Kapitel 17
Die überzählige Silbe: Om und die Selbstzeugung der Rede
Zwei eigenständige Ursprungsmythen der heiligen Silbe Om und ihrer arithmetischen Umgebung bilden den Rahmen dieses ganz der Zahlenmythologie gewidmeten Kapitels. Im ersten entfernt die Gāyatrī ihre überzählige neunte Silbe, um sich mit dem gleich großen Trivṛt-Stoma vereinigen zu können – Gleichheit verhindert Zeugung –; diese entfernte Silbe wird zum Praṇava. Aus dem gemeinsamen Silbenvorrat wachsen darauf, in genau parallelen Vierer- und Sechser-Schritten, die gesamte Versmaß- und Stoma-Reihe bis zu Jagatī und Trayastriṃśa-Stoma; der abschließende Satz – 'deshalb führt der Gatte die Gattin nach Belieben heim' – überträgt das Zeugungsbild unmittelbar auf die menschliche Ehe. Ein Lehrer-Dialog zwischen Caikitāneya und Śaunaka Kāpeya klärt den in dieser Reihe fehlenden, weil in der Mitte 'eingeschobenen' Siebzehner-Stoma als Prajāpati selbst. Der zweite, noch eigenständigere Mythos identifiziert die Rede selbst als uranfängliche 'eine Silbe': Durch zwölffaches Svāhā-Opfer erschafft sie, in einem seltenen Moment des Selbstzweifels und anschließender Freude, das ganze Jahr und den Zwölftagesritus, ehe sie – erschöpft, schmutzbefleckt 'wie eine Löwin, die geboren hätte' – selbst verhüllt zur Anuṣṭubh wird, weshalb kein Hotar sie je direkt rezitiert. Zum Abschluss erobern Bṛhat, Rathantara und die dritttägige Bṛhatī, in einem Bild vom Fahren mit Kriegsbeute, Elefant und schließlich bescheidenem Eselswagen, gemeinsam die drei Welten – eine Eroberung, die der skeptische Lehrer Śāṭyāyani mit der offenen Frage kommentiert, ob der Wunsch nicht auch dem in Erfüllung geht, der von alledem nichts weiß.
prajāpatir vāvedam agra āsīt. so ’kāmayata - bahu syāṃ prajāyeya bhūmānaṃ gaccheyam iti. so ’ṣṭādaśaivākṣarāṇi prajāyata. tāni dvedhā vyauhan navānyāni navānyāni. sa eva trivṛc ca stomo ’bhavat gāyatrī ca chandaḥ. so ’yaṃ saṃpūrṇas trivṛt stoma āsīd, atha gāyatrī praṇavanavamāsīt. praṇavas tasyai navam āsīt. tām ayaṃ trivṛt stomo ’bravīd gāyatrīm ehi saṃbhavāveti. tau samau santau nāśaknutāṃ saṃbhavitum. tām abravīn na vaitarhi śakṣyāvas samau santau saṃbhavitum. yat ta etan navamam akṣaraṃ tad udūhasveti. tat kiṃ bhaviṣyati. yad evāsti tad bhaviṣyatīti. tatheti. tad udauhata. sa eva praṇavo ’bhavat
Prajāpati fürwahr war dies im Anfang. Er wünschte: »Möchte ich doch viel sein, mich fortpflanzen, zu Fülle gelangen!« Er erzeugte eben achtzehn Silben. Diese teilte er zweifach auf, je neun und neun. Eben dies wurde sowohl der Trivṛt-Stoma als auch die Gāyatrī als Versmaß. Dieser Trivṛt-Stoma war vollständig, die Gāyatrī aber hatte den Praṇava als neuntes. Der Praṇava war für sie das neunte. Zu ihr, der Gāyatrī, sprach dieser Trivṛt-Stoma: »Komm, lass uns uns vereinigen!« Diese beiden, gleich seiend, vermochten nicht, sich zu vereinigen. Zu ihr sprach er: »Wir werden ja jetzt, gleich seiend, nicht vermögen, uns zu vereinigen. Diese deine neunte Silbe, die entferne!« »Was wird daraus werden?« »Was eben ist, das wird bleiben.« »So sei es.« Da entfernte sie diese. Eben diese wurde der Praṇava.
[Anm.: Dieser Abschnitt ist ein bemerkenswerter, eigenständiger Ursprungsmythos des Praṇava (der heiligen Silbe Om): die neunte, überzählige Silbe der Gāyatrī, entfernt, damit sie mit dem gleich großen Trivṛt-Stoma nicht mehr ›gleich‹ ist und sich mit ihm vereinigen kann, wird selbst zum Om. Das zugrundeliegende Prinzip - Gleichheit verhindert Zeugung, Ungleichheit ermöglicht sie - knüpft unmittelbar an das ūnātirikta-Prinzip aus 3.304 an. Der knappe Dialog ›tat kiṃ bhaviṣyati - yad evāsti tad bhaviṣyati‹ bleibt in seiner genauen Nuance vorsichtig gedeutet (etwa: das Wesen bleibt trotz Entfernung der Silbe erhalten).]
sa pratigaras sa udgīthas tad āśrāvaṇam. tasmād om iti praṇauty om iti pratyāgṛṇāty om ity udgāyaty om ity āśrāvayati. etad vā asti yad abhavat. tām abravīd etarhi vai tasmā alaṃ svo yat prajanayevehi prajanayāveti. tām abravīt saṃbhava chandāṃsi tvaṃ prajanayatāt stomān ahaṃ prajanayiṣyāmīti. so ’yaṃ trivṛt stomaś caturviṃśatiṃ stotryāḥ prājanayat. atha gāyatrī caturviṃśatim akṣarāṇi prajāyata. tām abravīd vibhava yāvaty asi tāvaty edhīti. sāṣṭākṣarā saty akṣarāṇi tryakṣarāṇy akuruta. tāni caturviṃśatir abhavan. caturviṃśatiḥ pūrvāṇi. tad asyā aṣṭācatvāriṃśat prajātam āsīt. seyaṃ gāyatrī catvāry akṣarāṇy ādatta. soṣṇig abhavat. ṣaḍ itara ādatta -
Dies ist der Pratigara, dies der Udgītha, dies das Āśrāvaṇa. Deshalb tönt man Om voran, antwortet man Om zurück, singt man Om als Udgītha, ruft man Om als Āśrāvaṇa. Dies eben ist, was geworden ist. Zu ihr sprach er: »Jetzt sind wir fürwahr dazu geeignet, dass wir uns fortpflanzen könnten - komm, lass uns uns fortpflanzen!« Zu ihr sprach er: »Vereinige dich! Du sollst die Versmaße erzeugen, ich werde die Stomas erzeugen.« Dieser Trivṛt-Stoma erzeugte vierundzwanzig der Stotriya-Verse. Die Gāyatrī aber erzeugte vierundzwanzig Silben. Zu ihr sprach er: »Entfalte dich - so groß wie du bist, so groß werde!« Diese, achtsilbig seiend, machte ihre Silben dreisilbig. Diese wurden vierundzwanzig. Vierundzwanzig waren die früheren. So war für sie achtundvierzig erzeugt. Diese Gāyatrī nahm vier Silben. Diese wurde zur Uṣṇih. Die andere nahm sechs -
[Anm.: Dieser Abschnitt führt den Praṇava-Mythos aus 3.321 fort und leitet in eine dichte arithmetische Bilanzierung über, in der aus einem gemeinsamen Vorrat von achtundvierzig (24+24) sukzessive Silbengruppen zu je vier für die Versmaße (Gāyatrī→Uṣṇih usw.) bzw. zu je sechs für die Stomas abgezweigt werden; die vollständige Auflösung folgt in 3.323. Der Satz bricht - wie im Quelltext selbst durch einen Gedankenstrich markiert - bewusst an der Abschnittsgrenze ab und wird in 3.323 unmittelbar fortgesetzt; ein neuer, von der bisherigen dialogischen ›Mitten-im-Zitat-Bruch‹-Konvention zu unterscheidender Fall eines rein arithmetisch-listenförmigen Bruchs.]
- diese wurde der Fünfzehner-Stoma. Diese nahm vier. Diese wurde die Anuṣṭubh. Die andere nahm sechs. Diese wurde der Einundzwanziger-Stoma. Diese nahm vier. Diese wurde die Bṛhatī. Die andere nahm sechs. Diese wurde der Siebenundzwanziger-Stoma. Diese nahm vier. Diese wurde die Paṅkti. Die andere nahm sechs. Diese wurde der Dreiunddreißiger-Stoma. Damit gelangte diese an ihr Ende. Diese nahm vier. Diese wurde die Triṣṭubh. Diese nahm noch weitere vier. Diese wurde die Jagatī. Diese beiden gelangten an ihr Ende. Zu ihr sprach er: »Wir werden von hier aus nicht weiter fortpflanzen können. Komm, sei wieder so silbenreich, wie du am Anfang warst!« Diese wurde wieder eben achtsilbig. Deshalb führt der Gatte die Gattin nach Belieben heim.
