Quellen der Menschheit

Mṛgendra-Āgama

Paṭala 9: navamaḥ paṭalaḥ Paṭala 9: Der ausführliche Schluss auf eine einzige materielle Urursache (Māyā) und die Natur kausaler Erzeugung

Fortsetzung des Mṛgendrāgama-Vidyāpāda (Quelle wie vorherige Kapitel). Dieses Paṭala (21 Verse) vertieft die in Paṭala 3 begonnene kausale Beweisführung: nach der bereits erwiesenen wirkenden Ursache (Śiva) wird nun mittels Nyāya-artiger Argumentation eine einzige, alldurchdringende, unvergängliche materielle Urursache (implizit Māyā, hier 'nicht-Śiva-artiger Same' genannt) erschlossen. Ausführliche dialektische Auseinandersetzung mit Einwänden: Ursache-Wirkung-Ähnlichkeit (Rauch-Wasser-Reductio gegen rein bewusste Verursachung), Widerlegung der Vaiśeṣika-Atomlehre, Argument aus der kosmischen Gesamtauflösung gegen unendlichen Regress materieller Körper-Ursachen, sowie eine lange Debatte über den Begriff der 'Werkzeug-Ursache' (kāraka) und deren Wirkkraft (śakti), die in der Doktrin gipfelt, dass jede Erzeugung (janana) lediglich die Manifestation eines bereits latent vorhandenen Effekts ist (Enthüllungs- statt Neuschöpfungs-Modell, veranschaulicht am Tuch-Gleichnis) – mit ausdrücklichem Vorverweis auf das Prinzip 'Kalā', Thema des folgenden Paṭala 10.

atha sarvajñavākyena pratipannasya lakṣaṇam / kathyate granthipāśasya kiñcidyuktyāpi leśataḥ //

Nun wird das Merkmal dessen, was durch die Lehrworte des Allwissenden [bereits] als feststehend anerkannt ist [?] – [nämlich das, was] mit dem Knoten der Fessel [Mala] zusammenhängt – hier auch ein Stück weit durch [eigenständige] logische Beweisführung dargelegt.

Wort für Wort
atha sarvajñavākyena pratipannasya lakṣaṇam
nun [wird] das Merkmal dessen, was durch die Worte des Allwissenden [bereits] anerkannt ist
kathyate granthipāśasya
[dargelegt, soweit es] den Knoten der Fessel [betrifft]
kiñcidyuktyāpi leśataḥ
auch ein wenig durch logische Beweisführung, in gewissem Umfang

[?] Überleitungsvers zu Beginn von Paṭala 9: die bereits durch Schrift-Autorität feststehende Lehre soll nun zusätzlich rational untermauert werden. Die genaue syntaktische Bindung von 'granthipāśasya' bleibt unsicher.

tadekamaśivaṃ bījaṃ jagataścitraśaktimat / sahakāryadhikārānta- saṃrodhi vyāpyanaśvaram // kartānumīyate yena jagaddharmeṇa hetunā / tenopādānamapyasti na paṭastantubhirvinā //

Jener eine, nicht-Śiva-artige Same der Welt [d.h. die Māyā als materielle Ursache], mit mannigfaltigen Kräften ausgestattet, [ist] – bis zum Ende der Herrschaft [seiner] mitwirkenden Ursache eingedämmt [?] – alldurchdringend und unvergänglich. Wodurch, nämlich durch das Merkmal der Welt als Beweisgrund, der [wirkende] Urheber [der Welt] erschlossen wird, ebendadurch gibt es auch eine materielle Ursache – denn es gibt kein Tuch ohne Fäden.

