Quellen der Menschheit

Mṛgendra-Āgama

Paṭala 7: saptamaḥ paṭalaḥ Paṭala 7: Die Fessel (Mala) – ihre Natur, Śivas Gnadenwirken und die Theodizee-Frage

Fortsetzung des Mṛgendrāgama-Vidyāpāda (Quelle wie vorherige Kapitel). Paṭala 7 (23 Verse) behandelt den dritten Grundbegriff der Trias (Pāśa/Fessel), speziell die Urbefleckung (āṇava-mala): ihre zahlreichen Synonyme in der Pañcasrotas-Lehre, ihre paradoxe Natur als dem Wesen nach eine, doch individuell in jeder Seele wirkende Substanz, und das Argument, dass sie endgültig Befreite nie wieder binden kann. Zentral ist die Lehre von Śivas Gnadenkraft (anugraha), die sich – uneigentlich selbst als ‚Fessel‘ bezeichnet, weil sie sich der Natur der Befleckung anpasst – graduell entfaltet und dabei die klassische Theodizee-Frage behandelt: warum scheinbares Leid mit dem Läuterungsprozess einhergeht, beantwortet mit dem Gleichnis vom Wundarzt, der mit schmerzhaften Mitteln heilt, ohne dem Patienten zu schaden. Abschließend wird dasselbe Läuterungsschema auf Māyā und Karma übertragen. Wegen der extremen scholastischen Dichte durchgehend zahlreiche [?]-Markierungen bei technischer Terminologie (v.a. V.5, 9, 12-13, 21-22).

athāvidyādayaḥ pāśāḥ kathyante leśato 'dhunā / yeṣāmapāye patayo bhavanti jagato 'ṇavaḥ //

Nun werden die Fesseln – Unwissenheit (avidyā) und dergleichen – kurz dargelegt, bei deren Beseitigung die Seelen der Welt zu Herren werden.

Wort für Wort
athāvidyādayaḥ pāśāḥ kathyante leśato 'dhunā
nun werden die Fesseln, Unwissenheit u.ä., kurz dargelegt
yeṣāmapāye patayo bhavanti jagato 'ṇavaḥ
bei deren Beseitigung werden die Seelen der Welt zu Herren

Beginn der Behandlung des dritten Grundbegriffs der Trias Pati/Paśu/Pāśa: die Fessel (hier v.a. die Urbefleckung/āṇava-mala).

pāśābhāve pāratantryaṃ vaktavyaṃ kinnibandhanam / svābhāvikaṃ cenmukteṣu muktaśabdo nivartate // bandhaśūnyasya vaśitā dṛṣṭā baddhasya vaśyatā / etāvatī te baddhatva- muktatve baddhamuktayoḥ // tatpāratantryaṃ baddhatvaṃ tasminnitye cidādivat / muktisādhanasaṃdoho vyartho 'lamanayā dhiyā //

Ohne Fessel – worauf sollte dann die Abhängigkeit [der Seele vom Herrn] gegründet sein? Wäre sie naturgegeben, so würde bei den Befreiten das Wort ‚befreit‘ selbst gegenstandslos. Herrschaft wird beim Fesselfreien beobachtet, Unterworfenheit beim Gebundenen – so viel [allein] macht das Gebundensein und Befreitsein von Gebundenem und Befreitem aus. Jene Abhängigkeit ist das Gebundensein; wäre sie ewig, wie Bewusstsein u.ä. [ewige Seeleneigenschaften], so wäre der ganze Aufwand an Befreiungsmitteln zwecklos – genug von solchem Denken!

Wort für Wort
pāśābhāve pāratantryaṃ vaktavyaṃ kinnibandhanam
ohne Fessel, worauf sollte die Abhängigkeit [der Seele] gegründet sein
svābhāvikaṃ cenmukteṣu muktaśabdo nivartate
wäre sie naturgegeben, würde bei Befreiten das Wort ‚befreit‘ gegenstandslos
bandhaśūnyasya vaśitā dṛṣṭā baddhasya vaśyatā
Herrschaft wird beim Fesselfreien beobachtet, Unterworfenheit beim Gebundenen
etāvatī te baddhatvamuktatve baddhamuktayoḥ
so viel allein macht Gebundensein und Befreitsein von Gebundenem und Befreitem aus
tatpāratantryaṃ baddhatvaṃ tasminnitye cidādivat
jene Abhängigkeit ist das Gebundensein; wäre sie ewig wie Bewusstsein u.ä.
muktisādhanasaṃdoho vyartho 'lamanayā dhiyā
wäre der ganze Aufwand an Befreiungsmitteln zwecklos – genug von solchem Denken

