Paṭala 2: 2. Khaṇḍa: Gaṇanāyaka-paddhati
Khaṇḍa 2: Das Ritual-Handbuch für Gaṇanāyaka (Gaṇeśa)
Der vorbereitende Gaṇapati-Kult, den der frisch Initiierte vor der eigentlichen Lalitā-/Tripurasundarī-Verehrung vollziehen muss, um Hindernisse zu beseitigen: Morgenritual mit Guru-Meditation (S.1-2), ein ausführliches Tarpaṇa (Wasserspende-Ritual) mit 444 Einzelspenden an Gaṇapatis Begleiterpaare (S.3), der eigentliche Opferritus (yāga-vidhi) mit vollständiger elfarmiger Gaṇapati-Ikonographie samt Siddhalakṣmī (S.4), Kalaśa-/Maṇḍala-Weihe (S.5-6), Sitz- und Cakra-Verehrung der neun Gaṇapati-Kräfte samt Hüllen-Pūjā (S.7-8), und der Abschluss mit Kind-Repräsentanten für Gaṇapati/Siddhalakṣmī sowie optionalem Feueropfer (S.9-10). Zahlreiche technische Ritualbegriffe (Mudrās, Kalā-Systeme, Cakra-Aufbau) bleiben in Einzelheiten unsicher [?] und wurden nach bestem Vermögen aus dem Kontext erschlossen.
So möge der vom rechten Guru mit der Initiation Versehene, um die Hindernisse für die Verehrung der großen Wissenschaft (mahāvidyā) zu beseitigen, das Gaṇanāyaka[-Gaṇeśa]-Ritual-Handbuch (paddhati) erwägen/durchgehen.
Nachdem er in der Brahma-Stunde [dem letzten Nachtviertel] aufgestanden ist [und] am Ende der Zwölf[-Finger-Distanz über dem Scheitel] (dvādaśânta) über [den Guru] meditiert hat, dessen ganzer Körper von dem aus der Vereinigung der [Guru-]Füße – die in der Mitte der Blütenmitte eines tausendblättrigen Lotos angesiedelt sind – herabtropfenden Nektarsaft-Erguss durchflutet ist, [den Guru, der] inmitten des Herzens-Lotos lodert, rötlich wie zehn Millionen aufgehende Morgensonnen, die Verkörperung der [völligen] Beseitigung sämtlicher Makel, mit vielköpfigem [Antlitz?] [?] – nachdem er, mit gebändigtem Atem und Geistesfluss, seinen [eigenen] Körper von dessen Glanzschimmer rötlich gefärbt hat, tritt er nach draußen; nachdem er Kot und Urin entleert, Zähneputzen, Bad, Gewandanlegen [und] die Sonnen-Wasserspende vollzogen hat, [und] dem in Gestalt der aufgehenden Sonne [weilenden] großen Gaṇapati mit [dem Vers] „Tat-puruṣāya vidmahe, vakra-tuṇḍāya dhīmahi, tan no dantī pracodayāt" die Wasserspende dargebracht, [und] die täglichen Pflichtriten vollzogen hat, möge er die vierfach wiederholte Wasserspende (tarpaṇa) vollziehen. [Phala-śruti-Vers:] Langlebigkeit, Gesundheit, Herrschermacht, Kraft, Gedeihen, großer Ruhm, Dichterbegabung [und] Genuss-wie-Befreiung [erlangt man] durch die vierfach wiederholte Wasserspende.
[?] „anekapânanam" bleibt unsicher – wörtlich etwa „vielrüsselig/vielköpfig [antlitzig]", hier sinngemäß auf Gaṇeśas Erscheinung bezogen, ohne letzte Sicherheit. Der Vakratuṇḍa-Gāyatrī-Vers (,tat-puruṣāya vidmahe...') ist der bekannte, bis heute verbreitete Gaṇeśa-Gāyatrī-Mantra.
