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Mahānirvāṇa Tantra

Paṭala 6: śrīmahānirvāṇatantre śrīpātrasthāpanahomānuṣṭhānakathanaṃ nāma ṣaṣṭhollāsaḥ 6. Kapitel: Darlegung der Aufstellung des Verehrungsgefäßes und der Vollziehung des Feueropfers

Quelle: Mahānirvāṇa-Tantra mit dem Kommentar des Hariharānanda Bhāratī, hg. Agama Anusandhana Samiti, Calcutta 1929 (Tantrik Texts Vol. XIII), archive.org DLI 2015.326303 (OCR-Text). Inhalt: Śiva antwortet auf Pārvatīs Bitte um ausführliche Belehrung über das Ritual der fünf Grundsubstanzen (pañcatattva: Wein, Fleisch, Fisch, geröstetes Korn, Vereinigung) mit einer minutiösen Ritualanleitung (paddhati) für die Kula-Verehrung: Klassifikation von Wein, Fleisch und Mudrā (1-16); Aufstellung und Weihe des Verehrungsgefäßes (śrīpātra) samt Yantra, Sonnen- und Mondscheibe mit ihren Teilkräften (kalā), Kavaca und Unsterblichkeitsformeln (17-53); Tarpaṇa (Trankspenden) an Bhairava, die Gurureihe, Kālī und die Schutzgottheiten sowie Blutopfer an die Vaṭukas, Yoginīs, Kṣetrapāla, Gaṇeśa und Śivā (54-70); Einladung, Belebung (prāṇapratiṣṭhā) und vollständige Verehrung (ṣoḍaśopacāra) der Göttin im Gefäß samt Speiseopfer, Guru- und Nāyikā-Verehrung (71-118); ausführliche Anleitung zum Tieropfer (Auswahl des Tieres, Schwertweihe, Opferformel, Blutspende) und zum großen Feueropfer (homa): Errichtung des Opferherdes samt Yantra, Verehrung von Dharma, Erkenntnis, Entsagung und Herrschaft, der Sonne, des Mondes und der Flammenenergien, Entzündung und Verehrung des Feuers, seiner Zungen, Glieder, Formen und Kräfte, Opferungen in beide 'Augen' des Feuers, Anrufung der Einheit von Gottheit und Mantra, Gebrauch der Gebetskette (mālā) und Wiederholungsgebet (japa), Selbsthingabe (ātmasamarpaṇa) und Verteilung der gnadenreichen Opferspeise (mahāprasāda) (119-200). Die OCR-Qualität dieses Kapitels ist besonders schlecht, da es fast ausschließlich aus technischer Ritual- und Mantra-Terminologie (Bīja-Silben wie hrīṃ, śrīṃ, krīṃ, svāhā, namaḥ) besteht, die im gedruckten Devanāgarī-Text stark verzerrt erscheint; überall dort, wo die Wurzelverse selbst zu entstellt sind, um sie eigenständig zu rekonstruieren, wurde nach ausdrücklicher Erlaubnis des Auftrags der Sanskrit-Kommentar herangezogen, soweit er den Wurzeltext wörtlich zitiert bzw. den Mantra-Wortlaut ausdrücklich zusammensetzt ('yojanayā ... iti mantraḥ jātaḥ'); dennoch bleiben zahlreiche Einzelheiten (genaue Silbenfolgen, einzelne Wortformen) unsicher und mit [?] gekennzeichnet. Die Verszählung beginnt bei diesem Ullāsa bei 1 und läuft bis 200.

śrīdevy uvāca | yathā kathitaṃ pañcatattvaṃ pūjādikarmaṇi | vistareṇa kathyatāṃ nātha yadi te 'sti kṛpā mayi ||1|| śrīsadāśiva uvāca | gauḍī paiṣṭī tathā mādhvī trividhā cottamā surā | tālajais tathotpannā anyā ceti vidur budhāḥ [?] ||2|| tathā deśabhedena nānādravyavibhedataḥ | bahudheyā samākhyātā praśastā devatārcane ||3|| yena kena samutpannā yena kenāhṛtāpi vā | nātra jātibhedo 'sti śodhitā sarvasiddhidā ||4|| māṃsaṃ tu trividhaṃ proktaṃ jalajaṃ bhūcaraṃ khecaram | yasmāt tasmāt samānītaṃ yena tad vikalpitam | tat sarvaṃ devatāprītyai bhaved eva na saṃśayaḥ ||5|| sādhakecchā balavatī deye vastuni devate | yadyad ātmapriyaṃ dravyaṃ tattad iṣṭāya kalpayet ||6||