nityavyāpakacicchakti- nidhirapyarthasiddhaye / pāśavaṃ śāmbhavaṃ vāpi nānviṣyatyanyathā balam // tadāvaraṇamasyāṇoḥ pañcasrotasi śāṅkare / paryāyairbahubhirgītam adṛṣṭaṃ paśubhiḥ sadā // paśutvapaśunīhāra- mṛtyumūrcchāmalāñjanaiḥ / avidyāvṛtirugglāni- pāpamūlakṣapādibhiḥ //

Selbst ein Schatz an ewiger, alldurchdringender Bewusstseinskraft würde, [wäre diese Kraft ungehindert wirksam,] zur Erlangung eines Zieles nicht anderweitig nach [zusätzlicher] Kraft suchen – weder gebundener noch göttlicher Art. Jene Verhüllung dieser Seele wird in Śaṅkaras [Śivas] Fünf-Ströme-[Lehre] mit vielen Synonymen besungen, [obschon sie] von den gebundenen Seelen selbst stets ungesehen [bleibt]: mit [den Namen] ‚Gebundenheit‘, ‚Nebel des Gebundenen‘, ‚Tod‘, ‚Ohnmacht‘, ‚Befleckung‘, ‚verdunkelndes Schminkmittel‘, ‚Unwissenheit‘, ‚Verhüllung‘, ‚Krankheit‘, ‚Mattigkeit‘, ‚Wurzel der Sünde‘, ‚Nacht‘ und dergleichen.

Wort für Wort
nityavyāpakacicchaktinidhirapyarthasiddhaye
selbst ein Schatz ewiger, alldurchdringender Bewusstseinskraft würde zur Zielerlangung
pāśavaṃ śāmbhavaṃ vāpi nānviṣyatyanyathā balam
nicht anderweitig nach [zusätzlicher] Kraft suchen, weder gebundener noch göttlicher Art
tadāvaraṇamasyāṇoḥ pañcasrotasi śāṅkare
jene Verhüllung dieser Seele wird in Śaṅkaras Fünf-Ströme-Lehre
paryāyairbahubhirgītam adṛṣṭaṃ paśubhiḥ sadā
mit vielen Synonymen besungen, [obschon] von den Gebundenen stets ungesehen
paśutvapaśunīhāramṛtyumūrcchāmalāñjanaiḥ
mit den Namen: Gebundenheit, Nebel des Gebundenen, Tod, Ohnmacht, Befleckung, verdunkelndes Schminkmittel
avidyāvṛtirugglānipāpamūlakṣapādibhiḥ
Unwissenheit, Verhüllung, Krankheit, Mattigkeit, Sündenwurzel, Nacht und dergleichen

[?] V.5 argumentativ knapp: da nach Kraft/Mitteln gesucht wird, muss die an sich unbeschränkte Bewusstseinskraft der Seele tatsächlich verhüllt sein. V.6-7 listet die zahlreichen Synonyme der Urbefleckung (āṇava-mala) in der Pañcasrotas-Lehre.

tadekaṃ sarvabhūtānām anādi nibiḍaṃ mahat / pratyātmasthasvakālāntā- pāyiśaktisamūhavat // tadanādisthamarvāgvā taddhetustadato 'nyathā / ruṇaddhi muktānevaṃ cen mokṣe yatnastato mṛṣā // tadekaṃ bahusaṃkhyaṃ tu tādṛgutpattimadyataḥ / kintu tacchaktayo 'nekā yugapanmuktyadarśanāt //

Sie [die Befleckung] ist eine einzige für alle Wesen, anfangslos, dicht [und] gewaltig – wie eine Ansammlung von Kräften, die je in der einzelnen Seele wohnen und am Ende ihrer eigenen [zugeteilten] Zeit weichen. Ob sie nun anfangslos besteht oder [erst] später [entsteht, mit] einer davon verschiedenen Ursache – würde sie so [auch] Befreite [wieder] hemmen, wäre alles Streben nach Befreiung vergeblich. Sie ist [dem Wesen nach] eine, [tritt] aber vielzählig [auf], da sie derartig individuell entsteht; vielmehr sind ihre Kräfte zahlreich, da man nicht beobachtet, dass alle [Seelen] gleichzeitig befreit werden.

