Quellen der Menschheit

Jaiminīya-Brāhmaṇa · Kāṇḍa 3

Kapitel 20 Die Suche nach dem Verschwundenen: Der Gott über den Göttern

Eine zweite, eigenständige Fassung des Hiraṇyagarbha-Mythos eröffnet den Schluss des Kāṇḍa: Die Welt entsteht diesmal nicht aus dem Urwasser, sondern aus dem sich erhitzenden Luftraum, über Blitz, Donner und Regen bis zur Speise und zum Menschen – eine Kette, die ausdrücklich in die schon bekannte Urwasser-Formel einmündet. Aus ihr geht eine erweiterte, fünfzehngliedrige Bevölkerung des Kosmos hervor, von Göttern über Gandharvas, Apsaras, Schlangen, Asuras und Ahnen bis zu Menschen, Vögeln und Tieren, jede Gruppe mit eigenem Anführer. Als sich der Schöpfer entzieht, macht sich jede Gruppe in ihrer Himmelsrichtung auf die Suche und findet, an seiner Stelle, je eine sichtbare Gestalt – Flamme, Sonne, Mond und Blitz für die Götter, Honig und Schmalz für Schlangen und Aṅgirasas, doch Rauschtrank für die Asuras, deren Rangniedrigkeit der Text ausdrücklich aus dieser minderen Wahl erklärt, Milchreis für die Menschen, ein goldgehörnter Stier für die Tiere, den noch heute die Priesterfamilie der Sātyayajñis verehrt. Zuletzt sucht die glühende Gottheit selbst und findet einen 'Ur-Gestaltgeber', der alle diese Formen in sich vereint – eine Szene, die in eine der philosophisch dichtesten Passagen des Textes mündet: ein Vergleich zwischen dem menschlichen Fragen nach dem Brahman und einem entsprechenden Erwägen der Götter, wobei ausdrücklich eingeräumt wird, dass letzte Gewissheit keiner Seite zukommt. Den Schluss bilden das Bild der 'tausendsäuligen Halle' des Gottes über den Göttern, die Erklärung der zwölf Monatsnamen von Phālguna bis Māgha, und, ein letztes Mal wiederholt, die alles zusammenfassende Schlussformel, mit der das gesamte Kāṇḍa endet.

idam evedam agre ’ntarikṣam āsīt. tad v evāpy etarhi. tad etad vitānaṃ yad imān lokān vyāptam. tasmād dvi nāma. tad akāmayata syāṃ prajāyeya bhūmānaṃ gaccheyam iti. tat tapo ’tapyata. tat tapyamānam adyotata. vīva vā idam adyutad iti. saiṣā vidyud abhavat. eṣo ’rcir etaj jyotiḥ. vidyud bhūtvātapyata. tata stanayitnur ajāyata. tasmād yadā vidyotate ’tha stanayati. stanayitnur bhūtvātapyata. tato vṛṣṭir ajāyata. tasmād yadā stanayaty atha varṣati. tad idam āpo mahat salilam āsīt. yad dha vā idam āhur āpo vā idam agre mahat salilam āsīd ity etās tā āpaḥ. āpo bhūtvātapyata. tato ’nnam ajāyata. annaṃ bhūtvātapyata. tato ’nnamayaḥ puruṣo ’jāyata prajānāṃ janayitā. sa āsv apsv antar bhūr bhuva svar iti vyāharat. ta eveme lokā abhavan. tad diśo ’nvasṛjyanta. so ’bravīd imā vai me sad abhūd iti. ta eva māsā abhavan. ṛddhiṣi vā iti te ’rdhamāsāḥ. aham arātsam oṣam iti yad aham iti tāny ahāny abhavan. yad arātsam iti tā rātrayo, yad oṣam iti tā uṣasaḥ. sa yāṃ jāyamāno vācam avadat sa eva trayo vedo ’bhavat. yad dhaivaiṣāgre kiṃ ca devatā jāyamānovāda tad u ha brahmaiva babhūva. sa aikṣata - yam imaṃ trayaṃ vedam asṛkṣi hantāsmāt sṛjā iti