[Anm.: Dieser Abschnitt setzt die in 3.322 begonnene arithmetische Bilanzierung fort (Bindestrich-Fortsetzung wie im Quelltext markiert) und löst sie vollständig auf: aus dem Silbenvorrat wachsen abwechselnd die Versmaß-Reihe Gāyatrī(24)-Uṣṇih(28)-Anuṣṭubh(32)-Bṛhatī(36)-Paṅkti(40)-Triṣṭubh(44)-Jagatī(48) in Schritten von je vier und die Stoma-Reihe (9-)15-21-27-33 in Schritten von je sechs - beide enden exakt beim jeweiligen Maximalwert (Jagatī bzw. Trayastriṃśa-Stoma). ›Bhūtvai(t)‹ trägt bereits im Quelltext eine ungewöhnliche Form, die möglicherweise auf eine Textunsicherheit hindeutet; sie wird unverändert übernommen. Der Schlusssatz überträgt das kosmische Zeugungsbild auf die menschliche Ehe.]
tau pañcadaśaṃ caikaviṃśaṃ ca vyūhya madhye samabhavatām. sa evaiṣa prajāpatis saptadaśo ’nnāda stomo ’bhavat. tasmai trivṛtpañcadaśāv ita stomau baliṃ kuruta, ekaviṃśas triṇavas trayastriṃśaḥ parastāt. tām abravīt saṃbhavaṃ chandāṃsi tvaṃ prajanayatāt, stomān ahaṃ prajanayiṣyāmīti. so ’yaṃ trivṛt stomaś catuṣṭomaṃ caturdaśaṃ ṣoḍaśam aṣṭādaśaṃ navadaśaṃ pañcaviṃśaṃ ṣaṭtriṃśam ity etān mṛgastomān prājanayat. atha gāyatrī ekapadāṃ dvipadām akṣarapaṃktiṃ viṣṭārapaṃktiṃ virājam aticchandasam amitaṃ chanda ity etāni mṛgacchandasāni prājāyata. saiṣā stomānāṃ ca chandasāṃ ca prajāpatiḥ. tad dha śaunakaṃ kāpeyaṃ caikitāneyaḥ papraccha - yat ṣaḍuttareṇa vai stomāḥ prajanayanti, caturuttareṇa chandāṃsy, atha ko ’yam aṣaḍuttarī stomas saptadaśa ākṣis san madhye vyavahita iti. sa hovāca - stomāś ca chandāṃsi ca yan na prajāyanta sa evaiṣa prajāpatis saptadaśo madhye vyavakramya prajanayann atiṣṭhat. sa yo vā etam ākṣitaṃ vedākṣid vai sa sarvatraiva bhavati. anākṣid vā eṣa yat prajāpatiḥ. sarvaṃ hīdaṃ prājāpatyam iti. te haita ākṣita iva caikitāneyāḥ. tānīmāni chandāṃsi stomair akalpanta
Diese beiden, den Fünfzehner und den Einundzwanziger auseinanderlegend, kamen in der Mitte zusammen. Eben dieser Prajāpati wurde der Siebzehner, der speiseverzehrende Stoma. Für diesen leisten der Trivṛt- und der Fünfzehner-Stoma von hier aus Tribut, der Einundzwanziger, der Siebenundzwanziger, der Dreiunddreißiger von dort her. Zu ihr sprach er: »Vereinige dich! Du sollst die Versmaße erzeugen, ich werde die Stomas erzeugen.« Dieser Trivṛt-Stoma erzeugte den Vierfach-Stoma, den Vierzehner, den Sechzehner, den Achtzehner, den Neunzehner, den Fünfundzwanziger, den Sechsunddreißiger - diese wilden Stomas. Die Gāyatrī aber erzeugte die Einfüßige, die Zweifüßige, die Silben-Paṅkti, die Ausgebreitete-Paṅkti, die Virāj, den Aticchandas, das Unermessliche Versmaß - diese wilden Versmaße. Dies eben ist das Prajāpati-Wesen der Stomas und Versmaße. Da fragte Caikitāneya den Śaunaka Kāpeya: »Wenn die Stomas sich fürwahr um sechs vermehrend fortpflanzen, die Versmaße um vier vermehrend - was ist dann dieser Siebzehner-Stoma, der, ohne die Sechser-Vermehrung, unerschöpft in der Mitte eingefügt ist?« Er sprach: »Als die Stomas und die Versmaße aufhörten, sich fortzupflanzen, da stand eben dieser Prajāpati als der Siebzehner, in die Mitte eingeschoben, erzeugend. Wer diesen als unerschöpft kennt, wird selbst überall unerschöpft. Erschöpflich freilich ist dieser, nämlich Prajāpati. Denn dies alles ist ja prajāpatisch.« Diese Caikitāneyas sind gleichsam unerschöpft. Diese, diese Versmaße, wurden mit den Stomas verbunden.
[Anm.: Dieser Abschnitt löst die in 3.322f. offen gebliebene Lücke des Siebzehner-Stoma auf (der in der klassischen Reihe 9/15/17/21/27/33 fehlte, weil die dortige Arithmetik in reinen Sechser-Schritten voranschritt): der Siebzehner wird hier eigens als ›in der Mitte eingefügter‹, mit Prajāpati selbst identifizierter Sonderfall erklärt. ›Mṛgastomāḥ‹/›mṛgacchandāṃsi‹ (wörtlich ›wilde/Wild-Stomas, wilde Versmaße‹) bezeichnet die außerhalb der Hauptreihe stehenden Nebenformen. Śaunaka Kāpeya und Caikitāneya sind Lehrernamen; ob dieser Śaunaka mit dem berühmten gleichnamigen vedischen Gelehrten identisch ist, bleibt offen. Die Paradoxie ›ākṣita‹ (unerschöpft, durch Wissen zu erlangen) versus ›anākṣid... prajāpatiḥ‹ (Prajāpati selbst als von Natur aus erschöpflich, da er sich in der Schöpfung verausgabt) folgt dem im Text wiederkehrenden Muster: der mythische Rohzustand ist defizitär, das rituelle Wissen liefert die Abhilfe.]
trivṛtā gāyatry akalpata, pañcadaśena triṣṭupa, saptadaśena jagaty, ekaviṃśenānuṣṭup, triṇavena paṃktis, trayastriṃśena virāṭ, pañcaviṃśena bṛhaty, aṣṭādaśanavadaśābhyām uṣṇikkakubhau. tā yā nava gāyatryaś caturviṃśatis te trivṛtaḥ. atha yā pañcadaśa triṣṭubhaś catuścatvāriṃśat te pañcadaśāḥ. atha yās saptadaśa jagatyo ’ṣṭācatvāriṃśat te saptadaśāḥ. atha yā ekaviṃśatir anuṣṭubho dvātriṃśat ta ekaviṃśāḥ. atha yās saptaviṃśatiḥ paṃktyaś catvāriṃśat te triṇavāḥ. atha yās trayastriṃśad virājas triṃśat te trayastriṃśāḥ. atha yāḥ pañcaviṃśatir bṛhatyaṣ ṣaṭtriṃśat te pañcaviṃśāḥ. atha yā aṣṭādaśanavadaśoṣṇikkakubho ’ṣṭāviṃśatis te ’ṣṭādaśanavadaśāḥ
Mit dem Trivṛt wird die Gāyatrī vollzogen, mit dem Fünfzehner die Triṣṭubh, mit dem Siebzehner die Jagatī, mit dem Einundzwanziger die Anuṣṭubh, mit dem Siebenundzwanziger die Paṅkti, mit dem Dreiunddreißiger die Virāj, mit dem Fünfundzwanziger die Bṛhatī, mit dem Achtzehner und Neunzehner zusammen Uṣṇih und Kakubh. Die neun Gāyatrī-Verse zu vierundzwanzig Silben, das sind die Trivṛt-Verse. Die fünfzehn Triṣṭubh-Verse zu vierundvierzig Silben, das sind die Pañcadaśa-Verse. Die siebzehn Jagatī-Verse zu achtundvierzig Silben, das sind die Saptadaśa-Verse. Die einundzwanzig Anuṣṭubh-Verse zu zweiunddreißig Silben, das sind die Ekaviṃśa-Verse. Die siebenundzwanzig Paṅkti-Verse zu vierzig Silben, das sind die Triṇava-Verse. Die dreiunddreißig Virāj-Verse zu dreißig Silben, das sind die Trayastriṃśa-Verse. Die fünfundzwanzig Bṛhatī-Verse zu sechsunddreißig Silben, das sind die Pañcaviṃśa-Verse. Die Uṣṇih-und-Kakubh-Verse zu Achtzehn-und-Neunzehn, achtundzwanzig Silben, das sind die Aṣṭādaśa-Navadaśa-Verse.
