Paṭala 5: 5. Khaṇḍa: Lalitā-navâvaraṇa-pūjā
Khaṇḍa 5: Die Neun-Hüllen-Verehrung der Lalitā
Das ritualtechnische Kernstück des gesamten Werks: die systematische Verehrung der neun konzentrischen Umhüllungen (āvaraṇa) des Śrīcakra, von außen nach innen, jede mit ihrer eigenen Yoginī-Gruppe, ihrem eigenen Cakra-Namen und ihrer eigenen Mudrā – von den drei äußeren Vierecken mit den acht Siddhis/Muttergöttinnen/Bezauberungskräften (S.1-2) über Sechzehnblatt-, Achtblatt-, Vierzehneck-, Zehneck- (zweifach) und Achteck-Yoginīs (S.3-9) bis zu den Waffen- und Kernkreis-Gottheiten Kāmeśvarī/Vajreśvarī/Bhagamālinī samt der zentralen, alle vier Ebenen durchdringenden "Wurzel-Göttin" (S.10-13), die abschließende Bindu-Cakra-Verehrung mit der berühmten Kāma-Kalā-Visualisierung (Punkt=Antlitz, Doppelpunkt=Brüste, Halbmond=Yoni, S.14-17), und der rituelle Abschluss mit Kalaśa-Opfer, Speiseopfer und Wiedereinswerdung der Göttin im eigenen Selbst (S.18-23).
Nun, im ersten [äußeren] Viereck [des Śrīcakra]: die acht Vollkommenheiten (siddhi) Aṇimā, Laghimā, Mahimā, Īśitva, Vaśitva, Prākāmya, Bhukti, Icchā, Prāpti [und] Sarvakāma-Siddhi als Abschluss; im mittleren Viereck: die mit Brāhmī beginnenden [Muttergöttinnen], endend mit Mahālakṣmī; im dritten Viereck: Saṃkṣobhaṇa, Drāvaṇa, Karṣaṇa, Vaśya, Unmādana, Mahāṅkuśa, Khecarī, [das] Bīja [und] Yoni, dreigeteilt [angeordnet] – all diese sind, ihrer [genannten] Reihenfolge vorangestellt, zu verehren. Diese offenbaren Yoginīs mögen im „Drei-Welten-Bezauberungs-Cakra" (trailokya-mohana-cakra), samt Mudrā, samt Vollkommenheit, samt Waffe, samt Kraft, samt Reittier, samt Gefolge, mit allen Ehrendiensten verehrt sein! – so, nachdem man deren Gesamtheit verehrt hat –
Beginn der neun konzentrischen Āvaraṇa-Ringe des Śrīcakra von außen nach innen: die drei äußersten Vierecke bilden zusammen den ersten Ring ("trailokya-mohana-cakra", "Drei-Welten-Bezauberer").
Nachdem man die Handreinigungs[-Formel] ausgesprochen [und] über Tripurā-Cakreśvarī meditiert hat, zeige man mit „Drām" die Alles-Erschütterung-Mudrā (sarva-saṃkṣobhiṇī). Die Namen der Cakra-Yoginīs [und] der Cakra-Herrinnen sind [an jedem Ring] jeweils verschieden; das Übrige [Verfahren] ist gleich.
Im zweiten Ring, dem Sechzehnblatt: Kāmākarṣiṇī, [endend mit] Nityākalā; [dann] Buddhy-ākarṣiṇī, Ahaṅkārākarṣiṇī, Śabdākarṣiṇī, Sparśākarṣiṇī, Rūpākarṣiṇī, Rasākarṣiṇī, Gandhākarṣiṇī, Cittākarṣiṇī, Dhairyākarṣiṇī, Smṛty-ākarṣiṇī, Nāmākarṣiṇī, Bījākarṣiṇī, Ātmākarṣiṇī, Amṛtākarṣiṇī [und] Śarīrākarṣiṇī – diese verborgenen Yoginīs [mögen] im „Alle-Wünsche-Erfüllenden-Cakra" (sarvâśā-paripūraka-cakra), samt Mudrā usw. wie zuvor [verehrt sein]; nachdem man die Selbst-Schutz[-Formel] ausgesprochen [und] über Tripureśī meditiert hat, zeige man mit „Drīṃ" die Alles-Fortschwemmende-Mudrā.
Im dritten Ring, dem Achtblatt: Kusumā, Mekhalā, Madanā, Madanâturā, Rekhā, Veginī, Aṅkuśā [und] Mālinī, dem Wort „Anaṅga" jeweils vorangestellt – nachdem man über diese noch verborgeneren Yoginīs meditiert hat, [mögen sie] im „Alles-Erschütterungs-Cakra" (sarva-saṃkṣobhaṇa-cakre), samt Mudrā usw. wie zuvor [verehrt sein]; nachdem man die Selbst-Sitz[-Formel] ausgesprochen [und] über Tripurasundarī meditiert hat, zeige man mit „Klīm" die Alles-Anziehende-Mudrā.
