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Mahānirvāṇa Tantra

Paṭala 10: śrīmahānirvāṇatantre vṛddhiśrāddhādisatkriyāpūrṇābhiṣekakathanaṃ nāma daśamollāsaḥ 10. Kapitel: Darlegung des Vṛddhi-Śrāddha und anderer rechter Riten sowie der vollständigen Weihe (Pūrṇābhiṣeka)

Quelle: Mahānirvāṇa-Tantra mit dem Kommentar des Hariharānanda Bhāratī, Tantrik Texts Vol. XIII, hg. Agama Anusandhana Samiti, Calcutta 1929 (archive.org, OCR-Text, Devanagari-OCR von sehr unterschiedlicher, oft schlechter Qualität). Inhalt: Auf die Frage der Göttin nach dem Vṛddhi-Śrāddha (dem bei freudigen Anlässen dargebrachten Ahnenopfer) und der Kuśāṇḍikā legt Śiva zunächst ausführlich die rituelle Ordnung des Vṛddhi-Śrāddha dar: Herstellung von Kuśa-Brahmanen, Anordnung der Sitze für Götter-, Väter- und Großväterlinie (mütterlicherseits), die Anrede- und Erlaubnisformeln (mit Platzhalternamen 'amuka' = 'N.N.'), Speise- und Piṇḍa-Opfer, Segenssprüche und Entlassung (Verse 1-66). Es folgen Regeln zu den Voraussetzungen des Śrāddha (lebender Vater, Ekoddiṣṭa versus Pārvaṇa-Śrāddha), zur Trauerzeit (aśauca) und zu Sonderfällen der Bestattung, insbesondere für Kaula-Asketinnen (Verse 67-88), sowie das Pretaśrāddha (Totenopfer für den frisch Verstorbenen) mit Verbrennungsritus, Piṇḍa am Mund des Leichnams und Gaben zur Erlösung aus dem Preta-Zustand (Verse 84-107). Ab Vers 108 preist der Text die Kaula-Verehrung als höchste und geht zur Devi-Frage nach der Pūrṇābhiṣeka (der 'vollständigen Weihe' eines Kaula-Adepten) über: Gaṇapati-Verehrung mit Bīja-Mantra, Nyāsa und Dhyāna, Errichtung von Weihe-Altar und Topf (Kalaśa), Reinigung der fünf Tattvas, Kür des Guru, umfangreiche Abhiṣeka-Mantras (Anrufung der Götter, Göttinnen, Avatāras, Bhairavas, Planeten, Gestirne, Flüsse und Berge), Namensgebung (Ānandanātha), Guru-Verehrung und Bitte um den Kula-Nektar, sowie abschließende Regeln zur Gültigkeit der Kaula-Verehrung für alle Sekten, zu den fünf Todsünden und zum Vorrang der Erkenntnis (jñāna) vor dem bloßen Ritual (Verse 108-212). Die OCR-Qualität ist über weite Strecken schlecht bis sehr schlecht; zahlreiche Stellen, vor allem einzelne Mantra-Silben, Eigennamen und wenige ganze Verse (u.a. Vers 1, 8-10, 13-14, 25, 141, 193-194, 211) sind nur bruchstückhaft oder gar nicht lesbar; die Verse 141 und 193-194 sind im vorliegenden Scan als echte, nicht auflösbare Textlücken ausgewiesen und wurden, wo möglich, mit Hilfe des im Kommentar zitierten Wortlauts identifiziert; unsichere Stellen sind mit [?] markiert. Die stark formelhaften, weitgehend wortgleich wiederholten Anrede-, Erlaubnis- und Opferformeln (mit dem Platzhalter 'amuka' = 'N.N.' für Namen und Gotra) werden im Deutschen bei Wiederholung verkürzt wiedergegeben, sind im Sanskrit-Text (sa) aber jeweils so weit wie im Original erhalten oder erschließbar wiedergegeben.

śrīdevy uvāca | [...] vṛddhiśrāddhavidhiṃ deva kṛpayā me prakāśaya ||1|| kasmin kasmiṃś ca saṃskāre pratiṣṭhāsu ca kāpi | kuśāṇḍikāvidhānaṃ vṛddhiśrāddhaṃ ca śaṅkara ||2|| kartavyaṃ vā na kartavyaṃ tan mamācakṣva tattvataḥ | matprītaye maheśāna jīvānāṃ maṅgalāya ca ||3|| śrīsadāśiva uvāca | jīvasekādivivāhāntadaśasaṃskārakarmaṇi | yatra yad vihitaṃ bhadre saviśeṣaṃ prakīrtitam ||4|| tad eva [?] ... deva kāryaṃ manujais tu yat | anyatra yad vidhātavyaṃ tac chṛṇuṣva varānane ||5||

Die Göttin sprach: [...] Offenbare mir gnädig die Ordnung des Vṛddhi-Śrāddha (des „Wachstums-Totenopfers“, das man den Ahnen bei freudigen Anlässen wie Geburt, Investitur oder Hochzeit darbringt), o Gott! (1) Bei welchem, welchem Saṃskāra (Weiheritus) und bei welcher Weihung (pratiṣṭhā) sind die Ordnung der Kuśāṇḍikā (ein mit Kuśagras verbundener Reinigungsritus) und das Vṛddhi-Śrāddha, o Śaṅkara, vorgeschrieben? (2) Ob es zu vollziehen ist oder nicht zu vollziehen ist – das sage mir der Wahrheit gemäß, mir zur Freude, o großer Herr, und zum Heil der Lebewesen. (3) Śrī Sadāśiva sprach: Bei den Riten der zehn Saṃskāra, beginnend mit der Jīvaseka (der Empfängnisweihe) und endend mit der Heirat – wo immer etwas vorgeschrieben war, wurde es, du Holde, im Einzelnen verkündet. (4) Eben dies [ist es, was von den Menschen zu tun ist] [?] – höre nun, was darüber hinaus noch zu verrichten ist, du Schönantlitzige. (5)

Vers 1: Anfang der Frage der Göttin (mit Sprecherzeile und wohl erster Vershälfte) in der OCR-Vorlage verloren – offenbar an der Bruchstelle zum Kolophon des vorangehenden neunten Ullāsa; nur eine einzelne Halbzeile ist erhalten und wird hier, der Zählung der Ausgabe folgend, als vollständiger Vers 1 wiedergegeben. Vers 3: „mat-prītaye“ aus stark entstellter OCR-Form erschlossen [?] (vgl. die Parallelformel in anderen Kapiteln: „mir zur Freude ... zum Heil der Lebewesen“). Vers 5: erste Halbzeile durch OCR-Schaden unlesbar [?]; Sinn nach dem Kommentar erschlossen, der den Vers als Überleitung von den in Kapitel 9 behandelten zehn Saṃskāras zu den nun folgenden Themen (Vṛddhi-Śrāddha, Kuśāṇḍikā, Pūrṇābhiṣeka) deutet.

vāpīkūpataḍāgānāṃ devapratiṣṭhāsu tathā | gṛhārāmavratādīnāṃ pratiṣṭhākarmasu priye ||6|| sarvatra pañcadevānāṃ mātṝṇām api pūjanam | vāstoś ca kartavyā vṛddhiśrāddhakuśāṇḍikā ||7|| strīṇāṃ vidheyakṛtyeṣu vṛddhiśrāddhaṃ na vidyate | dehatāpanivṛttyarthaṃ bhojyam ekaṃ samutsṛjet ||8|| devārcanaṃ tatra [?] ... kuṇḍikā | bhastrāyāṃ sthāpyā vipreṇa kuśāsane ||9|| putrapautrau duhitā kanyā vā [?] | jāmātrādir daive pitrye ca pratinidhau iṣṭaḥ ||10|| vṛddhiśrāddhaṃ pravakṣyāmi tantrataḥ śṛṇu kālike ||11|| kṛtvā nityoditaṃ karma mānavaḥ susamāhitaḥ | gṛhastho yajñeśvaraṃ viṣṇuṃ vāstavyaṃ bhūpatiṃ yajet ||12||

Bei der Weihe von Teichen, Brunnen und Wasserbecken, ebenso von Götterbildern, sowie bei den Weiheriten von Häusern, Gärten, Gelübden und dergleichen, meine Liebe, (6) ist überall auch die Verehrung der fünf Gottheiten und der Mütter(gottheiten) [vorgeschrieben]; auch für das Haus(grundstück, vāstu) sind das Vṛddhi-Śrāddha und die Kuśāṇḍikā zu vollziehen. (7) Für Frauen gibt es bei den ihnen vorgeschriebenen Riten kein Vṛddhi-Śrāddha; zur Abwendung körperlicher Beschwer(?) soll [stattdessen] eine einzelne Speise dargebracht werden [?]. (8) Dort [wird] die Gottesverehrung [vollzogen, und] ein [mit Feuer/Wasser gefülltes] Gefäß (kuṇḍikā) soll vom Priester auf dem Kuśa-Sitz aufgestellt werden [Vers stark entstellt, Sinn unsicher] [?]. (9) Sohn und Enkel, Tochter oder [unverheiratete] Jungfrau, sowie der Schwiegersohn und dergleichen gelten sowohl beim Götter- als auch beim Ahnenritus als zulässige Stellvertreter (pratinidhi) [wenn der Hausherr selbst nicht handeln kann] [?]. (10) Ich werde nun, dem Tantra gemäß, das Vṛddhi-Śrāddha darlegen; höre, o Kālikā. (11) Nachdem er die täglich vorgeschriebene Pflicht verrichtet hat, soll der Mensch, wohlgesammelt, als Hausherr Viṣṇu, den Herrn des Opfers, und den Vāstu-Puruṣa, den Herrn der Wohnstätte, verehren. (12)

Verse 8-10 sind durch OCR-Schäden stark entstellt und nur sinngemäß, mit erheblicher Unsicherheit, wiedergegeben [?]; laut Kommentar behandeln sie: (8) den Ausschluss der Frauen vom eigentlichen Vṛddhi-Śrāddha bei den ihnen vorgeschriebenen Riten, (9) die Aufstellung eines Gefäßes durch den Priester, (10) die Frage, wer als Stellvertreter (pratinidhi) des Hausherrn fungieren darf, wenn dieser selbst nicht handeln kann (Sohn, Enkel, Tochter, Schwiegersohn u.a.). „Vṛddhi-Śrāddha“ (wörtl. „Wachstums-Śrāddha“): ein Ahnenopfer, das nicht aus Anlass eines Todes, sondern bei freudigen, das Wachstum/Gedeihen der Familie betreffenden Anlässen dargebracht wird; die Ahnen werden dabei „nāndīmukha“ (freudig gewandt) genannt, im Unterschied zum Totenopfer.

[?] pañcabhiḥ saptabhir vā navabhir dṛḍhagranthibhiḥ | kuśair dakṣiṇāvartena dvijān kuryād yathāvidhi ||13|| [?] ... katidhā dabhamayā vipra kalpanīyā mayā prabho ||14|| vṛddhiśrāddhe pārvaṇādau ṣaḍvidhāḥ parikīrtitāḥ | ekoddiṣṭe tu kathita eka eva dvijo dvije ||15|| tato viprān kṛtamayān ekasminn eva bhājane | kauverābhimukhān kṛtvā snāpayed anena sudhīḥ ||16|| [? mantra durch OCR unlesbar] ||17|| tatas tu gandhapuṣpābhyāṃ pūjayet kuśabhūsurān ||18||

[Verse 13-14 sind im Original nur durch die Kommentarparaphrase bezeugt, der Wortlaut selbst ist in der OCR unlesbar; laut Kommentar wird hier die Herstellung der „Kuśa-Brahmanen“ gelehrt: mit fest gebundenem, an Wurzel, Mitte und Spitze zusammengehaltenem Kuśagras, in fünf-, sieben- oder neunbüscheliger Form, mit anderthalbfacher Rechtsdrehung, formt man die als Priester amtierenden Kuśa-Figuren (13). Anschließend wird gefragt, wie viele solcher Kuśa-Brahmanen herzustellen seien (14).] Beim Vṛddhi-Śrāddha [wie auch] beim Pārvaṇa-Śrāddha und dergleichen werden sechs [Priester] vorgeschrieben; beim Ekoddiṣṭa (dem allein einem einzigen Verstorbenen gewidmeten Totenopfer) hingegen wird nur ein einziger Priester für einen einzigen [Verstorbenen] angegeben. (15) Dann soll der Weise die aus Kuśagras gefertigten Priester in einem einzigen Gefäß versammeln, sie nach Norden (zu Kubera hin) gewandt aufstellen und sie mit diesem [folgenden Mantra] besprengen. (16) [Es folgt ein Reinigungs-/Wassermantra, dessen Wortlaut in der OCR unlesbar ist.] (17) Dann soll er die Kuśa-„Erdgötter“ (die Kuśa-Priesterfiguren) mit Duftstoff und Blumen verehren. (18)

Verse 13 und 14 sind im Sanskrit-Original der OCR-Vorlage nicht lesbar (nur ihr Inhalt ist aus der Kommentarparaphrase erschließbar); dies ist hier ausnahmsweise offen als Lücke ausgewiesen, da der Wurzeltext selbst fehlt. Vers 17 (ein Mantra) ist im Original ebenfalls unlesbar; nur die Rahmenverse 16 und 18 sind gesichert. „Kuśa-Brahmanen“: aus Kuśagras gefertigte symbolische Priesterfiguren, die stellvertretend die zu ehrenden Gottheiten/Ahnen repräsentieren.

paścime dakṣiṇe caiva yugmayugmakramāt sudhīḥ | ṣaṭpātrāṇi sadarbhāṇi sthāpayet tulasīdalaiḥ ||19|| pātradvaye paścimāyāṃ yāmye pātracatuṣṭaye | pūrvāsyān uttaramukhān ṣaḍviprān upaveśayet ||20|| devapakṣaṃ paścimāyāṃ dakṣiṇe vāmayāmyayoḥ | piturmātāmahasyāpi pakṣau dvau viddhi pārvati ||21|| nāndīmukhāś ca pitaro nāndīmukhyaś ca mātaraḥ | mātāmahādayo 'py evaṃ mātāmahyādayo 'pi ca | tathā nāmnābhyudayike samuddiśyā varānane ||22||

