Kapitel 14: aitareyāraṇyakam · tṛtīyāraṇyake dvitīyo 'dhyāyaḥ · tṛtīyāraṇyakaṃ samāptam
Buch 3, Adhyāya 2: Vier Puruṣas, Todesvorzeichen und die göttliche Vīṇā – Ende des dritten Āraṇyaka (AiĀ 3,2)
Adhyāya 2 (6 Khaṇḍas) schließt Buch 3 ab. Khaṇḍa 1-2 setzen die Lautverbindungslehre aus Adhyāya 1 fort, nun mit Fokus auf 'Prāṇa als Bambusstange (vaṃśa)' (Śākalya) und einer Silben-/Reibelaut-/Verbindungs-Zahlenmystik (360/720, Kaurāṭharavya). Khaṇḍa 3 lehrt (Bādhva) die vier Puruṣas (Leib-, Versmaß-, Veda-, Groß-Puruṣa/Jahr) mit ihren jeweiligen 'Essenzen' (Erkenntnis-Selbst, Silbengestalt, Brahmā-Priester, Sonne) und identifiziert Sonne und körperliches Selbst als eines. Khaṇḍa 4 warnt vor unbefugter Weitergabe der Lehre und listet ausführlich Todesvorzeichen: Anomalien am Sonnen-/Spiegelbild sowie ein Katalog unheilvoller Traumbilder samt einem Gegenritual (Fasten, Milchreis-Opfer). Khaṇḍa 5 enthält die bemerkenswerte Allegorie von der 'göttlichen Vīṇā' (Laute) als Modell des menschlichen Körpers/der Rede (Kopf, Resonanzkörper, Saiten, Töne) – ein Motiv, das in ähnlicher Form bereits als Vīṇā-Leib-Allegorie im Kauṣītaki-/Śāṅkhāyana-Āraṇyaka übersetzt wurde – sowie den 'Wortretter'-Schutzvers gegen Sprachlosigkeit im Streitgespräch. Khaṇḍa 6 (Kṛṣṇahārita) deutet den Namen 'Saṃhitā' aus Prajāpatis Zerfall und Wiederzusammenfügung durch die Versmaße, behandelt die Laute 'ṇ' und 'ṣ' als Kraft und Atem-Selbst der Saṃhitā, zitiert die Ṛṣis Kāvaṣeyas zur wechselseitigen Begründung von Rede und Atem und schließt mit strengen Weitergabe-Bedingungen der Lehre – DAMIT IST BUCH 3 (drittes Āraṇyaka) VOLLSTÄNDIG ABGESCHLOSSEN (2 Adhyāyas, 12 Khaṇḍas: 6+6). Übersetzung ohne Verwendung einer vorhandenen Übersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet; die Zahlenmystik in Khaṇḍa 1-2, der Todesvorzeichen-Katalog in Khaṇḍa 4 und der 'Wortretter'-Vers in Khaṇḍa 5 bleiben trotz eingehender Analyse an mehreren Stellen unsicher und sind mit [?]/[Anm.] markiert.
