Quellen der Menschheit

Bṛhad-Āraṇyaka

Kapitel 12: Śatapatha-Brāhmaṇa 14,3,1 (Kaṇḍikā 17-24) Der Vierkantige als Nabel der Weltordnung; die anatomische Deutung der gesamten Pravargya-Anordnung als Körper

Fortsetzung von ŚB 14,3,1 (Kaṇḍikā 17-24 von 32). Behandelt: die Deutung des Gharma als 'Vierkantiger' (mit den Himmelsrichtungen als Ecken) und als 'Nabel der Wahrheit/Weltordnung', eine Segens- und Abwehrformel gegen Hass und Tücke, sowie den zentralen Abschnitt dieses Kapitels: die systematische Deutung der gesamten räumlichen Anordnung der Pravargya-Gerätschaften (Ton, Löffel, Schaufel, Thronsitz, Fell, Wedel, Melkgefäße, Pfostenpflock, Schalen, Vertiefungen) als Abbild eines menschlichen Körpers — von Fleisch und Armen über Bauch, Hoden, Schenkel, Knie bis zu den Füßen —, gefolgt vom Herbeibringen von Milch als 'Nahrung' des Gharma und einer Vorschrift, dem Opferherrn stets einen Teil der Milch vorzuenthalten, damit ihm keine Speise entgeht.

catuḥsraktir iti eṣa vai catuḥsraktir ya eṣa tapati diśo hy etasya sraktayas tasmād āha catuḥsraktir iti || nābhir ṛtasya saprathā iti satyaṃ vā ṛtaṃ satyasya nābhiḥ saprathā ity evaitad āha sa no viśvāyuḥ saprathā iti sa naḥ sarvāyuḥ saprathā ity evaitad āha || apa dveṣo apa hvara iti nātra tirohitam ivāsty anyavratasya saścime ity anyad vā etasya vratam anyan manuṣyāṇāṃ tasmād āhānyavratasya saścimety evam itarau prāñcau tat trivṛt trivṛddhīdaṃ śiraḥ

„Der Vierkantige!“ — dieser [Gharma], der da glüht, ist nämlich vierkantig; denn die Himmelsrichtungen sind seine Ecken; deshalb spricht er: „Der Vierkantige!“ „Der sich weit ausbreitende Nabel der Weltordnung!“ — Wahrheit nämlich ist die Weltordnung; „der sich weit ausbreitende Nabel der Wahrheit“ — so besagt er eben damit; „er, der sich für uns unser ganzes Leben lang weit ausbreite“ — so besagt er eben damit. „Fort mit dem Hass, fort mit der Tücke!“ — hier ist nichts gleichsam verborgen. „Wir folgen dem, dessen Gelübde anders ist“ — denn anders ist nämlich dessen [des Gottes] Gelübde, anders das der Menschen; deshalb spricht er: „Wir folgen dem, dessen Gelübde anders ist.“ Ebenso [gilt dies] für die beiden anderen [Gefäße], nach Osten gerichtet. Dies [ergibt] dreifach; dreifach vermehrt (trivṛt-Rezitation) ist dieses Haupt.

Wort für Wort
catuḥsraktiḥ
der Vierkantige
nābhiḥ ṛtasya
der Nabel der Weltordnung
apa dveṣaḥ, apa hvaraḥ
fort mit Hass, fort mit Tücke
anyavratasya saścima
wir folgen dem mit anderem Gelübde
trivṛt
die dreifache Vermehrung

purastād upaśayāṃ mṛdam māṃsam evāsminn etad dadhāti tad abhitaḥ parīśāsau bāhū evāsminn etad dadhāty abhitaḥ pare rauhiṇahavanyau sruco hastāv evāsminn etad dadhāti || uttarato 'bhrim tad dhi tasyā āyatanaṃ dakṣiṇataḥ samrāḍāsandīṃ tad dhi tasyā āyatanam uttarataḥ kṛṣṇājinaṃ tad dhi tasyāyatanaṃ sarvato dhavitrāṇi prāṇā vai dhavitrāṇi prāṇān evāsminn etad dadhāti trīṇi bhavanti trayo vai prāṇāḥ prāṇa udāno vyānas tān evāsminn etad dadhāti

Vorn legt er den daruntergelegten Ton — Fleisch legt er damit in ihn hinein; was diesen Ton auf beiden Seiten umschließt — Arme legt er damit in ihn hinein; auf den beiden weiteren Seiten die beiden Rohiṇī-Opferlöffel — Hände legt er damit in ihn hinein. Im Norden die [Bronze-]Schaufel — denn dies ist ihr angestammter Platz; im Süden den Samrāj-Thronsitz — denn dies ist sein Platz; im Norden das schwarze Antilopenfell — denn dies ist sein Platz; ringsherum die Wedel — Atemkräfte nämlich sind die Wedel; eben die Atemkräfte legt er damit in ihn hinein. Es sind drei [Wedel]; drei nämlich sind die Atemkräfte: der Einatem, der Ausatem [udāna], der Zwischenatem [vyāna]; eben diese legt er damit in ihn hinein.

