Kapitel 9: aitareyāraṇyakam · dvitīyāraṇyake caturtho 'dhyāyaḥ (aitareyopaniṣat 1)
Buch 2, Adhyāya 4: Die Erschaffung der Welten und des Puruṣa – Aitareya-Upaniṣad, 1. Kapitel (AiĀ 2,4)
Buch 2, Adhyāya 4 (3 Khaṇḍas) = das berühmte, eigenständig überlieferte erste Kapitel der Aitareya-Upaniṣad: die Erschaffung der Welten aus dem Selbst (Khaṇḍa 1: Urwasser/Lichtstrahlen/Sterbliches/Gewässer; Formung des kosmischen Puruṣa und Entstehung von Rede/Atem/Sehen/Hören/Haaren/Denken/Ausatem/Same aus seinen Körperöffnungen samt der jeweiligen Gottheit), das Eintreten der Götter in den menschlichen Leib mitsamt Hunger und Durst als deren stets mitanteiligen Begleitern (Khaṇḍa 2), und die Erschaffung der Speise sowie das erfolglose Greifen nach ihr durch Rede, Atem, Sehen, Hören, Haut, Denken und Zeugungsglied, bis allein der Ausatem sie erfasst – gefolgt vom Eintritt des Selbst durch die Schädelnaht in den Leib und der berühmten Etymologie 'Idaṃdra → Indra' als Beleg für die Vorliebe der Götter für verhüllte Bezeichnungen (Khaṇḍa 3). Übersetzung ohne Verwendung einer vorhandenen Übersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet; einzelne Wendungen (u.a. die 'vāyu'-Etymologie beim Apāna, 'āṇīsthaḥ'-artige Fachausdrücke, die drei 'āvasathāḥ') bleiben trotz Analyse unsicher und sind mit [?]/[Anm.] markiert.
ātmā vā idam eka evāgra āsīn nānyat kiṃcana miṣat | sa īkṣata lokān nu sṛjā iti | sa imāl lokān asṛjata | ambho marīcīr maram āpaḥ | ado 'mbhaḥ pareṇa divaṃ dyauḥ pratiṣṭhāntarikṣaṃ marīcayaḥ pṛthivī maro yā adhastāt tā āpaḥ | sa īkṣata ime nu lokā lokapālān nu sṛjā iti | so 'dbhya eva puruṣaṃ samuddhṛtyāmūrchayat | tam abhyatapasyābhitaptasya mukhaṃ nirabhidyata yathāṇḍaṃ mukhād vāg vāco 'gniḥ | nasike nirabhidyetāṃ nāsikābhyāṃ prāṇaḥ prāṇād vāyuḥ | akṣiṇī nirabhidyetām akṣībhyāṃ cakṣuś cakṣuṣa ādityaḥ | karṇau nirabhidyetāṃ karṇābhyāṃ śrotraṃ śrotrād diśaḥ | tvag nirabhidyata tvacā lomāni lomabhya oṣadhivanaspatayaḥ | hṛdayaṃ nirabhidyata hṛdayān mano manasaś candramāḥ | nābhir nirabhidyata nābhyā apāno 'pānān mṛtyuḥ | śiśnaṃ nirabhidyata śiśnād retasa āpaḥ || 1
Das Selbst allein war dies im Anfang, nichts anderes regte sich [miṣat, wörtl. 'blinzelte']. Es dachte: 'Lass mich Welten erschaffen.' Es schuf diese Welten: das Urwasser (ambhas), die Lichtstrahlen (marīci), das Sterbliche (mara), die [eigentlichen] Gewässer (āpaḥ). Jenes Urwasser ist jenseits des Himmels, der Himmel ist seine Stütze; die Lichtstrahlen sind der Luftraum; das Sterbliche ist die Erde; was darunter ist, das sind die [eigentlichen] Gewässer. Es dachte: 'Diese Welten sind da – lass mich Welthüter erschaffen.' Da zog es eben aus den Gewässern einen Puruṣa empor und gab ihm Gestalt. Diesen, den [so] Geformten, brütete es gleichsam aus; da öffnete sich sein Mund wie ein Ei; aus dem Mund [entstand] die Rede, aus der Rede das Feuer (Agni). Die Nasenlöcher öffneten sich; aus den Nasenlöchern der Atem, aus dem Atem der Wind. Die Augen öffneten sich; aus den Augen das Sehen, aus dem Sehen die Sonne. Die Ohren öffneten sich; aus den Ohren das Hören, aus dem Hören die Himmelsrichtungen. Die Haut öffnete sich; aus der Haut die Körperhaare, aus den Haaren Kräuter und Bäume. Das Herz öffnete sich; aus dem Herzen das Denken, aus dem Denken der Mond. Der Nabel öffnete sich; aus dem Nabel der Ausatem, aus dem Ausatem der Tod. Das Glied öffnete sich; aus dem Glied der Same, aus dem Samen das Wasser.