prāṇo vaṃśa iti sthaviraḥ śākalyaḥ | tad yathā śālāvaṃśe sarve 'nye vaṃśāḥ samāhitāḥ syur evam asmin prāṇe cakṣuḥ śrotraṃ mano vāg indriyāṇi śarīraṃ sarvātmā samāhitaḥ | tasyaitasyātmanaḥ prāṇa ūṣmarūpam asthīni sparśarūpaṃ majjānaḥ svararūpaṃ māṃsaṃ lohitam ity etad anyac caturtham antastharūpam iti ha smāha hrasvo māṇḍūkeyaḥ | trayaṃ tv eva na etat proktam | tasyaitasya trayasyāsthnāṃ majjāṃ parvaṇām iti trīṇītaḥ ṣaṣṭiśatāni trīṇītas tāni sapta viṃśatiśatāni bhavanti sapta ca vai śatāni viṃśatiś ca saṃvatsarasyāhorātrāḥ | sa eṣo 'haḥsammānaś caturmayaḥ śrotramayaś chandomayo manomayo vāṅmaya ātmā | sa ya evam etam ahaḥ sammānaṃ caturmayaṃ śrotramayaṃ chandomayaṃ manomayaṃ vāṅmayam ātmānaṃ vedāhnāṃ sāyujyaṃ sarūpatāṃ sa lokatām aśnute putrī paśumān bhavati sarvam āyur eti || 1
'Der Atem ist die Bambusstange (vaṃśa)' – so [lehrte] der Alte Śākalya. So wie in einem Bambusrohr alle anderen Rohrglieder [ineinander] zusammengefügt sind, ebenso sind in diesem Atem Auge, Ohr, Denken, Rede, die Sinnesorgane, der Leib – das ganze Selbst – zusammengefügt. Von diesem Selbst hat der Atem die Gestalt der Reibelaute (ūṣman), die Knochen die Gestalt der Berührungslaute (sparśa), das Knochenmark die Gestalt der Vokale (svara), Fleisch und Blut – dies ist ein anderes, viertes – die Gestalt der Halbvokale (antastha) – so pflegte Hrasva Māṇḍūkeya zu sagen. Nur von dreien aber ist [im engeren Sinne] hier die Rede [Anm.: Sinn unsicher]. Von diesen drei [Lautklassen] gibt es, nach Knochen, Mark und Gliedern [gezählt], dreihundertsechzig; [wiederum] dreihundertsechzig davon macht siebenhundertzwanzig [Anm.: Zahlenkonstruktion unsicher] – siebenhundertzwanzig sind ja die Tage und Nächte eines Jahres. Dieser [Tag] ist also das Gegenstück (sammāna) zum Tag, viergestaltig, aus Gehör, aus Versmaß, aus Denken, aus Rede bestehendes Selbst. Wer dieses Gegenstück zum Tag so kennt, der erlangt Einswerden mit den Tagen, Gleichgestaltigkeit, Gleichweltigkeit mit ihnen; er wird reich an Söhnen und Vieh, erlangt ein volles Leben.
Wort für Wort
prāṇo vaṃśaḥ
der Atem ist die Bambusstange (Kette)
sthaviraḥ śākalyaḥ
der Alte Śākalya (Lehrer-Name)
śālāvaṃśe sarve 'nye vaṃśāḥ samāhitāḥ
im Bambusrohr sind alle anderen Rohrglieder zusammengefügt
atha kaurāṭharavyaḥ | trīṇi ṣaṣṭiśatāny akṣarāṇāṃ trīṇi ṣaṣṭiśatāny ūṣmaṇāṃ trīṇi ṣaṣṭiśatāni saṃdhīnām | yāny akṣarāṇy avocāmāhāni tāny ūṣmaṇo 'vocāma rātryas tā yān saṃdhīn avocāmāhorātrāṇāṃ te saṃdhaya ity adhidaivatam | athādhyātmam | yāny akṣarāṇy adhidaivatam avocāmāsthīni tāny adhyātmam | yān ūṣmaṇo 'dhidaivatam avocāma majjānas te 'dhyātmam | eṣa ha vai saṃprati prāṇo yan majjaitad reto na ha vā ṛte prāṇād retaḥ siñcyate yad vā ṛte prāṇād retaḥ siñcyeta pūyann eva saṃbhavet | yān saṃdhīn adhidaivatam avocāma parvāṇi tāny adhyātmam | tasyaitasya trayasyāsthnāṃ majjāṃ parvaṇām iti pañcatriṃśac catvāriṃśac chatāni pañcaitat daśāṣītisahasraṃ bhavaty aśītisahasraṃ vārkalino bṛhatīr aharabhisaṃpādayanti | sa eṣo 'harsamānaś caturmayaḥ śrotramayaś chandomayo manomayo vāṅmaya ātmā | sa ya evam etam aharsamānaṃ caturmayaṃ śrotramayaṃ chandomayaṃ manomayaṃ vāṅmayam ātmānaṃ vedācarāṇāṃ sāyujyaṃ sarūpatāṃ salokatām aśnute putrī paśumān bhavati sarvam āyur eti || 2
