Quellen der Menschheit

Bṛhad-Āraṇyaka

Kapitel 11: Śatapatha-Brāhmaṇa 14,3,1 (Kaṇḍikā 9-16) Der Schutzauszug, das Unholde-vertreibende Sāman, und das Ausschütten der Gefäß-Reste an der feuchten Abflussstelle

Fortsetzung von ŚB 14,3,1 (Kaṇḍikā 9-16 von 32). Behandelt: den Auszug mit Segensformeln für Kriegermacht, Brahman, Volk und Opfer, das anschließend gesungene Sāman zur Vertreibung der peitschentragenden Unholde (in Agni-Melodie und Aticchandas-Übermaß), den Auszug der Priester zur Wasserstelle, und eine wichtige Streitfrage über den richtigen Ort zum Ausschütten der heißen Gefäß-Reste: bevorzugt wird eine feuchte, abfließende Stelle (weder trockene Erde noch offenes Wasser direkt), nach anderer Lehrmeinung der Uttaravedi-Hochaltar selbst als erneute 'Kopf-Anfügung' an das Opfer.

athopaniṣkrāmati kṣatrasya tvā paraspā iti etad vai daivaṃ kṣatraṃ ya eṣa tapaty asya tvā mānuṣasya kṣatrasya paraspatvāya ity evaitad āha brahmaṇas tanvam pāhīti brahmaṇa ātmānaṃ gopāyety evaitad āha viśas tvā dharmaṇā vayam iti yajño vai viḍ yajñasya tvāriṣṭyā ity evaitad āmānukrāmāma suvitāya navyasa iti yajñasya tvāriṣṭyā ahvalāyā ity evaitad āha

Dann tritt er nach draußen: „Dich [entsende ich] zum Schutz der göttlichen Kriegermacht!“ — dieser [Gharma], der da glüht, ist nämlich die göttliche Kriegermacht; „dich zum Schutz dieser menschlichen Kriegermacht“ — so besagt er eben damit; „beschütze den Leib des Brahman!“ — „bewahre selbst das Brahman“ — so besagt er eben damit; „dich [begleiten] wir gemäß der Ordnung des Volkes“ — das Opfer nämlich ist [wie] das Volk; „dich zur Unversehrtheit des Opfers“ — so besagt er eben damit; „wir schreiten dir nach zu neuerem Wohlergehen“ — „zur Unversehrtheit, zur Unbeirrtheit des Opfers“ — so besagt er eben damit. [?, Anm.: Die stark verdichtete Syntax dieser Kaṇḍikā erlaubt an mehreren Stellen nur eine sinngemäße, nicht wortwörtlich gesicherte Wiedergabe.]

Wort für Wort
kṣatrasya paraspā
Schützer/Schutz der Kriegermacht
brahmaṇaḥ tanūm pāhi
beschütze den Leib des Brahman
viśaḥ dharmaṇā
gemäß der Ordnung des Volkes
yajñasya āriṣṭyai
zur Unversehrtheit des Opfers

athāha sāma gāyeti sāma brūhīti vā gāyeti tv eva brūyād gāyanti hi sāma tad yat sāma gāyati ned imān bahirdhā yajñāc carīrān nāṣṭrā rakṣāṃsi hinasann iti sāma hi nāṣṭrāṇāṃ rakṣasām apahantā || āgneyyāṃ gāyati agnir hi rakṣasām apahantātichandasi gāyaty eṣā vai sarvāṇi chandāṃsi yad aticchandās tasmād aticchandasi gāyati || sa gāyati agniṣ ṭapati pratidahaty ahāvo 'hāva iti tan nāṣṭrā vai tad rakṣāṃsy ato 'pahanti

Dann sagt er: „Singe ein Sāman!“ — oder man solle sagen „rezitiere ein Sāman“, doch eher solle man „singe“ sagen, denn man singt ja ein Sāman; dass er das Sāman singt, geschieht „damit nicht die außerhalb des Opfers umherziehenden peitschentragenden Unholde uns verletzen“ — denn das Sāman ist der Vertreiber der peitschentragenden Unholde. Er singt es in einer Agni-[Melodie]; denn Agni ist der Vertreiber der Unholde. Er singt im Aticchandas-Übermaß; dieses [Versmaß] nämlich umfasst alle Versmaße, da es das „Über-Maß“ ist; deshalb singt er im Aticchandas. Er singt: „Agni glüht, verbrennt entgegen, ha-hau, ha-hau!“ — damit vertreibt er eben von hier die peitschentragenden Unholde.

