Quellen der Menschheit

Mṛgendra-Āgama

Paṭala 10: daśamaḥ paṭalaḥ Paṭala 10: Die Tattva-Hierarchie – von Kalā bis zu den drei Guṇas und der Buddhi

Fortsetzung des Mṛgendrāgama-Vidyāpāda (Quelle wie vorherige Kapitel). Dieses Paṭala (30 Verse) entfaltet systematisch die zwischen Seele und materieller Welt vermittelnde Tattva-Kette der Śaiva-Siddhānta-Kosmologie: die fünf 'Hüllen' (Kañcuka) Kalā, Vidyā, Rāga, Kāla und Niyati (mit etymologischer Erklärung von 'Kalā'), das Puruṣa-Prinzip, Pradhāna/Prakṛti mit den drei untrennbaren Guṇas (Sattva/Rajas/Tamas), sowie die Buddhi mit ihren vier sattvisch/tamasisch gepaarten Grunddispositionen (Dharma/Jñāna/Vairāgya/Aiśvarya) und den daraus abgeleiteten, in Gruppen gegliederten 'Pratyaya'-Anschauungen (u.a. die 'acht Siddhis'), klassifiziert als angeboren (sāṃsiddhika), anerzogen (vainayika) oder naturbedingt (prākṛta) – mit jeweils unterschiedlichen, teils gehinderten Folgen. Enthält auch eine kurze dialektische Passage gegen eine rein karma-deterministische Position. Wegen der extremen technischen Dichte, insbesondere in den listenartigen Schlussversen (29-30) in abweichendem Versmaß, außergewöhnlich viele [?]-Markierungen.

granthijanyaṃ kalākāla- vidyārāganṛmātaraḥ / guṇadhīgarvacittākṣa- mātrābhūtānyanukramāt //

Aus dem [Mala-]Knoten entstehen, der Reihe nach: Kalā, Kāla, Vidyā [und] Rāga – die 'Mütter des Menschen' [d.h. seine grundlegenden Trägerprinzipien] [?] –, [sodann] die [drei] Erscheinungsweisen (Guṇa), der Intellekt (Dhī), das Ich-Prinzip (Garva), das Denkorgan (Citta), die Sinne (Akṣa), die feinstofflichen Elemente (Mātrā) und die groben Elemente (Bhūta).

Wort für Wort
granthijanyaṃ kalākālavidyārāganṛmātaraḥ
aus dem Knoten [der Bindung] entstehen Kalā, Kāla, Vidyā [und] Rāga, die 'Mütter des Menschen'
guṇadhīgarvacittākṣa-mātrābhūtānyanukramāt
[sodann] Guṇa, Dhī, Garva, Citta, Akṣa, Mātrā [und] Bhūta, der Reihe nach

[?] Programmatischer Eröffnungsvers des Paṭala: Überblicksliste der von hier an entfalteten Tattva-Hierarchie (die fünf 'Hüllen' Kalā/Vidyā/Rāga/Kāla/Niyati, dann Puruṣa, Pradhāna/Guṇas, Buddhi, Ahaṃkāra, Manas, Sinne, Tanmātras, Bhūtas). Die Deutung von 'nṛmātaraḥ' als 'Mütter des Menschen' (d.h. grundlegende Trägerprinzipien) ist unsicher; Niyati fehlt in dieser Aufzählung und wird erst in V.14 eingeführt.

vidhatte dehasiddhyarthaṃ yatsākṣādyatpadāntarāt / yathā yunakti yaddhetos tādṛktadadhunocyate //

Wie jedes [dieser Prinzipien] zur Herstellung des [individuellen] Körpers beiträgt – sei es unmittelbar oder über eine Zwischenstufe –, wie es [jeweils] wirkt und aus welchem Grund, dies wird nun entsprechend dargelegt.