[Anm.: Dieser Abschnitt stellt eine eigenständige, zweite Korrespondenztabelle auf: eine liturgische Stoma-Versmaß-Zuordnung nach Vers-Anzahl (nicht nach der in 3.321-324 entwickelten Silben-Wachstumsarithmetik). Die Zuordnungen (z.B. Pañcadaśa/15 zur Triṣṭubh statt zu einem 15-silbigen Versmaß) folgen offenbar praktisch-liturgischen statt rein arithmetischen Prinzipien und werden hier unverändert wiedergegeben, ohne die zugrundeliegende Systematik künstlich zu glätten.]
ekaṃ vāvedam agre ’kṣaram āsīd vāg eva. sākāmayata - bahvay asāni, prajāyeya, bhūmānaṃ gacchāni, yajñaṃ tanavā iti. sā svāhā svāhā svāhety eva dvādaśakṛtvo ’juhot. sā triṃśatam evāsinot. triṃśadakṣaro evātmanābhavat. tasyai paścevākṣare upodasarpatām. saivaiṣānuṣṭub abhavat. tasmād etad yoṣitaḥ paśceva stanāv upotsarpataḥ. saiṣā virāḍ eva staninī. sā yat tad dvādaśakṛtvo ’juhod etān eva tad dvādaśa māso ’sṛjata. tāny evaitāni dvādaśāhasya dvādaśāhāny abhavaṃs, ta eva caturviṃśatir ardhamāsā abhavaṃs tāny eva sapta ca śatāni viṃśatiṃ cāhorātrāṇy abhavan. saitaṃ saṃvatsaraṃ yajñam asṛjata. eṣa ha vāva yajño yas saṃvatsaraḥ. sā nāved - yajñaṃ vā asṛkṣīti. kim u cid asṛkṣītv evāmanyata. tāṃ modaḥ pratyāgacchat. tato ’ved - yajñaṃ vā asṛkṣīti. saikṣata - yam imaṃ yajñam asṛkṣi hantainam ātmana evādhi tanavā iti
Eine einzige Silbe war fürwahr dies im Anfang - die Rede selbst. Sie wünschte: »Möchte ich doch vielfältig sein, mich fortpflanzen, zu Fülle gelangen, das Opfer ausdehnen!« Sie opferte eben zwölfmal mit »Svāhā, svāhā, svāhā«. Sie zerschnitt sich eben in Dreißig. Sie wurde eben durch sich selbst dreißigsilbig. Ihr näherten sich gleichsam zwei Silben von hinten. Eben diese wurde die Anuṣṭubh. Deshalb nähern sich einer Frau gleichsam von hinten die beiden Brüste. Diese eben ist die Virāj, die Brustbesitzende. Dass sie jenes zwölfmal opferte, damit erschuf sie eben diese zwölf Monate. Eben diese wurden die zwölf Tage des Zwölftagesritus, eben diese wurden die vierundzwanzig Halbmonate, eben diese wurden die siebenhundertzwanzig Tage und Nächte. Sie erschuf damit das Jahr als Opfer. Dies eben ist fürwahr das Opfer, nämlich das Jahr. Sie wusste jedoch nicht: »Habe ich denn das Opfer erschaffen?« »Habe ich denn überhaupt irgendetwas erschaffen?«, so dachte sie eben. Da überkam sie Freude. Danach erkannte sie: »Ich habe ja das Opfer erschaffen!« Sie überlegte: »Dieses Opfer, das ich erschaffen habe - wohlan, das will ich eben auf dem Selbst selbst ausdehnen!«
[Anm.: Dieser eigenständige Ursprungsmythos identifiziert die Rede (vāc) selbst als die primordiale ›eine Silbe‹, aus der sich durch zwölffaches Svāhā-Opfer die gesamte Jahres- und Zwölftagesritus-Struktur (12 Monate, 24 Halbmonate, 720 Tag-Nacht-Einheiten) entfaltet - eine eigenständige Variante der bereits mehrfach belegten Prajāpati-Selbstvervielfältigungsmythen, hier mit Vāc als Trägerin. ›Triṃśatam āsinot‹ (sie zerschnitt/teilte sich in dreißig) bleibt in der genauen Vollzugslogik unklar. Das Bild der ›von hinten sich nähernden Silben/Brüste‹ ist eine eigenständige, anschauliche Analogie. Der Moment des Selbstzweifels und der anschließenden Freude ist eine ungewöhnlich psychologisierende Erzähldetail innerhalb der sonst meist unpersönlichen Schöpfungsmythen dieses Textes.]
sāṣṭābhir evākṣaraiḥ prathamam ahar atanuta, ekādaśabhir dvitīyaṃ, dvādaśabhis tṛtīyam. akṣaram eva tryakṣaraṃ paryaśiṣyata. tad evottaraṃ tryaham anuvyadadhāt. saitaṃ pṛṣṭhyaṃ ṣaḍaham atanuta. saitaṃ pṛṣṭhyaṃ ṣaḍahaṃ tatvaikṣata kena nv imaṃ tṛtīyaṃ tryahaṃ tanviyeti. svātmānam evāpaśyat, yo nvāva me ’sāv ātmā so ’yam. hantainam ātman evādhi tanavā iti. sāṣṭābhir evākṣarais saptamam ahar atanutaikādaśabhir aṣṭamaṃ, dvādaśabhir navamam. atha yad akṣaraṃ paryaśiṣyata tad evaitad dvādaśāhasya daśamam ahar abhavat. saiṣā śrāntā vikṛṣṭāśaye vāg yajñam ūhiṣī kālilimattā yathā siṃhī vā vijātā syād vyāghrī vā śiṃśumārī vaivam. tāṃ yad etarhi pratyakṣam ālabheran vyāptam asyā āpadyeran. yady u vā sā iyur etasmāt sarvasmād iyuḥ. tām etāṃ parokṣam anuṣṭubhaṃ kurvanti
Sie dehnte mit eben acht Silben den ersten Tag aus, mit elf den zweiten, mit zwölf den dritten. Übrig blieb eben das Akṣara, das dreisilbige. Dieses eben setzte sie auf den folgenden Dreitageszeitraum an. Sie dehnte damit diesen Pṛṣṭhya-Sechstagesabschnitt aus. Nachdem sie diesen Pṛṣṭhya-Sechstagesabschnitt ausgedehnt hatte, überlegte sie: »Womit werde ich wohl diesen dritten Dreitageszeitraum ausdehnen?« Sie erschaute eben ihr eigenes Selbst: »Der, welcher jenes mein Selbst ist, der ist eben dieser. Wohlan, das will ich eben auf dem Selbst selbst ausdehnen!« Sie dehnte mit eben acht Silben den siebten Tag aus, mit elf den achten, mit zwölf den neunten. Die Silbe aber, die übrigblieb, die wurde eben dieser zehnte Tag des Zwölftagesritus. Diese Rede, erschöpft, in ausgezogener Lage, das Opfer tragend, war schmutzbefleckt, wie eine Löwin, die geboren hätte, oder eine Tigerin, oder ein Krokodilweibchen. Würde man sie jetzt unmittelbar berühren, würde man in ihre Erschöpfung geraten. Und würde sie so weggehen, würden sie ganz von diesem allen weggehen. Deshalb machen sie diese zur verhüllten ›Anuṣṭubh‹.
[Anm.: Dieser Abschnitt führt den Vāc-Selbstvervielfältigungsmythos aus 3.326 fort: mit ihren 32 Silben (8+11+12 zweimal wiederholt, plus je eine Restsilbe) dehnt die Rede systematisch alle zehn Tage des Zwölftagesritus aus. ›Akṣaram eva tryakṣaram‹ (das Akṣara, das dreisilbige) deutet die verbleibende ›eine‹ Silbe als das Akṣara/den Praṇava (Om), der trotz seiner Zähl-Einheit selbst aus drei Lauten (a-u-m) besteht - eine subtile Anknüpfung an den Praṇava-Mythos aus 3.321. Das Bild der erschöpften, gleichsam gerade niedergekommenen Löwin/Tigerin/Krokodilin motiviert die parokṣa-Umbenennung: die ›wahre‹, unmittelbare Rede in diesem verletzlichen Zustand wird nicht direkt angesprochen, sondern erhält den verhüllenden Namen ›Anuṣṭubh‹ (Namensregel-Muster wie 3.104/117/149/214/298/319).]
