Kapitel 18
Die Flucht vor den eigenen Geschöpfen: Die geraubte Glut der Götter
Den Auftakt bildet eine der eindrücklichsten Erzählungen des Kāṇḍa: Prajāpati, kaum dass er in einer neuen Welt Geschöpfe erschafft, wird von diesen sogleich bedrängt – 'süß, süß!', so essen ihn die selbstgeschaffenen Vasus – und entkommt nur, indem er die dort schon ansässige Gottheit als Ersatz zurücklässt und mit wachsender Stoma-Zahl weiter aufsteigt, bis er bei Tod und Hunger selbst zu diesen wird und zuletzt, in der Welt Suvar, alle neun durchquerten Welten zum zehnten Tag, dem leidlosen Nāka, zusammenträgt. Von dort blickt er auf hungernde Geschöpfe und lässt es regnen: Aus dem entstehenden Reisbrei wird, nach dem parokṣa-Prinzip, aus dem wahren Namen Udana der verhüllte 'Odana'. Eine zweite Fassung desselben Hungermythos verknüpft die Speiseentstehung mit dem Ursprung der Sprache: Aus Neid auf das Festgelage der Götter eignet sich Prajāpati, zu Geist und dann zu Menschengestalt geworden, deren Glanz und Rede an – 'deshalb spricht der Mensch alle Reden'. Drei einander spiegelnde Raubmythen folgen: als Frauen verkleidete Asuras entlocken den Göttern ihre Glut, Fähigkeit und Manneskraft, die über die Vyāhṛtis zurückgewonnen wird; Viṣṇu birgt sie stattdessen aus dem Wasser und wird dafür klein – eine Doppelätiologie für seine Kleinheit und seinen berühmten Schritt; und das zwischen Göttern und Asuras strittige, bei Prajāpati hinterlegte Brahman, das dieser selbst nicht zu bewahren vermag, wird ebenso aus den Wassern geborgen und als Glanz der sechs Pṛṣṭha-Sāmans über die Himmelsrichtungen verteilt, jeweils mit einem eigenen, bis heute nachgeahmten Klang. Die Sonne erhält hier ihren wahren, verhüllten Namen 'Sorya' und wird zum kosmischen Weihe-Opferer. Den Abschluss des Kapitels bildet die fast wörtliche Anführung des berühmten Schöpfungshymnus Ṛgveda 10.129, mit der bereits die zweite Fassung der Weltei-Kosmogonie vorbereitet wird.
ekā ha vāva devatā svayaṃbhūḥ prajāpatir eva. so ’kāmayata bahu syāṃ prajāyeyeti. so ’smin loke trivṛtā stomena devān asṛjata vasūn. tam abhi samapatan. svādu svādur iti tam ādan. tam adhayan yathā vatso jāto mātaraṃ dhayed evam. sa aikṣata yadi vā iha bhaviṣyāmi kṣeṣyanti mā, hantordhva utkrāmāṇīti. sa u vā aikṣata hanto nu saṃsṛjeya yaṃ māṃ manyamānā yaṃ paśyantīr imā ihoparamerann iti. so ’gnim asṛjata
Eine einzige Gottheit war fürwahr der selbstseiende Prajāpati. Er wünschte: »Möchte ich doch viel sein, mich fortpflanzen!« Er erschuf in dieser Welt mit dem Trivṛt-Stoma die Götter, die Vasus. Diese stürzten sich auf ihn. »Süß, süß!«, so aßen sie ihn. Sie sogen an ihm, wie ein neugeborenes Kalb an der Mutter saugt. Er überlegte: »Wenn ich hier bleibe, werden sie mich aufzehren – wohlan, ich will nach oben emporsteigen!« Er überlegte weiter: »Wohlan, will ich doch etwas erschaffen, auf dass diese, es für mich haltend, es als mich betrachtend, hier verharren!« Da erschuf er Agni.
[Anm.: Dieser Abschnitt eröffnet einen neuen, in sich geschlossenen Mythos (3.341-345): Prajāpatis Flucht durch eine Reihe kosmischer Welten vor deren jeweiligen Bewohnern, die ihn verzehren wollen. Er entkommt, indem er in jeder Welt ein Wesen an seiner Stelle zurücklässt und mit einer wachsenden Stoma-Zahl weiter nach oben steigt. In der ersten (irdischen) Welt erschafft er sowohl die Angreifer (die Vasus, mit dem Trivṛt-Stoma) als auch – anders als in den folgenden Welten – einen eigens dafür erschaffenen Ersatz, Agni, den er zurücklässt (Fortsetzung in 3.342). Das Kalb-Mutter-Bild für das Verzehrtwerden ist ungewöhnlich drastisch für einen Schöpfungskontext.]
tam asmin loke pratinidhāya pañcadaśenordhva udakrāmat. so ’gacchad yatraiṣa vāyuḥ. tat tad v asṛjato eva rudrān. anv ime samagacchann abhy abhī samapatan. tam attum evādhriyanta. sa aikṣata hantordhva evotkrāmāṇīti. sa vāyum evaitasmin loke pratinidhāya sapdaśenordhva udakrāmat. so ’gacchad yatraiṣa candramāḥ. tat tad v asṛjato evādityān. anv ime samagacchann abhy abhī samapatan. tam attum evādhriyanta. sa aikṣata hantordhva evotkrāmāṇīti
Nachdem er ihn in dieser Welt an seiner Stelle zurückgelassen hatte, stieg er mit dem Fünfzehner nach oben empor. Er gelangte dorthin, wo dieser Vāyu ist. Dort erschuf er eben die Rudras. Diese kamen ihm nach zusammen, stürzten sich auf ihn. Sie machten sich daran, ihn zu verzehren. Er überlegte: »Wohlan, ich will nach oben emporsteigen!« Nachdem er Vāyu selbst in dieser Welt an seiner Stelle zurückgelassen hatte, stieg er mit dem Siebzehner nach oben empor. Er gelangte dorthin, wo dieser Mond ist. Dort erschuf er eben die Ādityas. Diese kamen ihm nach zusammen, stürzten sich auf ihn. Sie machten sich daran, ihn zu verzehren. Er überlegte: »Wohlan, ich will nach oben emporsteigen!«
[Anm.: Ab hier wird das in 3.341 begonnene Muster zur festen Formel: Prajāpati erreicht eine bereits vorhandene Welt (hier: Vāyu, dann Mond), erschafft dort eine neue Bewohnerschaft (Rudras, dann Ādityas), wird von dieser bedrängt, und hinterlässt beim Weiterziehen die jeweils bereits ansässige Gottheit selbst (nicht die neu erschaffene Bewohnerschaft) als Ersatz an seiner Stelle – so erklärt der Mythos zugleich, warum die Rudras mit dem Luftraum (Vāyu) und die Ādityas mit dem Mond verbunden sind. Die verwendeten Stoma-Zahlen (15, 17) setzen die aus 3.308/319/324f./336ff. bekannte Reihe 9-15-17-21-27-33 fort, hier als Aufstiegs-›Fahrzeuge‹ durch die Welten personifiziert.]
sa candramasam evaitasmin loke pratinidhāya ekaviṃśenordhva udakrāmat. so ’gacchad yatraiṣa ādityaḥ. tat tad v asṛjato eva viśvān devān. tad antam asṛjatānv ime samagacchann abhya amī samapatan. tam attum evādhriyanta. sa aikṣata hantordhva evotkrāmāṇīti. sa ādityam evaitasmin loke pratinidhāya triṇavenordhva udakrāmat. so ’gacchad yatraiṣa varuṇaḥ. tet tan nāsṛjata. tam anva evāgacchan. tam attum evādhriyanta. sa aikṣata hantordhva evotkrāmāṇīti
Nachdem er den Mond selbst in dieser Welt an seiner Stelle zurückgelassen hatte, stieg er mit dem Einundzwanziger nach oben empor. Er gelangte dorthin, wo diese Sonne ist. Dort erschuf er eben die Allgötter. Damit setzte er der Schöpfung ein Ende. Diese kamen ihm nach zusammen, stürzten sich auf ihn. Sie machten sich daran, ihn zu verzehren. Er überlegte: »Wohlan, ich will nach oben emporsteigen!« Nachdem er die Sonne selbst in dieser Welt an seiner Stelle zurückgelassen hatte, stieg er mit dem Siebenundzwanziger nach oben empor. Er gelangte dorthin, wo dieser Varuṇa ist. Dort erschuf er nichts mehr. Diese kamen ihm einfach nach. Sie machten sich daran, ihn zu verzehren. Er überlegte: »Wohlan, ich will nach oben emporsteigen!«
[Anm.: Mit den Allgöttern (Viśve Devāḥ) endet die Reihe der Neuschöpfungen ausdrücklich (›damit setzte er der Schöpfung ein Ende‹ übersetzt tad antam asṛjata); bei Varuṇa erschafft Prajāpati folgerichtig nichts Neues mehr – stattdessen verfolgen ihn hier die bereits zuvor bei der Sonne erschaffenen Allgötter weiter. Die Stoma-Zahlen 21 und 27 setzen die bekannte Reihe fort.]
sa varuṇam evaitasmin loke pratinidhāya trayastriṃśenordhva udakrāmat. so ’gacchad yatraiṣa mṛtyuḥ. tat tan mṛtyur abhavat. tad aṅgāni mukham akuruta. taṃ mṛtyuṃ sarvatomukhaṃ bhūtam anvāgatyopekṣamāṇā evāsata, anabhidhṛṣṇuvatīḥ. nainaṃ tatrādan. sa aikṣata pāpmā vā asmi yo mṛtyur ’smi. hantordhva evotkrāmāṇīti. sa mṛtyum evaitasmin loke pratinidhāya caturviṃśenordhva udakrāmat. so ’gacchad yatraiṣa rocano nāma lokaḥ. tat tad aśanayābhavat. tam aśanāyāṃ bhūtaṃ bibhyatīr nānvāyan. anvīkṣamāṇā evātiṣṭhann asau rocate ’sau rocateti. sāsya rocanatā. sa aikṣata pāpmā vā asmi yo ’śanayā asmi. hantordhva evotkrāmāṇīti. so ’horātre pratinyadadhāt. te eva pipāsā cāśanāyā cābhavatām. ahar ha pipāsā, rātrir aśanāyā. tad yathā dvāraphalake pratinihite syātām evam evaite ’horātre pratinihite anatyayanāya. te u ha tv evaṃvidam evātyarjayataḥ
Nachdem er Varuṇa selbst in dieser Welt an seiner Stelle zurückgelassen hatte, stieg er mit dem Dreiunddreißiger nach oben empor. Er gelangte dorthin, wo dieser Tod ist. Da wurde er zum Tod. Dessen Glieder bildeten einen Mund. Diesem Tod, der zu einem allseitigen Mund geworden war, folgten sie nach, blieben aber nur zusehend stehen, ohne sich heranzuwagen. Sie aßen ihn dort nicht. Er überlegte: »Ich bin fürwahr ein Übel, da ich der Tod bin. Wohlan, ich will nach oben emporsteigen!« Nachdem er den Tod selbst in dieser Welt an seiner Stelle zurückgelassen hatte, stieg er mit dem Vierundzwanziger nach oben empor. Er gelangte dorthin, wo diese Welt namens Rocana ist. Da wurde er zum Hunger. Da sie diesen, zum Hunger gewordenen, fürchteten, folgten sie ihm nicht nach. Nur zuschauend blieben sie stehen: »Jener dort glänzt! Jener dort glänzt!« Das ist seine Rocana-Beschaffenheit. Er überlegte: »Ich bin fürwahr ein Übel, da ich der Hunger bin. Wohlan, ich will nach oben emporsteigen!« Da setzte er Tag und Nacht an seiner Stelle ein. Diese beiden eben wurden zu Durst und Hunger. Der Tag ist der Durst, die Nacht der Hunger. So wie zwei Türflügel eingesetzt wären, so sind eben diese beiden, Tag und Nacht, eingesetzt, damit jene nicht überschritten werden. Diese beiden aber überwältigen sogar den, der dies so weiß.
