Kapitel 13: aitareyāraṇyakam · tṛtīyāraṇyake prathamo 'dhyāyaḥ
Buch 3, Adhyāya 1: Die Saṃhitopaniṣad – mystische Deutung der Lautverbindung (AiĀ 3,1)
BUCH 3 (drittes Āraṇyaka) beginnt hier – inhaltlich völlig anders als Buch 1-2: eine 'Saṃhitopaniṣad', eine mystisch-phonetische Deutung der Lautverbindungslehre (saṃhitā/sandhi) der Sanskrit-Grammatik, wie sie ähnlich auch in Chāndogya-Upaniṣad und den Prātiśākhyas bekannt ist. Adhyāya 1 (6 Khaṇḍas) reiht mehrere Lehrer-Traditionen aneinander, die je auf kosmischer (adhidaivata) und körperlicher (adhyātma) Ebene ein Grundmuster von 'vorangehender Gestalt (pūrvarūpa) – nachfolgender Gestalt (uttararūpa) – Verbindung (saṃhiti)' durchdeklinieren: Khaṇḍa 1 Māṇḍūkeya/Śūravīra Māṇḍūkeya (Erde-Himmel-Wind bzw. Rede-Denken-Atem); Khaṇḍa 2 Śākalya (Erde-Himmel-Regen-Parjanya, ausführliche Puruṣa-im-Mutterleib-Mikrokosmos-Analogie mit den 'drei Lichtern' Sonne/Blitz/Feuer ~ Auge/Herz/Same); Khaṇḍa 3-4 (gepaarte Khaṇḍa-Struktur mit identischem Schluss-Refrain, wie bereits in Buch 1 Adhyāya 3 beobachtet) die 'Nirbhuja'- und 'Anuvyāhāra'-Aussprachelehren Śūravīra Māṇḍūkeyas über zwei verschiedene Rezitationsweisen und deren korrekten Gebrauch bzw. Verteidigung gegen Tadel; Khaṇḍa 5 Hrasva Māṇḍūkeya und sein Sohn Madhyama Prātibodhiputra zur genaueren Bestimmung der Lautverbindung über den 'Sāman-Ton'; Khaṇḍa 6 vier weitere kurze Lehrmeinungen (Tāruṇḍṛśya: Bṛhat-Rathantara-Sāman-Verbindung; Kaurāṭharavya: Atem-Pavamāna-Viśvedevas-Himmel-Brahman als 'äußerste' Verbindung; Pāñcālacaraṇa: die Rede als universale Verbindung, mit dem bekannten 'Suparṇa'-Vogel-Vers; abschließend die Prajāpati-/Aditi-Saṃhitā von Gattin-Gatte-Sohn als Zeugung). Übersetzung ohne Verwendung einer vorhandenen Übersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet; die hochtechnische Aussprache-Terminologie (nirbhuja, pratṛṇa, anuvyāhāra, svarāsvara, mātrāmātrā) sowie mehrere kurze, möglicherweise durch die OCR-Vorlage verderbte Sätze (besonders in Khaṇḍa 4) bleiben trotz eingehender Analyse an mehreren Stellen unsicher und sind mit [?]/[Anm.] markiert.
