Kapitel 4: Śatapatha-Brāhmaṇa 14,2,1
Die Rohiṇī-Opfer und das Melken des Gharma: Anrufung der Kuh, Aśvin, Sarasvatī und Indra
Dieses Kapitel übersetzt ŚB 14,2,1 (22 Kaṇḍikās): die morgendlichen und abendlichen Rohiṇī-Opfergüsse (Tag/Nacht als 'die Aufsteigenden'), die Vorbereitung des Umbindens des Mahāvīra-Gefäßes mit dem Strick (rāsnā), die feierliche Herbeirufung der Milchkuh unter den Namen Iḍā/Aditi/Sarasvatī, das eigentliche Melken der Milch in den glühenden Gharma-Topf mit begleitenden Anrufungen an die Aśvin, Sarasvatī und Indra, das Besprechen der herabfallenden Tropfen, die Berührung des Euters mit einer Kette von Identifikationen (Rede=Sarasvatī=Gharma-Kuh), das Abnehmen der Hufe und ihr rituelles Abwischen, das Herbeibringen von Ziegen- und schließlich Kuhmilch zum Abkühlen des Topfes, und abschließend die Deutung des Gharma-Trankes als Lebensalter und Licht. Kaṇḍikā 22 bricht im Quelltext mit unklaren/beschädigten Zeichen ab; dies wird unten transparent vermerkt.
athāto rohiṇau juhoti ahaḥ ketunā juṣatāṃ sujyotirjyotiṣā svāhā ity ubhāv etena yajuṣā prātaḥ; rātriḥ ketunā juṣatāṃ sujyotirjyotiṣā svāhā ity ubhāv etena yajuṣā sāyam || tad yad rohiṇau juhoti agniś ca ha vā ādityaś ca rauhiṇāv etābhyāṃ hi devatābhyāṃ yajamānāḥ svargaṃ lokaṃ rohanti || atho ahorātre vai rauhiṇau ādityaḥ pravargyo 'muṃ tad ādityam ahorātrābhyāṃ parigṛhṇāti tasmād eṣo 'horātrābhyāṃ parigṛhītaḥ
Nun sodann opfert er die beiden Rohiṇī-Spenden: „Der Tag möge sich an [seinem] Banner erfreuen, schön-leuchtend durch [sein] Licht! Svāhā!“ — mit diesem Spruch [opfert er] beide [Güsse] am Morgen; „Die Nacht möge sich an [ihrem] Banner erfreuen, schön-leuchtend durch [ihr] Licht! Svāhā!“ — mit diesem Spruch beide am Abend. [Anm.: Dass er die beiden Rohiṇī-Opfer darbringt, geschieht so:] Agni und Āditya nämlich sind die beiden „Rohiṇī“ (die „Aufsteigenden“) — denn durch eben diese beiden Gottheiten steigen (rohanti) die Opferer zur Himmelswelt empor. Ferner sind Tag und Nacht die beiden „Rohiṇī“; die Sonne (Āditya) ist der Pravargya — so ergreift er jene Sonne durch Tag und Nacht; deshalb ist dieser [Pravargya] durch Tag und Nacht ergriffen.
Wort für Wort
rohiṇau
die beiden Rohiṇī-Opfer/-Gottheiten
ketunā
durch das Banner/Zeichen
sujyotiḥ
schön-leuchtend
rohanti
sie steigen auf
ahorātre
Tag und Nacht
parigṛhṇāti
er umfasst/ergreift
Wortspiel-Etymologie: rohiṇī („die Aufsteigende/Rötliche“) wird von √ruh „aufsteigen“ hergeleitet, um Tag/Nacht, Agni/Āditya und schließlich den Pravargya selbst als kosmisches Aufstiegsmittel zu den Himmelswelten zu deuten.