[Anm.: Diese Passage bietet eine bemerkenswerte, eigenständige Parallele zur berühmten Tod-Hunger-Gleichung der Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad (1.2.1, sinngemäß: ›im Anfang war dies von nichts als dem Tod bedeckt, das heißt vom Hunger, denn Hunger ist Tod‹): auch hier wird Prajāpati, kaum dass er den Tod erreicht, selbst mit ihm identifiziert (›ich bin der Tod‹), und die nächste erreichte Welt wird sogleich mit dem Hunger gleichgesetzt. Neu und der JB eigentümlich ist die anschließende Deutung von Tag und Nacht als ›Türflügel‹, die Durst und Hunger eindämmen, ohne sie zu beseitigen – mit der ungewöhnlich offenen Einräumung, dass Hunger und Durst selbst den Wissenden nicht verschonen (Verb ›atyarjayataḥ‹ lexikalisch unsicher, Bedeutung ›überwältigen/übermannen‹ aus dem Kontext erschlossen). Die Etymologie ›asau rocate‹ → Rocana (die Leuchtende) ist eine klare Volksetymologie nach bekanntem Muster.]
so ’horātre evaitasmin loke pratinidhāya catuścatvāriṃśenordhva udakrāmat. so ’gacchad yatraiṣa kāmo nāma lokaḥ. tat tacchandannādyā antareṇa nadīr asṛjataitasya pāpmano ’nvāgamāya. tā u eva kāmadughā akuruta. sa aikṣata hantordhva evotkrāmāṇīti. so ’ṣṭācatvāriṃśenordhva udakrāmat. so ’gacchad yatraiṣa suvar nāma lokaḥ. tat tasmin jyog aramata bahv asya svaṃ bhavatīti. sāsya suvatā. sa aikṣata hantebhyo lokebhya ekaṃ lokaṃ saṃbharāṇīti. sa ebhyo lokebhya ekaṃ lokaṃ samabharat. tad evaitad dvādaśāhasya daśamam ahar abhavat. so ’bravīn na vai ma idam akam abhūd iti. yad abravīn na vai ma idam akam abhūd iti tan nākasya nākatvam. sa eṣa vāva nāko yad daśamam ahar, eṣa svargo loka, etad bradhnasya viṣṭapam
Nachdem er Tag und Nacht selbst in dieser Welt an ihrer Stelle zurückgelassen hatte, stieg er mit dem Vierundvierziger nach oben empor. Er gelangte dorthin, wo diese Welt namens Kāma ist. Weil diese gefiel, erschuf er in ihrem Innern Flüsse, damit jenes Übel ihnen nachfolgen könne. Eben diese machte er zu wunscherfüllenden Flüssen. Er überlegte: »Wohlan, ich will nach oben emporsteigen!« Er stieg mit dem Achtundvierziger nach oben empor. Er gelangte dorthin, wo diese Welt namens Suvar ist. Dort verweilte er lange: »Vieles wird hier zu meinem Eigen!« Das ist seine Suvar-Beschaffenheit. Er überlegte: »Wohlan, ich will aus diesen Welten eine einzige Welt zusammentragen!« Er trug aus diesen Welten eine einzige Welt zusammen. Dies eben wurde der zehnte Tag des Zwölftagesritus. Er sprach: »Dies ist mir fürwahr nicht zum Leid geworden.« Indem er sprach: »Dies ist mir fürwahr nicht zum Leid geworden«, darin besteht die Leidlosigkeit, das Nāka-Sein des Nāka. Dies eben, der zehnte Tag, ist jener Nāka; dies ist die Himmelswelt; dies ist der Gipfel des Bradhna.
[Anm.: Dieser Abschnitt schließt den in 3.341 begonnenen Aufstiegsmythos ab. Kāma (›Wunsch‹) ist die einzige der neun durchquerten Welten, in der weder eine feindliche Bewohnerschaft erschaffen noch beim Weiterziehen ein Ersatzwesen zurückgelassen wird – stattdessen entstehen dort Flüsse, die dem in 3.344 eingedämmten Übel (Hunger/Durst) offenbar zur Genüge verhelfen sollen (Wortlaut der genauen Zweckbestimmung, ›tacchandannādyā‹, unsicher überliefert); ihr Name ›wunscherfüllend‹ (kāmadughā) spielt unmittelbar auf den Weltnamen Kāma an. Die Suvar-Etymologie (›vieles wird hier zu meinem Eigen‹ → su-var/sva-Klang) folgt demselben Muster wie zuvor die Rocana-Etymologie in 3.344. Am Ziel angelangt, sammelt Prajāpati alle neun durchquerten Welten zu EINER Welt, die zum zehnten Tag des Zwölftagesritus wird; das ergibt zusammen mit den neun vorherigen Etappen genau die zehn Tage des Dvādaśāha – der gesamte Mythos ist damit zugleich eine narrative Entfaltung der zehn Tage und der wiederkehrenden Stoma-Zahlenreihe (9-15-17-21-27-33, dann 24-44-48) aus 3.308/319/324f./336-338. Die abschließende Nāka-Etymologie (na+aka, ›ohne Leid‹) ist eine bekannte traditionelle Deutung von svarga als schmerzlosem Ort; ›bradhnasya viṣṭapam‹ (der Gipfel des Bradhna, eines Beinamens der Sonne) ist eine feste vedische Wendung für den höchsten Punkt des Himmels.]
tad yathā vṛkṣaṃ vā giriṃ vādhiruhya vyavekṣetaivam evaitasmāl lokād anyān lokān vyavekṣate. sa imāḥ prajā aśanāyantīḥ pratyavaikṣata. tā dvābhyāṃ rūpābhyāṃ pratyādravan nīlena ca suvarṇena ca. tad yat parjanyasya varṣiṣyataḥ kṛṣṇaṃ tan nīlam. atha yad apsv antar vidyotate tat suvarṇam. tābhyo ’varṣat. tata odano ’jāyata. tam aśitvodānan. sa udano ’bhavat. tad udanasyodanatvam. udano ha vai nāmaiṣa. tam odana iti parokṣam ācakṣate. dvitīyaṃ jyāyo ’nnādyam ajāyata. tad abhisaṃpadya vyamathnata. sa mantho ’bhavat. tan manthasya manthatvam. tad etad dvayam evānnādyasya rūpaṃ yac caivāśnāti yac ca pibati. yad aśnāty odanasya tad rūpaṃ, yat pibati manthasya tat. ubhayaṃ hāsyaitad gṛhe ’dhigamyate ya evaṃ veda. tau haitau prajāpater eva stanau yad vrīhiś ca yavaś ca. tābhyām imāḥ prajā bibharti
Wie einer, der einen Baum oder einen Berg erstiegen hat, umherschaut, ebenso schaut er von dieser Welt aus auf die anderen Welten. Er erblickte diese Geschöpfe, wie sie hungerten. Diese liefen ihm mit zwei Gestalten entgegen, mit der blauschwarzen und mit der goldenen. Das Dunkle des regnenwollenden Parjanya, das ist das Blauschwarze. Was aber im Wasser drinnen aufblitzt, das ist das Goldene. Für sie ließ es regnen. Daraus entstand Reisbrei. Nachdem sie ihn gegessen hatten, atmeten sie den Aufatem. Dieser wurde zum Udana. Das ist die Udana-Beschaffenheit des Udana. Udana nämlich ist sein wahrer Name. Verhüllt nennt man ihn ›Odana‹. Eine zweite, größere Speise und Nahrung entstand. Diese, zusammengekommen, wurde verquirlt. Dies wurde zum Mantha. Das ist die Mantha-Beschaffenheit des Mantha. Dies eben, diese zwei, sind die Gestalt von Speise und Nahrung: was man isst und was man trinkt. Was man isst, das ist die Gestalt des Odana; was man trinkt, die des Mantha. Beides wird ihm fürwahr im Hause erlangt, der dies so weiß. Diese beiden nämlich sind fürwahr die Brüste Prajāpatis: Reis und Gerste. Mit diesen beiden nährt er diese Geschöpfe.
[Anm.: Neuer, eigenständiger Mythos vom Ursprung der Nahrung: Prajāpati blickt – vermutlich vom Gipfel des in 3.345 erreichten zehnten Tages aus – auf hungernde Geschöpfe und lässt es für sie regnen; aus dem Regen entsteht Reisbrei (Odana). Die Passage enthält ein sauberes Beispiel der bekannten Namensregel (parokṣapriyatva, vgl. 3.104/117/149/214/319): der wahre Name des beim Essen entstehenden Aufatems ist Udana (unquotiert als wahrer Name), verhüllt (parokṣa) genannt wird er ›Odana‹ (Reisbrei) – eine Volksetymologie, die die Klangnähe der beiden Wörter ausnutzt. Reis und Gerste als Prajāpatis eigene ›Brüste‹ ist ein bemerkenswert konkretes Bild für Getreide als göttliche Muttermilch-Nahrung.]
sa upodako nāma loko yasminn ayam agniḥ. athartadhāmā yasmin vāyuḥ. atha śivo yasmiṃś candramāḥ. athāparājito yasminn ādityaḥ. athādhidyur yasmin varuṇaḥ. atha pradyur yasmin mṛtyuḥ. atha rocano yasminn aśanāyā. ato ha parācīnam ahorātre nānvitas sakṛd viṣṭā haivātaḥ parācīnaṃ yathā vidyutovarūpaṃ syād dārvācitānāṃ vā samiddhānām evam. atha haite prajāpatilokā evāta ūrdhvāḥ. kāmo ’ṣṭamas, suvar navamo, nāka eva daśamam ahaḥ. idam eva prāyaṇam ada udayanam. te haite lokā evaitāni dvādaśāhasyāhāni. sa ya etad evaṃ vedaite haivāsya lokā bhavanti
Upodaka ist der Name der Welt, in welcher dieser Agni ist. Ṛtadhāman aber, in welcher Vāyu ist. Śiva aber, in welcher der Mond ist. Aparājita aber, in welcher die Sonne ist. Adhidyu aber, in welcher Varuṇa ist. Pradyu aber, in welcher der Tod ist. Rocana aber, in welcher der Hunger ist. Von hier ab reichen Tag und Nacht nicht weiter – nur einmal sind sie hier durchmessen worden –, und von hier ab jenseits ist es, als wäre es die Gestalt eines Blitzes oder von aufgeschichtetem, entzündetem Holz. Diese aber, von hier ab aufwärts, sind eben Prajāpati-Welten. Kāma ist der achte, Suvar der neunte, Nāka eben der zehnte Tag. Dies eben ist der Hingang, jenes der Aufgang. Diese Welten eben sind diese Tage des Zwölftagesritus. Wer dies so weiß, dem werden eben diese zu seinen Welten.