Wort für Wort
vidhatte dehasiddhyarthaṃ yatsākṣādyatpadāntarāt
wie [jedes Prinzip] zur Körperherstellung beiträgt, sei es unmittelbar oder über eine Zwischenstufe
yathā yunakti yaddhetos tādṛktadadhunocyate
wie es wirkt und aus welchem Grund, dies wird nun entsprechend dargelegt

kartṛśaktiraṇornityā vibhvī ceśvaraśaktivat / tamaśchannatayārtheṣu nābhāti niranugrahā // tadanugrāhakaṃ tattvaṃ kalākhyaṃ taijasaṃ haraḥ / māyāṃ vikṣobhya kurute pravṛttyaṅgaṃ paraṃ hi tat //

Die Wirkkraft der [individuellen, 'atomaren'] Seele ist ewig und alldurchdringend, ähnlich der Macht des Herrn; doch verdeckt durch die Finsternis [des Mala] erscheint sie hinsichtlich der [weltlichen] Objekte nicht, ohne [dessen] Gnade. Das jene [Wirkkraft] begnadende Prinzip, genannt 'Kalā', von feuriger Natur [?], erschafft Hara [Śiva], indem er die Māyā aufwühlt, als [dieses] vorrangige Werkzeug der [weltlichen] Aktivität.

Wort für Wort
kartṛśaktiraṇornityā vibhvī ceśvaraśaktivat
die Wirkkraft der [individuellen] Seele ist ewig und alldurchdringend, ähnlich der Macht des Herrn
tamaśchannatayārtheṣu nābhāti niranugrahā
verdeckt durch die Finsternis [des Mala] erscheint sie hinsichtlich der Objekte nicht, ohne [Śivas] Gnade
tadanugrāhakaṃ tattvaṃ kalākhyaṃ taijasaṃ
das jene Wirkkraft begnadende Prinzip, genannt 'Kalā', von feuriger Natur
haraḥ māyāṃ vikṣobhya kurute pravṛttyaṅgaṃ paraṃ hi tat
erschafft Hara, indem er die Māyā aufwühlt, als dieses vorrangige Werkzeug der Aktivität

[?] Einführung des ersten der fünf 'Kañcuka'-Hüllenprinzipien: Kalā, das die durch Mala verdeckte Handlungskraft der Seele partiell freisetzt.

tena pradīpakalpena tadāsvacchaciteraṇoḥ / prakāśayatyekadeśaṃ vidārya timiraṃ ghanam // kala ityeṣa yo dhātuḥ saṃkhyāne preraṇe ca saḥ / protsāraṇaṃ preraṇaṃ sā kurvatī tamasaḥ kalā //

Mittels jener, einer Lampe vergleichbaren Kalā, erhellt [Śiva] sodann für die Seele mit getrübtem Bewusstsein einen Teilbereich, indem er die dichte Finsternis [des Mala] durchbricht. Die Wurzel 'kal' bedeutet 'zählen' und 'antreiben'; jene [Kraft], welche dieses 'Zurückdrängen', [d.h.] 'Antreiben', der Finsternis bewirkt, [heißt daher] 'Kalā'.

Wort für Wort
tena pradīpakalpena tadāsvacchaciteraṇoḥ
mittels jener, einer Lampe vergleichbaren Kalā, für die Seele mit getrübtem Bewusstsein
prakāśayatyekadeśaṃ vidārya timiraṃ ghanam
erhellt [Śiva] sodann einen Teilbereich, indem er die dichte Finsternis durchbricht
kala ityeṣa yo dhātuḥ saṃkhyāne preraṇe ca saḥ
die Wurzel 'kal' bedeutet 'zählen' und 'antreiben'
protsāraṇaṃ preraṇaṃ sā kurvatī tamasaḥ kalā
jene Kraft, die dieses Zurückdrängen der Finsternis bewirkt, heißt 'Kalā'

Etymologische Erklärung des Namens 'Kalā' aus der Verbwurzel kal ('zählen, antreiben').