Dies hier eben war im Anfang dieser Luftraum. Dies eben ist es auch jetzt noch. Dies ist jene Ausspannung, die diese Welten durchdringt. Deshalb trägt es den Namen ›Zwei‹. Dieser wünschte: »Möchte ich doch sein, mich fortpflanzen, zu Fülle gelangen!« Dieser erhitzte sich in Askese-Glut. Dieser, sich erhitzend, begann zu leuchten. »Fürwahr, dies hier leuchtete auf!« Dies eben wurde der Blitz. Dies ist die Flamme, dies das Licht. Zum Blitz geworden, erhitzte er sich weiter. Daraus entstand der Donner. Deshalb, wenn es blitzt, dann donnert es. Zum Donner geworden, erhitzte er sich weiter. Daraus entstand der Regen. Deshalb, wenn es donnert, dann regnet es. Dies wurden hier die Wasser, die große Flut. Was man nun dazu sagt: »Wasser war dies im Anfang, die große Flut« – das sind eben diese Wasser. Zu Wasser geworden, erhitzte er sich weiter. Daraus entstand die Speise. Zur Speise geworden, erhitzte er sich weiter. Daraus entstand der aus Speise bestehende Mensch, der Erzeuger der Geschöpfe. Er, innerhalb dieser Wasser, sprach die Worte: »Bhūḥ, Bhuvaḥ, Svaḥ!« Eben diese wurden diese Welten hier. Danach wurden die Himmelsrichtungen nacherschaffen. Er sprach: »Diese sind mir fürwahr zum Bestand geworden!« Eben diese wurden die Monate. »Ihr seid ja im Gedeihen!« – das sind die Halbmonate. »Ich habe gewonnen, ich habe verzehrt« – was ›aham‹ darin ist, das wurden die Tage. Was ›arātsam‹ ist, das wurden die Nächte; was ›oṣam‹ ist, das wurden die Morgenröten. Welche Rede er, geboren werdend, sprach, eben diese wurde zu den drei Veden. Was aber diese Gottheit am Anfang, geboren werdend, irgend sprach, das eben wurde zum Brahman. Er überlegte: – »Die drei Veden, die ich erschaffen habe – wohlan, ich will aus diesen weiter erschaffen!«

[Anm.: Ein bedeutender struktureller Fund: dieser Abschnitt beginnt eine ZWEITE, eigenständige Erzählung derselben Hiraṇyagarbha-Kosmogonie, diesmal nicht vom Urwasser (3.318/360), sondern vom Luftraum (antarikṣa) als Ausgangspunkt, über eine Erhitzungs-Kausalkette (Luftraum→Askese-Glut→Leuchten→Blitz→Donner→Regen→Wasser→Speise→der aus Speise bestehende Mensch); an der Wasser-Station wird ausdrücklich die Urwasser-Formel aus 3.318/360 zitiert (›āpo vā idam agre mahat salilam āsīt‹), wodurch beide Kosmogonien explizit zusammengeführt werden. Die abschließenden Sätze – ›sa yāṃ jāyamāno vācam avadat sa eva trayo vedo 'bhavat‹ und ›yad dhaivaiṣāgre kiṃ ca devatā jāyamānovāda tad u ha brahmaiva babhūva‹ – sind WORTGLEICH mit der entsprechenden Passage aus 3.361, und der letzte, hier mit Gedankenstrich abbrechende Satz (›sa aikṣata... hantāsmāt sṛjā iti‹) entspricht fast wörtlich dem Anfang von 3.363: die zweite Kosmogonie mündet damit exakt in denselben Text, mit dem die erste (3.361-363) bereits in die Stoma-Chandas-Schöpfung überging – ein starker Hinweis darauf, dass der folgende Abschnitt (3.381) das bereits in 3.363ff. Erzählte ganz oder teilweise wiederholen bzw. parallel führen dürfte. Die eingestreuten Kleinstetymologien (vitāna→›dvi‹; ṛddhiṣi→ardhamāsa; das in ›arātsam‹/›oṣam‹ eingebettete ›aham‹→ahar/ahāni, sowie die daraus weiter herausgelösten Klänge →rātri/uṣas) setzen die bereits in 3.344/345 u.ö. geübte Volksetymologie-Technik in besonders verdichteter, mehrstufiger Form fort. Der Abschnitt endet mit einem weiteren quelltextmarkierten Gedankenstrich-Bruch (3.380/381).]

sa trivṛtā stomena gāyatrīm abhyakrandat. tato vasūn asṛjatāgnimukhān. pañcadaśena stomena triṣṭubham abhyakrandat. tato rudrān asṛjatendramukhān. saptadaśena stomena jagatīm abhyakrandat. tata ādityān asṛjata varuṇamukhān. ekaviṃśena stomenānuṣṭubham abhyakrandat. tato viśvān devān asṛjata viṣṇumukhān. triṇavena stomena paṃktim abhyakrandat. tato maruto ’sṛjateśānamukhān. trayastriṃśena stomenātichandasam abhyakrandat. tatas sādhyāṃś cāptyāṃś cāsṛjata savitṛmukhān. pañcaviṃśena stomena bṛhatīm abhyakrandat. tato gandharvān asṛjata mitramukhān. virājam abhyakrandat. tato ’psaraso ’sṛjata tvaṣṭṛmukhāḥ. kakubham abhyakrandat. tatas sarpān asṛjatāṅgirasomukhān. uṣṇiham abhyakrandat. tato ’ṅgiraso ’sṛjatātharvamukhān. akṣarapaṃktim abhyakrandat. tato ’surān asṛjatāsitamukhān. viṣṭārapaṃktim abhyakrandat. tataḥ pitṝn asṛjata yamamukhān. dvipadām abhyakrandat. tato manuṣyān asṛjata mṛtyumukhān. ekapadām abhyakrandat. tato vayāṃsy asṛjata mṛtyumukhāny u eva. amitacchando ’bhyakrandat. tataḥ paśūn asṛjata dhātṛmukhān. sa idaṃ sarvaṃ sṛṣṭvordhvaṃ udakrāmat. so ’gacchad yatrainam etad upari vedayante