[Anm.: Dieser Abschnitt benennt systematisch die sieben in 3.341-344 durchquerten ›Übel‹-Welten (Upodaka/Agni, Ṛtadhāman/Vāyu, Śiva/Mond, Aparājita/Sonne, Adhidyu/Varuṇa, Pradyu/Tod, Rocana/Hunger – Tage 1-7) und ordnet sie zusammen mit Kāma (8.), Suvar (9.) und Nāka (10.) den zehn Tagen des Zwölftagesritus zu, womit der in 3.341-345 erzählte Aufstiegsmythos explizit auf die Tageszählung bezogen wird. ›Śiva‹ steht hier in der gewöhnlichen Bedeutung ›der Gütige/Wohlwollende‹ als Weltname, nicht als die spätere große Gottheit dieses Namens. Die Begriffe Prāyaṇa (Hingang) und Udayana (Aufgang) für die untere bzw. obere Hälfte des Aufstiegs knüpfen unmittelbar an die parokṣa-Umbenennung von prāṇa/udāna zu ›Prāyaṇīya‹/›Udayanīya‹ aus 3.319 an und liefern deren mythologische Begründung. Die Passage zum Aufhören von Tag und Nacht ab der achten Welt ist im Quelltext sprachlich schwierig und wird sinngemäß wiedergegeben.]
upodako nāma loko ’nne viṣṭo, manuṣyā goptāro, agnir adhipatir, yad arciṣo rūpaṃ tad rūpam, apsu pratiṣṭhitaḥ. ṛtadhāmā nāma loko vayobhir viṣṭo, gandharvāpsaraso goptāro, vāyur adhipati, śvetaṃ rūpaṃ prāṇe pratiṣṭhitaḥ. aparājito nāma loko nakṣatrair viṣṭaś, candramā goptā, ādityo ’dhipatir, yad udyataś ca sūryasya rūpam astaṃ ca yatas tad rūpaṃ, manasi pratiṣṭhitaḥ. adhidyur nāma loke yajñe viṣṭa, ādityā goptāro, varuṇo ’dhipatir, nīlaṃ rūpaṃ yat parjanyasya varṣiṣyataḥ kṛṣṇaṃ tan nīlaṃ, yad vā kārtasvarasya maṇer, anṛte pratiṣṭhitaḥ. pradyur nāmaka loko ’mṛte viṣṭo, rudrā goptāro, mṛtyur adhipatir, lohitaṃ rūpaṃ yad gauravachadāyai yad vā māhārohaṇasya vāsasa, ṛte pratiṣṭhito yan nārcchati tasmin. rocano nāma lokas tapasi viṣṭo, vasavo goptāras - te hi prathame devānām iyus tasmāt te parārdhyā --, yajño ’dhipatir, yat suvarṇasya hiraṇyasya rūpaṃ tad rūpaṃ, satye pratiṣṭhitaḥ. ete vai lokā, ete goptāra, ete ’dhipatayaḥ. ete haivāsya lokā, ete goptāra, ete ’dhipatayo bhavanti ya evaṃ veda
Die Welt namens Upodaka ist von Speise durchdrungen, die Menschen sind ihre Hüter, Agni ist ihr Oberherr, was die Gestalt der Flamme ist, das ist ihre Gestalt, im Wasser ist sie gegründet. Die Welt namens Ṛtadhāman ist von den Vögeln durchdrungen, die Gandharvas und Apsaras sind ihre Hüter, Vāyu ist ihr Oberherr, die weiße Farbe ist ihre Gestalt, im Atem ist sie gegründet. Die Welt namens Aparājita ist von den Sternen durchdrungen, der Mond ist ihr Hüter, die Sonne ist ihr Oberherr, was die Gestalt der aufgehenden Sonne ist und die dessen, wovon sie untergeht, das ist ihre Gestalt, im Denksinn ist sie gegründet. Die Welt namens Adhidyu ist vom Opfer durchdrungen, die Ādityas sind ihre Hüter, Varuṇa ist ihr Oberherr, das Blauschwarze ist ihre Gestalt – das Dunkle des regnenwollenden Parjanya, das ist das Blauschwarze, oder das des goldenen Juwels –, im Unwahren ist sie gegründet. Die Welt namens Pradyu ist im Unsterblichen durchdrungen, die Rudras sind ihre Hüter, der Tod ist ihr Oberherr, das Rötliche ist ihre Gestalt – was für das Fell des Gaura-Wildrinds gilt, oder für das Gewand des ›Großen Aufstiegs‹ –, im Ṛta ist sie gegründet, worin man nicht fehlgeht. Die Welt namens Rocana ist in der Glut durchdrungen, die Vasus sind ihre Hüter – denn diese gingen als die Ersten der Götter, deshalb sind sie die Höchstrangigen –, das Opfer ist ihr Oberherr, was die Gestalt des Goldes, des Suvarṇa, ist, das ist ihre Gestalt, in der Wahrheit ist sie gegründet. Dies sind die Welten, dies die Hüter, dies die Oberherren. Wer dies so weiß, dem werden eben diese zu seinen Welten, diese zu seinen Hütern, diese zu seinen Oberherren.
[Anm.: Dies ist eine systematische Fünfergliederung (Durchdrungenheit/Hüter/Oberherr/Gestalt/Grund) der sieben in 3.347 genannten Welten – jedoch fehlt hier auffällig die dritte, Śiva (des Mondes Welt): das Muster springt von Ṛtadhāman direkt zu Aparājita, sodass nur sechs von sieben Welten tabellarisch behandelt werden; dies wird als vermutliche Textlücke unkommentiert stehengelassen, nicht künstlich ergänzt. Der in 3.347 genannte Oberherr jeder Welt wird hier jeweils bestätigt (Agni/Upodaka, Vāyu/Ṛtadhāman, Sonne/Aparājita, Varuṇa/Adhidyu, Tod/Pradyu), mit EINER Ausnahme: Rocana wird hier nicht dem Hunger, sondern dem Opfer (yajña) als Oberherrn zugeordnet – eine zweite, unaufgelöste Spannung zum vorigen Abschnitt. Bemerkenswert ist auch die chiastisch anmutende Verteilung der ›Grund‹-Begriffe: Adhidyu, Varuṇas eigene Welt, dem Gott der Wahrheit/des Ṛta, ist ausgerechnet ›im Unwahren‹ gegründet, während umgekehrt Pradyu, die Todeswelt, ›im Ṛta‹ gegründet ist – möglicherweise eine bewusste Paradoxie, hier nicht harmonisiert. ›Gaura-Wildrind‹ und ›Großer Aufstieg‹ (māhārohaṇa) für die rötliche Farbe von Pradyu sind lexikalisch unsicher übersetzt.]
prajāpatir devān asṛjata. saha śriyā vācā ca vā enāṃs tat sahāsṛjatānnena ca sahādbhiḥ. te devā annaṃ śriyaṃ vāvidānānā vācā yat sadhamādam ivaivāsann - annaṃ hi śrīs - so ’śocat. sa aikṣata kathaṃ nv aham eṣām imā śriyas saṃvṛñjīyeti. tān mano bhūtvānuprāviśat. teṣāṃ sarvāṃ śriyaṃ niracinod yathā badarāṇi niścinuyād evam. teṣāṃ manasā vācam agṛhṇāt. saiṣā manasā vāg gṛhītāpy adya. yad dhy eva manasā kāmayate tad vācā vadati. sa aikṣata kena nv eṣāṃ rūpeṇa vācam ādadīyeti. sa puruṣarūpam akuruta. teṣāṃ puruṣarūpeṇa vācam ādatta. tasmāt puruṣas sarvā vāco vadati. sa imā apas saṃgṛhyordhva udakrāmat. so ’gacchad yatraiṣa ṛṣabho nāmānnalokaḥ. tad annaṃ vā ṛṣabhaḥ. yadā vā aśnāty atharṣabhyati. sa aikṣata kiṃ nu tad rūpaṃ kurvīya yan me ’nyo nābhyārohed iti. so ’jaḥ pṛśnir abhavat. tasmād ajaṃ pṛśniṃ nādhigacchāma. tad yās tā apo ’harad yā etā upary āpa, etā eva tāḥ. atha yāṃ tāṃ vācam aharad, ya eṣa upari stanayitnur, eṣaiva sā vāg atha yo ’psv antar vidyotate. sa imāḥ prajā aśanāyantīḥ pratyavaikṣata --
Prajāpati erschuf die Götter. Zusammen mit Śrī und Vāc erschuf er sie fürwahr, zusammen mit Speise und zusammen mit den Wassern. Diese Götter, die durch die Rede Speise und Śrī erlangt hatten, waren wie bei einem gemeinsamen Festgelage – Speise nämlich ist Śrī –, da grämte er sich. Er überlegte: »Wie könnte ich mir doch diesen ihren Glanz aneignen?« Zu Geist geworden, drang er in sie ein. Er sammelte all ihren Glanz zusammen, wie man Jujubenfrüchte auflesen würde. Mit dem Geist ergriff er ihre Rede. Diese eben ist die mit dem Geist ergriffene Rede, noch heute. Denn was man eben mit dem Geist begehrt, das spricht man mit der Rede aus. Er überlegte: »Mit welcher Gestalt könnte ich doch ihre Rede an mich nehmen?« Er nahm Menschengestalt an. Mit Menschengestalt nahm er ihre Rede an sich. Deshalb spricht der Mensch alle Reden. Diese Wasser zusammenraffend, stieg er nach oben empor. Er gelangte dorthin, wo diese Welt namens Ṛṣabha, die Speise-Welt, ist. Speise nämlich ist der Ṛṣabha. Denn wenn man isst, dann wird man stierhaft. Er überlegte: »Welche Gestalt könnte ich doch annehmen, damit kein anderer mich übersteige?« Er wurde zum bunten Ziegenbock. Deshalb erlangen wir keinen bunten Ziegenbock. Diese Wasser aber, die er mit sich führte, das sind eben diese, die droben befindlichen Wasser. Die Rede aber, die er mit sich führte, das ist eben dieser Donner droben; das eben ist jene Rede, sowie das, was im Wasser drinnen aufblitzt. Er erblickte diese Geschöpfe, wie sie hungerten –
[Anm.: Neuer Mythos: Prajāpati erschafft die Götter zusammen mit den personifizierten Größen Śrī und Vāc; als diese ohne ihn ihr Festmahl aus Speise und Glanz genießen, eignet er sich – zu Geist (Manas) geworden – ihren Glanz und, in Menschengestalt, ihre Rede an. Dies liefert eine doppelte Ätiologie: für die menschliche Sprachfähigkeit (der Mensch spricht ›alle Reden‹, weil Prajāpati sie sich in Menschengestalt aneignete) und, mit dem Wortspiel ṛṣabhyati/ṛṣabha (›wird stierhaft/brüllt wie ein Stier‹ und Speise), für die Bezeichnung der Speise-Welt als Ṛṣabha (Stier). Die anschließende Verwandlung in einen ›bunten Ziegenbock‹, damit ihn niemand übersteige, bleibt in ihrer genauen rituellen Pointe (›deshalb erlangen wir keinen bunten Ziegenbock‹) unklar. Der Satz bricht – wie im Quelltext durch einen Gedankenstrich markiert – wörtlich identisch mit dem Anfang von 3.346 ab (›sa imāḥ prajā aśanāyantīḥ pratyavaikṣata‹) und wird in 3.350 fortgesetzt; ein zweiter, eigenständiger Hungernot-Mythos beginnt damit, thematisch mit 3.346 verwandt, aber über Vāc und den Ṛṣabha-Weltnamen statt über die Regenfarben entfaltet.]
