Paṭala 5: pañcamaḥ paṭalaḥ
Paṭala 5: Śivas Gnade und die Stufen der Befreiung, Karma-Reifung, und die Unbedingtheit seines Wissens
Fortsetzung des Mṛgendrāgama-Vidyāpāda (Quelle wie vorherige Kapitel). Paṭala 5 (18 Verse) behandelt: wie Śiva befreiten Seelen unendliches Sehen und Wirken offenbart, wobei manche 'Śivas' werden, andere Rudras/Mantreśvaras/Īśānas; die äußeren Anzeichen göttlicher Gnade (Erlösungseifer, Weltabkehr, Hingabe, Glaube); eine technische Lehre von drei abgestuften Reifegraden (yogyatātraya) der Seele mit entsprechenden graduellen Befreiungs-Anzeichen; die Karma-Reifung nach dem Gleichnis des langsam reifenden Samens (im Gegensatz zur sofort wirkenden Arznei), die stets einen äußeren Urheber voraussetzt; und schließlich die Unbedingtheit von Śivas Wissen, das – anders als das an äußere, daher fehlbare Erkenntnismittel gebundene Wissen gebundener Seelen – keines der drei klassischen Erkenntnismittel (Wahrnehmung, Schlussfolgerung, Wortzeugnis) benötigt und sich trotz scheinbarer Differenzierung nach den unendlichen Erkenntnisgegenständen als ungeteilt erweist. Überdurchschnittlich viele [?]-Markierungen wegen der extremen technischen Dichte, v.a. bei der Drei-Reifegrade-Lehre (V.6-10) und dem schwer deutbaren Schlussvers (V.18).
Wenn die Herrschaft der Finsternis-Kraft aufhört und die Seele davon abfällt, offenbart Śiva, der Freund der Welt, ihr die Unendlichkeit von Sehen und Wirken.
Wort für Wort
tamaḥśaktyadhikārasya nivṛttestatparicyutau
wenn die Herrschaft der Finsternis-Kraft aufhört und [die Seele] davon abfällt
vyanakti dṛkkriyānantyaṃ jagadbandhuraṇoḥ śivaḥ
offenbart Śiva, der Freund der Welt, der Seele die Unendlichkeit von Sehen und Wirken
Wen er im [kosmischen] Schlaf befreit, der wird sogleich zu einem ‚Śiva‘; oder, bei der Auflösung entstanden, [bleiben manche] Seelen, oder [werden zu] Herren. Wen er während des [Welt-]Bestehens begnadet, indem er gegenüber den Bewussten die Rolle eines Lehrers einnimmt, die werden Teilhaber am Rang eines Rudra, Mantra-Herrn oder Īśāna.
Wort für Wort
yānvimocayati svāpe śivāḥ sadyo bhavanti te
wen er im kosmischen Schlaf befreit, der wird sogleich ‚Śiva‘
saṃhṛtau vā samudbhūtāv aṇavaḥ patayo 'thavā
oder, bei der Auflösung entstanden, [bleiben] Seelen, oder werden Herren
rudramantrapatīśānapadabhājo bhavanti te
sie werden Teilhaber am Rang eines Rudra, Mantra-Herrn oder Īśāna
sthitau yānanugṛhṇāti gurumāsthāya cidvataḥ
wen er während des Bestehens begnadet, als Lehrer für die Bewussten auftretend
Auf welche verkörperten [Seelen] seine Kraft zur Loslösung herabfällt, deren Kennzeichen sind Eifer nach Befreiung und Abneigung gegen das Verharren im weltlichen Dasein, sowie Hingabe an Śivas Verehrer und Glaube an die von ihm gelehrte Ordnung – hieraus lässt sich, als zusätzlicher Grund, auch für Menschen von eher plumpem Verstand [auf die Gnade] schließen.
Wort für Wort
yeṣāṃ śarīriṇāṃ śaktiḥ patatyapi nivṛttaye
auf welche verkörperten Seelen seine Kraft zur Loslösung herabfällt
Bei denen, die durch die Praxis des gebundenen Blicks [begrenzte Übung] Erfolg erlangt haben, zeigt sich das zwiefache Hervortreten des Karmas gleichermaßen – bei denen, die für die höchste und weitere Früchte geeignet sind, in den [noch] mit [Rest-]Herrschaft behafteten Befreiungen. Je nach der Besonderheit des Eifers für die [vorgeschriebenen] Mittel wird jene Dreiheit [von Reifegraden] wiederum ermittelt; ein gewisses Anzeichen, das die beiden [übrigen Grade] offenbart, unterscheidet sich durch [entweder] Loslösung oder [weltliche] Vollendung. Ist die hemmende Kraft des Finsternis-Herrn nur wenig oder zur Hälfte gewichen und bleibt den Verkörperten noch etwas übrig, so treten diese Anzeichen auf. Doch Maheśvara, der auch diese Dreiheit der Reifegrade übersteigt, begnadet [die höchstreifen Seelen] im [kosmischen] Schlaf unmittelbar, da jenes [Dreierschema] noch mit [Rest-]Herrschaft behaftet ist.