Und ferner sind diese beiden Welten (Erde und Himmel) die „Rohiṇī“; die Sonne ist der Pravargya — so umfasst er jene Sonne mit diesen beiden Welten; deshalb ist dieser [Pravargya] durch diese beiden Welten umfasst. Und ferner sind die beiden Augen die „Rohiṇī“; der Pravargya ist das Haupt — so verleiht er, [selbst] das Haupt seiend, jenem [Haupt] das Augenlicht. Dann nimmt er den Strick [zum Umbinden des Mahāvīra-Gefäßes]: „Dich [nehme ich] für die Götter, unter dem Antrieb Savitṛs, mit den Armen der Aśvin, mit den Händen Pūṣans nehme ich [dich]; du bist der Gurt (rāsnā)!“ — eben das ist die [mystische] Verknüpfung.
atha gām āhvayati jaghanena gārhapatyaṃ yan niḍa ehy adita ehi sarasvaty ehīty iḍā hi gaur aditir hi gauḥ sarasvatī hi gaus tair āhvayati nāmnāsāv ehy asāv ehīti triḥ || tām āgatām abhidadhāti adityai rāsnāsīndrāṇyā uṣṇīṣa ity indrāṇī ha vā indrasya priyā patnī tasyā uṣṇīṣo viśvarūpatamaḥ so 'sīti tad āha tam evainam etat karoti || atha vatsam upārjati pūṣāsīty ayaṃ vai pūṣā yo 'yaṃ pavata eṣa hīdaṃ sarvam puṣyaty eṣa u pravargyas tad etam evaitat prīṇāti tasmād āha pūṣāsīti
Dann ruft er die [Milch-]Kuh, hinter dem Gārhapatya-Feuer stehend: „O Iḍā, komm her! O Aditi, komm her! O Sarasvatī, komm her!“ — denn die Kuh ist Iḍā, die Kuh ist Aditi, die Kuh ist Sarasvatī; mit diesen [Namen] ruft er sie. Mit [ihrem eigenen] Namen [ruft er]: „Die-und-die komm her, die-und-die komm her!“ — dreimal. Ist sie herangekommen, so umbindet er sie [mit dem Strick]: „Du bist der Gurt der Aditi, der Turban der Indrāṇī!“ — Indrāṇī nämlich ist Indras liebste Gattin, deren Turban der allgestaltigste ist; „der bist du“ — so spricht er; eben diese [Eigenschaft] verleiht er ihm damit. Dann treibt er das Kalb heran: „Du bist Pūṣan!“ — Pūṣan nämlich ist dieser [Wind], der da weht, denn dieser nährt (puṣyati) all dies hier, und eben dieser [Wind] ist [zugleich] der Pravargya; damit erfreut er eben diesen; deshalb spricht er: „Du bist Pūṣan.“
Wort für Wort
gām āhvayati
er ruft die Kuh herbei
iḍā, aditiḥ, sarasvatī
drei Muttergottheiten, mit der Kuh identifiziert
rāsnā
Gurt
uṣṇīṣaḥ
Turban/Kopfschmuck
vatsam
das Kalb
pūṣā
Pūṣan (Windgott, Nährer)
Die Kuh wird nacheinander mit drei weiblichen Gottheiten identifiziert (Iḍā, Aditi, Sarasvatī), bevor sie bei ihrem eigenen (individuellen) Namen gerufen wird — eine typische Identifikationskette der Brāhmaṇa-Exegese von allgemein-kosmisch zu konkret-rituell.
Dann melkt er [die Milch] hinein [ins Gefäß]: „Sei freigebig für den Gharma!“ — der Gharma nämlich ist hier der Saft (rasa), den diese [Kuh] herausströmen lässt; „sei ihr gegenüber freigebig“ — so besagt er eben damit. Beim Melken spricht er: „Fließe für die Aśvin!“ — damit meint er eben die Aśvin; denn die Aśvin haben einst dieses Haupt des Opfers wiederangesetzt; eben diese beiden erfreut er damit; deshalb spricht er: „Fließe für die Aśvin!“ „Fließe für Sarasvatī!“ — Sarasvatī nämlich ist die Rede (vāc); durch die Rede nämlich haben die Aśvin dieses Haupt des Opfers wiederangesetzt; eben diese beiden erfreut er damit; deshalb spricht er: „Fließe für Sarasvatī!“ „Fließe für Indra!“ — Indra nämlich ist die Gottheit des Opfers; eben durch diese Gottheit des Opfers haben die Aśvin dieses Haupt des Opfers wiederangesetzt; eben diese beiden erfreut er damit; deshalb spricht er: „Fließe für Indra!“ Dann bespricht er die [herabfallenden Milch-]Tropfen: „Svāhā, indrahaltig! Svāhā, indrahaltig!“ — Indra nämlich ist die Gottheit des Opfers; eben diese Gottheit erfreut er damit; deshalb spricht er: „Svāhā, indrahaltig! Svāhā, indrahaltig!“ Dreimal spricht er es — das Opfer wächst dreifach; den Svāhā-Ruf setzt er [rangmäßig] niedriger, die Gottheit höher — eben das ist die [mystische] Verknüpfung.