Nun Kaurāṭharavya[s Lehre]: dreihundertsechzig Silben, dreihundertsechzig Reibelaute, dreihundertsechzig Lautverbindungen [gibt es]. Die Silben, von denen wir sprachen, das sind die Tage; die Reibelaute, von denen wir sprachen, das sind die Nächte; die Lautverbindungen, von denen wir sprachen, das sind die Verbindungen von Tag und Nacht – so [lautet die Lehre] hinsichtlich der Gottheiten. Nun hinsichtlich des Selbst: die Silben, die wir hinsichtlich der Gottheiten nannten, das sind die Knochen; die Reibelaute, die wir hinsichtlich der Gottheiten nannten, das ist das Knochenmark. Dies ist ja der gegenwärtige Atem, [nämlich] was Knochenmark ist – das ist Same; denn ohne den Atem wird kein Same eingegossen, und würde ohne den Atem Same eingegossen, so entstünde er nur faulend [d.h. unfruchtbar]. Die Lautverbindungen, die wir hinsichtlich der Gottheiten nannten, das sind die Gliederglieder (parvan). Von diesen drei [Lautklassen] gibt es, nach Knochen, Mark und Gliedern [gezählt, eine Zahl von] fünfunddreißig-vierzig-hundert-fünf [Anm.: Zahlenkonstruktion unsicher überliefert], das macht insgesamt [?] – achtzigtausend Bṛhatī-[Silben] fügen die Ark-Lehrer [?] zu einem Tag zusammen. Dieser [Tag] ist das Gegenstück zum Tag, viergestaltig, aus Gehör, Versmaß, Denken, Rede bestehendes Selbst. Wer dies so kennt, der erlangt Einswerden mit den Silben, Gleichgestaltigkeit, Gleichweltigkeit; er wird reich an Söhnen und Vieh, erlangt ein volles Leben.
Wort für Wort
kaurāṭharavyaḥ
Kaurāṭharavya (Lehrer-Name)
trīṇi ṣaṣṭiśatāny akṣarāṇām
360 Silben
ūṣmaṇaḥ...rātryaḥ
die Reibelaute sind die Nächte
saṃdhīn...ahorātrāṇāṃ saṃdhayaḥ
die Lautverbindungen sind die Verbindungen von Tag und Nacht
asthīni...majjānaḥ
Knochen und Knochenmark (körperliche Entsprechung)
'Vier Puruṣas gibt es' – so [lehrte] Bādhva: den Leib-Puruṣa, den Versmaß-Puruṣa, den Veda-Puruṣa, den Groß-Puruṣa. 'Leib-Puruṣa' nannten wir jenes, [nämlich] eben dieses körperliche Selbst; das, was an ihm das mit Erkenntnis begabte Selbst ist, das ist seine Essenz (rasa). 'Versmaß-Puruṣa' nannten wir jenen, [nämlich] die Überlieferung der [heiligen] Silben (ācarasamāmnāya) selbst; deren [eigentliche] Gestalt (ākāra) ist ihre Essenz. 'Veda-Puruṣa' nannten wir jenen, wodurch man die Veden kennt – Ṛgveda, Yajurveda, Sāmaveda; dessen Essenz ist Brahmā [der alle drei Veden vereinende Opferpriester]. Deshalb mache man den Brahmanen zum 'Brahmiṣṭha' [dem an Brahman-Wissen Reichsten], wer den Überschuss des Opfers sehen will [Anm.: Sinn dieses Satzes unsicher]. 'Groß-Puruṣa' nannten wir jenen, [nämlich] eben das Jahr, das die einen Wesen vernichtet und die anderen ins Dasein bringt; dessen Essenz ist eben jene Sonne. Wer sowohl dieses körperliche, mit Erkenntnis begabte Selbst als auch jene Sonne als eines erkennt, [der weiß recht]. Deshalb ist die Sonne einem jeden Puruṣa gegenüber [ihm entsprechend]. Dazu ist auch dies vom Ṛṣi gesagt: 'Bunt stieg empor der Götter Antlitz, das Auge Mitras, Varuṇas, Agnis; es erfüllte Himmel und Erde und den Luftraum: die Sonne ist die Seele des Beweglichen und Unbeweglichen.' Diese Nachfolge-Verbindung, die [hier] verbunden wird, halte ich [für diese] – so pflegte Bādhva zu sagen. Denn eben diesen [Puruṣa/diese Sonne] erforschen sie durch den Ṛc-Vers, das große Uktha; eben diesen [verehren] beim Feuer die Adhvaryu-Priester, eben diesen beim Mahāvrata die Chandoga-Sänger, eben diesen in diesem [Ritual], eben diesen im Himmel, im Wind, im Luftraum, in den Gewässern, in den Kräutern, in den Bäumen, im Mond, in den Sternen, in allen Wesen – eben diesen nennen sie Brahman. Dieser ist das Gegenstück zum Jahr, viergestaltig, aus Gehör, Versmaß, Denken, Rede bestehendes Selbst. Wer dieses Gegenstück zum Jahr so kennt, der verkündet es einem anderen weiter.
