Kapitel 5: Śatapatha-Brāhmaṇa 14,2,2 (Kaṇḍikā 1-20)
Die Wind-Anrufungen zum Āhavanīya-Feuer, die zwölf Namen, und das Gharma-Opfer mit Heilung durch den Brahman-Priester
Dieses Kapitel übersetzt den ersten Teil von ŚB 14,2,2 (Kaṇḍikā 1-20 von insgesamt 55; der Rest folgt in einem weiteren Kapitel). Behandelt werden: die vorsorgliche Wind-Opferserie zum Āhavanīya-Feuer (gegen das Eindringen von Unholden zwischen Pravargya und Opfer), elf Anrufungen des Windes unter wechselnden Beinamen (Meer, Strömung, Unbedrängbar, Indra mit Vasu/Rudra/Āditya, Feindetöter, Savitṛ, Bṛhaspati, Yama mit den Vätern) — insgesamt zwölf Namen, gedeutet als die zwölf Monate des Jahres —, das eigentliche Übertragen der Gharma-Milch ins Mahāvīra-Gefäß, das stille Vätergedenken, den Verzicht auf die Anuvākyā-Einleitung, die Aśvin-Trinkformel, das Emporschwenken des Gefäßes zum Himmel, die Sviṣṭakṛt-Portion für Agni, und die heilende Besprechung durch den Brahman-Priester.
sa yatraitāṃ hotānvāha praitu brahmaṇaspatiḥ pra devy etu sūnṛteti tad adhvaryuḥ prāṅ udāyan vātanāmāni juhoti etad vai devā abibhayur yad vai na imam antarā rakṣāṃsi nāṣṭrā na hanyur iti tam etat purā eva āhavanīyāt svāhākāreṇa ājuhavus taṃ hutam eva santam agnāv juhuvus tatho evainam eṣa etat purā eva āhavanīyāt svāhākāreṇa juhoti taṃ hutam eva santam agnau juhoti || samudrāya tvā vātāya svāhā ayaṃ vai samudro yo 'yaṃ pavata etasmād vai samudrāt sarve devāḥ sarvāṇi bhūtāni samuddravanti tasmā evainaṃ juhoti tasmād āha samudrāya tvā vātāya svāhā || sarirāya tvā vātāya svāhā ayaṃ vai sariro yo 'yaṃ pavata etasmād vai sarirāt sarve devāḥ sarvāṇi bhūtāni saherate tasmā evainaṃ juhoti tasmād āha sarirāya tvā vātāya svāhā
Wenn der Hotṛ-Priester diesen [Vers] nachspricht: „Es trete hervor Bṛhaspati, es trete hervor die göttliche Wahrhaftigkeit (Sūnṛtā)“ — dann vollzieht der Adhvaryu, nach Osten aufsteigend, die Wind-Namen-Opferungen. Dies nämlich fürchteten die Götter: dass nicht etwa die Unholde (rakṣas) zwischen diesen [Pravargya und Opfer] träten und ihn mit der Peitsche [dem Wurfgeschoss] erschlügen; deshalb opferten sie [die Wind-Spenden] schon vorher zum Āhavanīya-Feuer hin mit dem Svāhā-Ruf; das so bereits Geopferte opferten sie [nochmals] im [Gārhapatya-]Feuer. Ebenso opfert auch er dies bereits vorher zum Āhavanīya-Feuer hin mit dem Svāhā-Ruf; das bereits Geopferte opfert er dann noch einmal im Feuer. „Dem Meer, dir, dem Wind, Svāhā!“ — dieser [Wind], der da weht, ist nämlich das Meer; denn aus eben diesem Meer strömen alle Götter, alle Wesen zusammen hervor; eben diesem opfert er es deshalb; deshalb spricht er: „Dem Meer, dir, dem Wind, Svāhā!“ „Der Strömung, dir, dem Wind, Svāhā!“ — dieser [Wind] ist nämlich die Strömung; denn aus eben dieser Strömung vereinen sich alle Götter, alle Wesen; eben dieser opfert er es deshalb; deshalb spricht er: „Der Strömung, dir, dem Wind, Svāhā!“
Wort für Wort
vātanāmāni
die Wind-Namen-Opferungen
rakṣāṃsi
die Unholde/Dämonen
āhavanīyāt
zum Āhavanīya-Feuer hin
svāhākāreṇa
mit dem Svāhā-Ruf
samudraḥ
das Meer
sariraḥ
die Strömung
Die zwölfteilige Wind-Anrufungsreihe (hier Kaṇḍikā 2-11, fortgesetzt bis Kaṇḍikā 12, wo ihre Zahl als 'zwölf, wie die Monate' gedeutet wird) identifiziert den vorbereitenden Windhauch nacheinander mit verschiedenen kosmischen Mächten, bevor die eigentliche Gharma-Opferhandlung beginnt.
