Quellen der Menschheit

Mṛgendra-Āgama

Paṭala 4: caturthaḥ paṭalaḥ Paṭala 4: Die Hierarchie der Vidyeśvaras, Mantreśvaras und Rudras, und Śivas fortwährendes Wirken durch Schöpfung, Erhaltung und Auflösung

Fortsetzung des Mṛgendrāgama-Vidyāpāda (Quelle wie vorherige Kapitel). Paṭala 4 (15 Verse) beschreibt die von Śiva mittels seines fünfgesichtigen Śakti-Körpers erschaffene kosmische Hierarchie: zunächst die acht Vidyeśvaras (Ananta, Sūkṣma, Śivottama, Ekanetra, Ekarudra, Trimūrti, Śrīkaṇṭha, Śikhaṇḍin) mit 70 Millionen Mantras, dann die 118 Rudras, dann die Weltenherrscher (Bhuvanādhipas) und – bemerkenswert – auch die Begründer und Anhänger rivalisierender, nicht-śaivistischer Lehrsysteme, die alle als Teil von Śivas durchdrungener, gestufter kosmischer Ordnung eingeordnet werden. Es folgt eine Beschreibung von Śivas Wirken während der Welterhaltung (unerkannt durch die Geschöpfe, jedes Wesen zu seinem eigenen Ziel führend), der kosmischen Auflösung (Pralaya, aus Mitleid mit den vom Dasein ermatteten Wesen) und der Wiederaufnahme der Schöpfung – wobei betont wird, dass Śiva selbst im kosmischen Schlaf niemals untätig ist, sondern Seelen erweckt, hemmt und deren Karma reift. Mehrere [?]-Markierungen bei technischer Verwaltungshierarchie-Terminologie (V.7-8, 10).

sa itthaṃvigraho 'nena karaṇenāhataujasā / karoti sarvadā kṛtyaṃ yadā yadupapadyate //

Er, von solcher Gestalt, vollbringt mittels dieses Werkzeugs, dessen Kraft entfaltet ist, allzeit [seine] Betätigung, wann immer welche [Handlung] sich als angemessen ergibt.

Wort für Wort
sa itthaṃvigraho 'nena karaṇenāhataujasā
er, von solcher Gestalt, mittels dieses Werkzeugs mit entfalteter Kraft
karoti sarvadā kṛtyaṃ yadā yadupapadyate
vollbringt allzeit [seine] Betätigung, wann immer welche [Handlung] passend ist

tatrādau kevalāṇūnāṃ yogyānāṃ kurute 'ṣṭakam / vāmādiśaktibhiryuktaṃ saptakoṭiparicchadam // teṣāmanantaḥ sūkṣmaśca tathā caiva śivottamaḥ / ekanetraikarudrau ca trimūrtiścāmitadyutiḥ // śrīkaṇṭhaśca śikhaṇḍī ca rājarājeśvareśvarāḥ / īṣadaprāptayogatvān niyojyāḥ parameṣṭhinaḥ //

Dort erschafft er zunächst aus den geeigneten, [von der Materie] gelösten Seelen die Achtergruppe, ausgestattet mit den Kräften Vāmas u.a., begleitet von siebzig Millionen [Mantras]: von ihnen Ananta, Sūkṣma, ebenso auch Śivottama, Ekanetra und Ekarudra, sowie Trimūrti von unermesslichem Glanz, und Śrīkaṇṭha und Śikhaṇḍin – Könige der Könige, Herren der Herren; doch weil ihre Vereinigung [mit Śiva] noch nicht ganz vollendet ist, bleiben diese höchsten Fürsten (Parameṣṭhins) [weiterhin] zu beauftragende [Diener].

