Kapitel 8: Śatapatha-Brāhmaṇa 14,2,2 (Kaṇḍikā 41-48)
Zweite Rohiṇī-Opfer, der Gharma-Rest für den Opferherrn, Sand und Upasad; wann der Pravargya weitergegeben werden darf
Fortsetzung von ŚB 14,2,2 (Kaṇḍikā 41-48 von 55). Behandelt: die Wiederholung der Rohiṇī-Opfer, das Reichen des Gharma-Restes an den Opferherrn mit Segenswunsch, das Reinigungsritual mit Sand und Śākala-Bruchstücken sowie den Beginn des Upasad-Ritus als erneute Wiederherstellung von Makhas Haupt, die wichtige Vorschrift, den Pravargya-Anteil niemals beim allerersten Opfer eines Schülers/Opferherrn weiterzugeben (sondern erst beim zweiten oder dritten Mal, aus Furcht vor Verbrennung von Nachkommenschaft und Vieh sowie Kurzlebigkeit), die Einschränkung auf würdige/vertraute Empfänger und bestimmte 'Alles-umfassende' Großopfer (Sahasra, Sarvavedas, Viśvajit, Sarvapṛṣṭha, Vājapeya, Rājasūya, Sattra), und schließlich eine lehrhafte Frage-Antwort-Passage darüber, wodurch auch andere (nicht-Pravargya-)Opfer symbolisch ihr 'Haupt' erhalten.
atha rauhiṇau juhoti ahaḥ ketunā juṣatāṃ sujyotirjyotiṣā svāhety asāv eva bandhuḥ rātriḥ ketunā juṣatāṃ sujyotirjyotiṣā svāhety asāv eva bandhuḥ || atha yajamānāya gharmociṣṭam prayacchati sa upahavam iṣṭvā bhakṣayati madhu hutam indratame agnāv iti madhu hutam indriyavattame 'gnāv ity evaitad āhāśyāma te deva gharma namas te astu mā mā hiṃsīr ity āśiṣam evaitad āśāste || atha dakṣiṇataḥ sikatā upakīrṇā bhavanti tan mārjayante ya eva mārjālīye bandhuḥ so 'trānupraharati śākalān athopasadā caranty etad u yajñasya śiraḥ saṃskṛtaṃ yathā-yathainaṃ tad aśvinau pratyadhattām
Dann opfert er die beiden Rohiṇī-Spenden [erneut]: „Der Tag möge sich an seinem Banner erfreuen, schön-leuchtend durch sein Licht! Svāhā!“ — eben das ist die [mystische] Verknüpfung; „Die Nacht möge sich an ihrem Banner erfreuen, schön-leuchtend durch ihr Licht! Svāhā!“ — eben das ist die [mystische] Verknüpfung. Dann reicht er dem Opferherrn den [Milch-]Rest des Gharma; nachdem er die Anrufung geopfert hat, genießt er [davon]: „Geopferter Honig im höchst-indrahaften Feuer!“ — „geopferter Honig im an Indra-Kraft reichsten Feuer“ — so besagt er eben damit; „wir möchten dich genießen, o Gott Gharma; Verehrung sei dir; verletze mich nicht!“ — eben damit erbittet er einen Segenswunsch. Dann [findet man], dass südlich [des Herdes] Sand aufgeschüttet ist; dort reinigen sie [die Geräte]; welche [mystische] Verknüpfung auch für dieses Abreiben gilt, die trifft auch hier zu; dabei wirft er die Śākala-Bruchstücke hinein. Dann vollziehen sie das Upasad-Ritual: dies ist [der Vorgang, wodurch] das Haupt des Opfers wiederhergestellt wird, ganz so, wie es einst die Aśvin [wieder]ansetzten.
taṃ na prathamayajñe pravṛñjyāt enasyaṃ hi tad atho nen ma indraḥ śiraś cinad iti dvitīye vaiva tṛtīye vāpaśīrṣṇā hy evāgre yajñena devā arcantaḥ śrāmyantaś ceruḥ tasmād dvitīye vaiva tṛtīye vātho tapto vā eṣa śuśucāno bhavati || taṃ yat prathamayajñe pravṛñjyāt eṣo 'sya taptaḥ śuśucānaḥ prajāṃ ca paśūṃś ca pradahed atho āyuḥ pramāyuko yajamānaḥ syāt tasmād dvitīye vaiva tṛtīye vā || taṃ na sarvasmā iva pravṛñjyāt sarvaṃ vai pravargyo net sarvasmā iva sarvaṃ karavāṇīti yo nv eva jñātas tasmai pravṛñjyād yo vāsya priyaḥ syād yo vānūcāno 'nūktenainam prāpnuyāt
Man solle diesen [Pravargya-Anteil] nicht beim ersten Opfer [eines Opferherrn] weitergeben; denn dies wäre sündhaft — „damit nicht Indra mir das Haupt abschneide“ [ist der Grund]. Beim zweiten oder beim dritten [Opfer aber schon]; denn ohne Haupt gingen die Götter anfangs mit dem Opfer um, sich [dabei] abmühend und plagend; deshalb [gibt man ihn erst] beim zweiten oder beim dritten Mal; und ferner: dieser [Gharma-Topf] ist ja glühend, feurig-lodernd. Würde man ihn beim ersten Opfer weitergeben, so würde dieser glühende, feurig-lodernde [Trank] ihm Nachkommenschaft und Vieh verbrennen, und ferner würde der Opferherr kurzlebig werden; deshalb [geschieht es] erst beim zweiten oder beim dritten Mal. Man solle ihn nicht gleichsam an jeden beliebigen weitergeben; denn der Pravargya ist das Ganze — „damit ich nicht gleichsam an jeden beliebigen 'alles' vergebe“ [ist der Grund]; nur wem man wirklich vertraut, dem soll man ihn weitergeben, oder wer ihm lieb ist, oder wer als [im Veda] Bewanderter durch das Gelernte ihn [zu Recht] erlangen soll.