Wort für Wort
tadekamaśivaṃ bījaṃ jagataścitraśaktimat
jener eine, nicht-Śiva-artige Same der Welt, mit mannigfaltigen Kräften ausgestattet
sahakāryadhikārānta-saṃrodhi vyāpyanaśvaram
bis zum Ende der Herrschaft der mitwirkenden Ursache eingedämmt, [doch] alldurchdringend und unvergänglich
kartānumīyate yena jagaddharmeṇa hetunā
wodurch, durch das Merkmal der Welt als Beweisgrund, der Urheber erschlossen wird
tenopādānamapyasti na paṭastantubhirvinā
ebendadurch gibt es auch eine materielle Ursache – es gibt kein Tuch ohne Fäden

[?] Einführung der materiellen Ursache (Māyā, hier 'nicht-Śiva-artiger Same' genannt) neben der bereits erwiesenen wirkenden Ursache (Śiva/Maheśvara); Tuch-Faden-Gleichnis als Standardbeispiel für Substanz-Ursächlichkeit.

tadacetanameva syāt kāryasyācittvadarśanāt / prāptaḥ sarvaharo doṣaḥ kāraṇāniyamo 'nyathā //

Diese [materielle Ursache] wäre notwendig bewusstlos, da die Wirkung [selbst] als bewusstlos beobachtet wird; andernfalls entstünde der alles zunichtemachende Fehler der Unbestimmtheit der Ursache [d.h. dass jede beliebige Ursache jede beliebige Wirkung hervorbringen könnte].

Wort für Wort
tadacetanameva syāt kāryasyācittvadarśanāt
diese [materielle Ursache] wäre notwendig bewusstlos, da die Wirkung als bewusstlos beobachtet wird
prāptaḥ sarvaharo doṣaḥ kāraṇāniyamo 'nyathā
andernfalls entstünde der alles zunichtemachende Fehler der Unbestimmtheit der Ursache

yadyanityamidaṃ kāryaṃ kasmādutpadyate punaḥ / avyāpi cetkutastatsyāt sarveṣāṃ sarvatomukham // yadanekamacittattu dṛṣṭamutpattidharmakam / na tadutpattimattasmād ekamabhyupagamyatām //

Wenn diese Wirkung nicht-ewig ist, woraus entsteht sie dann? Wäre [die Ursache] nicht alldurchdringend, wie könnte sie dann für alle [Wesen], von überallher [zugänglich], [wirksam] sein? Was mannigfaltig und bewusstlos ist, wird [zwar] als mit der Eigenschaft des Entstehens behaftet beobachtet; jene [Urmaterie selbst] aber hat nicht [ihrerseits] die Eigenschaft des Entstehens – daher ist anzunehmen, dass sie eine einzige [und ungeteilte] ist.

Wort für Wort
yadyanityamidaṃ kāryaṃ kasmādutpadyate punaḥ
wenn diese Wirkung nicht-ewig ist, woraus entsteht sie dann?
avyāpi cetkutastatsyāt sarveṣāṃ sarvatomukham
wäre [die Ursache] nicht alldurchdringend, wie könnte sie für alle, von überallher, [wirksam] sein?
yadanekamacittattu dṛṣṭamutpattidharmakam
was mannigfaltig und bewusstlos ist, wird als entstehend beobachtet
na tadutpattimattasmād ekamabhyupagamyatām
jene [Urmaterie] selbst aber hat nicht [diese] Entstehungs-Eigenschaft – daher ist sie als eine einzige anzunehmen

paṭastantugaṇāddṛṣṭaḥ sarvamekamanekataḥ / tadapyanekamekasmād eva bījātprajāyate //

Tuch wird [zwar] als aus einer Menge von Fäden entstehend beobachtet – [so gilt:] alles Einheitliche [entsteht] aus Vielem; doch auch dieses Viele [selbst] entsteht wiederum aus einem einzigen Samen allein.

