Paṭala 3: tṛtīyaḥ paṭalaḥ
Paṭala 3: Der Schlussbeweis auf Maheśvara als Weltursache und die Lehre von den fünf Gesichtern (Pañcabrahma-Mantras)
Fortsetzung des Mṛgendrāgama-Vidyāpāda (Quelle wie vorherige Kapitel). Paṭala 3 (14 Verse) führt zunächst ein Nyāya-artiges Schlussverfahren: aus der beobachteten Wirkung (Körper, Welt) wird auf eine ihr entsprechende, ewige, mit Erkenntniskraft ausgestattete Ursache geschlossen, die durch Ausschlussverfahren (pāriśeṣya) als Maheśvara/Śiva identifiziert wird. Der zweite Teil (V.8-14) behandelt die Frage, ob der Herr, da alles beobachtete Wirken verkörperten Wesen zukommt, selbst einen Körper benötige – die Antwort ist die berühmte Lehre von den fünf Gesichtern/Mantras Sadāśivas (Sadyojāta, Vāmadeva, Aghora, Tatpuruṣa, Īśāna, hier als Aja/Sadya, Vāma, Aghora, Tatpuruṣa, Īśa bezeichnet), die zusammen seinen aus eigener Kraft (śakti) gebildeten, nicht-materiellen 'Körper' bilden, mit knappen Etymologien der einzelnen Namen. Der erste Halbvers von V.2 trägt im Quelltext selbst eine Anmerkung zu seinem unsicheren Status (möglicherweise ursprünglich Kommentartext).
athopalabhya dehādi vastu kāryatvadharmakam / kartāramasya jānīmo viśiṣṭamanumānataḥ //
Nun erkennen wir, nachdem wir Körper und dergleichen – Dinge mit der Eigenschaft, Wirkung zu sein – wahrgenommen haben, deren Urheber durch eine besondere Schlussfolgerung.
Wort für Wort
athopalabhya dehādi vastu kāryatvadharmakam
nachdem wir Körper u.ä., Dinge mit der Eigenschaft ‚Wirkung-Sein‘, wahrgenommen haben
kartāramasya jānīmo viśiṣṭamanumānataḥ
erkennen wir deren Urheber durch eine besondere Schlussfolgerung
Beginn eines Nyāya-artigen Schlussverfahrens auf einen intelligenten Weltschöpfer (analog dem Topf-Töpfer-Argument).
Die Besonderheit [der Ursache] wird, wie schon im gewöhnlichen Weltverlauf beobachtbar, aus der Besonderheit der Wirkung erschlossen: wie, von welcher Art und wie sehr eine Wirkung ist, ebenso [entsprechend] ist ihre Ursache; [diese Ursache ist] ewig, da nicht durch Zeit begrenzt, und, aufgrund ihrer Alldurchdringung [?], nicht an einen [einzelnen] Ort gebunden. Weil [die Welt] sowohl der Reihe nach als auch unmittelbar entsteht, besitzt [die Ursache] die Fähigkeit zur Hervorbringung sowohl in Abfolge als auch [unmittelbar]; sie verfügt über ein Werkzeug/Mittel, da niemals ein Wirken ohne Werkzeug beobachtet wird. Und dieses [Werkzeug] ist als anfangslos zu erkennen, weil die Wirkung selbst anfangslos fortbesteht; und das Werkzeug ist nichts anderes als [ihre eigene] Kraft (śakti) – und diese Kraft, [da sie] einem Bewussten [gehört], ist nicht bewusstlos.
