, eines Mango- oder Aśoka-Einzelbaums, eines Leichnam-bedeckten Bodens, einer berauschten Freudenfrau, einer dunklen, rotgekleideten (Frau, oder: der Śyāmā), und berauschter Elefanten übe man Verehrung. An den fünf Sonder-Festtagen (herrsche) besondere Verehrung. In den Aufschwungstufen von Anfänger, jugendlichem Fortgeschrittenem, reifem Adepten bis zum Zustand des Aufgehens im Geistlosen gelten bis zur Reifestufe die Verabredungs-(Samaya-)Bräuche; darüber hinaus handle man nach eigenem Belieben. Bei freien Umgangsformen führt, sowohl gegenüber "Helden" (Eingeweihten) als auch Nicht-Helden, unrichtiges Erwägen zum Absturz. Man übe das Meiden von: Verlassen einer zugetanen (Frau), Übergriff auf eine gleichgültige (Frau), (und) Verführung einer gleichgültigen (Frau). Schrittweise übe man die Abschwächung von Ekel, Zweifel, Furcht, Scham, Abscheu, (Bindung an) Sippe, Kaste und gewohnten Charakterzügen.
[Anm.: S.65: Die Identität der "zehn Sippen-Bäume" (vermutlich kultisch geschützte Baumarten, vgl. das Kadamba-Fällverbot in Khaṇḍa 6.38) bleibt unsicher [?]. S.66 verbindet unvermittelt sakrale (Yogin, Jungfrauenschar), erotisch-berauschte (Freudenfrau, Wein) und morbide (Leichenboden) Elemente als gleichermaßen verehrungswürdig – charakteristisch für die integrative, tabubrechende vāmācāra-Weltsicht, hier wörtlich, ohne Glättung, wiedergegeben. S.69 ist grammatisch stark komprimiert; die genaue Auflistung der verbotenen Verhaltensweisen gegenüber Frauen unterschiedlicher Zuneigungsgrade bleibt in Einzelheiten unsicher [?], die Grundtendenz – ein Schutzgebot gegenüber Frauen ohne eigene Zuneigung – ist jedoch klar. S.70 ist eine programmatische Aussage zur schrittweisen Überwindung konventioneller sozialer und emotionaler Schranken einschließlich der Kastenbindung – ein zentrales, hier unverändert wiedergegebenes Element vāmācāra-tantrischer Ethik.
Bei Zusammentreffen von Guru und Ober-Guru gebühre zuerst dem Ober-Guru die Verneigung; vor diesem unterlasse man, aus Rücksicht auf jenen, die Verneigung (des eigenen Guru). Gegenüber den Verehrungswürdigen zeige man keine Abwendung. Vorrangig übe man die Betrachtung des göttlichen Lichtglanzes. Aus dem Verlangen nach höherer Erkenntnis halte man Körper, Besitz und Lebenskraft dem Guru zur Verfügung. Man vollziehe, was dieser angeordnet hat. Man übe Nicht-Überprüfung; in seinem Wort bestehe die Norm. Auf jede Weise übe man Wahrhaftigkeit der Rede.
Gegenüber fremder Gattin und fremdem Besitz übe man Unanhaftung. Man übe das Meiden von Selbstlob, Fremdtadel, verletzender Widerrede, Spott, Verachtung, Beschimpfung und Einschüchterung. Man hege, mit Anstrengung, durch die Verehrung der Wissenschaft, den Wunsch nach dem Eintritt in die volle Selbst-Erkenntnis – dies sind die Verabredungs-Bräuche. Die weiteren (Bräuche der höheren Stufe) sind durch die Lehrschrift unterwiesen. So erkennend und vorschriftsmäßig übend, ist der in der Sippenlehre Gefestigte von allen Seiten sein Werk vollbracht; beim Ablegen des Körpers besteht für den zu Lebzeiten Befreiten kein Unterschied zwischen dem Haus eines Unberührbaren und Kāśī (Benares).
[Anm.: S.82 ist eine pointierte, kastenkritische Schlusslehre: die Gleichgültigkeit des Sterbeortes für den zu Lebzeiten Befreiten (jīvan-mukta), selbst zwischen dem als rituell niedrigst geltenden Haus eines "Hundekochers" (einer traditionellen Bezeichnung für einen Angehörigen einer marginalisierten Kaste) und der heiligsten Pilgerstadt Kāśī – eine Aussage über die Nichtigkeit äußerer ritueller Reinheitsvorstellungen angesichts wahrer spiritueller Befreiung, hier wörtlich, ohne Glättung, wiedergegeben.
Wer diese aus zehn Teilen bestehende große Upaniṣad, die die Gesamtsubstanz der großen Tripura-Lehre darstellt, studiert, der wird zum Opferer in allen Opfern; welches Opfer auch immer er studiert, durch eben dieses wird ihm dessen Frucht zuteil – so hört man es nämlich; dies ist die Upaniṣad. So ist es heilig. "Nun also aller Mantras", "Nun des jeweils gewählten Mantras", "so vorschriftsmäßig", "so mit ihrem Gliederwerk", "sie eben, die große Wissenschaft", "nun im ersten Viereck", "nun im Herz-Kreis befindlich", "so, nachdem man Gaṇapati verehrt hat", "so des guten Guru", "nun also erläutern wir die Einweihung" – (dies die Anfangswörter der zehn Khaṇḍas); "Atha", "Evam", "Atha", "Ittham", "Atha sveṣṭa" – dies sind die fünf (wiederkehrenden Anfangswörter). So ist das vom heiligen, für das böse Kṣatriya-Geschlecht den Untergang bringenden, aus dem Schoß der Reṇukā entstammenden, dem Hauptschüler des Mahādeva, dem Sohn des Jamadagni, dem heiligen Paraśurāma Bhārgava, dem großen Lehrmeister, dem großen Sippen-Lehrmeister, verfassten Kalpasūtra vollendet.
[Anm.: S.84 listet mnemotechnisch die Anfangsformeln aller zehn Khaṇḍas des Werkes auf – ein traditionelles Gliederungs- und Gedächtnishilfsmittel, das zugleich die Ringkomposition des gesamten Kalpasūtra sichtbar macht. Der Kolophon (S.85) identifiziert den mythischen Verfasser als Paraśurāma, den sechsten Avatāra Viṣṇus, Sohn des Jamadagni und der Reṇukā, aus dem Epos als Vernichter des (in dieser Tradition als "böse" charakterisierten) Kṣatriya-Standes und Schüler Śivas bekannt – ein Rahmen, der dem gesamten Werk seine Autorität als Offenbarungstext einer alten Weisen-Linie verleiht. Damit ist das Parāśurāma-Kalpasūtra in dieser Übersetzung vollständig erfasst.