Wort für Wort
onnayati
er melkt hinein
gharma
der glühende Topf/Trank
pinvasva
fließe/sei ergiebig
aśvinau
die beiden Aśvin
vāc = sarasvatī
Rede = Sarasvatī
vipruṣaḥ
die Tropfen
svāhendravat
'svāhā, indrahaltig'
Die Formelkette 'Fließe für X' verknüpft die Milchspende mit dem wiederkehrenden Mythos der Aśvin, die dem enthaupteten Makha/Yajña sein Haupt (den Pravargya) wieder aufsetzten — bereits in Kapitel 1 dieses Buches erzählt.
athāsyai stanam abhipadyate ya te stanaḥ śaśayo yo mayobhūr iti ya te stano nihito guhāyām ity evaitad āha yo ratnadhā vasuvid yaḥ sudatra iti yo dhanānāṃ dātā vasuvit paṇāvya ity evaitad āha yena viśvā puṣyasi vāryāṇīti yena sarvān devān sarvāṇi bhūtāni bibharṣīty evaitad āha sarasvati tam iha dhātave 'kar iti vāg vai sarasvatī saiṣā gharmadughā yajño vai vāg yajñam asmabhyam prayaccha yena devān prīṇāmety evaitad āhātha gārhapatyasyārdham aity urv antarikṣam anv emīty asāv eva bandhuḥ || atha śaphāv ādatte gāyatraṃ chando 'si traiṣṭubhaṃ chando 'sīti gāyatreṇa caivainau traiṣṭubhena ca chandasādatte dyāvāpṛthivībhyāṃ tvā parigṛhṇāmīty ime vai dyāvāpṛthivī parī sāsāv ādityaḥ pravargyo 'muṃ tad ādityam ābhyāṃ dyāvāpṛthivībhyāṃ parigṛhṇāty atha mauñjena vedenopamārṣṭy asāv eva bandhuḥ
Dann greift er ihr Euter: „Dein Euter, das gedeihliche, das wohltuende“ — so besagt er eben damit: „dein Euter, das in der Verborgenheit ruht“; „der du der Schätzeverleiher, der Güterfinder, der Freigebige bist“ — so besagt er eben damit: „der du Geber der Reichtümer, Güterfinder, wertvoll bist“; „durch das du alle begehrenswerten [Güter] gedeihen lässt“ — so besagt er eben damit: „durch das du alle Götter, alle Wesen trägst“; „Sarasvatī hat dieses [Euter] hier zum Nähren gemacht“ — Sarasvatī nämlich ist die Rede, und eben diese ist die Gharma-melkende [Kuh]; das Opfer nämlich ist die Rede: „Verleih uns das Opfer, wodurch wir die Götter erfreuen“ — so besagt er eben damit. Dann geht er zur Hälfte zum Gārhapatya-Feuer: „Ich gehe dem weiten Luftraum entlang“ — eben das ist die [mystische] Verknüpfung. Dann nimmt er die beiden [Kuh-]Hufe: „Du bist das Gāyatrī-Versmaß, du bist das Triṣṭubh-Versmaß!“ — so nimmt er sie eben durch das Gāyatrī- und das Triṣṭubh-Versmaß; „mit Himmel und Erde umfasse ich dich“ — Himmel und Erde nämlich sind diese Umfassenden; die Sonne ist der Pravargya — so umfasst er jene Sonne mit diesen beiden, Himmel und Erde; dann wischt er [die Hufe] mit dem Mauñja-Grasbüschel ab — eben das ist die [mystische] Verknüpfung.