atha tṛtīyāraṇyakam | athātaḥ saṃhitāyā upaniṣat | pṛthivī pūrvarūpaṃ dyaur uttararūpaṃ vāyuḥ saṃhiteti māṇḍūkeya ākāśaḥ saṃhiteti asya mācavyo vedayāṃ cakre | sa hāviparihṛto mene na me 'sya putreṇa samagād iti | samāne vai tat parihṛto mene ity āgastyaḥ samānaṃ hy etad bhavati vāyuś cākāśaś ca | ity adhidaivatam | athādhyātmam | vākpūrvarūpaṃ mana uttararūpaṃ prāṇaḥ saṃhiteti śūravīro māṇḍūkeyaḥ | atha hāsya putra āha jyeṣṭho manaḥ pūrvarūpaṃ vāg uttararūpaṃ manasā vā agre saṃkalpayaty atha vācā vyāharati tasmān mana eva pūrvarūpaṃ vāg uttararūpaṃ prāṇas tv eva saṃhiteti | samānam enayor atra pituś ca putrasya ca | sa eṣo 'śvarathaḥ prativāhano manovākprāṇasaṃhataḥ | sa ya evam etāṃ saṃhitāṃ veda saṃdhīyate prajayā paśubhir yaśasā brahmavarcasena svargeṇa lokena sarvam āyur eti | iti nu māṇḍūkeyānām || 1
Nun das dritte Āraṇyaka. Nun also die Geheimlehre (Upaniṣad) von der Lautverbindung (saṃhitā). 'Erde ist die vorangehende Gestalt, Himmel die nachfolgende Gestalt, Wind die Verbindung' – so [lehrte] Māṇḍūkeya; 'der Luftraum ist die Verbindung' – dies teilte ihm Mācavya mit [Anm.: vermutlich als Gegenmeinung]. Er hielt sich für unwiderlegt und dachte: 'Er ist mir mit seinem Sohn nicht gleichgekommen' [Anm.: Sinn dieser knappen Anekdote unsicher]. 'Im Gleichartigen nämlich hielt er sich für unwiderlegt' – so [sagte] Āgastya, denn Wind und Luftraum sind ja gleichartig. So [lautet die Lehre] hinsichtlich der Gottheiten (adhidaivata). Nun hinsichtlich des Selbst (adhyātma): 'Rede ist die vorangehende Gestalt, Denken die nachfolgende Gestalt, Atem die Verbindung' – so [lehrte] Śūravīra Māṇḍūkeya. Dazu sprach sein ältester Sohn: 'Denken ist die vorangehende Gestalt, Rede die nachfolgende Gestalt; denn zuerst fasst man mit dem Denken den Entschluss, dann äußert man ihn mit der Rede; darum ist eben das Denken die vorangehende Gestalt, die Rede die nachfolgende Gestalt, der Atem aber ist die Verbindung.' Beide, Vater und Sohn, stimmen hierin überein [Anm.: 'gleich' bezieht sich wohl auf die übereinstimmende Bestimmung des Atems als Verbindung, trotz vertauschter ersten beider Glieder]. Dies ist jener Rosswagen, der wechselseitig zieht [?], aus Denken, Rede und Atem zusammengefügt. Wer diese Lautverbindung so kennt, dem verbindet sich [alles Erstrebte]: durch Nachkommenschaft, Vieh, Ruhm, geistliche Macht, die Himmelswelt erlangt er ein volles Leben. So [lautet] nun [die Lehre] der Māṇḍūkeyas.
