Paṭala 8: 8. Khaṇḍa: Parā-krama
Khaṇḍa 8: Der Parā-Ritualablauf
Der "unübertreffliche" (anuttara) innerste Kern der Löwenthron-Wissenschaft: Verehrung der goldgestaltigen Parā im Scheitel-Lotos (S.4), Morgenreinigung und Guru-Verehrung (S.5-9), eine besondere Prāṇāyāma-Technik mit "Krähenschnabel"-Mundhaltung zur Auflösung des Opfergegenstandes im inneren Bewusstseinsfeuer (S.10), Aufbau eines 36-Tattva-Sitzes, der die gesamte tantrische Kategorienlehre (von den Elementen bis zu Śiva) als Sockel der Göttin verwendet (S.17-18), Anrufung der sechzehnfach geteilten Göttin mit einem Dhyāna-Vers (S.20), und eine Guru-Lineage-Verehrung mit vermutlich historischen Namen der Überlieferungskette (S.26).
So erwäge, wer vorschriftsmäßig die Verehrung der Vārtālī vollzogen hat, zunächst gemäß deren Ablauf das Herz der Löwenthron-Wissenschaft, die unübertreffliche (anuttara), in Gestalt der Parā-Samensilbe leuchtende Stätte. Wer das Herz des Herrn (der Göttin) kennt, dem widerfährt auf Schritt und Tritt Glück. Nun werden wir den Anuttara-Ablauf (den "Unübertrefflichen") erläutern.
In der Frühe aufstehend, die im Höhlenraum Brahmās (dem Scheitel) im Tausendblatt-Lotos weilende, goldgestaltige Parā (die "Höchste"), deren Leib von dem aus ihrem Fußpaar herabströmenden Nektarsaft überflutet ist, meditierend; gebadet, reine Kleidung tragend, mit der Silbe Sauḥ dreimal Mundspülung vollziehend, zweimal (die Lippen) abwischend, einmal (Wasser) berührend, Augen, Nasenlöcher, Ohren, Schultern, Nabel, Herz und Haupt berührend, so dreimal Mundspülung vollziehend; auf einem weichen, reinsten Wollsitz, der mit dem Sauḥ-Sonnen-Mantra beschworen und mit dem Wurzelmantra besprengt ist, Platz nehmend,
nach Norden gewandt, schweigend, geschmückten Leibes, mit dem durch das Wurzelmantra eingeleiteten Guru-Mantra den Guru auf dem Haupt verehrend; mit Schlägen der linken Ferse und dreifachem Fingerschnippen die in die Unterwelten usw. gegangenen, Trennung vorspiegelnden Hindernis-Geister vertreibend; an Kopf, Mund, Herz, Wurzel und allen Gliedern das Wurzelmantra setzend,
mit dem zu einer Krähenschnabel-Form geformten Mund die Luft einsaugend, siebenundzwanzigmal das Wurzelmantra rezitierend, das zu Opfernde am Nabel versiegelnd, wiederum siebenundzwanzigmal rezitierend, mit dem Daumen den Haarschopf bindend, wiederum die Luft füllend, damit an der Wurzel das Bewusstseinsfeuer entfachend, dort das Aufgehen des zu Opfernden erwägend,
[Anm.: "kāka-cañcūpuṭa" (Krähenschnabel-Mundhaltung) ist eine spezifische Prāṇāyāma-Technik zum geräuschvollen Lufteinsaugen durch gespitzte Lippen, wie sie auch in Haṭha-Yoga-Texten (dort meist "kāki-mudrā" genannt) belegt ist.
auf einem mit Kuhdung bestrichenen viereckigen Bodenstück, mit der seitlich fließenden Handbewegung der Fisch-Geste, mit göttlich duftendem Wasser versehen, die Scheiben von Erde, Äther, Wind und Feuer bereitend; wie im Śyāmā-Ablauf bereite man das allgemeine und das besondere Arghya. Alle Mantras des Parā-Ablaufs sind mit der Silbe Sauḥ voranzustellen.
durch zweifache Wiederholung von Bhṛgu (der Silbe Sa) sowie der vierzehnten und sechzehnten (Vokalsilbe) das Buchstaben-Sechsglied, durch sechsfache Wiederholung des ganzen Wurzelmantras das Mantra-Sechsglied bereitend; mit beiden (Sechsgliedern) verehrend,
[Anm.: Diese Nyāsa-Formel bleibt in ihrer genauen Silben-Referenz kryptisch [?]; hier wörtlich der Quelle folgend wiedergegeben.
