Quellen der Menschheit

Bṛhad-Āraṇyaka

Kapitel 6: Śatapatha-Brāhmaṇa 14,2,2 (Kaṇḍikā 21-30) Kochen und Vergraben der Gefäß-Reste; die drei Pravargya als Gerade, Gute und Gute Wohnstatt; Melkrichtungen und Bestimmungsformel

Fortsetzung von ŚB 14,2,2 (Kaṇḍikā 21-30 von 55). Behandelt: das Kochen/Heilen der zerbrochenen Gefäßscherben nach dem Vorbild der Wiederherstellung von Makhas Haupt, das rituelle Vergraben und Wiederausgraben bei Tage, die Dreiheit der Pravargya-Gefäße als 'der Gerade' (Himmel), 'der Gute' (Wind) und 'die Gute Wohnstatt' (Erde/Agni), das abschließende Übergießen mit Ziegenmilch, die wiederkehrende Lebensalter-Licht-Formel, die Bestimmungsformeln beim Melken (Labung, Kraft, Brahman, Kṣatra, Himmel und Erde) und die Deutung der Fließrichtungen der Milch nach den vier Himmelsrichtungen, sowie das abschließende Aufsetzen auf die Opferstätten-Vertiefung (khara).

athaināñ crapayati śṛtaṃ hi devānām iṣṭakābhiḥ śrapayaty eta vā etad akurvata yathā-yathaitad yajñasya śiro 'cidyata tābhir evainam etat samardhayati kṛtsnaṃ karoti tad u yenaiva suśṛtāḥ syus tena śrapayed atha pacanam avadhāya mahāvīram avadadhāti makhāya tvā makhasya tvā śīrṣṇa ity asāv eva bandhur evam itarau tūṣṇīm pinvane tūṣṇīṃ rauhiṇakapāle tān divā eva upavaped divā ud vaped ahar hi devānām

Dann kocht/heilt er sie [die [Ton-]Gefäßreste]: gekocht wird nämlich [alles] mit den [glühenden] Ziegeln der Götter — so nämlich verfuhren einst die Götter: so wie einst Stück für Stück dieses Haupt des Opfers [im Makha-Mythos] abgeschnitten wurde, so heilten sie es eben durch diese [Ziegel] wieder, machten es ganz. Er soll dies [entsprechend] mit dem kochen, wodurch [die Ziegel] gut gebrannt werden. Dann, nachdem er das Kochgerät beiseitegelegt hat, setzt er das Mahāvīra-Gefäß ab: „Dich für Makha, dich für Makhas Haupt!“ — eben das ist die [mystische] Verknüpfung; ebenso [spricht er es] bei den beiden anderen [Gefäßen] schweigend, beim Melkeimer schweigend, bei der Rohiṇī-Schale schweigend. Diese [Gefäßreste] soll er nur bei Tage vergraben, nur bei Tage [wieder] ausgraben; denn der Tag gehört den Göttern.

Wort für Wort
śrapayati
er kocht/lässt kochen
yajñasya śiraḥ acidyata
das Haupt des Opfers wurde abgeschnitten
samardhayati, kṛtsnaṃ karoti
er heilt/vervollständigt, macht ganz
makhāya tvā, makhasya tvā śīrṣṇe
dich für Makha, dich für Makhas Haupt
divā upavapet, divā udvapet
bei Tage vergraben, bei Tage ausgraben

Der Vergleich des rituellen Kochens/Ausbesserns der Gefäßscherben mit der mythischen Wiederherstellung von Makhas abgeschlagenem Haupt (vgl. Kapitel 1) verknüpft die handwerkliche Reparatur explizit mit dem kosmogonischen Ursprungsmythos des Pravargya.