Wort für Wort
ātmā vā idam eka evāgra āsīt
das Selbst allein war dies im Anfang
nānyat kiṃcana miṣat
nichts anderes regte sich
sa īkṣata lokān nu sṛjā iti
es dachte: lass mich Welten erschaffen
ambho marīcīr maram āpaḥ
die vier Urwelten: Urwasser, Lichtstrahlen, Sterbliches, Gewässer
dyauḥ...antarikṣam...pṛthivī...āpaḥ
Himmel, Luftraum, Erde, Untergewässer
puruṣaṃ samuddhṛtyāmūrchayat
zog einen Puruṣa aus den Gewässern und gab ihm Gestalt
mukhād vāg vāco 'gniḥ
aus dem Mund die Rede, aus der Rede das Feuer
nāsikābhyāṃ prāṇaḥ prāṇād vāyuḥ
aus den Nasenlöchern der Atem, daraus der Wind
akṣībhyāṃ cakṣuś cakṣuṣa ādityaḥ
aus den Augen das Sehen, daraus die Sonne
karṇābhyāṃ śrotraṃ śrotrād diśaḥ
aus den Ohren das Hören, daraus die Himmelsrichtungen
tata etā devatāḥ sṛṣṭā asmin mahaty arṇave prāpatan tam aśanāpipāsābhyām anvavārjat | tā enam abruvann āyatanaṃ naḥ prajānīhi yasmin pratiṣṭhitā annam adāmeti | tābhyo gām ānayat tā abruvan na vai no 'yam alam iti | tābhyo 'śvam ānayat tā abruvan na vai no 'yam alam iti | tābhyaḥ puruṣam ānayat tā abruvan sukṛtaṃ bateti puruṣo vāva sukṛtam | tā abravīd āyatanaṃ praviśateti | agnir vāg bhūtvā mukhaṃ prāviśad vāyuḥ prāṇo bhūtvā nāsike prāviśad ādityaś cakṣur bhūtvākṣiṇī prāviśad diśaḥ śrotraṃ bhūtvā karṇau prāviśann oṣadhivanaspatayo lomāni bhūtvā tvacaṃ prāviśaṃś candramā mano bhūtvā hṛdayaṃ prāviśan mṛtyur apāno bhūtvā nābhiṃ prāviśad āpo retobhūtvā śiśnaṃ prāviśan | tam aśanāpipāse abrūtām āvābhyām abhiprajānīhīti | te abravīd etāsv eva vāṃ devatāsvābhajāmy etāsu bhāginyau karomīti | tasmād yasyai kasyai ca devatāyai havir gṛhyate bhāginyāv evāsyām aśanāpipāse bhavataḥ || 2
Da stürzten diese erschaffenen Gottheiten in diesen großen Ozean [den Puruṣa]; ihn suchten sie mit Hunger und Durst heim. Sie sprachen zu ihm: 'Erkenne uns einen Wohnsitz zu, worin wir fest gegründet Speise essen können.' Er brachte ihnen eine Kuh; sie sprachen: 'Das genügt uns wahrlich nicht.' Er brachte ihnen ein Pferd; sie sprachen: 'Das genügt uns wahrlich nicht.' Er brachte ihnen einen Menschen; sie sprachen: 'Wohlgetan, fürwahr!' – der Mensch ist wahrlich das Wohlgetane. Er sprach zu ihnen: 'Betretet [je] euren Wohnsitz.' Das Feuer wurde Rede und betrat den Mund; der Wind wurde Atem und betrat die Nasenlöcher; die Sonne wurde Sehen und betrat die Augen; die Himmelsrichtungen wurden Hören und betraten die Ohren; Kräuter und Bäume wurden Körperhaare und betraten die Haut; der Mond wurde Denken und betrat das Herz; der Tod wurde Ausatem und betrat den Nabel; das Wasser wurde Same und betrat das Glied. Da sprachen Hunger und Durst zu ihm: 'Erkenne auch uns beiden [einen Anteil] zu.' Er sprach zu ihnen: 'Eben diesen Gottheiten teile ich euch zu, an ihnen mache ich euch beide anteilhaft.' Darum, welcher Gottheit auch immer eine Opfergabe dargebracht wird, an ihr sind eben Hunger und Durst mitanteilig.