atha śākalyasya | pṛthivī pūrvarūpaṃ dyaur uttararūpaṃ vṛṣṭiḥ saṃdhiḥ parjanyaḥ saṃdhātā | tad utāpi yatraitad balavad anurudhnat saṃdadhad ahorātre varṣati dyāvāpṛthivyau samādhātām ity utāpy āhuḥ | iti nv adhidaivatam | athādhyātmam | puruṣo ha vā ayaṃ sarva āṇḍe bidale bhavata ity āhus tasyedam eva pṛthivyā rūpam idaṃ divas trayam antareṇākāśo yathāsau dyāvāpṛthivyor antareṇākāśaḥ | tasmin hāsminn ākāśe prāṇa āyatto yathāmuṣmin ākāśe vāyur āyattaḥ | yathāmūni trīṇi jyotīṃṣy evam imāni puruṣe trīṇi jyotīṃṣi yathāsau divyādity evam idaṃ śirasi cakṣur yathāsāv antarikṣe vidyud evam idam ātmani hṛdayaṃ yathāyam agniḥ pṛthivyām evam idam upasthe retaḥ | evam u ha sma sarvalokam ātmānam anuvidhāyāhedam eva pṛthivyā rūpam idaṃ divaḥ | sa ya evam etāṃ saṃhitāṃ veda saṃdhīyate prajayā paśubhir yaśasā brahmavarcasena svargeṇa lokena sarvam āyur eti || 2
Nun Śākalyas [Lehre]: 'Erde ist die vorangehende Gestalt, Himmel die nachfolgende Gestalt, Regen die Verbindung, Parjanya [der Regengott] der Verbinder.' Auch dazu sagen manche: wo dies mit Macht [wirksam wird und] festhält, verbindend, [da] regnet es Tag und Nacht; [dann] haben sich Himmel und Erde zusammengefügt. So [lautet die Lehre] hinsichtlich der Gottheiten. Nun hinsichtlich des Selbst: Dieser Puruṣa entsteht ganz [zunächst] im Ei, in der [Frucht-]Hülle, so sagt man; eben dies [die untere Hälfte der Hülle] ist die Gestalt der Erde, dies [die obere Hälfte] die des Himmels; dazwischen ist der Luftraum, so wie zwischen Himmel und Erde der Luftraum ist. In diesem [seinem inneren] Luftraum ist der Atem gegründet, so wie in jenem [kosmischen] Luftraum der Wind gegründet ist. So wie jene drei Lichter [bestehen], ebenso sind diese drei Lichter im Puruṣa: wie jene Sonne am Himmel, so ist dies das Auge im Kopf; wie jener Blitz im Luftraum, so ist dies das Herz im Selbst; wie dieses Feuer auf Erden, so ist dies der Same im Schoß. So hat er [der Schöpfer], die ganze Welt dem Selbst gemäß gestaltend, gesprochen: 'Eben dies ist die Gestalt der Erde, dies die des Himmels.' Wer diese Lautverbindung so kennt, dem verbindet sich [alles Erstrebte]: durch Nachkommenschaft, Vieh, Ruhm, geistliche Macht, die Himmelswelt erlangt er ein volles Leben.
athāto nirbhujapravādāḥ | pṛthivyāyatanaṃ nirbhujaṃ divyāyatanaṃ pratṛṇam antarikṣāyatanam ubhayam antareṇa | atha yady enaṃ nirbhujaṃ bruvantam upavaded acyoṣṭāvarābhyāṃ sthānābhyām ity enaṃ brūyāt | atha yady enaṃ pratṛṇaṃ bruvantam upavaded acyoṣṭottarābhyāṃ sthānābhyām ity enaṃ brūyāt | yas tv evobhayam antareṇāha tasya nāsty upavādaḥ | yad dhi saṃdhiṃ vivartayati tan nirbhujasya rūpam atha yac chuddhe akṣare abhivyāharati tat pratṛṇasyāgra u evobhayam antareṇobhayaṃ vyāptaṃ bhavati | annādyakāmo nirbhujaṃ brūyāt svargakāmaḥ pratṛṇam ubhayakāma ubhayam antareṇa | atha yady enaṃ nirbhujaṃ bruvantaṃ para upavadet pṛthivīṃ devatām āraḥ pṛthivī tvā devatā riṣyatīty enaṃ brūyāt | atha yady enaṃ pratṛṇaṃ bruvantaṃ para upavaded divaṃ devatām