Im vierten Ring, dem Weltenspeichenkreis: Saṃkṣobhiṇī, Drāviṇī, Ākarṣiṇī, Āhlādinī, Saṃmohinī, Stambhinī, Jṛmbhiṇī, Vaśaṅkarī, Rañjanī, Unmādinī, Arthasādhinī, Sampattipūraṇī, Mantramayī [und] Dvandvakṣayaṅkarī – nachdem man über all diese [Namen], mit „Sarva" vorangestellt, meditiert hat, [mögen] diese Übertragungs-Yoginīs im „Alles-Glück-Gewährenden-Cakra" (sarvasaubhāgyadāyaka-cakra) [verehrt sein] – der übrige Mantratext [gilt entsprechend]; nachdem man die Cakra-Sitz[-Formel] ausgesprochen [und] über Tripuravāsinī Cakreśvarī meditiert hat, enthülle man mit „Blūṃ" die Alles-Bezwingende-Mudrā.
Im fünften Ring, dem äußeren Zehnspeichenkreis: Siddhipradā, Sampatpradā, Priyaṅkarī, Maṅgalakāriṇī, Kāmapradā, Duḥkhavimocinī, Mṛtyupraśamanī, Vighnanivāriṇī, Aṅgasundarī [und] Saubhāgyadāyinī – all diese, mit „Sarva" vorangestellt, sind zu verehren; [mögen] diese „die Sippe Überschreitenden" Yoginīs (kulottīrṇa-yoginī) im „Alle-Ziele-Bewirkenden-Cakra" (sarvârthasādhaka-cakra) [verehrt sein] – den übrigen Mantratext gesprochen; nachdem man die Mantra-Sitz[-Formel] ausgesprochen [und] über Tripurāśrī-Cakreśvarī meditiert hat, gebe man mit „Sa" die Berauschende-Mudrā.
Im sechsten Ring, dem inneren Zehnspeichenkreis: Jñānaśakti-Aiśvaryapradā, Jñānamayī, Vyādhivināśinī, Ādhārasvarūpā, Pāpaharā, Ānandamayī, Rakṣāsvarūpiṇī [und] Īpsitaphalapradā – all diese [mit „Sarva"] vorangesetzt sind zu opfern; diese „Mutterleib"-Yoginīs (garbha-yoginī) [mögen] im „Alles-Schutz-Bewirkenden-Cakra" (sarvarakṣākara-cakra) [verehrt sein] – das Übrige entsprechend; nachdem man die Sādhya-Siddha-Sitz[-Formel] ausgesprochen [und] über die verehrungswürdige Tripuramālinī meditiert hat, zeige man mit „Kroṃ" die Alles-Großer-Elefantenhaken-Mudrā.
Im siebten Ring, dem Achtspeichenkreis: das Achtergesetz beginnend mit Vaśinī [die acht Vāgdevatās], an der Stelle „Namaḥ" den Verehrungsmantra-Namen [eingefügt] – diese Geheimnis-Yoginīs (rahasya-yoginī) [mögen] im „Alle-Krankheiten-Vertreibenden-Cakra" (sarvarogaharacakra) [verehrt sein] – das Übrige entsprechend klar; nachdem man die Gestalt-Wissenschaft (mūrti-vidyā) ausgesprochen [und] über die vollendete Tripurā meditiert hat, ist mit „Śiva-Bhṛgu-Ṛddhi-verbunden-Phreṃ" die Khecarī[-Mudrā] zu geben.
Der siebte Ring greift auf die bereits in Khaṇḍa 3.20 eingeführten acht Vāgdevatā-Namen (Vaśinī, Kāmeśvarī, Modinī, Vimalā, Aruṇā, Jayinī, Sarveśvarī, Kaulinī) zurück, hier in ihrer Funktion als "Geheimnis-Yoginīs" des Śrīcakra.