Wort für Wort
paṭastantugaṇāddṛṣṭaḥ sarvamekamanekataḥ
Tuch wird aus einer Menge von Fäden entstehend beobachtet – alles Einheitliche [entsteht] aus Vielem
tadapyanekamekasmād eva bījātprajāyate
doch auch dieses Viele entsteht wiederum aus einem einzigen Samen allein

Zurückweisung eines möglichen Einwands: obschon Einheit (Tuch) scheinbar aus Vielheit (Fäden) entsteht, führt auch diese Vielheit letztlich auf eine einzige Urursache zurück.

yeṣāṃ ciddharmakāddhetor acidapyupajāyate / teṣāṃ dhūmena liṅgena jalaṃ kiṃ nānumīyate //

Für diejenigen, nach deren Lehre aus einer bewusstseinsartigen Ursache auch Bewusstloses entsteht, [müsste doch auch gelten]: warum wird dann nicht auch, allein durch das Merkmal des Rauches, [dessen Gegenteil, nämlich] Wasser erschlossen [statt Feuer]?

Wort für Wort
yeṣāṃ ciddharmakāddhetor acidapyupajāyate
für diejenigen, nach deren Lehre aus einer bewusstseinsartigen Ursache auch Bewusstloses entsteht
teṣāṃ dhūmena liṅgena jalaṃ kiṃ nānumīyate
warum wird für sie nicht [ebenso] durch das Merkmal des Rauches Wasser erschlossen [statt Feuer]?

Reductio ad absurdum gegen die Ansicht, ein rein bewusstes Prinzip (Śiva allein, ohne unbewusste materielle Ursache) könne unmittelbar eine bewusstlose Welt hervorbringen: wäre Ursache-Wirkung-Ähnlichkeit beliebig, wären auch Schlussfolgerungen aus Merkmalen (Rauch→Feuer) willkürlich.

bhūtāvadhi jagadyeṣāṃ kāraṇaṃ paramāṇavaḥ / teṣāṃ pūrvoditāddhetor jñātaiva jñānasūkṣmatā //

Für diejenigen, denen zufolge die Ursache der aus den [groben] Elementen [bestehenden] Welt die Atome sind [d.h. für die Anhänger der Atomlehre], ist aufgrund des zuvor genannten Grundes die Feinheit [Überlegenheit] unserer Lehre [?] bereits erwiesen.

Wort für Wort
bhūtāvadhi jagadyeṣāṃ kāraṇaṃ paramāṇavaḥ
für diejenigen, denen zufolge die Ursache der aus den Elementen [bestehenden] Welt die Atome sind
teṣāṃ pūrvoditāddhetor jñātaiva jñānasūkṣmatā
ist für sie aufgrund des zuvor genannten Grundes die Feinheit [Überlegenheit] unserer Lehre bereits erwiesen

[?] Kurze Zurückweisung der Vaiśeṣika-Atomlehre unter Rückgriff auf das zuvor entwickelte Einheits-Argument (V.6-7); 'jñānasūkṣmatā' wörtl. 'Feinheit des Wissens', hier im Sinn von 'die überlegene Feinsinnigkeit [unserer] Lehre' gedeutet.

śarīrādeḥ śarīrādi yadi tannikhilātyaye / kā vārtā nākhiladhvaṃso na sarvajño mṛṣā vadet // ekadeśe 'pi yo dharmaḥ pratīto yasya dharmiṇaḥ / sa tasya sarvataḥ kena jāyamāno nivāryate //

Wenn Körper usw. [nur] aus [vorangehenden] Körpern usw. entstehen, was für eine Erklärung gibt es dann für die Zeit der Gesamtvernichtung [des Kosmos]? [Warum] geht [dann] nicht alles vollständig zugrunde? Der Allwissende würde nicht die Unwahrheit sprechen [?, d.h. da die Schrift die Weltauflösung lehrt, muss sie eintreten]. Welche Eigenschaft auch immer, [wenn schon] an einem einzigen Ort für ein gegebenes Ding als [zu ihm gehörig] feststehend erkannt wird – durch wen [oder was] sollte deren Auftreten überall an diesem Ding verhindert werden?