-- andhe tamasi jalpantīḥ. so ’syai vāca ekam akṣaram avacchidya vāg iti vyasṛjata. tam patitvaiṣāṃ lokānāṃ madhye vyaramata. tad etan maṇḍalam abhavat. tad anvānait. sa prāṇo ’bhavat. tābhyo vyaucchat. aśanāyaṃs tv eva sa āsām apām ekaṃ stokaṃ prāścyotayat kiyat svid ābhyo ’laṃ bhaviṣtīti. sa daśadhābhavac chatadhā sahasradhā yāvatīyaṃ pṛthivī tāvān abhavat. tad abhisaṃpadya vyamathnata. sa mantho ’bhavat. tan manthasya manthatvam. tam aśitvodānan. sa udano ’bhavat. tad udanasyodanatvam. tad etad dvayam evānnasya rūpaṃ yac caiva pibati yac cāśnāti. yat pibati manthasya tad rūpaṃ yad aśnāty odanasya tat. ubhayaṃ hāsyaitad gṛhe ’dhigamyate yac caiva pibati yac cāśnāti ya evaṃ veda. tad āhus - traya stokā āgacchantīty udastoko ghṛtastoko madhustokaḥ. tato ya udastoka imāṃ sa praviśaty, oṣadhīr ghṛtastoko, vanaspatīn madhustokaḥ. tad dhaitaṃ mīmāṃsāṃcakrur āmalaka akūvayeyo ’hīnā āśvatthiḥ keśī dārbhyaḥ - kiṃ stokaṃ tvam āgacchantaṃ manyase, kiṃ stokaṃ tvaṃ, kiṃ stokaṃ tvam iti. sa hovāca keśī - ghṛtastokam ahaṃ manya iti. atha hovācāhīnā - madhustokam ahaṃ manya iti. atha hovācāmalaka - udastokam ahaṃ manya iti. tasminn u haiva saṃpādayāṃcakruḥ. udakādhy evedaṃ sarvaṃ jāyate. tad yāṃ tāṃ vācaṃ vyasṛjata so ’gniḥ. atha yaṃ taṃ prāṇam anvānait sa indraḥ. atha yas sa prajānāṃ janayita ṛṣabhe ’nnloke ’psv antaḥ -
– in blinder Finsternis plappernd. Da schnitt er von dieser Rede eine Silbe ab und ließ sie als Vāc los. Diese, herabgefallen, kam inmitten dieser Welten zur Ruhe. Dies wurde zur Scheibe. Ihr folgte er nach. Er wurde zum Atem. Für sie dämmerte er hervor. Da sie aber hungerten, ließ er einen einzigen Tropfen dieser Wasser heruntertröpfeln: »Wieviel wohl wird für sie genug sein?« Dieser wurde zehnfach, hundertfach, tausendfach – so groß wie diese Erde, so groß wurde er. Dieser, zusammengekommen, wurde verquirlt. Dies wurde zum Mantha. Das ist die Mantha-Beschaffenheit des Mantha. Nachdem sie ihn gegessen hatten, atmeten sie den Aufatem. Dieser wurde zum Udana. Das ist die Udana-Beschaffenheit des Udana. Dies eben, diese zwei, sind die Gestalt der Speise: was man trinkt und was man isst. Was man trinkt, das ist die Gestalt des Mantha; was man isst, die des Odana. Beides wird ihm fürwahr im Hause erlangt, sowohl was man trinkt als auch was man isst, dem, der dies so weiß. Dazu sagt man: »Drei Tropfen kommen« – der Wasser-Tropfen, der Schmalz-Tropfen, der Honig-Tropfen. Von diesen dringt der Wasser-Tropfen in diese Erde ein, der Schmalz-Tropfen in die Kräuter, der Honig-Tropfen in die Bäume. Dies erwogen prüfend Āmalaka Akūvayeya, Ahīna Āśvatthi, Keśin Dārbhya: »Welchen Tropfen als kommend hältst du, welchen Tropfen du, welchen Tropfen du?« Da sprach Keśin: »Den Schmalz-Tropfen halte ich dafür.« Da sprach Ahīna: »Den Honig-Tropfen halte ich dafür.« Da sprach Āmalaka: »Den Wasser-Tropfen halte ich dafür.« Darin eben kamen sie überein. Aus dem Wasser heraus entsteht dies alles. Diese Rede aber, die er aussandte, das ist Agni. Der Atem aber, dem er nachfolgte, das ist Indra. Der aber, der Erzeuger der Geschöpfe, in der Speise-Welt Ṛṣabha, innerhalb der Wasser –
[Anm.: Vervollständigt den bei 3.349 abgebrochenen Satz und erzählt, wie aus der abgeschnittenen Silbe der Rede (hier direkt Vāc genannt) und einem einzigen, sich bis auf Erdgröße vertausendfachenden Wassertropfen erneut Mantha und Odana entstehen – eine zweite, eigenständige Ätiologie derselben Speise-und-Trank-Formel, die bereits in 3.346 mit wortgleichen Kernformeln (›tan manthasya manthatvam‹, ›tad udanasyodanatvam‹) begegnete; hier jedoch in umgekehrter Trink-vor-Ess-Reihenfolge, was als bewusste Variation und nicht als Fehler übernommen wird. Die anschließende Drei-Tropfen-Lehre (Wasser/Schmalz/Honig) mit der Debatte dreier Lehrer – Āmalaka Akūvayeya und Ahīna Āśvatthi sind sonst nicht bekannt, Keśin Dārbhya ist der bereits aus 3.166/312 bekannte Pañcāla-König/Lehrer, hier in neuem Kontext – schließt mit dem allgemeinen kosmologischen Grundsatz ›aus dem Wasser entsteht alles‹, der an die Urwasser-Kosmogonie aus 3.318 anknüpft. Die abschließenden Identifikationen (die ausgesandte Rede = Agni, der verfolgte Atem = Indra) lösen die in 3.349f. aufgebaute Symbolik auf. Der letzte Satz bricht erneut – wie im Quelltext durch einen Gedankenstrich markiert – mitten im Aufzählungssatz ab und wird in 3.351 fortgesetzt.]
- candramā haiva saḥ. sa u heva prajāpatiḥ. tad etat parastād arvāk tejo nirmitaṃ dīpyamānaṃ tiṣṭhaty agniś cendraś ca. tad idam adhyātmam. yā sā vāg iyaṃ sā vāk. tām ayaṃ prāṇa upariṣṭād adhyāste. atha yas sa prajānāṃ janayita ṛṣabhe ’nnaloke ’psv antar ayaṃ sa puruṣaḥ. tā etā samānīr devatā iha cāmutra ca. tā eha gacchanti, gacchanty amutra. yā imās tā amūr. yā amūs tā imāḥ. tā ha yo ’dhyātmam upāste sa hānidevo bhavati. teṣāṃ haiteṣāṃ devānāṃ prajāpatāv ātmānas saṃnihitāḥ. atha haiṣāṃ prāṇānām asmin puruṣa ātmānas saṃnihitāḥ. tam etaṃ puruṣaṃ parigṛhy gopāyanti. tasyaiṣa śloka - ṛṣabho loko mahad eva yakṣaṃ naivāsmāt pūrvaṃ na paraṃ babhūva. yaṃ devaṃ devāḥ prāṇāḥ puruṣaṃ parigṛhya jāgrati sa veda lokaṃ puruṣaṃ mahāntam. iti. imaṃ ha vāva taṃ devaṃ devāḥ prāṇāḥ puruṣaṃ parigṛhya jāgrati. so ’yam akṣann anta sa haiṣa vāmanaḥ. sa yo haitaṃ vāmana ity upāste vāmaṃ vāmaṃ haivainam eṣā devatābhinenīyate. etasmād dha vā idaṃ rājanyabandhavo vāmanaṃ kena cid avakāṃkṣanti. etasyai ha devatāyai nāmno ’ntikam enaṃ viduḥ. sa haiṣa na jīryati. samāvān hevaiṣa yūnaś ca jarasaś ca. sa haiṣa prāṇān saṃgṛhyāvadhūya śarīraṃ prāṇais sahordhva utkrāmati. etena ha vai pratyūḍhāni mṛtyuś śarīrāṇi harati. tasyai haitasyai devatāyai yathā mṛtpiṇḍa iṣīke ’dhihate syātām evam eva hṛdaye pādāv adhihatau. tau yad ācchinaty atha mriyate. tad idam apy avidvāṃsa āhur ācched dhy asyeti. sa ya etad evaṃ vedājarasaṃ hāsmād eṣā devatā notkrāmati, sarvam āyur eti
– das ist eben der Mond. Er aber ist eben Prajāpati. Diese von jenseits herwärts gewandte, geschaffene, leuchtende Glut steht da: Agni und Indra. Dies ist auf das Selbst bezogen. Die Rede, die jene ist, das ist eben diese Rede. Über dieser thront dieser Atem. Der aber, der Erzeuger der Geschöpfe, in der Speise-Welt Ṛṣabha, innerhalb der Wasser, das eben ist dieser Mensch. Diese sind dieselben Gottheiten, hier und dort. Diese gehen hierher, sie gehen dorthin. Die diese sind, das sind jene; die jene sind, das sind diese. Wer diese auf das Selbst bezogen verehrt, dem vermag fürwahr keine Gottheit mehr etwas an. Dieser Götter Selbste nämlich sind in Prajāpati niedergelegt. Der Atemkräfte Selbste aber sind in diesem Menschen niedergelegt. Diesen Menschen umfassend behüten sie ihn. Dazu gibt es diesen Vers: »Ṛṣabha, die Welt, ist fürwahr das große Wunderwesen – weder vor ihm noch nach ihm gab es etwas. Wer den Gott, den die Götter, die Atemkräfte, den Menschen umfassend, wachend behüten – der kennt die Welt, den großen Menschen.« Eben diesen selben Gott, den Menschen, behüten die Götter, die Atemkräfte, ihn umfassend, wachend. Dieser hier, an dessen Ende man gelangt – das eben ist dieser Vāmana. Wer diesen als ›Vāmana‹ verehrt, den führt diese Gottheit fürwahr von Gutem zu Gutem. Deshalb erflehen sich die Verwandten des Kriegeradels von irgendeinem Vāmana etwas. Denn man weiß, dass er dem Namen dieser Gottheit nahesteht. Dieser fürwahr altert nicht. Gleich fürwahr ist er dem Jungen wie dem Greise. Dieser fürwahr, die Atemkräfte zusammenfassend, den Leib abschüttelnd, steigt mit den Atemkräften zusammen nach oben empor. Durch diesen fürwahr trägt der Tod die zurückgelassenen Leiber fort. Für diese Gottheit sind, wie ein Lehmklumpen auf einem Schilfrohr befestigt wäre, ebenso im Herzen die beiden Füße befestigt. Wenn man diese beiden abtrennt, dann stirbt man. Dies sagen auch die Unwissenden: »Es hat sich ja bei ihm abgetrennt!« Wer dies so weiß, von dem weicht diese Gottheit nicht vorzeitig; er erreicht das volle Lebensalter.