Dann ergreift er den Melkeimer (upayamanī): „Ich ergreife [dich] mit dem Luftraum!“ — der Melkeimer nämlich ist der Luftraum, denn durch den Luftraum ist all dies hier ergriffen; oder: der Melkeimer ist der Bauch/das Behältnis, denn durch das Behältnis ist alle Speise hier ergriffen; deshalb spricht er: „Ich ergreife [dich] mit dem Luftraum!“ Dann bringt er Ziegenmilch herbei: dieser [Gharma-Topf] ist ja glühend, feurig-lodernd — eben ihn kühlt er damit ab; und am Ende davon bringt er Kuhmilch herbei. „Für Indra, für die Aśvin!“ — Indra nämlich ist die Gottheit des Opfers; eben diese Gottheit erfreut er damit; „für die Aśvin“ — damit meint er eben die Aśvin; denn die Aśvin haben dieses Haupt des Opfers wiederangesetzt; eben diese beiden erfreut er damit; deshalb spricht er: „Für Indra, für die Aśvin!“
madhunaḥ sāraghasyeti etad vai madhu sāraghaṃ gharmam pāteti rasam pātety evaitad āha vasava ity ete vai vasava ete hīdaṃ sarvam vāsayante yajata vāḍ iti tad yathā vaṣaṭkṛtaṃ hutam evam asyaitad bhavati || svāhā sūryasya raśmaye vṛṣṭivanaya iti sūryasya ha vā eko raśmir vṛṣṭivanir nāma yenemāḥ sarvāḥ prajā bibharti tam evaitat prīṇāti tasmād āha svāhā sūryasya raśmaye vṛṣṭivanaya ity avaraṃ svāhākāraṃ karoti parāṃ devatām asāv eva bandhuḥ || athaitad vai āyur etaj jyotiḥ praviśati ya etam anu vā brūte bhakṣayati vā tasya vratacaryā yā sṛṣṭau
„Vom Honig, dem bienenstockstämmigen!“ — dieser [Gharma] nämlich ist der Honig, der bienenstockstämmige; „trinke den Gharma!“ — „trinke den Saft“ — so besagt er eben damit; „ihr Vasu!“ — diese [Milchgüsse] nämlich sind die Vasu, denn diese lassen all dies hier wohnen; „opfert wohl!“ — dies ist so, als wäre es mit dem Vaṣaṭ-Ruf geopfert worden — so verhält es sich damit für ihn. „Svāhā dem Strahl der Sonne, dem regenverschaffenden!“ — die Sonne hat nämlich einen Strahl namens „Regenverschaffer“, durch den sie alle diese Geschöpfe erhält; eben diesen erfreut er damit; deshalb spricht er: „Svāhā dem Strahl der Sonne, dem regenverschaffenden!“ — den Svāhā-Ruf setzt er [rangmäßig] niedriger, die Gottheit höher — eben das ist die [mystische] Verknüpfung. Dies nämlich [der Gharma-Trank] ist das Lebensalter (āyus), dies ist das Licht, [das] in [den Trinkenden] eingeht; wer diesem [Spruch] nachspricht oder [den Gharma] genießt, für den [gilt] die [entsprechende] Gelübde-Observanz, die zur Entlassung/Freigabe (sṛṣṭi) [des Ritus] gehört. [Anm.: Die anfängliche WebFetch-Abfrage dieser Stelle lieferte unklare, nicht auflösbare Zeichenfolgen; die Übersetzung wurde daher zunächst mit [?] markiert. Da dieselbe Formel ("vratacaryā yā sṛṣṭau") wortgleich und unbeschädigt in Kaṇḍikā 14,2,2,[26] wiederkehrt, konnte die korrekte Lesart nachträglich bestätigt und hier eingesetzt werden.]
Wort für Wort
madhu sāragham
der bienenstockstämmige Honig
vasavaḥ
die Vasu-Götter
raśmiḥ vṛṣṭivaniḥ
der Sonnenstrahl 'Regenverschaffer'
āyuḥ
Lebensalter/Lebenskraft
jyotiḥ
Licht
vratacaryā
Gelübde-Observanz
Der abschließende Gedanke — der Gharma-Trank als 'Lebensalter' und 'Licht', das in den Genießenden eingeht — deutet auf die im weiteren Verlauf der Upaniṣaden zentrale Identifikation von Pravargya-Trank, Lebenskraft (āyus/prāṇa) und kosmischem Licht voraus.