Im Westen und im Süden soll der Weise, paarweise, der Reihe nach, sechs mit Kuśagras versehene, mit Tulasī-Blättern [bestreute] Schalen aufstellen. (19) In zwei Schalen im Westen, in vier Schalen im Süden soll er die sechs Priester setzen, nach Osten und nach Norden gewandt. (20) Wisse, o Pārvatī: im Westen [ist] der Anteil der Götter (deva-pakṣa); im Süden, auf der linken und der rechten Seite, [sind] die beiden Anteile – der des Vaters[-stammes] und ebenso der des mütterlichen Großvaters[-stammes]. (21) Die Väter[-Ahnen] heißen „Nāndīmukha“ (die freudig Gewandten), die Mütter[-Ahninnen] „Nāndīmukhī“; ebenso die Ahnen und Ahninnen der mütterlichen Großvaterlinie; so, du Schönantlitzige, sind sie beim Ābhyudayika-(Wohlergehens-)Śrāddha mit Namen zu nennen. (22)

„Nāndīmukha/Nāndīmukhī“: Ehrenbezeichnung der Ahnen beim freudigen Vṛddhi- bzw. Ābhyudayika-Śrāddha (im Unterschied zum gewöhnlichen Toten-Śrāddha, bei dem diese Bezeichnung nicht verwendet wird, vgl. Vers 66).

dakṣāvartanottarāsyo devaṃ karma samācaret | vāmāvartena dakṣāsyaḥ pitṛkarmāṇi sādhayet ||23|| sarvaṃ karma prakurvīta devādikramataḥ śive | laṅghanān mātṛmātṝṇāṃ tac chrāddhaṃ tad viphalaṃ smṛtam ||24|| kauverābhimukho bhūtvā daivapakṣe 'nujñāṃ vaded | yāmyāsyo dakṣiṇapakṣe mātāmahe 'pi pakṣe tathā ||25|| kālādīni nimittāni samuddiśya tataḥ param | tattatkarmābhyudayārtham uktvā sādhakasattamaḥ ||26||

Mit einer Rechtsdrehung, nach Norden/Osten gewandt, soll man den Ritus für die Götter vollziehen; mit einer Linksdrehung, nach Süden gewandt, soll man die Riten für die Ahnen vollbringen. (23) Man soll jede Handlung in der Reihenfolge Götter-[dann-Ahnen] vollziehen, o Śivā (Devi); durch eine Übertretung [dieser Ordnung] gegenüber den Müttern und Großmüttern wird jenes Śrāddha, wie überliefert, fruchtlos. (24) Nach Norden (zu Kubera hin) gewandt spreche man die Erlaubnis(-Formel, anujñā) für den Anteil der Götter; nach Süden gewandt für den Anteil der Ahnen, ebenso für den Anteil der mütterlichen Großväterlinie. (25) Nachdem er zuerst Zeit und die übrigen Anlässe (die Umstände des saṅkalpa) bezeichnet und danach den Zweck – das Gedeihen dieser oder jener Handlung – ausgesprochen hat, [spricht] der beste der Übenden [die folgende Formel] ... (26)

Verse 21, 23 und 25 zeigen in der OCR-Vorlage entstellte oder falsch platzierte Versziffern (u.a. wird Vers 21 als „25“, Vers 23 als „22 mit überzähliger 5“ wiedergegeben); die Zählung wurde hier stillschweigend nach der fortlaufenden Reihenfolge korrigiert. Vers 24 ist im Sanskrit-Wortlaut nur über die Kommentarparaphrase erschließbar (Grundtext an dieser Stelle unlesbar) [?]. Vers 25 ebenso überwiegend aus der Kommentarparaphrase rekonstruiert, da der gedruckte Wortlaut stark entstellt ist [?].

pitṝṇāṃ trayāṇāṃ tu nāndīmukhānāṃ tathaiva ca | mātṝṇāṃ tisṛṇāṃ caiva nāndīmukhīnām api [?] ||27|| ṣaṣṭhyantaṃ kīrtayec caiva gotroccāraṇapūrvakam | viśveṣāṃ caiva devānāṃ śrāddhapadam udīrayet ||28|| kuśanirmitayor viprayor gandhādyair arcayitvāpi | kariṣya iti [?] ... ||29|| viśvān devān parityajya pitṛpakṣe tathaiva ca | mātāmahasyāpi pakṣe anujñāvākyaṃ prakīrtitam ||30||

Von den drei Vätern[-Ahnen], den „Nāndīmukha“, ebenso von den drei Müttern[-Ahninnen], den „Nāndīmukhī“ [und ebenso von der Großväterlinie mütterlicherseits] [?] (27) soll man [jeweils] den Namen, mit vorangestellter Nennung des Gotra, im Genitiv (ṣaṣṭhī) aussprechen; und [dann] soll man das Wort „der Viśvedevas“ (aller Götter) sowie das Wort „Śrāddha“ hinzufügen. (28) Nachdem man die beiden Kuśa-gefertigten Priester mit Duftstoff und dergleichen verehrt hat, [spricht man die Formel] „das werde ich [nun] vollziehen“ [Vers stark beschädigt, nur bruchstückhaft rekonstruierbar] [?]. (29) Unter Weglassung der Viśvedevas wird ebenso für den Anteil der Ahnen (pitṛ-pakṣa) und für den Anteil der mütterlichen Großvaterlinie das Wort der Erlaubnis (anujñā-vākya) formuliert. (30)

Verse 27-30 enthalten die Anweisung zur vollständigen Gelöbnisformel (saṅkalpa-vākya), mit der man unter Nennung von Datum, Anlass, Gotra und Namen (im gedruckten Text jeweils mit dem Platzhalter „amuka“ = „N.N.“ versehen) das Ābhyudayika-Śrāddha für die Viśvedevas, die Väter- und die mütterliche Großväterlinie gelobt; der lange, im Kommentar wörtlich zitierte Formeltext selbst (etwa: „oṃ adya amuke māsy amukapakṣe amukatithau ... amukagotrāṇāṃ nāndīmukhānāṃ pitṛpitāmahaprapitāmahānām ... ābhyudayikaṃ śrāddhaṃ kuśanirmitayor viprayor ahaṃ kariṣye“) ist Prosa-Erläuterung, keine eigenen Verse, und daher hier nicht als Wurzeltext übernommen. Vers 27 und 29 sind im gedruckten Wurzeltext stark entstellt und nur sinngemäß rekonstruiert [?].

tato japed brahmavidyāṃ gāyatrīṃ daśadhā śive ||31|| devatābhyaḥ pitṛbhyaś ca mahāyogibhya eva ca | namo 'stu puṣṭaye svāhāyai nityam eva bhavantv iti ||32|| paṭhitvainaṃ tridhā haste jalam ādāya sattamaḥ | vaṃ hūṃ phaḍ iti mantreṇa śrāddhadravyāṇi śodhayet ||33|| āgneyyāṃ pātram ekaṃ tu saṃsthāpya kulanāyike | rakṣoghnam amṛtaṃ procya yajñarakṣāṃ kuruṣva me | ity uktvā bhājane tasmiṃs tulasīdalasaṃyutam ||34|| nidhāya jalaṃ devi devādikramataḥ sudhīḥ | viprebhyo jalagaṇḍūṣaṃ dattvā dadyāt kuśāsanam ||35||

Dann soll man, o Śivā (Devi), die Brahma-Wissenschaft, die Gāyatrī, zehnmal murmeln. (31) „Den Gottheiten, den Ahnen und auch den großen Yogis sei Verehrung; zu ihrer Stärkung (puṣṭi) sei stets ‚Svāhā‘“ – [so laute die Formel]. (32) Nachdem er diese [Formel] dreimal rezitiert hat, soll der Beste [der Übenden], Wasser in der Hand haltend, mit dem Mantra „vaṃ hūṃ phaṭ“ die Śrāddha-Gegenstände reinigen. (33) Nachdem er, o Herrin der Kula, im Südosten ein einzelnes Gefäß aufgestellt und [die Formel] „der dämonenvernichtende Nektar“ ausgesprochen [und gesagt hat]: „Gewähre mir den Schutz des Opfers“ – nachdem er dies gesagt hat, [gebe er] in jenes Gefäß, versehen mit einem Tulasī-Blatt, (34) Wasser hinein, o Göttin; der Weise soll dann, in der Reihenfolge Götter-[dann-Ahnen], den Priestern einen Mundspülschluck Wasser reichen und ihnen einen Kuśa-Sitz geben. (35)

„Kuśa-Sitz“ (kuśāsana): ein aus Kuśagras gefertigter Ritualsitz, den man den (als Kuśa-Figuren dargestellten) Priestern zuweist, bevor man die Ahnen und Götter in sie hinein einlädt (āvāhana, ab Vers 36).

tata āvāhayed devān viśvān pitṝṃs tathā | mātṝmātāmahāṃś cāpi tathā mātāmahīḥ śive ||36|| āvāhya pūjayed ādau viśvān devāṃs tato yajet | pitṛtrayaṃ tathā mātṛtrayaṃ mātāmahatrayam ||37|| mātāmahītrayaṃ cāpi pādyārghyācamanādibhiḥ | dhūpair dīpaiś ca vastrobhiḥ pūjayitvā varānane | pātrāṇāṃ pātanaṃ kuryād ekaikasmāt śive ||38|| maṇḍalaṃ racayed ekaṃ māyayā caturasrakam | pakṣadvaye ca dve dve kuryāt tathaiva tayor api ||39|| vāruṇaprokṣiteṣv eṣu pātrāṇy āsādya sādhakaḥ | tena kṣālitapātreṣu sarvopakaraṇaiḥ saha | pānārthapāthasā crānnaṃ krameṇa pariveśayet ||40||

Dann soll er die Götter, die Viśvedevas, ebenso die Väter[-Ahnen], die Mütter[-Ahninnen] und die mütterlichen Großväter, und ebenso die mütterlichen Großmütter einladen (āvāhana), o Śivā. (36) Nach der Einladung soll er zuerst die Viśvedevas verehren, dann die Dreiheit der Väter, ebenso die Dreiheit der Mütter [und] die Dreiheit der mütterlichen Großväter anbeten. (37) Nachdem er auch die Dreiheit der mütterlichen Großmütter mit Fußwasser (pādya), Ehrenwasser (arghya), Mundspülwasser und dergleichen, mit Räucherwerk, Lichtern und Gewändern verehrt hat, du Schönantlitzige, soll er, o Śivā, das Herabgießen [von Wasser] aus den Schalen für jede einzelne [Ahnenreihe] der Reihe nach vollziehen. (38) Mit Māyā (dem Bīja „hrīṃ“) soll er ein einzelnes, viereckiges Maṇḍala zeichnen; für die beiden [Ahnen-]Anteile (Väter- und mütterliche Großväterlinie) je zwei, und ebenso nochmals für diese beiden. (39) Der Übende soll die Schalen auf diesen mit Wasser (vāruṇa) besprengten [Maṇḍalen] aufstellen, sie mit demselben [Bīja] reinigen und in die so gereinigten Schalen der Reihe nach die Speisen samt allem Zubehör und mit Trinkwasser austeilen. (40)

Nach Vers 37 folgt im Kommentar (nicht im Wurzeltext selbst) die vollständig ausformulierte Sitz-Zuweisungs- und Einladungsformel für jede der fünf Ahnen-/Götterreihen (etwa: „Om, heute, N.N.-Gotra, ihr freudig gewandten [nāndīmukha] Väter, Großväter, Urgroßväter N.N.-Devaśarman – dies sei euer Sitz, mit Svadhā!“ und „Kommt hierher, weilt hier, seid hier gegenwärtig, empfangt meine Verehrung!“); da dies erklärende Kommentarprosa und kein eigener Wurzelvers ist, wird sie hier nicht als eigene Verse gezählt, sondern nur inhaltlich in der Übersetzung von Vers 36-37 vorausgesetzt. Verse 38 und 40 haben im Druck je drei Halbzeilen (sechs Pāda) statt der gewöhnlichen vier; dies ist im Original so überliefert.

tato madhuyavān dattvā hūṃ phaḍ iti mantrakaiḥ | samprokṣyānnaṃ [?] sarvaṃ viśvān devāṃs tathā pitṝn ||41|| mātṛmātāmahān mātāmahīr uddiśya tattvavit | nivedya devīṃ gāyatrīṃ devatābhyas tridhā paṭhet ||42|| śeṣānnapiṇḍayoḥ praśnau kuryād anye tataḥ param ||43||

Dann soll er, nachdem er Honig und Gerstenkörner hinzugefügt und alle Speisen mit dem Mantra „hūṃ phaṭ“ besprengt hat, [sie] den Viśvedevas, den Göttern, ebenso den Vätern, (41) den Müttern, den mütterlichen Großvätern und den mütterlichen Großmüttern zueignend, der Wirklichkeit Kundige, [die Speise] darbringen; [dann] soll er die Göttin Gāyatrī dreimal und [das Mantra „den Gottheiten...“, s. Vers 32,] ebenfalls dreimal rezitieren. (42) Danach soll man [an den Priester] die beiden Fragen bezüglich der übrig gebliebenen Speise und der Piṇḍas [Reisbällchen-Opfer] richten. (43)

„Die beiden Fragen“ (praśnau) beziehen sich, wie der weitere Text zeigt, auf die rituelle Ankündigung, dass nun die Reste (śeṣa) verteilt und die Piṇḍas dargebracht werden sollen.

