Quellen der Menschheit

Mṛgendra-Āgama

Paṭala 12: dvādaśaḥ paṭalaḥ Paṭala 12: Ahaṃkāra, die elf Sinnesorgane, die fünf Tanmātras und Elemente, und ihre körperlichen Entsprechungen

Fortsetzung des Mṛgendrāgama-Vidyāpāda (Quelle wie vorherige Kapitel). Dieses Paṭala (34 Verse) entfaltet die Sāṅkhya-artige Instrumentarien-Lehre im Detail: die dreifache Differenzierung des Ahaṃkāra (Taijasa/Vaikṛta/Bhūtādi) in Erkenntnisorgane (inkl. Manas), Handlungsorgane und Tanmātras/Elemente; Beweis der Eigenständigkeit des Manas durch Schlussfolgerung; Erklärung der scheinbaren Gleichzeitigkeit sinnlicher Wahrnehmung; eine ausführliche technische Debatte über die materielle Zusammensetzung der Sinnesorgane und die Lokalisierung/Verteilung der Elementqualitäten (insbesondere ob Klang exklusive Äther-Eigenschaft ist oder allen Elementen zukommt, mit Bezug auf den Nyāya-Fehlschluss 'kālātyayāpadiṣṭa'); die klassische Fünf-Elemente-Guṇa-Lehre (Klang/Berührung/Form/Geschmack/Geruch) mit körperlichen Entsprechungen; und einen Schlussteil zur Einheit des gesamten, individuell-seelenspezifischen Instrumentariums (Lampen-Gleichnis) mit Übergang zum folgenden, sehr umfangreichen Paṭala 13 (198 Verse, kosmologische Bhuvana-Tattva-Lehre). Wegen der extremen technischen Dichte, besonders in der dialektischen Passage V.12-27, außergewöhnlich viele [?]-Markierungen; einzelne Wendungen (u.a. V.18, V.24) bleiben trotz bestmöglicher Deutung unsicher.

atha śeṣārthasiddhyarthaṃ skandhānasyāta eva saḥ / trīnniścakarṣa sattvādi- bhūyiṣṭhānīśaśaktigaḥ // taijaso vaikṛto yo 'nyo bhūtādiriti saṃsmṛtaḥ / tebhyaḥ samātrakā devā mātrebhyo bhūtapañcakam //

Nun zog [der Herr], zur Erfüllung der übrigen Zwecke, kraft seiner [im Ahaṃkāra wirkenden] Macht, aus diesem [Ahaṃkāra] drei Gruppen hervor, jeweils vorwiegend von Sattva usw. geprägt: 'Taijasa', 'Vaikṛta' und das andere, als 'Bhūtādi' bekannte. Aus ihnen [entstehen] die Sinnesfähigkeiten samt den feinstofflichen Elementen (Mātrā), aus den feinstofflichen Elementen die fünf groben Elemente.

Wort für Wort
atha śeṣārthasiddhyarthaṃ skandhānasyāta eva saḥ
nun zog [der Herr], zur Erfüllung der übrigen Zwecke, aus diesem [Ahaṃkāra]
trīnniścakarṣa sattvādibhūyiṣṭhānīśaśaktigaḥ
kraft seiner Macht drei Gruppen hervor, jeweils vorwiegend von Sattva usw. geprägt
taijaso vaikṛto yo 'nyo bhūtādiriti saṃsmṛtaḥ
[diese heißen] 'Taijasa', 'Vaikṛta' und das andere, 'Bhūtādi' genannt
tebhyaḥ samātrakā devā mātrebhyo bhūtapañcakam
aus ihnen die Sinnesfähigkeiten samt Tanmātras, aus den Tanmātras die fünf groben Elemente

Einführung der dreifachen Ahaṃkāra-Differenzierung nach klassischem Sāṅkhya-Muster.

śrotraṃ tvakcakṣuṣī jihvā nāsā ca manasā saha / prakāśānvayataḥ sāttvās taijasaśca sa sāttvikaḥ // vāṇī pāṇī bhagaḥ pāyuḥ pādau ceti rajobhuvaḥ / karmānvayādrajobhūyān gaṇo vaikāriko 'tra yaḥ //

Ohr, Haut, [die beiden] Augen, Zunge und Nase, zusammen mit dem Denkorgan (Manas), sind, aufgrund ihrer Verbindung mit der Erhellung, sattvisch; und jenes Taijasa-[Ahaṃkāra, aus dem sie entstehen,] ist ebenfalls sattvisch. Sprachorgan, [die beiden] Hände, Geschlechtsorgan, After und [die beiden] Füße sind aus Rajas entstanden; aufgrund ihrer Verbindung mit Handlung [bildet diese] überwiegend rajasische Gruppe, hier 'Vaikārika' genannt.