Er rief mit dem Trivṛt-Stoma die Gāyatrī an. Daraufhin erschuf er die Vasus, mit Agni als deren Anführer. Mit dem Fünfzehner-Stoma rief er die Triṣṭubh an. Daraufhin erschuf er die Rudras, mit Indra als deren Anführer. Mit dem Siebzehner-Stoma rief er die Jagatī an. Daraufhin erschuf er die Ādityas, mit Varuṇa als deren Anführer. Mit dem Einundzwanziger-Stoma rief er die Anuṣṭubh an. Daraufhin erschuf er die Allgötter, mit Viṣṇu als deren Anführer. Mit dem Dreineuner-Stoma rief er die Paṅkti an. Daraufhin erschuf er die Maruts, mit Īśāna als deren Anführer. Mit dem Dreiunddreißiger-Stoma rief er das Aticchandas an. Daraufhin erschuf er die Sādhyas und Āptyas, mit Savitṛ als deren Anführer. Mit dem Fünfundzwanziger-Stoma rief er die Bṛhatī an. Daraufhin erschuf er die Gandharvas, mit Mitra als deren Anführer. Er rief die Virāj an. Daraufhin erschuf er die Apsaras, mit Tvaṣṭṛ als deren Anführer. Er rief die Kakubh an. Daraufhin erschuf er die Schlangen, mit Aṅgiras als deren Anführer. Er rief die Uṣṇih an. Daraufhin erschuf er die Aṅgirasas, mit Atharvan als deren Anführer. Er rief die Silben-Paṅkti an. Daraufhin erschuf er die Asuras, mit Asita als deren Anführer. Er rief die Viṣṭāra-Paṅkti an. Daraufhin erschuf er die Ahnen, mit Yama als deren Anführer. Er rief die Zweifüßerin an. Daraufhin erschuf er die Menschen, mit dem Tod als deren Anführer. Er rief die Einfüßerin an. Daraufhin erschuf er die Vögel, ebenfalls mit dem Tod als deren Anführer. Er rief das unbegrenzte Versmaß an. Daraufhin erschuf er die Tiere, mit Dhātṛ als deren Anführer. Nachdem er dies alles erschaffen hatte, stieg er nach oben empor. Er gelangte dorthin, wo man ihn droben verkündet.

[Anm.: Wiederholt und erweitert zugleich die aus 3.363 bekannte Stoma-Chandas-Götter-Reihe (Trivṛt/Gāyatrī/Vasus bis Trayastriṃśa/Aticchandas/Sādhyas-Āptyas), nun jedoch mit einem eigens benannten Anführer (›mukha‹, wörtlich ›Gesicht‹) für jede Gruppe (Agni, Indra, Varuṇa, Viṣṇu, Īśāna, Savitṛ) und – bedeutsam – um NEUN weitere Gruppen erweitert (Gandharvas/Mitra, Apsaras/Tvaṣṭṛ, Schlangen/Aṅgiras, Aṅgirasas/Atharvan, Asuras/Asita, Ahnen/Yama, Menschen/Tod, Vögel/Tod, Tiere/Dhātṛ), sodass hier erstmals eine vollständige, fünfzehngliedrige Bevölkerung des gesamten Kosmos entsteht – von Göttern über Halbgötter, Schlangen, Dämonen und Ahnen bis zu Menschen, Vögeln und Tieren. Der auffällige Wechsel des Verbs von ›adhyait‹ (sann nach) zu ›abhyakrandat‹ (rief/schrie lauthals an) markiert diese zweite, gesteigerte Fassung der Schöpfungsreihe zusätzlich stilistisch. Diese Anführer-Zuordnungen (wer ›sucht‹ mit welchem Anführer wen) bilden die Grundlage für den in 3.382f. entfalteten Sucher-und-Finder-Mythos.]