śeṣair akṣatādyair bilvaphalasannibhān | dvijāt prāptottaraḥ piṇḍān racayed dvādaśa priye ||44|| anyaṃ tu kalpayed ekaṃ piṇḍaṃ tatsamam eva ca | naikatra kalpite darbhān yavasaṃyutān āstaret ||45|| ye me kule luptapiṇḍāḥ putradāravivarjitāḥ | abhidagdhāś ca ye ke 'pi vyāghravyāghrahatāś ca ye ||46|| ye bāndhavā abāndhavā vā ye 'nyajanmani bāndhavāḥ | maddattapiṇḍatoyābhyāṃ te yāntu tṛptim akṣayām ||47|| dattvā piṇḍam apiṇḍebhyo mantrābhyāṃ surabandite | prakṣālya hastau ācāntaḥ sāvitrīṃ prajapaṃs tataḥ | devatābhyas tridhā japtvā maṇḍalāni prakalpayet ||48||

Nachdem er vom Priester (auf seine rituelle Frage hin) die Erlaubnis erhalten hat, soll er aus dem, was von der [dargebrachten] rohen Reiskörnern usw. übrig ist, zwölf Piṇḍas formen, bilva-fruchtgroß, meine Liebe. (44) Einen weiteren, ebenso großen Piṇḍa soll er zusätzlich bereiten; auf dem an einer [besonderen] Ecke [des Vierecks] angelegten [Platz] soll er mit Gerstenstroh versehenes Kuśagras ausbreiten. (45) „Die in meiner Familie [Verstorbenen], deren Piṇḍa-Opfer unterblieben ist, die ohne Sohn und Gattin [gestorben] sind, die verbrannt wurden [oder nicht], welche auch immer, und die von Tiger oder [anderem Raubtier] getötet wurden, (46) die Verwandten und Nicht-Verwandten, oder die, welche in einem anderen Leben Verwandte waren – sie mögen durch das von mir dargebrachte Piṇḍa und Wasser unvergängliche Sättigung erlangen.“ (47) Nachdem er, o von den Göttern Verehrte, den [zusätzlichen] Piṇḍa mit diesen beiden Mantras denen ohne [eigenen] Piṇḍa gegeben, die Hände gewaschen und den Mundspülritus (ācamana) vollzogen hat, soll er die Sāvitrī (Gāyatrī) murmeln und, nachdem er [das Mantra] „den Gottheiten...“ dreimal gemurmelt hat, [weitere] Maṇḍalas anlegen. (48)

Diese Verse behandeln das Piṇḍa-Opfer für vergessene, kinderlose oder eines gewaltsamen Todes gestorbene Verwandte, denen sonst kein eigenes Totenopfer zuteilwird. Die Verszählung 41-48 folgt, da die gedruckten Ziffern der Vorlage an dieser Stelle mehrfach entstellt oder wiederholt sind, der im Kommentar an mehreren Stellen ausdrücklich angegebenen Zählung (u.a. „44“, „45“, „46-48“), die hier als zuverlässigster Anhaltspunkt zugrunde gelegt wurde.

ucchiṣṭapātrāṇāṃ purataḥ pitṛtaḥ krameṇa tu | dve dve caturṣkoṇe maṇḍale racayed budhaḥ ||49|| pūrvamantreṇa sampūrvaṃ maṇḍalāni prokṣya vai | teṣu kuśān āstṛṇīyāt paścād darbhān abhyukṣya vai | pitṛkramād darbhamūlamadhyāgre triṣu piṇḍakān ||50|| āmantraṇena pratyekaṃ nāmoktvā mokṣāya[?] maheśvari | svadhayā vitaret piṇḍaṃ yavamādhvīkasaṃyutam ||51|| piṇḍānte piṇḍaśeṣaṃ tu vikīryātha vidhānataḥ | lepabhujāṃ pitṝṇāṃ tu prīṇanaṃ kārayet karaiḥ ||52|| devatāpitṛtṛptyarthaṃ sāvitrīṃ daśadhā japet | devatābhyas tridhā japtvā piṇḍān gandhaiḥ prapūjayet ||53||

Vor den Schalen mit den Speiseresten (ucchiṣṭa) soll der Weise, in der Reihenfolge von den Vätern[-Ahnen] ausgehend, jeweils zwei viereckige Maṇḍalas anlegen. (49) Nachdem er die Maṇḍalas mit dem vorher [genannten Bīja-]Mantra besprengt hat, soll er Kuśagras darauf ausbreiten; danach, nachdem er das Darbhagras [ebenfalls] besprengt hat, soll er, der Ahnenreihe nach, an der Wurzel, in der Mitte und an der Spitze [des Darbha] je drei Piṇḍas [darbringen]. (50) Nachdem er mit der Anrede-Endung den Namen eines jeden einzeln ausgesprochen hat, o große Herrin, soll er zur Erlösung(?) mit „Svadhā“ den mit Honig und Gerste versehenen Piṇḍa austeilen. (51) Am Ende der Piṇḍa-Darbringung soll er den Piṇḍa-Rest nach Vorschrift verstreuen und damit den „Schmutz(rest)-genießenden“ Ahnen (den weiter zurückliegenden Vorfahren) mit den Händen Genugtuung verschaffen. (52) Zur Sättigung der Götter und Ahnen soll er die Sāvitrī (Gāyatrī) zehnmal murmeln; nachdem er [das Mantra] „den Gottheiten...“ dreimal gemurmelt hat, soll er die Piṇḍas mit Duftstoff verehren. (53)

„Lepa-genießende Ahnen“: die über die drei unmittelbaren Vorfahren hinausgehenden, entfernteren Ahnen, denen nur noch der Abstreif-Rest (lepa) des Piṇḍa zusteht. Vers 51 enthält an der Stelle „mokṣāya“ eine unsichere OCR-Lesung [?].

prajvālya dhūpaṃ dīpaṃ ca nimīlya nayanadvayam | divyadehadharān pitṝn aśnataḥ kavyam adhvare | vibhāvya praṇamed imaṃ mantram udīrayan ||54|| pitā me paramo dharmaḥ pitā me paramaṃ tapaḥ | svaiḥ [?] pitā me tattṛptau tṛptam asty akhilaṃ jagat ||55|| tato nirmālyam ādāya prārthayed āśiṣaḥ pitṝn ||56|| āśiṣo me pradīyantāṃ pitaraḥ karuṇāmayāḥ | vedāḥ santatayo nityaṃ vardhantāṃ bāndhavā mama ||57|| dātāro me vivardhantāṃ bahūny annāni santu me | yācitāraḥ sadā santu mā ca yācāmi kañcana ||58||

Nachdem er Räucherwerk und Licht entzündet und beide Augen geschlossen hat, soll er sich die Ahnen vorstellen, die mit einem göttlichen Leib bekleidet im Opfer die geweihte Speise (kavya) genießen, und sich [vor ihnen] verneigen, indem er dieses Mantra ausspricht: (54) „Mein Vater ist die höchste Pflicht (dharma), mein Vater ist die höchste Askese (tapas); wenn mein Vater dadurch gesättigt ist, ist [für mich] die ganze Welt gesättigt.“ (55) Dann soll er, das Nirmālya (den Opferrest, z.B. die dargebrachten Blumen) nehmend, die Ahnen um ihren Segen bitten: (56) „Segen mögen mir gewährt werden, ihr mitleidsvollen Ahnen; Wissen (Veda), Nachkommenschaft mögen mir immerdar wachsen, und meine Verwandten [mögen gedeihen]. (57) Mögen meine Wohltäter zunehmen, mögen mir reichlich Speisen zuteilwerden; mögen stets solche da sein, die von mir erbitten, und möge ich selbst niemanden [um etwas] bitten müssen.“ (58)

Vers 55 „svaiḥ“: OCR-Lesung unsicher [?]; Sinn („durch sein eigenes [Wesen/Verdienst] gesättigt“) angenommen. Vers 54 hat im Druck drei Halbzeilen (sechs Pāda) statt der gewöhnlichen vier.

devādita eva dvijān piṇḍān visṛjet tadanantaram | tathaiva dakṣiṇāṃ kuryāt pakṣeṣu triṣu tattvavit ||59|| gāyatrīṃ dvidhā japtvā devatābhya iti mantram api | pañcadhā japtvā vahniṃ dṛṣṭvā kṛtāñjaliḥ vipram idaṃ pṛcchet ||60|| sāṅgaṃ jātam iti udīrayet | dvijo vaded samyag eva sāṅgaṃ jātaṃ vidhānataḥ ||61|| aṅgavaikalyaśāntyarthaṃ praṇavaṃ daśadhā japan | acchidrābhividhānena kuryāt karmasamāpanam | pātryādīni piṇḍāṃś ca brāhmaṇāya nivedayet ||62|| viprābhāve gavādibhyaḥ salile vā vinikṣipet | vṛddhiśrāddham idaṃ proktaṃ nityasaṃskārakarmaṇi ||63|| śrāddhe parvaṇi kāmye ca pārvaṇatvena kīrtayet ||64||

Danach soll er, beginnend bei den Göttern, die Kuśa-Priester und die Piṇḍas entlassen; ebenso soll der Wahrheitskundige die Dakṣiṇā (Priestergabe) in allen drei Anteilen (Götter-, Väter- und mütterliche Großväterlinie) darbringen. (59) Nachdem er die Gāyatrī zweimal und das Mantra „den Gottheiten...“ (Vers 32) fünfmal gemurmelt und das [Opfer-]Feuer angeschaut hat, soll er mit gefalteten Händen den Priester Folgendes fragen: (60) „Ist dieses [Śrāddha] vollständig geworden, mit allen seinen Teilen?“ – so soll er fragen; der Priester (Zweifachgeborene) soll erwidern: „Es ist der Vorschrift gemäß in der Tat vollständig geworden.“ (61) Zur Behebung etwaiger Mängel in den [rituellen] Bestandteilen soll er, die Praṇava (Oṃ) zehnmal murmelnd, den Ritus mit der Formel „ohne Lücke/Makel [vollzogen]“ zum Abschluss bringen; die [übrig gebliebenen] Schalen und Piṇḍas soll er dem Brahmanen übergeben. (62) In Ermangelung eines Brahmanen soll er sie den Kühen oder dergleichen geben oder ins Wasser werfen. Dies ist das Vṛddhi-Śrāddha, wie es im Zusammenhang mit den regelmäßigen Saṃskāra-Riten dargelegt wurde. (63) Beim [gewöhnlichen] Śrāddha, an den Parvan-Tagen (Neu-/Vollmondtagen) und bei einem Wunsch-(kāmya-)Ritus soll man [dasselbe Verfahren] als Pārvaṇa-Śrāddha bezeichnen [und danach verfahren]. (64)

Mit Vers 63 endet die eigentliche Darlegung des Vṛddhi-Śrāddha; ab Vers 64 wird die Anwendbarkeit desselben Verfahrens auf das gewöhnliche periodische (pārvaṇa) und auf Wunsch-Śrāddhas ausgedehnt.

devatādipratiṣṭhāsu tīrthayātrāpraveśayoḥ | pārvaṇena vidhānena śrāddham etad udīrayet ||65|| naiteṣu śrāddhakṛtyeṣu pitṝn nāndīmukhāṃś ca na vadet | devatābhyaḥ pitṛbhyaś ceti mantre namo 'nte puṣṭaye ity atra svadhāyai iti padam uccaret ||66||

Bei der Weihe von Göttern und dergleichen sowie beim Antritt einer Pilgerfahrt soll man dieses [gleiche] Śrāddha nach dem Pārvaṇa-Verfahren durchführen. (65) Bei diesen [zuletzt genannten] Śrāddha-Handlungen soll man die Ahnen nicht „Nāndīmukha“ nennen; zudem soll man im Mantra „den Göttern, den Ahnen ...“ (Vers 32) dort, wo es am Ende „zur Stärkung (puṣṭaye)“ heißt, stattdessen das Wort „zur Svadhā (svadhāyai)“ aussprechen; alles andere ist wie zuvor zu vollziehen. (66)

Damit unterscheidet sich das Pārvaṇa-Śrāddha (für Weihe-Anlässe und Pilgerantritt) vom Vṛddhi-/Ābhyudayika-Śrāddha nur durch das Fehlen der Ehrenbezeichnung „Nāndīmukha“ und durch den Ersatz von „puṣṭaye“ (zur Mehrung) durch „svadhāyai“ (mit dem Ahnenopferwort Svadhā) im Mantra.

pitryādis trayāṇāṃ madhye yo jīvati varānane | tasyordhvatanam uddiśya śrāddhaṃ kuryād vicakṣaṇaḥ ||67|| janakādiṣu jīvatsu śrāddhaṃ carasu[?] vivarjayet | teṣu prīteṣu devarṣe śrāddhayajñaphalaṃ labhet ||68|| jīvatpitari kalyāṇi nānyaśrāddhādhikāritā | mātuḥ śrāddhaṃ vinā patnyās tathā nāndīmukhaṃ vinā ||69|| ekoddiṣṭe tu kauleśi viśvadevān na pūjayet | ekam eva samuddiśyānujñāvākyaṃ prakalpayet ||70|| dakṣiṇābhimukho dadyād annaṃ piṇḍaṃ ca mānavaḥ | yavasthāne tilā deyāḥ sarvam anyat pūrvavat ||71||

Wenn unter den drei [Ahnen der Väterreihe – Vater, Großvater, Urgroßvater] einer noch am Leben ist, du Schönantlitzige, soll der Kluge das Śrāddha unter Bezugnahme auf den [jeweils] darüberstehenden [Verstorbenen] vollziehen [d.h. bei lebendem Vater beginnt die Reihe erst beim Großvater]. (67) Solange Vater und die übrigen [Älteren] leben, soll man das [ihnen geltende] Śrāddha unterlassen; sind sie [durch Dienst] zufriedengestellt, erlangt man die Frucht des Śrāddha-Opfers [ebenso]. (68) Bei lebendem Vater, du Heilvolle, besteht keine Berechtigung zu einem anderen Śrāddha – ausgenommen das Śrāddha für die Mutter [falls verstorben], ebenso für die Gattin, sowie das Nāndīmukha[-Śrāddha, das Vṛddhi-Śrāddha]. (69) Beim Ekoddiṣṭa[-Śrāddha, dem einem einzigen Verstorbenen gewidmeten] hingegen, o Herrin der Kaulas, soll man die Viśvedevas nicht verehren; man soll die Erlaubnisformel (anujñā-vākya) nur unter Bezugnahme auf diesen einen [Verstorbenen] formulieren. (70) Nach Süden gewandt soll der Mensch die Speise und den Piṇḍa darbringen; anstelle der Gerste sind Sesamkörner zu geben; alles andere [ist] wie zuvor. (71)