Die Göttin sprach: Wie beim Ritual der Verehrung das Fünffache (pañcatattva – Wein, Fleisch, Fisch, geröstetes Korn und Vereinigung, die fünf tantrischen Grundsubstanzen) dargelegt wurde, so möge es ausführlich erklärt werden, o Herr, wenn du Mitleid mit mir hast. (1) Śrī Sadāśiva sprach: Gauḍī (aus Rohrzucker gewonnen), Paiṣṭī (aus Mehl) und ebenso Mādhvī (aus der Mahuā-Blüte) sind die drei besten Arten des Weins (surā); auch aus Palmsaft entstandene und andere kennen die Weisen [Vers stark entstellt, Sinn unsicher]. (2) Ebenso wird er, nach Landstrich verschieden, aus mancherlei Stoffen entstanden, unter vielen Namen genannt und ist für die Gottesverehrung geeignet. (3) Wie auch immer er entstanden, wie auch immer er herbeigebracht sei – hierbei gibt es keinen Kastenunterschied; gereinigt gewährt er jede Vollkommenheit (siddhi). (4) Fleisch aber wird als dreifach bezeichnet: wasserlebend (Fisch, Schildkröte u. Ä.), landlebend (Ziege u. Ä.) und himmelwandelnd (Vögel wie Rebhuhn, Fasan u. Ä.); von woher auch immer es herbeigebracht, wie auch immer es zerteilt sei – all das dient ohne Zweifel dem Wohlgefallen der Gottheit. (5) Der Wunsch des Übenden (sādhaka) ist maßgeblich für die der Gottheit darzubringende Gabe: welche Substanz einem selbst lieb ist, die soll man für die verehrte Gottheit bestimmen. (6)

Vers 2cd stark OCR-entstellt, Übersetzung unsicher [?] (weitere Wein-Sorten, wohl aus Palmsaft/tāla). Vers 5 hat im Druck drei Halbzeilen (hypermetrisch). „pañcatattva“ (auch „pañcamakāra“, da alle fünf Namen im Sanskrit mit „ma“ beginnen) = die fünf Grundsubstanzen des tantrischen Rituals: madya (Wein), māṃsa (Fleisch), matsya (Fisch), mudrā (hier: geröstetes Korn, nicht die Handgeste) und maithuna (geschlechtliche Vereinigung).

balidānavidhau devi vihitaḥ puruṣaḥ paṭuḥ | strīpaśur na ca hantavyas tatra śāmbhavaśāsanāt ||7|| uttamās trividhā matsyāḥ śālapāṭhīnarohitāḥ | madhyamāḥ kaṇṭakair hīnā adhamā bahukaṇṭakāḥ | te 'pi devyai pradātavyā yadi suṣṭhu vibhajitāḥ ||8|| mudrāpi trividhā proktā uttamādivibhedataḥ | candrabimbanibhaṃ śubhraṃ śālitaṇḍulasambhavam | yavagodhūmajaṃ vāpi ghṛtapakvaṃ manoharam ||9|| mudreyam uttamā madhyā aṣṭadhānyādisambhavā | bhajitāny anyabījāni adhamā parikīrtitā ||10|| mudrā ca phalamūlāni yāni ca [devatārpite] | sudhādāne devatānāṃ śuddhir eṣā prakīrtitā [?] ||11|| vinā śuddhyā hi dānaṃ pūjanaṃ tarpaṇaṃ tathā | niṣphalaṃ jāyate devi devatā na prasīdati ||12|| śuddhiṃ vinā madyapānaṃ kevalaṃ viṣabhakṣaṇam | cirarogī bhaven mantrī svalpāyur bhavaty acirāt ||13||

Bei der Regel des Tieropfers ist ein tüchtiger Mann [als Opferer] vorgeschrieben, Göttin; ein weibliches Tier aber soll nicht getötet werden – so lautet die Weisung Śambhus (Śivas). (7) Die besten Fische sind dreierlei: Śāla-, Pāṭhīna- und Rohita-Fische; die mittleren sind grätenlos, die geringsten reich an Gräten; auch sie sollen der Göttin dargebracht werden, wenn sie gut zerteilt sind. (8) Auch die Mudrā (geröstetes Korn) wird dreifach genannt, unterschieden nach bester, mittlerer und geringster Art: was dem Vollmond gleicht, weiß, aus Reiskörnern gewonnen, oder aus Gerste und Weizen entstanden, in Butterschmalz gebacken und wohlschmeckend ist, [ist die beste Mudrā]. (9) Diese Mudrā ist die beste; die mittlere entsteht aus den acht Getreidearten; geröstete andere Samen werden als die geringste bezeichnet. (10) Mudrā sowie Früchte und Wurzeln, [wenn sie der Gottheit dargebracht werden] – für ihre Darbringung an die Gottheit wird ebendiese [zuvor beschriebene] Reinigung (śuddhi) verlangt [Vers unsicher]. (11) Ohne Reinigung sind Gabe, Verehrung und Trankspende (tarpaṇa) gleichermaßen fruchtlos, o Göttin; die Gottheit wird nicht gnädig gestimmt. (12) Weintrinken ohne Reinigung ist nichts als Gifteinnahme; der Mantra-Kundige wird dadurch langwierig krank, und sein Leben verkürzt sich in Kürze. (13)