Wort für Wort
vaiśiṣṭyaṃ kāryavaiśiṣṭyād dṛṣṭaṃ lokasthitāvapi
die Besonderheit [der Ursache] wird aus der Besonderheit der Wirkung erschlossen, wie im Weltverlauf beobachtbar
yadyathā yādṛśaṃ yāvat kāryaṃ tatkāraṇaṃ tathā
wie, von welcher Art, wie sehr die Wirkung ist, ebenso ist die Ursache
nityaṃ kālānavacchedād dvaitatyānna pradeśagam
[die Ursache ist] ewig, unzeitlich begrenzt, und nicht an einen Ort gebunden
kramākramasamutpatteḥ kramādyutpattiśaktimat
da [die Welt] in Abfolge und unmittelbar entsteht, hat [die Ursache] die Kraft zu beidem
tasyāsti karaṇaṃ yena dṛṣṭā nākaraṇā kṛtiḥ
sie hat ein Werkzeug, da nie ein Wirken ohne Werkzeug beobachtet wird
anāgāmi ca tajjñeyaṃ kāryasyānādisaṃsthiteḥ
und dies ist als anfangslos zu erkennen, da die Wirkung selbst anfangslos fortbesteht
karaṇaṃ ca na śaktyanyac chaktirnācetanā citaḥ
das Werkzeug ist nichts als [ihre] Kraft – und diese, einem Bewussten gehörend, ist nicht bewusstlos
[?] Der erste Halbvers von V.2 (‚vaiśiṣṭyaṃ ... lokasthitāvapi‘) ist im Quelltext selbst mit einer Randbemerkung versehen, wonach er ursprünglich im Kommentar-Apparat (Ked S.104) steht, aber vermutlich zum Grundtext gehört (bezeugt in Trilocanas Siddhāntārthasamuccaya); hier vorsorglich als Textbestandteil mitübersetzt. ‚dvaitatyāt‘ (V.2) unsicher, Übersetzung als ‚Alldurchdringung‘ nur sinngemäß angenähert.
viṣayāniyamādekaṃ bodhe kṛtye ca tattathā / kāryaṃ na sthitijanmādi bījasya prakṛteraṇoḥ // pāriśeṣyānmaheśasya muktasya śiva eva saḥ / sambandhāgrahaṇe bādhā mānasyābhyeti kasyacit // sā parasyāpi dhūmo 'nyo girau māhānasādyataḥ / loke vapuṣmato dṛṣṭaṃ kṛtyaṃ so 'pyasmadādivat //
Weil ihr Wirkungsbereich unbeschränkt ist, ist [die Ursache] eine einzige, sowohl im Erkennen als auch im Wirken; Bestehen, Entstehen und dergleichen der Wirkung gehören nicht zum ‚Samen‘ Prakṛti oder [zur individuellen] Seele. Durch Ausschlussverfahren [bleibt daher] Maheśa [als Ursache übrig] – er ist eben der [ewig] befreite Śiva; würde man einwenden, die Verbindung [zwischen ihm und der Welt] werde nicht [unmittelbar] erfasst, so träfe dieser Einwand ebenso das Beweismittel manch anderer [Position]. Dies gilt [durch Ähnlichkeitsschluss] auch für Entferntes: Rauch, mag er auf dem Berg oder aus der Küche stammen, [beweist gleichermaßen Feuer]; [da nun] in der Welt Wirken [stets nur] bei einem verkörperten [Wesen] beobachtet wird, [könnte man einwenden,] auch er [Maheśvara] müsse demnach wie wir und andere [verkörpert sein].
Wort für Wort
viṣayāniyamādekaṃ bodhe kṛtye ca tattathā
weil ihr Bereich unbeschränkt ist, ist [die Ursache] eine einzige, im Erkennen wie im Wirken
kāryaṃ na sthitijanmādi bījasya prakṛteraṇoḥ
Bestehen, Entstehen usw. der Wirkung gehören nicht zum ‚Samen‘ Prakṛti oder zur [individuellen] Seele
pāriśeṣyānmaheśasya muktasya śiva eva saḥ
durch Ausschlussverfahren [bleibt] Maheśa – er ist der [ewig] befreite Śiva
sambandhāgrahaṇe bādhā mānasyābhyeti kasyacit
würde man die Nicht-Erfassbarkeit der Verbindung einwenden, träfe dies auch andere Beweisführungen
sā parasyāpi dhūmo 'nyo girau māhānasādyataḥ
dies gilt auch für Entferntes, wie Rauch vom Berg oder aus der Küche [gleichermaßen Feuer beweist]
loke vapuṣmato dṛṣṭaṃ kṛtyaṃ so 'pyasmadādivat
da in der Welt Wirken nur bei Verkörpertem beobachtet wird, [müsse] auch er wie wir verkörpert sein
[?] Polemik gegen Sāṅkhya/Seelen-Ursache-Theorien; Schluss per Ausschlussverfahren (pāriśeṣya) auf Maheśvara. Der letzte Vers wirft den Einwand auf, der die folgenden Verse (Fünf-Gesichter-Lehre) motiviert: bedarf auch der Herr eines Körpers?
