Paṭala 4: 4. Khaṇḍa: Lalitā-krama
Khaṇḍa 4: Der Lalitā-Ritualablauf
Die eigentliche Herbeirufung und rituelle "Inthronisierung" der Göttin im Śrīcakra: Herausführung der inneren Bewusstheit durch den Atem und Vorstellung der Göttin-Gestalt (S.1-2), Anrufungsvers (S.3), die 64 Ehrendienste (catuṣṣaṣṭi-upacāra) als vollständiges königliches Empfangszeremoniell von Fußwaschung über Bad, Salbung, Schmuck bis zur Thronbesteigung im Kāmeśvara-Schoß (S.4-5), Mudrās und Speisung (S.6-8), die fünfzehn Nityā-Göttinnen mit ihren Einzelmantras – darunter die in unverhüllt sexueller Bhaga-Terminologie formulierte Bhagamālinī-Anrufung (S.9) –, und der Abschluss mit der Guru-Übertragungslinien-Verehrung (S.10).
Nun, nachdem man die im Herzens-Cakra weilende, im Durchdringen des inneren Suṣumnā-Lotos-Waldes geübte, die Verblendungs-Finsternis vertreibende, wie eine Śiva-Lampe leuchtende, ursprüngliche Bewusstheit (saṃvid) durch das atmende Nasenloch hat heraustreten lassen, [und] jene, [deren] Körper spielerisch angenommen ist, mit der Dreiteil-Mudrā, in einer Blumen-Handvoll in [der] Hand herbeigeführt hat, [und] nachdem man Māyā, Lakṣmī [und] Parā [Silben] ausgesprochen, [dann] den Göttin-Namen [ausgesprochen und] „ich stelle mir [dich] als aus Nektar-Bewusstsein bestehende Gestalt vor, Verehrung" [gesprochen und dies] vorgestellt hat –
[?] Der Ausdruck „trikhaṇḍa-mudrā-śikhaṇḍe" bleibt in seiner genauen Bedeutung unsicher (wörtlich etwa „im Federbüschel/Schopf der Dreiteil-Mudrā").
Nachdem man das mit „Ha-Sa-Ra" verbundene Vāc, das mit „Ha-Sa" verbundene „Ka-la-rīṃ" [und] die mit „Ha-Sa-Ra" [verbundenen] vierzehn-sechzehn [Silbenballungen] ausgesprochen hat, [rezitiert man den Vers]: „Die inmitten des großen Lotos-Waldes weilt, deren Körper die Ursache-Wonne ist, dem Wohl aller Wesen [dienend], o Mutter, komm, komm, höchste Herrin!" – [und] ruft im Bindu-Cakra das höchste Bewusstsein herbei.
Man vollziehe die vierundsechzig Ehrendienste (upacāra); alle Ehrendienst-Mantras sind mit vorangestellter Tritārī [und] endend auf „kalpayāmi namaḥ" zu bilden. Nachdem man die Tritārī ausgesprochen hat: „die Fußwaschung stelle ich vor, Verehrung" – der Reihe nach [ebenso]: das Ablegen des [alten] Schmucks, die Einölung mit wohlriechendem Öl, das Betreten der Bade-Halle, das Platznehmen auf dem Juwelensitz im Bade-Pavillon, das Einreiben mit himmlischem Bade-Pulver, das Bad mit warmem Wasser, die Waschung mit dem aus einem goldenen Krug geleiteten [Wasser] sämtlicher Pilgerstätten, das Trocknen mit gewaschenem Tuch, das Anlegen des morgenroten feinen Gewandes, das morgenrote Obergewand für die Brust, das Betreten des Salb-Pavillons, das Platznehmen auf dem Juwelensitz im Salb-Pavillon, die Ganzkörper-Salbung mit himmlischem Duftstoff aus Sandelholz, Agaru, Kuṅkuma, Nelke, Moschus, Kampfer, Zibet [und] Gorocanā u.a., die Beräucherung der Haarfülle mit dunklem Agaru, die