na hotā canānuṣṭubhaś śaṃsati, virāja eva sa śaṃsati. te devā abruvann iyam iyaṃ yajñam asṛṣṭaitānana yajāmahā iti. te bṛhadrathantarābhyām astuvata. te bṛhadrathantare ete eva prathame ahanī ūḍhvā nākāmayetāṃ voḍhum. te bṛhatīm abruvann idaṃ nas tvaṃ tṛtīyam ahar vaha. abhijitaṃ vai nas sat tad avyāptam iti. sad dha vai bṛhatī bhavati yat sā pṛṣṭhaṃ bhavati. saitad bṛhatī tṛtīyam ahar ūḍhvā nākāmayata voḍhum. ta imam eva lokaṃ rathantareṇājayann antarikṣaṃ bṛhatyāmuṃ bṛhatā. ta etena tryaheṇa vyajayanta. tad yathā vijitena yanti saindhavān ajanti hastinaṃ vahanti dhūrgṛhītaṃ rathaṃ yāti hulubhyāṃ yāti vicchidvahābhyām evaṃ gardabharathena. evam etaṃ dvitīyaṃ tryahaṃ devā atyāyan
Kein Hotar rezitiert Anuṣṭubh-Verse, er rezitiert eben Virāj-Verse. Die Götter sprachen: »Diese hat ja das Opfer erschaffen - mit eben diesen wollen wir opfern!« Sie stimmten den Lobgesang mit Bṛhat und Rathantara an. Diese, Bṛhat und Rathantara, wollten, nachdem sie eben diese beiden ersten Tage getragen hatten, nicht mehr weitertragen. Sie sprachen zur Bṛhatī: »Trage du uns diesen dritten Tag! Unser errungener Sieg nämlich ist noch nicht vollständig durchdrungen.« Zum Seienden nämlich wird die Bṛhatī, indem sie zum Pṛṣṭha wird. Diese Bṛhatī, nachdem sie diesen dritten Tag getragen hatte, wollte nicht mehr weitertragen. Sie eroberten eben diese Welt mit dem Rathantara, den Luftraum mit der Bṛhatī, jene Welt mit dem Bṛhat. Mit diesem Dreitageszeitraum siegten sie vollständig. Wie man mit einer Kriegsbeute fährt, Sindh-Pferde antreibt, einen Elefanten reitet, einen mit der Deichsel ergriffenen Wagen fährt, mit Hulu-Pferden fährt, mit Vicchidvāha-Pferden fährt, ebenso fährt man mit dem Eselswagen. So überschritten die Götter diesen zweiten Dreitageszeitraum.
[Anm.: Dieser Abschnitt zieht die praktische Konsequenz aus der in 3.327 begründeten parokṣa-Umbenennung: der Hotar rezitiert nie direkt Anuṣṭubh, sondern Virāj-Verse an ihrer Stelle. ›Hulubhyām‹ und ›vicchidvahābhyām‹ (vermutlich Bezeichnungen für Pferdegespanne oder Anschirrungstechniken) bleiben lexikalisch unsicher; die abschließende Aufzählung verschiedener Fahr-/Reitweisen (Kriegsbeute, Sindh-Pferde, Elefant, Deichselwagen, schließlich der bescheidene Eselswagen) illustriert bildhaft die abnehmende Schwungkraft von Rathantara/Bṛhat zur dritttägigen Bṛhatī hin.]
te bṛhadrathantare etāni rūpāṇi pratyauhatāṃ vairūpaṃ vairājaṃ mahānāmnī revatīr iti. atha bṛhatī pratyauhad virājaṃ śakvarīṃ revatīm iti. tānīmāny atyāyan. tāni devā anvapaśyan yathā matsyam ūrmyā yantam anupaśyed evam. tāni saptame ’han samudamajjan yathā matsyās samunmajjayur evam. tāny etāni chandomeṣu sarvāṇi rūpāṇi saṃsṛjyante. etad bṛhatyāṃ bṛhad bhavati, bṛhatyāṃ rathantaram. sa yathogragādhe saṃrabhyātīyād evam evaitaṃ tṛtīyaṃ triyahaṃ devā atyāyan. ta etaṃ svargaṃ lokam āgacchann etad daśamam ahaḥ. eṣa vāva svargo loko yad daśamam ahaḥ. tac caturviṃśaṃ bhavati. tato yā viṃśatir virāṭ sā. atha yāś catasras tad eva bradhnasya viṣṭapam. tasminn etad devās sarvān kāmān duhre. upasṛjan dharuṇaṃ mātre mātaraṃ dharuṇo dhayan rāyas poṣam iṣam ūrjam asmāsu dīdharat svāheti juhoti. sa yaṃ kāmaṃ kāmayeta taṃ dhyāyet. etasyāṃ hutāyāṃ sa haivāsmai kāmas samṛdhyata evaṃvide. kim u naivaṃvide samṛdhyeteti ha smāha śāṭyāyaniḥ
Diese, Bṛhat und Rathantara, tauschten diese Gestalten ein: Vairūpa, Vairāja, die Mahānāmnī-Verse, die Revatī-Verse. Die Bṛhatī aber tauschte ein: die Virāj, die Śakvarī-Verse, die Revatī-Verse. Mit diesen überschritten sie den dritten Zeitraum. Diese erblickten die Götter, wie man einen Fisch erblicken würde, der mit der Strömung dahinzieht. Diese tauchten am siebten Tag gemeinsam auf, wie Fische gemeinsam auftauchen würden. Eben diese, alle diese Gestalten, werden bei den Chandoma-Tagen zusammengefügt. Dies wird bei der Bṛhatī zum Bṛhat, bei der Bṛhatī zum Rathantara. Wie man, an einer schwierigen Furt sich festhaltend, hindurchgehen würde, ebenso überschritten die Götter eben diesen dritten Dreitageszeitraum. Sie gelangten damit zu dieser himmlischen Welt - das ist dieser zehnte Tag. Dies eben ist fürwahr die himmlische Welt, nämlich der zehnte Tag. Dieser wird vierundzwanzigfach. Von diesen ist die, welche zwanzig ist, die Virāj. Die vier aber, das eben ist der Gipfel des Falben. Darin melken sich die Götter alle Wünsche. »Der Träger, sich zur Mutter entlassend, die Mutter tragend, saugend, möge er bei uns Reichtumsmehrung, Labung, Saftkraft festhalten. Svāhā!« - so opfert er. Welchen Wunsch er sich wünschen sollte, den sollte er erdenken. Wenn dieses geopfert ist, geht diesem Wunsch fürwahr in Erfüllung, wer so weiß. »Geht er denn nicht auch dem in Erfüllung, der nicht so weiß?«, pflegte Śāṭyāyani zu sagen.
[Anm.: Die Formel ›upasṛjan dharuṇaṃ mātre...svāhā‹ wiederholt wortgleich die aus 3.307 bekannte Opferformel. ›Bradhnasya viṣṭapam‹ (Gipfel des Falben, d.h. der Sonne) bleibt in der genauen numerischen Zuordnung unsicher. Der Fisch-mit-der-Strömung-Vergleich und das Bild der schwierigen Furt setzen die im Kāṇḍa wiederkehrende Fluss-/Wasser-Bildlichkeit für gefährliche Übergänge fort. Śāṭyāyani ist ein Lehrername (Patronymikon); sein skeptischer Einwand am Schluss - ob die Wunscherfüllung nicht auch ohne das rechte Wissen eintritt - ist eine für den Text ungewöhnlich offene, hinterfragende Schlussbemerkung.]
›Gehend, fortgehend, geschwindhaft, genusshaft, goldschmuckhaft, glutvoll, sich anschirrend‹ - das ist das Merkmal des ersten Tages, des Trivṛt-Stoma, der Gāyatrī als Versmaß, des Rathantara-Sāman. ›Bullenhaft, vṛtratötend, reichtumhaft, allhaltig, nahend‹ - das ist das Merkmal des zweiten Tages, des Fünfzehner-Stoma, der Triṣṭubh als Versmaß, des Bṛhat-Sāman. ›Aufwärtshaft, dreifachhaft, richtungshaft, gegangenhaft, urzeithaft‹ - das ist das Merkmal des dritten Tages, des Siebzehner-Stoma, der Jagatī als Versmaß, des Vairūpa-Sāman. ›Königreichhaft, volkhaft, Virāj-und-sonnenhaft‹ - das ist das Merkmal des vierten Tages, des Einundzwanziger-Stoma, der Anuṣṭubh als Versmaß, des Vairāja-Sāman. ›Bunthaft, junghaft‹ - die Paṅkti- und Śakvarī-Verse, silbenmindere, ›kuhhaltig, stierhaft, vajrazugewandt‹ - das ist das Merkmal des fünften Tages, des Siebenundzwanziger-Stoma, der Paṅkti als Versmaß, des Śākvara-Sāman. ›Umkreisend, entsprechend‹, siebenfüßig, zweifüßig, ohne eigenen Anspruch, ›kuhhaltig, stierhaft, vajrazugewandt‹ - das ist das Merkmal des sechsten Tages, des Dreiunddreißiger-Stoma, des Atichandas als Versmaß, des Raivata-Sāman.
