Quellen der Menschheit

Bṛhad-Āraṇyaka

Kapitel 1: śatapathabrāhmaṇam · caturdaśakāṇḍe prathamādhyāye prathamaṃ brāhmaṇam (14,1,1) Der Sattra der Götter, Viṣṇus Sieg und Enthauptung — Ursprung von Gharma und Pravargya; Dadhyañc Ātharvaṇa und das Pferdehaupt (ŚB 14,1,1 = BĀU-Vorspann)

Der Auftakt des rituellen Bṛhad-Āraṇyaka-Teils: die Götter (außer den beiden Aśvin) veranstalten eine Opfersitzung (sattra) in Kurukṣetra; Viṣṇu gewinnt den Wettlauf um den ersten Platz und wird dadurch der 'Beste der Götter' - identifiziert mit dem Opfer selbst und mit Āditya, der Sonne. Die Ameisen zernagen seine Bogensehne, sein Haupt fällt ab (Lautmalerei 'ghṛṅ' → Gharma-Etymologie; sein Rumpf zieht sich fort → Pravargya-Etymologie) - dies ist der zentrale Ursprungsmythos des ganzen Pravargya-Rituals, auf den in den folgenden Kapiteln ständig zurückverwiesen wird (vgl. den verwandten Makha-Kopf-Mythos, bereits in der taittiriya- und katha-Division dieses Werks übersetzt - hier liegt die ausführlichste Fassung vor). Es folgt die berühmte Dadhyañc-Ātharvaṇa-Erzählung: der Weise kennt das Geheimwissen um das 'Wiederaufsetzen des Opferhauptes', darf es aber bei Todesstrafe (Enthauptung durch Indra) niemandem verraten; die Aśvin umgehen dies, indem sie ihm vorübergehend ein Pferdehaupt aufsetzen, durch das er lehrt, während sein eigenes Haupt in Sicherheit gebracht wird (=Hintergrund des berühmten Ṛgveda-Verses 1,116,12/1,117,22, der hier fast wörtlich als Beleg zitiert wird).

om devā ha vai sattraṃ niṣeduḥ agnirindraḥ somo makho viṣṇurviśve devā anyatraivāśvibhyām || teṣām kurukṣetram devayajanamāsa tasmādāhuḥ kurukṣetram devānāṃ devayajanamiti tasmādyatra kva ca kurukṣetrasya nigacati tadeva manyata idam devayajanamiti taddhi devānāṃ devayajanam || ta āsata śriyaṃ gacema yaśaḥ syāmānnādāḥ syāmeti tatho eveme sattramāsate śriyaṃ gacema yaśaḥ syāmānnādāḥ syāmeti || te hocuḥ yo naḥ śrameṇa tapasā śraddhayā yaiñenāhutibhiryajñasyodṛcam pūrvo'vagacātsa naḥ śreṣṭho'sattadu naḥ sarveṣāṃ saheti tatheti || tadviṣṇuḥ prathamaḥ prāpa sa devānāṃ śreṣṭho'bhavattasmādāhurviṣṇurdevānāṃ śreṣṭha iti || sa yaḥ sa viṣṇuryajñaḥ sa sa yaḥ sa yajño'sau sa ādityastaddhedaṃ yaśo viṣnurna śaśāka saṃyantu tadidamapyetarhi naiva sarva-iva yaśaḥ śaknoti saṃyantum || (ŚB 14,1,1,1-6)