tam asyāṃ prācyāṃ diśi vasavo ’nvaicchann agnimukhāḥ. te ’nvavindan yad arciṣo rūpaṃ tat. tad evāsya ta upāsate. tam asyāṃ dakṣiṇāyāṃ diśi rudrā anvaicchann indramukhāḥ. te ’nvavindan yad ādityasya rūpaṃ tat. tad evāsya ta upāsate. tam asyāṃ pratīcyāṃ diśy ādityā anvaicchan varuṇamukhāḥ. te ’nvavindan yac candramaso rūpaṃ tat. tad evāsya te upāsate. tam asyām udīcyāṃ diśi viśve devā anvaicchan viṣṇumukhāḥ. te ’nvavindan yad vidyuto rūpaṃ tat. tad evāsya ta upāsate. tam asyām ūrdhvāyāṃ diśi maruto ’nvaicchann īśānamukhāḥ. te ’nvavindan yat śvetaṃ rūpaṃ tat. tad evāsya ta upāsate. tam etasmin pare loke sādhyāś cāptyāś cānvaicchan savitṛmukhāḥ. te ’nvindan yat kṛṣṇaṃ rūpaṃ tat. tad evāsya ta upāsate. tam asminn evāntaradeśe gandharvā anvaicchan mitramukhāḥ te ’nvavindan yat suvarṇasya hiraṇyasya rūpaṃ tat. tad evāsya ta upāsate. tam asminn evāntaradeśe ’psaraso ’nvaicchaṃs tvaṣṭṛmukhāḥ. tā anvavindan yad rajatasya hiraṇyasya rūpaṃ tat. tad evāsya tā upāsate. taṃ sarpā anvaicchann aṅgiromukhāḥ. te ’nvavindan yan madhuno rūpaṃ tat. tad evāsya ta upāsate. tam aṅgiraso ’nvaicchann atharvamukhāḥ. te ’nvindan yad dhutasya rūpaṃ tat. tad evāsya ta upāsate. tam asurā anvaicchann asitamukhāḥ. te ’nvavindan yat surāyai rūpaṃ tat. tad evāsya te upāsate

Ihn suchten in dieser östlichen Himmelsrichtung die Vasus, angeführt von Agni. Sie fanden, was die Gestalt der Flamme ist – das ist es. Eben dies verehren sie von ihm. Ihn suchten in dieser südlichen Himmelsrichtung die Rudras, angeführt von Indra. Sie fanden, was die Gestalt der Sonne ist – das ist es. Eben dies verehren sie von ihm. Ihn suchten in dieser westlichen Himmelsrichtung die Ādityas, angeführt von Varuṇa. Sie fanden, was die Gestalt des Mondes ist – das ist es. Eben dies verehren sie von ihm. Ihn suchten in dieser nördlichen Himmelsrichtung die Allgötter, angeführt von Viṣṇu. Sie fanden, was die Gestalt des Blitzes ist – das ist es. Eben dies verehren sie von ihm. Ihn suchten in dieser oberen Himmelsrichtung die Maruts, angeführt von Īśāna. Sie fanden, was die weiße Gestalt ist – das ist es. Eben dies verehren sie von ihm. Ihn suchten in jener höchsten Welt die Sādhyas und Āptyas, angeführt von Savitṛ. Sie fanden, was die schwarze Gestalt ist – das ist es. Eben dies verehren sie von ihm. Ihn suchten eben in diesem Zwischenraum die Gandharvas, angeführt von Mitra. Sie fanden, was die Gestalt des goldfarbenen Golds ist – das ist es. Eben dies verehren sie von ihm. Ihn suchten eben in diesem Zwischenraum die Apsaras, angeführt von Tvaṣṭṛ. Sie fanden, was die Gestalt des silberfarbenen Golds ist – das ist es. Eben dies verehren sie von ihm. Ihn suchten die Schlangen, angeführt von Aṅgiras. Sie fanden, was die Gestalt des Honigs ist – das ist es. Eben dies verehren sie von ihm. Ihn suchten die Aṅgirasas, angeführt von Atharvan. Sie fanden, was die Gestalt des Opferschmalzes ist – das ist es. Eben dies verehren sie von ihm. Ihn suchten die Asuras, angeführt von Asita. Sie fanden, was die Gestalt des Rauschtranks ist – das ist es. Eben dies verehren sie von ihm.