Weil ein materielles Substrat u.ä. [für ihn] unmöglich ist, ist der Körper des Herrn nicht von jener [gewöhnlichen] Art, [sondern] ein Körper aus [eigener] Kraft (śakti); dieser [Körper besteht] aus den fünf Mantras, die den fünf [kosmischen] Handlungen dienen. Durch Īśāna, Tatpuruṣa, Aghora, Vāma und Aja [Sadyojāta entstehen] Scheitel und die übrigen [Körperteile]; durch sie beherrscht er, mittels der obersten, übergeordneten Eigenschaft, die gesamte Welt.
Wort für Wort
mūlādyasambhavācchāktaṃ vapurno tādṛśaṃ prabhoḥ
weil ein materielles Substrat unmöglich ist, ist der Körper des Herrn kein gewöhnlicher, sondern ein Körper aus [eigener] Kraft
tadvapuḥ pañcabhirmantraiḥ pañcakṛtyopayogibhiḥ
dieser Körper [besteht] aus den fünf, den fünf Handlungen dienenden Mantras
īśatatpuruṣāghoravāmājairmastakādikam
durch Īśāna, Tatpuruṣa, Aghora, Vāma und Aja [entstehen] Scheitel u.a. [Körperteile]
īṣṭe yena jagatsarvaṃ guṇenoparivartinā
durch sie beherrscht er, mit der obersten Eigenschaft, die ganze Welt
Einführung der klassischen Pañcabrahma-Lehre: die fünf ‚Gesichter‘/Mantras Sadāśivas (Sadyojāta/Aja, Vāmadeva, Aghora, Tatpuruṣa, Īśāna), jeweils einer der fünf kosmischen Handlungen zugeordnet, bilden seinen aus Śakti bestehenden ‚Körper‘.
sa mūrdhasamadeśatvān mūrdhā nāvayavastanoḥ / tasya tasya tanuryā pūs tasyāmuṣati yena saḥ // tattrāṇādvyañjanāccāpi sa tatpuruṣavaktrakaḥ / hṛdayaṃ bodhaparyāyaḥ so 'syāghoraḥ śivo yataḥ //
Er [Īśāna] ist, weil an der Stelle des Scheitels befindlich, der ‚Scheitel‘ – nicht als Körperglied. Die jeweilige ‚Gestalt‘ eines jeden [Gesichts], die auch ‚Wohnstätte‘ [heißt], [wird so genannt], weil er darin weilt. Weil er jenes [die Welt] beschützt und offenbart, ist er das ‚Tatpuruṣa-Antlitz‘; ‚Herz‘ ist ein anderes Wort für Erkenntnis – deshalb ist dieses [Antlitz] sein ‚Aghora‘, das ‚Heilvolle‘ (śiva).
Wort für Wort
sa mūrdhasamadeśatvān mūrdhā nāvayavastanoḥ
er ist, weil an der Stelle des Scheitels, der ‚Scheitel‘ – nicht als Körperglied
tasya tasya tanuryā pūs tasyāmuṣati yena saḥ
die Gestalt eines jeden [Gesichts], auch ‚Wohnstätte‘ genannt, weil er darin weilt
tattrāṇādvyañjanāccāpi sa tatpuruṣavaktrakaḥ
weil er [die Welt] beschützt und offenbart, ist er das Tatpuruṣa-Antlitz
hṛdayaṃ bodhaparyāyaḥ so 'syāghoraḥ śivo yataḥ
‚Herz‘ ist ein Wort für Erkenntnis – deshalb ist dies sein ‚Aghora‘, das Heilvolle
[?] Etymologische Erklärungen der Gesichtsnamen Īśāna, Tatpuruṣa und Aghora; Einzelheiten der knappen Wortableitungen unsicher.