Om. Die Götter setzten sich einst zu einer Opfersitzung (sattra) nieder: Agni, Indra, Soma, Makha, Viṣṇu, die All-Götter — außer den beiden Aśvin. Ihre Opferstätte (devayajana) war Kurukṣetra; deshalb sagt man: 'Kurukṣetra ist die Opferstätte der Götter.' Deshalb hält man es, wohin man auch immer innerhalb von Kurukṣetra gelangt, ebendort für 'diese Opferstätte' — denn das eben ist die Opferstätte der Götter. Sie saßen [dort mit dem Gedanken]: 'Mögen wir zu Glanz gelangen, mögen wir Ruhm haben, mögen wir Speiseesser sein' — und ebenso sitzen auch diese [heutigen Opferer] zur Opfersitzung [mit demselben Gedanken]. Sie sprachen: 'Wer von uns durch Anstrengung, Askese, Glauben, Opfer und Opfergaben zuerst den Aufstieg des Opfers erlangt, der soll der Beste von uns sein — und das gelte als gemeinsame Abmachung von uns allen.' 'So sei es', sprachen sie. Da erlangte Viṣṇu dies als Erster; er wurde der Beste der Götter. Deshalb sagt man: 'Viṣṇu ist der Beste der Götter.' Der, welcher Viṣṇu [ist], ist das Opfer; der, welcher das Opfer [ist], ist jene [Sonne], ist Āditya. Diesen Ruhm aber vermochte Viṣṇu nicht [ganz] zusammenzuhalten [zu bändigen]; deshalb vermag auch jetzt noch nicht jeder gleichsam den ganzen Ruhm zu bändigen [zu ertragen].

Wort für Wort
devā ha vai sattraṃ niṣeduḥ
die Götter setzten sich zu einer Opfersitzung nieder
kurukṣetram devānāṃ devayajanam
Kurukṣetra ist die Opferstätte der Götter
yo naḥ ... yajñasyodṛcam pūrvo'vagacāt sa naḥ śreṣṭho'sat
wer von uns zuerst den Aufstieg des Opfers erlangt, der sei der Beste von uns
viṣṇurdevānāṃ śreṣṭha
Viṣṇu ist der Beste der Götter
sa yaḥ sa viṣṇuryajñaḥ, sa yaḥ sa yajño'sau sa ādityaḥ
der, welcher Viṣṇu ist, ist das Opfer; der, welcher das Opfer ist, ist Āditya
na śaśāka saṃyantum
er vermochte nicht zu bändigen/zusammenzuhalten

Eröffnung: Sattra der Götter in Kurukṣetra (ohne die Aśvin), Wettlauf um den ersten Rang, Viṣṇus Sieg. Zentrale Brāhmaṇa-Gleichsetzung: Viṣṇu = Opfer = Āditya (Sonne). Der Gedanke, dass niemand den vollen Ruhm/Glanz (yaśas) 'bändigen' kann, bereitet Viṣṇus bevorstehende Enthauptung vor.

sa tisṛdhanvamādāyāpacakrāma sa dhanurārtnyā śira upastabhya tasthau tam devā anabhidhṛṣṇuvantaḥ samantam pariṇyaviśanta || tā ha vamrya ūcuḥ imā vai vamryo yadupadīkā yo'sya jyāmapyadyātkimasmai prayacetetyannādyamasmai prayacemāpi dhanvannapo'dhigacettathāsmai sarvamannādyam prayacemeti tatheti || tasyopaparāsṛtya jyāmapijakṣustasyāṃ cinnāyāṃ dhanurārtnyau viṣphurantyau viṣṇoḥ śiraḥ pracicidatuḥ || tadghṛṅṅiti papāta tatpatitvāsāvādityo'bhavadathetaraḥ prāṅeva prāvṛjyata tadyadghṛṅṅityapatattasmādgharmo'tha yatprāvṛjyata tasmātpravargyaḥ || (ŚB 14,1,1,7-10)

Er nahm seinen Bogen [?, 'tisṛdhanvam' unsicher] und zog sich zurück. Er stand da, indem er sein Haupt auf das obere Ende des Bogens stützte; die Götter, die sich nicht an ihn heranwagten, setzten sich ringsum nieder. Da sprachen die Ameisen — diese nämlich sind es, die man 'vamrī' nennt, [genauer] die Upadīkā-Ameisen: 'Wer immer seine Bogensehne zernagt, was sollte man dem dafür gewähren?' [Man antwortete:] 'Speise wollen wir ihm gewähren; auch soll er, selbst in der Wüste, Wasser finden — so wollen wir ihm alle Speise gewähren.' 'So sei es.' Sie näherten sich ihm von unten und zernagten die Bogensehne; als diese durchtrennt war, schnellten die beiden Enden des Bogens auseinander und trennten Viṣṇus Haupt ab. Dieses fiel mit dem Laut 'ghṛṅ'; nachdem es gefallen war, wurde es zu jener Sonne dort; der übrige Rumpf aber zog sich einfach geradeaus fort. Weil es also mit [dem Laut] 'ghṛṅ' fiel, [heißt dieser Ritus] Gharma; und weil [der Rumpf] fortzog, [heißt er] Pravargya. [Anm.: die klassische Brāhmaṇa-Lautmalerei-Etymologie — Gharma ('das Glühende', der Pravargya-Tontopf) aus dem Falllaut 'ghṛṅ', Pravargya aus pra+vraj 'fortziehen'. Dies ist der zentrale Ursprungsmythos, auf den das gesamte Pravargya-Ritual in den folgenden Kapiteln zurückverweist — eine ausführlichere Parallelfassung zum bereits übersetzten Makha-Kopf-Mythos der taittiriya- und katha-Division.]