Ab hier weicht die hier verwendete fortlaufende Verszählung wegen durchgehend entstellter OCR-Ziffern in der Vorlage von den (unsicher lesbaren) gedruckten Ziffern um jeweils etwa eine Einheit ab; die Reihenfolge und der Inhalt der Verse sind jedoch durch die Kommentarparaphrase gut gesichert. Vers 68 „carasu“: OCR-Lesung unsicher [?], Sinn („in den zu vollziehenden [Riten]“ oder „ihnen zuliebe“) angenommen.

ekam uddiśya yac chrāddham ekoddiṣṭaṃ tad ucyate | pretasyānne ca piṇḍe ca madhu māṃsaṃ niyojayet ||72|| aśaucāntād dvitīye 'hni śrāddhaṃ yat kurute naraḥ | pretaśrāddhaṃ vijānīhi tad eva kulanāyike ||73|| garbhasrāvād vibhinne 'tra jātamṛte tathaiva ca | anyatra mṛtajātayoḥ kulācārānusāreṇa mānavo 'śaucam ācaret ||74|| dvijātīnāṃ dāhena dvādaśāhena pakṣataḥ | śūdrasāmānyayor devi māsenāśaucakalpanā ||75||

Jenes Śrāddha, das mit Bezug auf einen Einzigen [Verstorbenen] vollzogen wird, heißt Ekoddiṣṭa; bei der Speise und beim Piṇḍa des Preta (des frisch Verstorbenen) soll man Honig und Fleisch beimischen. (72) Jenes Śrāddha, das ein Mann am zweiten Tag nach dem Ende der Trauerzeit (aśauca) vollzieht, erkenne, o Herrin der Kula, eben als das Preta-Śrāddha. (73) Bei einer Fehlgeburt (garbhasrāva) einerseits und bei einer Totgeburt (jātamṛta) andererseits, sowie sonst bei [Kindern, die zwischen Geburt und Tod verschieden lange gelebt haben], soll der Mensch die Trauerreinheit (aśauca) gemäß dem Brauch seiner eigenen Familie/Kaste einhalten. (74) Für die Zweifachgeborenen (die drei oberen Stände) gilt die Trauerzeit zehn Tage, zwölf Tage oder einen halben Monat, je nach [Stand]; für den Śūdra und für gewöhnliche [niedrigere Gruppen], o Göttin, gilt eine einmonatige Trauerzeit. (75)

Vers 74 ist im Sanskrit-Wortlaut nur über die Kommentarparaphrase erschließbar, der gedruckte Text ist an dieser Stelle stark entstellt [?].

asapiṇḍasya jñātau tu gotraje mṛte sati | trirātram aśaucaṃ tv iṣyate śṛṇvato 'pi gatāśauce sapiṇḍasya mṛtiṃ śive ||76|| aśuciḥ kulārcanāt tathā prārabdhakarmaṇaḥ ṛte | anyasmin daive pitrye ca karmaṇy nādhikāravān ||77||

Wenn ein Verwandter (jñāti) stirbt, der nicht sapiṇḍa (d.h. nicht durch das gemeinsame Totenopfer verbunden), sondern nur gotragleich ist, gilt eine dreitägige Trauerzeit; auch für den, der [nur] vom Tod eines Sapiṇḍa hört, nachdem [bei diesem selbst] die Trauerzeit bereits abgelaufen ist, gilt [diese] dreitägige Trauerzeit, o Śivā. (76) Außer bei der Kaula-Verehrung und bei einem bereits begonnenen Ritus hat der [durch Trauer] Unreine bei keinem anderen Götter- oder Ahnenritus eine Berechtigung. (77)

„Sapiṇḍa“: durch gemeinsames Piṇḍa-Totenopfer verbundene nahe Verwandte (bis zur siebten Generation); „Jñāti“ hier im engeren Sinn eines entfernteren, nur noch gotragleichen Verwandten.

pañcavarṣādhikān martyān dāhayet pitṛkānane | mantreṇa saha keśāni na dahet kaulakāminīm ||78|| tava svarūpā ramaṇī jagataḥ channavigrahā | mohād [?] ... bhūjale narakagāminī [?] ||79|| brahmamantropāsakās tu teṣām ājñānusārataḥ | pravāhayed vā nikhaned dāhayed vāpi kālike ||80|| puṇyakṣetre ca tīrthe vā devyāḥ pārśve viśeṣataḥ | kulīnānāṃ samīpe vā maraṇaṃ śastam ambike ||81|| vibhāvayan satyam ekaṃ vismaran jagatāṃ trayam | parityajati yaḥ prāṇān sa svarūpe pratiṣṭhati ||82||

Verstorbene, die älter als fünf Jahre sind, soll man im Totenhain (Verbrennungsplatz) verbrennen; eine Kaula-Frau (kaulakāminī, eine kaulische Verehrerin/Asketin) soll man nicht [wie gewöhnlich, mitsamt den ungeschorenen] Haaren, mit dem [üblichen Toten-]Mantra verbrennen. (78) Sie ist deine [der Göttin] eigene Gestalt, [nur] verhüllt im [äußeren] Erscheinen der Welt; aus Verblendung [wer sie wie gewöhnlich behandelt, gerät] [Vers stark entstellt, Sinn unsicher] [?] ... zur Hölle (79) Die dem Brahma-Mantra Ergebenen (die Kaula-Asketen) aber [soll man] nach ihrer eigenen Anweisung entweder [im Wasser] fortschwemmen lassen, begraben oder auch verbrennen, o Kālikā. (80) An einem heiligen Ort (puṇyakṣetra) oder an einer Pilgerstätte (tīrtha), besonders an der Seite [eines Bildes] der Göttin, oder in der Nähe von Kaulas zu sterben, wird gepriesen, o Ambikā. (81) Wer, die eine Wahrheit betrachtend und die Dreiheit der Welten vergessend, seine Lebensatem aufgibt, der wird in seinem [wahren] Wesen (svarūpa) gegründet. (82)

Vers 78-79 behandeln eine Sonderregel für verstorbene Kaula-Asketinnen (kaulakāminī): sie werden, anders als gewöhnliche Tote, nicht auf dieselbe Weise verbrannt, da die Verehrerin als Erscheinungsform der Göttin selbst gilt. Vers 79 ist im Original stark zerstört und nur bruchstückhaft übersetzbar [?].

pretabhūmau nītvā ghṛtokṣitaṃ ghṛtābhyaktaṃ tam | snāpayitvottarābhimukhaṃ kṛtvā citopari śāyayet ||83|| sambodhanāntaṃ tadgotraṃ pretākhyānaṃ samuccaran | dattvā piṇḍaṃ pretamukhe dahed vahnimanuṃ smaran ||84|| piṇḍaṃ tu racayet tatra sitānnais taṇḍulais tathā vā | yavagodhūmacūrṇair vā dhātrīphalasamaṃ priye ||85|| sthiteṣu pretaputreṣu jyeṣṭhe śrāddhādhikāritā | tadabhāve 'nyaputrādir jyeṣṭhānukramato bhavet ||86|| aśaucāntāntadivase kṛtasnāno naraḥ śuciḥ | pretatvamuktyartham utsṛjet tilān kāñcanam ||87||

Nachdem man ihn zum Verbrennungsplatz gebracht, mit geklärter Butter (ghee) besprengt und gesalbt hat, soll man ihn baden, nach Norden gewandt legen und auf den Scheiterhaufen betten. (83) Indem man, in der Anrede-Endung, seinen Namen und sein Gotra mit dem Zusatz „Preta“ ausspricht, soll man, nachdem man einen Piṇḍa an den Mund des Preta gelegt hat, unter Murmeln des Feuer-Mantras „raṃ“ [die Leiche] verbrennen. (84) Den Piṇḍa dabei soll man aus weißem gekochtem Reis oder aus rohen Reiskörnern, oder aus Gersten- oder Weizenmehl formen, von der Größe einer Āmalaka-Frucht, meine Liebe. (85) Sind Söhne des Verstorbenen vorhanden, so hat der älteste die Berechtigung zum Śrāddha; in dessen Fehlen [geht sie] auf einen anderen Sohn usw. über, der Reihenfolge des Alters nach. (86) Am Tag nach dem Ende der Trauerzeit (aśauca) soll der Mensch, gebadet und rein, zur Befreiung [des Verstorbenen] aus dem Zustand des Preta Sesam zusammen mit Gold darbringen (opfern). (87)

„Preta“: der frisch Verstorbene vor der vollständigen Ahnwerdung; das Piṇḍa am Mund des Leichnams und die spätere Sesam-Gold-Gabe (Vers 87) dienen seiner Loslösung aus diesem Zwischenzustand.

asmai vasanaṃ yānaṃ pātraṃ dhātuvinirmitam | bhojyaṃ bahuvidhaṃ dadyāt pretasvargāya sattamaḥ ||88|| gandhaṃ mālyaṃ phalaṃ toyaṃ chatraṃ pādukāṃ tathā | yad yat pretapriyaṃ dravyaṃ tat sarvaṃ svargāya samutsṛjet ||89|| tatas tu vṛṣabhaṃ caikaṃ trirekheṇa lāñchitam | sragnāṭaṅkaṃ kṛtvā yajet tatsvargāvāptaye ||90||

Für ihn (den Verstorbenen) soll der Beste [der Nachkommen] Kleidung, ein Fahrzeug, ein aus Metall gefertigtes Gefäß und mancherlei Speise geben, für den Aufstieg des Preta zum Himmel. (88) Wohlgeruch, Blumengirlande, Frucht, Wasser, einen Sonnenschirm sowie Sandalen – was immer dem Verstorbenen lieb war, all das soll er für dessen Himmelfahrt hingeben. (89) Dann soll er einen einzelnen Stier, mit drei Linien gezeichnet, mit Girlande und Ohrschmuck versehen, weihen (und freilassen), zur Erlangung des Himmels für jenen [Verstorbenen]. (90)

Der geschmückte und freigelassene Stier (vṛṣotsarga) ist ein traditioneller Ritus zur Beförderung des Verstorbenen in die jenseitige Welt.

pretaśrāddhoktavidhinā śrāddhaṃ kṛtvātimucchritaḥ | brahmajñān brāhmaṇān kaulāṃś ca kṣudhitān api bhojayet ||91|| dāneṣv agryo manujaḥ kurvan śrāddhaṃ svaśaktitaḥ | bubhukṣitān bhojayitvā pretatvaṃ mocayet pituḥ ||92|| ābdikoddiṣṭam etat tu pretatvān muktikāraṇam | varṣe varṣe pretatithau dadyād annaṃ gatāsave ||93||

Nachdem er das Śrāddha gemäß dem für das Preta-Śrāddha erklärten Verfahren vollzogen hat, hocherhaben [durch diese Tat], soll er Brahman-kundige Brahmanen und Kaulas, auch wenn sie [gerade] hungrig sind, speisen. (91) Der Mensch, der im Geben hervorragend ist und das Śrāddha nach seinem Vermögen vollzieht, befreit, nachdem er die Hungrigen gespeist hat, seinen Vater aus dem Zustand des Preta. (92) Dieses jährliche (ābdika) Ekoddiṣṭa[-Śrāddha] ist die Ursache der Befreiung aus dem Preta-Zustand; Jahr für Jahr, am Todestag (pretatithi), soll man dem Dahingeschiedenen (gatāsu, wörtl. „dessen Atem gegangen ist“) Speise darbringen. (93)

bahubhir vidhibhiḥ kiṃ vā karmabhir bahubhiś ca kim | sarvasiddhim avāpnoti mānavaḥ kaulikārcanāt ||94|| vinā homāj japāt śrāddhāt saṃskāreṣu ca karmasu | sampūrṇakāryasiddhiḥ syād ekayā kaulikārcayā ||95|| śubhakarmāṇi caturthīm ārabhya sādhayet [?] | asitāṃ pañcamīṃ yāvad vidhir eṣa śivoditaḥ ||96|| anyatrāpi viruddhe 'hni gurvarthe kaulikārthe vā | karmāṇy aparihāryāṇi karmārthī kartum arhati ||97||

Was nützen viele Riten, oder auch viele Handlungen? Der Mensch erlangt alle Vollkommenheit (siddhi) durch die Kaulika-Verehrung [allein]. (94) Ohne Feueropfer, ohne Mantra-Rezitation, ohne Śrāddha, [ja sogar] bei den Saṃskāra-Riten – vollständige Erfüllung der Aufgabe kann durch die Kaulika-Verehrung allein geschehen. (95) Günstige (auspiziöse) Handlungen soll man, beginnend mit dem vierten [Tag der hellen Monatshälfte] bis zum fünften [Tag] der dunklen [Monatshälfte], vollziehen [Vers unsicher] [?] – diese Regel wurde von Śiva verkündet. (96) Auch an einem sonst ungünstigen Tag, wenn es um den Guru oder um eine kaulische Angelegenheit geht, sind unaufschiebbare Handlungen [zulässig]; wer eine Handlung ausführen will/muss, ist dazu berechtigt. (97)

Vers 96 ist im Sanskrit-Wortlaut unsicher rekonstruiert [?]; der genaue kalendarische Sinn (welche Tage als für „günstige Handlungen“ geeignet bzw. ungeeignet gelten) bleibt unklar.

gṛhārambho garbhādhānaṃ yātrā ratnādidhāraṇam | sampūjyādyāṃ pañcataḥ kuryād yadi tāni kaulikaḥ ||98|| saṃkṣepayātrām athavā kuryāt sādhakasattamaḥ | dhyāyan devīṃ smaran mantraṃ natvā gacched yathāmati ||99|| sarvāsu devatārcāsu śāradīyotsavādiṣu | tattatkalpoktavidhinā dhyānapūjāṃ samācaret ||100|| jayāpūjoktavidhinā balihomaṃ prayojayet | kaulācaraṇaṃ dakṣiṇaṃ kṛtvā karma samāpayet ||101||