Blumengirlande aus Jasmin, Mālatī, Jāti, Campaka, Aśoka, Lotos, Betelnusspalmen-Knospe, Punnāga [und] Kalhāra – den vornehmsten [Blumen] aller Jahreszeiten –, das Betreten des Schmuck-Pavillons, das Platznehmen auf dem Juwelensitz im Schmuck-Pavillon, die aus neun Juwelen [gefertigte] Krone, die Mondsichel, den Scheitelmal-Zinnober, das Juwel-Stirnzeichen, die dunkle Augenschminke, das Ohrläppchen-Paar, das Juwel-Ohrring-Paar, den Nasenschmuck, die Unterlippen-Bemalung, den ersten Schmuck, das Gold-Amulett, das Anhängerkettchen, die große Anhängerkette, die Perlenschnur, die Einzelperlenschnur, den verdeckten Brustpanzer, die vierfachen Oberarmspangen-Paare, den Armreif-Reihenschmuck, den Wellenschmuck-Armreif, den Hüftgürtel-Kettenschmuck, den Glücks-Schmuck, den Fußreif, den Juwel-Fußknöchelschmuck, den Zehenring – in der einen Hand die Fangschlinge, in der anderen den Elefantenhaken, in einer weiteren den Zuckerrohrbogen, in der letzten die Blumenpfeile, die glücksverheißenden Rubin-Sandalen – zusammen mit den in gleicher Tracht [wie sie selbst gekleideten] Hüllen-Gottheiten das Besteigen des großen Cakra, das Platznehmen auf dem Schoß-Lager Kāmeśvaras, den Nektar-Trank-Becher, das Mundwasser, das Betelbissen-Röllchen, das freudig-überschwängliche Lächeln des Entzückens, die glückverheißende Lichtschwenkung, den Sonnenschirm, das Yak-Schweif-Wedel-Paar, den Spiegel, den Palmblatt-Fächer, Duftstoff, Blume, Räucherwerk, Lampe [und] Speiseopfer – stelle ich vor, Verehrung." So vollziehe man die vierundsechzig Ehrendienste.
Ein vollständiges königliches Empfangszeremoniell (rājôpacāra) in 64 Einzelakten – von Fußwaschung über Bad, Salbung, Schmuck-Anlegen bis zur Thronbesteigung und dem Platznehmen "im Schoß Kāmeśvaras" (des mit Śiva identifizierten göttlichen Gemahls) – wie es in südindischen Tempel- wie Hausritualen der Śrīvidyā-Tradition bis heute in ähnlicher Form praktiziert wird.
Und nachdem man die neun Mudrās gezeigt hat, mit dem Wurzelmantra dreifach gespeist hat, [und] der Göttin [zu Ehren] in den Zwischenrichtungen Feuer-Īśāna-Asura-Vāyu und in den [Haupt-]Richtungen die sechs Körperglieder verehrt hat –
„Vāk-sa-ka-la-hrīṃ, [der] stets Feuchten, [deren] Rausch fließt, Sauḥ" – so [das Mantra] der Kāmeśvarī (überall ist „der ewigen Śrī Sandalen" anzufügen). „O Vāc-[Trägerin der] Vulva (bhaga), Genießerin, Schwester, Bauch-der-Vulva, Vulva-Bekränzte, Vulva-Bringende, Vulva-Geheime, Vulva-Ursprung, Vulva-Herabsenderin, Bezwingerin aller Vulvas, Vulva-Gestaltige, stets Feuchte, Vulva-Wesensgestaltige – bringe mir alle Vulvas herbei, o Wunschgewährende! O Same, guter Same, Vulva-Feuchte, Feucht-Fließende, mache feucht, verflüssige, o Untrügliche, o Vulva-Vicce, erschüttere, erschüttere alle Wesen, o Vulva-Herrin! Aiṃ Blūṃ Jeṃ Blūṃ Bheṃ Blūṃ Moṃ Blūṃ Heṃ Blūṃ Heṃ, o Feuchte – bringe mir alle Vulvas in [meine] Gewalt, Strīṃ, entreiße, Bleṃ, Hrīṃ" – so [das