āro dyaus tvā devatā riṣyatīty enaṃ brūyāt | atha yady enam ubhayam antareṇa bruvantaṃ para upavaded antarikṣaṃ devatām āro 'ntarikṣaṃ tvā devatā riṣyatīty enaṃ brūyāt | yathā tu kathā ca bu bruvan vā bruvantaṃ vā brūyād abhyāśam eva yat tathā syāt | na tv evānyat kuśalād brāhmaṇaṃ brūyāt | atidyumna eva brāhmaṇaṃ brūyāt | nātidyumne cana brāhmaṇaṃ brūyān namo astu brāhmaṇebhya iti ha smāha śūravīro māṇḍūkeyaḥ || 3
Nun die Lehren über das 'Gebeugte' (nirbhuja) [Anm.: technischer Terminus der Aussprachelehre, wörtl. 'gebogen, elidiert', im Gegensatz zum 'Geraden' (pratṛṇa); Bezug auf zwei verschiedene Rezitationsweisen an Silbengrenzen, Details unsicher]. Sitz des einen ist die Erde: das 'Gebeugte'; Sitz des anderen ist der Himmel: das 'Gerade'; Sitz des Luftraums ist beides zugleich [in der Mitte]. Wenn nun jemand einen, der 'gebeugt' spricht, tadelt, soll man ihm sagen: 'Du sprichst richtig, von den beiden unteren Artikulationsstellen her vorrückend.' Wenn jemand einen, der 'gerade' spricht, tadelt, soll man ihm sagen: 'Du sprichst richtig, von den beiden oberen Artikulationsstellen her vorrückend.' Wer aber in beiderlei [Weise zugleich] spricht, den kann kein Tadel treffen. Denn was den Lautübergang (saṃdhi) verändert, das ist die Form des 'Gebeugten'; was aber in reinen [unveränderten] Silben ausgesprochen wird, das ist die des 'Geraden' – von Anfang an schon ist beides ineinander verwoben, [so dass] beides erfasst wird. Wer nach Speise verlangt, spreche 'gebeugt'; wer nach der Himmelswelt verlangt, spreche 'gerade'; wer nach beidem verlangt, spreche in beiderlei Weise. Wenn nun ein anderer den, der 'gebeugt' spricht, tadelt [mit den Worten] 'die Erdgottheit hat dich getroffen', so sage man ihm: 'Die Erdgottheit wird dir [vielmehr, dem Tadler] schaden.' Wenn ein anderer den, der 'gerade' spricht, tadelt [mit den Worten] 'die Himmelsgottheit hat dich getroffen', so sage man ihm: 'Die Himmelsgottheit wird dir schaden.' Wenn ein anderer den, der in beiderlei Weise spricht, tadelt [mit den Worten] 'die Luftraum-Gottheit hat dich getroffen', so sage man ihm: 'Die Luftraum-Gottheit wird dir schaden.' Wie man es nun auch immer ausspricht oder auszusprechen im Begriff ist, man spreche es stets in unmittelbarer Nähe [des Vorbilds, ohne eigenmächtige Abweichung], so wie es eben sein soll. Doch soll man einen Brahmanen nie wegen etwas anderem als [mangelndem] Können tadeln. Nur einen 'Überglänzenden' [atidyumna, Bedeutung unsicher] darf man [zurechtweisend] einen Brahmanen nennen; einen, der sich nicht über Gebühr hervortut, soll man niemals als Brahmanen [zurechtweisend] ansprechen – 'Verehrung sei den Brahmanen!' – so pflegte Śūravīra Māṇḍūkeya zu sagen.