Wort für Wort
catvāraḥ puruṣāḥ
vier Puruṣas
bādhvaḥ
Bādhva (Lehrer-Name)
śarīrapuruṣaḥ...daihika ātmā
der Leib-Puruṣa, das körperliche Selbst
chandaḥpuruṣaḥ...ācarasamāmnāyaḥ
der Versmaß-Puruṣa, die Silbenüberlieferung
vedapuruṣaḥ...ṛgvedaṃ yajurvedaṃ sāmavedam
der Veda-Puruṣa (die drei Veden)
mahāpuruṣaḥ...saṃvatsaraḥ
der Groß-Puruṣa, das Jahr
āsāv ādityo rasaḥ
die Sonne ist seine Essenz
citraṃ devānām ud agād anīkam
bunt stieg der Götter Antlitz empor (Ṛgveda-Zitat)
sūrya ātmā jagatas tasthuṣaś ca
die Sonne ist die Seele des Beweglichen und Unbeweglichen
dugdhadohā asya vedā bhavanti na tasyānūkte bhāgo 'sti na veda sukṛtasya panthānam iti | tad apy etad ṛṣiṇoktam | yas tityāja sacividdaṃ sakhāyaṃ na tasya vācy api bhāgo asti | yadīṃ śṛṇoty alakaṃ śṛṇoti na hi praveda sukṛtasya panthām iti || na tasyānūkte bhāgo 'sti na veda sukṛtasya panthānam ity etat tad uktaṃ bhavati | tasmād evaṃ vidvān parasmā agniṃ cinuyāt parasmā mahāvratena stuvīta na parasmā etad ahaḥ śaṃsate | kāmaṃ pitre vācāryāya vā śaṃsed ātmana evāsya tatkṛtaṃ bhavati | sa yaścāyaṃ śarīraḥ prajñātmā yaś cāsāv āditya ekam etad ity avocāma | tau yatra vihīyete candramā ivādityo dṛśyate na raśmayaḥ prādurbhavanti lohinī dyaur bhavati yathā majjiṣṭhā vyaktaḥ pāyuḥ kākakulāyagandhikam asya śiro vāyati saṃpreto 'syātmā na ciram iva jīviṣyatīti vidyāt | sa yat karaṇīyaṃ manyeta tat kurvīta yad anti yac ca dūrake iti sma japed āditi pravrasya retas ity ekā yatra brahmā pavamāneti ṣaḍdvayaṃ tamasaspṛty ekā | athāpi yatra chidram ivādityo dṛśyate rathanābhir ivābhikhyāyeta chidraṃ vā chāyāṃ paśyet tad apy evam eva vidyāt | athāpy ādarśe vodake vā jihvāśiraskaṃ vāśiraskaṃ vātmānaṃ paśyed viparyastaṃ vā kanyāke jihvena vā dṛśyeyātāṃ tad apy evam eva vidyāt | athāpy apidhāyāṅgāni upekṣeta tad yathā bataraḥkāni saṃpatantīva dṛśyante tāni yadā na paśyet tad apy evam eva vidyāt | athāpy apidhāya karṇāv upaśṛṇuyāt sa eṣo 'gner iva prajvalato rathasyevopabditaṃ yadā na śṛṇuyāt tad apy evam eva vidyāt | athāpi yatra nīla ivāgra dṛśyate yathā mayūragrīvā meghe vā vidyutaṃ paśyen meghe vā vidyutaṃ na paśyen mahāmeghe vā marīcīr iva paśyet tad apy evam eva vidyāt | athāpi yatra bhūmiṃ jvalantīm iva paśyet tad apy evam eva vidyāt | iti pratyakcandradarśanāni | atha svapnāḥ | puruṣaṃ kṛṣṇaṃ kṛṣṇadantaṃ paśyati sa enaṃ hanti varāha enaṃ hanti markaṭa enam āskandayaty āśu vāyur enaṃ pravahati suvarṇaṃ khādity apagirati madhv aśnāti bisāni bhakṣayaty ekapuṇḍarīkaṃ dhārayati kharair vā rāhair vā yuktaiś carati kṛṣṇāṃ dhenuṃ kṛṣṇavatsāṃ naladamālī dakṣiṇāmukho vājayati | sa yad eteṣāṃ kiṃcit paśyed upoṣya pāyasaṃ sthālīpākaṃ śrapayitvā rātrisūktena pratyṛcaṃ hutvānyenānena brāhmaṇān bhojayitvā caruṃ svayaṃ praśnīyāt | sa yo 'to 'śruto 'gato 'mato 'nato 'dṛṣṭo 'vijñāto 'nādiṣṭaḥ śrotā mantā draṣṭeṣṭā ghoṣṭā vijñātā prajñātā sarveṣāṃ bhūtānām antaḥ puruṣaḥ sa ma ātmeti vidyāt || 4