„mudrā“ hier = geröstetes Getreide/Reis als eine der fünf Grundsubstanzen (nicht die rituelle Handgeste). Vers 8: Fischnamen (śāla, pāṭhīna, rohita) nach Kommentar Speisefischarten, genaue Identifikation unsicher. Vers 11 im Original stark verkürzt/entstellt; Sinn nach Kommentarparaphrase rekonstruiert [?].

retastattvaṃ maheśāni nirvīrye prabale kalau | svakīyā kevalayā jñeyā sarvadoṣavivarjitā ||14|| athavā svayambhukusumaṃ [?] prāṇeśa pratinidhau tathā | kathitaṃ tatpratinidhau kusīdaṃ parikīrtitam [?] ||15|| aśodhitāni tāni patrapuṣpaphalāni ca | naiva dadyān mahādevyai cet syād vai nārakī bhavet ||16|| śrīpātrasthāpanaṃ kuryāt svīyayā śaktyā saha priye [?] | abhiṣiñcen kāraṇena sāmānyārghyodakena vā ||17|| ādau vācaṃ samuccārya tripurāyai tato vadet | mantrārṇāvasāne ca imāṃ śaktim udīrayet ||18|| pavitrīkuruśabdānte mama śaktiṃ kuru priye | tataḥ svāhāntam uccārya svaśaktyabhiṣekamantra uktaḥ [?] ||19||

Das Samen-Element (retas-tattva, das fünfte Element, hier für den Vollzug der Vereinigung), o höchste Herrin, ist in der kraftlosen, [doch] mächtigen Zeit des Kaliyuga allein von der eigenen [Gattin], frei von jedem Fehler, zu erkennen [d.h. zu verwenden]. (14) Oder aber es wird an dessen Stelle, o Herr des Lebens, die selbstentstandene Blüte [Menstrualblut] genannt; deren Ersatz wiederum wird als „Kusīda“ (rote Sandelpaste als Stellvertretersubstanz) bezeichnet [Vers stark entstellt, Übersetzung unsicher]. (15) Ungereinigte Blätter, Blüten und Früchte soll man der Großen Göttin keinesfalls darbringen; [wer es doch täte,] würde zur Hölle fahren. (16) Man richte das Śrī-Pātra (die geweihte Schale für die Śakti/Partnerin) zusammen mit der eigenen Śakti her, Liebste, und weihe sie mit Wein (kāraṇa) oder mit gewöhnlichem Argha-Wasser. (17) Zuerst spreche man das Wort [des Vāgbhava-Bīja] aus, dann [den Namen] Tripurā; am Ende der Mantra-Silben rufe man diese Śakti an. (18) Am Ende des Wortes „pavitrīkuru“ [füge man] „meine Śakti mache [rein]“, Liebste, [hinzu]; darauf, mit „svāhā“ endend ausgesprochen, ist dies das Weihe-Mantra der eigenen Śakti [Vers unsicher]. (19)

Verse 15 und 17-19 im Original stark OCR-entstellt; Übersetzung ist vorsichtiger Rekonstruktionsversuch nach Kommentarsinn [?], genauer Mantrawortlaut unsicher. „Tripurā“: Name der Göttin/Śakti.

adīkṣitā yadā nārī māyābījaṃ samuccaran | śāktayo 'nyāḥ pūjanīyā nādyās tāḍanakarmaṇi ||20|| athātmayantrayor madhye māyāgarbhaṃ trikoṇakam | vṛttaṃ ṣaṭkoṇam ālikhya caturasraṃ likhed bahiḥ ||21|| tatkoṇeṣu pūrṇaśailam uḍḍīyānaṃ tathaiva ca | jālandharaṃ kāmarūpaṃ sacaturthīnamo'ntakam | nijanāmādibījāḍhyaṃ pūjayet sādhakottamaḥ ||22|| ṣaṭkoṇeṣu ṣaḍaṅgāni mūlenaiva trikoṇakam | māyām ādhāraśaktiṃ ca namo'ntena prapūjayet ||23|| namasā kṣālitam ādhāraṃ saṃsthāpya tatra pūrvavat | vṛttopari yajed vahneḥ kalāḥ svāhādimākṣaraiḥ ||24||