Wort für Wort
śrotraṃ tvakcakṣuṣī jihvā nāsā ca manasā saha
Ohr, Haut, Augen, Zunge und Nase, zusammen mit dem Manas
prakāśānvayataḥ sāttvās taijasaśca sa sāttvikaḥ
sind wegen ihrer Verbindung mit der Erhellung sattvisch, und das Taijasa-Ahaṃkāra ebenfalls
vāṇī pāṇī bhagaḥ pāyuḥ pādau ceti rajobhuvaḥ
Sprachorgan, Hände, Geschlechtsorgan, After und Füße sind aus Rajas entstanden
karmānvayādrajobhūyān gaṇo vaikāriko 'tra yaḥ
wegen ihrer Verbindung mit Handlung [ist dies] die überwiegend rajasische Gruppe 'Vaikārika'

[Anm.] Bemerkenswert: der Mṛgendrāgama weist hier 'Taijasa' explizit dem Sattva-Anteil zu (Ursprung der elf Erkenntnisorgane inkl. Manas) und 'Vaikṛta/Vaikārika' dem Rajas-Anteil (Ursprung der fünf Handlungsorgane) – dies ist gegenüber dem klassischen Sāṅkhyakārikā-Schema (dort meist umgekehrt: Vaikārika=sattvisch, Taijasa=rajasisch) vertauscht; hier konsequent nach dem expliziten Wortlaut des Textes wiedergegeben.

śabdaḥ sparśaśca rūpaṃ ca raso gandhaśca pañcamaḥ / guṇāviśiṣṭāstanmātrās tanmātrapadayojitāḥ // prakāśakarmakṛdvarga- vailakṣaṇyāttamobhavāḥ / prakāśyatvācca bhūtādir ahaṅkāreṣu tāmasaḥ //

Klang, Berührung, Form/Farbe, Geschmack und, als fünftes, Geruch – diese, noch undifferenziert in ihrer Eigenschaft, werden die 'Tanmātras' [feinstofflichen Elemente] genannt, mit dem Terminus 'Tanmātra' bezeichnet. Wegen ihrer Verschiedenheit von der Erhellungs- und der Handlungs-Gruppe sind [die Tanmātras] aus Tamas entstanden; und da sie [bloß] zu Erhellende [d.h. passive Erkenntnisobjekte] sind, ist 'Bhūtādi' unter den drei Formen des Ahaṃkāra die tamasische.

Wort für Wort
śabdaḥ sparśaśca rūpaṃ ca raso gandhaśca pañcamaḥ
Klang, Berührung, Form, Geschmack und, als fünftes, Geruch
guṇāviśiṣṭāstanmātrās tanmātrapadayojitāḥ
noch undifferenziert in ihrer Eigenschaft, werden 'Tanmātras' genannt
prakāśakarmakṛdvargavailakṣaṇyāttamobhavāḥ
wegen ihrer Verschiedenheit von Erhellungs- und Handlungs-Gruppe sind sie aus Tamas entstanden
prakāśyatvācca bhūtādir ahaṅkāreṣu tāmasaḥ
da sie bloß zu erhellende [Objekte] sind, ist 'Bhūtādi' unter dem Ahaṃkāra die tamasische [Form]

devapravartakaṃ śīghra- kāri saṃkalpadharmi ca / manaḥ śabdādiviṣaye grāhakāḥ śravaṇādayaḥ // vacanādānasaṃhlāda- visargavihṛtikriyāḥ / vāgādīnāṃ padānyatvaṃ pade satyapyatadguṇāḥ //

Das, was die Sinnesfähigkeiten in Gang setzt, schnell wirkend und von der Natur des Erwägens (Saṃkalpa), ist das Denkorgan (Manas); die 'Erfasser' hinsichtlich der Objekte Klang usw. sind Gehör usw. Sprechen, Ergreifen, [sinnliches] Vergnügen, Ausscheiden und Sich-Fortbewegen sind die Tätigkeiten [der Handlungsorgane]; Sprachorgan usw. haben zwar je einen eigenen Wirkbereich, besitzen aber, obwohl je einen Bereich habend, keine [entsprechende Sinnes-]Qualität wie die Erkenntnisorgane.