Wort für Wort
dhanurārtnyā śira upastabhya tasthau
er stand, indem er sein Haupt auf das Bogenende stützte
yajyāmapyadyāt kimasmai prayacetā
wer die Sehne zernagt, was soll man ihm dafür geben
viṣṇoḥ śiraḥ pracicidatuḥ
sie trennten Viṣṇus Haupt ab
tadghṛṅṅiti papāta
es fiel mit dem Laut 'ghṛṅ'
tasmādgharmaḥ
daher [der Name] Gharma
prāṅeva prāvṛjyata, tasmātpravargyaḥ
er zog geradeaus fort, daher [der Name] Pravargya

Kern-Mythos: Viṣṇus Enthauptung durch die von Ameisen zernagte Bogensehne; Lautmalerei-Etymologie Gharma←'ghṛṅ' (Falllaut) und Pravargya←pra-vraj ('fortziehen', vom enthaupteten Rumpf). 'tisṛdhanvam' (K.7) philologisch unklar, sinngemäß übersetzt.

te devā abruvan mahānbata no vīro'dādīti tasmānmahāvīrastasya yo raso vyakṣarattaṃ pāṇibhiḥ sammamṛjustasmātsammrāṭ || tam devā abhyamṛjyanta yathā vittim vetsyamānā evam tamindraḥ prathamaḥ prāpa tamanvaṅgamanunyapadyata tam paryagṛhṇāttam parigṛhyedaṃ yaśo'bhavadyadidamindro yaśo yaśo ha bhavati ya evam veda || sa u eva makhaḥ sa viṣṇuḥ tata indro makhavānabhavanmakhavānha vai tam maghavānityācakṣate paro'kṣam paro'kṣakāmā hi devāḥ || tābhyo vamrībhyo'nnādyam prāyacan āpo vai sarvamannaṃ tābhirhīdamabhiknūyamivādanti yadidaṃ kimvadanti || (ŚB 14,1,1,11-14)

Da sprachen die Götter: 'Fürwahr, ein großer Held hat uns [dies] gegeben!' Daher [heißt das Gefäß] Mahāvīra ['der große Held']. Was an Saft aus ihm [dem gefallenen Haupt] ausfloss, das wischten sie mit den Händen zusammen; daher [der Name] Sammrāṭ [wortspielerisch mit sam-mṛj, 'zusammenwischen']. Die Götter salbten sich damit, wie man sich mit einem [wertvollen] Erbgut betrauen lässt. So erlangte es Indra als Erster; er trat ihm Glied für Glied nach, er umfasste es; indem er es umfasste, wurde es zu diesem Ruhm — daher ist dieser Ruhm, der Indras [Ruhm] ist; Ruhm erlangt, wer dies so weiß. Er [Viṣṇu] eben ist Makha, er ist Viṣṇu; daraufhin wurde Indra 'makhavant' [mit Makha versehen]. 'Makhavant' nennt man ihn ja verhüllt als 'Maghavan' — denn die Götter lieben das Verhüllte. Jenen Ameisen gewährten sie [dann tatsächlich] Speise — Wasser nämlich ist alle Speise; mit diesem essen sie ja gleichsam alles auf, was auch immer sie [an Nahrung zu sich] nehmen [?, 'abhiknūyam' unsicheres Wort].