Wort für Wort
sāma gāyati
er singt ein Sāman
nāṣṭrāḥ rakṣāṃsi
die peitschentragenden Unholde
āgneyī
die Agni-Melodie
aticchandas
das Aticchandas-Übermaß
ahāvo 'hāva
'ha-hau, ha-hau' (Kampfruf)

Das apotropäische Sāman mit seinem lautmalerischen Kampfruf ('ahāvo 'hāva') ist ein seltenes Beispiel unmittelbar performativ-magischer (statt rein deutender) Ritualsprache im Pravargya-Corpus.

ta udañco niṣkrāmanti jaghanena cātvālam agreṇāgnīdhram eṣā hi yajñasya dvāḥ sa yasyāṃ tato diśy āpo bhavanti tad yanti || tam vai pariṣyanda utsādayet tapto vā eṣa śuśucāno bhavati taṃ yad asyām utsādayed imām asya śug ṛcchet yad apsūtsādayed apo 'sya śug ṛcchet atha yat pariṣyanda utsādayati tatho ha naivāpo hinasti nemāṃ yad aha apsu na prāsyati tenāpo na hinasty atha yat samantam āpaḥ pariyanti śāntir vā āpas teno imāṃ na hinasti tasmāt pariṣyanda utsādayet

Diese [Priester] treten nach Norden hinaus, hinter dem Cātvāla-Grubenplatz vorbei, vor dem Āgnīdhra-Feuerherd entlang; denn dies ist die Tür des Opfers; und in welcher Richtung dort Wasser vorhanden ist, dahin gehen sie. An einer feuchten Abflussstelle soll er die [glühenden] Reste ausschütten; denn dieser [Rest] ist glühend, feurig-lodernd; würde er ihn auf trockener Erde ausschütten, würde sein Kummer/seine Glut diese Erde treffen; würde er ihn ins [offene] Wasser schütten, würde sein Kummer die Gewässer treffen; wenn er ihn aber an einer feuchten Abflussstelle ausschüttet, dann verletzt er weder die Erde — da er ihn nicht direkt ins Wasser wirft, verletzt er dadurch auch nicht die Gewässer —, noch, da das Wasser dort ringsum fließt und Wasser ja Befriedung bedeutet, verletzt er dadurch die Erde; deshalb soll er ihn an einer feuchten Abflussstelle ausschütten.

Wort für Wort
cātvālam
der Cātvāla-Grubenplatz
yajñasya dvāḥ
die Tür des Opfers
pariṣyandaḥ
die feuchte Abflussstelle
śuk ṛcchet
der Kummer/die Glut würde treffen
śāntiḥ
Befriedung/Beruhigung

Die sorgfältige Abwägung zwischen 'trockener Erde' und 'offenem Wasser' zeigt ein bemerkenswert differenziertes rituelles Umweltbewusstsein: der glühende Rest soll weder Erde noch Gewässer unmittelbar 'verletzen', sondern an einer neutralisierenden Zwischenzone entsorgt werden.

uttaravedau tv evotsādayet yajño vā uttaravediḥ śiraḥ pravargyo yajña evaitac chiraḥ pratidadhāti || uttaranābhyā saṃspṛṣṭam prathamam pravargyam utsādayati vāg vā uttaranābhiḥ śiraḥ pravargyaḥ śīrṣaṃs tad vācaṃ dadhāti

[Nach anderer Lehrmeinung] solle er ihn stattdessen auf dem Uttaravedi-Hochaltar ausschütten; das Opfer nämlich ist der Uttaravedi, das Haupt ist der Pravargya; damit setzt er eben dem Opfer selbst wieder dieses Haupt an. Den ersten Pravargya[-Rest] schüttet er an einer Stelle aus, die den „oberen Nabel“ [eine bestimmte Altar-Markierung] berührt; die Rede nämlich ist der „obere Nabel“, das Haupt ist der Pravargya; so verleiht er, selbst das Haupt seiend, damit [dem Opfer] die Rede.

Wort für Wort
uttaravediḥ
der Uttaravedi-Hochaltar
śiraḥ pratidadhāti
er setzt das Haupt wieder an
uttaranābhiḥ
der 'obere Nabel' [Altarmarkierung]
vāk
die Rede

Diese zweite, konkurrierende Lehrmeinung (Uttaravedi statt feuchte Abflussstelle) illustriert die im Śatapatha-Brāhmaṇa häufige Praxis, mehrere schulische Auffassungen nebeneinander stehen zu lassen, ohne sich für eine zu entscheiden.

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