sa udvapati ṛjave tv eti asau vai loka ṛjuḥ satyaṃ hy ṛjuḥ satyam eṣa ya eṣa tapaty eṣa u prathamaḥ pravargyas tad etam evaitat prīṇāti tasmād āha ṛjave tv eti || sādhave tv eti ayaṃ vai sādhur yo 'yaṃ pavata eṣa hīmāṃl lokān siddho 'nupavata eṣa u dvitīyaḥ pravargyas tad etam evaitat prīṇāti tasmād āha sādhave tv eti || sukṣityai tv eti ayaṃ vai lokaḥ sukṣitir asmin hi loke sarvāṇi bhūtāni kṣiyanty atho agnir vai sukṣitir agnir hy evāsmiṃl loke sarvāṇi bhūtāni kṣiyaty eṣa u tṛtīyaḥ pravargyas tad etam evaitat prīṇāti tasmād āha sukṣityai tv eti tūṣṇīm pinvane tūṣṇīṃ rauhiṇakapāle

Er gräbt [die Reste wieder] aus: „Für den Geraden, dich!“ — jene [Himmels-]Welt nämlich ist gerade, denn wahrhaft ist das Gerade; wahrhaft ist dieser [Gharma], der da glüht, und eben dieser ist der erste Pravargya; damit erfreut er eben diesen; deshalb spricht er: „Für den Geraden, dich!“ „Für den Guten, dich!“ — dieser [Wind], der da weht, ist nämlich der Gute; denn er, selbst schon vollendet, durchweht diese Welten hier; und eben dieser ist der zweite Pravargya; damit erfreut er eben diesen; deshalb spricht er: „Für den Guten, dich!“ „Für die Gute Wohnstatt, dich!“ — diese [irdische] Welt nämlich ist die gute Wohnstatt, denn in dieser Welt wohnen alle Wesen; und ferner ist Agni die gute Wohnstatt, denn eben durch Agni wohnen in dieser Welt alle Wesen; und eben dieser ist der dritte Pravargya; damit erfreut er eben diesen; deshalb spricht er: „Für die Gute Wohnstatt, dich!“ — beim Melkeimer schweigend, bei der Rohiṇī-Schale schweigend.

Wort für Wort
ṛjuḥ
der Gerade [Himmel]
sādhuḥ
der Gute [Wind]
sukṣitiḥ
die Gute Wohnstatt [Erde/Agni]
prathamaḥ, dvitīyaḥ, tṛtīyaḥ pravargyaḥ
der erste, zweite, dritte Pravargya

Die drei Gefäße/Pravargya-Vollzüge werden kosmologisch den drei Welten (Himmel/Luftraum-Wind/Erde) zugeordnet, mit den Leitbegriffen 'gerade-wahrhaft', 'gut-vollendet' und 'gute Wohnstatt'.

athainān ācṛṇatti ajāyai payasā makhāya tvā makhasya tvā śīrṣṇa ity asāv eva bandhur evam itarau tūṣṇīm pinvane tūṣṇīṃ rauhiṇakapāle || athaitad vai āyur etaj jyotiḥ praviśati ya etam anu vā brūte bhakṣayati vā tasya vratacaryā yā sṛṣṭau

Dann übergießt/zerkleinert er sie [die Gefäßreste] mit Ziegenmilch: „Dich für Makha, dich für Makhas Haupt!“ — eben das ist die [mystische] Verknüpfung; ebenso [spricht er es] bei den beiden anderen [Gefäßen] — beim Melkeimer schweigend, bei der Rohiṇī-Schale schweigend. Dies nämlich [der Gharma-Trank] ist das Lebensalter, dies ist das Licht, das [in den Trinkenden] eingeht; wer diesem [Spruch] nachspricht oder [den Gharma] genießt, für den gilt die Gelübde-Observanz, die zur Entlassung [des Ritus] gehört.

Wort für Wort
ācṛṇatti
er übergießt/zerkleinert
ajāyāḥ payas
Ziegenmilch
āyuḥ, jyotiḥ
Lebensalter, Licht
vratacaryā yā sṛṣṭau
die Gelübde-Observanz der Entlassung

Diese Formel wiederholt wortgleich die Stelle aus Kaṇḍikā 14,2,1,[22], die dort zunächst mit [?] markiert worden war; ihr klares Wiederauftreten hier bestätigt die korrekte Lesart ('vratacaryā yā sṛṣṭau') auch für die frühere Stelle.