Wort für Wort
mahānbata no vīro'dādīti, tasmānmahāvīraḥ
'ein großer Held hat uns dies gegeben' — daher Mahāvīra
raso vyakṣarat, pāṇibhiḥ sammamṛjuḥ, tasmātsammrāṭ
der Saft floss aus, sie wischten ihn zusammen — daher Sammrāṭ
indraḥ prathamaḥ prāpa, parigṛhya idaṃ yaśo'bhavat
Indra erlangte es zuerst, durch Umfassen wurde es zu diesem Ruhm
sa u eva makhaḥ sa viṣṇuḥ
er eben ist Makha, er ist Viṣṇu
makhavān ha vai tam maghavānityācakṣate
'Makhavant' nennt man ihn verhüllt 'Maghavan'
paro'kṣakāmā hi devāḥ
denn die Götter lieben das Verhüllte

Etymologien: Mahāvīra ('großer Held', Name des Pravargya-Tontopfes) und Sammrāṭ (wortspielend mit sam-mṛj 'zusammenwischen'). Indras Beiname Maghavan als Verhüllung von 'Makhavant' (Makha-Besitzer) — Beleg für das Brāhmaṇa-Prinzip 'die Götter lieben das Verhüllte' (paro'kṣa-priyā devāḥ). Die Ameisen erhalten als Lohn Wasser = alle Speise. 'abhiknūyam' (K.14) unsicher übersetzt.

athemam viṣṇuṃ yajñam tredhā vyabhajanta vasavaḥ prātaḥsavanaṃ rudrā mādhyandinaṃ savanamādityāstṛtīyasavanam || agniḥ prātaḥsavanam indro mādhyandinaṃ savanam viśve devāstṛtīyasavanam || gāyatrī prataḥsavanam triṣṭummādhyandinaṃ savanaṃ jagatī tṛtīyasavanaṃ tenāpaśīrṣṇā yajñena devā arcantaḥ śrāmyantaśceruḥ || dadhyaṅ ha vā ātharvaṇaḥ etaṃ śukrametaṃ yajñam vidāṃ cakāra yathā-yathaitadyajñasya śiraḥ pratidhīyate yathaiṣa kṛtsno yajño bhavati || (ŚB 14,1,1,15-18)

Sodann verteilten sie diesen Viṣṇu, das Opfer, dreifach: die Vasus [erhielten] die Morgenpressung, die Rudras die Mittagspressung, die Ādityas die dritte Pressung. Agni [gehört zur] Morgenpressung, Indra [zur] Mittagspressung, die All-Götter [zur] dritten Pressung. Die Gāyatrī [gehört zur] Morgenpressung, die Triṣṭubh [zur] Mittagspressung, die Jagatī [zur] dritten Pressung. Mit diesem hauptlosen Opfer gingen die Götter, [ihre Verrichtungen] preisend und sich abmühend, weiter. Dadhyañc, der Sohn des Atharvan, kannte diesen leuchtenden, diesen [ganzen] Opferzusammenhang — [nämlich] wie das Haupt dieses Opfers wieder aufgesetzt wird, wie dieses Opfer dadurch wieder vollständig wird.

Wort für Wort
viṣṇuṃ yajñam tredhā vyabhajanta
sie verteilten Viṣṇu, das Opfer, dreifach
vasavaḥ prātaḥsavanam, rudrāḥ mādhyandinaṃ, ādityāḥ tṛtīyasavanam
Vasus=Morgen-, Rudras=Mittags-, Ādityas=Dritte Pressung
apaśīrṣṇā yajñena
mit diesem hauptlosen Opfer
dadhyaṅ ātharvaṇaḥ etaṃ śukram yajñam vidāṃ cakāra
Dadhyañc Ātharvaṇa kannte diesen leuchtenden Opferzusammenhang
yathā yajñasya śiraḥ pratidhīyate
wie das Haupt des Opfers wieder aufgesetzt wird

Dreifachteilung des (nun kopflosen) Opfers auf Göttergruppen/Savanas/Versmaße — Standard-Brāhmaṇa-Korrespondenzschema. Übergang zur Dadhyañc-Ātharvaṇa-Episode: er allein weiß, wie das abgeschlagene Opferhaupt (=Viṣṇus Haupt) wieder aufgesetzt und das Opfer vervollständigt werden kann.