'Milch-ergiebig' [dugdhadohā, wörtl. etwa 'melkbar', Bild unsicher] sind für ihn die Veden; wer sie [aber unbefugt] weitergibt, hat keinen Anteil [an ihrer Frucht], kennt nicht den Weg des Wohlgetanen. Dazu ist auch dies vom Ṛṣi gesagt: 'Wer den mitwissenden Gefährten preisgibt, der hat nicht einmal Anteil an der Rede. Hört er sie, hört er sie nur unvollständig, denn er kennt ja nicht den Weg des Wohlgetanen.' 'Er hat keinen Anteil, kennt nicht den Weg des Wohlgetanen' – das ist damit gesagt. Darum soll, wer dies weiß, das Feuer nur für einen Würdigen aufschichten, das Mahāvrata-Lob nur für einen Würdigen anstimmen; diesen [Lehr-]Tag verkünde man nicht einem Beliebigen. Freilich mag man es dem Vater oder dem Lehrer verkünden; das kommt ihm selbst zugute. Wir sagten: sowohl dieses körperliche, mit Erkenntnis begabte Selbst als auch jene Sonne – beide sind eines. Wo diese beiden [an Kraft] nachlassen [Todesanzeichen]: wenn der Mond wie die Sonne erscheint, wenn keine Strahlen mehr hervortreten, wenn der Himmel blutrot wird [Anm.: 'majjiṣṭhā vyaktaḥ pāyuḥ' unklar/verderbt überliefert], wenn sein Kopf nach dem Geruch eines Krähennests riecht – dann wisse man: 'Verschieden ist sein Selbst, es wird nicht mehr lange leben.' Was dann zu tun ist, soll man tun: sei es nahebei, sei es in der Ferne [?] – man rezitiere leise, beginnend mit 'pravrasya retaḥ' als einem Vers, 'yatra brahmā pavamāna' als sechs weiteren – ein Sechs-Paar, eins zur Rettung aus der Finsternis [Anm.: Vers- und Zahlenangabe unsicher]. Auch wenn man die Sonne gleichsam durchlöchert sieht, wie von Wagenradnaben durchsetzt, oder ein Loch oder einen Schatten [an ihrer Stelle] sähe, wisse man ebenso. Auch wenn man im Spiegel oder im Wasser [sein Spiegelbild] mit dem Kopf einer Zunge oder ohne Kopf sähe, oder verkehrt, oder wenn zwei Mädchen [statt eines] oder mit nur einer Zunge erschienen, wisse man ebenso. Auch wenn man, die Glieder bedeckend, dennoch [etwas wie] Beeren herabfallen sähe, und wenn man sie dann nicht mehr sähe, wisse man ebenso. Auch wenn man, die Ohren bedeckend, dennoch [ein Geräusch] höre wie von loderndem Feuer oder vom Rattern eines Wagens, und wenn man es dann nicht mehr höre, wisse man ebenso. Auch wenn man etwas Blaues sähe wie einen Pfauenhals, [und] in der Wolke einen Blitz sähe oder nicht sähe, oder in einer Gewitterwolke gleichsam Lichtstrahlen sähe, wisse man ebenso. Auch wenn man die Erde gleichsam brennen sähe, wisse man ebenso. So [lauten] die Anzeichen im gegenüberliegenden