Wegen der Furchtbarkeit seines Ergreifens [der Geschöpfe] erhält [das Gegenstück] übertragen die Bezeichnung ‚Ghora‘ (der Furchtbare); ‚Vāma‘ [heißt so], weil es der Dreiheit [von Dharma, Artha, Kāma] entgegengesetzt (vāma) und von Natur aus geheimnisvoll ist; wessen höchste Stätte, ‚Vāma‘, ein tiefes Geheimnis ist, der ist der ‚Vāma-Geheimnisvolle‘.
Wort für Wort
parigrahasya ghoratvād ghoroktirupacārataḥ
wegen der Furchtbarkeit seines Ergreifens erhält [das Gegenstück] übertragen den Namen ‚Ghora‘
vāmastrivargavāmatvād rahasyaśca svabhāvataḥ
‚Vāma‘ [heißt so] wegen seiner Gegensätzlichkeit zur Dreiheit [Dharma/Artha/Kāma] und seiner geheimnisvollen Natur
vāmaṃ dhāma paraṃ guhyaṃ yasyāsau vāmaguhyakaḥ
wessen höchste Stätte ‚Vāma‘ ein tiefes Geheimnis ist, ist der ‚Vāma-Geheimnisvolle‘
[?] Etymologien der Gesichter Ghora (als Kontrastbegriff zu Aghora) und Vāma; Wortableitungen im Detail unsicher, nach bestem Sinnzusammenhang übersetzt.
Durch dessen Willen die Verkörperungen der Seelen sogleich entstehen, danach [trägt er] den Namen ‚Sadya[jāta]‘ (sogleich Entstandener); oder [weil er] den Yogins sogleich [neue] Gestalten verleiht, [heißt er] ‚Sogleich-Gestaltiger‘ – wegen der Schnelligkeit seines Wirkens, nicht wegen [eigener] Verkörperung.
durch dessen Willen die Verkörperungen der Seelen sogleich entstehen, danach trägt er den Namen ‚Sadya[jāta]‘
sadyo mūrtīryogināṃ vā vidhatte sadyomūrtiḥ
oder [weil er] den Yogins sogleich Gestalten verleiht, [heißt er] ‚Sogleich-Gestaltiger‘
kṛtyaśaighryānna mūrteḥ
wegen der Schnelligkeit des Wirkens, nicht wegen [eigener] Verkörperung
Etymologie des fünften Gesichts Sadyojāta; betont ausdrücklich, dass der Name die Schnelligkeit des Wirkens meint, nicht eine tatsächliche Verkörperung des Herrn selbst.
itthaṃ śaktiḥ kurvatī dehakṛtyaṃ dehābhāvāducyate dehaśabdaiḥ / tasyā bhedā ye 'pi vāmādayaḥ syus te 'pi proktāḥ kṛtyabhedena sadbhiḥ //
So wird [seine] Kraft (śakti), die die Funktion eines Körpers erfüllt, trotz Abwesenheit eines [wirklichen] Körpers mit körperbezogenen Worten benannt; und welche Unterscheidungen dieser [Kraft] es auch gebe – Vāma und die übrigen –, auch diese werden von den Weisen nach der Verschiedenheit der [jeweiligen] Wirkfunktion benannt.
so wird die Kraft, die die Körperfunktion erfüllt, trotz fehlenden Körpers mit Körperworten benannt
tasyā bhedā ye 'pi vāmādayaḥ syus te 'pi proktāḥ kṛtyabhedena sadbhiḥ
und deren Unterscheidungen – Vāma usw. – werden von den Weisen nach der Verschiedenheit der Wirkfunktion benannt
Abschließende Klarstellung: die ‚fünf Gesichter‘ sind eine figürliche Beschreibung der ungeteilten, in fünf Funktionsweisen wirkenden Śakti Śivas, kein tatsächlicher vielköpfiger Körper.