Nachdem man zuerst zwölfmal mit dem Wurzelmantra die Wasserspende dargebracht hat, [und] die achtundzwanzig auf „svāhā" endenden Mantra-Silben, jede einzeln viermal, sowie das Wurzelmantra [wiederum] viermal [dazu verwendet] hat, möge man sodann bei den dreizehn [Gottheiten-]Paaren – Śrī und Śrīpati, Girijā und Girijāpati, Rati und Ratipati, Mahī und Mahīpati, Mahālakṣmī und Mahālakṣmīpati, Ṛddhi und Āmoda, Samṛddhi und Pramoda, Kānti und Sumukha, Madanāvatī und Durmukha, Madadravā und Avighnadrāviṇī, Vighnakartṛ und Vasudhārā, Śaṅkhanidhi und Vasumatī, [und] Padmanidhi [mit Partnerin] – jeweils eine einzelne Gottheit viermal [mit deren Namen] und [zusätzlich] viermal mit dem Wurzelmantra die Wasserspende darbringen; so ergeben sich vierhundertvierundvierzig Wasserspenden.
[?] Die genaue Paarzuordnung und Geschlechtszuweisung innerhalb der 13 aufgezählten Gaṇapati-Begleitpaare (v.a. „madadravā-'vighnadrāviṇī") bleibt in Einzelheiten unsicher; die Gesamtrechnung (13 Paare × 4 + 12 [vorbereitende Spenden] × 4 ≈ 444, wörtlich "404+44") wurde nicht nachgerechnet, sondern wie im Quelltext angegeben übernommen.
Nun das Opferritual (yāga-vidhi): Nachdem man nach Hause gekommen, den Ritualplatz (sthaṇḍila) bestrichen, an beiden Seiten des Türbereichs „Bhadrakālī und Bhairava [sei Verehrung]", oberhalb der Tür „Lambodara [Gaṇeśa] sei Verehrung" [gesprochen] hat, tritt man ein; nachdem man mit dem Sitz-Mantra auf dem Sitz Platz genommen, den Atem gebändigt, die sechs Körperglieder [mit Mantras] belegt, mit dem Wurzelmantra [den ganzen Körper] durchdrungen gemacht hat, stellt man sich in seinem eigenen Selbst den Gott vor: mit an [seiner] Seite anschmiegender Siddhalakṣmī, mit dem Halbmond als Scheitelschmuck, von rötlicher Farbe, mit elf Händen – geschmückt mit Zitrusfrucht, Keule, Zuckerrohrbogen, Dreizack, Sudarśana[-Diskus], Muschelhorn, Fangschlinge, blauer Lotosblüte, Getreide-Ähre, seinem eigenen [abgebrochenen] Stoßzahn-Ende [und] einem Juwelenkrug –, mit hervorbrechender [Rausch-]Hüfte, wonnevoll, den vollständigen Zerstörer aller Hindernisse, den Herrn der Hindernisse (vighneśvara).
Nachdem man vorn, mit siebenmal mit dem Wurzelmantra geweihtem, mit Duftstoff, ungeschältem Reis [und] Blumen verehrtem, reinem Wasser Dreieck, Sechseck, Kreis [und] Viereck gezeichnet, darauf Blumen gestreut, in den Zwischenrichtungen [die Gottheiten] Feuer-Īśāna-Asura-Vāyu und in den [Haupt-]Richtungen die sechs Körperglieder [mit Mantras] belegt hat, [spricht man]: „Dem Feuerkreis, der zehn Kalās Wesen ist, dem Träger des Wasserspende-Gefäßes, Verehrung; dem Sonnenkreis, der zwölf Kalās Wesen ist, dem Wasserspende-Gefäß, Verehrung; dem Mondkreis, der sechzehn Kalās Wesen ist, dem Wasserspende-Nektar, Verehrung" – und füllt es mit reinem Wasser; nachdem man mit der Waffen[-Mantra] beschützt, mit der Rüstungs[-Mantra] eingehüllt hat, zeige man die Kuh-Ursprungs-Mudrā (dhenu-yoni). Nachdem man siebenmal geweiht, sich selbst und die Verehrungsgeräte mit den Tropfen jenes Wassers besprengt hat, mit jenem Wasser das zuvor genannte Diagramm gebildet, ebenso den Anfangs[-buchstaben], den Zusätzlich-Anfangs[-buchstaben] und den Mittleren [Buchstaben] eingefügt, die Feuer-, Sonnen- und Mond-Kalās verehrt hat, [und] mit der Vakratuṇḍa-Gāyatrī [sowie] mit dem Ṛc-Vers „gaṇānāṃ tvā" geweiht, die Waffen[-Mantra] und dergleichen zur Beschützung angewandt hat, möge man mit deren [Weihwasser-]Tropfen dreimal auf dem Haupt die Guru-Sandalen (pādukā) verehren.