[Anm.: Entfaltet den in 3.381 vorbereiteten Sucher-und-Finder-Mythos: jede der elf zuerst genannten Gruppen sucht den entschwundenen, droben weilenden Prajāpati in ihrer eigenen Himmelsrichtung bzw. Welt und findet statt seiner selbst je eine sichtbare Erscheinungsform (Flamme, Sonne, Mond, Blitz, Weißes, Schwarzes, goldfarbenes Gold, silberfarbenes Gold, Honig, Opferschmalz, Rauschtrank) – eben diese Form wird fortan von der jeweiligen Gruppe als ihre Gestalt Prajāpatis verehrt. Der Mythos liefert damit eine umfassende, systematische Ätiologie dafür, warum verschiedene Wesensklassen verschiedene sichtbare Dinge als göttlich verehren. Bemerkenswert ist die abgestufte Wertigkeit der gefundenen Gestalten (Feuer und Sonne für die höchststehenden Götter, Rauschtrank – surā, in bewusstem Kontrast zum edleren Soma aus 3.161 – für die Asuras), die in 3.383 explizit zur Begründung der Götter-Asura-Rangfolge herangezogen wird.]

tasmāt te parābhūtāḥ. te hy asya pāpiṣṭham upāsate. taṃ pitaraḥ pitṛloke ’nvaicchan yamamukhāḥ. te ’nvavindan yad apāṃ rūpaṃ tat. tad evāsya ta upāsate. taṃ manuṣyā anvaicchan mṛtyumukhāḥ. te ’nvavindan yat kṣīrodanasya rūpaṃ tat. tad evāsya ta upāsate. tad etad dha vā etad agre ’nnasya rūpam āsa yat kṣīraudanaḥ. tasyeyaṃ vikṛtir yad idaṃ manuṣyā upāsate. taṃ vayāṃsy anvaicchan mṛtyumukhāny u eva. tāny anvindan hiraṇyapakṣaś śakuna iti. tat tad evāsya tāny upāsate. taṃ paśavo ’nvaicchan dhātṛmukhāḥ. te ’nvavindan hiraṇyaśṛṅgo hiraṇyaśaphaḥ kṛṣṇa ṛṣabha iti. tat tad evāsya ta upāsate. tad etad dha vā etasyai devatāyai sātyayajñayo rūpam upāsate hiraṇyaśṛṅgo hiraṇyaśaphaḥ kṛṣṇa ṛṣabha iti. sa ya etad evaṃ veda ṛṣabha eva svānāṃ bhavati. atho yo ’yaṃ tapati -

Deshalb sind diese unterlegen. Denn sie verehren von ihm das Schlechteste. Ihn suchten die Ahnen in der Ahnenwelt, angeführt von Yama. Sie fanden, was die Gestalt der Wasser ist – das ist es. Eben dies verehren sie von ihm. Ihn suchten die Menschen, angeführt vom Tod. Sie fanden, was die Gestalt des Milchreis-Breis ist – das ist es. Eben dies verehren sie von ihm. Dies eben war im Anfang fürwahr die Gestalt der Speise, die der Milchreis-Brei ist. Dessen Abwandlung ist das, was diese Menschen heute verehren. Ihn suchten die Vögel, ebenfalls angeführt vom Tod. Sie fanden: »Ein goldgeflügelter Vogel!« Eben das verehren sie von ihm. Ihn suchten die Tiere, angeführt von Dhātṛ. Sie fanden: »Ein goldgehörnter, goldhufiger, schwarzer Stier!« Eben das verehren sie von ihm. Dies eben ist es, was die Sātyayajñis als Gestalt dieser Gottheit verehren: »Ein goldgehörnter, goldhufiger, schwarzer Stier!« Wer dies so weiß, wird eben zum Stier der Seinigen. Und der, der da glüht –

[Anm.: Schließt den Sucher-und-Finder-Mythos ab: die vorangegangene Rangordnungs-Aussage über die Asuras (die das Schlechteste verehren und deshalb unterlegen sind) bildet den Schlüssel des ganzen Mythos – Rang im Kosmos folgt aus der Qualität der verehrten Gestalt. Die von den Menschen gefundene Gestalt (Milchreis-Brei) wird ausdrücklich als das ursprüngliche ›Urbild‹ aller heute verzehrten Speise erklärt, deren gegenwärtige Vielfalt nur ›Abwandlung‹ (vikṛti) davon sei – eine eigenständige Speise-Ätiologie. Die von den Tieren gefundene Gestalt (ein goldgehörnter, goldhufiger schwarzer Stier) wird ausdrücklich mit der Verehrungspraxis einer konkreten Priesterfamilie, der Sātyayajñis, verknüpft – ein seltener Beleg für die reale kultische Praxis einer benannten vedischen Linie. Der Abschnitt endet, quelltextmarkiert, mitten im Satz: mit ›und der, der da glüht‹ wird der Bogen zu Prajāpati/Āditya selbst gespannt, dessen EIGENE Suche in 3.384 geschildert wird – eine letzte, den ganzen Mythos krönende Volte.]