Wenn eine ungeweihte Frau [zugegen ist], spreche man, das Māyā-Bīja (hrīṃ) aussprechend, [ein eigenes Reinigungsmantra]; andere, [eingeweihte] Śakti-Frauen sind [dagegen ohne weiteres] zu verehren; ungeweihte aber sollen beim rituellen Vollzug (dem Vereinigungsakt) nicht [herangezogen werden]. (20) Nun zeichne man, zwischen dem eigenen Körper und dem Yantra, mit dem Māyā(-Bīja) als Kern ein Dreieck, darum einen Kreis, [darum] ein Sechseck, und ganz außen zeichne man ein Viereck. (21) An dessen [des Vierecks] Ecken verehre der beste Übende, versehen mit dem eigenen Namen u. Ä. als Bīja-Silbe und endend auf den Dativ + „namaḥ“: Pūrṇagiri (Pūrṇaśaila), ebenso Uḍḍiyāna, Jālandhara und Kāmarūpa – [die vier heiligen Sitze/Pīṭhas der Tantra-Tradition]. (22) An den sechs Winkeln [des Sechsecks verehre man] die sechs Glieder (ṣaḍaṅga); mit dem Wurzelmantra allein [verehre man] das Dreieck; das Māyā(-Bīja) und die Trägerkraft (ādhāraśakti) verehre man mit einem auf „namaḥ“ endenden Mantra. (23) Nachdem man den mit dem Namaḥ-Mantra gereinigten Träger dort wie zuvor aufgestellt hat, verehre man auf dem Kreis das Feuer (vahni) mit seinen Teilkräften (kalā), [deren Namen] mit den Silben „svāhā“ u. Ä. [enden]. (24)

Vers 22 im Druck als Langzeile mit drei statt zwei Halbversen überliefert (hypermetrisch); Anfangswort im OCR unlesbar, nach dem Kommentar („an den vier Ecken des viereckigen Maṇḍala“) sinngemäß als „tatkoṇeṣu“ rekonstruiert [?]. Pūrṇagiri, Uḍḍiyāna, Jālandhara, Kāmarūpa: die vier „Sitze“ (pīṭha) der tantrischen heiligen Geographie.

dhūmrārciś ca jvalinī sūkṣmā jvālā visphuliṅginī | suśrīḥ surūpā kapilā havyakavyavahā tathā ||25|| kādibhis tu daśabhir varṇair vahner etāḥ kalā daśa | namo'ntena prapūjyāḥ syur mūlamantrapuraḥsaram [?] ||26|| vahnimaṇḍalāya proktaṃ daśāntaṃ ca kalātmane | avasāne namo dattvā pūjayed vahnimaṇḍalam ||27|| tato 'rghyapātram ānīya phalaṃ karair viśodhitam | ādhāre sthāpayitvā tu kalāḥ sūryasya dvādaśa | kādibhādivarṇabījena ḍakārāntena prapūjayet ||28|| tapinī tāpinī dhūmrā marīcir jvālinī śuciḥ | sudhūmrā bhogadā viśvā bodhinī dhāriṇī kṣamā ||29||

Dhūmrā, Arciḥ, Jvalinī, Sūkṣmā, Jvālā, Visphuliṅginī, Suśrī, Surūpā, Kapilā und ebenso Havyakavyavahā (25) – dies sind, mit den zehn kā-Silben (bīja-Buchstaben) [beginnend] und auf „namaḥ“ endend, zusammen mit dem Wurzelmantra vorangestellt, die zehn Teilkräfte (kalā) des Feuers, die zu verehren sind [Vers 26 unsicher rekonstruiert]. (26) [Mit dem Mantra] „dem Feuerkreis, dessen Wesen die zehn [Kalās] sind, [geweiht]“ und am Ende „namaḥ“ hinzugefügt, verehre man den Feuerkreis (vahnimaṇḍala). (27) Danach bringe man das mit den Händen gereinigte Argha-Gefäß herbei, stelle es auf den Träger und verehre darauf die zwölf Teilkräfte der Sonne mit den Bīja-Silben ka- bis ḍa- [den zwölf Vokalreihen], endend auf den Dativ mit „namaḥ“. (28) Tapinī, Tāpinī, Dhūmrā, Marīci, Jvālinī, Śuci, Sudhūmrā, Bhogadā, Viśvā, Bodhinī, Dhāriṇī und Kṣamā [sind diese zwölf Sonnen-Kalās]. (29)

Verse 25-26 im Original derart entstellt, dass der Wurzeltext nur aus der Kommentarparaphrase („yathā kaṃ dhūmrāya namaḥ … haṃ havyakavyavahāya namaḥ iti pūjyā“) rekonstruiert werden konnte [?]; Verse 27-29 dagegen im OCR gut lesbar und mit dem Kommentar übereinstimmend.