sa hendreṇokta āsa etam cedanyasmā anubrūyāstata eva te śiraścindyāmiti || tadu hāśvinoranuśrutamāsa dadhyaṅṅu ha vā ātharvaṇa etaṃ śukrametaṃ yajñam veda yathāyathaitadyajñasya śiraḥ pratidhīyate yathaiṣa kṛtsno yajño bhavati || tau hetyocatuḥ upa tvāyāveti kimanuvakṣyamāṇāvityetaṃ śukrametaṃ yajñam yathā-yathaitadyajñasya śiraḥ pratidhīyate yathaiṣa kṛtsno yajño bhavatīti || sa hovāca indreṇa vā ukto'smyetaṃ cedanyasmā anubrūyāstata eva te śiraścindyāmiti tasmādvai bibhemi yadvai me sa śiro na cindyānna vāmupaneṣya iti || tau hocatuḥ āvām tvā tasmāttrāsyāvaha iti katham mā trāsyethe iti yadā nā upaneṣyase'tha te śiraścittvānyatrāpanidhāsyāvo'thāśvasya śira āhṛtya tatte pratidhāsyāvastena nāvanuvakṣyasi sa yadā nāvanuvakṣyasyatha te śiraścetsyatyatha te svaṃ śira āhṛtya tatte pratidhāsyāva iti tatheti || tau hopaninye tau yadopaninye'thāsya śiraścittvānyatrāpanidadhaturathāśvasya śira āhṛtya taddhāsya pratidadhatustena hābhyāmanūvāca sa yadābhyāmanūvācāthāsya tadindraḥ śiraścicedāthāsya svaṃ śira āhṛtya taddhāsya pratidadhatuḥ || tasmādetadṛṣiṇābhyanūktam dadhyaṅ ha yanmadhvātharvaṇo vāmaśvasya śīrṣṇā pra yadīmuvācetyayataṃ taduvāceti haivaitaduktam || (ŚB 14,1,1,19-25)

Ihm war von Indra gesagt worden: 'Solltest du dies irgendeinem anderen mitteilen, so werde ich dir eben deshalb das Haupt abschlagen.' Das nun hatten die beiden Aśvin mitgehört: 'Dadhyañc, der Sohn des Atharvan, kennt ja diesen leuchtenden Opferzusammenhang — wie das Haupt dieses Opfers wieder aufgesetzt wird, wie dieses Opfer dadurch vollständig wird.' Die beiden traten zu ihm und sprachen: 'Wir kommen zu dir.' 'Um euch was mitzuteilen?' 'Um diesen leuchtenden Opferzusammenhang — wie das Haupt dieses Opfers wieder aufgesetzt wird, wie dieses Opfer dadurch vollständig wird.' Er sprach: 'Mir ist von Indra gesagt worden: Solltest du dies irgendeinem anderen mitteilen, so werde ich dir eben deshalb das Haupt abschlagen. Davor eben fürchte ich mich [?, Konstruktion des Folgesatzes unsicher]; ich werde es euch nicht darlegen.' Da sprachen die beiden: 'Wir werden dich davor beschützen.' 'Wie wollt ihr mich beschützen?' 'Wenn du es uns darlegen wirst, dann werden wir dein eigenes Haupt abtrennen und anderswohin beiseitelegen; dann werden wir das Haupt eines Pferdes herbeibringen und dir das [an seiner Stelle] aufsetzen; mit diesem wirst du uns dann [die Lehre] verkünden. Wenn du uns damit verkündet haben wirst, dann wird [Indra] dir dieses Pferdehaupt abschlagen; dann werden wir dein eigenes Haupt herbeibringen und dir das wieder aufsetzen.' 'So sei es.' Er lehrte die beiden. Als er sie [in die Lehre] eingewiesen hatte, trennten sie sein Haupt ab und legten es anderswohin beiseite; dann brachten sie das Haupt eines Pferdes herbei und setzten es ihm auf; mit diesem verkündete er es den beiden. Als er es ihnen verkündet hatte, schlug Indra ihm jenes Pferdehaupt ab; dann brachten sie sein eigenes Haupt herbei und setzten es ihm wieder auf. Deshalb ist dies von einem Ṛṣi [in einem Vers] bezeugt: 'Dadhyañc, der Sohn des Atharvan, verkündete euch beiden die Honig[-Lehre] mit dem Haupt des Pferdes' — wenn er dies wörtlich 'verkündete' sagt, so ist eben damit gesagt: 'er hat es getreu verkündet' [Anm.: Wortspiel 'ayataṃ tad uvāca']. [Anm.: DIES ist der Ursprungskontext des berühmten Ṛgveda-Verses 1,116,12/1,117,22 (Aśvin-Hymnus): '...dadhyaṅ ha yan madhv āthar­vaṇo vām aśvasya śīrṣṇā pra yad īm uvāca' — die Madhu-vidyā (Honiglehre), die Dadhyañc den Aśvin mit dem Pferdehaupt verkündete. Diese berühmte, oft nur fragmentarisch überlieferte Episode erhält hier ihre vollständige Brāhmaṇa-Rahmenerzählung.]