„Dem Unbedrängbaren, dir, dem Wind, Svāhā! Dem Unangreifbaren, dir, dem Wind, Svāhā!“ — dieser [Wind], der da weht, ist nämlich unbedrängbar, unangreifbar; eben diesem opfert er es deshalb. „Dem Schutzsuchenden, dir, dem Wind, Svāhā! Dem Unermüdlichen, dir, dem Wind, Svāhā!“ — dieser [Wind] ist nämlich schutzsuchend, unermüdlich; eben diesem opfert er es deshalb. „Dem Indra, dir, dem Vasu-Geleiteten, dem Rudra-Geleiteten, Svāhā!“ — dieser [Wind] ist nämlich Indra; eben diesem opfert er es deshalb; deshalb spricht er: „Dem Indra, dir..., dem Vasu-Geleiteten..., dem Rudra-Geleiteten...“; damit teilt er ihm eben Indra samt den Vasu und den Rudra zu; und ferner wird hiermit die Gestalt sowohl der Morgen- als auch der Mittags-Somapressung geschaffen.
„Dem Indra, dir, dem Āditya-Geleiteten, Svāhā!“ — dieser [Wind] ist nämlich Indra; damit teilt er ihm eben Indra samt den Āditya zu; und ferner wird hiermit die Gestalt der dritten Somapressung geschaffen. „Dem Indra, dir, dem Feindetöter, Svāhā!“ — dieser [Wind] ist nämlich Indra; eben diesem opfert er es deshalb; „Feind“ (abhimāti) bedeutet nämlich Rivale (sapatna): „dem Indra, dir, dem Rivalen-Töter“ — so besagt er eben damit. Dies ist seine [besondere] Aushebung; so wie man dem Besten [zuerst] eine Ehrenportion aushebt — ebenso [erhält] dieser [Anteil] hier seine Portion abgesondert von den übrigen Göttern. „Dem Savitṛ, dir, dem Ṛbhu-Geleiteten, dem Vibhu-Geleiteten, dem Kraft-Geleiteten, Svāhā!“ — dieser [Wind] ist nämlich Savitṛ; eben diesem opfert er es deshalb; damit teilt er ihm alle Götter zu.
bṛhaspataye tvā viśvadevyāvate svāheti ayam vai bṛhaspatir yo 'yaṃ pavate tasmā evainaṃ juhoti tasmād āha bṛhaspataye tvety viśvadevyāvata iti tad asmin viśvān sarvān devān anv ābhajati || yamāya tvāṅgirasvate pitṛmate svāheti ayam vai yamo yo 'yaṃ pavate tasmā evainaṃ juhoti tasmād āha yamāya tvety aṅgirasvate pitṛmata iti yajñasya śīrṣacinnasya [raso vyakṣarat sa] pitṝn agacchat trayo vai pitaras tān evaitad anv ābhajati || dvādaśaitāni nāmāni bhavanti dvādaśa vai māsāḥ saṃvatsarasya saṃvatsara eṣa ya eṣa tapaty eṣa u pravargyas tad etam evaitat prīṇāti tasmād dvādaśa bhavanti
„Dem Bṛhaspati, dir, dem All-Götter-Geleiteten, Svāhā!“ — dieser [Wind] ist nämlich Bṛhaspati; eben diesem opfert er es deshalb; damit teilt er ihm alle, sämtliche Götter zu. „Dem Yama, dir, dem Aṅgiras-Geleiteten, dem Väter-Geleiteten, Svāhā!“ — dieser [Wind] ist nämlich Yama; eben diesem opfert er es deshalb; [als] dem enthaupteten Opfer [einst] der Saft entströmte [Anm.: Anspielung auf den Makha-Enthauptungsmythos aus Kap.1], da gelangte er zu den Vätern; drei nämlich sind die Väter[-Gruppen] — eben diesen teilt er ihn hiermit zu. Zwölf sind diese Namen [der vorangegangenen Wind-Anrufungen]; zwölf nämlich sind die Monate des Jahres, und dieser [Wind/Gharma], der da glüht, ist das Jahr, und eben dieser ist zugleich der Pravargya; damit erfreut er eben diesen; deshalb sind es zwölf.