Wort für Wort
tadekaṃ sarvabhūtānām anādi nibiḍaṃ mahat
sie ist eine für alle Wesen, anfangslos, dicht und gewaltig
pratyātmasthasvakālāntāpāyiśaktisamūhavat
wie eine Kräfteansammlung, je in der Einzelseele wohnend, am Ende ihrer Zeit weichend
tadanādisthamarvāgvā taddhetustadato 'nyathā
ob anfangslos oder später entstanden, mit anderer Ursache
ruṇaddhi muktānevaṃ cen mokṣe yatnastato mṛṣā
würde sie so auch Befreite hemmen, wäre alles Streben nach Befreiung vergeblich
tadekaṃ bahusaṃkhyaṃ tu tādṛgutpattimadyataḥ
sie ist eine, tritt aber vielzählig auf, da individuell entstehend
kintu tacchaktayo 'nekā yugapanmuktyadarśanāt
vielmehr sind ihre Kräfte zahlreich, da nicht alle gleichzeitig befreit werden

[?] Erklärt, warum die (dem Wesen nach einheitliche) Urbefleckung individuell in jeder Seele wirkt und einzeln, nicht kollektiv, aufgehoben wird; Argument, dass sie endgültig Befreite nie wieder binden kann.

tāsāṃ māheśvarī śaktiḥ sarvānugrāhikā śivā / dharmānuvartanādeva pāśa ityupacaryate // pariṇāmayatyetāśca rodhāntaṃ kārkacittviṣā / yadonmīlanamādhatte tadānugrāhikocyate // śambhościdādyanugrāhyaṃ tadvirodhitayā mithaḥ / yugapanna kṣamaṃ śaktiḥ sarvānugrāhikā katham //

Von diesen [individuellen Befleckungs-Kräften] wird Maheśvaras eigene, allbegnadende, heilvolle Kraft – eben weil sie sich der Natur [der Befleckung] anpasst, um sie [aufzulösen] – uneigentlich ebenfalls ‚Fessel‘ genannt. Und sie wandelt diese [Befleckungen], mit durchdringender Bewusstseins-Helligkeit, bis zum Ende ihrer Hemmung um; wenn sie [der Seele] das Erwachen verleiht, wird sie ‚die Begnadende‘ genannt. [Einwand:] Da das von Śambhu zu begnadende Bewusstsein u.a. [bei den Seelen] sich gegenseitig widerspricht, ist [seine Gnadenkraft] nicht imstande, [alle] gleichzeitig [zu begnaden] – wie kann seine Kraft dann ‚allbegnadend‘ heißen?

Wort für Wort
tāsāṃ māheśvarī śaktiḥ sarvānugrāhikā śivā
von diesen ist Maheśvaras eigene, allbegnadende, heilvolle Kraft
dharmānuvartanādeva pāśa ityupacaryate
eben weil sie sich der Natur [der Befleckung] anpasst, uneigentlich ‚Fessel‘ genannt
pariṇāmayatyetāśca rodhāntaṃ kārkacittviṣā
sie wandelt diese, mit durchdringender Bewusstseins-Helligkeit, bis zum Ende der Hemmung um
yadonmīlanamādhatte tadānugrāhikocyate
verleiht sie [der Seele] das Erwachen, wird sie ‚die Begnadende‘ genannt
śambhościdādyanugrāhyaṃ tadvirodhitayā mithaḥ
da das von Śambhu zu begnadende Bewusstsein sich [bei den Seelen] gegenseitig widerspricht
yugapanna kṣamaṃ śaktiḥ sarvānugrāhikā katham
ist [die Gnadenkraft] nicht zu gleichzeitigem [Wirken] fähig – wie heißt sie dann ‚allbegnadend‘?