Wort für Wort
śarīrādeḥ śarīrādi yadi tannikhilātyaye
wenn Körper usw. [nur] aus [vorangehenden] Körpern usw. entstehen – was [gilt] dann zur Zeit der Gesamtvernichtung?
kā vārtā nākhiladhvaṃso na sarvajño mṛṣā vadet
was für eine Erklärung [gibt es]? [Warum] geht nicht alles zugrunde? Der Allwissende spräche nicht die Unwahrheit
ekadeśe 'pi yo dharmaḥ pratīto yasya dharmiṇaḥ
welche Eigenschaft auch immer an einem Ort für ein Ding als [ihm zugehörig] erkannt wird
sa tasya sarvataḥ kena jāyamāno nivāryate
durch wen sollte deren Auftreten überall an diesem Ding verhindert werden?

[?] Argument gegen einen unendlichen Regress rein materieller Ursachen (Körper aus Körper ohne letzten Urheber): dies könnte die von der Schrift gelehrte kosmische Gesamtauflösung (Pralaya) nicht erklären; ein allgemeines Prinzip (eine irgendwo erkannte Eigenschaft gilt überall für dasselbe Ding) stützt die universelle Zerstörbarkeit aller Körper.

koṭiśo maraṇaṃ dṛṣṭvā saṃhatānāṃ śarīriṇām / so 'pi pratīyate kālo yatrāśeṣajanakṣayaḥ //

Da man den Tod unzähliger, [aus Bestandteilen] zusammengesetzter verkörperter Wesen beobachtet, wird auch jene Zeit [als möglich] erkannt, in der die vollständige Vernichtung aller Geschöpfe [stattfindet].

Wort für Wort
koṭiśo maraṇaṃ dṛṣṭvā saṃhatānāṃ śarīriṇām
da man den Tod unzähliger, zusammengesetzter verkörperter Wesen beobachtet
so 'pi pratīyate kālo yatrāśeṣajanakṣayaḥ
wird auch jene Zeit [als möglich] erkannt, in der die vollständige Vernichtung aller Geschöpfe [stattfindet]

tadādhārāṇi kāryāṇi śaktirūpāṇi saṃhṛtau / vivṛtau vyaktirūpāṇi vyāpriyante 'rthasiddhaye //

Die Wirkungen, die auf jenem [Urgrund, der Māyā] beruhen, [existieren] zur Zeit der Auflösung [nur] in [potentieller] Kraft-Form, zur Zeit der Entfaltung [dagegen] in manifester Form – [in beiden Fällen] wirksam zur Erfüllung ihres Zwecks.

Wort für Wort
tadādhārāṇi kāryāṇi
die Wirkungen, die auf jenem [Urgrund] beruhen
śaktirūpāṇi saṃhṛtau
[existieren] zur Zeit der Auflösung [nur] in [potentieller] Kraft-Form
vivṛtau vyaktirūpāṇi vyāpriyante 'rthasiddhaye
zur Zeit der Entfaltung [dagegen] in manifester Form, wirksam zur Erfüllung ihres Zwecks

tantvādikārakādānaṃ paṭāsattve paṭārthinaḥ / sattve kārakaśabdo 'pi vyapaitīti hataṃ jagat // sāphalyamasadutpattāv astu kārakavastunaḥ / utpādayatu sarvasmāt sarvaḥ sarvamabhīpsitam //

[Einwand:] Das Ergreifen von Fäden u.ä. als Werkzeug-Ursachen geschieht [nur] beim Nicht-Bestehen des Tuches, seitens dessen, der ein Tuch herstellen will; sobald es [das Tuch] besteht, entfällt sogar die Bezeichnung 'Werkzeug-Ursache' [für die Fäden] – [doch mit dieser Ansicht] wäre die Welt[-ordnung] zunichtegemacht. [Denn wenn man einwendet:] die Wirksamkeit des Werkzeugs bestehe [einfach] darin, [zuvor] Nichtexistentes hervorzubringen – dann möge doch jeder aus allem alles Gewünschte hervorbringen [können]!