Wort für Wort
nirbhujapravādāḥ
die Lehren über das 'Gebeugte' [Aussprache-Terminus, unsicher]
pṛthivyāyatanaṃ nirbhujam, divyāyatanaṃ pratṛṇam
Sitz des 'Gebeugten' ist die Erde, des 'Geraden' der Himmel
antarikṣāyatanam ubhayam antareṇa
Sitz des Luftraums ist beides zugleich
saṃdhiṃ vivartayati...nirbhujasya rūpam
was den Lautübergang verändert, ist die Form des 'Gebeugten'
annādyakāmo nirbhujaṃ brūyāt
wer nach Speise verlangt, spreche 'gebeugt'
svargakāmaḥ pratṛṇam
wer nach der Himmelswelt verlangt, spreche 'gerade'
pṛthivī tvā devatā riṣyati
die Erdgottheit wird dir schaden (Gegenformel gegen Tadel)
na kuśalād anyad brāhmaṇaṃ brūyāt
man tadle einen Brahmanen nur wegen mangelndem Können
athāto 'nuvyāhārāḥ | prāṇo vaṃśa iti vidyāt | sa ya enaṃ prāṇaṃ vaṃśam upadecchakṣuvaj jñemanyate prāṇaṃ vaṃśaṃ samadhāṃ3 prāṇaṃ mā vaṃśaṃ saṃdadhataṃ na śaknoṣīty āha prāṇas tvā vaṃśo hāsyatīty enaṃ brūyāt | atha ced aśaknuvantaṃ manyeta prāṇaṃ vaṃśaṃ samadhitsiṣaṃ taṃ nāśakaḥ saṃdhātuṃ prāṇas tvā vaṃśo hāsyatīty enaṃ brūyāt | yathā tu kathā ca bruvan vā bruvantaṃ vā brūyād abhyāśam eva yat tathā syāt | na tv evānyat kuśalād brāhmaṇaṃ brūyāt | atidyumna eva brāhmaṇaṃ brūyāt | nātidyumne cana brāhmaṇaṃ brūyān namo astu brāhmaṇebhya iti ha smāha śūravīro māṇḍūkeyaḥ || 4
Nun [die Lehren über] die begleitenden Anrufungen (anuvyāhāra) [Anm.: Terminus unsicher, offenbar im Zusammenhang mit der mündlichen Weitergabe einer Lehrer-Genealogie, vaṃśa]. Man wisse: der Atem ist die 'Kette' (vaṃśa) [der Weitergabe]. [Anm.: Der folgende Satz ist im Original stark verderbt bzw. lautlich verschliffen überliefert und wird hier nur sinngemäß, mit großer Unsicherheit, wiedergegeben.] Wer, indem er diesen Atem als Kette zu lehren versucht, meint, [ihm] gelinge die Verbindung von Atem und Kette – [und der dann sagt] 'ich kann Atem und Kette nicht verbinden' –, dem spreche man: 'Der Atem wird dich [dennoch] als Kette [weiter]tragen.' Wenn man aber jemanden, der es versucht hat, für unfähig hält, Atem und Kette zu verbinden, [weil] es ihm nicht gelang zu verbinden, spreche man ebenso zu ihm: 'Der Atem wird dich als Kette [weiter]tragen.' Wie man es nun auch immer ausspricht oder auszusprechen im Begriff ist, man spreche es stets in unmittelbarer Nähe [des Vorbilds], so wie es eben sein soll. Doch soll man einen Brahmanen nie wegen etwas anderem als [mangelndem] Können tadeln. Nur einen 'Überglänzenden' darf man [zurechtweisend] einen Brahmanen nennen; einen, der sich nicht über Gebühr hervortut, soll man niemals als Brahmanen [zurechtweisend] ansprechen – 'Verehrung sei den Brahmanen!' – so pflegte Śūravīra Māṇḍūkeya zu sagen.