Mond/Spiegelbild [Anm.: 'pratyakcandra' unsicher]. Nun die Traumbilder [als Todesvorzeichen, Katalog sehr dunkel]: Man sieht einen schwarzen Mann mit schwarzen Zähnen – der erschlägt einen; ein Eber erschlägt einen; ein Affe springt einen an; rasch trägt einen der Wind fort; man verschlingt Gold; man isst Honig; man verzehrt Lotoswurzeln; man trägt einen einzelnen weißen Lotos; man fährt, von Eseln oder Kamelen gezogen; [man sieht] eine schwarze Kuh mit schwarzem Kalb; ein Schilfrohr-Bekränzter, nach Süden gewandt, spielt die Laute. Wenn er etwas von diesen [Zeichen] sähe, soll er fasten, Milchreis kochen, mit dem Nacht-Sūkta Vers für Vers Trankopfer darbringen, mit einem anderen [Spruch] Brahmanen speisen und den übrigen Opferbrei selbst essen. Wer nicht [von außen] gehört, nicht gegangen, nicht gedacht, nicht gebeugt, nicht gesehen, nicht erkannt, nicht angewiesen [ist, sondern selbst] der Hörende, Denkende, Sehende, Wollende, Vernehmende, Erkennende, Wissende – der innere Puruṣa aller Wesen: der, so wisse man, ist mein Selbst.
Wort für Wort
dugdhadohā asya vedāḥ
'milch-ergiebig' sind ihm die Veden [Bild unsicher]
na tasyānūkte bhāgo 'sti
wer sie unbefugt weitergibt, hat keinen Anteil
na veda sukṛtasya panthānam
kennt nicht den Weg des Wohlgetanen
parasmā agniṃ cinuyāt
man schichte das Feuer nur für einen Würdigen
pratyakcandradarśanāni
die Anzeichen im gegenüberliegenden Mond/Spiegelbild [unsicher]
svapnāḥ
die Traumbilder (als Todesvorzeichen)
puruṣaṃ kṛṣṇaṃ kṛṣṇadantaṃ paśyati
man sieht einen schwarzen Mann mit schwarzen Zähnen (Todesomen)
upoṣya pāyasaṃ sthālīpākaṃ śrapayitvā
er faste und koche Milchreis (Gegenritual)
yaḥ...sarveṣāṃ bhūtānām antaḥ puruṣaḥ sa ma ātmā
der innere Puruṣa aller Wesen, das ist mein Selbst
Nun ist dies fürwahr die Geheimlehre von aller Rede. Zwar sind dies alles Geheimlehren von aller Rede, doch eben diese nennt man so [im Besonderen]: Der Erde Gestalt sind die Berührungslaute (sparśa), des Luftraums die Reibelaute (ūṣman), des Himmels die Vokale (svara). Des Feuers Gestalt sind die Berührungslaute, des Windes die Reibelaute, der Sonne die Vokale. Des Ṛgveda Gestalt sind die Berührungslaute, des Yajurveda die Reibelaute, des Sāmaveda die Vokale. Des Auges Gestalt sind die Berührungslaute, des Gehörs die Reibelaute, des Denkens die Vokale. Des Atems Gestalt sind die Berührungslaute, des Ausatems die Reibelaute, des Zwischenatems die Vokale. Nun gibt es fürwahr diese göttliche Vīṇā [Laute]; ihr Abbild ist jene menschliche Vīṇā. Wie deren [der göttlichen] Kopf, so ist jener [der menschlichen] Kopf; wie deren Bauch, so ist jener Resonanzkörper; wie deren Zunge, so ist jenes Anschlagen [der Saiten]; wie deren Saiten, so