Wort für Wort
tata etā devatāḥ sṛṣṭāḥ
da stürzten diese erschaffenen Gottheiten
mahaty arṇave prāpatan
in den großen Ozean (den Puruṣa)
aśanāpipāsābhyām anvavārjat
wurde von Hunger und Durst heimgesucht
āyatanaṃ naḥ prajānīhi
erkenne uns einen Wohnsitz zu
gām...aśvam...puruṣam ānayat
er brachte eine Kuh, ein Pferd, einen Menschen
sukṛtaṃ bata, puruṣo vāva sukṛtam
'wohlgetan!' – der Mensch ist das Wohlgetane
āyatanaṃ praviśata
betretet euren Wohnsitz
agnir vāg bhūtvā mukhaṃ prāviśat
das Feuer wurde Rede und betrat den Mund
vāyuḥ prāṇo bhūtvā nāsike prāviśat
der Wind wurde Atem und betrat die Nasenlöcher
ādityaś cakṣur bhūtvākṣiṇī prāviśat
die Sonne wurde Sehen und betrat die Augen
diśaḥ śrotraṃ bhūtvā karṇau prāviśan
die Himmelsrichtungen wurden Hören und betraten die Ohren
oṣadhivanaspatayo lomāni bhūtvā tvacam prāviśan
Kräuter und Bäume wurden Haare und betraten die Haut
candramā mano bhūtvā hṛdayam prāviśat
der Mond wurde Denken und betrat das Herz
mṛtyur apāno bhūtvā nābhim prāviśat
der Tod wurde Ausatem und betrat den Nabel
āpo reto bhūtvā śiśnaṃ prāviśat
das Wasser wurde Same und betrat das Glied
bhāginyāv evāsyām aśanāpipāse bhavataḥ
Hunger und Durst sind an ihr (jeder Opfergabe) mitanteilig
sa īkṣata ime nu lokāś ca lokapālāś cānnam ebhyaḥ sṛjā iti | so 'po 'bhyatapat tābhyo 'bhitaptābhyo mūrtir ajāyata | yā vai sā mūrtir ajāyatānnaṃ vai tat | tad enat sṛṣṭaṃ parāṅ tyajighāṃsat tad vācājighṛkṣat tan nāśaknod vācā grahītum | sa yad dhainad vācāgrahaiṣyad abhivyāhṛtya haivānnam atrapsyat | tat prāṇenājighṛkṣat tan nāśaknot prāṇena grahītum | sa yad dhainat prāṇenāgrahaiṣyad abhiprāṇya haivānnam atrapsyat | tac cakṣuṣājighṛkṣat tan nāśaknoc cakṣuṣā grahītum | sa yad dhainac cakṣuṣāgrahaiṣyad dṛṣṭvā haivānnam atrapsyat | tac chrotreṇājighṛkṣat tan nāśaknoc chrotreṇa grahītum | sa yad dhainac chrotreṇāgrahaiṣyac chrutvā haivānnam atrapsyat | tat tvacājighṛkṣat tan nāśaknot tvacā grahītum | sa yad dhainat tvacāgrahaiṣyat spṛṣṭvā haivānnam atrapsyat | tan manasājighṛkṣat tan nāśaknon manasā grahītum | sa yad dhainan manasāgrahaiṣyad dhyātvā haivānnam atrapsyat | tac chiśnenājighṛkṣat tan nāśaknoc chiśnena grahītum | sa yad dhainac chiśnenāgrahaiṣyad visṛjya haivānnam atrapsyat | tad apānenājighṛkṣat tad āvayat | saiṣo 'nnasya graho yad vāyur nāyur vā eṣa yad vāyuḥ | sa īkṣata kathaṃ nv idam mad ṛte syād iti | sa īkṣata katareṇa prapadyā iti | sa īkṣata yadi vācābhivyāhṛtaṃ yadi prāṇenābhiprāṇitaṃ yadi cakṣuṣā dṛṣṭaṃ yadi śrotreṇa śrutaṃ yadi tvacā spṛṣṭaṃ yadi manasā dhyātaṃ yady apānenābhyapānitaṃ yadi śiśnena visṛṣṭam atha ko 'ham iti | sa etam eva sīmānaṃ vidāryaitayā dvārā prāpadyata | saiṣā vidṛtir nāma dvāḥ tad etan nāndanam | tasya traya āvasathāḥ trayaḥ svapnā ayam āvasatho 'yam āvasatho 'yam āvasatha iti | sa jāto bhūtāny abhivyaicat kim ihānyad vāvadiṣad iti | sa etam eva puruṣaṃ brahma tatamam apaśyat | idam adarśam iti | tasmād idaṃdro nāmedaṃdro ha vai nāma tam idaṃdraṃ santam indra ity ācakṣate parokṣeṇa | parokṣapriyā iva hi devāḥ | parokṣapriyā iva hi devāḥ || 3 || ity aitareye dvitīyāraṇyake caturtho 'dhyāyaḥ ||