Wort für Wort
anuvyāhārāḥ
die begleitenden Anrufungen [Terminus unsicher]
prāṇo vaṃśaḥ
der Atem ist die 'Kette' [der Lehrer-Weitergabe]
prāṇas tvā vaṃśo hāsyati
der Atem wird dich als Kette (weiter)tragen [?, Text stark unsicher]
namo astu brāhmaṇebhyaḥ
Verehrung sei den Brahmanen (Refrain wie Khaṇḍa 3 – gepaarte Khaṇḍa-Struktur)
atha khalv āhur nirbhujavaktrāḥ | pūrvam akṣaraṃ pūrvarūpam uttaram uttararūpaṃ yo 'vakāśaḥ pūrvarūpottararūpe antareṇa sā saṃhiteti | sa ya evam etāṃ saṃhitāṃ veda saṃdhīyate prajayā paśubhir yaśasā brahmavarcasena svargeṇa lokena sarvam āyur eti | atha vayaṃ brūmo nirbhujavaktrā iti ha smāha hrasvo māṇḍūkeyaḥ pūrvam evākṣaraṃ pūrvarūpam uttaram uttararūpaṃ yo 'vakāśaḥ pūrvarūpottararūpe antareṇa yena saṃdhiṃ vivartayati yena svarāsvaraṃ vijānāti yena mātrāmātrāṃ vibhajate sā saṃhiteti | sa ya evam etāṃ saṃhitāṃ veda saṃdhīyate prajayā paśubhir yaśasā brahmavarcasena svargeṇa lokena sarvam āyur eti | atha hāsya putra āha madhyamaḥ prātibodhiputro 'kṣare khalv ime avikarṣan nekīkurvann yathāvarṇam āha tad yāsau mātrā pūrvarūpottararūpe antareṇa saṃdhivijñapanī sāma tad bhavati sāmaivāhaṃ saṃhitāṃ manya iti | tad apy etad ṛṣiṇoktam | bṛhaspate na paraḥ sāmno vidur iti | sa ya evam etāṃ saṃhitāṃ veda saṃdhīyate prajayā paśubhir yaśasā brahmavarcasena svargeṇa lokena sarvam āyur eti || 5
Nun sagen fürwahr die 'Nirbhuja-Sprecher' [Anhänger dieser Aussprachetradition]: 'Die vorangehende Silbe ist die vorangehende Gestalt, die folgende die nachfolgende Gestalt; der Zwischenraum zwischen vorangehender und nachfolgender Gestalt, das ist die Lautverbindung.' Wer diese Lautverbindung so kennt, dem verbindet sich [alles Erstrebte]. 'Wir aber sagen' – so pflegte Hrasva Māṇḍūkeya zu sprechen – '[dass zwar auch für uns] die vorangehende Silbe die vorangehende Gestalt, die folgende die nachfolgende Gestalt ist; [doch] wodurch man den Lautübergang verändert, wodurch man Ton und Nicht-Ton [Vokal und Konsonant, unsicher] unterscheidet, wodurch man Zeitmaß und Nicht-Zeitmaß [Silbenlänge, unsicher] einteilt – das ist die Lautverbindung.' Dazu sprach sein Sohn Madhyama Prātibodhiputra: 'In den Silben nämlich, ohne sie auseinanderzuziehen, sondern sie vereinigend, spricht man sie ihrem [jeweiligen] Laut gemäß aus; jenes Zeitmaß, das zwischen vorangehender und nachfolgender Gestalt die Verbindung anzeigt, das ist der [eigentliche] Sāman-Ton; eben den Sāman-Ton halte ich für die Lautverbindung.' Dazu ist auch dies vom Ṛṣi gesagt: 'Über den Sāman-Ton hinaus wissen [selbst die Götter] nichts Höheres, o Bṛhaspati.' Wer diese Lautverbindung so kennt, dem verbindet sich [alles Erstrebte]: durch Nachkommenschaft, Vieh, Ruhm, geistliche Macht, die Himmelswelt erlangt er ein volles Leben.