Wort für Wort
etaṃ cedanyasmā anubrūyāstata eva te śiraścindyāmiti
'solltest du dies einem anderen mitteilen, schlage ich dir das Haupt ab'
āvām tvā tasmāttrāsyāvaha
'wir werden dich davor beschützen'
śiraścittvānyatrāpanidhāsyāvaḥ, aśvasya śira āhṛtya pratidhāsyāvaḥ
'wir trennen dein Haupt ab und setzen dir ein Pferdehaupt auf'
tena nāvanuvakṣyasi
'mit diesem [Pferdehaupt] wirst du uns lehren'
svaṃ śira āhṛtya taddhāsya pratidadhatuḥ
sie setzten ihm sein eigenes Haupt wieder auf
dadhyaṅ ha yanmadhvātharvaṇo vāmaśvasya śīrṣṇā pra
'Dadhyañc verkündete euch die Honiglehre mit dem Pferdehaupt' [=ṚV 1,116,12]

Die berühmte Dadhyañc-Aśvin-Pferdehaupt-Episode in voller Brāhmaṇa-Fassung — Hintergrund von ṚV 1,116,12/1,117,22. Geheimwissen um das Wiederaufsetzen des Opferhauptes wird trotz Indras Todesdrohung durch den Kunstgriff des ausgetauschten Hauptes weitergegeben. K.22 syntaktisch leicht unsicher übersetzt.

tanna sarvasmā anubrūyāt enasyaṃ hi tadatho nenma indraḥ śiraścinadaditi yo nveva jñātastasmai brūyādatha yo'nūcāno'tha yo'sya priyaḥ syānna tveva sarvasmā iva || samvatsaravāsine'nubrūyāt eṣa vai samvatsaro ya eṣa tapatyeṣa u pravargyastadetamevaitatprīṇāti tasmātsamvatsaravāsine'nubrūyāt || tisro rātrīrvrataṃ carati trayo vā ṛtavaḥ samvatsarasya samvatsara eṣa ya eṣa tapatyeṣa u pravargyastadetamevaitatprīṇāti tasmāttisro rātrīrvrataṃ carati || (ŚB 14,1,1,26-28)

Man soll dies nicht jedem beliebigen mitteilen — es ist ja sündhaft; außerdem [würde man denken:] 'Nicht doch, damit Indra mir nicht das Haupt abschlage!' Wem man es kennt [als würdig erkannt hat], dem soll man es mitteilen — wer also ein [wirklicher] Gelehrter ist, oder wer einem lieb ist — nicht aber einfach jedem beliebigen. Man soll es dem mitteilen, der ein Jahr [beim Lehrer] gewohnt hat. Dieser [glühende Topf] nämlich, der da glüht, ist das Jahr, und er ist eben der Pravargya; damit erfreut man eben diesen — deshalb soll man es dem mitteilen, der ein Jahr gewohnt hat. Man vollzieht [dazu] drei Nächte lang ein Gelübde; drei sind ja die Jahreszeiten des Jahres, und das Jahr ist dieser glühende Topf, und er ist eben der Pravargya; damit erfreut man eben diesen — deshalb vollzieht man drei Nächte lang das Gelübde.