- so ’syām ūrdhvāyāṃ diśy anvaicchat. tam etais sarvai rūpais sahāsīnam anvavindat. tāny etasmā eva sarvāṇi rūpāṇi prāyacchat. tad yad idam iha kalyāṇaṃ rūpam ājāyate. yad evaiṣa prayacchati tad idam ihājāyate. sa yad bhūr bhuva svar iti vyāharat ta eveme trayo lokā abhavann upodaka ṛtadhāmā ’parājitaḥ. atha yat karaj janad vṛdhat iti vyāharat ta evaite ’pare lokā abhavann adhidivaḥ pradivo rocanaḥ. viṣṭapa eva saptamo brahmaloko yasminn etat satyaṃ bhāti. tam eṣā devatā satyaṃ bhūtvānuprāviśat. tat sad vai prāṇas satyāḥ prajāḥ. tenāsya satyenedaṃ sarvaṃ saṃgṛhītaṃ bhavati. yadi ca ha satyaṃ vadati yadi ca nātha hāsya satyam evoditaṃ bhavati. atho ha vidyāt satyam evāhaṃ vadāmi nānṛtaṃ, yat satyaṃ vadato lokas sa me loka iti. tasya ha sa eva loko bhavati. tad yathedaṃ vayaṃ mīmāṃsāmaha idaṃ brahmedaṃ brahmety evam evaiṣā devataitadvidāṃsaṃ(vidvāṃsa) mīmāṃsate na haiṣa cana tad veda. mā so devatā praviṣṭeti ya eva tad veda sa eva tad veda. etaṃ sā devatā praviṣṭeti. na ha vā evaṃvidaḥ kiṃ canāviditaṃ bhavati na kā cana devatā

– dieser suchte in dieser oberen Himmelsrichtung. Diesen fand er, mit all diesen Gestalten zusammen sitzend. Diesem eben gab er alle diese Gestalten. Was hier nun als schöne Gestalt entsteht – was eben dieser gibt, das entsteht hier. Als er »Bhūḥ, Bhuvaḥ, Svaḥ« sprach, da wurden eben diese drei Welten: Upodaka, Ṛtadhāman, Aparājita. Als er aber »karat, janat, vṛdhat« sprach, da wurden eben diese anderen Welten: Adhidyu, Pradyu, Rocana. Der Gipfel aber ist die siebte, die Brahmanwelt, in welcher dieses Satya leuchtet. In diese drang diese Gottheit, zu Satya geworden, ein. Das Seiende nämlich ist der Atem; die Geschöpfe sind das Wahre. Durch dieses sein Satya wird dies alles hier zusammengefasst. Ob er nun die Wahrheit spricht oder nicht, so gilt ihm dennoch stets als Wahrheit gesprochen. Und er sollte wissen: »Ich spreche eben die Wahrheit, nicht Unwahres. Welche Welt dem, der die Wahrheit spricht, zuteil wird, die ist meine Welt.« Ihm wird eben diese Welt zuteil. So wie wir hier erwägen: »Dies ist Brahman, dies ist Brahman«, ebenso erwägt eben diese Gottheit den, der dies weiß; doch keiner von beiden weiß dies wirklich. »Jene Gottheit ist nicht eingedrungen« – wer aber wirklich dies weiß, der weiß es wirklich. »In diesen ist jene Gottheit eingedrungen.« Fürwahr, für den so Wissenden gibt es nichts Ungewusstes, keine Gottheit bleibt ihm verborgen.

[Anm.: Vervollständigt den bei 3.383 abgebrochenen Satz: auch die glühende Gottheit selbst (Prajāpati/Āditya) sucht – und findet einen mit allen bisher gefundenen Gestalten zusammensitzenden Ur-Gestaltgeber, dem sie diese Gestalten übergibt und der seither als Quelle aller schönen Erscheinungsformen dieser Welt gilt. Die anschließende Welten-Schöpfung über die Vyāhṛtis (Bhūḥ/Bhuvaḥ/Svaḥ → Upodaka/Ṛtadhāman/Aparājita) reaktiviert das aus 3.347 bekannte Weltensystem, wobei – wie schon in 3.348 – ›Śiva‹ auffällig fehlt; die zweite Dreiergruppe (Adhidyu/Pradyu/Rocana) wird stattdessen durch eine ungewöhnliche, sonst nicht geläufige zweite Vyāhṛti-artige Sprechformel (›karat, janat, vṛdhat‹) erzeugt. Als siebte, kappende Welt tritt hier – anstelle des fehlenden Śiva – der ›Viṣṭapa‹ (Gipfel, vgl. ›bradhnasya viṣṭapam‹ 3.345) als Brahmanwelt hinzu, in der Satya leuchtet. Der Abschnitt kulminiert in einer der philosophisch dichtesten Passagen des gesamten Textes: einer selbstreflexiven Analogie zwischen dem menschlichen Ringen um die Frage ›was ist Brahman?‹ und einem entsprechenden göttlichen ›Erwägen‹ des wahren Wissenden, wobei ausdrücklich eingeräumt wird, dass letzte Gewissheit keiner Seite zukommt (›doch keiner von beiden weiß dies wirklich‹) – bevor der Text mit einer zuversichtlichen Gegenformel schließt, die dem wahrhaft Wissenden vollständiges, lückenloses Wissen zuspricht. Eine im Quelltext selbst stehende Lesart-Korrektur (›vidāṃsaṃ(vidvāṃsa)‹) wird unverändert übernommen.]