aṃ sūryamaṇḍalāyeti dvādaśānte kalātmane | namo'ntenārghyapātre tu pūjayet sūryamaṇḍalam ||30|| vilomamātṛkāṃ tadvan mūlamantraṃ samuccaran | tribhāgaṃ pūrayen mantrī kalaśasthena hetunā ||31|| viśeṣārghyajalaiḥ śeṣaṃ pūrayitvā samāhitaḥ | ṣoḍaśasvarabījena nāmamantreṇa pūjayet | sacaturthīnamo'ntena kalāḥ somasya ṣoḍaśa ||32|| amṛtā mānadā pūṣā tuṣṭiḥ puṣṭī ratiḥ smṛtā | dhṛtiḥ śaśinī candrikā ca kāntir jyotsnā śrīr eva ca | prītir aṅgadā pūrṇā pūrṇāmṛtā ceti ṣoḍaśa [?] ||33|| ūṃ somamaṇḍalāya ṣoḍaśāntena kalātmane | namo'ntenānena mantreṇa pūjayet somamaṇḍalam ||34|| durvākṣatān raktapuṣpaṃ barheraṃ cāparājitām | māyayā prakṣipet pātre tīrtham āvāhayed api ||35|| kavacena tu saṃveṣṭya rakṣāṃ kuryāt tato budhaḥ | dhenvā cāmṛtīkṛtvā matsyamudrayācchādayet ||36||

Mit dem Mantra „oṃ, dem Sonnenkreis, dessen Wesen die zwölf [Kalās] sind, [geweiht]“, endend auf „namaḥ“, verehre man auf dem Argha-Gefäß den Sonnenkreis. (30) Ebenso fülle der Mantra-Kundige, die Buchstabenreihe rückwärts sowie den Wurzelmantra rezitierend, mit dem im Krug befindlichen [Wein] ein Drittel [des Gefäßes]. (31) Nachdem er das Übrige mit besonderem Argha-Wasser aufgefüllt hat, verehre er, gesammelten Geistes, mit den sechzehn Vokal-Bījas als Namensmantra, endend auf den Dativ + „namaḥ“, die sechzehn Teilkräfte des Mondes. (32) Amṛtā, Mānadā, Pūṣā, Tuṣṭi, Puṣṭi, Rati, Dhṛti, Śaśinī, Candrikā, Kānti, Jyotsnā, Śrī, Prīti, Aṅgadā, Pūrṇā und Pūrṇāmṛtā – dies sind die sechzehn [Mond-Kalās]. (33) Mit dem Mantra „oṃ, dem Mondkreis, dessen Wesen die sechzehn [Kalās] sind, [geweiht]“, endend auf „namaḥ“, verehre man mit diesem Mantra den Mondkreis. (34) Dūrvā-Gras, ungeschälten Reis, rote Blüten, Pfauenfedern [?] und Aparājitā-Blüten werfe man, das Māyā(-Bīja) [aussprechend], in das Gefäß; man rufe dort auch die heiligen Gewässer (tīrtha) an. (35) Mit dem Kavaca(-Bīja) umhülle man [das Gefäß] sodann zu seinem Schutz; und nachdem der Kundige es mit der Kuh-Geste (dhenumudrā) zu Nektar gemacht hat, decke er es mit der Fisch-Geste (matsyamudrā) zu. (36)

Vers 33 (die 16 Mond-Kalā-Namen) im Wurzeltext nicht klar erhalten und aus der Kommentar-Einzelaufzählung der Anrufungsformeln rekonstruiert [?]. Vers 36 stark verkürzt wiedergegeben, Einzelheiten nach Kommentar [?].

mūṃ mantraṃ daśadhā japtvā devatāvāhanaṃ caret | āvāhya puṣpāñjalinā pūjayed iṣṭadevatām ||37|| akhaṇḍaikarasānandākare parasudhātmani | svacchandasphuraṇām atra nidhehi kularūpiṇi ||38|| anaṅgasthāsnākare śuddhajñānakalevare | amṛtatvaṃ nidhehy asmin vastuni cchinnarūpiṇi ||39|| tadrūpeṇa pradhānamādhuryarasarūpeṇārghyam arcārtham madyam ekarasyaṃ kṛtvā kulasudhākāraṃ mayi visphuraṇaṃ kuru ||40|| brahmāṇḍarasasambhūtam aśeṣarasasambhavam | pūritaṃ mahāpātraṃ tvaṃ pīyūṣarasam āvaha ||41|| ahantāpātrabharitam idantāparamāmṛtam | parāhantāmaye vahnau homasvīkāralakṣaṇam ||42|| ity āmantrya tataḥ pañcabhir mantrair mayaṃ vibhāvya śivayoḥ sāmarasyaṃ ca pūjayet | dhūpadīpāv api tathā tasyopari dadyāt ||43||