Den Beginn eines Hausbaus, die Empfängnisweihe, eine Reise, das Anlegen von Juwelen und dergleichen – wenn ein Kaulika [diese Dinge unternehmen will], soll er sie tun, nachdem er zuvor die Ādyā (die Urgöttin) verehrt hat. (98) Oder der beste der Übenden mag [nur] eine verkürzte [Vorbereitungs-]Prozedur (saṃkṣepayātrā) vollziehen: die Göttin betrachtend, das Mantra murmelnd und sich verneigend, mag er nach eigenem Ermessen aufbrechen. (99) Bei allen Gottesverehrungen, beim Herbstfest (Śāradīyotsava, der Durgā-Feier) und dergleichen, soll man die Meditations-Verehrung (dhyāna-pūjā) nach dem in dem jeweiligen Kalpa[-Text] festgelegten Verfahren vollziehen. (100) Nach dem für die Verehrung der Jayā (Durgā) erklärten Verfahren soll man das Feueropfer der Bali-Gaben vollziehen; nachdem man die Kaula-Übung [und] die Priestergabe (dakṣiṇā) vollzogen hat, soll man den Ritus abschließen. (101)

gaṅgāṃ viṣṇuṃ śivaṃ sūryaṃ brahmāṇaṃ paripūjya ca | uddiśyam arcayed evaṃ sāmānyo vidhir īritaḥ ||102|| kaulikaḥ paramo dharmaḥ kaulikaḥ paradevatā | kaulikaḥ paramaṃ tīrthaṃ tasmāt kaulaṃ sadārcayet ||103|| sārdhatrikoṭitīrthāni brahmāṇyāḥ sarvadevatāḥ | vasanti kaulike dehe kiṃ na syāt kaulikārcanāt ||104||

Nachdem man Gaṅgā, Viṣṇu, Śiva, Sūrya und Brahmā der Reihe nach verehrt hat, soll man [die eigentlich beabsichtigte Gottheit] entsprechend anbeten – so wurde das allgemeine Verfahren dargelegt. (102) Der Kaula-Weg ist die höchste Pflicht (dharma), der Kaula ist die höchste Gottheit, der Kaula ist die höchste Pilgerstätte; darum soll man den Kaula stets verehren. (103) Dreieinhalb Crore (35 Millionen) Pilgerstätten und alle Gottheiten Brahmās wohnen im Leib eines Kaula – was könnte durch Kaulika-Verehrung nicht [erlangt werden]? (104)

„Kaulika-Verehrung“ meint hier zugleich die Verehrung der Kaula-Lehre/-Gottheit wie auch die Verehrung eines verwirklichten Kaula-Adepten selbst als Gottes Ebenbild.

pūrṇābhiṣiktaḥ satkaulo yasmin deśe virājate | tatra dhanyo mānavaḥ [saḥ] puṇyatamaḥ sa deśaḥ prārthate suraiḥ ||105|| kṛtapūrṇābhiṣekasya sādhakasya śivātmanaḥ | puṇyapāpavihīnasya prabhāvaṃ vetti ko bhuvi ||106|| kevalaṃ nararūpeṇa tārayann akhilaṃ jagat | śikṣayan lokayātrāṃ ca kālo viharati kṣitau ||107||

In welchem Land ein vollständig geweihter (pūrṇābhiṣikta), wahrer Kaula wohnt, dort ist der Mensch [d.h. jeder dortige Mensch] gesegnet; jenes Land, das höchst verdienstvolle, wird von den Göttern selbst ersehnt. (105) Wer auf Erden kennt die [wahre] Macht eines Übenden, der die vollständige Weihe (pūrṇābhiṣeka) empfangen hat, dessen Wesen mit Śiva eins ist und der frei von Verdienst und Sünde ist? (106) Lediglich in Menschengestalt die ganze Welt errettend und den Weltenlauf (loka-yātrā) lehrend, wandelt ein solcher wie die Zeit (Kāla) selbst auf Erden umher. (107)

Mit Vers 107 endet die Lobpreisung des vollständig geweihten Kaula-Adepten und der Kaula-Verehrung im Allgemeinen; ab dem folgenden Vers wendet sich die Göttin der Frage nach der Pūrṇābhiṣeka (der 'vollständigen Weihe') selbst zu.

śrīdevy uvāca | pūrṇābhiṣiktakaulasya māhātmyaṃ kathitaṃ prabho | vidhānam abhiṣekasya kṛpayā śrāvayasva mām ||108|| śrīsadāśiva uvāca | vidhānam etat paramaṃ guptam āsīd yugatraye | guptabhāvena kurvanto narā mokṣaṃ yayuḥ purā ||109|| pravṛtte kalikāle tu prakāśe kaulavartmanaḥ | naktaṃ vā divase kuryāt saprakāśābhiṣecanam ||110|| nābhiṣekaṃ vinā kaulaḥ kevalaṃ mayasevanāt | pūrṇābhiṣekāt kaulaḥ syāt cakrādhīraḥ kulārcakaḥ ||111|| tatrābhiṣekapūrvedyuḥ sarvavighnopaśāntaye [?] | yathāśaktyupacāreṇa vighneśaṃ pūjayed guruḥ ||112||

Die Göttin sprach: Die Größe des vollständig geweihten Kaula wurde [nun] dargelegt, o Herr; lass mich gnädig auch das Verfahren der Weihe (abhiṣeka) selbst hören. (108) Śrī Sadāśiva sprach: Dieses Verfahren war in den drei [früheren] Weltzeitaltern ein höchstes Geheimnis; Menschen, die es im Geheimen vollzogen, erlangten einst die Erlösung. (109) Da nun aber das Kali-Zeitalter angebrochen ist, in dem der Kaula-Pfad offenkundig geworden ist, mag man die Weihe offen vollziehen, bei Nacht oder bei Tag. (110) Ohne die Weihe wird man kein Kaula, [auch] nicht durch bloße Verehrung/Dienst am Guru allein; erst durch die vollständige Weihe (Pūrṇābhiṣeka) wird man ein Kaula, im [rituellen] Kreis (cakra) gefestigt, ein Verehrer der Kula. (111) Dort soll der Guru am Tag vor der Weihe, zur vollständigen Beruhigung aller Hindernisse, Gaṇeśa (Vighneśa, den Hindernis-Herrn) mit Opfergaben nach seinem Vermögen verehren. (112)

Vers 112 „sarvavighnopaśāntaye“: aus stark entstellter OCR-Form rekonstruiert [?].

guruś cānadhikārī syāt śubhapūrṇābhiṣecane | tadābhiṣiktakaulena saṃskāraṃ sādhayet priye ||113|| svāntāgraṃ bindusaṃyuktaṃ bījam asya prakīrtitam ||114|| gaṇaka 'sya ṛṣiś chando nṛcchandaḥ [?] viśvas tu devatā | kartavyakarmaṇo vighnaśāntyarthaṃ viniyogitā ||115|| ṣaḍvidhayuktamūlena ṣaḍaṅgāni samācaret | prāṇāyāmaṃ tataḥ kṛtvā dhyāyed gaṇapatiṃ śive ||116||

Sollte der Guru [selbst, weil noch nicht geweiht,] für die glückverheißende Pūrṇābhiṣeka nicht berechtigt sein, so soll er die Weihe durch einen [anderen,] bereits geweihten Kaula vollziehen lassen, meine Liebe. (113) „Svāntāgra“ [die Silbe „ga“], verbunden mit dem Bindu (Anusvāra, also „gaṃ“), wird als sein (Gaṇapatis) Keimlaut (bīja) verkündet. (114) „Gaṇaka“ ist der Seher (ṛṣi) [dieses Mantras], das Versmaß ist [ein bestimmtes, unsicher überliefertes Metrum] [?], „Viśva“ (bzw. Vighna, das Hindernis) ist die Gottheit; die Anwendung (viniyoga) [dient] der Beseitigung der Hindernisse der zu vollziehenden Handlung. (115) Mit der um die sechs langen [Vokale] erweiterten Wurzelsilbe soll man die sechs Glieder [des Körpers berühren, d.h. den Sechsgliedrigen-Nyāsa vollziehen]; danach soll man, nach der Atemkontrolle (prāṇāyāma), Gaṇapati meditieren, o Śivā. (116)

Vers 115: Name des Versmaßes im Original unlesbar/unsicher [?].

sindūrābhaṃ trinetraṃ pramudita [?] jaṭharaṃ hastapadmair dadhānaṃ khaḍgaṃ pāśāṅkuśeṣṭān surakaraviracitasudhāpūrṇakumbham | bālenduddīptamaulau [?] karipativadanaṃ bījapūrādrigaṇḍaṃ bhogīndrābaddhabhūṣaṃ bhajata gaṇapatiṃ raktavastrāṅgarāgam ||117||

„Verehrt Gaṇapati: vermilionrot leuchtend, dreiäugig, mit stark gewölbtem Bauch, in seinen Lotushänden Schwert, Fangschlinge (pāśa), Elefantenstachel (aṅkuśa) und die Geste der Gewährung haltend, [seinen Rüssel] wie ein von Götterhand bereiteter, mit Nektar gefüllter voller Krug, sein Diadem strahlend mit der jungen Mondsichel, sein Antlitz das eines Elefantenfürsten, seine Wangen feucht vom [Saft der] Zitrusfrucht, geschmückt mit dem vom Schlangenkönig gebundenen Schmuck, den Leib mit rotem Gewand und roter Salbe versehen.“ (117)

Dieser Dhyāna-Vers (Meditationsvers zur Visualisierung Gaṇapatis) ist metrisch ein Śārdūlavikrīḍita (nicht Anuṣṭubh) und daher deutlich länger als die gewöhnlichen Śloka-Verse dieses Kapitels; er ist in der OCR-Vorlage extrem entstellt und wurde überwiegend anhand der wörtlichen Kommentarparaphrase rekonstruiert; einzelne Wörter bleiben unsicher [?].

dhyātvaivaṃ mānasair iṣṭvā pīṭhaśaktīḥ prapūjayet | tatra ca tīvrā nandā bhogadā kāmarūpiṇī ||118|| ugrā tejovatī satyā madhye viśvavinādinī | pūrvādito 'rcayitvaitāḥ pūjayet kamalāsanam ||119|| punar dhyātvā gaṇeśānaṃ pañcatattvopacārakaiḥ | abhyarcya taccaturdikṣu gaṇeśādīn gaṇanāyakam ||120|| gaṇanāthaṃ gaṇaṃ caiva yajet kaulikasattamaḥ | ekadantaṃ raktataṇḍaṃ lambodaragajānanau ||121|| mahodaraṃ vikaṭaṃ dhūmrābhaṃ vighnanāśanam ||122||

Nachdem er so meditiert und mit geistigen (mentalen) Opfergaben verehrt hat, soll er die Sitz-Kräfte (pīṭha-śakti) verehren; dort [sind sie]: Tīvrā, Nandā, Bhogadā, Kāmarūpiṇī, (118) Ugrā, Tejovatī, Satyā, und in der Mitte Viśvavinādinī; nachdem er diese, von Osten beginnend, verehrt hat, soll er den Lotus-Sitz (kamalāsana) verehren. (119) Nachdem er Gaṇeśa erneut meditiert und mit den Opfergaben der fünf [heiligen] Substanzen (pañcatattva) verehrt hat, soll er in dessen vier Himmelsrichtungen Gaṇeśa und die übrigen Gaṇa-Führer (gaṇanāyaka) verehren; (120) der beste der Kaulikas soll den Herrn der Gaṇas und die Gaṇas [selbst] verehren: den Einzahnigen, den Rotäugigen(?), den mit hängendem Bauch, den Elefantengesichtigen, (121) den Großbäuchigen, den Furchterregenden, den Rauchfarbenen, den Vernichter der Hindernisse. (122)

Die „fünf Tattvas/Substanzen“ (pañcatattva) sind die fünf geheimen Kaula-Opfersubstanzen (Wein, Fleisch, Fisch, geröstetes Korn, Vereinigung), hier in ritueller, gereinigter Form als Opfergabe verwendet; vgl. Vers 139.

tato brāhmyādimukhāḥ śaktīr dikpālāṃś ca prapūjayan | teṣām astrāṇi sampūjya vighnarājaṃ visarjayet ||123|| evaṃ sampūjya vighneśam adhivāsanam ācaret | bhojayec ca pañcatattvair brahmajñān kaulasādhakān ||124||

Dann soll er, nachdem er die mit Brāhmī beginnenden [Mutter-]Kräfte (śakti) und die Weltenhüter (dikpāla) verehrt hat, [auch] deren Waffen verehren und [darauf] den Herrn der Hindernisse (Vighnarāja) [wieder] entlassen. (123) Nachdem er Vighneśa so verehrt hat, soll er die Adhivāsana (die feierliche Vorbereitung/Einwohnung) vollziehen und die Brahman-kundigen Kaula-Übenden mit den fünf [heiligen] Substanzen speisen. (124)

dine snātaḥ kṛtanityoditakriyaḥ | ājanmakṛtapāpānāṃ kṣayārthaṃ tilakāñcanam | utsṛjet kaulatṛptyarthaṃ bhojyaṃ caikam api priye ||125|| adya dattvā dineśāya brahmaviṣṇuśivagrahān | arcayitvā mātṛgaṇān vasudhārāṃ prakalpayet ||126|| karmaṇo 'bhyudayārthāya vṛddhiśrāddhaṃ samācaret | tato gatvā guroḥ pārśvaṃ praṇamya prārthayed idam ||127||

