Quellen der Menschheit

Mṛgendra-Āgama

Paṭala 8: aṣṭamaḥ paṭalaḥ Paṭala 8: Der Schluss auf die Bewusstseins-Verbindung aus Sinnesorganen und Körper, und die Natur des Karma (adṛṣṭa)

Fortsetzung des Mṛgendrāgama-Vidyāpāda (Quelle wie vorherige Kapitel). Dieses kurze Paṭala (6 Verse) knüpft an den Seelen-Beweis aus Paṭala 6 an: aus der Beschaffenheit von Sinnesorganen, Körper und Objekten wird auf eine sie verbindende Bewusstseins-Instanz geschlossen. Anschließend wird das Karma als 'mitwirkende Ursache' (sahakārin) neben Herr und Unwissen eingeführt und als subtile, unsichtbare Wirkkraft (adṛṣṭa) charakterisiert, die in Dharma und Adharma wurzelt, im Tiefschlaf reift, bei jeder Weltschöpfung aktiviert wird, zwischenzeitlich unverbraucht in der Māyā ruht, und – obgleich sie die individuellen Fähigkeiten der Seele manifestiert – letztlich ein Hindernis auf dem Weg zur Befreiung bleibt.

athendriyaśarīrārthaiś cidyogasyānumīyate / nimittamāgāmibhāvād yato nāgāmyahetumat //

Nun wird aus den Sinnesorganen, dem Körper und den [Sinnes-]Objekten die Verbindung mit dem Bewusstsein (cidyoga) [als deren] wirkende Ursache erschlossen [?], da [diese] den Charakter des Entstehens [wörtl. 'zukünftigen Werdens'] haben — denn was nicht im Entstehen begriffen ist, bedarf keiner [solchen wirkenden] Ursache.

Wort für Wort
athendriyaśarīrārthaiś cidyogasyānumīyate
nun wird aus Sinnesorganen, Körper und [ihren] Objekten die Verbindung mit Bewusstsein erschlossen
nimittamāgāmibhāvād
[und zwar] als wirkende Ursache, weil [diese] den Charakter des Entstehens haben
yato nāgāmyahetumat
denn was nicht im Entstehen begriffen ist, hat/bedarf keine [solche] Ursache

[?] Kompakte Nyāya-Inferenz: aus der Beschaffenheit von Sinnesorganen, Körper und Objekten (als 'Wirkungen', kārya) wird auf eine sie verbindende Bewusstseins-Instanz (die Seele) geschlossen; die genaue Konstruktion von 'āgāmibhāva' und 'nāgāmyahetumat' bleibt unsicher und wird nach dem wahrscheinlichsten Sinn wiedergegeben.

tasya pradeśavartitvād vaicitryātkṣaṇikatvataḥ / pratipuṃniyatatvācca santatatvācca tadguṇam // īśāvidyādyapekṣitvāt sahakāri taducyate / karma vyāpārajanyatvād adṛṣṭaṃ sūkṣmabhāvataḥ //

[Dies erweist sich] als dessen [des Bewusstseins] Eigenschaft [?]: durch [seine] Ortsgebundenheit, durch Mannigfaltigkeit [und] Augenblicklichkeit, durch die für jede einzelne Person festgelegte Eigenart sowie durch [seine] Kontinuität. Weil es [dieses instrumentale Prinzip] des Herrn, des Unwissens (āṇavamala) und dergleichen bedarf, wird es als 'mitwirkende Ursache' (sahakārin) bezeichnet; das Karma [seinerseits] – da aus [willentlicher] Tätigkeit entstehend – wird aufgrund seiner subtilen Natur 'das Unsichtbare' (adṛṣṭa) genannt.