ityetadubhayaṃ vipra saṃbhūyānanyavatsthitam / bhogakriyāvidhau jantor nijaguḥ kartṛkārakam // evaṃ vyaktakriyāśaktir didṛkṣurgocaraṃ dṛśaḥ / bhajatyanugrahāpekṣaṃ svayaṃ draṣṭumaśaknuvat //

So, o Brahmane, haben [die Weisen] diese beiden – Wirkkraft der Seele und Kalā –, zusammenwirkend und wie untrennbar bestehend, für das Wirken von Erfahrung und Handlung des [verkörperten] Geschöpfes als [bewirkende] Ursache erklärt. So bleibt die [Seele], deren Handlungskraft nun manifest geworden ist, zwar begierig, das Blickfeld der Wahrnehmung zu erschauen, jedoch, da sie aus sich selbst nicht zu sehen vermag, [weiterhin] auf eine [weitere] Gnadengabe angewiesen.

Wort für Wort
ityetadubhayaṃ vipra saṃbhūyānanyavatsthitam
so, o Brahmane, [gelten] diese beiden, zusammenwirkend und wie untrennbar bestehend
bhogakriyāvidhau jantor nijaguḥ kartṛkārakam
für das Wirken von Erfahrung und Handlung des Geschöpfes als [bewirkende] Ursache
evaṃ vyaktakriyāśaktir didṛkṣurgocaraṃ dṛśaḥ
so wird die Seele, deren Handlungskraft manifest ist, begierig, das Blickfeld der Wahrnehmung zu erschauen
bhajatyanugrahāpekṣaṃ svayaṃ draṣṭumaśaknuvat
bleibt aber, da sie aus sich selbst nicht sehen kann, auf [weitere] Gnade angewiesen

tadarthaṃ kṣobhayitveśaḥ kalāmeva janikṣamām / tattvaṃ vidyākhyamasṛjat karaṇaṃ paramātmanaḥ // tena prakāśarūpeṇa jñānaśaktiprarocinā / sarvakārakaniṣpādyam avaiti viṣayaṃ param //

Zu diesem Zweck erschuf der Herr, indem er eben jene erzeugungsfähige Kalā aufwühlte, das Prinzip namens 'Vidyā' – [ein weiteres] Werkzeug der [erfahrenden] Seele [?]. Mittels jener, in Form von Erhellung wirkenden, die Erkenntniskraft anregenden Vidyā erkennt [die Seele] nacheinander die durch alle Sinnes-Werkzeuge erreichbaren Objekte.

Wort für Wort
tadarthaṃ kṣobhayitveśaḥ kalāmeva janikṣamām
zu diesem Zweck, indem er eben jene erzeugungsfähige Kalā aufwühlte
tattvaṃ vidyākhyamasṛjat karaṇaṃ paramātmanaḥ
erschuf der Herr das Prinzip namens 'Vidyā' als Werkzeug der Seele
tena prakāśarūpeṇa jñānaśaktiprarocinā
mittels jener, in Form von Erhellung wirkenden, die Erkenntniskraft anregenden [Vidyā]
sarvakārakaniṣpādyam avaiti viṣayaṃ param
erkennt [die Seele] nacheinander die durch alle Sinnes-Werkzeuge erreichbaren Objekte

[?] Einführung des zweiten Kañcuka-Prinzips, Vidyā ('beschränktes Wissen'); 'paramātmanaḥ' hier vermutlich auf die erfahrende [gebundene] Seele bezogen, nicht auf Śiva selbst.

tadabhivyaktacicchakti- dṛṣṭārtho 'pyapipāsitaḥ / naiti taṃ janakaṃ rāgaṃ tasmādevāsṛjatprabhuḥ // sa tena rañjito bhogyaṃ malīmasamapi spṛhan / ādatte na ca bhuñjāno virāgamadhigacchati //

[Die Seele], deren Bewusstseinskraft dadurch offenbar geworden ist, gelangt, obwohl sie nun Objekte wahrnimmt, dennoch ohne [eigenes] Verlangen nicht zu jener erzeugenden Anhaftung (Rāga); deshalb erschuf der Herr eben [dieses Prinzip]. Von jener [Rāga] gefärbt, ergreift die Seele, selbst nach Unreinem verlangend, die Erfahrungsobjekte, und gelangt, während sie [diese] genießt, nicht zur Leidenschaftslosigkeit.