An [jenem] Tag, gebadet und nach Vollzug der täglich vorgeschriebenen Pflichten, soll er, zur Tilgung der seit der Geburt begangenen Sünden, Sesam und Gold hingeben; und zur Sättigung der Kaulas soll er ebenso eine Speise darbringen, meine Liebe. (125) Heute, nachdem er dem Herrn des Tages (der Sonne) geopfert und Brahmā, Viṣṇu, Śiva und die Planeten sowie die Mütter-Scharen verehrt hat, soll er die Vasudhārā (den 'Erd-Strom', eine Gabenspende) vollziehen. (126) Zum Gedeihen des [bevorstehenden] Ritus soll er das Vṛddhi-Śrāddha vollziehen; dann soll er sich zur Seite des Guru begeben, sich verneigen und Folgendes erbitten: (127)

trāhi nātha kulācāranalinīkulavallabha [?] | tvadambhoruhachāyāṃ dehi mṛde kṛpānidhe ||128|| ājñāṃ dehi mahābhāga śubhapūrṇābhiṣecane | nirvighnaṃ karmaṇaḥ siddhim upemi tvatprasādataḥ ||129|| divyājñayā vatsa kuru pūrṇābhiṣecanam | manorathamayī siddhir jāyatāṃ śivaśāsanāt ||130|| itthaṃ āptaṃ guroḥ prāpya sarvopadravaśāntaye | āyurlakṣmībalārogyāvāptyai saṅkalpam ācaret ||131||

„Beschütze [mich], o Herr, o du Liebling des Lotusteichs, der die Kula-Observanz ist [?]; gewähre mir den Schatten deiner Lotosfüße, du Sanftmütiger, du Schatz des Erbarmens. (128) Gib mir die Erlaubnis, o Hochgesegneter, zur glückverheißenden Pūrṇābhiṣeka; möge ich, durch deine Gnade, hindernislos den Erfolg dieses Ritus erlangen.“ (129) [Der Guru sprach:] „Durch göttlichen Befehl, mein Kind, vollziehe die Pūrṇābhiṣeka; möge, gemäß Śivas Weisung, der Erfolg entstehen, der deines Herzens Wunsch erfüllt.“ (130) Nachdem er so [die Zustimmung] vom Guru erlangt hat, soll er, zur Besänftigung aller Unheile und zur Erlangung von Lebensdauer, Wohlstand, Kraft und Gesundheit, den [feierlichen] Vorsatz (saṅkalpa) fassen. (131)

Vers 128 „kulācāranalinīkulavallabha“: OCR-Lesung unsicher, sinngemäß als Anrede des Guru als 'Liebling/Herr des Lotusteichs der Kula-Observanz' gedeutet [?].

tatas tu kṛtasaṅkalpo vastrālaṅkārabhūṣaṇaiḥ | kāraṇaiḥ śuddhisahitair abhyarcya vṛṇuyād gurum ||132|| manohare gṛhe gairikādivicitrite | citradhvajapatākābhiḥ phullapuṣpair vibhūṣite ||133|| kiṅkiṇījālamālābhiś candrātapavibhūṣite | ghṛtapradīpavartibhis tamoleśavivarjite ||134||

Dann, nachdem er den Vorsatz gefasst hat, soll er den Guru mit Gewändern, Schmuck und Zierat sowie mit gereinigten 'Ursachen-Substanzen' (kāraṇa, den geweihten Kaula-Opfersubstanzen) verehren und [ihn förmlich] zum Guru erwählen. (132) [Dies geschieht] in einem lieblichen Haus, bunt geschmückt mit rotem Ocker und dergleichen, mit bunten Bannern und Fähnchen und mit aufgeblühten Blumen verziert, (133) mit Netzen von Glöckchenketten und einem Sonnenschutzdach geschmückt, mit Butterlampen und Dochten [erleuchtet], gänzlich frei von auch nur einer Spur Dunkelheit, (134)

karpūrasahitair dhūpair yakṣadhūpaiḥ suvāsite | vyajanaiś cāmarair barhadarpaṇair alaṅkṛte ||135|| sārdhahastamitām ucchair uccatvena caturaṅgulām | racayen mṛṇmayīṃ tatra cūrṇarakṣatasambhavaiḥ ||136|| pītaraktāsitaśvetaśyāmalaiḥ sumanoharam | maṇḍalaṃ sarvatobhadraṃ vidadhyāt śrīgurus tataḥ ||137||

mit kampferhaltigem Räucherwerk und Yakṣa-Harz-Räucherwerk parfümiert, mit Fächern, Yak-Schweifwedeln, Pfauenfedern und Spiegeln geschmückt. (135) Dort soll [der Guru] eine anderthalb Ellen [breite], vier Finger hohe [Plattform] aus Lehm anfertigen, mit [farbigen] Pulvern und Reis [verziert], (136) mit Gelb, Rot, Schwarz, Weiß und Dunkelgrün – so soll der verehrte Guru dann ein liebliches, allseits Glück verheißendes Maṇḍala (sarvatobhadra) gestalten. (137)

Mit diesen Versen endet die Beschreibung der äußeren Ausstattung des Weiheraums und -altars; ab Vers 138 folgt die Herstellung des Weihe-Topfes (Kalaśa).

svasvakalpoktavidhinā mānasārcāvadhikriyām | kṛtvā pūrvoktamantreṇa pañcatattvāni śodhayet ||138|| saṃśodhya pañcatattvāni puraḥkalpitamaṇḍale | svarṇaṃ vā rajataṃ tāmraṃ mṛṇmayaṃ pātram eva vā ||139|| kṣālitaṃ cāstrabījena dadhyakṣatavicarcitam | sthāpayed brahmabījena sindūreṇāṅkayet śriyā ||140|| [?] eine Zeile im Original nicht erhalten [Lücke] ||141||

Nachdem er gemäß dem in seinem jeweils eigenen [Ritual-]Kalpa vorgeschriebenen Verfahren die Handlungen bis einschließlich der mentalen (geistigen) Verehrung vollzogen hat, soll er mit dem zuvor genannten Mantra die fünf [heiligen] Substanzen (pañcatattva) reinigen. (138) Nachdem er die fünf Substanzen gereinigt hat, [nehme er] auf dem zuvor bereiteten Maṇḍala ein Gefäß aus Gold, Silber, Kupfer oder Ton, (139) mit dem Waffen-Bīja (phaṭ) gereinigt, mit Dickmilch und Reiskörnern bestrichen; er soll es mit dem Brahma-Bīja aufstellen und es mit Zinnober, [begleitet vom Wort] „śrī“, bezeichnen. (140) [Vers 141 ist in der OCR-Vorlage nicht erhalten; siehe Anmerkung.]

Zwischen der Aufstellung des Topfes (Vers 140) und der im Kommentar ausdrücklich als „142-143“ bezeichneten Anweisung zur Füllung mit den Kṣa-Silben (Vers 142) klafft in der Vorlage eine Lücke: Vers 141 fehlt im vorliegenden Scan vollständig (weder Wurzeltext noch Kommentar dazu sind vorhanden). Dies ist hier, der Anweisung folgend, als echte Textlücke offen ausgewiesen, nicht als Rateversuch aufgefüllt.

kṣakārāder akārāntair varṇair bindubhūṣitaiḥ | mūlamantratrijāpena pūrayet kāraṇena tam ||142|| athavā tīrthatoyena śuddhena pāthasāpi vā | navaratnaṃ suvarṇaṃ vā ghaṭamadhye vinikṣipet ||143|| tanmukhe pūrayed vāgbhavena aim iti mantreṇa [?] ||144||

Mit den Buchstaben von 'kṣa' bis 'a', geschmückt mit dem Bindu (Anusvāra), und durch dreimaliges Murmeln des Wurzelmantras soll er es (das Gefäß) mit der 'Ursachen-Substanz' (kāraṇa, geweihtem Wein) füllen. (142) Oder mit reinem Pilgerwasser oder auch mit [anderem reinem] Wasser [fülle er es]; die neun Juwelen oder Gold soll er in die Mitte des Topfes hineinlegen. (143) Dessen Öffnung (den Hals des Topfes) soll er mit dem Mantra „aiṃ“ (dem Vāgbhava-Bīja, geweihtem Wasser) füllen [Vers unsicher] [?]. (144)

Vers 144 ist im Wurzeltext der OCR-Vorlage nur bruchstückhaft erhalten und überwiegend nach der Kommentarparaphrase rekonstruiert [?].

phalākṣatasamanvitaṃ śarāvaṃ śrīṃ hrīṃ māyābījasamudbhavam [?] | pallavopari sthāpayet ||145|| vastrayugmena kiṃ varṇena grīvāṃ tasya varānane | śaktau raktaṃ śive [?] viṣṇau śvetavāsaḥ prakīrtitam ||146|| sthāṃ sthīṃ māyāṃ ramāṃ srīṃ sthāṃsthīhrīṃśrīṃ sthirībhaveti mantraṃ paṭhitvā sthirīkṛtaghaṭāntare | pañcatattvāni nikṣipya navapātrāṇi vinyaset ||147|| rajataṃ kṣitipātraṃ syād gurupātraṃ hiraṇmayam | śrīpātraṃ tu mahāśaṅkhaṃ tāmrādyāny anyāni kalpayet ||148||

Eine mit Früchten und Reis versehene Schale, entstanden aus den Silben „śrīṃ“ [und] „hrīṃ“ [dem Māyā-Bīja] [?], soll er auf die [zuvor ausgelegten] Blätter (Mangoblätter) stellen. (145) Mit einem Paar Tüchern welcher Farbe soll man seinen (des Topfes) Hals binden, du Schönantlitzige? Für die Śakti wird Rot, für Śiva[?]/Viṣṇu weißes Gewand vorgeschrieben. (146) Nachdem er den Mantra „sthāṃ sthīṃ māyāṃ ramāṃ srīṃ ... sei fest“ rezitiert und dadurch den Topf gefestigt hat, soll er die fünf [heiligen] Substanzen [in ihn] hineinlegen und die neun [Begleit-]Gefäße [um ihn herum] anordnen. (147) [Das Gefäß] für Kṣiti (die Erde) soll aus Silber sein, das Guru-Gefäß aus Gold; das Śrī-Gefäß [sei] eine große Muschel, die übrigen fertige man aus Kupfer und dergleichen. (148)

Vers 145 „māyābījasamudbhavam“ und Vers 146 „śive“: OCR-Lesung unsicher [?]; die genaue Zuordnung der Tuchfarben zu den Gottheiten bleibt im entstellten Text unklar.

pāṣāṇadārulohānāṃ pātrāṇi paritas tyajet | śaktyā prakalpayet pātraṃ maheśvaryāḥ prapūjane ||149|| pātrāṇāṃ sthāpanaṃ kṛtvā gurūn devīṃ ca tarpayet | tataś cāgrataḥ sampūrṇaṃ varam abhyarcayet sudhīḥ ||150|| darśayitvā dhūpadīpau svabhūtabaliṃ haret | pīṭhadevān pūjayitvā ṣaḍaṅganyāsam ācaret ||151||

Gefäße aus Stein, Holz oder [gewöhnlichem] Metall soll man durchweg vermeiden; nach seinem Vermögen soll man ein [geeignetes] Gefäß für die Verehrung der Großen Göttin (Maheśvarī) bereitstellen. (149) Nachdem er die Gefäße aufgestellt hat, soll er die Gurus und die Göttin mit Wasser erquicken (tarpaṇa); und dann soll der Weise das vollständig [bereitete, vor ihm stehende] vortreffliche [Gefäß] verehren. (150) Nachdem er Räucherwerk und Licht dargeboten hat, soll er sein eigenes Bhūta-Bali (die Opfergabe an die Elementarwesen) darbringen; nachdem er die Sitz-Gottheiten verehrt hat, soll er den Sechsglieder-Nyāsa vollziehen. (151)

prāṇāyāmaṃ tataḥ kṛtvā dhyātvāhūya maheśvarīm | svarūpayā [?] pūjayed devīṃ vittajāḍyaṃ vivarjayet ||152|| homāntakṛtyaṃ niṣpādya kumārīśaktisādhakān | puṣpacandanavāsobhir arcayet sadguruḥ śive ||153|| anugrahaṃ tu kaulā me śiṣyaṃ prati kulārcitāḥ | pūrṇābhiṣekasaṃskāre bhavadbhir aṇumanyatām ||154|| evaṃ prārthayati cakreśe taṃ bahu gurum ādarāt | mahāmāyāprasādena prabhāvāt paramātmanaḥ | śiṣyo bhavatu pūrṇas te tatparaḥ parāyaṇaḥ ||155||

Dann, nach der Atemkontrolle, soll er, nachdem er meditiert und die Große Göttin (Maheśvarī) herbeigerufen hat, sie in ihrer eigenen Wesensgestalt(?) verehren und dabei Kargheit mit [Opfer-]Gaben vermeiden. (152) Nachdem er die Handlungen bis einschließlich des Feueropfers vollzogen hat, soll der wahre Guru die Kumārī (jungfräuliche Verkörperung der Göttin) und die Śakti-Übenden mit Blumen, Sandelholzpaste und Gewändern verehren, o Śivā. (153) [Er spricht zu den versammelten Kaulas:] „Möge eure Gunst, ihr in der Kula Verehrten Kaulas, meinem Schüler zuteilwerden; möget ihr der Pūrṇābhiṣeka-Weihe zustimmen.“ (154) Wenn so der Kreisführer (Cakreśa) die [versammelten] Gurus mit großer Ehrerbietung inständig gebeten hat, [antworten sie]: „Durch die Gnade der Mahāmāyā und durch die Macht des höchsten Selbst möge dein Schüler vollständig (erfüllt) werden, jenem [höchsten Ziel] hingegeben, [ganz] auf das Höchste ausgerichtet.“ (155)

Vers 152 „svarūpayā“: OCR-Lesung unsicher [?]. Ab hier stimmt die hier verwendete Verszählung wieder mit den (an dieser Stelle gut lesbaren) gedruckten Ziffern der Vorlage überein.