Wort für Wort
tanna sarvasmā anubrūyāt
man soll dies nicht jedem beliebigen mitteilen
yo'nūcāno'tha yo'sya priyaḥ syāt
wer ein Gelehrter ist oder wer einem lieb ist
samvatsaravāsine'nubrūyāt
man soll es dem mitteilen, der ein Jahr gewohnt hat
eṣa vai samvatsaro ya eṣa tapati, eṣa u pravargyaḥ
dieser Glühende ist das Jahr, und er ist der Pravargya
tisro rātrīrvrataṃ carati
man vollzieht drei Nächte das Gelübde

Übergang von der Mythologie zur Ritualpraxis: strenge Geheimhaltungsregeln für die Pravargya-Lehre (nur an würdige, langjährige Schüler). Zentrale Identifikation: Gharma-Topf = Jahr = Pravargya, grundlegend für die folgenden Ritualvorschriften.

taptamācāmati tapasvyanubravā ityamāṃsāśyanubrūte tapasvyanubravā iti || amṛnmayapāyī asti vā asyāṃ saṃsṛṣṭamiva yadasyāmanṛtam vadati tasmādamṛnmayadāyī || aśūdrociṣṭī eṣa vai dharmo ya eṣa tapati saiṣā śrīḥ satyaṃ jyotiranṛtaṃ strī śūdraḥ śvā kṛṣṇaḥ śakunistāni na prekṣeta necriyaṃ ca pāpmānaṃ ca nejjyotiśca tamaśca netsatyānṛte saṃsṛjānīti || athaiṣa vāva yaśaḥ ya eṣa tapati tadyattadādityo yaśo yajño haiva tadyaśastadyattadyajño yaśo yajamāno haiva tadyaśastadyattadyajamāno yaśa ṛtvijo haiva tadyaśastadyattadṛtvijo yaśo dakṣiṇā haiva tadyaśastasmādyāmasmai dakṣiṇāmānayeyurna tā itsadyo'nyasmā atidiśennedyanmedaṃ yaśa āgaṃstatsadyo'nyasmā atidiśānīti śvo vaiva bhūte dvyahe vā tadātmanyevaitadyaśaḥ kṛtvā yadeva tadbhavati tatsa dadāti hiraṇyaṃ gām vāso'śvam vā || athaitadvā āyuretajjyotiḥ praviśati ya etamanu vā brūtebhakṣayati vā tasya vratacaryā nātapati pracādayeta nedetasmāttiro'sānīti nātapati niṣṭhīvennedetamabhiniṣṭhīvānīti nātapati prasrāvayeta nedetamabhiprasrāvayā iti yāvadvā eṣa ātapati tāvāneṣa nedetametairhinasānītyavajyotya rātrāvaśnīyāttadetadasya rūpaṃ kriyate ya eṣa tapati tadu hovācāsurirekaṃ ha vai devā vrataṃ caranti yatsatyam tasmādu satyameva vadet || sa vai sambhārāntsambharati sa yadvā enānitthāccetthācca sambharati tatsambhārāṇāṃ sambhāratvaṃ sa vai yatra-yatra yajñasya nyaktaṃ tatastataḥ sambharati || (ŚB 14,1,1,29-34)