„gaṇānāṃ tvā" zitiert den bekannten Ṛgveda-Vers RV 2,23,1 (Gaṇapati-/Bṛhaspati-Hymnus), der auch außerhalb tantrischer Kontexte als Gaṇeśa-Anrufung dient – ein Beleg für die bewusste Einbettung vedischer Elemente in dieses tantrische Ritual.
Vorn, auf einem aus rotem Sandelholz gefertigten Sitz (pīṭha), oder auf einem Abbild des großen Gaṇapati, oder in einem aus Viereck, Achtblatt, Sechseck [und] Dreieck bestehenden Cakra, verehre man [der Reihe nach]: der Heftigen (tīvrā), der Flammenden (jvālinī), der Nandā, der Genuss-Gewährenden, der nach Belieben Gestaltigen, der Schrecklichen, der Glanzvollen, der Wahrhaftigen, der Hindernis-Vernichterin [Verehrung]; ṛṃ dem Dharma, ṝṃ dem Wissen, ḷṃ der Entsagung, ḹṃ der Herrschermacht, ṛṃ dem Un-Dharma, ṝṃ dem Unwissen, ḷṃ der Nicht-Entsagung, ḹṃ der Nicht-Herrschermacht, Verehrung – die Sitz-Kräfte, das Achtergesetz beginnend mit Dharma; und nachdem man das Wurzelmantra ausgesprochen, „ich rufe den großen Gaṇapati herbei" [gesprochen und ihn] herbeigerufen, fünffach bedient, zehnfach gespeist hat, möge man mit dem Wurzelmantra die fünffache Hüllen-Verehrung in Gestalt der Paar-Glieder [und] der mit Brāhmī, mit Indra u.a. beginnenden [Gottheiten] vollziehen. Im Dreieck [weilt] der Gott; im Zwischenraum von dessen Sechseck Śrī-Śrīpati u.a., die vier Paare, und die Körperglieder; die sechs Paare beginnend mit Ṛddhi-Āmoda im Sechseck; das Paar-Zweierpaar an beiden Seiten des Sechsecks; an dessen Verbindungsstellen die Körperglieder; im Achtblatt die mit Brāhmī beginnenden [Muttergöttinnen]; in den acht Richtungen des Vierecks die mit Indra beginnenden [Weltenhüter] – [sie alle] sind zu verehren; überall bei den Gottheitennamen möge man die achtsilbige Formel „Śrī[-Name], [Verehrung deiner] Sandalen, ich verehre [dich], Verehrung" anfügen.
Nachdem man so die fünffache Hüllen-Verehrung vollzogen, den Gott Gaṇanātha wiederum zehnfach gespeist, mit den sechzehn [Ehren-]Diensten bedient hat, [und] nach Praṇava-Māyā [„Oṃ Hrīṃ"] „sarva-vighna-kṛdbhyaḥ sarva-bhūtebhyo huṃ svāhā" dreimal rezitiert, ein Speiseopfer (bali) dargebracht hat, einen einzelnen Knaben in der Vorstellung des Gaṇapati, eine einzelne [Frau] in der Vorstellung der Siddhalakṣmī herbeigerufen, [beide] mit Duftstoff, Blumen [und] ungeschältem Reis verehrt, [ihnen] den Anfangs-, Zusätzlich-Anfangs- [und] Mittel[-Buchstaben] gegeben hat, [und] die Gunsterweisung „mir möge ungehindert die Mantra-Vollendung zuteilwerden" [erwirkt] hat, möge man, [ihnen] Verehrung erwiesen habend, nach [seinem] Vermögen [das Mantra] rezitieren. Wenn man ein Feueropfer durchzuführen [beabsichtigt], möge man, vor dem Speiseopfer, in dem vorschriftsmäßig geweihten Feuer mit den auf „svāhā" endenden, von Śrī-Śrīpati bis Vighnakartṛ [reichenden] Mantras opfern; sodann, [zum Sitz] zurückgekehrt, den Gott dreimal gespeist, zusammen mit den [ritual-]Berechtigten die fünf M[-Substanzen] eingenommen, den großen Gaṇapati in sich [zurück]entlassen habend, möge man, [seinen] Wunsch erfüllt, glücklich weilen – so [endet dieser Abschnitt]. Heil!
Auch hier (wie schon Khaṇḍa 1, S.12/24) wird der Vollzug der pañca-makāra (,ma-pañcakam urarī-kṛtya') als fester, unverhüllt genannter Bestandteil des Ritualabschlusses erwähnt.