Wort für Wort
devapravartakaṃ śīghrakāri saṃkalpadharmi ca
das die Sinnesfähigkeiten in Gang setzt, schnell wirkend, von der Natur des Erwägens
manaḥ śabdādiviṣaye grāhakāḥ śravaṇādayaḥ
ist das Manas; die Erfasser hinsichtlich Klang usw. sind Gehör usw.
vacanādānasaṃhlādavisargavihṛtikriyāḥ
Sprechen, Ergreifen, Vergnügen, Ausscheiden, Sich-Fortbewegen [sind die Tätigkeiten]
vāgādīnāṃ padānyatvaṃ pade satyapyatadguṇāḥ
Sprachorgan usw. haben je einen Wirkbereich, besitzen aber keine entsprechende Sinnesqualität

ātmendriyārthanaikṛṣṭye sarvadevāpravṛttitā / pravṛttikārakāstitvaṃ yuktito 'pyavasīyate // tattvāntaroktavṛttibhyo vailakṣaṇyādvilakṣaṇaḥ / saṃkalpo bījamabhyeti manastatpāriśeṣyataḥ //

Wenn Seele, Sinnesorgan und [Sinnes-]Objekt nicht [alle drei richtig] verbunden sind, funktioniert keine der Sinnesfähigkeiten; die Existenz eines eigenständigen Aktivators der Tätigkeit [d.h. des Manas] wird auch durch logische Schlussfolgerung erwiesen. Da sich [die Funktion des Manas] von den bei den übrigen Prinzipien genannten Funktionen unterscheidet, ist sie eigenständig; das Erwägen (Saṃkalpa) fungiert als 'Keim' [erster Ansatzpunkt jeder Handlung]; das Manas wird als dessen Sitz durch Ausschlussverfahren erwiesen.

Wort für Wort
ātmendriyārthanaikṛṣṭye sarvadevāpravṛttitā
wenn Seele, Sinnesorgan und Objekt nicht verbunden sind, funktioniert keine Sinnesfähigkeit
pravṛttikārakāstitvaṃ yuktito 'pyavasīyate
die Existenz eines eigenständigen Aktivators wird auch durch Schlussfolgerung erwiesen
tattvāntaroktavṛttibhyo vailakṣaṇyādvilakṣaṇaḥ
da sich [seine Funktion] von den Funktionen der übrigen Prinzipien unterscheidet, ist es eigenständig
saṃkalpo bījamabhyeti manastatpāriśeṣyataḥ
das Erwägen fungiert als Keim; das Manas wird als dessen Sitz durch Ausschluss erwiesen

jñānaṃ tadakṣayogāttat kramayogitayā kramāt / tathāpyābhāti yugapan nāśusaṃcaraṇādṛte //

Diese [durch das Manas vermittelte] Erkenntnis entsteht, durch die Verbindung mit den Sinnen, ihrer sequentiellen Natur nach, stets der Reihe nach; dennoch erscheint sie als gleichzeitig – was nur durch die rasche [Bewegung des Manas zwischen den Sinnen zustande kommt].

Wort für Wort
jñānaṃ tadakṣayogāttat kramayogitayā kramāt
diese Erkenntnis entsteht durch Sinnesverbindung, ihrer sequentiellen Natur nach, der Reihe nach
tathāpyābhāti yugapan nāśusaṃcaraṇādṛte
dennoch erscheint sie gleichzeitig, nur durch die rasche Bewegung [des Manas]

Erklärung der scheinbaren Gleichzeitigkeit sinnlicher Erkenntnis durch die tatsächlich sequentielle, aber extrem schnelle Bewegung des Manas zwischen den Sinnesorganen.

niyatārthatayākṣāṇi nānāyonīni kasyacit / gandhādivyañjakatvācca tadādhārātmakānyapi // śabdaikagrāhakaṃ śrotraṃ sparśaikagrāhiṇī ca tvak / tathāstu yadi nādatte saguṇaṃ kāraṇāntaram //

Wegen ihres je festgelegten Gegenstandes haben die Sinnesorgane je verschiedene Ursprünge; und weil [z.B. die Nase] Geruch u.ä. offenbart, sind sie auch von der Natur eines Trägers für jenes [jeweilige Merkmal] [?]. Das Ohr, welches allein Klang erfasst, und die Haut, die allein Berührung erfasst – dies sei so zugestanden, sofern [das Sinnesorgan selbst] nicht eine zusätzliche, dieselbe Eigenschaft besitzende, andere Ursache [als Erklärung] heranzieht [?].