Mantra] der Bhagamālinī. „Tāra, Māyā, der stets Feuchten, [deren] Rausch fließt, Svāhā" – so [das Mantra] der Nityaklinnā. „Praṇava, Kroṃ Bhroṃ Krauṃ Jhrauṃ Chrauṃ Jrauṃ, Svāhā" – so [das Mantra] der Bheruṇḍā. „Praṇava, Māyā, der Feuer-Bewohnerin Verehrung" – so [das Mantra] der Vahnivāsinī. „Māyā, der Feuchten, Vāc, Kroṃ, der stets Rausch-Fließenden, Hrīṃ" – so [das Mantra] der Mahāvajreśvarī. „Māyā, der Śiva-Botin Verehrung" – so [das Mantra] der Śivadūtī. „Praṇava, Māyā, Huṃ, Khe, Ca, Che, Kṣaḥ, Strīṃ, Huṃ, Kṣeṃ, Hrīṃ, Phaṭ" – so [das Mantra] der Tvaritā, [auch genannt] Kumārī, die Sippen-Schöne (kula-sundarī). „[Die Silbenreihe] Ha-Sa-Ka-La-Ra-Ḍa, Vāgbhava, Ha-Sa-Ka-La-Ra-Ḍa, Bindu-Mālinī, Ha-Sa-Ka-La-Ra-Ḍa, vierzehn-sechzehn[fach]" – so [das Mantra] der Nityā. „Māyā, Phreṃ, Srūṃ, [dazu] Ankuśa, Pāśa, Smara [und] Vāgbhava, Blūṃ, [Fuß-]Wort, der stets Rausch-Fließenden Rüstung, Phreṃ, Māyā" – so [das Mantra] der Nīlapatākā. „Bha-Ma-Ra-Ya-Ūm" – so [das Mantra] der Vijayā. „Svaum" – so [das Mantra] der Sarvamaṅgalā. „Tāra, Verehrung, o Erhabene, Flammengirlanden-Trägerin, Göttin der Götter, Vernichterin aller Wesen, o Feuergeborene, Lodernde, lodere, lodere, entflamme, entflamme! Mit dem Māyā-Repha der drei Geburtsarten siebenfach [verbunden], o Flammengirlanden-Trägerin, Rüstung, Phaṭ, Feuergeborene" – so [das Mantra] der Jvālāmālinī. „Aṃ Ckauṃ" – so [das Mantra] der Citrā. [Dies sind] die fünfzehn Nityās, auf den fünfzehn Vokalen der Linie des ersten Dreiecks zu verehren. Bei [ihrer] Entlassung verehre man auch die Ṣoḍaśī (die Sechzehnte) mit der Wurzel-Wissenschaft.
[Anm.: Die klassische Fünfzehn-Nityā-Reihe der Śrīvidyā (verbunden mit den 15 Mondtagen), hier mit vollständigen Einzelmantras. Das Mantra der Bhagamālinī ("bhaga-", d.h. "Vulva", wiederholt als Präfix in einer langen Kette von Epitheta und Bitten) wird hier vollständig und ohne Beschönigung wiedergegeben, wie es der Übersetzungsmethodik dieses Projekts entspricht – es handelt sich um eine im klassischen Śrīvidyā-Kaula-Korpus (u.a. auch in anderen Nityā-Tantras) belegte, bewusst körperlich-sexuell konnotierte Anrufungsform, keine Verschreibung oder Fehllesung. Einzelne Bīja-Silben-Sequenzen (v.a. innerhalb der Tvaritā- und Nīlapatākā-Mantras) bleiben in ihrer genauen phonetischen Grenzziehung unsicher [?].]
In der Mitte, im vorderen Dreieck, innen, verehre man, entsprechend der Überlieferung, die nach der Zahl der Munis [sieben], Veden [vier] [und] Schlangen [acht bemessenen] Sandalen der göttlichen, siddha- [und] menschlichen Übertragungsreihe (divya-siddha-mānavaugha); danach verehre man auf dem eigenen Haupt den [Guru als] Herrn (nātha). Dies [ist] die Auflösungs-Glieder-Verehrung (layâṅga-pūjana) – so [endet dieser Abschnitt]. Heil!
Die "göttliche-siddha-menschliche" Dreifach-Übertragungslinie (divya-siddha-mānavaugha) ist ein Standardkonzept der Śrīvidyā-Guruparamparā-Theologie.