Wort für Wort
nirbhujavaktrāḥ
die 'Nirbhuja-Sprecher' [Anhänger dieser Aussprachetradition]
pūrvam akṣaraṃ pūrvarūpam, uttaram uttararūpam
die vorangehende Silbe = vorangehende Gestalt, die folgende = nachfolgende Gestalt
hrasvo māṇḍūkeyaḥ
Hrasva Māṇḍūkeya (Lehrer-Name)
svarāsvaraṃ vijānāti
unterscheidet Ton und Nicht-Ton [Vokal/Konsonant, unsicher]
mātrāmātrāṃ vibhajate
teilt Zeitmaß und Nicht-Zeitmaß ein [Silbenlänge, unsicher]
madhyamaḥ prātibodhiputraḥ
Madhyama Prātibodhiputra (Sohn, Lehrer-Name)
sāma tad bhavati
das ist der (eigentliche) Sāman-Ton
bṛhaspate na paraḥ sāmno viduḥ
über den Sāman-Ton hinaus wissen sie nichts Höheres, o Bṛhaspati (Ṛṣi-Zitat)
bṛhadrathantarayo rūpeṇa saṃhitā saṃdhīyata iti tāruṇḍṛśyaḥ | vāg vai rathantarasya rūpaṃ prāṇo bṛhat ubhābhyām u khalu saṃhitā saṃdhīyate vācā ca prāṇena ca | etasyāṃ ha smopaniṣadi saṃvatsaraṃ gā racyate tāruṇḍṛśyaḥ || etasyāṃ ha sma mātrāyāṃ saṃvatsaraṃ gā racyate tāruṇḍṛśyaḥ | tad apy etad ṛṣiṇoktam | rathantaram ā jabhāra vasiṣṭho bharadvājo bṛhad ā cakre agrer iti || sa ya evam etāṃ saṃhitāṃ veda saṃdhīyate prajayā paśubhir yaśasā brahmavarcasena svargeṇa lokena sarvam āyur eti | vākprāṇena saṃhiteti kaurāṭharavyaḥ | prāṇaḥ pavamānena pavamāno viśvedevair viśve devāḥ svargeṇa lokena svargo loko brahmaṇā saiṣāvaraparā saṃhitā | sa yo haitām avaparāṃ saṃhitāṃ vedaivaṃ haiva sa prajayā paśubhir yaśasā brahmavarcasena svargeṇa lokena saṃdhīyate yathaiṣā saṃhitā | sa yadi pareṇa vopasṛtaḥ svena vārthenābhivyāhared abhivyāharṣyeva vidyād vidvāṃ saṃhitāgamadviduṣāṃ devānām evaṃ bhaviṣyatīti | śaśvat tathā syāt | sa ya evam etāṃ saṃhitāṃ veda saṃdhīyate prajayā paśubhir yaśasā brahmavarcasena svargeṇa lokena sarvam āyur eti | vāksaṃhiteti pāñcālacaraṇaḥ | vācā vai vedāḥ saṃdhīyante vācā chandāṃsi vācā mitrāṇi saṃdadhati vācā sarvāṇi bhūtāny atho vā devedaṃ sarvam iti | tad yatraitad adhīte vā bhāṣate vā vāci tadā prāṇo bhavati vāk kadā prāṇaṃ relhy atha yatra tūṣṇīṃ vā bhavati svapiti vā prāṇe tadā vāg bhavati prāṇas tadā vācaṃ relhi tāvanyonyaṃ relho vāg vai mātā prāṇaḥ putraḥ | tad apy etad ṛṣiṇoktam | ekaḥ suparṇaḥ sa samudram ā viveśa sa idaṃ viśvaṃ bhuvanaṃ vi caṣṭe | taṃ pākena manasāpaśyam antitas tā mātā relhi sa u relhi mātaram iti || sa ya evam etāṃ saṃhitāṃ veda saṃdhīyate prajayā paśubhir yaśasā brahmavarcasena svargeṇa lokena sarvam āyur eti | athātaḥ prajāpatisaṃhitā | jāyā pūrvarūpaṃ patir uttararūpaṃ putraḥ saṃdhiḥ prajananaṃ saṃdhānaṃ saiṣāditiḥ saṃhitā | aditir hīdaṃ sarvaṃ yad idaṃ kiṃca pitā ca mātā ca putraś ca prajananaṃ ca | tad apy etad ṛṣiṇoktam | aditir mātā sa pitā sa putra iti | sa ya evam etāṃ saṃhitāṃ veda saṃdhīyate prajayā paśubhir yaśasā brahmavarcasena svargeṇa lokena sarvam āyur eti sarvam āyur eti || 6 || ity aitareye tṛtīyāraṇyake prathamo 'dhyāyaḥ ||