Wort für Wort
tantvādikārakādānaṃ paṭāsattve paṭārthinaḥ
das Ergreifen von Fäden u.ä. als Werkzeug-Ursachen geschieht beim Nicht-Bestehen des Tuches, seitens dessen, der Tuch herstellen will
sattve kārakaśabdo 'pi vyapaitīti hataṃ jagat
sobald es besteht, entfällt sogar die Bezeichnung 'Werkzeug-Ursache' – [doch] damit wäre die Welt[-ordnung] zunichtegemacht
sāphalyamasadutpattāv astu kārakavastunaḥ
[wenn] die Wirksamkeit des Werkzeugs [einfach] im Hervorbringen von Nichtexistentem bestehe
utpādayatu sarvasmāt sarvaḥ sarvamabhīpsitam
dann möge doch jeder aus allem alles Gewünschte hervorbringen

Dialektischer Abschnitt: ein Gegner behauptet, die Bezeichnung 'Werkzeug-Ursache' habe keine feste, dauerhafte Bedeutung, sondern gelte nur situativ; der Text weist dies durch Reductio zurück (sonst könnte jede Ursache jede beliebige Wirkung erzeugen).

athāśakyaṃ yataḥ śakyam atra vaḥ kiṃ niyāmakam / na ca paśyāmi tatkiṃcit śaktiścetsiddhasādhyatā // anyathā kārakavrāta- pravṛttyanupapattitaḥ / śrutirādānamarthaśca vyapaitītyapi taddhatam // athāstyutpādikā śaktir na kāryaṃ śaktirūpakam / tayorviśeṣaṇaṃ vācyaṃ naitatpaśyāmi kiñcana //

[Wenn man einwendet:] 'Unmöglich [ist alles-aus-allem], weil nur das [jeweils] Mögliche [tatsächlich entsteht]' – was ist dabei aber euer bestimmendes Prinzip? Ich sehe da nichts dergleichen. Wenn [ihr sagt, es sei] die [dem Stoff innewohnende] 'Fähigkeit' [die dies bestimmt] – so ist dies ein Zirkelschluss [das bereits Vorausgesetzte wird als dessen eigener Beweis ausgegeben]. Andernfalls wäre die Tätigkeit der Vielzahl von Werkzeug-Ursachen unerklärlich – somit ist auch die [zuvor erwähnte] Behauptung, wonach [nach Erreichen des Zwecks] die schriftliche Lehre, das Ergreifen [der Werkzeuge] und der Zweck [selbst] entfielen, widerlegt. Wenn [man nun sagt]: es gebe [zwar] eine 'hervorbringende Kraft' [im Verursachenden], doch die Wirkung sei nicht [bloß] die Form dieser Kraft selbst – dann muss ein Unterscheidungsmerkmal zwischen beiden angegeben werden; ich sehe hier jedoch überhaupt keines.

Wort für Wort
athāśakyaṃ yataḥ śakyam atra vaḥ kiṃ niyāmakam
wenn 'unmöglich [ist alles-aus-allem], weil nur das Mögliche entsteht' – was ist euer bestimmendes Prinzip?
na ca paśyāmi tatkiṃcit śaktiścetsiddhasādhyatā
ich sehe nichts dergleichen; wenn [es] die 'Fähigkeit' [sei], so ist dies ein Zirkelschluss
anyathā kārakavrātapravṛttyanupapattitaḥ
andernfalls wäre die Tätigkeit der Vielzahl von Werkzeug-Ursachen unerklärlich
śrutirādānamarthaśca vyapaitītyapi taddhatam
somit ist auch [die Behauptung], Lehre, Ergreifen [der Werkzeuge] und Zweck entfielen, widerlegt
athāstyutpādikā śaktir na kāryaṃ śaktirūpakam
wenn [es] eine hervorbringende Kraft gebe, die Wirkung aber nicht [bloß] deren Form sei
tayorviśeṣaṇaṃ vācyaṃ naitatpaśyāmi kiñcana
muss ein Unterscheidungsmerkmal zwischen beiden angegeben werden – ich sehe hier keines