atha pinvamānam anumantrayate iṣe pinvasveti vṛṣṭyai tad āha yad āha iṣe pinvasvety ūrje pinvasveti yo vṛṣṭād ūrg raso jāyate tasmai tad āha brahmaṇe pinvasveti tad brahmaṇa āha kṣatrāya pinvasveti tat kṣatrāyāha dyāvāpṛthivībhyām pinvasveti tad ābhyāṃ dyāvāpṛthivībhyām āha yayor idaṃ sarvam adhi || sa yad ūrdhvaḥ pinvate tad yajamānāya pinvate yat prāṅ tad devebhyo yad dakṣiṇā tat pitṛbhyo yat pratyaṅ tat paśubhyo yad udaṅ tat prajāyā anaparāddhaṃ nv eva yajamānasyordhvo hy eva pinvaty atha yāṃ diśam pinvate tāṃ pinvate yadā śāmyanti vipruṣaḥ

Dann bespricht er die [Kuh] während des Melkens: „Fließe für die Labung!“ — damit spricht er für den Regen; „Fließe für die Kraft!“ — dies bezieht sich auf den Saft, der aus dem Regen entsteht; „Fließe für das Brahman!“ — damit [spricht er] für die geistliche Macht; „Fließe für die Kriegermacht!“ — damit [spricht er] für das Kṣatra; „Fließe für Himmel und Erde!“ — damit spricht er für diese beiden, Himmel und Erde, auf denen all dies hier [ruht]. Wenn sie [die Milch] nach oben fließt, so fließt sie für den Opferherrn; wenn nach Osten, dann für die Götter; wenn nach Süden, dann für die Väter; wenn nach Westen, dann für das Vieh; wenn nach Norden, dann für die Nachkommenschaft; unversehrt bleibt es jedenfalls für den Opferherrn, denn nach oben fließt sie ja ohnehin zuerst. In welche Richtung sie [danach] fließt, für die fließt sie, wenn die [letzten] Tropfen zur Ruhe kommen.

Wort für Wort
iṣe pinvasva
fließe für die Labung
ūrje pinvasva
fließe für die Kraft
brahmaṇe, kṣatrāya pinvasva
fließe für Brahman, für Kṣatra
ūrdhvaḥ → yajamānāya
nach oben → für den Opferherrn
prāṅ → devebhyaḥ
nach Osten → für die Götter
dakṣiṇā → pitṛbhyaḥ
nach Süden → für die Väter
udaṅ → prajāyai
nach Norden → für die Nachkommenschaft

atha prāṅ ivodaṅṅ utkrāmati dharmāsi sudharmeti eṣa vai dharmo ya eṣa tapaty eṣa hīdaṃ sarvaṃ dhārayaty etenedaṃ sarvaṃ dhṛtam eṣa u pravargyas tad etam evaitat prīṇāti tasmād āha dharmāsi sudharmeti || atha khare sādayati amenyasme nṛmṇāni dhārayety akrudhyanno dhanāni dhārayety evaitad āha brahma dhāraya kṣatraṃ dhāraya viśaṃ dhārayety etat sarvaṃ dhārayety evaitad āha

Dann steigt er gleichsam nach Osten, nach Norden hinaus [aus der Opferstätte]: „Du bist die Ordnung, die gute Ordnung!“ — dieser [Gharma], der da glüht, ist nämlich die Ordnung, denn er hält all dies hier zusammen; durch ihn ist all dies gehalten; und eben dieser ist der Pravargya; damit erfreut er eben diesen; deshalb spricht er: „Du bist die Ordnung, die gute Ordnung!“ Dann setzt er [das Gefäß] auf die Opferstätten-Vertiefung (khara): „Halte uns, du Schadlose, Manneskräfte!“ — „halte uns ohne Zorn Reichtümer“ — so besagt er eben damit; „halte das Brahman, halte die Kriegermacht, halte den Stand!“ — „halte all dies“ — so besagt er eben damit.

Wort für Wort
dharmaḥ, sudharma
Ordnung, gute Ordnung
kharaḥ
die Opferstätten-Vertiefung
nṛmṇāni dhāraya
halte die Manneskräfte
brahma, kṣatram, viśam dhāraya
halte Brahman, Kṣatra, Stand

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