[Anm.: Vervollständigt den bei 3.350 abgebrochenen Satz und entfaltet eine dichte, an Puruṣa-Spekulationen erinnernde Identifikationskette: der ›Erzeuger der Geschöpfe‹ aus dem Ṛṣabha-Mythos wird nacheinander mit dem Mond, mit Prajāpati und mit dem Menschen (Puruṣa) gleichgesetzt. Das Vers-Wort ›yakṣa‹ (Wunderwesen) für Ṛṣabha, die Welt, sowie die Formel ›weder vor ihm noch nach ihm‹ erinnern stilistisch an die später berühmte Yakṣa-Episode der Kena-Upaniṣad und an upaniṣadische Sprache zur zeitlosen Letztwirklichkeit, ohne dass hier eine direkte Abhängigkeit behauptet werden soll. Die Gestalt ›Vāmana‹ (der Zwerg/Kleine) erscheint hier als eigenständige Gottheit mit Wortspiel vāmana/vāma (›das Gute‹) und wird von Angehörigen des Kriegeradels besonders verehrt; ob und wie sie mit dem später berühmten Viṣṇu-Avatāra Vāmana zusammenhängt, bleibt offen (vgl. die Kleinheits-Ätiologie für Viṣṇu in 3.354). Mehrere Einzelausdrücke (›akṣann antaḥ‹, ›anidevo bhavati‹, ›nāmno 'ntikam‹) sind lexikalisch schwierig und werden dem Kontext gemäß, aber mit Vorbehalt wiedergegeben. Die abschließende Beschreibung des Todes (Aufsteigen der Atemkräfte, Verlassen des Leibes) und das Bild der im Herzen verankerten ›Füße‹ der Gottheit, deren Abtrennung den Tod bewirkt, liefert eine bemerkenswert konkrete physiologische Sterbelehre samt Volksmund-Beleg (›es hat sich abgetrennt‹).]
devā vai śrameṇa tapasā vratacaryeṇāsurān rakṣāṃsy abhyabhavan. te ’surā viditvaitat parā vai te bhavantīti, strīrūpāṇya akurvata prathamottanakāś caṇḍātakavāsinīr yat kalyāṇatamaṃ rūpāṇāṃ tat. tā devān pratyākramanta. tā devā upanyapādayanta. na hi kasya cana striyo ’priyāḥ. teṣu yad eṣāṃ teja indriyaṃ vīryaṃ śramābhijitam āsīt tad asiṃcan. te ’surā viditvaitad iyad vā eṣāṃ teja indriyaṃ vīryam abhūt ity ādāya prādravan. teṣāṃ ha devānām apriyam āsīt. riricānā ivāmanyanta. te ’bruvan kathaṃ nv idaṃ teja indriyaṃ vīryaṃ punar ādadīmahīti. ta etā vyāhṛtīr apaśyan
Die Götter überwanden durch Anstrengung, Askese und Gelübdeeinhaltung die Asuras und Rakṣas-Dämonen. Die Asuras, dies erkennend, dachten: »Wir werden fürwahr unterliegen!« Sie nahmen Frauengestalten an, in erster Jugendblüte stehende, in bunte Gewänder gekleidete – das Schönste, was es an Gestalten gibt. Diese traten den Göttern entgegen. Die Götter ließen sie sich nähern. Denn keinem irgend sind Frauen unlieb. In diese gossen sie jene ihre Glut, Fähigkeit und Manneskraft, die durch Anstrengung erworben war. Die Asuras, dies erkennend – »So groß fürwahr war diese ihre Glut, Fähigkeit und Manneskraft!« –, nahmen sie und liefen davon. Den Göttern nun war dies unlieb. Sie hielten sich gleichsam für beraubt. Sie sprachen: »Wie könnten wir diese Glut, Fähigkeit und Manneskraft wohl wiedergewinnen?« Da erschauten sie diese Vyāhṛtis.
[Anm.: Neuer, eigenständiger Mythos, der die Rollen des bekannteren Musters (in dem meist die Götter, als Frau verkleidet, den Asuras Kraft entlocken) umkehrt: hier sind es die Asuras, die sich als Frauen verkleiden und den Göttern Glut, Fähigkeit und Manneskraft (teja/indriya/vīrya) durch Verführung entlocken. Der Erzählerkommentar ›denn keinem irgend sind Frauen unlieb‹ ist ein auffällig sprichwortartiger, fast humorvoller Einschub. Die Wiedergewinnung über die Vyāhṛtis (Bhūḥ/Bhuvaḥ/Svaḥ, vgl. 3.87) wird in 3.353 ausgeführt. ›Prathamottanakāḥ‹ und ›caṇḍātakavāsinīḥ‹ (Beschreibung der Frauengestalten) sind lexikalisch unsicher und dem Kontext gemäß wiedergegeben.]
tam ety ekākṣareṇa rathantaram ādadata. tasmāt tat prathame ’han kriyate. prameti dvyakṣareṇa bṛhad ādadata. tasmāt tad dvitīye ’han kriyate. pratimeti tryakṣareṇa vairūpam ādadata. tasmāt tat tṛtīye ’han kriyate. (a)srīvag iti caturakṣareṇa vairājam ādadata. tasmāt tac caturthe ’han kriyate. sirakamasīti pañcākṣareṇa śākvaram ādadata. tasmāt tat pañcame ’han kriyate. chardirindriyāvad iti ṣaḍakṣareṇa raivatam ādadata. tasmāt tat ṣaṣṭhe ’han kriyate. ā gayaṃ vīryaṃ yonim ā daddhvaṃ vidvaj janasya chāyeti vāmadevyam ādadata. tasmāt tan madhyato yajñasya kriyate. yat paro yonim atiścyutitam abhūt tad ā daddhvaṃ vasv iti yajñāyajñīy ādadata. tasmāt tat parārdhe yajñasya kriyate
Mit »tam ety«, der einsilbigen Formel, ergriffen sie das Rathantara. Deshalb wird dieses am ersten Tag vollzogen. Mit »prameti«, der zweisilbigen, ergriffen sie das Bṛhat. Deshalb wird dieses am zweiten Tag vollzogen. Mit »pratimeti«, der dreisilbigen, ergriffen sie das Vairūpa. Deshalb wird dieses am dritten Tag vollzogen. Mit »(a)srīvāk«, der viersilbigen, ergriffen sie das Vairāja. Deshalb wird dieses am vierten Tag vollzogen. Mit »sirakamasi«, der fünfsilbigen, ergriffen sie das Śākvara. Deshalb wird dieses am fünften Tag vollzogen. Mit »chardirindriyāvat«, der sechssilbigen, ergriffen sie das Raivata. Deshalb wird dieses am sechsten Tag vollzogen. Mit »Nehmt zurück Hausstand, Manneskraft, Ursprung, o Schatten des wissenden Volkes!« ergriffen sie das Vāmadevya. Deshalb wird dieses in der Mitte des Opfers vollzogen. Mit »Was jenseits des Ursprungs entglitten war, das nehmt zurück, ihr Güter!« ergriffen sie das Yajñāyajñīya. Deshalb wird dieses in der zweiten Hälfte des Opfers vollzogen.
[Anm.: Löst 3.352 auf: mit acht kurzen, jeweils um eine Silbe wachsenden Spruchformeln (1 bis 6 Silben) ergreifen die Götter nacheinander die sechs bekannten Pṛṣṭha-Sāmans (Rathantara/Bṛhat/Vairūpa/Vairāja/Śākvara/Raivata, vgl. 3.117f.) sowie, mit zwei ausführlicheren Versen, das Vāmadevya und das Yajñāyajñīya – und erklärt damit zugleich, warum diese acht Sāmans genau an ihren bekannten Plätzen (Tage 1-6, Opfermitte, zweite Opferhälfte) vollzogen werden. Die kurzen Formeln ›tam ety‹, ›prameti‹, ›pratimeti‹, ›(a)srīvāk‹, ›sirakamasi‹, ›chardirindriyāvat‹ sind stark verkürzte, wohl nur mit dem Anfang zitierte Sprüche (das eingeklammerte (a) folgt einer Unsicherheitsmarkierung bereits im Quelltext); ihre genaue Wortbedeutung ist in dieser knappen Form nur teilweise erschließbar und wird daher weitgehend unübersetzt als Zitat belassen. Die beiden ausführlicheren Sprüche zu Vāmadevya und Yajñāyajñīya sind demgegenüber klar als Bitten um Rückgabe der geraubten Kraft zu verstehen.]