'Durch die Gestalt von Bṛhat und Rathantara [zwei Sāman-Melodien] wird die Lautverbindung vollzogen' – so [lehrte] Tāruṇḍṛśya: Rede nämlich ist die Gestalt des Rathantara, Atem die des Bṛhat; durch beide zusammen, durch Rede und durch Atem, wird die Lautverbindung vollzogen. In dieser Geheimlehre werden [dem Rezitierenden] Rinder für ein Jahr [als Lohn] zugesprochen – [so lehrte] Tāruṇḍṛśya. In diesem Zeitmaß ebenso werden ihm Rinder für ein Jahr zugesprochen – [so lehrte] Tāruṇḍṛśya. Dazu ist auch dies vom Ṛṣi gesagt: 'Das Rathantara brachte Vasiṣṭha herbei, das Bṛhat schuf Bharadvāja aus dem Feuer.' Wer diese Lautverbindung so kennt, dem verbindet sich [alles Erstrebte]. 'Durch Rede und Atem wird [die Lautverbindung] verbunden' – so [lehrte] Kaurāṭharavya: Atem [ist verbunden] mit dem Pavamāna[-Gesang], der Pavamāna mit den Viśvedevas, die Viśvedevas mit der Himmelswelt, die Himmelswelt mit Brahman – dies ist die letzte, äußerste Lautverbindung. Wer diese äußerste Lautverbindung so kennt, dem verbindet sich ebenso, durch Nachkommenschaft, Vieh, Ruhm, geistliche Macht, die Himmelswelt, so wie diese Lautverbindung [beschaffen] ist. Wenn er von einem anderen [im Streitgespräch] bedrängt wird, soll er mit seinem eigenen [wahren] Anliegen antworten; durch [dieses] Antworten würde er eben erkennen lassen: 'So wird es den Göttern ergehen, die um die Lautverbindung wissen' [Anm.: Satz sehr unsicher übersetzt]. So möge es immerdar sein. Wer diese Lautverbindung so kennt, dem verbindet sich [alles Erstrebte]. 'Die Rede ist die Lautverbindung' – so [lehrte] Pāñcālacaraṇa: durch die Rede werden die Veden verbunden, durch die Rede die Versmaße, durch die Rede verbinden sich Freunde, durch die Rede alle Wesen; und ferner: durch die Rede [besteht] dies alles. Wenn man dies studiert oder spricht, dann wird [die Rede] zum Atem; wann leckt die Rede den Atem [dann]? Wenn man aber schweigt oder schläft, dann wird der Atem zur Rede; dann leckt der Atem die Rede. So lecken sie einander wechselseitig: die Rede ist die Mutter, der Atem der Sohn. Dazu ist auch dies vom Ṛṣi gesagt: 'Ein einziger Vogel ist in den Ozean eingetreten; er überschaut diese ganze Welt. Ihn erblickte ich mit einfältigem Sinn von nahem: die Mutter leckt ihn, und er leckt die Mutter.' Wer diese Lautverbindung so kennt, dem verbindet sich [alles Erstrebte]. Nun die Prajāpati-Lautverbindung: die Gattin ist die vorangehende Gestalt, der Gatte die nachfolgende Gestalt, der Sohn die Verbindung; die Zeugung ist die Verbindung – dies ist die Aditi-Lautverbindung. Aditi nämlich ist dies alles, was immer es ist: Vater, Mutter, Sohn und Zeugung. Dazu ist auch dies vom Ṛṣi gesagt: 'Aditi ist die Mutter, sie ist der Vater, sie ist der Sohn.' Wer diese Lautverbindung so kennt, dem verbindet sich [alles Erstrebte]: durch Nachkommenschaft, Vieh, Ruhm, geistliche Macht, die Himmelswelt erlangt er ein volles Leben, ein volles Leben. — So endet im Aitareya-Āraṇyaka, im dritten Āraṇyaka, der erste Adhyāya.
Wort für Wort
bṛhadrathantarayo rūpeṇa saṃhitā saṃdhīyate
durch die Gestalt von Bṛhat und Rathantara wird die Verbindung vollzogen