Wort für Wort
tadabhivyaktacicchaktidṛṣṭārtho 'pyapipāsitaḥ
die Seele, deren Bewusstseinskraft offenbar geworden ist, [bleibt] trotz Objektwahrnehmung ohne Verlangen
naiti taṃ janakaṃ rāgaṃ tasmādevāsṛjatprabhuḥ
sie gelangt nicht zur erzeugenden Anhaftung; deshalb erschuf der Herr eben [diese, Rāga]
sa tena rañjito bhogyaṃ malīmasamapi spṛhan
von jener [Rāga] gefärbt, selbst nach Unreinem verlangend
ādatte na ca bhuñjāno virāgamadhigacchati
ergreift sie [die Objekte] und gelangt, während sie genießt, nicht zur Leidenschaftslosigkeit

Einführung des dritten Kañcuka-Prinzips, Rāga (Anhaftung/Begehren).

iti pravṛttaḥ karaṇaiḥ kāryarūḍhaiḥ sabhauvanaiḥ / bhogabhūmiṣu nā bhuṅkte bhogānkālānuvartinaḥ //

So, aktiviert durch die nunmehr als Wirkungen etablierten Werkzeuge zusammen mit den [entsprechenden] Weltbereichen, genießt die Seele in den Erfahrungsstätten die zeitgebundenen Erfahrungen.

Wort für Wort
iti pravṛttaḥ karaṇaiḥ kāryarūḍhaiḥ sabhauvanaiḥ
so, aktiviert durch die als Wirkungen etablierten Werkzeuge zusammen mit den Weltbereichen
bhogabhūmiṣu nā bhuṅkte bhogānkālānuvartinaḥ
genießt die Seele in den Erfahrungsstätten die zeitgebundenen Erfahrungen

tuṭyādipratyayasyārthaḥ kālo māyāsamudbhavaḥ / kalayannā samutthānān niyatyā niyataṃ paśum //

Der Grund der Vorstellung von 'Augenblick' u.ä. Zeiteinheiten ist die aus der Māyā entstandene Zeit (Kāla), die, [selbst erst] aus [ihrem eigenen] Entstehen [heraus] Maß gebend [?], zusammen mit Niyati die [nunmehr] gebundene Seele (Paśu) [beschränkt].

Wort für Wort
tuṭyādipratyayasyārthaḥ kālo māyāsamudbhavaḥ
der Grund der Vorstellung von 'Augenblick' u.ä. ist die aus der Māyā entstandene Zeit (Kāla)
kalayannā samutthānān niyatyā niyataṃ paśum
die, aus ihrem Entstehen heraus Maß gebend, zusammen mit Niyati die gebundene Seele beschränkt

[?] Einführung des vierten Kañcuka-Prinzips (Kāla, 'Zeit') sowie beiläufig des fünften (Niyati, 'Notwendigkeit/Schicksalsbestimmung').

sasādhanasya bhogasya karmatantratayā jaguḥ / kecinniyāmakaṃ karma yadanyadatiricyate // bhogo 'rthaḥ sarvatattvānāṃ so 'pi karmanibandhanaḥ / karmaivāstu śarīrādi tataḥ sarvamapārthakam //

[Einwand:] Manche [Gelehrte] erklären, das Karma sei, insofern die Erfahrung samt ihren Mitteln [ganz] von ihm abhängt, das [alleinige] bestimmende [Prinzip] – alles, was darüber hinausginge, sei überflüssig. Erfahrung ist der Zweck aller [zuvor genannten] Prinzipien, und auch sie selbst ist an das Karma gebunden; so möge doch das Karma allein [Ursache] von Körper usw. sein – dann wären alle [übrigen Prinzipien] überflüssig.