Wort für Wort
tatrādau kevalāṇūnāṃ yogyānāṃ kurute 'ṣṭakam
dort erschafft er zunächst aus den geeigneten, gelösten Seelen die Achtergruppe
vāmādiśaktibhiryuktaṃ saptakoṭiparicchadam
ausgestattet mit den Vāma- u.a. Kräften, begleitet von siebzig Millionen [Mantras]
teṣāmanantaḥ sūkṣmaśca tathā caiva śivottamaḥ ekanetraikarudrau ca trimūrtiścāmitadyutiḥ
von ihnen: Ananta, Sūkṣma, Śivottama, Ekanetra, Ekarudra, und Trimūrti von unermesslichem Glanz
śrīkaṇṭhaśca śikhaṇḍī ca rājarājeśvareśvarāḥ
und Śrīkaṇṭha und Śikhaṇḍin – Könige der Könige, Herren der Herren
īṣadaprāptayogatvān niyojyāḥ parameṣṭhinaḥ
weil ihre Vereinigung [mit Śiva] noch nicht ganz vollendet ist, bleiben diese höchsten Fürsten zu beauftragende [Diener]

Die acht Vidyeśvaras der śaivistischen Kosmologie werden hier namentlich aufgeführt.

sarvajñatvādiyoge 'pi niyojyatvaṃ malāṃśataḥ / parasparaṃ viśiṣyante mantrāścaivamadhaḥ sthitāḥ // te ca mantreśvaravyakta- śivaśaktipracoditāḥ / kurvantyanugrahaṃ puṃsāṃ yadā yeṣāṃ sa yujyate //

Obschon mit Allwissenheit u.a. ausgestattet, rührt ihre Dienstbarkeit von einem [restlichen] Anteil der Befleckung her; sie unterscheiden sich untereinander, und ebenso [unterscheiden sich] die unter ihnen stehenden Mantras. Und sie, angetrieben von Śivas durch die Mantreśvaras offenbar gewordener Kraft, gewähren den Seelen Gnade, wann immer und wem immer dies angemessen ist.

Wort für Wort
sarvajñatvādiyoge 'pi niyojyatvaṃ malāṃśataḥ
obschon mit Allwissenheit u.a. ausgestattet, rührt ihre Dienstbarkeit von einem [Rest-]Anteil der Befleckung her
parasparaṃ viśiṣyante mantrāścaivamadhaḥ sthitāḥ
sie unterscheiden sich untereinander, ebenso die unter ihnen stehenden Mantras
te ca mantreśvaravyaktaśivaśaktipracoditāḥ
und sie, angetrieben von Śivas durch die Mantreśvaras offenbarter Kraft
kurvantyanugrahaṃ puṃsāṃ yadā yeṣāṃ sa yujyate
gewähren den Seelen Gnade, wann immer und wem dies angemessen ist

prayoktṛdehasāpekṣaṃ tadardhamakhile 'dhvani / kṛtvādhikāraṃ sthityante śivaṃ viśati seśvaram // vinādhikaraṇenānyat pradhānavikṛteradhaḥ / kṛtvādhikāramīśeṣṭam apaiti svādhvasaṃhṛtau //

[Ein solches Mantra,] abhängig vom Körper des Ausübenden, geht, nachdem es seine Herrschaft über die Hälfte [?] des gesamten [kosmischen] Pfades ausgeübt hat, am Ende seiner Amtszeit, seine Herrschermacht bewahrend, in Śiva ein. Ein anderes [Wesen], ohne solche Herrschermacht, unterhalb der Umwandlungen des Pradhāna [angesiedelt], geht, nachdem es die vom Herrn gewünschte Herrschaft ausgeübt hat, bei der Auflösung seiner eigenen [kosmischen] Ebene dahin.