Wort für Wort
niyatārthatayākṣāṇi nānāyonīni kasyacit
wegen ihres je festgelegten Gegenstandes haben die Sinnesorgane je verschiedene Ursprünge
gandhādivyañjakatvācca tadādhārātmakānyapi
und weil sie Geruch u.ä. offenbaren, sind sie auch Träger jenes Merkmals
śabdaikagrāhakaṃ śrotraṃ sparśaikagrāhiṇī ca tvak
das Ohr erfasst allein Klang, die Haut allein Berührung
tathāstu yadi nādatte saguṇaṃ kāraṇāntaram
dies sei zugestanden, sofern es nicht eine zusätzliche gleichartige Ursache heranzieht

[?] Beginn einer technischen Debatte über die materielle Zusammensetzung der Sinnesorgane; mehrere Formulierungen bleiben unsicher.

tvagindriyamayuktārtha- grāhi yuktaparāṅmukham / tejovārimahīdravyaṃ dṛgādatte sarūpakam // tatastridravyajā sā syān na pareṇeṣyate tathā / yenopalabhyate yo 'rthaḥ sa tasyārthasya kāraṇam //

Das Hautorgan erfasst [z.B. bei Wärmestrahlung] ein nicht unmittelbar verbundenes Objekt, während es ein unmittelbar verbundenes gerade nicht [auf dieselbe Weise wahrnimmt] [?]; das Auge erfasst die Substanzen Feuer, Wasser und Erde zusammen mit ihrer jeweiligen Farbe. Demnach müsste jene Sehkraft aus drei Substanzen entstehen; doch dies wird vom Gegner nicht in dieser Weise akzeptiert [?]: wodurch [nämlich] ein Objekt wahrgenommen wird, das ist [seinerseits erst noch zu erweisende] Ursache für jenes Objekt.

Wort für Wort
tvagindriyamayuktārthagrāhi yuktaparāṅmukham
das Hautorgan erfasst ein nicht unmittelbar verbundenes Objekt, ein verbundenes gerade nicht
tejovārimahīdravyaṃ dṛgādatte sarūpakam
das Auge erfasst die Substanzen Feuer, Wasser, Erde zusammen mit ihrer Farbe
tatastridravyajā sā syān na pareṇeṣyate tathā
demnach müsste die Sehkraft aus drei Substanzen entstehen; dies akzeptiert der Gegner nicht so
yenopalabhyate yo 'rthaḥ sa tasyārthasya kāraṇam
wodurch ein Objekt wahrgenommen wird, das ist Ursache für jenes Objekt

[?] Fortsetzung der Debatte über die materielle Beschaffenheit der Sinnesorgane, hier am Beispiel des Sehorgans; die genaue Position des 'Gegners' bleibt unsicher rekonstruiert.

na prāptamapi karmādi seyaṃ vyasanasantatiḥ / karṇarandhraviśiṣṭaṃ khaṃ śabdavargāvabhāsakam // nāsārandhaviśiṣṭaṃ tad brūta kena nivāryate / tadadṛṣṭāvaruddhaṃ vā tadapyanyatra kiṃ kṛtam //

Auch [im Fall der Handlungsorgane gilt: ein noch] nicht erreichtes [Objekt] usw. – dies ist eine fortwährende Schwierigkeit [in der Argumentation] [?]. Der Äther-Raum (Ākāśa), spezifisch im Gehörgang lokalisiert, ist der Offenbarer der Klanggruppe. Sagt [mir]: wodurch wird jener [Ākāśa-Anteil] in der Nasenhöhle daran gehindert, [ebenfalls Klang wahrzunehmen]? Oder [sagt ihr, er sei] durch das Unsichtbare (Adṛṣṭa/Karma) eingeschränkt – aber was hätte dieses [Adṛṣṭa] dann anderswo [in vergleichbaren Fällen] bewirkt?

Wort für Wort
na prāptamapi karmādi seyaṃ vyasanasantatiḥ
auch ein nicht erreichtes [Objekt] usw. – dies ist eine fortwährende Schwierigkeit
karṇarandhraviśiṣṭaṃ khaṃ śabdavargāvabhāsakam
der Äther, spezifisch im Gehörgang, ist Offenbarer der Klanggruppe
nāsārandhaviśiṣṭaṃ tad brūta kena nivāryate
sagt: wodurch wird jener [Äther-Anteil] in der Nasenhöhle daran gehindert [Klang wahrzunehmen]?
tadadṛṣṭāvaruddhaṃ vā tadapyanyatra kiṃ kṛtam
oder durch Adṛṣṭa eingeschränkt – aber was hätte dieses anderswo bewirkt?

