Kapitel 10: Śatapatha-Brāhmaṇa 14,3,1 (Kaṇḍikā 1-8)
Der Abschluss des Pravargya-Zyklus und die dreifache Heilung des Kummers durch Feuerbrände (Himmel, Luftraum, Erde)
Dieses Kapitel beginnt Adhyāya 3 (den letzten der drei Adhyāyas dieser Quelle) mit ŚB 14,3,1 (Kaṇḍikā 1-8 von 32). Behandelt: den Abschluss des mehrtägigen Pravargya-Upasad-Zyklus (am dritten, sechsten oder zwölften Tag) mit endgültiger Aufhebung des Pravargya und Zusammenräumen der Gerätschaften, sowie die anschließende dreiteilige Zeremonie mit drei vom Āgnīdhra-Priester entzündeten Feuerbränden (cālāka), die den beim Enthauptungsmythos entstandenen kosmischen 'Kummer' (śuc) in den drei Welten — Himmel/Gāyatrī/Havirdhāna, Luftraum/Triṣṭubh/Āgnīdhra, Erde/Jagatī/Sadas — symbolisch heilen.
Am dritten Tag, oder am sechsten, oder am zwölften [des Ritus] vollendet er den Pravargya-Upasad-Zyklus und hebt den Pravargya endgültig auf; denn dieses Haupt [das Mahāvīra-Gefäß] gilt dann gleichsam als aufgehoben; was auch immer rings um dieses [Gefäß] herum vorhanden ist, das alles nehmen sie zusammen und tragen es vor die Opferhalle, in den Bereich innerhalb der Vedi. Dann bereitet der Āgnīdhra-Priester am Āhavanīya-Feuer drei Feuerbrände vor; einen davon entzündet er und opfert, ihn bis zur Mundhöhe emporgehalten: als dem enthaupteten Opfer [einst] der Kummer entstieg, drang er in diese Welten ein; eben durch diesen Kummer heilt er ihn damit, macht ihn ganz.
Wort für Wort
pravargyopasadau samasya
bei Abschluss des Pravargya-Upasad-Zyklus
utsādayati
er hebt auf/beseitigt
cālākān
die Feuerbrände/Glutspäne
mukhadaghne
bis zur Mundhöhe
śuk
der Kummer/die Schmerzensglut
Der 'Kummer' (śuc, auch 'Schmerzensglut') wird hier als eigenständige kosmische Kraft behandelt, die beim Enthauptungsmythos aus Kapitel 1 in die drei Welten eindrang und nun rituell durch drei entsprechende Feuerbrände 'geheilt' bzw. neutralisiert werden muss.
atha yan mukhadaghne uparīva vai tad yan mukhadaghnam uparīva tad yad asau lokas tad yām uṃ lokaṃ śug āviśat tayaivainam etac chucā samardhayati kṛtsnaṃ karoti || yā te gharma divyā śug iti yaiva divyā śug yā gāyatryāṃ havirdhāna iti yaiva gāyatryāṃ havirdhāne sā ta āpyāyatāṃ niṣṭyāyatāṃ tasyai te svāhā iti nātra tirohitam ivāsti
Und dass [er den Brand] bis zur Mundhöhe [hält] — dies ist gleichsam das Obere; denn was bis zur Mundhöhe reicht, das ist gleichsam das Obere, das ist jene [Himmels-]Welt; in jene Welt drang der Kummer ein; eben durch diesen Kummer heilt er ihn damit, macht ihn ganz. „Welcher Kummer dein, o Gharma, der himmlische ist“ — eben der himmlische Kummer — „der in der Gāyatrī im Havirdhāna-Gestell ist“ — eben der, der in der Gāyatrī im Havirdhāna ist: „der möge dich stärken, möge dir zuwachsen; ihm sei Svāhā!“ — hier ist nichts gleichsam verborgen [d.h. die Formel benennt alles offen].
atha dvitīyam ujjvalayya nābhidaghne dhārayamāṇo juhoti madhyam iva vai tad yan nābhidaghnaṃ madhyam ivāntarikṣalokas tad yāntarikṣalokaṃ śug āviśat tayaivainam etac chucā samardhayati kṛtsnaṃ karoti || yā te gharmāntarikṣe śug iti yaivāntarikṣe śug yā triṣṭubhyāgnīdhra iti yaiva triṣṭubhyāgnīdhre sā ta āpyāyatāṃ niṣṭyāyatāṃ tasyai te svāhā iti nātra tirohitam ivāsti
Dann entzündet er den zweiten Feuerbrand und opfert, ihn bis zur Nabelhöhe haltend: dies ist gleichsam die Mitte; denn was bis zur Nabelhöhe reicht, ist gleichsam die Mitte, der Luftraum; in den Luftraum drang der Kummer ein; eben durch diesen Kummer heilt er ihn damit, macht ihn ganz. „Welcher Kummer dein, o Gharma, im Luftraum ist“ — eben der Kummer im Luftraum — „der in der Triṣṭubh im Āgnīdhra-Feuerherd ist“ — eben der, der in der Triṣṭubh im Āgnīdhra ist: „der möge dich stärken, möge dir zuwachsen; ihm sei Svāhā!“ — hier ist nichts gleichsam verborgen.
atha tṛtīyam abhyādhāya tasminn āsīno juhoty adha iva vai tad yad āsīno 'dha iva tad yad ayaṃ lokas tad imaṃ lokaṃ śug āviśat tayaivainam etac chucā samardhayati kṛtsnaṃ karoti || yā te gharma pṛthivyāṃ śug iti yaiva pṛthivyāṃ śug yā jagatyāṃ sadasyeti yaiva jagatyāṃ sadasyā sā ta āpyāyatāṃ niṣṭyāyatāṃ tasyai te svāhā iti nātra tirohitam ivāsti
Dann legt er den dritten [Brand] hinzu und opfert, sich dabei setzend: dies ist gleichsam das Untere; denn dass er sitzt, ist gleichsam das Untere, das ist diese [irdische] Welt; in diese Welt drang der Kummer ein; eben durch diesen Kummer heilt er ihn damit, macht ihn ganz. „Welcher Kummer dein, o Gharma, auf der Erde ist“ — eben der Kummer auf der Erde — „der in der Jagatī im Sadas-Priesterzelt ist“ — eben der, der in der Jagatī im Sadas ist: „der möge dich stärken, möge dir zuwachsen; ihm sei Svāhā!“ — hier ist nichts gleichsam verborgen.
Wort für Wort
adha iva
gleichsam das Untere
ayaṃ lokaḥ
diese [irdische] Welt
jagatī
das Jagatī-Versmaß
sadaḥ
das Sadas-Priesterzelt
Die dreiteilige Sequenz ordnet Welt, Versmaß und Ritualort systematisch einander zu: Himmel/Gāyatrī/Havirdhāna, Luftraum/Triṣṭubh/Āgnīdhra, Erde/Jagatī/Sadas — ein weiteres Beispiel der für die Brāhmaṇa-Literatur typischen dreistufigen Kosmos-Korrespondenzsysteme.