Er nimmt einen Schluck von der erhitzten [Gharma-Milch] mit den Worten: 'Lass mich als Asketen verkünden' [?, Formel unsicher] — als einer, der kein Fleisch isst, spricht er: 'Lass mich als Asketen verkünden.' [Er ist] ein 'Nicht-aus-Ton-Trinkender' — denn dieser [Tonware] haftet gleichsam etwas Vermischtes/Unreines an [?] — deshalb [ist er] ein 'Nicht-aus-Ton-Gebender'. [Er ist] einer, dessen Blick nicht auf einen Śūdra fällt. Dies eben ist die rechte Norm: dieser Topf, der da glüht, ist eben die Glanz-Schönheit; Wahrheit ist Licht, Unwahrheit ist [gleichgesetzt mit] Frau, Śūdra, schwarzer Hund, [schwarzer] Rabe — auf diese soll er nicht blicken, 'damit ich nicht Glanz und Übel, nicht Licht und Finsternis, nicht Wahrheit und Unwahrheit miteinander vermische', [so denkend]. [Anm.: eine der sozial-hierarchischen Reinheits-/Unreinheitsklassifikationen der älteren Brāhmaṇa-Literatur, die Frauen, Śūdras und bestimmte Tiere pauschal mit 'Unwahrheit'/'Finsternis' assoziiert und vom Blickfeld während des Rituals ausschließt — hier ohne Beschönigung wörtlich wiedergegeben, wie es die Quelle bietet, aber als historisches Zeugnis einer vedischen Reinheitsideologie zu verstehen, nicht als zeitlose Aussage.] Nun ist eben dieser Glühende der Ruhm: was daran Āditya-Ruhm ist, das eben ist der Ruhm des Opfers; was daran Opfer-Ruhm ist, das eben ist der Ruhm des Opferherrn; was daran Opferherren-Ruhm ist, das eben ist der Ruhm der Priester; was daran Priester-Ruhm ist, das eben ist der Ruhm der Priestergabe. Deshalb soll man, welche Priestergabe man ihm auch zubringt, diese nicht sogleich einem anderen weitergeben, [aus dem Gedanken:] 'Damit nicht dieser Ruhm sogleich an einen anderen weitergehe.' Erst am nächsten Tag oder nach zwei Tagen, wenn er diesen Ruhm ganz in sich [aufgenommen] hat, gibt er ihn weiter — Gold, eine Kuh, ein Gewand oder ein Pferd. Nun geht dieses Lebensalter, dieses Licht in den ein, der ihm nachspricht oder ihn genießt. Solange dieser [Topf] glüht, soll er nicht ausspucken — 'damit ich es nicht dadurch beeinträchtige'; solange er glüht, soll er nicht [Wasser] ausspeien; solange er glüht, soll er nicht urinieren [Anm.: dieser Abschnitt ist grammatisch/lexikalisch sehr dicht und an mehreren Stellen unsicher übersetzt]. Denn solange dieser [Topf] glüht, 'darf man dies nicht verletzen', [so denkt er]. Erst wenn das Glühen erloschen ist, darf er in der Nacht essen. Dies eben wird zu seiner Erscheinungsform gemacht, dass er glüht. Dazu sagte Āsuri: 'Ein einziges Gelübde vollziehen die Götter fürwahr, [nämlich] die Wahrheit' — deshalb soll man nur die Wahrheit sprechen. Er sammelt nämlich die Ritual-Zutaten (sambhāra) ein. Dass er diese von da und dort her einsammelt, das ist die 'Zusammengesammelt-heit' der Zutaten; er sammelt sie nämlich von überall dort ein, wo jeweils etwas vom Opfer verborgen ist.

Wort für Wort
amṛnmayapāyī, amṛnmayadāyī
'Nicht-aus-Ton-Trinkender', 'Nicht-aus-Ton-Gebender' [Reinheitsvorschrift]
aśūdrociṣṭī
'dessen Blick nicht auf einen Śūdra fällt'
satyaṃ jyotiranṛtaṃ strī śūdraḥ śvā kṛṣṇaḥ śakuniḥ
Wahrheit=Licht; Unwahrheit=Frau/Śūdra/schwarzer Hund/Rabe [Anm.: problematische Reinheitsklassifikation]
dakṣiṇā haiva tadyaśaḥ
die Priestergabe eben ist dieser Ruhm
ekaṃ ha vai devā vrataṃ caranti yatsatyam
ein einziges Gelübde vollziehen die Götter: die Wahrheit
sambhārāntsambharati
er sammelt die Ritualzutaten ein

Ritualvorschriften des Gharma-Gelübdes: Reinheitsgebote (K.29-31, darunter eine problematische, hier neutral-deskriptiv wiedergegebene Blickverbots-Liste, die Frauen/Śūdras/Tiere mit 'Unwahrheit' assoziiert — historisches Zeugnis, keine Wertung übernommen), die Glanz-Ruhm-Kette Āditya→Opfer→Opferherr→Priester→Priestergabe (K.32), Verhaltensregeln während des Glühens und Āsuris Wahrheitsgebot (K.33), Übergang zur Sambhāra-Sammlung (K.34, Brücke zum folgenden Brāhmaṇa). Mehrere Stellen (K.29-30, K.33) philologisch dicht und mit [?] markiert.

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