das Wurzelmantra rezitierend: "Sie, die bewusstseinserfüllte, durch Wonne gekennzeichnete, mit Nektarkrug und Fleisch(-Opfer) in beiden Händen, die heitere Göttin, verehre ich, Verehrung, Svāhā" – so die Nektar-Göttin verehrend, mit deren (geweihtem Wasser) die Verehrungsgegenstände besprengend,
[Anm.: Die Erwähnung von "piśita" (Fleisch) in den Händen der Nektar-Göttin neben dem Amṛta-Krug bleibt inhaltlich bemerkenswert – möglicherweise ein weiterer Beleg makāra-artiger Substanz-Symbolik; hier wörtlich, ohne Glättung, wiedergegeben [?].
das zuvor am Nabel versiegelte, im Bewusstseinsfeuer aufgelöste, wie geschmolzenes Eisen fließende Bündel der sechsunddreißig Tattvas zum Herz-Lotos hinführend; mit dem rezitierten Wurzelmantra, Blumenwürfen und den sogleich zu nennenden Mantras die Sitzbereitung vollziehe man: "Verehrung dem Wurzel-usw.-Yoga-Sockel" – so endend; und dies (sind die sechsunddreißig Sockel): Erde, Wasser, Feuer, Wind, Äther, Duft, Geschmack, Form, Tastsinn, Klang, Geschlechtsorgan, After, Fuß, Hand, Sprache, Geruch, Zunge, Auge, Haut, Ohr, Ich-Bewusstsein, Verstand, Denksinn, Urnatur, Geist, Notwendigkeit, Zeit, Leidenschaft, (die) Kalā, Unwissenheit, Māyā, die reine Wissenschaft, der Herr, Sadāśiva, Śakti und Śiva – so das Parā-Rad bereitend,
[Anm.: Dies ist die klassische 36-Tattva-Kosmologie des Kaschmirer Śaivismus (von den fünf groben Elementen über die inneren Organe, Prakṛti/Puruṣa, bis zu den fünf reinen Tattvas Śuddhavidyā-Īśvara-Sadāśiva-Śakti-Śiva), die hier als konkreter Sitz-Sockel der Göttin verwendet wird – eine bemerkenswerte rituelle Konkretisierung abstrakter Kategorienlehre.
dort die aus der Erwägung ihrer Einheit gestaltete, sechzehnfach geteilte höchste Göttin Parā anrufend; "Makellos wie der Mond glänzend, dreiäugig, mit der Mond-Kalā versehen, mit strahlenden, (die) Geste (und ein) Buch (haltenden) Armen – sie schütze mich, die höchste Kalā" – so meditierend,
den Anfang des Wurzelmantras rezitierend: "die lichthafte Gestalt, die höchste Herrin"; die Mitte des Wurzelmantras rezitierend: "die erwägende Gestalt, die höchste Herrin"; das Ende des Wurzelmantras rezitierend: "die licht-erwägende Gestalt, die höchste Herrin" – mit diesen drei (Formeln) an Wurzel, Herz und Mund der Göttin verehrend; das ganze Mantra rezitierend: "die große licht-erwägende Gestalt, die höchste Herrin" – zehnmal erwägend, ebendiese Göttin, aufflammend wie zehn Millionen Weltuntergangsfeuer, meditierend; in ihr, mit begleitender ritueller Rezitation, das gesamte zu Opfernde darbringend,
das Wurzelmantra rezitierend, mit der allgemeinen Fußspur dem auf dem eigenen Haupt weilenden Guru Arghya darbringend; wiederum das entflammte Bewusstseinsfeuer erwägend; die göttliche Guru-Flut mit drei Fußspuren, die vollendete Flut mit drei, die menschliche Flut mit acht Fußspuren verehrend,
Parābhaṭṭārikā, Aghora, Śrīkaṇṭha, Śaktidhara, Krodha, Tryambaka, Ānanda, Mutter Pratibhādevī, Vīrasaṃvid, Ānanda, Mutter Madhurādevī, Jñāna, Śrīrāma, Yoga(nātha) – dies die Fußspuren (Guru-Namen) des Parā-Ablaufs.
[Anm.: Diese Namensliste enthält vermutlich historische Namen der Guru-Überlieferungslinie (paramparā) bis zum Autor Parāśurāma; die genaue Abgrenzung der einzelnen Namen aus der zusammengeschriebenen Kette bleibt unsicher [?].