atho āhur - apahatapāpmāno vai devāḥ. te na svapanti. ta u śramasya bhūmnā samamīlayan. teṣām u svapatāṃ pramattānām asurās teja indriyaṃ vīryam ādāyāpsv anvabhyavānayan. tad viṣṇur anvapaśyat. teṣāṃ ha devānāṃ prabubudhānānām apriyam āsīt. tān viṣṇur abravīn - mā vo ’priyaṃ bhūt. ahaṃ vai tad anvakhyam iti. tān apsv anv abhyavānayat. tad apsv antaḥ paryapaśyan yathā pṛṣṭhāt (ka)kud udīṣitā syād evam. tad etābhir etābhir eva vyāhṛtibhir ādāya viṣṇave prāyacchan. tad idaṃ viṣṇus teja indriyaṃ vīryaṃ dhārayan samaiṣat. tasmād dhrasvo viṣṇuḥ. tasmād u hrasvaṃ vaiṣṇavaṃ gām ālabhante. sa yatra dhārayan parākramata tad eva viṣṇupadam abhavat. tasmād yo viṣṇupadīyaḥ kaikeyas sa yajña āttataraḥ. etaṃ hy asmin yajñam anvindan. sa ya etad evaṃ vedā dviṣato bhrātṛvyasya teja indriyaṃ vīryaṃ datte
Dazu sagt man: »Die Götter haben alles Übel abgeschüttelt. Sie schlafen nicht.« Sie aber schlossen durch die Fülle der Anstrengung die Augen ein wenig. Während diese wie schlafend, unachtsam waren, nahmen die Asuras Glut, Fähigkeit und Manneskraft und führten sie in die Wasser hinab. Dies erblickte Viṣṇu. Den erwachten Göttern war dies unlieb. Zu ihnen sprach Viṣṇu: »Es sei euch nicht unlieb! Ich habe dies ja bemerkt.« Er führte sie den Wassern hinab nach. Sie erblickten es innerhalb der Wasser, wie wenn ein Höcker sich vom Rücken erhoben hätte. Dies ergriffen sie eben mit ebendiesen Vyāhṛtis und übergaben es Viṣṇu. Dieses, Glut, Fähigkeit und Manneskraft, tragend, strebte Viṣṇu vorwärts. Deshalb ist Viṣṇu klein. Deshalb berührt man ein kleines, dem Viṣṇu geweihtes Rind. Wo er, es tragend, weiterschritt, das eben wurde Viṣṇus Schritt. Deshalb ist der Kaikeya, der zu Viṣṇus Schritt gehört, der bevorzugtere Opferanteil. Denn diesen fanden sie in diesem Opfer wieder. Wer dies so weiß, der nimmt dem hassenden Rivalen Glut, Fähigkeit und Manneskraft.
[Anm.: Parallelmythos zu 3.352f., diesmal mit Viṣṇu als Retter: die berühmte Formel ›apahatapāpmānaḥ‹ (allen Übels ledig, alle Übel abgeschüttelt habend) ist ein bekanntes vedisch-upaniṣadisches Götterepitheton (vgl. Chāndogya-Upaniṣad 8.7.1); hier löst sie das Paradox, wie die angeblich schlaflosen Götter dennoch unachtsam werden konnten. Die wörtliche Wiederholung des ›Höcker im Wasser‹-Bildes in 3.355 zeigt, dass beide Abschnitte eine feste, formelhafte Bildsprache für ›im Wasser verborgene, wiedergefundene Kraft‹ teilen. Die Erzählung liefert gleich zwei Ätiologien für Viṣṇu: seine Kleinheit (wegen der Bürde der getragenen Kraft, daher auch die Opferung einer kleinen Kuh) und seinen berühmten Schritt/Viṣṇupada-Mythos (die drei Schritte Viṣṇus sind ein eigenständig gut bezeugtes vedisches Motiv). ›Kaikeya‹ bleibt in seiner genauen Bedeutung (Eigenname, Sāman-Bezeichnung oder Ethnonym) unsicher. ›Datte‹ am Schluss wird, dem Mythos-Sinn entsprechend (Rückgewinnung, nicht Weggabe), als medial-reflexives ›nimmt sich‹ übersetzt.]
prajāpatira vā imān lokān imā diśo ’sṛjata. tān sṛṣṭobhayān devān asurān asṛjata. tān samad avindat. te prajāpatau brahma saṃnyadadhata. tat prajātir nodayacchat. tad apsu prāveśayat. te devā asurān ajayan. te jitvā punar etyābruvan prajāpate yan nas tvayi brahma tan naḥ prayacchati. so ’bravīn na vā ahaṃ tad udayaccham. tad apsu prāveśayam iti. tān apsv anv abhyavānayat. tad apsv antaḥ paryapaśyan yathā pṛṣṭhāt kakud udīṣitā syād evam. te ’bruvan sṛjāmahā ita iti. ta om ity etenākṣareṇāsyai -
Prajāpati erschuf fürwahr diese Welten, diese Himmelsrichtungen. Diese erschaffend, erschuf er beide, Götter und Asuras. Er fand sie im Kampf vor. Diese legten in Prajāpati das Brahman nieder. Dieses hielt Prajāpati nicht aufrecht. Er ließ es in die Wasser eingehen. Die Götter besiegten die Asuras. Diese, nachdem sie gesiegt hatten, kamen wieder und sprachen: »O Prajāpati, das Brahman von uns, das in dir ist, das gib uns!« Er sprach: »Ich habe es ja nicht bei mir aufbewahrt. Ich ließ es in die Wasser eingehen.« Er führte sie den Wassern hinab nach. Sie erblickten es innerhalb der Wasser, wie wenn ein Höcker sich vom Rücken erhoben hätte. Sie sprachen: »Lasst uns es von hier aus gewinnen!« Sie mit »Om«, dieser Silbe, für dieses –
[Anm.: Dritter Mythos derselben Reihe (nach 3.352f. und 3.354), diesmal um das Brahman selbst statt um teja/indriya/vīrya, mit wortgleich wiederkehrendem ›Höcker im Wasser‹-Bild (vgl. 3.354) als erkennbarem festem Formelement dieser Mythengruppe. Bemerkenswert ist, dass Prajāpati hier als neutrale Hinterlegungsstelle zwischen den im Streit liegenden Göttern und Asuras fungiert, das ihm anvertraute Brahman aber selbst nicht bewahren kann und es preisgibt – nur die siegreichen Götter erhalten es zurück. Die Silbe Om (bereits in 3.321 als eigener Ursprungsmythos erzählt) erscheint hier bereits als etabliertes Werkzeug, mit dem das im Wasser verborgene Brahman geborgen wird. Der Satz bricht – wie im Quelltext durch einen Gedankenstrich markiert – ab und wird in 3.356 fortgesetzt.]
- prācyai diśo rathantaraṃ bhā asṛjanta. tad agner ghoṣo ’nvasṛjyata. tasmād rathantarasya stotrā agnīn manthanti. ta om ity etenaivākṣareṇāsyai dakṣiṇāyai diśo bṛhad bhā asṛjanta. tat parjanyasya ghoṣo ’nvasṛjyata. tasmād bṛhata stotre dundubhīn udvādayanti. varṣukaḥ parjanyo bhavati. ta om ity etenaivākṣareṇāsyai pratīcyai diśo vairūpaṃ bhā asṛjanta. tad vāyor ghoṣo ’nvasṛjyata. tasmād vairūpasya stotra ādhavair ādhūnvanti. adhovāta āgāmukaḥ. ta om ity etenaivākṣareṇāsyā udīcyai diśo vairājaṃ bhā asṛjanta. tad vayasāṃ ghoṣo ’nvasṛjyata. tasmād yathā vayāṃsi punar ādāyaṃ vācaṃ vadanty evaṃ vairājena punar ādāyam iva stuvate. ta om ity etenaivākṣareṇāsyā ūrdhvāyai diśaś śākvaraṃ bhā asṛjanta. tad apāṃ ghoṣo ’nvasṛjyata. tasmāc chākvarasya stotre ’pa upanidhāya stuvanti. ta om ity etenaivākṣareṇāsyai diśo raivataṃ bhā asṛjanta. tat paśughoṣo ’nvasṛjyata. tasmād raivatasya stotra paśughoṣaṃ kurvanti, vatsān mātṛbhis saṃvāśayanti. te ’bruvaṃs tad vedāma yata ime ’sṛkṣmahīti. te ’psv eva vāmadevyaṃ paryapaśyan. tad ādadata. tat sarvā vāco ’nvasṛjyantaikaiketarāṇi pṛṣṭhāni. tānīmāni pṛṣṭhāni sṛṣṭāni digbhya ātapan. etāni ha tarhy ātepuḥ. ātapati svebhya, ātapatīty enam āhur ya evaṃ veda. (tā)nīyaṃ devatābhyadhyāyat. yeyaṃ purastād uccarati puruṣākṛtir hy eṣā tarhy āsa. sā trivṛtā stomena gāyatryā chandasā rathantarasya bhā ādatta. tad ito ’dhatta. pañcadaśena stomena triṣṭubhā chandasā bṛhato bhā ādatta. tad ito ’dhatta. sapdaśena stomena jagatyā chandasā vairūpasya bhā ādatta. tad ito ’dhatta. ekaviṃśena stomenānuṣṭubhā chandasā vairājasya bhā ādatta. tad ito ’dhatta. triṇavena stomena paṃktyā chandasā śākvarasya bhā ādatta. tad ito ’dhatta. trayastriṃśena stomenāticchandasā raivatasya bhā ādatta. tad ito ’dhatta. tasmāt sarvāṇi bhūtāny apsv antataḥ pratiṣṭhitāni. tam ādada nam āditāditeti vāco ’vadan. tad ādityasyādityatvam. māninditus teja indriyaṃ vīryaṃ tat te śamalam asya ninditā pratimuñcate ya evaṃ veda
– für diese östliche Himmelsrichtung erschufen sie den Glanz des Rathantara. Dabei entstand zugleich der Klang Agnis. Deshalb quirlt man beim Rathantara-Lobgesang Feuer hervor. Sie erschufen mit eben dieser Silbe Om für diese südliche Himmelsrichtung den Glanz des Bṛhat. Dabei entstand zugleich der Klang Parjanyas. Deshalb lässt man beim Bṛhat-Lobgesang Handpauken erschallen. Parjanya wird zum Regenspender. Sie erschufen mit eben dieser Silbe Om für diese westliche Himmelsrichtung den Glanz des Vairūpa. Dabei entstand zugleich der Klang Vāyus. Deshalb schwenkt man beim Vairūpa-Lobgesang Wedel. Der Wind wird zum herabwehenden, herankommenden. Sie erschufen mit eben dieser Silbe Om für diese nördliche Himmelsrichtung den Glanz des Vairāja. Dabei entstand zugleich der Klang der Vögel. Deshalb, wie die Vögel eine wiederaufgenommene Rede sprechen, ebenso singt man mit dem Vairāja gleichsam eine wiederaufgenommene Weise. Sie erschufen mit eben dieser Silbe Om für diese aufwärtige Himmelsrichtung den Glanz des Śākvara. Dabei entstand zugleich der Klang der Wasser. Deshalb singt man beim Śākvara-Lobgesang, Wasser dabei bereitstellend. Sie erschufen mit eben dieser Silbe Om für diese Himmelsrichtung den Glanz des Raivata. Dabei entstand zugleich der Klang des Viehs. Deshalb macht man beim Raivata-Lobgesang Viehlärm, lässt man die Kälber mit den Müttern zusammen blöken. Sie sprachen: »Das wollen wir wissen, woher wir diese geschaffen haben!« Sie erblickten eben in den Wassern das Vāmadevya. Dieses ergriffen sie. Dabei entstanden zugleich, je einzeln, alle übrigen Reden für die anderen Pṛṣṭhas. Diese hier erschaffenen Pṛṣṭhas erglühten von den Himmelsrichtungen her. Diese eben erglühten damals. »Er erglüht für die Seinen, er erglüht« – so sagt man von dem, der dies so weiß. Über diese dachte diese Gottheit nach, die vorn hervortritt – denn sie hatte damals Menschengestalt. Sie nahm mit dem Trivṛt-Stoma, mit der Gāyatrī als Versmaß, den Glanz des Rathantara. Diesen legte sie sich hierher. Mit dem Fünfzehner-Stoma, mit der Triṣṭubh als Versmaß, nahm sie den Glanz des Bṛhat. Diesen legte sie sich hierher. Mit dem Siebzehner-Stoma, mit der Jagatī als Versmaß, nahm sie den Glanz des Vairūpa. Diesen legte sie sich hierher. Mit dem Einundzwanziger-Stoma, mit der Anuṣṭubh als Versmaß, nahm sie den Glanz des Vairāja. Diesen legte sie sich hierher. Mit dem Siebenundzwanziger-Stoma, mit der Paṅkti als Versmaß, nahm sie den Glanz des Śākvara. Diesen legte sie sich hierher. Mit dem Dreiunddreißiger-Stoma, mit dem Aticchandas als Versmaß, nahm sie den Glanz des Raivata. Diesen legte sie sich hierher. Deshalb sind alle Geschöpfe letztlich in den Wassern gegründet. »Sie nimmt es! Von hier, von hier!«, so sprachen die Stimmen. Das ist die Āditya-Beschaffenheit des Āditya. Wer dies so weiß, dem, der ihn tadelt, nimmt er Glut, Fähigkeit und Manneskraft; dieser Makel haftet dann eben dem Tadelnden selbst an.