Wort für Wort
prayoktṛdehasāpekṣaṃ tadardhamakhile 'dhvani
abhängig vom Körper des Ausübenden, über die Hälfte des gesamten Pfades
kṛtvādhikāraṃ sthityante śivaṃ viśati seśvaram
nachdem es seine Herrschaft ausgeübt hat, geht es am Ende seiner Amtszeit, seine Herrschermacht bewahrend, in Śiva ein
vinādhikaraṇenānyat pradhānavikṛteradhaḥ
ein anderes [Wesen], ohne solche Herrschermacht, unterhalb der Umwandlungen des Pradhāna
kṛtvādhikāramīśeṣṭam apaiti svādhvasaṃhṛtau
geht, nachdem es die vom Herrn gewünschte Herrschaft ausgeübt hat, bei Auflösung seiner Ebene dahin

[?] Sehr technische Passage zur hierarchischen Verwaltungsstruktur der Mantra-Ebenen und ihrer jeweiligen Auflösung; Einzelheiten (v.a. ‚tadardham‘) unsicher.

tato 'nantādyabhivyaktaḥ patīnāṃ granthitattvataḥ / kalādyārabdhadehānāṃ karotyaṣṭādaśaṃ śatam //

Dann erschafft [Śiva], als Ananta und die übrigen [Herren] offenbar geworden, aus dem ‚Knoten‘-Prinzip dieser Herren die Hundertundachtzehn [Rudras], deren Körper aus Kalā u.a. gebildet sind.

Wort für Wort
tato 'nantādyabhivyaktaḥ patīnāṃ granthitattvataḥ
dann, als Ananta u.a. offenbar geworden, aus dem Knoten-Prinzip dieser Herren
kalādyārabdhadehānāṃ karotyaṣṭādaśaṃ śatam
erschafft er die Hundertundachtzehn [Rudras], deren Körper aus Kalā u.a. gebildet sind

Bezug auf die traditionelle Zahl von 118 Rudras der śaivistischen Kosmologie, den acht Vidyeśvaras untergeordnet.

tānapyāviśya bhagavān sāñjanān bhuvanādhipān / yebhyaḥ sarvamidaṃ yeṣāṃ śaktiḥ karmanibandhanā // praṇetṝṇ paśuśāstrāṇāṃ paśūṃstadanuvartakān / svasādhyakārakopetān kāladhāmāvadhisthitān //

Auch in diese eingehend, [durchdringt] der Erhabene die Weltenherrscher samt [ihrem] Gefolge, von denen all dies [kommt] und deren Kraft im [eigenen] Karma wurzelt – [ebenso] die Verkünder der Lehren für gebundene Seelen und die ihnen folgenden Seelen, [alle] ausgestattet mit den Mitteln zur Erreichung ihres jeweils eigenen Ziels, innerhalb der Grenze [ihrer zugeteilten] Zeit und Wohnstätte angesiedelt.

Wort für Wort
tānapyāviśya bhagavān sāñjanān bhuvanādhipān
auch in diese eingehend, [durchdringt] der Erhabene die Weltenherrscher samt Gefolge
yebhyaḥ sarvamidaṃ yeṣāṃ śaktiḥ karmanibandhanā
von denen all dies [kommt] und deren Kraft im [eigenen] Karma wurzelt
praṇetṝṇ paśuśāstrāṇāṃ paśūṃstadanuvartakān
[ebenso] die Verkünder der Lehren für gebundene Seelen und deren Anhänger
svasādhyakārakopetān kāladhāmāvadhisthitān
ausgestattet mit den Mitteln zum eigenen Ziel, innerhalb der Grenze von Zeit und Wohnstätte

[?] ‚sāñjanān‘ unsicher, sinngemäß als ‚samt Gefolge‘ wiedergegeben. Bemerkenswert: selbst die Begründer und Anhänger rivalisierender (nicht-śaivistischer) Lehrsysteme – vgl. die Kritik in Paṭala 2 – werden hier als Teil von Śivas durchdrungener kosmischer Ordnung eingeordnet, wenn auch auf niedrigerer, begrenzter Stufe.

sthitau sakārakānetān samākramya svatejasā / yunakti svārthasiddhyarthaṃ bhūtairanabhilakṣitaḥ //

Während der [Phase des Welt-]Bestehens durchdringt er diese, samt [ihren jeweiligen] Wirkfaktoren, mit eigenem Glanz, und setzt sie zur Erreichung des jeweils eigenen Zieles ein – von den Geschöpfen [dabei selbst] unerkannt.