Wort für Wort
mṛd, māṃsam
Ton, Fleisch
bāhū
die Arme
hastau
die Hände
abhriḥ
die [Bronze-]Schaufel
samrāḍāsandī
der Samrāj-Thronsitz
kṛṣṇājinam
das schwarze Antilopenfell
dhavitrāṇi = prāṇāḥ
die Wedel = die Atemkräfte

Diese Passage beginnt die systematische körperliche Symbolik der gesamten Pravargya-Gerätschaft-Anordnung, die sich über die folgende Kaṇḍikā fortsetzt — ein Musterbeispiel der Brāhmaṇa-typischen Homologisierung von Ritualgegenständen und Körperteilen.

athaitad rajjusandānam upayamanyām ādhāya paścāt prācīm āsādayaty udaram evāsminn etad dadhāti tad abhitaḥ pinvane āṇḍāv evāsminn etad dadhāty āṇḍābhyāṃ hi vṛṣā pinvate paścāt sthūṇāmayūkham ūrū evāsminn etad dadhāti paścād rauhiṇakapāle jānunī evāsminn etad dadhāti te yad ekakapāle bhavata ekakapāle iva hīme jānunī paścād dhṛṣṭī pādāv evāsminn etad dadhāti pādābhyāṃ hi dhṛṣṭam praharaty uttarataḥ kharau pracaraṇīyau tad dhi tayor āyatanaṃ dakṣiṇato mārjālīyaṃ tad dhi tasyāyatanam

Dann legt er diese Strick-Verbindung auf den Melkeimer und setzt ihn, nach Westen [gerichtet, doch] nach Osten [hin] ab — den Bauch legt er damit in ihn hinein; auf beiden Seiten davon die beiden Melkgefäße — die Hoden legt er damit in ihn hinein, denn durch die Hoden fließt der Stier ergiebig; dahinter den Pflock des Pfostens — die Schenkel legt er damit in ihn hinein; dahinter die beiden Rohiṇī-Schalen — die Knie legt er damit in ihn hinein; dass diese aus je einer einzigen Scherbe bestehen [entspricht dem], denn diese Knie sind gleichsam einteilig; dahinter die Hṛṣṭi-[Geräte, wohl Trittbretter oder Stampfer] [?] — die Füße legt er damit in ihn hinein, denn mit den Füßen tritt man kühn auf; im Norden die beiden Vertiefungen zum Umhergehen — denn dies ist ihr angestammter Platz; im Süden die Mārjālīya-Reinigungsstätte — denn dies ist ihr Platz.

Wort für Wort
udaram
der Bauch
āṇḍau
die Hoden
ūrū
die Schenkel
jānunī
die Knie
pādau
die Füße
kharau
die Vertiefungen
mārjālīyam
die Reinigungsstätte

[Anm.: Der genaue Referent des Terminus 'hṛṣṭī' (wörtl. etwa 'die Kühnen/Aufgerichteten') bleibt unsicher; die Übersetzung folgt der plausibelsten Deutung als ein den Füßen zugeordnetes Ritualgerät, ohne dass sich dies mit Sicherheit belegen lässt.]

athāsmin paya ānayati gharma etat te purīṣam ity annaṃ vai purīṣam annam evāsminn etad dadhāti tena vardhasva cā ca pyāyasvety nātra tirohitam ivāsti vardhiṣīmahi ca vayam ā ca pyāsiṣīmahīty āśiṣam evaitad āśāste || sa vai na sarvam ivānayet ned yajamānāt parāg annam asad iti ardhaṃ vā bhūyo vā pariṣiñcati tasminn aparāhṇe yajamānāya vratam abhyutsicya prayacchati tad yajamāna evaitad annādyaṃ dadhāti tatho ha yajamānān na parāg annam bhavati

Dann bringt er ihm [dem Gharma] Milch herbei: „Gharma, dies ist deine Speise!“ — Speise nämlich ist dieses [purīṣa]; eben die Speise legt er damit in ihn hinein: „wachse dadurch und schwelle an!“ — hier ist nichts gleichsam verborgen; „wir möchten dadurch wachsen und anschwellen“ — eben damit erbittet er einen Segenswunsch. Er soll nicht gleichsam alles auf einmal herbeibringen — „damit nicht Speise vom Opferherrn fortgehe/ihm entzogen werde“ [ist der Grund]; er gießt die Hälfte oder mehr hinzu; am Nachmittag [desselben Tages] reicht er, den Rest als Gelübde-Speise übergießend, ihn dem Opferherrn; damit verleiht er eben dem Opferherrn selbst diese Speise; auf diese Weise geht dem Opferherrn keine Speise verloren.

Wort für Wort
payas
Milch
purīṣam
die Speise/Substanz [wörtl. auch 'Erdreich, Kot']
vardhasva, pyāyasva
wachse, schwelle an
aparāhṇe
am Nachmittag
vratam abhyutsicya
als Gelübde-Speise übergießend

Das Wort 'purīṣa' (wörtlich oft 'Kot/Erdreich', hier im übertragenen Sinn 'Substanz/Speise' gebraucht) illustriert die für die Brāhmaṇa-Sprache typische bewusste Doppeldeutigkeit ritueller Fachbegriffe.

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