[?] Dialektische Passage über die Lokalisierung des Ākāśa als Träger des Klangs (Gehörgang) und ein Einwand, warum nicht auch andere Körperhöhlen Klang wahrnehmen.

prāptaṃ gṛhṇāti nātodye śaptaṃ kenāpi dasyunā / yuktyagamye 'pi sadvākyāt pratītiraupadravā //

[Das Gehör] erfasst [Klang gleichsam nur dort, wo er direkt] erreicht wird, doch dies gilt nicht [in gleicher Weise] beim Musikinstrument [?] – [dieser Einwand ist gleichsam] von irgendeinem Räuber verflucht [d.h. mit einer schwerwiegenden Komplikation behaftet] [?]; selbst wo eine Sache der reinen Vernunft nicht zugänglich ist, besteht doch durch ein autoritatives Schriftwort Gewissheit, wenn auch dieser Weg selbst wieder mit Einwänden behaftet ist [?].

Wort für Wort
prāptaṃ gṛhṇāti nātodye śaptaṃ kenāpi dasyunā
[das Gehör] erfasst das Erreichte, doch nicht so beim Musikinstrument – wie von einem Räuber verflucht [?]
yuktyagamye 'pi sadvākyāt pratītiraupadravā
selbst wo Vernunft nicht ausreicht, besteht durch Schriftwort Gewissheit, wenn auch mit Einwänden behaftet

[?] Diese Verszeile bleibt in weiten Teilen unklar – insbesondere die idiomatische Wendung 'śaptaṃ kenāpi dasyunā' ('wie von einem Räuber verflucht') konnte nicht mit Sicherheit gedeutet werden; sinngemäße Wiedergabe unter ausdrücklichem Vorbehalt.

mitārthādamitārthasya jyāyastvamiti sūrayaḥ / vyomaprabhañjanāgnyambu- bhūmayo bhūtapañcakam // śabdādyekottaraguṇam avakāśādivṛttimat / dhūnanajvalanaplāva- kharatvāvedino guṇāḥ //

'Aus einem begrenzten Gegenstand lässt sich kein Vorrang gegenüber einem unbegrenzten [ableiten]' [?], so [sagen] die Weisen. Äther, Wind, Feuer, Wasser und Erde sind die fünf groben Elemente. [Sie besitzen] von Klang an aufwärts jeweils um eins vermehrte Eigenschaften, und je eine eigene Funktion, beginnend mit 'Raum-Gewähren' [für den Äther]; [ihre weiteren] Eigenschaften bekunden sich als Erschütterung [Wind], Brennen [Feuer], Fließen [Wasser] und Härte [Erde].

Wort für Wort
mitārthādamitārthasya jyāyastvamiti sūrayaḥ
'aus Begrenztem folgt kein Vorrang gegenüber Unbegrenztem', so die Weisen [?]
vyomaprabhañjanāgnyambubhūmayo bhūtapañcakam
Äther, Wind, Feuer, Wasser, Erde sind die fünf groben Elemente
śabdādyekottaraguṇam avakāśādivṛttimat
[sie besitzen] von Klang an aufwärts um je eins vermehrte Eigenschaften, mit je eigener Funktion
dhūnanajvalanaplāvakharatvāvedino guṇāḥ
ihre Eigenschaften bekunden sich als Erschütterung, Brennen, Fließen und Härte

[?] Einführung der klassischen kumulativen Guṇa-Lehre der fünf Elemente (Ākāśa 1 Eigenschaft, Vāyu 2, Tejas 3, Jala 4, Pṛthivī 5).

śabdā vāyvādiṣu vyomni savarṇapratiśabdagāḥ / vyūho 'vakāśadānaṃ ca paktisaṃgrahadhāraṇāḥ // vāyuvyomahutāśāmbu- dharaṇīnāṃ ca vṛttayaḥ / śabdaḥ khaguṇa eveti tadanyatropalabdhitaḥ //

Klänge treten auch in Wind usw. auf, nicht nur in Äther, wo sie mit gleichartigem Echo einhergehen [?]; [die Funktionen der Elemente sind]: 'Anordnen' [Wind] und 'Raum-Gewähren' [Äther], sowie 'Kochen' [Feuer], 'Zusammenhalten' [Wasser] und 'Tragen' [Erde]. [Dies also sind] die Funktionen von Wind, Äther, Feuer, Wasser und Erde. [Der Einwand] 'Klang ist eine Eigenschaft allein des Äthers' steht jedoch im Widerspruch dazu, dass er auch anderswo wahrgenommen wird.