Wort für Wort
sasādhanasya bhogasya karmatantratayā jaguḥ
[manche erklären], da Erfahrung samt ihren Mitteln von ihm abhängt
kecinniyāmakaṃ karma yadanyadatiricyate
sei das Karma das [alleinige] bestimmende Prinzip – alles Weitere überflüssig
bhogo 'rthaḥ sarvatattvānāṃ so 'pi karmanibandhanaḥ
Erfahrung ist der Zweck aller Prinzipien, und auch sie ist an das Karma gebunden
karmaivāstu śarīrādi tataḥ sarvamapārthakam
so möge Karma allein [Ursache] von Körper usw. sein – dann wären alle übrigen [Prinzipien] überflüssig

Darstellung einer gegnerischen (karma-deterministischen) Position, die im Folgenden widerlegt wird.

atha dehādisāpekṣaṃ tatpumarthaprasādhakam / tato niyatisāpekṣam astu karma niyāmakam // puṃstattvaṃ tata evābhūt puṃspratyayanibandhanam / āpūrakaṃ pradhānāder bhauvanerudrasaṃśrayam //

Da nun aber jenes Karma selbst [wiederum das Vorhandensein von] Körper usw. voraussetzt, um die Ziele der Seele zu verwirklichen, ist das Karma [nur] als von Niyati abhängiges bestimmendes [Prinzip anzuerkennen]. Aus eben diesem [Zusammenhang] entstand [ferner] das Puruṣa-Prinzip, die Grundlage des Ich-Bewusstseins – als Ergänzung zu Pradhāna [Prakṛti] u.a. Prinzipien im weltlichen Bereich, unter der Obhut Rudras.

Wort für Wort
atha dehādisāpekṣaṃ tatpumarthaprasādhakam
da jenes Karma selbst Körper usw. voraussetzt, um die Ziele der Seele zu verwirklichen
tato niyatisāpekṣam astu karma niyāmakam
ist das Karma [nur] als von Niyati abhängiges bestimmendes Prinzip [anzuerkennen]
puṃstattvaṃ tata evābhūt puṃspratyayanibandhanam
aus eben diesem [Zusammenhang] entstand das Puruṣa-Prinzip, die Grundlage des Ich-Bewusstseins
āpūrakaṃ pradhānāder bhauvanerudrasaṃśrayam
als Ergänzung zu Pradhāna u.a. im weltlichen Bereich, unter der Obhut Rudras

Widerlegung der karma-deterministischen Position (V.15-16): Karma selbst bedarf der übergeordneten Niyati; Einführung des Puruṣa-Tattva.

tataḥ prādhānikaṃ tattvaṃ kalātattvādajījanat / saptagranthinidānasya yattadgauṇasya kāraṇam // tato buddhyādyupādānaṃ gauṇaṃ sattvaṃ rajastamaḥ / tadvṛttayaḥ prakāśādyāḥ prasiddhā eva bhūyasā //

Sodann brachte [dieses Gefüge], [letztlich zurückgehend] auf das Kalā-Prinzip [?], das Prinzip Pradhāna [Prakṛti] hervor – die Ursache dessen, was den 'Guṇa'-[Bereich ausmacht, und zugleich] den Ursprung des siebenfachen Knotens [der vorangehenden Hüllenprinzipien] [?]. Von da [aus wirkt] das aus Guṇa [bestehende Pradhāna] als materielle Ursache von Buddhi u.a. – Sattva, Rajas [und] Tamas; ihre Funktionen – Erhellung u.a. – sind größtenteils wohlbekannt.