[?] ‚kārkacittviṣā‘ unsicher, sinngemäß als ‚mit durchdringender Bewusstseins-Helligkeit‘ wiedergegeben. Feine Unterscheidung: Śivas Gnadenkraft wird, weil sie sich an die Natur der Fessel anpasst, uneigentlich selbst als ‚Fessel‘ bezeichnet. V.13 wirft den Einwand auf, der in den Folgeversen beantwortet wird.

kathaṃ bhūtopakārārthaṃ pravṛttasya jagatprabhoḥ / apakārakamāviśya yujyate tunnatodanam // na todanāya kurute malasyāṇoranugraham / kintu yatkriyate kiñcit tadupāyena nānyathā //

[Einwand:] Wie ziemt es sich für den zum Wohl der Wesen wirkenden Weltherrn, [scheinbar] Schädliches herbeizuführen, [wie] den Stich eines Stachels? [Antwort:] Er vollzieht die Begnadung der Seele von ihrer Befleckung nicht um des Stachelstichs willen; sondern was [an geringem Schmerz dabei] auch immer geschieht, geschieht [nur] durch das [notwendige] Mittel, nicht um seiner selbst willen.

Wort für Wort
kathaṃ bhūtopakārārthaṃ pravṛttasya jagatprabhoḥ
wie ziemt es dem zum Wohl der Wesen wirkenden Weltherrn
apakārakamāviśya yujyate tunnatodanam
[scheinbar] Schädliches herbeizuführen, wie den Stich eines Stachels?
na todanāya kurute malasyāṇoranugraham
er vollzieht die Begnadung der Seele von ihrer Befleckung nicht um des Stachels willen
kintu yatkriyate kiñcit tadupāyena nānyathā
sondern was an Schmerz geschieht, geschieht nur durch das [notwendige] Mittel, nicht um seiner selbst willen

Theodizee-Argument (Analogie zum Wundarzt in V.18 fortgeführt): scheinbares Leid im Läuterungsprozess ist unbeabsichtigte Begleiterscheinung des heilenden Mittels, nicht Selbstzweck.

na sādhikāre tamasi muktirbhavati kasyacit / adhikāro 'pi tacchakteḥ pariṇāmānnivartate // so 'pi na svata eva syād api yogyasya vastunaḥ / sarvathā sarvadā yasmāc citprayojyamacetanam //

Solange die Finsternis [noch Rest-]Herrschaft hat, wird niemand befreit; doch auch diese Herrschaft weicht durch die [allmähliche] Umwandlung jener [Gnaden-]Kraft. Auch dies geschähe nicht von selbst, selbst bei einem [dazu bereits] geeigneten Gegenstand – denn stets und in jeder Hinsicht muss Bewusstloses von einem Bewussten in Bewegung gesetzt werden.

Wort für Wort
na sādhikāre tamasi muktirbhavati kasyacit
solange die Finsternis [Rest-]Herrschaft hat, wird niemand befreit
adhikāro 'pi tacchakteḥ pariṇāmānnivartate
doch auch diese Herrschaft weicht durch die Umwandlung jener Kraft
so 'pi na svata eva syād api yogyasya vastunaḥ
auch dies geschähe nicht von selbst, selbst bei geeignetem Gegenstand
sarvathā sarvadā yasmāc citprayojyamacetanam
denn stets muss Bewusstloses von einem Bewussten in Bewegung gesetzt werden

yathā kṣārādinā vaidyas tudannapi na rogiṇam / koṭāviṣṭārthadāyitvād duḥkhahetuḥ pratīyate // sarvagatvānmaheśasya nādhiṣṭhānaṃ vihanyate / na ca yatrāsti kartavyaṃ tasminnaudāsyameti saḥ //

Wie ein Arzt, der mit Ätzmittel u.ä. [behandelt] und dabei zwar sticht, doch dem Kranken nicht [wirklich schadet] – da er den in der [Wund-]Stelle verborgenen Nutzen gewährt –, [nur scheinbar] als Ursache des Schmerzes erscheint, [so auch Śiva]: wegen Maheśas Allgegenwart wird [seine] Obwaltung niemals behindert, und wo es etwas zu tun gibt, wird er dem nie gleichgültig gegenüberstehen.