Wort für Wort
paśudṛgyogasiddhānāṃ karmavyaktidvayaṃ samam
bei den durch begrenzte Übung Erfolgreichen zeigt sich das zwiefache Karma-Hervortreten gleichermaßen
jyeṣṭhādiphalayogyānāṃ sādhikārāsu muktiṣu
bei den für höchste und weitere Frucht Geeigneten, in den noch herrschaftsbehafteten Befreiungen
upāyādaravaiśiṣṭyān mṛgyate tattrayaṃ punaḥ
je nach Besonderheit des Mitteleifers wird die Dreiheit [der Reifegrade] ermittelt
dvayorvyaktikaraḥ kaścic cyutisiddhivilakṣitaḥ
ein Anzeichen für die beiden übrigen unterscheidet sich durch Loslösung oder Vollendung
īṣadardhanivṛtte tu rodhakatve tamaḥpateḥ
ist die Hemmkraft des Finsternis-Herrn nur wenig oder halb gewichen
bhavantyetāni liṅgāni kiṃcicchiṣṭe ca dehinām
und bleibt den Verkörperten noch etwas, treten diese Anzeichen auf
yogyatātrayamapyetat samatītya maheśvaraḥ
Maheśvara, der auch diese Dreiheit der Reifegrade übersteigt
svāpe 'numanugṛhṇāti sādhikāramidaṃ yataḥ
begnadet [die Höchstreifen] im Schlaf unmittelbar, da dies noch herrschaftsbehaftet ist
[?] Diese vier Verse behandeln die technische Lehre von den drei Reifegraden (yogyatātraya) der Seele und den entsprechenden abgestuften Befreiungs-‚Anzeichen‘ (liṅga); die Terminologie ist im Detail unsicher, hier nach bestmöglichem Sinnzusammenhang wiedergegeben.
sargamūle tṛtīyāyāṃ svāpavadbhūtasaṃhṛtau / sa yadvyapāsya kriyate tadvidho yo 'ṇurucyate // tathā bījaṃ śarīrādeḥ pācayatyāniveśanāt / na yogyatāṅgamabhajat sadyaḥ syādauṣadhādivat // pākārhamapi tatpaktuṃ neśatyātmānamātmanā / dharmasāmānya evāyaṃ sarvasya pariṇāminaḥ //
An der Wurzel der Schöpfung, in der schlafähnlichen Zurückziehung der Wesen [bei der dritten Auflösung, ?], wird das, was er beiseitegelegt und [dann wieder] neu gemacht hat, als ‚Seele‘ (aṇu) solcher Art bezeichnet. Ebenso lässt [Śiva] den Keim des Körpers und dergleichen durch allmähliches Einwurzeln reifen; hätte er nicht am Bestandteil der [karmischen] Reife teil, würde er sogleich [reifen], wie eine Arznei und dergleichen. Denn auch was zur Reifung bereit ist, vermag sich nicht aus eigener Kraft selbst zu reifen – dies ist eben die allgemeine Regel für alles, was Wandlung erfährt.
Wort für Wort
sargamūle tṛtīyāyāṃ svāpavadbhūtasaṃhṛtau
an der Wurzel der Schöpfung, in der schlafähnlichen Zurückziehung der Wesen
sa yadvyapāsya kriyate tadvidho yo 'ṇurucyate
wird das Beiseitegelegte und neu Gemachte als ‚Seele‘ solcher Art bezeichnet
tathā bījaṃ śarīrādeḥ pācayatyāniveśanāt
ebenso lässt er den Keim des Körpers u.ä. durch allmähliches Einwurzeln reifen
na yogyatāṅgamabhajat sadyaḥ syādauṣadhādivat
hätte er nicht an der karmischen Reife teil, würde er sogleich reifen wie eine Arznei
pākārhamapi tatpaktuṃ neśatyātmānamātmanā
auch Reifungsbereites vermag sich nicht selbst aus eigener Kraft zu reifen
dharmasāmānya evāyaṃ sarvasya pariṇāminaḥ
dies ist die allgemeine Regel für alles, was Wandlung erfährt
[?] V.10 kosmogonisch sehr knapp, ‚tṛtīyāyām‘ (‚in der dritten [Stufe/Auflösung]‘) unsicher. V.11-12 illustrieren mit dem Samen-Gleichnis (langsame Reifung durch äußere Einwirkung, im Unterschied zu einer sofort wirkenden Arznei) das Prinzip, dass Karma-Reifung stets einen äußeren Urheber (Śiva) voraussetzt.
sarvajñaḥ sarvakartṛtvāt sādhanāṅgaphalaiḥ saha / yo yajjānāti kurute sa tadeveti susthitam //
[Śiva ist] allwissend, weil er alles bewirkt, samt [dessen] Mitteln, Bestandteilen und Früchten; wer immer etwas erkennt, bringt es hervor – so ist es wohlbegründet.