Nachdem man das Mūṃ-Mantra zehnmal wiederholt hat, lade man die Gottheit ein; nach der Einladung verehre man die verehrte Gottheit mit einer Blütenhand voll. (37) „In dir, o Trägerin der ungeteilten Wonne-Essenz, deren Wesen der höchste Nektar ist, entfalte hier [im Trankgefäß] deine freie Selbstoffenbarung, o Gestalt der Kula!“ (38) „O du, die im Sitz der körperlosen [Liebe/Wonne] wohnst, deren Leib reine Erkenntnis ist: verleihe diesem Stoff, du reine, ungebrochene Gestalt, Unsterblichkeit!“ (39) „So, in der Gestalt der süßesten Essenz, mache den Wein für die Verehrungsgabe eins-in-Geschmack (ekarasya), zur Gestalt des Kula-Nektars, und offenbare dich in mir!“ (40) „Aus der Essenz des Weltganzen entstanden, Ursprung aller Essenzen – bringe du, [die du] das große Gefäß füllst, den Nektartrank herbei!“ (41) „In dem im Ich-losigkeit-Gefäß Gehaltenen, dem höchsten Nektar der Diesheit, [opfere man] als Zeichen der Annahme des Opfers dem Feuer der höchsten Ich-heit.“ (42) Nachdem man [die Substanz] so mit diesen fünf Mantras angerufen hat, betrachte man die Verschmolzenheit [der Substanz] mit Śiva und Śakti in Eintracht und verehre [sie] als solche; ebenso bringe man darüber Räucherwerk und Lampe dar. (43)

Verse 38-42: die fünf „Amṛtīkaraṇa“-Anrufungsformeln, mit denen der geweihte Wein zum Kula-Nektar (Sinnbild der Vereinigung von Śiva und Śakti) erklärt wird; philosophisch-mystische Sprache, wörtlich, aber vom Kommentar her erschlossen, da der Wurzeltext im OCR stark komprimiert erscheint [?] (genaue Wortstellung teils unsicher).

śrīpātrasaṃskāraṃ akṛtvā yaḥ pūjane pravartate | tasya mantrī ca pūjā ca viphalā bhavet ||44|| gurupātraṃ tathā yoginīpātraṃ vīrapātram api | pānapātram ācamanīyapātraṃ ca śrīpātreṇa nava kramāt ||45|| sāmānyārghyasya vidhinā pātrāṇāṃ sthāpanaṃ caret ||46|| kalaśasthāmṛtenaiva tribhāgaṃ paripūrya ca | māṣapramāṇaṃ pātreṣu śuddhikhaṇḍaṃ niyojayet ||47|| vāmāṅguṣṭhānāmikābhyām amṛtaṃ pātrasaṃsthitam | gṛhītvā śuddhikhaṇḍena dakṣayā tattvamudrayā | sarvatra tarpaṇaṃ kuryād vidhir eṣaḥ prakīrtitaḥ ||48||

Wer, ohne die Weihe des Śrī-Pātra vollzogen zu haben, mit der Verehrung fortfährt, dessen Mantra-Kraft und Verehrung bleiben beide fruchtlos. (44) Das Guru-Gefäß, ebenso das Yoginī-Gefäß, das Held(Vīra)-Gefäß, das Trink-Gefäß und das Mundspülungs-Gefäß – zusammen mit dem Śrī-Pātra sind es der Reihe nach neun [Gefäße]. (45) Nach der Regel des allgemeinen Argha-Rituals stelle man die [übrigen] Gefäße auf. (46) Nachdem man [sie] zu einem Drittel mit dem Nektar (Wein) aus dem Krug gefüllt hat, lege man ein bohnengroßes Stück der geweihten Substanz (śuddhi, d.h. Fleisch) in die Gefäße. (47) Mit Daumen und Ringfinger der linken Hand den im Gefäß befindlichen Nektar zusammen mit dem geweihten Fleischstück ergreifend, [gebe man davon] mit der rechten Hand, in der Tattva-Geste, überall Trankspenden (tarpaṇa) – so lautet die hier verkündete Regel. (48)

hasakṣamasvarayugbhyām ānandabhairavāya vaṣaṭ tarpayāmi namaḥ | tathaivānandabhairavyai vauṣaṭ tarpayāmi svāhā ||49|| sahasrāre nijaguruṃ sapatnīkaṃ pratarpya ca | vāgbhavādisvasvanāmnā guruṃ catuṣṭayaṃ tarpayet ||50|| tataḥ svahṛdayāmbhoje bhogapātrāmṛtena ca | ādyāṃ kālīṃ tarpayāmi nijabījapuraḥsaram ||51|| svāhāntena tridhā mantrī tarpayed iṣṭadevatām | śaktipātrāmṛtais tadvad aṅgāvaraṇatarpaṇam ||52|| santarpya kālikāṃ māyāṃ vaṭukebhyo baliṃ haret ||53|| svavāmabhāge sāmānyaṃ maṇḍalaṃ racayet sudhīḥ | sampūjya sthāpayet tatra sāmiṣānnaṃ sudhānvitam ||54|| vāṅmāyākamalā [hrīṃ śrīṃ] vaṭukāya namaḥ padam | sampūjya pūrvabhāge ca vaṭukasya baliṃ haret ||55||