sind jene Finger; wie deren Vokale, so sind jene Töne; wie deren Berührungslaute, so sind jene Anschläge. So wie diese [die göttliche] tönend ist, dann [erst] schützt sie; ebenso ist jene tönend, dann erst schützt sie. Und so wie diese mit einem behaarten Fell bedeckt ist, ebenso ist jene mit einem behaarten Fell bedeckt; man pflegte nämlich einst die Vīṇā mit einem behaarten Fell zu bedecken. Wer diese göttliche Vīṇā so kennt, dessen Nachkommenschaft wird [wie] gehört [berühmt], sein Ruhm erstreckt sich über die Erde; wo immer die Edlen Rede führen, dort kennt man ihn. Nun der 'Wortretter' [Schutzformel für die Rede]: In welcher Versammlung man, sei es studierend, sei es sprechend, nicht zu glänzen vermöchte, dort rezitiere man diesen Vers: 'Die mit den Lippen verhüllte Mungo-artige, von Zähnen umgeben, der Blitzkeil – sie, die Herrscherin über alle Rede, möge lieblich durch mich hier sprechen.' [Anm.: Vers sehr dunkel, wohl ein Schutzzauber gegen Sprachlosigkeit im Streitgespräch.] So [lautet] der 'Wortretter'.
Wort für Wort
sarvasyai vāca upaniṣat
die Geheimlehre von aller Rede
pṛthivyā rūpaṃ sparśāḥ
der Erde Gestalt sind die Berührungslaute
antarikṣasya ūṣmāṇaḥ, divaḥ svarāḥ
des Luftraums die Reibelaute, des Himmels die Vokale
ṛgvedasya...yajurvedasya...sāmavedasya
Ṛg-, Yajur-, Sāmaveda (dieselbe Dreiheit)
cakṣuṣaḥ...śrotrasya...manasaḥ
Auge, Gehör, Denken (dieselbe Dreiheit)
prāṇasya...apānasya...vyānasya
Prāṇa, Apāna, Vyāna (dieselbe Dreiheit)
daivī vīṇā, mānuṣī vīṇā
die göttliche Vīṇā (Laute), ihr menschliches Abbild
atha hāsmā etat kṛṣṇahārito vāgbrāhmaṇam ivopodāharati | prajāpatiḥ prajāḥ sṛṣṭvā vyaśraṃsata saṃvatsaraḥ | sa chandobhir ātmānaṃ samadadhāc chandobhir ātmānaṃ samadhāt tasmāt saṃhitā | tasyai vā etasyai saṃhitāyai ṇakāro balaṃ ṣakāraḥ prāṇa ātmā | sa yo haitau ṇakāraṣakārāv anusaṃhitam ṛco veda sabalāṃ saprāṇāṃ saṃhitāṃ vedāyuṣyam iti vidyāt | sa yadi vicikitset sa ṇakāraṃ bravāṇīṃ3 aṇakārāṃ3 iti sa ṇakāram eva brūyāt sa ṣakāraṃ bravāṇīṃ3 aṣakārāṃ3 iti sa ṣakāram eva brūyāt | te yad vayam anusaṃhitam ṛco 'dhīmahe yac ca māṇḍūkeyīyam adhyāyaṃ prabrūmas tena no ṇakāraṣakārā upāghātā iti ha smāha hrasvo māṇḍūkeyaḥ | atha yad vayam anusaṃhitam ṛco 'dhīmahe yac ca māṇḍūkeyīyam adhyāyaṃ prabrūmas tena no ṇakāraṣakārā upāghātā iti ha smāha sthaviraḥ śākalyaḥ | etad dha sma vai tad vidvāṃsa āhur ṛṣayaḥ kāvaṣeyāḥ kimarthaṃ vayam adhyeṣyāmahe kimarthaṃ vayaṃ yajyāmahe vāci hi prāṇaṃ juhumaḥ prāṇe vā vācaṃ yo hy eva prabhavaḥ sa evāpyayaḥ | tā etāḥ saṃhitā nānantevāsine prabrūyān nāsaṃvatsaravāsine nāpravaktre nāpraṣṭre 'saṃvidita brahmacarye | asaṃvidita brahmacarya ity ācāryā ācāryāḥ || 6 || ity aitareye tṛtīyāraṇyake dvitīyo 'dhyāyaḥ || iti tṛtīyāraṇyakaṃ samāptam ||