tasyaiṣa ślokaḥ - itaḥ parastāt para u parasmāt paras tṛtīyād uta vā caturthāt. sahasrasthūṇe vimite dṛḍha ugre yatra devānām adhideva āste. iti. eṣa ha vāva sa devānām adhidevo ya eṣa tapati. tasyaitat sahasrasthūṇaṃ vimitaṃ dṛḍhaṃ ugraṃ yat saṃvatsara ṛtavo māsā ardhamāsā ahorātrāṇy uṣasaḥ. sa ya evam etat sarvaṃ dvādaśāham ātmānam abhi saṃpadyamānaṃ veda sarva enaṃ kāmā abhi saṃpadyante. dvādaśāhe vai sarve stomā sarvāṇi pṛṣṭhāni sarvāṇi chandāṃsi sarvāṇi savanāni sarve paśavas sarve devās sarve lokās sarve kāmā, dvādaśāham anvāyattā. dvādaśāham anvābhaktā, dvādaśāham anusaṃtṛpyanti, dvādaśāhe saṃpannā, dvādaśāhe pratiṣṭhitāḥ. tad āhur yad etāni daśaivāhāny atha kasmād dvādaśāha ity ākhyāyata iti. sa brūyād yad evaite dvādaśāgniṣṭomā saṃpadyante teneti

Dazu gibt es diesen Vers: »Von hier aus jenseits, ja noch jenseits vom Jenseitigen, jenseits vom Dritten oder auch vom Vierten – dort, in der tausendsäuligen, wohlgemessenen, festen, gewaltigen Halle, wo der Gott über den Göttern thront.« Dieser hier, der da glüht, ist fürwahr eben jener Gott über den Göttern. Dessen tausendsäulige, wohlgemessene, feste, gewaltige Halle ist eben dies: das Jahr, die Jahreszeiten, die Monate, die Halbmonate, Tag und Nacht, die Morgenröten. Wer dies alles, den Zwölftagesritus, so als zum eigenen Selbst zusammenkommend kennt, dem kommen alle Wünsche zusammen entgegen. Im Zwölftagesritus nämlich sind alle Stomas, alle Pṛṣṭhas, alle Versmaße, alle Somapressungen, alle Tiere, alle Götter, alle Welten, alle Wünsche – sie alle hängen am Zwölftagesritus. Sie sind dem Zwölftagesritus zugeteilt, sie sättigen sich gemäß dem Zwölftagesritus, sie sind im Zwölftagesritus vollendet, sie sind im Zwölftagesritus gegründet. Dazu sagt man: »Wenn dies doch nur zehn Tage sind, weshalb wird es dann ›Zwölftagesritus‹ genannt?« Man sollte antworten: »Weil eben diese zu zwölf Agniṣṭoma-Tagen zusammenkommen, deswegen.«

[Anm.: Zitiert einen eindringlichen, kosmologisch weit ausgreifenden Vers über eine mehrfach gestufte Transzendenz (›jenseits vom Jenseitigen, jenseits vom Dritten oder Vierten‹) und die ›tausendsäulige Halle‹ des Adhideva, des Gottes über den Göttern – die anschließende Deutung identifiziert diese Halle mit der gesamten Zeitstruktur (Jahr, Jahreszeiten, Monate, Halbmonate, Tag und Nacht, Morgenröten). Eine abschließende, sprachlich fast beiläufige, aber sachlich wichtige Klärung beantwortet eine naheliegende Unstimmigkeit, die aufmerksamen Lesern schon seit den vorangegangenen Zehn-Tage-Aufzählungen (z.B. 3.372, 3.378) auffallen musste: der Zwölftagesritus heißt so, obwohl nur zehn Tage einzeln benannt werden, weil die zehn Kerntage zusammen mit Prāyaṇīya und Udayanīya (die je als eigener Agniṣṭoma zählen) rechnerisch zwölf Agniṣṭoma-Einheiten ergeben.]