Wort für Wort
śabdā vāyvādiṣu vyomni savarṇapratiśabdagāḥ
Klänge treten auch in Wind usw. auf, im Äther mit gleichartigem Echo
vyūho 'vakāśadānaṃ ca paktisaṃgrahadhāraṇāḥ
'Anordnen' und 'Raum-Gewähren', 'Kochen', 'Zusammenhalten' und 'Tragen' [sind die Funktionen]
vāyuvyomahutāśāmbudharaṇīnāṃ ca vṛttayaḥ
dies sind die Funktionen von Wind, Äther, Feuer, Wasser und Erde
śabdaḥ khaguṇa eveti tadanyatropalabdhitaḥ
'Klang ist Eigenschaft allein des Äthers' widerspricht seiner Wahrnehmung auch anderswo

[Anm.] Der Text vertritt hier explizit die Position, dass Klang (entgegen der klassischen Nyāya-Vaiśeṣika-Lehre, wonach śabda ausschließliche Eigenschaft des Ākāśa ist) auch in den übrigen Elementen vorkommt – Grundlage der folgenden Debatte V.23-27.

bruvate bhagavan kecit sarvabhūtaguṇaḥ katham / kvānyatra śravaṇākāśe kathamanyatra tadguṇaḥ // pareṣṭādāśrayāttatra nirṇetānubhavo nṛṇām / kadācitkarṇamūle 'pi saṃvidityatha manyase // śrotravṛttivadasyāpi pariṇāmo 'stu kā kṣatiḥ / āgamādhyakṣavihatā hetavo nārthasādhakāḥ //

Manche sagen, o Erhabener: 'Wie kann [Klang] eine Eigenschaft aller Elemente sein? Wo, außer im Hör-Äther [dem im Ohr befindlichen Ākāśa], und wie könnte jene Eigenschaft anderswo bestehen?' [Antwort:] Maßgeblich ist letztlich die unmittelbare Erfahrung der Menschen [?]; meinst du etwa, [Klangwahrnehmung entstehe] manchmal sogar an der Ohrwurzel selbst [?]? Möge, ähnlich der Funktion des Gehörs, auch hierfür eine entsprechende Erklärungs-Wandlung gelten – was für ein Schaden entstünde dadurch? Beweisgründe, die durch Schrift-Autorität und unmittelbare Wahrnehmung widerlegt werden, taugen nicht zum Erweis ihres beabsichtigten Zwecks.

Wort für Wort
bruvate bhagavan kecit sarvabhūtaguṇaḥ katham
manche sagen, o Erhabener: wie kann [Klang] Eigenschaft aller Elemente sein?
kvānyatra śravaṇākāśe kathamanyatra tadguṇaḥ
wo außer im Hör-Äther, und wie könnte jene Eigenschaft anderswo bestehen?
pareṣṭādāśrayāttatra nirṇetānubhavo nṛṇām
maßgeblich ist die unmittelbare Erfahrung der Menschen
kadācitkarṇamūle 'pi saṃvidityatha manyase
meinst du, [Klangwahrnehmung entstehe] manchmal an der Ohrwurzel selbst?
śrotravṛttivadasyāpi pariṇāmo 'stu kā kṣatiḥ
möge, wie bei der Gehörfunktion, auch hier eine Wandlung gelten – welcher Schaden?
āgamādhyakṣavihatā hetavo nārthasādhakāḥ
durch Schrift und Wahrnehmung widerlegte Beweisgründe taugen nicht zum Erweis

[?] Dialektische Passage: ein Gegner bestreitet, dass Klang Eigenschaft aller Elemente sein kann, da er nur im 'Hör-Äther' wahrnehmbar sei; die Antwort verweist auf unmittelbare Erfahrung als letzte Entscheidungsinstanz. Mehrere Formulierungen bleiben unsicher.

kālātyayāpadiṣṭatvād iti nyāyavido viduḥ / ityapi sthitamevāyaṃ gandho 'pyastu nabhoguṇaḥ // yena ketakapuṣpāder vaikṛṣṭye 'pyupalabhyate / iti pañcasu śabdo 'yaṃ sparśo bhūtacatuṣṭaye //

'Weil [ein solcher Beweisgrund] durch das Verstreichen [seiner gültigen] Zeit widerlegt ist' – ein anerkannter logischer Fehlschluss (kālātyayāpadiṣṭa) –, so wissen es die Logik-Kundigen. So steht auch dies fest: [nach derselben fehlerhaften Logik] möge doch auch der Geruch eine Eigenschaft des Äthers sein! Denn auch [der Geruch] der Ketaka-Blüte wird ja sogar aus der Ferne wahrgenommen [wie Klang – dieselbe Logik wäre also absurd]. So [gilt vielmehr]: dieser Klang [ist Eigenschaft] in [allen] fünf Elementen, Berührung in den [übrigen] vier Elementen.