Wort für Wort
tasya pradeśavartitvād vaicitryātkṣaṇikatvataḥ
[dies ist] dessen Eigenschaft: durch Ortsgebundenheit, durch Mannigfaltigkeit [und] Augenblicklichkeit
pratipuṃniyatatvācca santatatvācca tadguṇam
sowie durch die für jede Person festgelegte Eigenart und durch Kontinuität – [dies sind] dessen Eigenschaften
īśāvidyādyapekṣitvāt sahakāri taducyate
weil es des Herrn, des Unwissens usw. bedarf, wird es 'mitwirkende Ursache' genannt
karma vyāpārajanyatvād adṛṣṭaṃ sūkṣmabhāvataḥ
das Karma – aus Tätigkeit entstehend – wird wegen seiner Subtilität 'das Unsichtbare' (adṛṣṭa) genannt

[?] V.2 zählt in sehr komprimierter Form mehrere Eigenschaften des zuvor genannten instrumentalen Prinzips auf; die genaue syntaktische Zuordnung der Einzelbegriffe bleibt unsicher. V.3 führt den technischen Terminus adṛṣṭa ('das Unsichtbare') als Bezeichnung für die subtile Wirkkraft des Karma ein.

janakaṃ dhārakaṃ bhogyam adhyātmāditrisādhanam / tatsatyānṛtayonitvād dharmādharmasvarūpakam //

[Das Karma ist] erzeugend, erhaltend [und] zu erfahren – [es wirkt als] das dreifache Mittel, beginnend mit dem 'auf das Selbst Bezogenen' [ādhyātmika; d.h. die traditionelle Trias ādhyātmika/ādhibhautika/ādhidaivika] [?]; da es seinen Ursprung in Wahrhaftigkeit und Unwahrhaftigkeit hat, besitzt es die Wesensform von Dharma und Adharma.

Wort für Wort
janakaṃ dhārakaṃ bhogyam
[das Karma ist] erzeugend, erhaltend [und] zu erfahren
adhyātmāditrisādhanam
[es ist] das dreifache Mittel, beginnend mit dem 'auf das Selbst Bezogenen'
tatsatyānṛtayonitvād dharmādharmasvarūpakam
da es aus Wahrhaftigkeit und Unwahrhaftigkeit entspringt, hat es die Wesensform von Dharma und Adharma

[?] 'adhyātmāditrisādhana' vermutlich Anspielung auf die klassische Trias ādhyātmika/ādhibhautika/ādhidaivika (auf Selbst, Wesen und Gottheiten bezogene Ursachen/Leiden); die genaue Bezugnahme im Kontext bleibt unsicher.

svāpe vipākamabhyeti tatsṛṣṭāvupayujyate / māyāyāṃ vartate cānte nābhuktaṃ layameti ca // iti māyādikālānta- pravartakamanādimat / karma vyañjakamapyetad rodhi sadyanna muktaye //

Im Tiefschlaf gelangt [das Karma] zur Reifung; diese [gereifte Frucht] wird bei der [nächsten Welt-]Erschaffung [wieder] angewandt. Es verweilt in der Māyā, und am Ende geht das [noch] Ungenossene [Karma] in [diese Māyā] zur Auflösung ein. So ist das Karma – anfanglos, [und] bis zum Ende der Māyā[-Periode hin] antreibend – zwar zugleich auch 'offenbarend' [d.h. die individuellen Fähigkeiten manifestierend] [?], [doch] als solches ein Hindernis, das nicht zur Befreiung [führt].

Wort für Wort
svāpe vipākamabhyeti tatsṛṣṭāvupayujyate
im Tiefschlaf reift [das Karma]; [diese Reifung] wird bei der [nächsten] Erschaffung angewandt
māyāyāṃ vartate cānte nābhuktaṃ layameti ca
es verweilt in der Māyā, und am Ende geht das ungenossene [Karma] in [sie] zur Auflösung ein
iti māyādikālāntapravartakamanādimat
so ist das Karma anfanglos [und] bis zum Ende der Māyā-Periode hin antreibend
karma vyañjakamapyetad rodhi sadyanna muktaye
dieses Karma ist zwar auch 'offenbarend', [doch] als solches ein Hindernis, das nicht zur Befreiung führt

[?] Schlussverse zur Karma-Lehre: das Karma reift im Tiefschlaf, wird bei jeder Weltschöpfung neu aktiviert und ruht in den Zwischenzeiten unverbraucht in der Māyā; obgleich es die individuellen Fähigkeiten der Seele manifestiert ('vyañjaka'), bleibt es als solches ein Hindernis auf dem Weg zur endgültigen Befreiung.

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