[Anm.: Diese sechs Epithetketten fassen für jeden der sechs Tage des Pṛṣṭhya-Ṣaḍaha dessen charakteristische Gestalt (rūpa) in dichter, an vedische Hymnensprache erinnernder Adjektivreihung zusammen und verbinden sie mit der bereits aus 3.316ff. bekannten Stoma-Chandas-Sāman-Zuordnung. Mehrere Einzelbegriffe bleiben lexikalisch unsicher, insbesondere ›vyūnākṣarā‹ (silbenmindere, genaue metrische Eigenschaft unklar), ›janadvat‹ und ›vinārāśaṃsam‹ (hier vorsichtig als ›ohne eigenen Anspruch‹ gedeutet); die Übersetzung gibt den ungefähren Sinn wieder, ohne für jedes Einzelwort völlige Sicherheit zu beanspruchen. ›Gomat/vṛṣabhavat‹ (kuhhaltig/stierhaft) knüpft an die bereits etablierte ›-vat‹-Kategorie-Konvention des Projekts an.]
yasmād eṣā samānā satī ṣaḍahavibhaktir atha nānā bhavati, tasmān nānārūpas saṃvatsaro nānārūpam enam anu prajāyate. agna iti prathamasyāhno vibhaktir, agnim iti dvitīyasyāgnineti tṛtīyasyāgnir iti caturthasyāgner iti pañcamasyāgna ity eva punaṣ ṣaṣṭhasya. tāv etāv antau saṃdhatta. etad anv anantas saṃvatsaraḥ. tasyaitāv antau yad dhemantaś ca vasantaś ca. etad anu grāmasyāntau sameta, etad anu niṣkasyāntau sameta, etad anv ahir bhogān paryāhṛtya śaye. tad etad annam. taṃ devacakram akṣitaṃ punarnavam ā ca parā ca parivartate. sa ya etad evaṃ vedaitām evānantatām etām akṣitim etāṃ punarnavatām jayati. agna ā yāhi vītaya iti hvayanty evainam etena, agniṃ dūtaṃ vṛṇīmaha iti vṛṇata evainam etena. agnināgnis sam idhyata iti sam evainam etad indhate. agnir vṛtrāṇi jaṃghanad iti vy evainenaitaj jayante. tava śriyo varṣyasyeva vidyuta iti śriyam evāsminn etad dadhati. yo vai ṣaṣṭhasyāhno vibhaktiṃ veda sarvam āyur eti. jātavedasa iti vai ṣaṣṭhasyāhno vibhaktir agna iti ca. sarvam āyur eti ya evaṃ veda
Weil diese Sechstage-Deklination, obwohl gleich bleibend, doch verschieden wird, deshalb ist das Jahr vielgestaltig, wird ihm entsprechend Vielgestaltiges geboren. ›Agna‹ ist die Deklinationsform des ersten Tages, ›agnim‹ die des zweiten, ›agninā‹ die des dritten, ›agniḥ‹ die des vierten, ›agneḥ‹ die des fünften, ›agna‹ wiederum, ebenso wie zuvor, die des sechsten. Diese beiden Enden verbindet er. Dem entsprechend ist das Jahr endlos. Dessen beide Enden sind der Winter und der Frühling. Dem entsprechend kommen die beiden Enden des Dorfes zusammen, dem entsprechend kommen die beiden Enden des Halsschmucks zusammen, dem entsprechend liegt die Schlange, ihre Windungen zurückgezogen. Dies eben ist Speise. Dieses Götterrad, unerschöpflich, sich stets erneuernd, dreht sich heran und hinweg. Wer dies so weiß, gewinnt eben diese Endlosigkeit, diese Unerschöpflichkeit, diese Selbsterneuerung. »Agni, komm herbei zum Genuss« - mit diesem eben rufen sie ihn herbei. »Wir erwählen Agni zum Boten« - mit diesem eben erwählen sie ihn. »Mit Agni wird Agni entzündet« - damit eben entzünden sie ihn. »Agni hat die Vṛtras erschlagen« - damit eben besiegen sie dies vollständig. »Deine Glanzerscheinungen, wie die Blitze des Regens« - damit legen sie eben Glanz in ihn. Wer die Deklinationsform des sechsten Tages kennt, erlangt die volle Lebenszeit. ›Jātavedas‹ nämlich ist die Deklinationsform des sechsten Tages, und ebenso ›agna‹. Er erlangt die volle Lebenszeit, wer so weiß.
[Anm.: Dieser Abschnitt legt den sechs Tagen des Pṛṣṭhya-Ṣaḍaha je eine Deklinationsform (vibhakti) von ›Agni‹ zugrunde (Tag1/6 gemeinsam ›agna‹, Tag2 Akkusativ ›agnim‹, Tag3 Instrumental ›agninā‹, Tag4 Nominativ ›agniḥ‹, Tag5 Ablativ ›agneḥ‹); die genaue grammatische Bestimmung von ›agna‹ (Tag 1 und 6) bleibt unsicher - möglicherweise eine Sandhi-Form des Vokativs. Das Dreier-Bild von Dorfgrenze, Halsschmuck und geringelter Schlange veranschaulicht anschaulich die Idee des ›endlosen‹, sich selbst schließenden Jahreskreises (devacakram akṣitam). Die zitierten Verse klingen nach geläufiger vedischer Agni-Anrufungssprache, ohne dass für jeden eine genaue Stellenidentifikation vorgenommen wurde.]
devā vai pṛṣṭhye ṣaḍahe śriyam aicchan. tām agna iti prathame ’han nānvavindan. tām agnim iti dvitīya ’han nānvindan. tām agnineti tṛtīye ’han nānvavindan. tām agnir ity eva caturthe ’hann anvindan. bhūtam evottare ’nvavadatām. yasmād eṣā samānā saty agnivibhaktir atha nānā bhavati, tasmāt samānas san saṃvatsaro nānā sasyāni pacati. etair ha vā etad agnibhiḥ pacati ya ete praviṣṭāḥ. atho hāsyaitair evāgnibhis sarva ṛtavo ’gnimanto bhavanti. prasṛteḷā prathamasyāhna, ūrdhveḷaṃ dvitīyaṃ, pariṣṭubdheḷaṃ tṛtīyam, iḷābhir iḷaṃ caturtham, adhyardheḷaṃ pañcamam, ihakāreṇābhyasteḷaṃ ṣaṣṭhaṃ ca. atho ha vāsyasko naimiśīyān papraccha - kiṃ prathamenāhnā kurudhvam iti. praimeti. kiṃ dvitīyeneti. avasaṃ kurmahā iti. kiṃ tṛtīyeneti. pari vā plavāmahā iti. kiṃ caturtheneti. satā sad apyadadhmeti. kiṃ pañcameneti. paśūn vicchindanta aimeti. kiṃ ṣaṣṭheneti. āgacchāmeti hocuḥ. atho tebhya evaitat paśubhyo bhiṣajyāmeti. tad yat praimeti prava vā etat sāryate yat praiti. prasṛteḷā prathamasyāhnaḥ
Die Götter suchten fürwahr im Pṛṣṭhya-Sechstagesabschnitt den Glanz. Diesen fanden sie am ersten Tag mit ›agna‹ nicht. Diesen fanden sie am zweiten Tag mit ›agnim‹ nicht. Diesen fanden sie am dritten Tag mit ›agninā‹ nicht. Diesen fanden sie eben am vierten Tag mit ›agniḥ‹. Über das bereits Erlangte sprachen sich die folgenden beiden nur noch ab. Weil diese Agni-Deklination, obwohl gleich bleibend, doch verschieden wird, deshalb lässt das Jahr, obwohl es gleich bleibt, verschiedenartige Feldfrüchte reifen. Mit eben diesen Feuern reift es fürwahr, die in es eingedrungen sind. Und mit eben diesen Feuern werden ihm alle Jahreszeiten feuerreich. Die ausgestreckte Iḷā ist die des ersten Tages, die aufgerichtete Iḷā die des zweiten, die umtönte Iḷā die des dritten, die mit Iḷās vervielfältigte Iḷā die des vierten, die anderthalbfache Iḷā die des fünften, die durch den Iha-Ruf verdoppelte Iḷā die des sechsten. Und da fragte Vāsyaska die Naimiśīyas: »Was tut ihr mit dem ersten Tag?« »Wir gehen voran«, sprachen sie. »Was mit dem zweiten?« »Wir machen Rast.« »Was mit dem dritten?« »Wir treiben ringsum umher.« »Was mit dem vierten?« »Wir fügen Seiendes zu Seiendem.« »Was mit dem fünften?« »Das Vieh zerteilend, gehen wir.« »Was mit dem sechsten?« »Wir kommen an«, sprachen sie. »Und damit heilen wir eben diese Tiere.« Dass sie sagen ›wir gehen voran‹ - fürwahr fließt das, was vorangeht, vorwärts. Die ausgestreckte Iḷā ist die des ersten Tages.
[Anm.: Dieser Abschnitt setzt die Agni-Deklinationsreihe aus 3.331 fort (die Götter finden den Glanz erst mit der vierten Form, dem Nominativ ›agniḥ‹) und führt parallel eine zweite, sechsteilige Iḷā-Formelreihe ein, die in 3.333 näher erläutert wird. Vāsyaska und die Naimiśīyas sind Lehrer- bzw. Schülergruppen-Namen; ›Naimiśīya‹ verweist auf den real bezeugten, später als Ort großer Opferversammlungen berühmten Naimiṣa-Wald - eine bemerkenswert frühe Bezeugung dieser Assoziation. Der Schlusssatz wiederholt die Iḷā-Formel des ersten Tages als zusammenfassenden Rückverweis, bevor 3.333 die Formeln der übrigen Tage im Detail erläutert.]