[Anm.: Vervollständigt den bei 3.355 abgebrochenen Satz: die mit Om geborgene Kraft wird als Glanz der sechs Pṛṣṭha-Sāmans über die sechs Himmelsrichtungen verteilt, wobei jedem Glanz ein charakteristischer Klang (Agni-Knistern, Donner, Wind, Vogelstimmen, Wasserrauschen, Viehlärm) entspricht, der bis heute rituell nachgeahmt wird (Feuerreiben, Paukenschlag, Wedeln, wiederholender Gesangsstil, Wasserbereitstellung, Viehlärm) – eine musikalisch-mimetische Ätiologie der Rezitationsbegleitung. Die sechste Richtung bleibt hier ohne eigenen Namen (vermutlich die stillschweigend implizierte Gegenrichtung zu ›aufwärts‹). Anschließend wird das Vāmadevya, in den Wassern gefunden, als eine Art Sammelgefäß aller sechs Glanze identifiziert; eine menschengestaltige, ›vorn hervortretende‹ Gottheit (die Sonne bei Sonnenaufgang) nimmt sich sodann, mit den bereits aus 3.321-325 bekannten Stoma-Versmaß-Paarungen, jeden der sechs Glanze zu eigen. Der Schlussteil bietet eine zweite Etymologie für Āditya (neben der in 3.358 explizit gemachten Ableitung von ā-dā, ›nehmen‹): einen Ausruf bei der Übernahme, der lautlich an ›āditi‹ anklingt. Die letzte Formel (der Wissende nimmt dem Tadelnden Kraft, der Makel fällt auf diesen zurück) ist grammatisch schwierig überliefert und wird dem Sinn nach, in Übereinstimmung mit der expliziten Parallelformel in 3.358, wiedergegeben.]
taṃ sarvāṇi bhūtāni so ’ryas so ’rya ity āyan. tat soryasya soryatvam. soryo ha vai nāmaiṣa. taṃ sūrya iti parokṣam ācakṣate. aryo no ’si bhartā no ’sīti hainaṃ svāś cāraṇāś copāsate ya evaṃ veda. sa yat pratyaṅ ādāya svarayan vai(t) tat soryasya soryatvam. tad vāva svarasya svaratvaṃ yat svarayan vait. te devā abruvan na hārṣīd vā ayam iti. tad ahar abhavat. rātaṃ vā asmā abhūd iti so eva rātrir abhavat. etad dha vā ahorātrayor janma. sa ya e(va)m etad ahorātrayor janma vedāpnoty ahorātre, nainam ete atītaḥ. sarvaṃ ha vā idam anyat paryantavat. ete ha vā aparyante yad ahorātre. ye te vā idaṃ parivartamāne sarvam āpnutaḥ. tad yathā rathopasthe tiṣṭhan pakṣasi pratyavekṣetaivam evaite ’horātre ādityaloke tiṣṭhan pratyavekṣate. sa pitaraṃ prajāpatim abravīt - tata yat ta idaṃ teja indriyaṃ vīryaṃ mahyam idaṃ prayaccheti. tatheti. tad asmai prāyacchat. tasmād uta pitā putrāya jīvann eveśāṃ saṃprayacchati
Zu ihm gingen alle Geschöpfe: »Er ist der Herr, er ist der Herr!« Das ist die Sorya-Beschaffenheit des Sorya. Sorya ist fürwahr sein wahrer Name. Ihn nennt man verhüllt ›Sūrya‹. »Du bist unser Herr, du bist unser Ernährer!« – so verehren ihn fürwahr die Angehörigen und die fahrenden Sänger, den, der dies so weiß. Dass er, sich zurückwendend, es an sich nehmend, tönend wandelte, das ist die Sorya-Beschaffenheit des Sorya. Das eben ist die Svara-Beschaffenheit des Svara, dass er tönend wandelte. Die Götter sprachen: »Dieser ist uns ja nicht verlorengegangen!« Das wurde der Tag. »Gegeben ist ihm ja geworden«, so sprach man – das eben wurde die Nacht. Dies eben ist fürwahr die Geburt von Tag und Nacht. Wer dies, die Geburt von Tag und Nacht, so weiß, erlangt Tag und Nacht; diese beiden gehen nicht an ihm vorüber. Alles andere hier hat fürwahr ein Ende. Diese beiden aber, Tag und Nacht, sind grenzenlos. Diese beiden, sich immerfort drehend, erreichen alles hier. Wie einer, auf dem Wagensitz stehend, zur Seite hinblickte, ebenso blickt er, in der Sonnenwelt stehend, auf diese beiden, Tag und Nacht. Er sprach zu seinem Vater Prajāpati: »Vater, diese deine Glut, Fähigkeit, Manneskraft, die gib mir!« »So sei es.« Dies gab er ihm. Deshalb übergibt auch ein Vater seinem Sohn, noch bei Lebzeiten, die Herrschaft.
[Anm.: Eine der schönsten Namensregel-Passagen des Textes: der wahre Name der Sonne ist ›Sorya‹, entstanden aus dem Zuruf ›so 'ryaḥ, so 'ryaḥ‹ (er ist der Herr!) der ihm entgegenströmenden Geschöpfe; der allbekannte Name ›Sūrya‹ ist demgegenüber nur die verhüllte (parokṣa) Form (vgl. das Namensmuster aus 3.104/117/149/214/319/346). Eine zweite, eng verwandte Etymologie leitet ›Svara‹ (Ton) von ›svarayan vait‹ (tönend wandelte) ab; die Quelle selbst markiert die Form ›vait‹ mit einem Unsicherheitszeichen (vgl. ›bhūtvai(t)‹, 3.323), das hier unverändert übernommen wird. ›Na harṣīd vā ayam‹ ist lexikalisch nicht sicher zu bestimmen und wird dem Kontext gemäß (Beruhigung nach dem scheinbaren ›Verschwinden‹ der Sonne) übersetzt. Die abschließende Ätiologie der Erbfolge zu Lebzeiten (ein Vater übergibt seinem Sohn die Herrschaft, weil Prajāpati dies mit der Sonne tat) ist ein bemerkenswert konkretes sozial-rechtliches Motiv.]
sa vaśam eva diva ādatta, kṣatraṃ nakṣatrāṇām, ātmānam antarikṣasya, rūpaṃ vāyor, ājñāṃ manuṣyāṇāṃ, cakṣuḥ paśūnām, ūrjam apāṃ, rasam oṣadhīnāṃ, carathaṃ vanaspatīnāṃ, śiśnaṃ vayasām, arcim agner, hṛdayaṃ pṛthivyai, gandhaṃ hiraṇyasya, stanayitnuṃ vācas, saṃgamaṃ pitṝṇāṃ, bhāṃ candramasaḥ. tad yad eteṣāṃ bhūtānām ādatta tad ādityasyādityatvam. ādatte tejo dviṣato bhrātṛvyasya ya evaṃ veda. sā haiṣā devatā dīkṣitā keśavādhi kṛṣṇājinā. tasyai ye ’rvāñco raśmayas tāni śmaśrūṇi, ya ūrdhvās te keśāḥ. ahorātre eva kṛṣṇājine. tad yad divikṣayam akuruta tasmād dīkṣitā. divi ha vā eṣa kṣayaṃ kuruta yo yajate. yāṃ dīkṣayā jitiṃ jayati yām ṛddhim ṛdhnoti, jayati tāṃ jitim ṛdhnoti tām ṛddhiṃ ya evaṃ veda
Er nahm eben die Macht des Himmels, die Kriegermacht der Sterne, das Selbst des Luftraums, die Gestalt des Windes, den Befehl der Menschen, das Auge des Viehs, die Kraft der Wasser, den Saft der Kräuter, die Bewegung der Bäume, das Zeugungsglied der Vögel, die Flamme Agnis, das Herz der Erde, den Duft des Goldes, den Donner der Rede, die Vereinigung der Ahnen, den Glanz des Mondes. Dass er dies von diesen Wesen nahm, das ist die Āditya-Beschaffenheit des Āditya. Der nimmt die Glut des hassenden Rivalen, wer dies so weiß. Diese Gottheit fürwahr ist geweiht, mit Haaren bedeckt, mit einem schwarzen Antilopenfell. Deren nach unten gerichtete Strahlen sind der Bart, die nach oben gerichteten sind die Haupthaare. Tag und Nacht eben sind das schwarze Antilopenfell. Dass er im Himmel eine Wohnstatt bereitete, deshalb ist er ›geweiht‹. Im Himmel fürwahr bereitet sich der eine Wohnstatt, der opfert. Welchen Sieg er durch die Weihe erringt, welches Gedeihen er erlangt – diesen Sieg erringt, dieses Gedeihen erlangt, wer dies so weiß.