Mit den beiden [Bīja-]Lauten hasa und kṣama [dem Herzmantra] [spreche man]: „Vaṣaṭ, dem Ānanda-Bhairava opfere ich, Verehrung!“, ebenso „Vauṣaṭ, der Ānanda-Bhairavī opfere ich, Svāhā!“ (49) Im Sahasrāra[-Lotus] spende man zunächst dem eigenen Guru samt Gattin, dann, mit dem Vāgbhava-Bīja und dem jeweiligen Eigennamen, den vier [Stufen der] Guru[-Reihe] Trankopfer. (50) Dann, im Lotus des eigenen Herzens, mit dem Nektar aus dem Genuss-Gefäß: „Der Urzeitlichen Kālī opfere ich“, dem das eigene Bīja vorangestellt wird. (51) Mit auf „svāhā“ endendem [Mantra] spende der Mantra-Kundige der verehrten Gottheit dreimal Trank; ebenso mit dem Nektar aus dem Śakti-Gefäß den Glied- und Umhüllungsgottheiten. (52) Nachdem man so der Kālī, der Māyā, Trankopfer dargebracht hat, bringe man den Vaṭukas (Bhairava-Knaben) ein Blutopfer (bali) dar. (53) Auf der eigenen linken Seite zeichne der Kundige ein gewöhnliches Diagramm (maṇḍala); nachdem er es verehrt hat, stelle er dort mit Wein versetzte Fleischspeise auf. (54) Mit dem Wort „Vāṅmāyā-Kamalā [hrīṃ śrīṃ], dem Vaṭuka Verehrung“ verehre man [die Speise] und bringe im vorderen Teil [des Diagramms] dem Vaṭuka das Opfer dar. (55)

Verse 49-55 stark technisch (Tarpaṇa-Formeln); die genauen Bīja-Silben sind im OCR fast durchweg zerstört und wurden, soweit möglich, nach der ausdrücklichen Kommentar-Zusammensetzung der Mantras („yojanayā … iti mantraḥ jātaḥ“) rekonstruiert; wo der Kommentar selbst nur paraphrasiert, ist die Übersetzung dem Sinn nach gegeben, ohne die Bīja-Silben im Einzelnen zu behaupten.

eṣa sudhāmiṣānvitānnabaliryā yoginībhyaḥ svāhā [iti mantreṇa] yāmyāṃ dakṣiṇe bhāge yoginībhyo baliṃ haret ||56|| kṣadyakṣarair yuktaṃ kṣakāram uktvā kṣetrapālāya tathā | hun namo 'nte tena mantreṇa paścime bhāge baliṃ dadyāt ||57|| khāntabījaṃ samuddhṛtya ṣaḍdīrghe svarasaṃyutam | gāntaṃ gaṇapatiṃ coktvā vahnijāyāṃ tato vadet ||58|| uttarasyāṃ gaṇeśāya baliṃ etena kalpayet | madhye tathā sarvabhūtabaliṃ dadyād yathāvidhi ||59|| hrīṃ śrīṃ sarvapadam uktvā viśvaśuddhyai tato vadet | sarvabhūtebhya ity uktvā hūṃ phaṭ svāhā manur mataḥ ||60|| tataḥ śivāyai vidhivad ekaṃ baliṃ prakalpayet | gṛhāṇa devi mahābhāge śive kekāriṇi svayam [?] ||61|| śubhāśubhaṃ phalaṃ vyaktaṃ brūhi gṛhṇa baliṃ tava | eṣa baliḥ paścāc chivāyai nama ity api | kathitam etat tavāgre śive [?] ||62||

„Dies ist das mit Wein und Fleisch versehene Speiseopfer für die Yoginīs, Svāhā“ [mit diesem Mantra] bringe man auf der Südseite des Diagramms den Yoginīs das Opfer dar. (56) Nachdem man die kṣ-Silbe mit den entsprechenden Buchstaben verbunden ausgesprochen und ‚dem Kṣetrapāla‘ hinzugefügt hat, mit ‚hūṃ, Verehrung‘ am Ende – mit diesem Mantra gebe man auf der Westseite [des Diagramms] das Opfer. (57) Das auf kha endende Bīja hervorholend, mit den sechs langen Vokalen versehen, auf ‚ga‘ endend und ‚dem Gaṇapati‘ genannt, spreche man sodann [den Namen] der Feuergattin (svāhā). (58) Auf der Nordseite bringe man mit eben diesem [Mantra] Gaṇeśa das Opfer dar; ebenso gebe man in der Mitte, wie es sich gehört, das Opfer für alle Wesen (sarvabhūta). (59) Nachdem man ‚Hrīṃ Śrīṃ‘ und das Wort ‚allgemein‘ ausgesprochen hat, spreche man ‚zur Reinigung des Alls‘; nachdem man ‚allen Wesen‘ gesagt hat, gilt ‚hūṃ phaṭ svāhā‘ als der [abschließende] Mantra. (60) Dann bestimme man für Śivā (die Schakalgöttin) vorschriftsmäßig ein Opfer: „Nimm, o Göttin von großem Anteil, Śivā, Kekāriṇī, selbst [dieses Opfer]!“ [Vers unsicher]. (61) „Verkünde deutlich gutes und schlechtes Ergebnis, nimm dein Opfer an“ – dies ist das Opfer [für Śivā]; danach [sage man] auch ‚Verehrung der Śivā‘. Dies wurde dir zuvor [bereits] mitgeteilt, Göttin [Vers stark entstellt, Sinn unsicher]. (62)