tad āhur yat trayodaśa māsās saṃvatsaras saṃvatsaraś ca caturdaśo, ’tha kena trayodaśaṃ ca māsam upāpnuvanti saṃvatsaraṃ ca caturdaśam iti. atirātrābhyām iti brūyāt. prāyaṇīyenātirātreṇa trayodaśaṃ māsam upāpnuvanty, udayanīyena saṃvatsaraṃ caturdaśam. tad āhus sa vādya dvādaśāhaṃ vidyāt, sa vā vedeti manyeta, ya enaṃ sarveṣu lokeṣu pratiṣṭhitaṃ vidyād iti. māsā vai dvādaśāhasyāhāni, ta eva lokā, eta eva devalokāḥ. phālguno vai māso dvādaśāhasya prathamam ahaś, caitro dvitīyaṃ, vaiśākhas tṛtīyam, āṣāḍhāpaurṇamāsaś caturthaṃ, śroṇāśraviṣṭhaḥ pañcamaṃ, śātabhiṣajaṣ ṣaṣṭhaṃ, proṣṭhapadaḥ saptamam, āśvayujo ’ṣṭamaṃ, kārtiko navamam, mārgaśīrṣo daśamaṃ, taiṣa ekādaśaṃ, māgho dvādaśaṃ, prāyaṇīya evātirātras trayodaśo māsa, udayanīyas saṃvatsaraś caturdaśaḥ. sa eṣa dvādaśāhas sarveṣu lokeṣu pratiṣṭhitaḥ. sa ya evam etaṃ dvādaśāhaṃ sarveṣu lokeṣu pratiṣṭhitaṃ veda sarveṣu lokeṣu pratitiṣṭhati. sa eṣa vāva dvādaśāho ya eṣa tapaty, eṣa indra, eṣa prajāpatir, eṣa evedaṃ sarvam ity upāsitavyam. eṣa evedaṃ sarvam ity upāsitavyam

Dazu sagt man: »Wenn das Jahr dreizehn Monate hat, das Jahr aber auch vierzehn – wodurch erlangen sie den dreizehnten Monat und das vierzehnte Jahr?« Man sollte antworten: »Durch die beiden Atirātras.« Mit dem Prāyaṇīya-Atirātra erlangen sie den dreizehnten Monat, mit dem Udayanīya das vierzehnte Jahr. Dazu sagt man: »Der mag heute den Zwölftagesritus kennen, der mag meinen, dass er weiß, wer diesen als in allen Welten gegründet kennt.« Die Monate nämlich sind die Tage des Zwölftagesritus; diese eben sind die Welten, eben diese die Götterwelten. Der Phālguna-Monat nämlich ist der erste Tag des Zwölftagesritus, der Caitra der zweite, der Vaiśākha der dritte, der Āṣāḍha-Vollmond-Monat der vierte, der Śroṇāśraviṣṭha der fünfte, der Śatabhiṣaj der sechste, der Proṣṭhapada der siebte, der Āśvayuja der achte, der Kārtika der neunte, der Mārgaśīrṣa der zehnte, der Taiṣa der elfte, der Māgha der zwölfte; der Prāyaṇīya-Atirātra eben ist der dreizehnte Monat, der Udayanīya das vierzehnte Jahr. Dieser Zwölftagesritus ist somit in allen Welten gegründet. Wer diesen Zwölftagesritus so als in allen Welten gegründet kennt, ist in allen Welten gegründet. »Dieser hier, der da glüht, ist fürwahr eben der Zwölftagesritus; dieser ist Indra, dieser ist Prajāpati, dieser eben ist dies alles hier« – so sollte man verehren. »Dieser eben ist dies alles hier« – so sollte man verehren.

[Anm.: Der letzte Abschnitt der Jaiminīya-Brāhmaṇa Kāṇḍa 3. Er klärt zunächst eine weitere numerische Feinheit (den ›dreizehnten Monat‹ und das ›vierzehnte Jahr‹ als symbolische Zusatzeinheiten, die über die beiden Atirātra-Tage erlangt werden – vermutlich mit Bezug auf die reale Schaltmonat-Praxis des vedischen Lunisolarkalenders, ohne dass die genaue Zählweise hier ganz aufgelöst wird) und liefert dann eine seltene, vollständige Liste der zwölf altvedischen, nach Nakṣatras benannten Monatsnamen (Phālguna bis Māgha, mit Phālguna – nicht Caitra – als explizit erstem Monat des Zwölftagesritus), denen je ein Tag des Zwölftagesritus sowie, als dreizehnte und vierzehnte Einheit, Prāyaṇīya und Udayanīya zugeordnet werden. Der Text schließt mit der bereits mehrfach begegneten Identifikationsformel (der glühende Āditya = Indra = Prajāpati = dies alles) als abschließender Meditationsanweisung, die – ungewöhnlich – am Ende noch einmal in verkürzter Form wiederholt wird (›dieser eben ist dies alles hier – so sollte man verehren‹), was sich am plausibelsten als bewusste, feierliche Schlussformel liest, die zugleich den Abschluss der gesamten Kāṇḍa markiert. Damit ist Kāṇḍa 3 der Jaiminīya-Brāhmaṇa (386/386 Abschnitte) vollständig übersetzt.]

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