Wort für Wort
tataḥ prādhānikaṃ tattvaṃ kalātattvādajījanat
sodann brachte [dieses Gefüge], letztlich auf Kalā zurückgehend, das Pradhāna-Prinzip hervor
saptagranthinidānasya yattadgauṇasya kāraṇam
die Ursache des 'Guṇa'-Bereichs, [zugleich] Ursprung des siebenfachen Knotens
tato buddhyādyupādānaṃ gauṇaṃ sattvaṃ rajastamaḥ
von da [aus wirkt] das aus Guṇa bestehende [Pradhāna] als materielle Ursache von Buddhi u.a. – Sattva, Rajas, Tamas
tadvṛttayaḥ prakāśādyāḥ prasiddhā eva bhūyasā
ihre Funktionen – Erhellung u.a. – sind größtenteils wohlbekannt

[?] Einführung von Pradhāna (Prakṛti) und der drei Guṇas; 'saptagranthi' ('siebenfacher Knoten') vermutlich Bezug auf die Kette der sieben bislang genannten Hüllenprinzipien (Kalā/Vidyā/Rāga/Kāla/Niyati/Puruṣa/Pradhāna), Deutung unsicher.

trayo guṇāstathāpyekaṃ tattvaṃ tadaviyogataḥ / ekaikaśrutireteṣāṃ vṛttyādhikyanibandhanā // na tadasti jagatyasmin vastu kiñcidacetanam / yanna vyāptaṃ guṇairyasminn eko vāmiśrako guṇaḥ //

Die drei Guṇas bilden, da untrennbar, dennoch [nur] ein einziges Prinzip; die [schriftliche] Erwähnung jedes Einzelnen von ihnen beruht [jeweils] auf dem Vorherrschen der betreffenden Funktion. Es gibt in dieser Welt kein bewusstloses Ding, das nicht von den Guṇas durchdrungen wäre, noch eines, in dem ein einzelner Guṇa unvermischt [von den anderen] bestünde.

Wort für Wort
trayo guṇāstathāpyekaṃ tattvaṃ tadaviyogataḥ
die drei Guṇas bilden, da untrennbar, [nur] ein einziges Prinzip
ekaikaśrutireteṣāṃ vṛttyādhikyanibandhanā
die Erwähnung jedes Einzelnen beruht auf dem Vorherrschen der betreffenden Funktion
na tadasti jagatyasmin vastu kiñcidacetanam
es gibt in dieser Welt kein bewusstloses Ding
yanna vyāptaṃ guṇairyasminn eko vāmiśrako guṇaḥ
das nicht von den Guṇas durchdrungen wäre, noch eines mit einem unvermischten Einzel-Guṇa

buddhitattvaṃ tato nānā- bhāvapratyayalakṣaṇam / paraṃ tadātmano bhogyaṃ vakṣyamāṇārthasaṃskṛtam // bhāvā buddhiguṇā dharma- jñānavairāgyabhūtayaḥ / sāttvikā vyatyayenaite rāgamutsṛjya tāmasāḥ // pratyayāstadupādānās te 'ṣṭau nava caturguṇāḥ / sapta pañca ca vikhyātāḥ siddhyādyā vargaśo mune //

Das Buddhi-Prinzip, [entstanden] aus jenem [Pradhāna], gekennzeichnet durch mannigfaltige Gemütszustände (bhāva), ist das vorrangige Erfahrungsobjekt der Seele, ausgestaltet durch die sogleich zu erläuternden Inhalte. Die [vier] Gemütszustände – Eigenschaften der Buddhi – sind Rechtschaffenheit (Dharma), Erkenntnis (Jñāna), Leidenschaftslosigkeit (Vairāgya) [und] Macht (Bhūti) in ihrer sattvischen Form; durch Umkehrung – wobei an die Stelle der Vairāgya die Rāga [Leidenschaft] tritt – werden diese zu ihren tamasischen Gegenstücken. Die weiteren, davon abgeleiteten Anschauungen, o Weiser, sind in Gruppen zu acht, neun, vier, sieben und fünf gegliedert und unter der Bezeichnung 'Siddhi' u.a. bekannt.