Es dachte: 'Diese Welten und Welthüter sind da – lass mich für sie Speise erschaffen.' Es erwärmte die Gewässer; aus den erwärmten [Gewässern] entstand eine Gestalt (mūrti). Diese Gestalt, die entstand, das ist eben die Speise. Diese so geschaffene [Speise] wollte fliehen; es wollte sie mit der Rede ergreifen, konnte sie aber mit der Rede nicht ergreifen. Hätte es sie mit der Rede ergriffen, so würde man sich allein durch Aussprechen an der Speise sättigen. Es wollte sie mit dem Atem ergreifen, konnte sie aber mit dem Atem nicht ergreifen. Hätte es sie mit dem Atem ergriffen, so würde man sich allein durch Einatmen an der Speise sättigen. Es wollte sie mit dem Sehen ergreifen, konnte sie aber mit dem Sehen nicht ergreifen. Hätte es sie mit dem Sehen ergriffen, so würde man sich allein durch Anschauen an der Speise sättigen. Es wollte sie mit dem Hören ergreifen, konnte sie aber mit dem Hören nicht ergreifen. Hätte es sie mit dem Hören ergriffen, so würde man sich allein durch Hören an der Speise sättigen. Es wollte sie mit der Haut ergreifen, konnte sie aber mit der Haut nicht ergreifen. Hätte es sie mit der Haut ergriffen, so würde man sich allein durch Berühren an der Speise sättigen. Es wollte sie mit dem Denken ergreifen, konnte sie aber mit dem Denken nicht ergreifen. Hätte es sie mit dem Denken ergriffen, so würde man sich allein durch Denken an der Speise sättigen. Es wollte sie mit dem Glied ergreifen, konnte sie aber mit dem Glied nicht ergreifen. Hätte es sie mit dem Glied ergriffen, so würde man sich allein durch Ausscheiden an der Speise sättigen. Da wollte sie der Ausatem (Apāna) ergreifen, und er erfasste sie. Dies also ist das Ergreifen der Speise, [nämlich] durch den Lebenshauch [Anm.: 'vāyu'/'ana'-Etymologie unsicher wiedergegeben, Sinn: Speise wird durch den Atemvorgang selbst, nicht durch ein Sinnesorgan, aufgenommen]. Es dachte: 'Wie könnte dies [alles] ohne mich bestehen?' Es dachte: 'Auf welchem Weg soll ich eintreten?' Es dachte: 'Wenn durch die Rede gesprochen, wenn durch den Atem geatmet, wenn durch das Sehen gesehen, wenn durch das Hören gehört, wenn durch die Haut berührt, wenn durch das Denken gedacht, wenn durch den Ausatem ausgeatmet, wenn durch das Glied ausgeschieden wird – wer bin dann [noch] ich?' Es spaltete eben diesen Scheitel [des Schädels] und trat durch dieses Tor ein. Dieses Tor heißt 'die Spaltung' (vidṛti); das ist [der Ort der] Wonne. Drei sind seine Wohnstätten, drei seine Traumzustände: 'dies ist die Wohnstätte, dies ist die Wohnstätte, dies ist die Wohnstätte' [Anm.: bezieht sich vermutlich auf Wachen, Traum und Tiefschlaf bzw. auf Auge, Kehle und Herz als drei Sitze]. Geboren [in den Leib eingetreten], erblickte es die Geschöpfe [und dachte]: 'Was könnte hier anderes sprechen wollen [außer mir]?' Es erblickte eben diesen Puruṣa als das ausgebreitete Brahman: 'Dies habe ich erschaut!' Daher [sein] Name 'Idaṃdra' [wörtlich: 'dies-hier-Erschauender']; 'Idaṃdra' ist fürwahr [sein eigentlicher] Name; ihn, der Idaṃdra ist, nennt man auf verhüllte Weise 'Indra' – denn die Götter lieben gleichsam das Verhüllte, die Götter lieben gleichsam das Verhüllte. — So endet im Aitareya-Āraṇyaka, im zweiten Āraṇyaka, der vierte Adhyāya.
Wort für Wort
ime lokāś ca lokapālāś ca annam ebhyaḥ sṛjā
diese Welten und Welthüter – lass mich Speise für sie erschaffen