Wort für Wort
yathā kṣārādinā vaidyas tudannapi na rogiṇam
wie ein Arzt, der mit Ätzmittel u.ä. sticht, doch dem Kranken nicht schadet
koṭāviṣṭārthadāyitvād duḥkhahetuḥ pratīyate
da er den in der Wundstelle verborgenen Nutzen gewährt, [nur scheinbar] als Schmerzursache erscheint
sarvagatvānmaheśasya nādhiṣṭhānaṃ vihanyate
wegen Maheśas Allgegenwart wird seine Obwaltung nie behindert
na ca yatrāsti kartavyaṃ tasminnaudāsyameti saḥ
und wo es etwas zu tun gibt, wird er dem nie gleichgültig gegenüberstehen

Fortführung der Wundarzt-Analogie zur Rechtfertigung scheinbaren Leids im Läuterungsprozess.

dharmiṇo 'nugraho nāma yattaddharmānuvartanam / na so 'sti kasyacijjātu yaḥ patyā nānuvartate // gatādhikāranīhāra- vīryasya sata edhate / paśoranugraho 'nyasya tādarthyādasti karmaṇaḥ //

‚Gnade‘ gegenüber einem [seelenhaften] Träger von Eigenschaften bedeutet eben das Sich-Anpassen an dessen Eigennatur; niemals gibt es jemanden, dem der Herr sich nicht [in diesem Sinne] anpasst. Bei dem, dessen Nebel-Kraft [bereits] die [Rest-]Herrschaft verloren hat, nimmt [die Gnade unmittelbar] zu; die Gnade gegenüber der anderen, [noch gewöhnlich] gebundenen Seele besteht, zu ebendemselben Zweck, [vermittelt] durch das Karma.

Wort für Wort
dharmiṇo 'nugraho nāma yattaddharmānuvartanam
‚Gnade‘ gegenüber einem Träger von Eigenschaften bedeutet das Sich-Anpassen an dessen Eigennatur
na so 'sti kasyacijjātu yaḥ patyā nānuvartate
niemals gibt es jemanden, dem der Herr sich nicht anpasst
gatādhikāranīhāravīryasya sata edhate
bei dem, dessen Nebel-Kraft die [Rest-]Herrschaft schon verloren hat, nimmt [die Gnade] zu
paśoranugraho 'nyasya tādarthyādasti karmaṇaḥ
die Gnade für die andere, noch gebundene Seele besteht, zu ebendiesem Zweck, durch das Karma

boddhṛtvapariṇāmitva- dharmayoranuvartanam / malasya sādhikārasya nivṛttestatparicyutau // ityevaṃ yaugapadyena kramātsughata eva hi / māyāyāḥ sādhikārāyāḥ karmaṇaścokta eva saḥ //

[Die Gnade richtet sich] nach den beiden Eigenschaften Erkenntnisfähigkeit [der Seele] und Wandelbarkeit [des Karmas], bis zum Abfallen von der [noch] herrschenden Befleckung, bei deren Beseitigung. So vollzieht sich dies, sei es gleichzeitig oder stufenweise, durchweg wohlgefügt; und ebendasselbe [Verfahren] wurde auch für die [noch] herrschende Māyā und für das Karma dargelegt.

Wort für Wort
boddhṛtvapariṇāmitvadharmayoranuvartanam
[die Gnade richtet sich] nach den Eigenschaften Erkenntnisfähigkeit [der Seele] und Wandelbarkeit [des Karmas]
malasya sādhikārasya nivṛttestatparicyutau
bis zum Abfallen von der [noch] herrschenden Befleckung, bei deren Beseitigung
ityevaṃ yaugapadyena kramātsughata eva hi
so vollzieht sich dies, gleichzeitig oder stufenweise, durchweg wohlgefügt
māyāyāḥ sādhikārāyāḥ karmaṇaścokta eva saḥ
und ebendasselbe wurde auch für die herrschende Māyā und das Karma dargelegt

Schlussverse: fassen zusammen, dass dasselbe Läuterungsverfahren für alle drei ‚Fessel‘-Bestandteile (Mala, Māyā, Karma – vgl. Paṭala 2) gilt.

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