Wort für Wort
sarvajñaḥ sarvakartṛtvāt sādhanāṅgaphalaiḥ saha
[er ist] allwissend, weil er alles bewirkt, samt dessen Mitteln, Bestandteilen und Früchten
yo yajjānāti kurute sa tadeveti susthitam
wer etwas erkennt, bringt es hervor – so ist es wohlbegründet
taccāsyāvṛtiśūnyatvān na vyañjakamapekṣate / tanna sāṃśayikaṃ tasmād viparītaṃ na jātucit // yāni vyañjakamīkṣante vṛtatvānmalaśaktibhiḥ / vyañjakasyānurodhena tāni syurvyāhatānyapi //
Und dieses [sein Wissen] ist, weil frei von jeder Verhüllung, auf kein [äußeres] Offenbarungsmittel angewiesen; es ist daher niemals zweifelhaft und folglich auch niemals irrig. Erkenntnisse hingegen, die – weil [die Seele] durch die Kräfte der Befleckung verhüllt ist – auf ein Offenbarungsmittel angewiesen sind, können, eben weil sie von diesem Mittel abhängen, auch widerlegt/irrig sein.
Wort für Wort
taccāsyāvṛtiśūnyatvān na vyañjakamapekṣate
und dieses [sein Wissen], frei von Verhüllung, ist auf kein Offenbarungsmittel angewiesen
tanna sāṃśayikaṃ tasmād viparītaṃ na jātucit
es ist daher nie zweifelhaft, folglich auch nie irrig
yāni vyañjakamīkṣante vṛtatvānmalaśaktibhiḥ
Erkenntnisse, die, weil verhüllt durch die Befleckungskräfte, auf ein Offenbarungsmittel angewiesen sind
vyañjakasyānurodhena tāni syurvyāhatānyapi
können, abhängig von diesem Mittel, auch widerlegt/irrig sein
Kontrastiert Śivas unbedingtes, stets zuverlässiges Wissen mit dem an äußere Erkenntnismittel gebundenen, daher fehlbaren Wissen gebundener Seelen.
Śaṅkaras [Śivas] Wissen ist weder Wahrnehmung, noch Schlussfolgerung, noch auch Wortzeugnis – es erstrahlt, makellos, allzeit, in Bezug auf alle Dinge. Dieses [Wissen], obgleich eines, erlangt wegen der Unendlichkeit seiner Gegenstände eine unendliche Differenzierung; und [seine] Urheberschaft wird, weil untrennbar von diesem [Wissen], ebenso, nur übertragen[er Weise, als different] bezeichnet.
Wort für Wort
nādhyakṣaṃ nāpi tallaiṅgaṃ na śābdamapi śāṅkaram
Śaṅkaras Wissen ist weder Wahrnehmung, noch Schlussfolgerung, noch Wortzeugnis
jñānamābhāti vimalaṃ sarvadā sarvavastuṣu
es erstrahlt, makellos, allzeit, in Bezug auf alle Dinge
tadekaṃ viṣayānantyād bhedānantyaṃ prapadyate
dieses eine [Wissen] erlangt wegen unendlicher Gegenstände unendliche Differenzierung
kartṛtvaṃ tadabhinnatvāt tadvadevopacārataḥ
seine Urheberschaft wird, untrennbar davon, ebenso nur übertragen als different bezeichnet
Śivas Wissen transzendiert die drei klassischen Erkenntnismittel (Wahrnehmung, Schlussfolgerung, Wortzeugnis/Śabda), die für gebundene Seelen gelten.
sattasvarūpakaraṇārthavidheyadṛgbhir leśoditābhiriti ye vidurīśatattvam / te mocayanti bhavino bhavapaṅkamagnān no vistareṇa puruṣāḥ paśupāśarūpam //
Wer so, mittels – wenn auch nur bruchstückhaft dargelegter – Einsichten in [Śivas] Dasein, Wesen, Werkzeug-Sein und Zweck das Herr-Prinzip erkennt, der befreit [andere] Wesen, die im Sumpf des Daseins versunken sind; die Gestalt von gebundener Seele und Fessel [selbst] haben wir hier bei den Menschen nicht ausführlich behandelt.
durch – wenn auch nur bruchstückhaft dargelegte – Einsichten in Dasein, Wesen, Werkzeug-Sein und Zweck
ye vidurīśatattvam te mocayanti bhavino bhavapaṅkamagnān
wer so das Herr-Prinzip erkennt, befreit Wesen, die im Daseins-Sumpf versunken sind
no vistareṇa puruṣāḥ paśupāśarūpam
die Gestalt von Seele und Fessel bei den Menschen haben wir nicht ausführlich behandelt
[?] Schlussvers philologisch schwierig, v.a. die Wortfolge ‚no vistareṇa puruṣāḥ paśupāśarūpam‘; sinngemäß als kolophonartiger Kapitelabschluss gedeutet, der auf eine noch ausstehende ausführlichere Behandlung von Seele und Fessel verweist.