Dass sie aber sagen ›wir machen Rast‹ - gleichsam innehaltend oder gleichsam sich lösend machen sie Rast. Gleichsam innehaltend nämlich gelangt die Iḷā des zweiten Tages zum Nidhana. Dass sie aber sagen ›wir treiben ringsum umher‹ - gleichsam ringsum treibend nämlich gelangt die Iḷā des dritten Tages zum Nidhana. Dass sie aber sagen ›wir fügen Seiendes zu Seiendem‹ - das ist, mit Iḷās Iḷās, mit Tieren Tiere zusammengefügt. Dies eben ist Seiendes, mit Seiendem verhüllt. Dass sie aber sagen ›das Vieh zerteilend, gehen wir‹ - gleichsam zerteilt nämlich ist diese, die als anderthalbfache Iḷā gemacht ist. Vieh nämlich ist die Iḷā. Deshalb erleiden die Tiere Zerteilung und Veränderung. Dass sie aber sagen ›wir kommen an‹ - mit ›iha‹ gründeten sie sich eben in dieser fest. Und damit ist eben diesen Tieren Heilung verschafft. Weil diese Iḷā-Deklination, obwohl gleich bleibend, doch verschieden wird, deshalb sind die Tiere vielgestaltig. Ihnen entsprechend wird Vielgestaltiges geboren. Was man mit einem Vers beginnt, das ist die Gestalt des ersten Tages. Das Umtönte ist die des zweiten, das beiderseits Umtönte die des dritten, das Getroffene die des vierten, das Verdoppelte die des fünften, das durch den Iha-Ruf Verdoppelte die des sechsten. Weil diese Ton-Deklination, obwohl gleich bleibend, doch verschieden wird, deshalb weht dieser Vāyu jahreszeitgemäß - kalt im Winter, heiß im Sommer. ›Indra‹ ist die Deklinationsform des ersten Tages, ›indram‹ die des zweiten, ›indreṇa‹ die des dritten, ›indraḥ‹ die des vierten, ›indrāt‹ die des fünften, ›indra‹ wiederum, ebenso wie zuvor, die des sechsten. Weil diese Indra-Deklination, obwohl gleich bleibend, doch verschieden wird, deshalb glüht jene Sonne jahreszeitgemäß - kalt im Winter, heiß im Sommer.
[Anm.: Dieser Abschnitt löst die Iḷā-Formelreihe aus 3.332 vollständig auf (Rast/Umhertreiben/Seiendes-zu-Seiendem/Zerteilung/Ankunft, je einem Tag zugeordnet) und fügt zwei weitere parallele Sechser-Reihen hinzu: eine Ton-/Rezitationsform-Reihe sowie eine vierte Deklinationsreihe für ›Indra‹, strukturell identisch mit der Agni-Reihe aus 3.331. Alle vier Reihen (Agni-Deklination→Erntevielfalt, Iḷā-Formeln→Tiervielfalt, Ton-Formen→Vāyus Jahreszeiten-Wechsel, Indra-Deklination→Sonnenhitze-Wechsel) folgen demselben Grundprinzip: gleichbleibende Struktur erzeugt dennoch Vielfalt in der Erscheinung.]
iti haivedam agra āsa. tad akāmayata (bahu) syāṃ prajāyeya bhūmānaṃ gaccheyam iti. tan mano amanuta. tasya dvitīyaṃ vitvāvitarāhvayam aita. tasmād dvitīyaṃ vitvāvitarāhvayam eti. tad anena manasā sahātapyata. mano ha vāva tapaḥ. tat tapyamānaṃ vācam asṛjata. tābhyām astuta sto me sto ma iti. yat sto ma ity abravīt tat stomasya stomatvam. stuvata enena svā ayaṃ na śreṣṭha iti ya evaṃ veda. tāv evaitau stomāv abhavatāṃ parāṅ ca pūrvāṅ ca. tau prāṇāpānau, te ’horātre, tau pūrvapakṣāparapakṣau, tāv imau lokau, tāv indrāgnī, tau mitrāvaruṇau, tāv aśvinau, tad daivyaṃ mithunaṃ, yad idaṃ kiṃ ca dvandvaṃ tad abhavatām. tau ha sma prajāpatāv evāntas saṃbhavataḥ. tad idaṃ mano vācam askandat. sa hiraṇmayo garbho ’dhīyatāmṛtaḥ. eṣa vai mṛtyur yad agniḥ. tasmin yad dhiraṇyaṃ prāsyanti kalyāṇataraṃ bhavati. so ’yaṃ garbho ’jāyata. taṃ jātam amṛjan yathā vatsaṃ jātaṃ mātā lihyād evam
So war dies fürwahr im Anfang. Es wünschte: »Möchte ich doch viel sein, mich fortpflanzen, zu Fülle gelangen!« Dies erkannte sich als Geist. Zu ihm kam ein zweiter, Vitvāvitara genannt. Deshalb kommt ein zweiter mit dem Namen Vitvāvitara. Dies erhitzte sich zusammen mit diesem Geist. Der Geist nämlich ist fürwahr die Glut. Dieses, sich erhitzend, erschuf die Rede. Mit diesen beiden stimmte es den Lobgesang an: »Ihr beide seid mein, ihr beide seid mein!« Dass es ›ihr beide seid mein‹ sprach, das ist die Stoma-heit des Stoma. Wer mit diesem preist, wird der Beste der Seinen, wer so weiß. Eben diese beiden wurden zu den beiden Stomas, dem abgewandten und dem vorausgehenden. Diese beiden sind Ein- und Ausatem, diese beiden Tag und Nacht, diese beiden die erste und die zweite Monatshälfte, diese beiden diese beiden Welten, diese beiden Indra und Agni, diese beiden Mitra und Varuṇa, diese beiden die Aśvins - das ist das göttliche Paar. Was auch immer hier ein Paar ist, das wurden diese beiden. Diese beiden entstehen fürwahr stets innerhalb Prajāpatis selbst. Da besprang dieser Geist die Rede. Ein goldener Keim, unsterblich, wurde da empfangen. Dies nämlich, was Agni ist, ist der Tod. Dass sie in diesen Gold hineinwerfen, wird es dadurch noch vortrefflicher. Dieser Keim wurde geboren. Den Geborenen reinigten sie, wie eine Mutter ein geborenes Kalb lecken würde.
[Anm.: Dieser Abschnitt beginnt eine eigenständige Variante des real bekannten Hiraṇyagarbha-Mythos (›goldener Keim‹, cf. RV 10.121, dem berühmten Hiraṇyagarbha-Sūkta), hier mit Geist (manas) und Rede (vāc) als Elternpaar. ›(bahu)‹ steht bereits im Quelltext in runden Klammern als vermutete Ergänzung einer beschädigten bzw. fehlenden Textstelle und wird unverändert übernommen. Das Wortspiel ›sto me‹ (ihr beide seid mein) als Ursprung von ›stoma‹ ist eine eigenständige Volksetymologie. ›Vitvāvitara‹ bleibt als Name bzw. Bezeichnung lexikalisch unsicher. Die Gleichsetzung ›Agni ist der Tod‹ ist eine bemerkenswerte, an anderer Stelle vedisch gut bezeugte Identifikation (Agni als Empfänger der Toten durch die Feuerbestattung), hier mit der Goldopferpraxis verknüpft.]
tasya yat prathamam ulbam apālumpaṃs tat kṛṣṇāyas samabhavat. yad dvitīyam ulbam apālumpaṃs tad rajatam abhavat. yat tṛtīyam ulbam apālumpaṃs tad dharitam abhavat. tasmāt tat tviṣimattamam. tat tad dhy asyādhyātmam āsīd atha yaj jarāyu nāḍyām āsīt. tal loham abhavat. atha yat kumāro jāyamāno vā jāto vā sīsavaṃ karoti tad eva sīsam abhavat. tasmāt tad durgandhitamam. tāni saptadaśaivākṣarāṇy ajāyanta. tāni dvedhā vyauhan navānyāny aṣṭāv anyāni. sa eva trivṛc ca stomo ’bhavat gāyatrī ca chandaḥ. sa aikṣatāyaṃ stoma idaṃ chanda imau vāva tasmā alaṃ yat prajanayetām. hantemāv eva prajanayatam iti bravāṇīti. sa trivṛtā stutvābravīd gāyatrīṃ - vibhava, yāvatya asi tāvaty edhīti. sāṣṭākṣarā saty akṣarāṇi tryakṣarāṇy akuruta. tāni caturviṃśatir abhavan. so ’syai gāyatryai caturviṃśatyakṣarāyai ṣaḍ akṣarāṇy ādatta
Was sie als seine erste Eihaut abstreiften, das wurde zu schwarzem Eisen. Was sie als zweite Eihaut abstreiften, das wurde zu Silber. Was sie als dritte Eihaut abstreiften, das wurde zu Gold. Deshalb ist dieses das allerglänzendste. Denn dieses war ihm sein Innerstes, während das, was in der Nabelschnur war, die Nachgeburt war. Dies wurde zu Kupfer. Was aber ein Knabe, während er geboren wird oder geboren ist, als Bleiartiges ausscheidet, das eben wurde zu Blei. Deshalb ist dieses das übelriechendste. Diese wurden zu eben siebzehn Silben geboren. Diese teilten sie zweifach auf: neun die einen, acht die anderen. Eben dies wurde sowohl der Trivṛt-Stoma als auch die Gāyatrī als Versmaß. Er überlegte: »Dieser Stoma, dieses Versmaß - diese beiden eben sind dazu geeignet, dass sie sich fortpflanzen könnten. Wohlan, lasst diese beiden sich eben fortpflanzen« - so wollte er sprechen. Er, nachdem er mit dem Trivṛt den Lobgesang angestimmt hatte, sprach zur Gāyatrī: »Entfalte dich - so groß wie du bist, so groß werde!« Diese, achtsilbig seiend, machte ihre Silben dreisilbig. Diese wurden vierundzwanzig. Er nahm für diese vierundzwanzigsilbige Gāyatrī sechs Silben.