Wort für Wort
prathamayajñe
beim ersten Opfer
enasyam
sündhaft
apaśīrṣṇā yajñena
mit dem kopflosen Opfer
taptaḥ śuśucānaḥ
glühend, feurig-lodernd
pramāyukaḥ āyuḥ
kurzlebig [wörtl. schwindendes Lebensalter]
yaḥ jñātaḥ, yaḥ priyaḥ, yaḥ anūcānaḥ
wer vertraut, lieb oder bewandert ist
Die dreifache Begründung — Furcht vor Indras Rache, Furcht vor Verbrennung durch die noch 'kopflose', unvollständig gegründete Opferkraft, und die Beschränkung auf würdige Empfänger — zeigt die enge Verzahnung von Mythos, physischer Vorsicht (heißes Gefäß) und sozialer Exklusivität in der Pravargya-Weitergabe.
sahasre pravṛñjyāt sarvaṃ vai sahasraṃ sarvam eṣa sarvavedase pravṛñjyāt sarvaṃ vai sarvavedasaṃ sarvam eṣa viśvajiti sarvapṛṣṭhe pravṛñjyāt sarvaṃ vai viśvajit sarvapṛṣṭhaḥ sarvam eṣa vājapeye rājasūye pravṛñjyāt sarvaṃ hi tat sattre pravṛñjyāt sarvaṃ vai sattraṃ sarvam eṣa etāny asya pravarjanāny ato nānyatra || tad āhuḥ yad apaśirā apravargyo 'tha kenāsyāgnihotraṃ śīrṣaṇvad bhavatīty āhavanīyeneti brūyāt kathaṃ darśapūrṇamāsāv ity ājyena ca puroḍāśena ceti brūyāt kathaṃ cāturmāsyānīti payasyayeti brūyāt katham paśubandha iti paśunā ca puroḍāśena ceti brūyāt kathaṃ saumyo 'dhvara iti havirdhāneneti brūyāt
Bei einem Tausend[-Lohn-Opfer] soll man ihn weitergeben, denn ein Tausend ist Alles-umfassend, [und] dieser [Pravargya] ist Alles; beim Sarvavedas[-Opfer], denn Sarvavedas ist Alles, [und] dieser ist Alles; beim Viśvajit- und beim Sarvapṛṣṭha[-Opfer], denn diese sind Alles, [und] dieser ist Alles; beim Vājapeya, beim Rājasūya soll man ihn weitergeben, denn auch dies [gilt als Alles-umfassend]; beim Sattra[-Sitzungsopfer] soll man ihn weitergeben, denn ein Sattra ist Alles, [und] dieser ist Alles — dies sind seine [zulässigen] Weitergabe-Gelegenheiten, und nirgendwo anders. Dazu sagt man: Wenn [ein Opfer] ohne Haupt ist, [ist es dann] ohne Pravargya [ungültig]? Wodurch aber erhält dann das Agnihotra sein „Haupt“? — Man solle antworten: „Durch das Āhavanīya-Feuer.“ Wie [erhalten] die Neu- und Vollmondopfer [ihr Haupt]? — „Durch die Ājya- und die Puroḍāśa-Spende.“ Wie die Cāturmāsya-Opfer? — „Durch die Payasyā-Milchspende.“ Wie das Paśubandha-Tieropfer? — „Durch das Tier und die Puroḍāśa-Spende.“ Wie das somische Opfer? — „Durch das Havirdhāna[-Gestell für die Soma-Gefäße].“
durch Āhavanīya, Ājya, Puroḍāśa, Payasyā, Tier, Havirdhāna [je das 'Haupt'-Äquivalent]
Diese abschließende Lehrfrage-Reihe erweitert das Kopf-Symbol des Pravargya-Mythos auf das gesamte Opferwesen: auch Riten ohne eigentlichen Pravargya besitzen demnach ein funktionales Äquivalent zum 'Haupt des Opfers', das jeweils durch ein zentrales Element des betreffenden Ritus verkörpert wird.