[Anm.: Eine kunstvolle, sechzehngliedrige Aufzählung, in der Āditya von sechzehn verschiedenen Bereichen (Himmel, Sterne, Luftraum, Wind, Menschen, Vieh, Wasser, Kräuter, Bäume, Vögel, Agni, Erde, Gold, Rede, Ahnen, Mond) jeweils deren wesentlichste Eigenschaft an sich nimmt – und damit explizit die Ableitung ›Āditya‹ von ā-dā (›nehmen‹) begründet, ergänzend zur klang-etymologischen Herleitung aus 3.356. Die anschließende Beschreibung der Sonne als geweihter Opferer (dīkṣita) mit Haaren und schwarzem Antilopenfell identifiziert deren Strahlen bildhaft mit Bart und Haupthaar, Tag und Nacht mit dem rituellen Fell; eine weitere Volksetymologie leitet ›dīkṣita‹ klanglich von ›divi-kṣaya‹ (Wohnstatt im Himmel) ab.]
tasyoṣasyeva patnī candramās somapīthaḥ. tasmāt sapatnīko dīkṣeta. sā haiṣā devatā dīkṣamāṇasya teja indriyaṃ vīryaṃ yaśa ādatte. sa dīkṣiṣyamāṇa ādityam upatiṣṭheta - tvaṃ devatā dīkṣitāsi. sā dakṣimāṇasya teja indriyaṃ vīryaṃ yaśa ādatse. mā me teja indriyaṃ vīryaṃ yaśa ādithāḥ. tava dīkṣām anu dakṣi iti. tasyaiṣā devatā dīkṣamāṇasya teja indriyaṃ vīryaṃ yaśo nādatte. tad etad ukthasyaiva stambhaḥ. te ye ’rvāñco raśmayas tair asyeme lokā stabdhā ya etasmād arvāñco, ’tha yat kiṃ ca prāṇabhṛt saśarīram. atha ya ūrdhvās tair u asya te lokā stabdhā ya etasmāt parāñco, ’tha yat kiṃ cābhṛtam aśarīram. tad yad eṣā devatobhayān devāsurān antarā stabdhvā tiṣṭhati tasmāt etat stambhaḥ. sa ha vai stabdhas sastabheta. atho ya enaṃ stabhasyopamīmāṃseta taṃ brūyād yā stabdhā devatā tasyai tvā vṛścyāmīmām ārtiṃ nyeṣyasīti. tāṃ haivārtiṃ nyeti. te ye ’rvāñco raśmaya ete hāvaśā mṛtyor annavantaḥ. atha ya ūrdhvās ta u hāmṛtalokāḥ. te ye ’rvāñco raśmaya ete horayo nāma yathā naḷo vāsuśira syadvi(syādve?) arvā. atha ya ūrdhvās ta uparīyāṃso nāma. sa yathā hastī hastenādāya pṛṣṭhye ’dhyasyetaivam evaiṣā devataitad vidvāṃsam urubhī raśmibhir ādāyāvarīyasv adhyasyate. tamasy eṣa loko ya etasmāt parācīnaḥ
Seine Gattin ist gleichsam die Morgenröte, sein Somatrank der Mond. Deshalb sollte man sich zusammen mit der Gattin weihen lassen. Diese Gottheit fürwahr nimmt dem sich Weihenden Glut, Fähigkeit, Manneskraft und Ruhm. Wer sich weihen lassen will, sollte sich an Āditya wenden: »Du bist die geweihte Gottheit. Du nimmst dem sich Weihenden Glut, Fähigkeit, Manneskraft und Ruhm. Nimm mir nicht Glut, Fähigkeit, Manneskraft und Ruhm! Deiner Weihe folgend weihe ich mich.« Diesem nimmt diese Gottheit dem sich Weihenden nicht Glut, Fähigkeit, Manneskraft und Ruhm. Dies eben ist die Stütze des Uktha. Die nach unten gerichteten Strahlen – durch diese sind diese Welten gestützt, die unterhalb von diesem liegen, sowie alles, was atmend, verkörpert ist. Die nach oben gerichteten aber – durch diese sind jene Welten gestützt, die jenseits von diesem liegen, sowie alles, was ungetragen, unverkörpert ist. Dass diese Gottheit, beide, Götter und Asuras, zwischen sich stützend, dasteht, deshalb ist dies eine Stütze. Wer fürwahr gestützt ist, der sollte standhaft bleiben. Und wer diesen wegen seiner Standhaftigkeit herausfordern sollte, zu dem sollte man sprechen: »Die Gottheit, die dich stützt, von der werde ich dich abschneiden – du wirst in dieses Leiden hier geraten!« In dieses Leiden gerät er fürwahr. Die nach unten gerichteten Strahlen, diese fürwahr sind dem Tod untertan, speisebehaftet. Die nach oben gerichteten aber, diese fürwahr sind die unsterblichen Welten. Die nach unten gerichteten Strahlen heißen ›Horā‹, wie wenn ein Schilfrohr hohl, nach unten gerichtet wäre. Die nach oben gerichteten aber heißen ›die Höheren‹. Wie ein Elefant mit dem Rüssel etwas ergreifend es sich auf den Rücken setzen würde, ebenso ergreift diese Gottheit den, der dies weiß, mit den breiten Strahlen und setzt ihn in die niedrigeren Welten. In Finsternis liegt jene Welt, die jenseits von diesem ist.
[Anm.: Setzt die Sonnen-Dīkṣā-Lehre aus 3.358 fort: Uṣas (Morgenröte) als Gattin, der Mond als Soma-Trank (die spätere Standardgleichung ›candramā vai somaḥ‹ klingt hier bereits an) begründen die Sitte, dass man sich zusammen mit der Gattin weiht. Die anschließende Schutzformel gegen den machtraubenden Zugriff der Sonnengottheit bei der eigenen Weihe ist ein seltenes Beispiel eines im Wortlaut vollständig mitgeteilten apotropäischen Ritualspruchs. Die Etymologie von ›Stambha‹ (Stütze/Pfeiler) von der zwischen Göttern und Asuras vermittelnd-stützenden Stellung der Gottheit ist stimmig; die Fluchformel gegen einen Herausforderer ist ebenfalls im Wortlaut erhalten. Die Bezeichnung der abwärtsgerichteten Strahlen als ›horā‹ bleibt lexikalisch unsicher (auch die Handschrift selbst markiert die Stelle mit einer Lesart-Alternative, ›syadvi/syādve‹) und wird daher unübersetzt belassen; ›uparīyāṃsaḥ‹ (die Oberen/Höheren) für die aufwärtsgerichteten ist demgegenüber klar. Der Elefanten-Vergleich für das sanfte, sichere Ergreifen des Wissenden durch die Sonnenstrahlen steht in einer gewissen Spannung zu der anschließenden Aussage, dass er dabei in die ›niedrigeren‹ Welten gesetzt werde – diese Spannung wird hier nicht künstlich aufgelöst.]
nāsad āsīn no sad āsīt tadānīṃ nāsīd rajo no vyomā paro yat. kim āvarīvaḥ kuha kasya śarmann ambhaḥ kim āsīd gahanaṃ gabhīram. iti. tasminn asati sati na kasmiṃś cana saty ṛtaṃ jyotiṣmad udaplavata, satyaṃ jyotiṣmad udaplavata, tapo jyotiṣmad udaplavata. tad yad ṛtam iti vāk sā, yat satyam iti prāṇas so, yat tapa iti manas tat. teṣām annam eva jyotir āsīt. tāny ekam abhavan. tad ekaṃ bhūtevaitenānnena jyotiṣāpyāyata. tad abhavad yathā madhvaṣṭhī lāvāsv āsiktā syād ṛtir vaivam. tad aikṣata - hantādhastāt prāṇaṃ karavā iti. tad adhastāt prāṇam akuruta, yathaiṣa striyā adhastād ākāśa evam. tasmād āpo ’sṛjyanta balabalabality etayā vācā. tad idam āpo mahat salilam āsīt. yad dha vā idam āhur - āpo vā idam agre mahat salilam āsīd ity etās tā āpaḥ ta ūrmayas samāsyanta phā3lphā3liti. tad dhiraṇmayam āṇḍaṃ samaiṣat
»Nicht das Nichtseiende war, noch war das Seiende damals; nicht war der Luftraum, noch der Himmel darüber hinaus. Was regte sich hin und her? Wo? In wessen Obhut? War Wasser da, abgründig, tief?« Als jenes weder nichtseiend noch seiend war, als nichts irgend seiend war, da schwamm das Ṛta, lichthaft, empor; das Satya schwamm, lichthaft, empor; das Tapas schwamm, lichthaft, empor. Das, was Ṛta ist, das ist die Rede; was Satya ist, das ist der Atem; was Tapas ist, das ist der Geist. Deren Speise eben war das Licht. Diese wurden eins. Dieses, eins geworden, schwoll eben durch diese Lichtspeise an. Dies wurde, wie ein Honigklumpen, der in Schnittstücke gegossen wäre, so wallte es gleichsam auf. Es überlegte: »Wohlan, ich will unterhalb einen Atem schaffen!« Es schuf darunter einen Atem, wie dieser Raum unterhalb einer Frau ist. Deshalb wurden die Wasser erschaffen, mit diesem Laut: »Bala bala bala!« Dies war das große Wasser, die Flut. Was man dazu fürwahr sagt: »Wasser war dies im Anfang, die große Flut« – das sind eben diese Wasser; diese Wogen vereinigten sich mit dem Laut: »Phā³l phā³l!« Dies strebte zum goldenen Ei hin.
[Anm.: Dieser Abschnitt zitiert, mit nur geringfügigen Lesart-Abweichungen, den berühmten ersten Vers des Nāsadīya-Sūkta, des ›Schöpfungshymnus‹ Ṛgveda 10.129.1 – eine der bekanntesten und philosophisch bedeutsamsten Strophen der gesamten vedischen Literatur. Die anschließende Deutung identifiziert die drei aufschwimmenden, lichthaften Prinzipien Ṛta, Satya und Tapas mit Rede, Atem und Geist – eine eigenständige, hier erstmals im Corpus explizite Triade, die an die bekannte Vāc-Prāṇa-Manas-Trias anschließt. Die Wasser-Ursprungs-Formel ›āpo vā idam agre salilam āsīt‹ zitiert wörtlich die bereits aus 3.318 bekannte Urwasser-Kosmogonie zurück; die Pluti-Notation ›phā³l phā³l‹ folgt der bereits in 3.293 (ahā³ḥ) etablierten Konvention für überlange Silben. Der Abschnitt endet mit dem ersten Auftauchen des goldenen Eies (Hiraṇyagarbha, bereits als eigenständiger Mythos in 3.334 begegnet) und leitet damit zu dessen weiterer Entfaltung in 3.361 über. Das offen geschilderte Bild vom Raum ›unterhalb einer Frau‹ als Vorbild für den geschaffenen Atemraum wird, wie im Original, unverblümt wiedergegeben.]