[Anm.: Dieser Abschnitt führt den Hiraṇyagarbha-Mythos aus 3.334 mit einer eigenständigen Metall-Ätiologie fort: die drei Eihäute des goldenen Keims werden zu Eisen, Silber und Gold, das Nabelschnurgewebe zu Kupfer, die ersten Ausscheidungen des Neugeborenen zu Blei - eine vollständige, wertend geordnete Fünf-Metalle-Reihe vom glänzendsten Gold bis zum übelriechendsten Blei. Ab ›tāni saptadaśaivākṣarāṇy ajāyanta‹ setzt eine neue, eigenständige Variante der bereits aus 3.321ff. bekannten Trivṛt-Gāyatrī-Zeugungsarithmetik ein, diesmal mit ungleicher 9+8-Teilung (statt der dortigen gleichen 9+9-Teilung) und einer neuen Sechser- statt Vierer-Anfangszuteilung; die vollständige Auflösung dürfte in den folgenden Abschnitten erfolgen.]
sa pañcadaśa stomo ’bhavat. apare dve ādatta. sa saptadaśa stomo ’bhavat. aparāṇi catvāry ādatta. sa ekaviṃśa stomo ’bhavat. tad ardhena gāyatrī viṣuvantam agacchat. aparāṇi ṣaḍ ādatta. sa triṇava stomo ’bhavat. aparāṇi ṣaḍ ādatta sa trayastriṃśa stomo ’bhavat. so ’taḥ parācīnaṃ na prāvindat. sa aikṣatemāny eva vīryāṇi saṃstutāni pratyapadhāvāni dve dve ’hanī samasyānīti
Dieser wurde der Fünfzehner-Stoma. Er nahm weitere zwei. Dieser wurde der Siebzehner-Stoma. Er nahm weitere vier. Dieser wurde der Einundzwanziger-Stoma. Damit gelangte die Gāyatrī zur Hälfte an den Mittelpunkt. Er nahm weitere sechs. Dieser wurde der Siebenundzwanziger-Stoma. Er nahm weitere sechs. Dieser wurde der Dreiunddreißiger-Stoma. Von hier aus fand er nicht weiter voran. Er überlegte: »Eben diese Kraftleistungen, zusammen gepriesen, gegeneinander abgewichen - ich will doch je zwei Tage zusammenfügen!«
[Anm.: Dieser Abschnitt führt die in 3.335 begonnene neue Zuteilungsreihe (6, dann 2, 4, 6, 6) zu Ende: Trivṛt(9)→15→17→21→27→33, strukturell verwandt mit, aber arithmetisch verschieden von der Reihe aus 3.322f. ›Viṣuvantam agacchat‹ (gelangte zum Mittelpunkt) knüpft an den bereits aus 3.320 bekannten viṣuvant-Begriff an, hier auf einen arithmetischen statt einen kalendarischen Mittelpunkt angewandt. Der Entschluss, je zwei Tage zusammenzufügen, leitet zur in 3.337f. ausgeführten Tagespaar-Bildung über.]
sa trivṛc ca pañcadaśaṃ ca samāsyat. tad eva caturviṃśaṃ saptamam ahar abhavat gāyatrī chandasām. tasmād atrobhe bṛhadrathantare kriyete. ubho hy etau bārhatarāthantarau stomau. rathantaraṃ vai mātrāyām atra syād, atha bṛhat pṛṣṭhaṃ kriyate. saptadaśaṃ ca triṇavaṃ ca samāsyat. tad eva catuścatvāriṃśam aṣṭamam ahar abhavat triṣṭup chandasām. tasmād atra rathantaraṃ pṛṣṭhaṃ kriyate. ubhau hy etau rāthantarau stomau. bṛhad vai mātrāyām atra syād, atha rathantaraṃ pṛṣṭhaṃ kriyate. ekaviṃśaṃ ca trayastriṃśaṃ ca samāsyat. tataṣ ṣaḍ akṣarāṇy atyaricyanta. atha yāny aṣṭācatvāriṃśat paryaśiṣyanta tad evāṣṭācatvāriṃśaṃ navamam ahar abhavat, jagatī chandasām. tasmād atra bṛhat pṛṣṭhaṃ kriya te. ubhau hy etau bārhatau stomau, rathantaraṃ vai mātrāyām atra syād, atha bṛhat pṛṣṭhaṃ kriyate
Er fügte den Trivṛt und den Fünfzehner zusammen. Dies eben wurde der vierundzwanzigfache siebte Tag, die Gāyatrī unter den Versmaßen. Deshalb werden hier beide, Bṛhat und Rathantara, ausgeführt. Diese beiden nämlich sind die Bṛhat-und-Rathantara-Stomas. Das Rathantara nämlich wäre hier dem Maß nach angemessen, dennoch wird das Bṛhat zum Pṛṣṭha gemacht. Er fügte den Siebzehner und den Siebenundzwanziger zusammen. Dies eben wurde der vierundvierzigfache achte Tag, die Triṣṭubh unter den Versmaßen. Deshalb wird hier das Rathantara zum Pṛṣṭha gemacht. Diese beiden nämlich sind die Rathantara-Stomas. Das Bṛhat nämlich wäre hier dem Maß nach angemessen, dennoch wird das Rathantara zum Pṛṣṭha gemacht. Er fügte den Einundzwanziger und den Dreiunddreißiger zusammen. Davon blieben sechs Silben übrig. Die achtundvierzig aber, die übrigblieben, die wurden eben der achtundvierzigfache neunte Tag, die Jagatī unter den Versmaßen. Deshalb wird hier das Bṛhat zum Pṛṣṭha gemacht. Diese beiden nämlich sind die Bṛhat-Stomas. Das Rathantara nämlich wäre hier dem Maß nach angemessen, dennoch wird das Bṛhat zum Pṛṣṭha gemacht.
[Anm.: Dieser Abschnitt fügt die in 3.335f. erzeugten Stoma-Zahlen paarweise zusammen (9+15=24→Tag7/Gāyatrī, 17+27=44→Tag8/Triṣṭubh, 21+33=54, davon 48 verwendet→Tag9/Jagatī, 6 Silben Rest) und ordnet jedem Tag - in einem auffälligen Wechselspiel zwischen arithmetisch ›angemessenem‹ und tatsächlich verwendetem Pṛṣṭha-Sāman - abwechselnd Bṛhat oder Rathantara zu, wobei das rechnerisch naheliegende Sāman jeweils bewusst NICHT gewählt wird.]