athopayamanyā mahāvīra ānayati svāhā gharmāyeti eṣa vai gharmo ya eṣa tapaty eṣa u pravargyas tad etam evaitat prīṇāti tasmād āha svāhā gharmāyety avaraṃ svāhākāraṃ karoti parāṃ devatām asāv eva bandhuḥ || ānīte japati svāhā gharmaḥ pitra iti yajñasya śīrṣacinnasya [raso vyakṣarat sa] pitṝn agacchat trayo vai pitaras tān evaitat prīṇāty avaraṃ svāhākāraṃ karoti parāṃ devatām asāv eva bandhuḥ || nānuvākyām anv āha sakṛd u hy eva parāñcaḥ pitaras tasmān nānuvākyām anv āhātikramyāśrāvyāha gharmasya yajeti vaṣaṭkṛte juhoti || viśvā āśā dakṣiṇā sad iti sarvā āśā dakṣiṇā sad ity evaitad āha viśvān devān ayāḍ iheti sarvān devān ayākṣīd ihety evaitad āha svāhākṛtasya gharmasya madhoḥ pibatam aśvineti aśvinau evaitad āhāśvinau hy etad yajñasya śiraḥ pratyadhattāṃ tāv evaitat prīṇāty avaraṃ svāhākāraṃ karoti parāṃ devatām asāv eva bandhuḥ
Dann bringt er [die Milch] mit dem Melkeimer zum Mahāvīra-Gefäß: „Svāhā dem Gharma!“ — dieser [Topf], der da glüht, ist nämlich der Gharma, und eben dieser ist der Pravargya; damit erfreut er eben diesen; deshalb spricht er: „Svāhā dem Gharma!“ — den Svāhā-Ruf setzt er niedriger, die Gottheit höher — eben das ist die [mystische] Verknüpfung. Ist [die Milch] herbeigebracht, murmelt er leise: „Svāhā, der Gharma den Vätern!“ — als dem enthaupteten Opfer der Saft entströmte, gelangte er zu den Vätern; drei nämlich sind die Väter[-Gruppen] — eben diese erfreut er damit; den Svāhā-Ruf setzt er niedriger, die Gottheit höher. Er spricht keine Anuvākyā (Einleitungsformel) nach; denn nur einmal [wenden sich die Opferer] den fortgewandten Vätern zu; deshalb spricht er keine Anuvākyā nach, sondern überspringt sie und ruft sogleich „Śrāvaya!“ (Höre/Verkünde!): „Opfere des Gharma [Trank]!“ — und beim Vaṣaṭ-Ruf opfert er. „Alle Himmelsrichtungen sitzen zur Rechten“ — „alle Richtungen sitzen zur Rechten“ — so besagt er eben damit; „alle Götter hast du hier hergeopfert“ — „alle Götter hast du hier hergeleitet“ — so besagt er eben damit; „Trinkt, ihr Aśvin, vom Svāhā-bereiteten Honig des Gharma!“ — damit meint er eben die Aśvin, denn die Aśvin haben ja dieses Haupt des Opfers wiederangesetzt; eben diese beiden erfreut er damit; den Svāhā-Ruf setzt er niedriger, die Gottheit höher.