Wort für Wort
sthitau sakārakānetān samākramya svatejasā
während des Bestehens durchdringt er diese, samt ihren Wirkfaktoren, mit eigenem Glanz
yunakti svārthasiddhyarthaṃ bhūtairanabhilakṣitaḥ
und setzt sie zur Erreichung ihres jeweils eigenen Ziels ein, von den Geschöpfen unerkannt

bhogasādhanamākṣipya kṛtvā kāraṇasaṃśrayam / tacca sātmakamākramya viśramāyāvatiṣṭhate //

Nachdem er die Mittel des [weltlichen] Erlebens zurückgezogen und in ihre Ursache haben eingehen lassen, und nachdem er auch diese, samt ihrem Eigenwesen, durchdrungen hat, verweilt er zur Ruhe [d.h. bewirkt die kosmische Auflösung].

Wort für Wort
bhogasādhanamākṣipya kṛtvā kāraṇasaṃśrayam
nachdem er die Mittel des [weltlichen] Erlebens zurückgezogen und in ihre Ursache eingehen lassen hat
tacca sātmakamākramya viśramāyāvatiṣṭhate
und auch diese, samt ihrem Eigenwesen, durchdrungen hat, verweilt er zur Ruhe

Beschreibung der kosmischen Auflösung (Pralaya).

bhavināṃ bhavakhinnānāṃ sarvabhūtahito yataḥ / svāpāvasānamāsādya punaḥ prāgvatpravartate //

Da er das Wohl aller Geschöpfe – der vom [weltlichen] Dasein ermatteten Wesen – im Sinn hat, tritt er, nach Erreichen des Endes [dieses kosmischen] Schlafs, wieder wie zuvor in Tätigkeit.

Wort für Wort
bhavināṃ bhavakhinnānāṃ sarvabhūtahito yataḥ
da er das Wohl aller Geschöpfe, der vom Dasein ermatteten Wesen, im Sinn hat
svāpāvasānamāsādya punaḥ prāgvatpravartate
tritt er, nach Erreichen des Endes des [kosmischen] Schlafs, wieder wie zuvor in Tätigkeit

Das Mitleid mit den vom Dasein ermatteten Wesen ist das Motiv für die erneute Schöpfung nach jeder Auflösung.

svāpe 'pyāste bodhayanbodhayogyān rodhyānrundhanpācayan karmikarma / māyāśaktīrvyaktiyogyāḥ prakurvan paśyansarvaṃ yadyathā vastujātam //

Auch im [kosmischen] Schlaf verharrt er tätig: die zum Erwachen Geeigneten erweckend, die zu Hemmenden hemmend, das Karma der Karma-Handelnden reifend, die zur Manifestation geeigneten Kräfte der Māyā hervorbringend, alles betrachtend, jedes Ding genau so, wie es [wirklich] ist.

Wort für Wort
svāpe 'pyāste bodhayanbodhayogyān
auch im [kosmischen] Schlaf verharrt er tätig, die zum Erwachen Geeigneten erweckend
rodhyānrundhanpācayan karmikarma
die zu Hemmenden hemmend, das Karma der Karma-Handelnden reifend
māyāśaktīrvyaktiyogyāḥ prakurvan
die zur Manifestation geeigneten Māyā-Kräfte hervorbringend
paśyansarvaṃ yadyathā vastujātam
alles betrachtend, jedes Ding genau so, wie es ist

Eindrückliches Schlussbild des Kapitels: Śiva ist selbst während der kosmischen Auflösung niemals wirklich untätig.

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