Wort für Wort
buddhitattvaṃ tato nānābhāvapratyayalakṣaṇam
das Buddhi-Prinzip, aus Pradhāna entstanden, gekennzeichnet durch mannigfaltige Gemütszustände
paraṃ tadātmano bhogyaṃ vakṣyamāṇārthasaṃskṛtam
ist das vorrangige Erfahrungsobjekt der Seele, ausgestaltet durch die sogleich zu erläuternden Inhalte
bhāvā buddhiguṇā dharmajñānavairāgyabhūtayaḥ
die Gemütszustände – Eigenschaften der Buddhi – sind Dharma, Jñāna, Vairāgya und Bhūti, sattvisch
sāttvikā vyatyayenaite rāgamutsṛjya tāmasāḥ
durch Umkehrung – mit Rāga statt Vairāgya – werden diese zu ihren tamasischen Gegenstücken
pratyayāstadupādānās te 'ṣṭau nava caturguṇāḥ
die davon abgeleiteten Anschauungen sind in Gruppen zu acht, neun, vier[fach]
sapta pañca ca vikhyātāḥ siddhyādyā vargaśo mune
sieben und fünf, unter der Bezeichnung 'Siddhi' u.a. bekannt, o Weiser

Einführung der Buddhi und ihrer vier sattvischen/tamasischen Grunddispositionen (dharma/jñāna/vairāgya/aiśvarya und ihre Gegensätze) sowie Vorverweis auf die im folgenden Paṭala 11 detailliert behandelten Pratyaya-Gruppen (u.a. die 'acht Siddhis').

bhāvāḥ sapratyayāsteṣāṃ leśāllakṣaṇamucyate / sāṃsiddhikā vainayikāḥ prākṛtāśca bhavantyaṇoḥ // viśiṣṭadharmasaṃskāra- samuddīpitacetasām / guṇaḥ sāṃsiddhiko bhāti dehābhāve 'pi pūrvavat // lokadhīguruśāstrebhyo bhāti vainayiko guṇaḥ / samarjito vainayiko manovāktanuceṣṭayā //

Von diesen Gemütszuständen samt den zugehörigen Anschauungen wird nun kurz das [wesentliche] Merkmal dargelegt: sie kommen der [gebundenen] Seele in dreierlei Form zu – als 'angeboren' (sāṃsiddhika), als '[durch] Erziehung [erworben]' (vainayika) und als 'naturbedingt' (prākṛta). Bei denjenigen, deren Bewusstsein durch besondere, aus [früherem] Dharma [stammende] Prägungen erweckt ist, offenbart sich die 'angeborene' Eigenschaft, selbst ohne physischen Körper, wie zuvor. Aus [der Erfahrung der] Welt, aus eigenem Verstand, aus Lehrern und aus den Schriften ergibt sich die 'anerzogene' Eigenschaft; die so anerzogene [Eigenschaft] wird [weiter] durch das Wirken von Denken, Rede und Körper gefestigt.

Wort für Wort
bhāvāḥ sapratyayāsteṣāṃ leśāllakṣaṇamucyate
von diesen Gemütszuständen samt Anschauungen wird nun kurz das Merkmal dargelegt
sāṃsiddhikā vainayikāḥ prākṛtāśca bhavantyaṇoḥ
sie kommen der Seele in dreierlei Form zu: angeboren, anerzogen, naturbedingt
viśiṣṭadharmasaṃskārasamuddīpitacetasām guṇaḥ sāṃsiddhiko bhāti dehābhāve 'pi pūrvavat
bei durch besondere Dharma-Prägungen erweckten Personen offenbart sich die angeborene Eigenschaft, selbst ohne Körper
lokadhīguruśāstrebhyo bhāti vainayiko guṇaḥ
aus Welt, eigenem Verstand, Lehrern und Schriften ergibt sich die anerzogene Eigenschaft
samarjito vainayiko manovāktanuceṣṭayā
die anerzogene [Eigenschaft] wird durch Denken, Rede und Körper [weiter] gefestigt