tānīmāni ṣaḍakṣarāṇy abhihiṅkarot. tataṣ ṣaṇ ṇiramimīta. tāni dvādaśābhavan. tāni punar evābhihiṃṅkarot. tataṣ ṣaṇ ṇiramimīta. tāny aṣṭādaśābhavan. tāni punar evābhihiṃṅkarot. tataṣ ṣaṇ ṇiramimīta. tāni caturviṃśatir abhavan. tad eva caturviṃśaṃ daśamam ahar abhavad anuṣṭup chandasām. tasmād u trihiṃkṛtaṃ sāma. tad āhur ati trivṛtaṃ stomā yanti, na gāyatrīṃ chandāṃsīti. nāhaiva trivṛtaṃ stomā atiyantīti brūyān no gāyatrīṃ chandāṃsīti. triprāyaṇā hi stomās trimadhyās tryudayāḥ. etad u gāyatrīṃ sarvāṇi chandāṃsi nātiyanti. tad etad trivṛtaś caiva stomasya puṣṭaṃ gāyatryai chandaso yad eṣa dvādaśāhaḥ. tad brahma vai gāyatrī. kṣatraṃ trivṛt. yat sa vajras tena kṣatram. tad etat brahma ca kṣatraṃ caiṣa dvādaśāhaḥ. tad u vā āhur brahma vai trivṛd, brahma gāyatrī, brahmaiṣa dvādaśāho, brahmaivaiṣa sarvo dvādaśāha ity eva veditavyam. tasyaitau ślokau - catvāro ’gre pra vahanti yuktās te ṣaḍ bhavanti parame vyoman. te dvau dvau bhūtvā pra patanti pakṣais te ’smin kasmin pratitiṣṭhanti gatvā. dvau stomau gāyatrīṃ vasāte dvau triiṣṭubhaṃ jagatīṃ dvau vasāte. tebhyo mahat pra ririceti ṣaḍbhyas tasmin sarve pratitiṣṭhanti gatvā
Diese sechs Silben versah er mit dem Hiṃkāra. Danach bildete er sechs weitere aus. Diese wurden zwölf. Diese versah er wiederum mit dem Hiṃkāra. Danach bildete er sechs weitere aus. Diese wurden achtzehn. Diese versah er wiederum mit dem Hiṃkāra. Danach bildete er sechs weitere aus. Diese wurden vierundzwanzig. Dies eben wurde der vierundzwanzigfache zehnte Tag, die Anuṣṭubh unter den Versmaßen. Deshalb ist das Sāman dreifach mit Hiṃkāra versehen. Dazu sagt man: »Die Stomas übersteigen den Trivṛt, die Versmaße aber übersteigen nicht die Gāyatrī.« Man sollte aber sagen: »Nein, die Stomas übersteigen den Trivṛt keineswegs, ebenso wenig die Versmaße die Gāyatrī.« Denn die Stomas haben einen dreifachen Anfang, eine dreifache Mitte, einen dreifachen Aufstieg. Ebenso übersteigen alle Versmaße nicht die Gāyatrī. Dies eben ist die Gedeihung sowohl des Trivṛt-Stoma als auch der Gāyatrī als Versmaß, nämlich dieser Zwölftagesritus. Dies: Brahman nämlich ist die Gāyatrī. Die Kṣatra-Macht ist der Trivṛt. Weil er der Vajra ist, dadurch ist er die Kṣatra-Macht. Dies eben, Brahman und Kṣatra-Macht beide, das ist dieser Zwölftagesritus. Dazu sagt man auch: »Brahman nämlich ist der Trivṛt, Brahman die Gāyatrī, Brahman dieser Zwölftagesritus, Brahman eben ist dieser ganze Zwölftagesritus« - so eben sollte es gewusst werden. Dazu gibt es diese beiden Verse: »Vier fahren anfangs, angeschirrt, dahin; sechs werden sie im höchsten Luftraum. Diese, je zwei und zwei geworden, fliegen mit Flügeln davon; auf welchem Grund gründen sie sich, dorthin gegangen, fest? Zwei Stomas bekleiden die Gāyatrī, zwei die Triṣṭubh, zwei bekleiden die Jagatī. Von diesen sechs blieb das Große übrig« - darauf gründen sich alle, dorthin gegangen, fest.
[Anm.: Dieser Abschnitt schließt die Arithmetik aus 3.335-337 ab: die sechs übrigbleibenden Silben werden durch dreifachen Hiṃkāra-Vollzug (je +6) zu 12, 18, 24 Silben ausgebaut und ergeben den zehnten Tag als Anuṣṭubh - eine eigenständige Ätiologie für das dreifach-hiṃkṛta Sāman. Die anschließende Debatte (übersteigen Stomas/Versmaße ihre jeweilige Grundform oder nicht?) wird mit ›nein, denn alle teilen dieselbe Dreiteiligkeit‹ aufgelöst - eine subtile Pointe: numerische Vielfalt bleibt strukturell auf die gemeinsame Basisform rückbezogen. Die abschließende, zunehmend monistische Brahman-Formel (zunächst Brahman/Kṣatra-Zweiteilung, dann ›Brahman allein ist der ganze Zwölftagesritus‹) markiert eine bemerkenswerte theologische Steigerung. Die beiden Schlussverse fassen die gesamte Zahlenmythologie aus 3.335-338 in dichter, teils dunkler Bildsprache zusammen; die genaue Bildlogik bleibt an mehreren Stellen nur ungefähr erschließbar.]
prajāpatir vāvedam agra āsīt. so ’kāmayata bahu syāṃ prajāyeya bhūmānaṃ gaccheyam iti. sa tapo ’tapyata. sa etaṃ vyūḍhachandasaṃ dvādaśāhaṃ yajñam apaśyat. tam āharat. tenāyajata. taṃ vyauhat. yad vyauhad aṅgāny eva tad vyauhat. tasya yāni śarīrāṇy āsaṃs tā evemā martyaḥ prajā abhavan. athātmā manomayas samabhavat. tasya manaś śarīraṃ prāṇā abhi samaviśan. sa vyūḍha ivāsīt. sa devān abravīt śarīraṃ ma icchateti. kathaṃ ta icchāma iti. samūḍhachandasā dvādaśāhena yājayateti. tatheti. taṃ samūḍhachandasā dvādaśāhe(ha?)nāyājayan. tad yat samauhann aṃgāny evāsya tat samauhan
Prajāpati war fürwahr dies im Anfang. Er wünschte: »Möchte ich doch viel sein, mich fortpflanzen, zu Fülle gelangen!« Er erhitzte sich in Glut. Er erschaute diesen Zwölftagesritus mit auseinandergelegten Versmaßen als Opfer. Diesen brachte er herbei. Mit diesem opferte er. Er legte ihn auseinander. Dass er ihn auseinanderlegte, legte er eben seine eigenen Glieder auseinander. Was seine Körper waren, eben diese wurden diese sterblichen Geschöpfe. Das Selbst aber wurde geistgemacht. In seinen aus Geist bestehenden Körper drangen die Atemkräfte ein. Er war gleichsam auseinandergelegt. Er sprach zu den Göttern: »Mein Körper begehrt Vervollständigung!« »Wie sollen wir dir willfahren?« »Lasst mich opfern mit dem Zwölftagesritus mit zusammengefügten Versmaßen!« »So sei es.« Sie ließen ihn mit dem Zwölftagesritus mit zusammengefügten Versmaßen opfern. Dass sie zusammenlegten, legten sie eben seine Glieder zusammen.
[Anm.: Dieser Abschnitt verknüpft die bereits aus 3.312f. bekannte Unterscheidung von vyūḍhacchandas (auseinandergelegte) und samūḍhacchandas (zusammengefügte Versmaße) erstmals mit einem körperbezogenen Zergliederungs-/Wiederherstellungsmythos: Prajāpatis Vollzug des auseinandergelegten Zwölftagesritus zerstreut zugleich seine eigenen Glieder (aus denen die sterblichen Geschöpfe entstehen), während der nachträgliche Vollzug des zusammengefügten Ritus sie wiederherstellt. ›Dvādaśāhe(ha?)na‹ trägt bereits im Quelltext ein Fragezeichen als Unsicherheitsmarkierung und wird unverändert übernommen.]
sa manomayaḥ prāṇamayaś cakṣurmaya śrotramayo vāṅmaya ṛṅmayo yajurmayas sāmamayo brahmamayo hiraṇmayo ’mṛtaḥ prajāpatis samabhavat. eṣaiva vidyut. sa eṣa eva trayo vedaḥ. yordhvā vidyut tāni sāmāni, yā tiraścī tā ṛco, yad abhīkṣṇaṃ manmalāyati tad yajuḥ. sa ya etad evaṃ vedaiṣaiva devatā bhavati. eṣā ha vai devatā saṃstuto yajño bhavati. tad yat pṛccheyuḥ kā devatā saṃstuto yajño bhavatīti, vidyud iti ha brūyāt. eṣā ha vai devatā saṃstuto yajño bhavati. tasmād yadi vyūḍhachandasā dvādaśāhena yajeta. yajeto eva samūḍhachandasā. ubhābhyāṃ ha tvāveṣṭaṃ bhavaty evaṃvidaḥ
Er wurde zu einem geistgemachten, atemgemachten, augengemachten, ohrgemachten, redegemachten, ṛcgemachten, yajusgemachten, sāmangemachten, brahmangemachten, goldgemachten, unsterblichen Prajāpati. Dieser eben ist der Blitz. Dieser eben ist die drei Veden. Welcher Blitz aufwärtsgerichtet ist, das sind die Sāmans; welcher querverlaufend ist, das sind die Ṛcs; was beständig zuckt, das ist das Yajus. Wer dies so weiß, für den wird eben diese zur Gottheit. Diese Gottheit nämlich ist es, durch die das Opfer gepriesen wird. Wenn man nun fragen sollte: »Durch welche Gottheit gepriesen wird das Opfer?«, sollte man sagen: »Der Blitz.« Diese Gottheit nämlich ist es, durch die das Opfer gepriesen wird. Deshalb, wenn er mit dem Zwölftagesritus mit auseinandergelegten Versmaßen opfern sollte, sollte er eben auch mit dem mit zusammengefügten Versmaßen opfern. Mit beiden zusammen wird es fürwahr vollständig umfasst für den, der so weiß.
[Anm.: Dieser Abschnitt schließt den Wiederherstellungsmythos aus 3.339 mit einer dichten Aufzählung von Prajāpatis wiederhergestellten ›-maya‹-Bestandteilen (Geist, Atem, Auge, Ohr, Rede, die drei Veden, Brahman, Gold) ab und identifiziert ihn mit dem Blitz - eine bemerkenswerte naturphänomenologische Dreiteilung, bei der aufwärtsgerichteter, querverlaufender und beständig zuckender Blitz den drei Veden (Sāman/Ṛc/Yajus) zugeordnet werden. Die abschließende praktische Anweisung - beide Dvādaśāha-Formen sollten gemeinsam vollzogen werden - zieht die rituelle Konsequenz aus dem in 3.339 erzählten Zergliederungs-Wiederherstellungs-Mythos.]