Fortgesetzte dialektische Widerlegung mehrerer Verteidigungsversuche des Gegners (feste 'Fähigkeit' der Ursache als Erklärung, mit dem Vorwurf der Zirkularität bzw. fehlender Unterscheidbarkeit von Kraft und Wirkung).

tasmānniyāmikā janya- śaktiḥ kāra[ṇa]vastunaḥ / sānvayavyatirekābhyāṃ rūḍhito vāvasīyate // tadvyaktirjananaṃ nāma tatkārakasamāśrayāt / tena tantugatākāraṃ paṭākārāvarodhakam // vemādināpanīyātha paṭavyaktiḥ prakāśyate / yathā kaṭādigūḍhasya paṭādestadvyudāsataḥ / nāsataḥ kriyate vyaktiḥ kalādergranthitastathā //

Daher wird die bestimmende, auf das Hervorzubringende gerichtete Kraft der Ursache entweder durch [die Methode der] positiven und negativen Konkomitanz oder durch [sprachliche] Konvention festgestellt. 'Erzeugung' (janana) wird [demnach] die Manifestwerdung jenes [Effekts] durch Inanspruchnahme der betreffenden Werkzeug-Ursache genannt; dadurch [wird] die im Faden [latent] befindliche, die Tuch-Form verdeckende Gestalt [beseitigt] – nachdem sie mittels des Webschiffchens u.ä. entfernt worden ist, wird sodann die Manifestation des Tuches offenbar, so wie [ein Tuch], das durch eine Matte u.ä. verdeckt war, durch deren Entfernung [sichtbar wird]: [in beiden Fällen] wird keine Manifestation von zuvor Nichtexistentem erzeugt – ebenso [verhält es sich] mit dem, was in 'Kalā' und anderen [Prinzipien] verknotet [verborgen] liegt.

Wort für Wort
tasmānniyāmikā janyaśaktiḥ kāraṇavastunaḥ
daher wird die bestimmende, auf das Hervorzubringende gerichtete Kraft der Ursache
sānvayavyatirekābhyāṃ rūḍhito vāvasīyate
entweder durch positive/negative Konkomitanz oder durch [sprachliche] Konvention festgestellt
tadvyaktirjananaṃ nāma tatkārakasamāśrayāt
'Erzeugung' heißt die Manifestwerdung jenes [Effekts] durch Inanspruchnahme der Werkzeug-Ursache
tena tantugatākāraṃ paṭākārāvarodhakam
dadurch [wird] die im Faden [latent] befindliche, die Tuch-Form verdeckende Gestalt [beseitigt]
vemādināpanīyātha paṭavyaktiḥ prakāśyate
nach Entfernung mittels Webschiffchen u.ä. wird die Manifestation des Tuches offenbar
yathā kaṭādigūḍhasya paṭādestadvyudāsataḥ
so wie [Tuch], durch eine Matte u.ä. verdeckt, durch deren Entfernung [sichtbar wird]
nāsataḥ kriyate vyaktiḥ kalādergranthitastathā
es wird keine Manifestation von Nichtexistentem erzeugt – ebenso bei dem in 'Kalā' u.a. Verknoteten

Abschließende Lösung des Paṭalas: die kausale Wirkkraft wird methodisch durch Konkomitanz oder Konvention bestimmt; 'Erzeugung' bedeutet stets nur Enthüllung eines bereits latent vorhandenen Effekts (Satkāryavāda-nahe Position), veranschaulicht am Tuch-Gleichnis, und ausdrücklich auf das noch zu behandelnde Prinzip 'Kalā' vorausweisend (Thema von Paṭala 10).

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