Nachdem man die Pfeil-Bīja[-Silben] ausgesprochen hat: „den Alles-Aufgähnen-Bewirkenden Pfeilen Verehrung; Dhaṃ Thaṃ, dem Alles-Verwirrenden Bogen; Āṃ Hrīṃ, der Alles-Bezwingenden Fangschlinge; Kroṃ, dem Alles-Lähmenden Elefantenhaken, Verehrung" – so [geschieht] in den vier Außen-Richtungen des großen [innersten] Dreiecks die Verehrung von Pfeil und den übrigen [Kāma-]Waffen. Im [achten Ring, dem] Dreieck [weilen], Vāc, Kāma [und] Śakti [ihren Namen] jeweils vorangestellt, die großen Göttinnen Kāmeśvarī, Vajreśvarī [und] Bhagamālinī; im [neunten Ring, dem] Bindu [die] vierte [Göttin]. Nach diesen dreien [geschieht], zu[gunsten] deren Nicht-Verschiedenheit, die Verehrung der Wurzel-Göttin: [dieselbe Göttin ist] die vierte nach Kāmeśvarī [in der ersten Aufzählung], die sechzehnte unter den Nityās, [und] die im Bindu-Cakra weilende neunte der Cakra-Göttinnen – [sie] ist eine einzige. Dort ist kein Unterschied zwischen Mantra [und] Gottheit zu machen; sie ist eben die große Göttin selbst. An den vier Stellen wiederholt sich [nur] die besondere Verehrungsweise. Diese hochgeheimen Yoginīs [weilen] im „Alle-Vollkommenheit-Gewährenden-Cakra" (sarvasiddhiprada-cakra); das Übrige ist [aus dem bereits Gesagten] zu ersehen. Nachdem man die Herbeirufungs[-Formel] ausgesprochen [und] über die Mutter Tripurā meditiert hat, [geschieht] mit „Hsauṃ" die Bīja-Mudrā-Bildung.
S.12 formuliert ausdrücklich die theologische Pointe der gesamten Neun-Hüllen-Struktur: die vier innersten, scheinbar verschiedenen Erscheinungsformen der Göttin (Kāmeśvarī-Gruppe, sechzehnte Nityā, neunte Cakra-Göttin, Bindu-Göttin) sind identisch – eine einzige "Wurzel-Göttin", deren Verehrung sich nur äußerlich, nicht wesentlich, an den vier Stellen wiederholt.
Nachdem man im Bindu-Cakra [dem neunten und letzten Ring] die Göttin mit dem Wurzelmantra verehrt hat: „Diese Höchst-und-Nicht-Höchste-Geheimnis-Yoginī (para-apara-rahasya-yoginī) möge im „Alles-Wonne"-Cakra (sarvânandamaya-cakra), samt Mudrā, samt Vollkommenheit, samt Waffe, samt Kraft, samt Reittier, samt Gefolge, mit allen Ehrendiensten verehrt sein!" – wiederum das Wurzelmantra aussprechend, [und] über die große Cakra-Herrin meditierend, zeige man mit Vāgbhava die Yoni[-Mudrā]. Nachdem man wie zuvor Räucherwerk, Lampe, Mudrā, Wasserspende, Speiseopfer u.a. dargebracht hat, [und] mit einem Punkt das Antlitz, mit einem Punktepaar die Brüste, mit [dem Halbmond-Zeichen] samt Halbteil [darüber] die Yoni gebildet hat, meditiere man [darüber] als die „Liebeskunst-Silbe" (kāma-kalā); [dann] meditiere man über das „Glücks-Herz" (saubhāgya-hṛdaya, ein Herz-Hymnus der Göttin).
S.16 beschreibt die berühmte graphische Kāma-Kalā-Visualisierung des Bindu (des zentralen Punktes im Śrīcakra) als stilisierten weiblichen Körper – ein Kernsymbol der Śrīvidyā-Ikonographie, das den Bindu zugleich als geometrischen Mittelpunkt und als weibliche Körpergestalt (Antlitz, Brüste, Yoni) deutet.
Nachdem man auf der links angebrachten, mit Dreieck, Kreis [und] Viereck [gezeichneten], mit Duftstoff [und] ungeschältem Reis verehrten [Zeichnung], Vāgbhava aussprechend, „dem durchdringenden Kreis Verehrung" [gesprochen] hat, mit dem zur Hälfte gefüllten Wasser-Gefäß den Anfangs-, Zusätzlich-Anfangs- [und] Mittel[-Buchstaben] dort eingefügt, [und] nach Praṇava-Māyā „sarva-vighna-kṛdbhyaḥ sarva-bhūtebhyo huṃ svāhā" dreimal rezitiert, ein Speiseopfer dargebracht hat, mit Umschreitung, Verehrungsgruß, Rezitation [und] Lobpreis zufriedengestellt, eine einzelne, deren Gestalt gleichende Frau mit den Ehrendiensten der Bālā verehrt, sie mit den fünf M[-Substanzen] gespeist hat, [und] zusammen mit den [ritual-]Berechtigten den Opferrest im Bewusstseins-Feuer geopfert hat, bilde man, nachdem man die Khecarī[-Mudrā] gebildet [und] „vergib" [gesprochen] hat, [und] entlasse sie [die Göttin], [und] vereinige sie in sich selbst – so [endet dieser Abschnitt]. Heil!
Der Ritualabschluss mit erneuter, unverhüllt genannter Einbeziehung der fünf M-Substanzen (S.21) sowie der abschließenden Wiedereinswerdung ("ātmani saṃyojayet") der zuvor extern verehrten Göttin mit dem eigenen Selbst des Sādhakas – die konsequente nicht-dualistische Klammer des gesamten Khaṇḍa.