Wort für Wort
mahāvīraḥ
das Mahāvīra-Gefäß
japati
er murmelt leise
nānuvākyām anv āha
er spricht keine Anuvākyā nach
āśrāvya
'Höre!'-Ruf
vaṣaṭkṛte
beim Vaṣaṭ-Ruf
aśvinā gharmasya madhu pibatam
Aśvin, trinkt den Gharma-Honig
Der Verzicht auf die sonst übliche Anuvākyā-Einleitungsformel vor dem Vaṣaṭ-Ruf wird damit begründet, dass sich die Lebenden nur einmalig (beim eigentlichen Totenopfer) den 'fortgewandten' Vätern zuwenden — eine seltene ausdrückliche Ausnahme von der Standard-Opferliturgie.
atha hutvordhvam utkampayati divi dhā imaṃ yajñam imaṃ yajñaṃ divi dhā ity asau vā ādityo gharmo yajño divi vā eṣa hito divi pratiṣṭhitas tam evaitat prīṇāti tasmād āha divi dhā imaṃ yajñam imaṃ yajñaṃ divi dhā ity anuvaṣaṭkṛte juhoti || svāhāgnaye yajñiyāyeti tat sviṣṭakṛdbhājanam agnir hi sviṣṭakṛt yajurbhya iti yajurbhir hy eṣo 'smiṃl loke pratiṣṭhitas tāny evaitat prīṇāty avaraṃ svāhākāraṃ karoti parāṃ devatām asāv eva bandhuḥ || atha brahmānumantrayate brahmā vā ṛtvijāṃ bhiṣaktamas tad ya evartvijāṃ bhiṣaktamas tenaivainam etad yajñam bhiṣajyati || aśvinā gharmam pātam iti aśvinau evaitad āhāśvinau hy etad yajñasya śiraḥ pratyadhattāṃ tāv evaitat prīṇāti
Nach dem Opfern schwenkt er [das Gefäß] nach oben: „Setze im Himmel dieses Opfer, dieses Opfer setze im Himmel!“ — jene Sonne (Āditya) nämlich ist der Gharma, das Opfer; im Himmel ist es niedergelegt, im Himmel gegründet; eben diesen erfreut er damit; deshalb spricht er: „Setze im Himmel dieses Opfer, dieses Opfer setze im Himmel!“ — und beim Anuvaṣaṭ-Ruf opfert er. „Svāhā dem opferwürdigen Agni!“ — dies ist die Portion des Sviṣṭakṛt [Beiname Agnis, „Der das Opfer wohlvollzogen macht“], denn Agni ist der Sviṣṭakṛt; „...den Yajus-Formeln“ — denn durch die Yajus-Formeln ist er in dieser Welt hier gegründet; eben diese erfreut er damit; den Svāhā-Ruf setzt er niedriger, die Gottheit höher — eben das ist die [mystische] Verknüpfung. Dann bespricht ihn der Brahman-Priester: der Brahman ist nämlich der beste Heiler unter den Opferpriestern; eben durch den, der der beste Heiler unter den Priestern ist, heilt er damit eben dieses Opfer. „Ihr Aśvin, trinkt den Gharma!“ — damit meint er eben die Aśvin, denn die Aśvin haben ja dieses Haupt des Opfers wiederangesetzt; eben diese beiden erfreut er damit.
Wort für Wort
utkampayati
er schwenkt empor
divi dhā
setze im Himmel
anuvaṣaṭkṛte
beim Anuvaṣaṭ-Ruf
sviṣṭakṛt
'der das Opfer wohlvollzogen macht' (Agni-Beiname)
brahmā bhiṣaktamaḥ
der Brahman-Priester, der beste Heiler
aśvinā gharmam pātam
Aśvin, trinkt den Gharma
Die abschließende 'Heilung des Opfers' durch den Brahman-Priester als 'bester Heiler' knüpft an die generelle Rolle des Brahman als stiller Überwacher/Korrektor ritueller Fehler an und rundet den Pravargya-Vollzug symbolisch ab, bevor im folgenden Abschnitt (Kaṇḍikā 21ff.) weitere Einzelheiten folgen.