Dazu trägt Kṛṣṇahārita gleichsam eine Vāc-Brāhmaṇa-Lehre vor: Prajāpati, nachdem er die Geschöpfe erschaffen hatte, zerfiel [in seine Teile]; das Jahr [sammelte ihn wieder]. Es fügte sich selbst mit den Versmaßen zusammen; mit den Versmaßen fügte es sich zusammen, daher [der Name] 'Saṃhitā' [die Zusammengefügte]. Von dieser Saṃhitā ist der Laut 'ṇ' die Kraft, der Laut 'ṣ' das Atem-Selbst. Wer diese beiden Laute 'ṇ' und 'ṣ' als mit dem Ṛc-Vers verbunden kennt, der kennt, so wisse man, die Lautverbindung mit Kraft und mit Atem versehen – [das führt] zu langem Leben. Wenn er zweifeln sollte, [ob er] den Laut 'ṇ' [sprechen solle] oder nicht, so spreche er eben den Laut 'ṇ'; wenn er zweifeln sollte, [ob er] den Laut 'ṣ' [sprechen solle] oder nicht, so spreche er eben den Laut 'ṣ'. 'Dass wir den mit dem Ṛc-Vers verbundenen [Text] studieren und das Māṇḍūkeya-Kapitel vortragen – dadurch mögen uns die Laute 'ṇ' und 'ṣ' nicht schaden' – so pflegte Hrasva Māṇḍūkeya zu sagen. Dasselbe – 'dass wir den mit dem Ṛc-Vers verbundenen [Text] studieren und das Māṇḍūkeya-Kapitel vortragen – dadurch mögen uns die Laute 'ṇ' und 'ṣ' nicht schaden' – pflegte auch der Alte Śākalya zu sagen. Dazu pflegten auch die kundigen Ṛṣis, die Kāvaṣeyas, zu sagen: 'Wozu wollen wir studieren, wozu wollen wir opfern? In die Rede legen wir ja den Atem, in den Atem die Rede; denn woraus [alles] entsteht, dahinein vergeht es auch wieder.' Diese Lautverbindungen soll man keinem mitteilen, der nicht [beim Lehrer] wohnt, der nicht ein [volles] Jahr [bei ihm] gewohnt hat, der nicht [selbst später] weiterlehren wird, der nicht [danach] fragt, dessen Schülerschaft (brahmacarya) nicht [durch Prüfung] bestätigt ist. 'Nicht bestätigte Schülerschaft' [heißt es] – [nur] Lehrer [dürfen es weitergeben]. — So endet im Aitareya-Āraṇyaka, im dritten Āraṇyaka, der zweite Adhyāya. So ist das dritte Āraṇyaka vollendet.
Wort für Wort
kṛṣṇahārito vāgbrāhmaṇam ivopodāharati
Kṛṣṇahārita trägt eine Vāc-Brāhmaṇa-Lehre vor
prajāpatiḥ prajāḥ sṛṣṭvā vyaśraṃsata
Prajāpati zerfiel, nachdem er die Geschöpfe erschaffen hatte
chandobhir ātmānaṃ samadadhāt, tasmāt saṃhitā
er fügte sich mit den Versmaßen zusammen, daher 'Saṃhitā'
ṇakāro balam, ṣakāraḥ prāṇa ātmā
der Laut ṇ ist die Kraft, der Laut ṣ das Atem-Selbst
hrasvo māṇḍūkeyaḥ...sthaviraḥ śākalyaḥ
Hrasva Māṇḍūkeya ... der Alte Śākalya (beide zitiert)
ṛṣayaḥ kāvaṣeyāḥ
die Ṛṣis Kāvaṣeyas
vāci prāṇaṃ juhumaḥ, prāṇe vācam
wir legen den Atem in die Rede, die Rede in den Atem
yo hy eva prabhavaḥ sa evāpyayaḥ
woraus es entsteht, dahinein vergeht es auch
nānantevāsine prabrūyāt
man teile es keinem mit, der nicht beim Lehrer wohnt