prākṛto dehasaṃyoge vyaktaḥ svapnādibodhavat / svargo muktiḥ prakṛtitvā- vighātau yonikrāntirnirayāvāptibandhau / rūpeṣvarthā vainayaprākṛteṣu sampadyante savighātāḥ krameṇa // vaśyākrāntistatparijñānayogo bhogānicchā vighnasaṃghavyapāyaḥ / bhogāsaktirnyakkṛtirdehalabdhir vighnaścārthāsteṣu sāṃsiddhikeṣu //

Die 'naturbedingte' [Eigenschaft] wird bei Verbindung mit einem Körper offenbar, ähnlich dem [spontanen] Erwachen im Traum u.ä. [?] Himmel und Befreiung ergeben sich in ihrer unangefochtenen, naturhaften Form; Wiedergeburt durch den Mutterschoß sowie das Erlangen der Hölle entsprechen der gehinderten Form, samt [weiterer] Bindung; entsprechend ergeben sich diese Ergebnisse in der 'anerzogenen' und der 'naturbedingten' Kategorie, der Reihe nach mit ihren [jeweiligen] Hindernissen. [Zur 'angeborenen' (sāṃsiddhika) Kategorie gehören folgende Ergebnisse:] Beherrschung [der Welt], die damit verbundene vollkommene Erkenntnis, Nichtbegehren nach [weltlichem] Genuss, sowie das Schwinden der Hindernis-Scharen [als unangefochtene Formen] – Genusssucht, Erniedrigung, [erneuter] Körpererwerb [Wiedergeburt] und Behinderung [als deren gehinderte Gegenstücke]: dies sind die Ergebnisse innerhalb der 'angeborenen' Kategorie.

Wort für Wort
prākṛto dehasaṃyoge vyaktaḥ svapnādibodhavat
die naturbedingte Eigenschaft wird bei Körperverbindung offenbar, ähnlich dem Erwachen im Traum
svargo muktiḥ prakṛtitvāvighātau
Himmel und Befreiung [ergeben sich] in unangefochtener, naturhafter Form
yonikrāntirnirayāvāptibandhau
Wiedergeburt durch den Mutterschoß und Höllenerlangung [entsprechen] der gehinderten Form samt Bindung
rūpeṣvarthā vainayaprākṛteṣu sampadyante savighātāḥ krameṇa
diese Ergebnisse ergeben sich in der anerzogenen und naturbedingten Kategorie, der Reihe nach mit Hindernissen
vaśyākrāntistatparijñānayogo bhogānicchā vighnasaṃghavyapāyaḥ
Beherrschung, damit verbundene vollkommene Erkenntnis, Nichtbegehren, Schwinden der Hindernis-Scharen
bhogāsaktirnyakkṛtirdehalabdhir vighnaścārthāsteṣu sāṃsiddhikeṣu
Genusssucht, Erniedrigung, Körpererwerb und Behinderung – die Ergebnisse der angeborenen Kategorie

[?] Sehr kompakte, listenartige Schlussverse (in abweichendem, längerem Versmaß) zur Korrelation der drei Eigenschafts-Kategorien mit ihren jeweils 'unangefochtenen' (Himmel/Befreiung/Beherrschung/Erkenntnis) bzw. 'gehinderten' (Wiedergeburt/Hölle/Genusssucht/Erniedrigung) Folgen; die genaue Zuordnung einzelner Termini bleibt an mehreren Stellen unsicher. Das folgende Paṭala 11 kündigt sich hier bereits an ('Siddhi'-Gruppen) und führt diese Aufzählung im Detail fort.

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