Wort für Wort
kālātyayāpadiṣṭatvād iti nyāyavido viduḥ
'weil durch Zeitverstreichen widerlegt' – ein anerkannter Fehlschluss, so die Logik-Kundigen
ityapi sthitamevāyaṃ gandho 'pyastu nabhoguṇaḥ
so steht auch fest: nach derselben Logik müsste auch Geruch Eigenschaft des Äthers sein
yena ketakapuṣpāder vaikṛṣṭye 'pyupalabhyate
denn auch [Geruch] der Ketaka-Blüte wird aus der Ferne wahrgenommen
iti pañcasu śabdo 'yaṃ sparśo bhūtacatuṣṭaye
so ist Klang [Eigenschaft] in fünf Elementen, Berührung in den [übrigen] vier

Abschluss der Debatte mittels eines Reductio-Arguments (Geruch der Ketaka-Blüte wird ebenfalls aus der Ferne wahrgenommen) gegen die Position, Klang sei exklusive Äther-Eigenschaft; Schlussfolgerung: Klang gehört allen fünf, Berührung vier Elementen an.

aśītoṣṇo mahīvāyvoḥ śītoṣṇau vāritejasoḥ / bhāsvadagnau jale śuklaṃ kṣitau śuklādyanekadhā // rūpaṃ triṣu raso 'mbhaḥsu madhuraḥ ṣaḍvidhaḥ kṣitau / gandhaḥ kṣitāvasūrabhiḥ surabhiśca mato budhaiḥ //

[Die Tastqualität ist] weder kalt noch heiß bei Erde und Wind, kalt bei Wasser und heiß bei Feuer; [die Farbqualität ist] leuchtend beim Feuer, weiß beim Wasser, und bei der Erde vielfältig, angefangen mit Weiß. Form/Farbe gibt es bei den drei [Elementen Feuer, Wasser, Erde]; Geschmack primär beim Wasser, während beim Erd-Element der süße Geschmack in seinen sechs Spielarten auftritt; Geruch, unangenehm und angenehm, wird von den Weisen der Erde zugeschrieben.

Wort für Wort
aśītoṣṇo mahīvāyvoḥ śītoṣṇau vāritejasoḥ
[Tastqualität ist] neutral bei Erde und Wind, kalt bei Wasser, heiß bei Feuer
bhāsvadagnau jale śuklaṃ kṣitau śuklādyanekadhā
leuchtend beim Feuer, weiß beim Wasser, bei der Erde vielfältig, mit Weiß beginnend
rūpaṃ triṣu raso 'mbhaḥsu madhuraḥ ṣaḍvidhaḥ kṣitau
Farbe bei drei Elementen; Geschmack beim Wasser, süßer Geschmack sechsfach bei der Erde
gandhaḥ kṣitāvasūrabhiḥ surabhiśca mato budhaiḥ
Geruch, unangenehm und angenehm, wird von den Weisen der Erde zugeschrieben

dehe 'sthimāṃsakeśatvaṅ- nakhadanteṣu cāvaniḥ / mūtraraktakaphasveda- śukrādau vāri saṃsthitam // hṛdi paktau dṛśoḥ pitte tejastaddharmadarśanāt / prāṇādivṛttibhedena nabhasvānukta eva te //

Im Körper ist in Knochen, Fleisch, Haar, Haut, Nägeln und Zähnen die Erde wirksam, in Urin, Blut, Schleim, Schweiß, Same u.ä. das Wasser. Im Herzen, bei der Verdauung, in den Augen und in der Galle [ist] Feuer [wirksam], wegen der dort beobachtbaren, ihm eigenen Merkmale; Wind wurde dir bereits durch die Unterscheidung der Funktionen, beginnend mit Prāṇa, erklärt.