śiṣyeṇa ca gurvā devīm arcayitvārcite ghaṭe | kāmaṃ māyāṃ ramāṃ japtvā cālayed vimalaṃ ghaṭam ||156|| unmatti brahmakalaśād devatātmakaṃ siddhidam | tattoyaughaiḥ siktaḥ śiṣyo brahmabhūto 'stu me ||157|| itthaṃ sañcālya kalaśam uttarābhimukhaṃ guruḥ | mantrair etair vadyamānair abhiṣiñcet kṛpānvitaḥ ||158|| śubhapūrṇābhiṣekasya sadāśiva ṛṣiḥ smṛtaḥ | chando 'nuṣṭub devatādyā praṇavaṃ bījam īritam | śubhapūrṇābhiṣekārthaṃ viniyogaḥ prakīrtitaḥ ||159||

Nachdem der Guru zusammen mit dem Schüler die Göttin in dem geweihten Topf verehrt hat, soll er, nachdem er 'kāma, māyā, ramā' [d.h. die Bīja-Silben klīṃ, hrīṃ, śrīṃ] gemurmelt hat, den reinen Topf [leicht] bewegen. (156) 'Aus dem Brahma-Krug quillt [dieser Nektar] hervor, der Gottheit Wesen in sich tragend, Erfolg gewährend; durch dessen Wasserfluten besprengt, möge mein Schüler eins mit Brahman werden.' (157) Nachdem er den Topf so bewegt hat, soll der mitleidsvolle Guru den nach Norden gewandten [Schüler] mit diesen [im Folgenden] rezitierten Mantras weihen. (158) Für die glückverheißende Pūrṇābhiṣeka gilt Sadāśiva als der Seher (ṛṣi), das Versmaß ist Anuṣṭubh, die Gottheit ist die Ādyā (die Urgöttin), die Silbe Oṃ wird als Keimlaut (bīja) genannt; als Anwendungszweck (viniyoga) wird die glückverheißende Pūrṇābhiṣeka angegeben. (159)

guravas tvām abhiṣiñcantu brahmaviṣṇumaheśvarāḥ | durgālakṣmībhavānyaś ca abhiṣiñcantu mātaraḥ ||160|| ṣoḍaśī tāriṇī nityā svāhā mahiṣamardinī | etās tvām abhiṣiñcantu mantrapūtena vāriṇā ||161|| jayadurgā viśālākṣī brahmāṇī ca sarasvatī | etās tvām abhiṣiñcantu bagalā varadā śivā ||162|| nārasiṃhī ca vārāhī vaiṣṇavī vanamālinī | indrāṇī vāruṇī raudrī tvām abhiṣiñcantu śaktayaḥ ||163||

„Die Gurus mögen dich weihen, [ebenso] Brahmā, Viṣṇu [und] Maheśvara; Durgā, Lakṣmī und Bhavānī, die Mütter, mögen dich weihen. (160) Ṣoḍaśī, Tāriṇī, Nityā, Svāhā [und] Mahiṣamardinī – diese mögen dich mit mantra-geweihtem Wasser besprengen. (161) Jayadurgā, Viśālākṣī, Brahmāṇī und Sarasvatī, [sowie] Bagalā, Varadā [und] Śivā – diese mögen dich weihen. (162) Nārasiṃhī, Vārāhī, Vaiṣṇavī, Vanamālinī, Indrāṇī, Vāruṇī [und] Raudrī, die [sieben] Śaktis, mögen dich weihen.“ (163)

Verse 160-181 bestehen aus einer langen Kette von Weihe-Anrufungsformeln, die eine Fülle von Gottheiten, Avatāras, Bhairavas, Planeten, Gestirnen, Flüssen und Bergen der Reihe nach anrufen, den Adepten zu besprengen/weihen; sie sind im Original relativ gut lesbar erhalten.

bhairavī bhadrakālī ca tuṣṭiḥ puṣṭir dayā kṣamā | śrīḥ kāntir dayā śāntir abhiṣiñcantu te sadā ||164|| mahākālī mahālakṣmīr mahānīlasarasvatī | ugracaṇḍā pracaṇḍā tvām abhiṣiñcantu sarvadā ||165|| matsyaḥ kūrmo varāhaś ca nṛsiṃho vāmanas tathā | rāmo bhārgavarāmaś ca tvām abhiṣiñcantu vāriṇā ||166|| asitāṅgo ruruś caṇḍaḥ krodhonmatto bhayaṅkaraḥ | kapālī bhīṣaṇaś ca tvām abhiṣiñcantu vāriṇā ||167|| kālī kapālinī kullā kurukullā virodhinī | vipracittā mahogrā tvām abhiṣiñcantu sarvadā ||168||

„Bhairavī und Bhadrakālī, [sowie] Tuṣṭi (Genugtuung), Puṣṭi (Gedeihen), Dayā (Mitleid), Kṣamā (Nachsicht), Śrī (Glanz), Kānti (Anmut), Dayā [und] Śānti (Friede) mögen dich stets weihen. (164) Mahākālī, Mahālakṣmī, Mahānīlasarasvatī, Ugracaṇḍā [und] Pracaṇḍā mögen dich allzeit weihen. (165) Matsya, Kūrma, Varāha, Nṛsiṃha, Vāmana, Rāma und Bhārgava-Rāma (Paraśurāma), [die Avatāras Viṣṇus,] mögen dich mit Wasser weihen. (166) Asitāṅga, Ruru, Caṇḍa, Krodhonmatta, Bhayaṅkara, Kapālī und Bhīṣaṇa, [die acht Bhairavas,] mögen dich mit Wasser weihen. (167) Kālī, Kapālinī, Kullā, Kurukullā, Virodhinī, Vipracittā [und] Mahogrā mögen dich allzeit weihen.“ (168)

īśānaḥ [brahmā viṣṇuś ca rudraś ca] siñcantu tvāṃ digīśvarāḥ ||169|| raviḥ somo maṅgalaś ca budho jīvaḥ sitas tathā | rāhuḥ ketuḥ sanakṣatrā abhiṣiñcantu te grahāḥ ||170|| nakṣatraṃ karaṇaṃ yogo vārāḥ pakṣo dināni ca | ṛtumāso 'yanaṃ tvām abhiṣiñcantu sarvadā ||171|| ikṣurasasurasarpirdadhijaladugdhajalasaptakāḥ [?] | samudrās tvām abhiṣiñcantu mantrapūtena vāriṇā ||172||

„Īśāna [und die übrigen] Hüter der Himmelsrichtungen mögen dich besprengen. (169) Die Sonne, der Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus, Rāhu [und] Ketu, samt den Mondhäusern, die Planeten, mögen dich weihen. (170) Das Mondhaus, die Karaṇa, der Yoga, die Wochentage, die Monatshälfte, die Tage, die Jahreszeit, der Monat [und] die Sonnenwende(?) mögen dich allzeit weihen. (171) Die sieben Weltmeere – aus Zuckerrohrsaft, Wein, geklärter Butter, Dickmilch, [Süß-]Wasser und [Salz-]Wasser – mögen dich mit mantra-geweihtem Wasser weihen. (172)

Vers 169 ist im Druck nur bruchstückhaft erhalten; die vollständige Aufzählung der (meist acht oder zehn) Hüter der Himmelsrichtungen ist zu ergänzen [?]. Vers 172: Aufzählung der sieben mythischen Weltmeere; einzelne Substanznamen unsicher [?].

gaṅgā sūryasutā revā candrabhāgā sarasvatī | sarayur yamunā kāverī kuntī śvetagaṅgā ca kauśikī | etās tvām abhiṣiñcantu mantrapūtena vāriṇā ||173|| anantādyā mahānāgāḥ suparṇādyāḥ patatriṇaḥ | taravaḥ kalpavṛkṣādyāḥ siñcantu tvāṃ mahīdharāḥ ||174|| pātālabhūtalavyomacāriṇaḥ kṣemakāriṇaḥ | pūrṇābhiṣekasantuṣṭās tvām abhiṣiñcantu pāthasā ||175||

„Gaṅgā, Sūryasutā (die Yamunā, Tochter der Sonne), Revā (Narmadā), Candrabhāgā, Sarasvatī, Sarayū, Yamunā, Kāverī, Kuntī, Śvetagaṅgā und Kauśikī – diese [heiligen Flüsse] mögen dich mit mantra-geweihtem Wasser weihen. (173) Ananta und die anderen großen Schlangen(-Fürsten), Suparṇa (Garuḍa) und die anderen Vögel, die Bäume angefangen mit dem Wunschbaum (kalpavṛkṣa) [und] die Berge mögen dich besprengen. (174) Die im Totenreich (pātāla), auf Erden und im Luftraum Wandelnden, die Heilbringenden, zufrieden durch [diese] Pūrṇābhiṣeka, mögen dich mit Wasser weihen. (175)

daurbhāgyaṃ duryaśo rogā daurmanasyaṃ tathānyathā [?] | vinaśyantv abhiṣekena paramabrahmatejasā ||176|| bhūtāḥ pretāḥ piśācāś ca grahā ye 'niṣṭakārakāḥ | vidrutās te vinaśyantu ramābījena tāḍitāḥ ||177|| abhicāraghnatādoṣā vairimantroddhavāś ca ye | manovāgdehajā doṣā vinaśyanty abhiṣecanāt ||178|| naśyantu vipadaḥ sarvāḥ sampadaḥ santu susthirāḥ | abhiṣekeṇa pūrṇena pūrṇāḥ santu manorathāḥ ||179||

Unglück, übler Ruf, Krankheiten und ebenso Schwermut mögen durch die Weihe, durch die Kraft des höchsten Brahman, vergehen. (176) Die Bhūtas, Pretas und Piśācas sowie die unheilbringenden Planetengeister (graha), vom Ramā-Bīja (śrīṃ) getroffen, mögen zerstreut zugrunde gehen. (177) Die durch Behexung verursachten Übel und die aus feindlichen Mantras entstandenen, sowie die in Gedanke, Rede und Körper entstandenen Fehler mögen durch die Weihe vergehen. (178) Mögen alle Unglücksfälle vergehen, möge der Wohlstand fest gegründet sein; durch die vollständige Weihe mögen [alle] Herzenswünsche erfüllt werden. (179)

Vers 176 „tathānyathā“: OCR-Lesung unsicher [?]. Mit Vers 179 endet die Kette der Weihe-Anrufungen.

ity ekādhikaviṃśatyā mantraiḥ saṃsiktasādhakam | paścānmukhād vibaddhamantraṃ punaḥ saṃśrāvayed guruḥ ||180|| pūrvoktanāmnā sambodhya jñāpayan śaktisādhakān | dadyād ānandanāthāntam ākhyānaṃ kaulako guruḥ ||181||

Nachdem der Übende so mit einundzwanzig Mantras geweiht worden ist, soll der Guru ihm, von Westen [her, ihm zugewandt], erneut das gebundene (geheime) [Kula-]Mantra vorsprechen/hören lassen. (180) Indem er ihn mit seinem früheren Namen anspricht und es den versammelten Śakti-Übenden bekanntgibt, soll der Kaulika-Guru ihm einen [neuen] Titel geben, der auf „-ānandanātha“ endet. (181)

„-ānandanātha“ (‚Herr der Wonne von …‘): fester Bestandteil des neuen Einweihungsnamens, den der Kaula-Adept bei der Pūrṇābhiṣeka erhält (vgl. Vers 182 mit dem Beispiel „N.N.-devaśarman … N.N.-ānandanāthaḥ“).

śrutamantro guror ante sampūjya nijadevatām | pañcatattvopacāreṇa gurum abhyarcayet tataḥ ||182|| gobhūhiraṇyavastrāṇi pānānnāny api ca | gurave dakṣiṇāṃ dattvā yajet kaulān śivātmakān ||183|| dhīraḥ śānto 'tivinayānvitaḥ | guroḥ bhaktyā natvārthayet ||184||

Nachdem er das Mantra vernommen hat, soll er, am Ende [der Zeremonie] in Gegenwart des Guru, seine eigene [Schutz-]Gottheit verehren und danach den Guru mit den Opfergaben der fünf [heiligen] Substanzen verehren. (182) Rinder, Land, Gold, Gewänder, sowie Speise und Trank – dies alles soll er dem Guru als Dakṣiṇā geben, und [dann] die Kaulas, die Śiva-wesenhaften, verehren. (183) Standhaft, ruhig, von größter Demut erfüllt, soll [der Schüler], sich vor dem Guru verneigend, mit Hingabe [Folgendes] erbitten: (184)

śrīnātha jagatāṃ nātha mantranātha karuṇānidhe | parāmṛtaprabhādānena pūraya 'smanmanoratham ||185|| ājñāṃ me dīyatāṃ kaulāḥ pratyakṣaśivarūpiṇaḥ | macchiṣyāya vinītāya dadāmi parasāmṛtam ||186|| cakreśāḥ parameśānāḥ kaulapadmakarodbhavam [?] | kṛtāṃ kuru satśiṣyaṃ deyam asmai kulāmṛtam ||187||

„O verehrter Herr, Herr der Welten, Herr des Mantra, Schatz des Mitleids! Durch die Gabe des Glanzes des höchsten Nektars erfülle unseren Herzenswunsch.“ (185) [Der Guru spricht zu den versammelten Kaulas:] „Mir sei die Erlaubnis gegeben, o Kaulas, die ihr sichtbare Verkörperungen Śivas seid; meinem ergebenen Schüler will ich den höchsten Nektar geben.“ (186) „O höchste Herren des Kreises (Cakreśas), [gewährt mir] die aus der Lotoshand der Kaula[-Tradition] entsprungene [Gunst]; macht [ihn] zum wahren Schüler, dem das Kula-Nektar zu geben ist.“ (187)

Vers 187 „kaulapadmakarodbhavam“: OCR-Lesung unsicher, sinngemäß rekonstruiert [?].

ājñām ādāya kaulānāṃ paramāmṛtapūritam | saśuddhikaṃ pānapātraṃ śiṣyahastaṃ samarpayet ||188|| hastākṛṣya guror [?] svaṃ bhasmanā | svasya śiṣyasya kaulānāṃ kūrcaṃ ca tilakaṃ nyaset ||189|| tataḥ prasādatattvāni kaulebhyaḥ pariveśayan | paścād anuṣṭhānavidhinā vidadhyāt pānabhojanam ||190||

Nachdem er die Erlaubnis der Kaulas erhalten hat, soll er das mit dem höchsten Nektar gefüllte, mit dem [rituellen] Reinigungsmittel versehene Trinkgefäß in die Hand des Schülers legen. (188) Nachdem er [ihn] bei der Hand ergriffen hat, soll der Guru mit Asche das Kūrca-Zeichen und das Tilaka-Zeichen der Kaulas auf die Stirn seines eigenen Schülers setzen. (189) Dann, nachdem er die Gnadensubstanzen (prasāda-tattva) an die Kaulas verteilt hat, soll er anschließend, dem vorgeschriebenen Verfahren gemäß, das gemeinsame Trinken und Speisen anordnen. (190)

Vers 189 im Wortlaut streckenweise unsicher [?].

iti te kathitaṃ devi śubhapūrṇābhiṣecanam | brahmajñānaikajananaṃ śivatvaphalasādhanam ||191|| navarātraṃ saptarātraṃ pañcarātraṃ tathaiva ca | tathā vāpy ekarātraṃ kuryāt pūrṇābhiṣecanam ||192||

So wurde dir, o Göttin, die glückverheißende Pūrṇābhiṣeka dargelegt – die alleinige Hervorbringerin der Brahman-Erkenntnis, das Mittel zur Frucht des Śiva-Seins. (191) Über neun Nächte, sieben Nächte, fünf Nächte, oder auch über eine einzige Nacht, kann man die Pūrṇābhiṣeka vollziehen. (192)

Ab hier (Verse 192-197) behandelt der Text knapp einige numerologische Varianten der Pūrṇābhiṣeka-Dauer (Anzahl der Nächte, Blütenblätter des Lotos-Diagramms, Anzahl der Gefäße); der Wortlaut ist an mehreren Stellen so stark entstellt, dass die genauen Zahlenangaben nur mit erheblicher Unsicherheit [?] wiedergegeben werden können, und die hier verwendete Verszählung weicht in diesem Abschnitt möglicherweise geringfügig von der (im Kommentar als „191-196“ zusammengefassten) Zählung der Vorlage ab.

[?] weitere numerologische Angaben zur Nächte-/Lotos-Zuordnung, im Wurzeltext nicht gesondert auflösbar [Lücke] ||193|| [?] ebenso [Lücke] ||194||

[Verse 193-194 sind im Rahmen dieses ohnehin stark entstellten numerologischen Abschnitts (Dauer der Weihe, Blütenblätter des Lotos-Diagramms) in der OCR-Vorlage nicht als gesonderte, dem Sinn nach abgrenzbare Verse erkennbar; ihr ungefährer Inhalt dürfte, dem Kontext nach, weitere Einzelheiten zur Zuordnung von Nächtezahl, Lotos-Diagramm und Gefäßzahl betroffen haben.]

Verse 193 und 194 sind hier als echte, im vorliegenden OCR-Scan nicht auflösbare Lücke ausgewiesen, nicht als Rateversuch aufgefüllt; vgl. die vergleichbare Lücke bei Vers 141. Die Gesamtzählung des Kapitels (bis Vers 212, siehe Kolophon) macht ihre Existenz an dieser Stelle wahrscheinlich, ihr genauer Wortlaut ist jedoch nicht erschließbar.

navapadmaṃ saptarātre pañcapadmaṃ pañcarātrake [?] | trirātre caikarātre ca padmaṣaṣṭadalaṃ priye ||195|| maṇḍale sarvatobhadre navapadme 'pi sādhakaiḥ | sthāpanīyā navaghaṭāḥ pañcābje pañcasaṃkhyakāḥ [?] ||196|| phalineṣv iṣṭe devi [?] prakīrtitaḥ | aṅgāvaraṇadevāṃś ca kesarādiṣu pūjayet ||197||

Bei der Neun-Nächte-[Weihe verwende man] ein neunblättriges Lotos-Diagramm, bei der Sieben-Nächte-[Weihe] [ein entsprechendes], bei der Fünf-Nächte-[Weihe] ein fünfblättriges; bei der Drei- und bei der Ein-Nacht-[Weihe] ein sechzigblättriges Lotos-Diagramm, meine Liebe [Verse 193-195 zahlenmäßig sehr unsicher] [?]. (195) Auf dem Sarvatobhadra-Maṇḍala wie auch auf dem neunblättrigen Lotos sollen die Übenden neun Gefäße aufstellen, auf dem fünfblättrigen fünf [entsprechend ihrer Zahl]. (196) Auf dem [sechzigblättrigen(?)] Lotos wird [eine bestimmte, im Text unsicher überlieferte Anzahl] angegeben, o Göttin; man soll [dort] die umgebenden Begleitgottheiten auf den Staubfäden und den übrigen [Teilen der Blüte] verehren. (197)

Diese drei Verse (193-195) sind im gedruckten Wurzeltext so stark durch OCR-Fehler entstellt, dass die genauen Zahlenangaben (Blütenblätter, Gefäße) nur näherungsweise und mit erheblicher Unsicherheit [?] wiedergegeben werden konnten.

abhiṣiktasiddhānāṃ kaulānāṃ nirmalātmanām | droṇāt snānād darśanād dravyaśuddhir vidhīyate ||198|| śākte vaiṣṇave śaive saure gāṇapate 'pi ca | kaulavartmam āśritaḥ sādhuḥ pūjanīyo 'tiyatnataḥ ||199||

Vom [bloßen Wasser-]Maß des Bades, oder vom Anblick der geweihten, vollkommenen, makellosen Kaulas geschieht [schon] die Reinigung der [ihnen dargebrachten] Gegenstände. (198) Ob im Śākta-, Vaiṣṇava-, Śaiva-, Saura- (Sonnen-) oder auch im Gāṇapatya-[Kult] – ein Frommer, der sich dem Kaula-Pfad zugewandt hat, ist mit größter Anstrengung zu verehren. (199)

śākte śāktaś ca guruḥ syāt daive devo gurus tathā | vaiṣṇave vaiṣṇavaḥ saure saurye gurur uddāhṛtaḥ [?] ||200|| gāṇape gāṇapaś caiva kaulaḥ sarvatra sadguruḥ | ataḥ sarvātmanā dhīmān kaulād dīkṣāṃ samācaret ||201|| pañcatattvena yajñena bhaktyā kaulān yajanti ye | uddhṛtya puruṣān sarvāṃs te yānti paramāṃ gatim ||202||

Im Śākta[-Kult] soll der Guru ein Śākta sein, im [allgemeinen] Gottesdienst ein [entsprechender] Gottesverehrer; im Vaiṣṇava[-Kult] ein Vaiṣṇava, im Saura[-Kult, dem Sonnenkult,] wird ein Saura als Guru bezeichnet [Vers unsicher] [?]. (200) Im Gāṇapatya[-Kult ist der Guru] ein Gāṇapatya; der Kaula aber ist überall der wahre Guru; darum soll der Weise sich mit seinem ganzen Wesen von einem Kaula einweihen (dīkṣā) lassen. (201) Diejenigen, die mit Hingabe durch das Opfer der fünf [heiligen] Substanzen die Kaulas verehren, erlösen (heben empor) alle [ihre verstorbenen Angehörigen, die] Menschen, und gehen selbst zum höchsten Ziel ein. (202)

Vers 200 im Wortlaut unsicher [?]; der Sinn (jede Glaubensrichtung hat ihren eigenen Guru-Typus) ist jedoch klar.

śaive kṣetrāhvayo mantraḥ ṣaḍūrdhva eva na saṃśayaḥ [?] | vīro baddhamanur vīraḥ kauladhīr bhavati brahmavit ||203|| sākṣād abhiṣekī vīraḥ syāt pañca tāni sevayet | ceṣṭāpūjāvidhāv eva na tu cakreśvaro bhavet ||204||

Im Śaiva-[Kanon] gibt es das als 'Kṣetra' bekannte Mantra, sechsfach hinaufsteigend, ohne Zweifel [Vers stark entstellt, Sinn unsicher] [?]; der Held (vīra), dessen Denken an [dieses] Mantra gebunden ist, wird als Kaula ein Kenner Brahmans. (203) Wer unmittelbar geweiht ist, ist ein [wahrer] Vīra und darf jene fünf [heiligen Substanzen] genießen – [doch dies gilt] nur im Rahmen der vorgeschriebenen Verehrungspraxis; er wird dadurch nicht [automatisch] zu einem Cakreśvara (Kreisführer). (204)

Vers 203 ist im Original stark entstellt; die Übersetzung bleibt an mehreren Stellen unsicher [?].

vīraghātī vratāpāyī vīrāṇāṃ strīgamas tathā | steyī mahāpātakinas tatsaṃsargī ca pañcamaḥ ||205|| kaulavartmaṃ kuladravyaṃ kulasādhakam eva ca | ye nindanti durātmānas te gacchanty adhamāṃ gatim ||206||

Der Mörder eines [Kaula-]Helden, wer sein Gelübde bricht, wer sich an der Frau eines Helden vergeht, ein Dieb – dies sind die [vier] Todsünder (mahāpātakin), und der fünfte ist, wer mit ihnen Umgang pflegt. (205) Jene bösen Seelen, die den Kaula-Pfad, die Kula-Substanzen oder den Kula-Übenden schmähen, gehen zu einem niedrigen Zustand ein. (206)

Die vier (bzw. mit dem Umgang mit ihnen fünf) hier genannten Verfehlungen entsprechen den klassischen fünf 'Großen Sünden' (mahāpātaka) der Dharmaśāstra-Tradition, hier auf den Kaula-Kontext übertragen.

nṛtyanti rudraḍākinyo nṛtyanti rudrabhairavāḥ | māṃsāsthicarvaṇānandāḥ surākaulikadviṣāṃ nṛṇām ||207|| dayāluvaḥ satyaśīlāḥ sadā parahiteṣiṇaḥ | tān garhayanto narakān niṣkṛter yānti na kvacit ||208||

Die Rudra-Ḍākinīs tanzen, die Rudra-Bhairavas tanzen, sich erfreuend am Nagen von Fleisch und Knochen jener Menschen, die den [rituellen] Wein und die Kaulas hassen. (207) Diejenigen, die die Mitleidsvollen, Wahrhaftigen, die stets das Wohl anderer Suchenden [d.h. die Kaulas] schmähen, gehen zu Höllen ein, aus denen es keine Erlösung gibt. (208)

uktāḥ prayogā bahavaḥ karmaṇi vividhāni ca | brahmaikaniṣṭhakaulasya tyāgānuṣṭhānayoḥ samam ||209|| ekam eva paraṃ brahma jagad āvṛtya tiṣṭhati | viśvārcyā tadarcā syāt yataḥ sarve tadanvitam ||210||

Viele Anwendungen und mancherlei Riten wurden [in diesem Werk] dargelegt; doch für den Kaula, der allein dem Brahman ergeben ist, sind Verzicht (auf das Ritual) und [rituelle] Ausübung gleich[wertig]. (209) Das eine, höchste Brahman allein durchdringt die Welt und besteht [in ihr]; die Verehrung des Universums ist [somit] die Verehrung Jenes [Brahman], da alles von Ihm durchdrungen ist. (210)

Mit Vers 209-210 wendet sich der Text von den äußeren Vorschriften ab und betont abschließend den Vorrang der unmittelbaren Erkenntnis (jñāna) des einen Brahman vor dem bloßen Ritual.

[phalāsaktā ... karmajālataḥ] [?] | [...] tat paraṃ brahma [?] ||211|| [...]ryaḥ sa eva satyaṃ jīvanmukto na saṃśayaḥ ||212|| iti śrīmahānirvāṇatantre sarvatantrottamottame sarvadharmanirṇayasāre śrīmadādyāsadāśivasaṃvāde vṛddhiśrāddhādisatkriyāpūrṇābhiṣekakathanaṃ nāma daśamollāsaḥ |

[Vers 211 ist im vorliegenden Scan fast vollständig verloren; nur die vom Kommentar zitierten Stichworte des Wurzeltextes sind erhalten: „phalāsaktā“ (an die Frucht [der Werke] hängend) und „karmajālataḥ“ (im Geflecht/Netz der [rituellen] Werke [verstrickt]), sowie der Ausdruck „tat paraṃ brahma“ (jenes höchste Brahman). Dem Kommentar zufolge dürfte der Sinn etwa sein: Wer an der Frucht [seines Tuns] hängt und im Geflecht der [rituellen] Werke [gefangen ist, erkennt] jenes höchste Brahman [nicht].] [?] (211) „… er allein wird wahrhaftig zum im-Leben-Erlösten (jīvanmukta); daran ist kein Zweifel.“ (212) So [endet] im heiligen Mahānirvāṇa-Tantra, dem Besten unter allen Tantras, dem Kern der Entscheidung über alle Dharmas, im Gespräch des erhabenen Ur-Sadāśiva, das zehnte Kapitel (Ullāsa), genannt „Darlegung des Vṛddhi-Śrāddha und anderer rechter Riten sowie der vollständigen Weihe (Pūrṇābhiṣeka)“.

Vers 211 ist im OCR-Scan nur in Gestalt zweier vom Kommentar wörtlich zitierter Stichworte ("phalāsaktā", "karmajālataḥ") sowie der Wendung "tat paraṃ brahma" erhalten; der vollständige Wortlaut des Verses ist nicht rekonstruierbar und wird hier, der Anweisung folgend, als Lücke mit kommentarbasierter Sinnparaphrase ausgewiesen, nicht als freie Erfindung aufgefüllt (vgl. die Behandlung der Verse 13-14, 141 und 193-194). Vers 212 ist nur mit seiner zweiten Vershälfte lesbar, das Versende der ersten Pāda-Hälfte(n) fehlt. Der Kolophon wurde anhand der stark korrupten Druckzeile identifiziert und nach dem Muster der bereits im Kapiteltitel etablierten Formel (vgl. title_sa) sowie der auch in anderen Ullāsas dieses Werks üblichen Kolophon-Formel ("sarvatantrottamottame sarvadharmanirṇayasāre śrīmadādyāsadāśivasaṃvāde") rekonstruiert.

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