Wort für Wort
dehe 'sthimāṃsakeśatvaṅnakhadanteṣu cāvaniḥ
im Körper ist in Knochen, Fleisch, Haar, Haut, Nägeln und Zähnen die Erde [wirksam]
mūtraraktakaphasvedaśukrādau vāri saṃsthitam
in Urin, Blut, Schleim, Schweiß, Same u.ä. das Wasser
hṛdi paktau dṛśoḥ pitte tejastaddharmadarśanāt
im Herzen, bei der Verdauung, in den Augen, in der Galle [ist] Feuer, wegen seiner dort beobachtbaren Merkmale
prāṇādivṛttibhedena nabhasvānukta eva te
Wind wurde dir bereits durch die Funktionsunterscheidung [beginnend mit] Prāṇa erklärt

Verweis zurück auf die Fünf-Vāyu-Lehre aus Paṭala 11.

garvavṛttyanuṣaṅgeṇa khaṃ samastāsu nāḍiṣu / prayoktryādimahīprāntam etadaṇvarthasādhanam // pratyātmaniyataṃ bhoga- bhedato vyavasīyate / sarvato yugapadvṛtter anutpādādasarvagam / bhinnajātīyamapyeka- phalaṃ dīpāṅgavastuvat //

Durch seine Verbindung mit der Funktion des Ich-Prinzips (Garva) ist der Äther in sämtlichen Körperkanälen (Nāḍī) gegenwärtig; diese ganze Kette – vom [antreibenden] Veranlasser bis hin zur Erde – ist das Mittel zur Verwirklichung des Zwecks der individuellen Seele. [Dieses gesamte Instrumentarium] wird, aufgrund der je unterschiedlichen Erfahrung, als für jede einzelne Seele festgelegt bestimmt; da es nicht überall gleichzeitig wirkt, ist es nicht alldurchdringend; obgleich aus verschiedenartigen Bestandteilen zusammengesetzt, bewirkt es dennoch eine einzige Wirkung, gleich den [verschiedenen] Teilen einer Lampe.

Wort für Wort
garvavṛttyanuṣaṅgeṇa khaṃ samastāsu nāḍiṣu
durch Verbindung mit der Garva-Funktion ist der Äther in allen Körperkanälen gegenwärtig
prayoktryādimahīprāntam etadaṇvarthasādhanam
diese Kette, vom Veranlasser bis zur Erde, ist Mittel zur Verwirklichung des Seelenzwecks
pratyātmaniyataṃ bhogabhedato vyavasīyate
es wird, aufgrund unterschiedlicher Erfahrung, als für jede Seele festgelegt bestimmt
sarvato yugapadvṛtter anutpādādasarvagam
da es nicht überall gleichzeitig wirkt, ist es nicht alldurchdringend
bhinnajātīyamapyekaphalaṃ dīpāṅgavastuvat
obgleich verschiedenartig, bewirkt es eine einzige Wirkung, wie die Teile einer Lampe

Abschließende Zusammenfassung: das gesamte Tattva-Instrumentarium (von Kalā bis zu den groben Elementen) ist für jede Seele individuell, nicht alldurchdringend, und wirkt trotz innerer Vielfalt als Einheit zusammen (Lampen-Gleichnis).

ityātivāhikamidaṃ vapurasya jantoś citsaṅgacidgahanagarbhavivarti leśāt / naitāvatālamiti bhauvanatattvapaṅktim ādhāradehaviṣayābhyudayāya vakṣye //

So wurde dieser 'Übergangskörper' [d.h. der feinstoffliche Leib] dieses Geschöpfes, eingebettet in der Tiefe der das Bewusstsein verhüllenden [Fessel] [?], kurz dargelegt. 'Doch damit ist es nicht genug', [sage ich]: die Reihe der Welt-Prinzipien (Bhuvana-Tattva) werde ich nun, zur Förderung [des Verständnisses] hinsichtlich des 'Trägerkörpers' [des kosmischen Substrats], darlegen.

Wort für Wort
ityātivāhikamidaṃ vapurasya jantoś citsaṅgacidgahanagarbhavivarti leśāt
so wurde dieser Übergangskörper des Geschöpfes, eingebettet in der Tiefe der bewusstseinsverhüllenden Fessel, kurz dargelegt
naitāvatālamiti bhauvanatattvapaṅktim
'doch damit ist es nicht genug' – die Reihe der Welt-Prinzipien
ādhāradehaviṣayābhyudayāya vakṣye
werde ich zur Förderung des Verständnisses des Trägerkörpers darlegen

[?] Abschließender Übergangsvers zu Paṭala 13 (198 Verse, dem längsten des Werks), das die kosmologische 'Bhuvana-Tattva'-Sequenz (Welten-Prinzipien) behandeln wird.

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