Verse 56-62: Reihe von Opfergaben (bali) an Yoginīs, den Feldhüter Kṣetrapāla, Gaṇeśa (Gaṇapati), alle Wesen (sarvabhūta) und die Schakalgöttin Śivā/Kekāriṇī, deren Erscheinen und Verhalten als Vorzeichen gedeutet wird; die genauen Bīja-Silben sind im OCR stark entstellt und teils nach dem Kommentar rekonstruiert [?]; Vers 61-62 bleiben im Wortlaut unsicher.

candanāguru-kastūrī-vāsitaṃ sumanoharam | puṣpaṃ gṛhītvā pāṇibhyāṃ karakacchapamudrayā ||63|| nītvā svahṛdayāmbhoje dhyāyed āyāṃ parātparām ||64|| sahasrāre mahāpadme suṣumnāvahnivartmanā | nītvā sānanditāṃ kṛtvā bṛhanniḥśvāsavartmanā | dīpād dīpāntaram iva tatra puṣpe niyojya ca ||65|| yantre nidhāpayen mantrī dṛḍhabhaktisamanvitaḥ | kṛtāñjalipuṭo bhūtvā prārthayed iṣṭadevatām ||66|| devi bhaktisulabhe parivārasamanvite | yāvat tāṃ pūjayiṣyāmi tāvat tvaṃ susthirā bhava ||67|| krīm āye kālike devi parivārādibhiḥ saha | ihāgacchety dvidhā proktvā iha tiṣṭhety dvidhā punaḥ ||68|| iha śabdāt sannidhehi iha sannipadāt tataḥ | tuṣyasva padam āsthāya mama pūjāṃ gṛhāṇa ca ||69|| ittham āvāhanaṃ kṛtvā devyāḥ prāṇān pratiṣṭhayet ||70||

Nachdem man eine mit Sandel, Aloeholz und Moschus duftende, überaus reizvolle Blüte mit beiden Händen in der Krötenhand-Geste (karakacchapamudrā) ergriffen hat, (63) führe man sie zum Lotus des eigenen Herzens und stelle sich dort die Urzeitliche, die höchste über dem Höchsten, vor. (64) Nachdem man sie, [ihr] über den Suṣumnā-Feuerpfad zum Sahasrāra, dem tausendblättrigen Lotus, geleitet, sie erfreut gemacht und über den Weg des tiefen Ausatmens, wie von einer Lampe zur anderen, wieder in jene Blüte gebracht hat, (65) lege der Mantra-Kundige, von fester Hingabe erfüllt, [die Blüte samt der Göttin] im Yantra nieder und bete, mit gefalteten Händen, zur verehrten Gottheit. (66) „Göttin, die du durch Hingabe leicht erreichbar bist, samt deinem Gefolge: solange ich dich verehren werde, so lange sei du fest [hier] gegenwärtig!“ (67) „Krīm, komm, o Kālikā-Göttin, samt deinem Gefolge!“ – so sage man zweimal „komm hierher“ und wiederum zweimal „bleibe hier“, (68) „sei hier fest gegründet“ nach dem Wort „hier“, dann nach dem Wort „hier verweilend“: „sei zufrieden, nimm den [dir zugewiesenen] Platz ein und nimm meine Verehrung an!“ (69) Nachdem man so die Einladung (āvāhana) vollzogen hat, belebe man [d.h. weihe man ein] die Lebenskraft (prāṇa) der Göttin [in ihrem Abbild]. (70)

prāṇamantram atha vakṣye yena prāṇāḥ pratiṣṭhitāḥ | āṃ hrīṃ krīṃ śrīm ity uktvā vahnijāyai vadet tataḥ ||71|| amuṣyā devatāyāḥ prāṇā iha sthitā iti vadet | punas tāny eva pañcabījāny uktvā tato vadet ||72|| amuṣyāḥ sarvendriyāṇīti punas tāny eva bījāni | tato vāṅmanonayanaghrāṇaśrotratvakpadaṃ vadet ||73|| prāṇā ihāgatya sukhaṃ ciraṃ tiṣṭhantv iti tato vadet | svāhādvayena mantrī tāṃ prāṇapratiṣṭhāṃ kuryāt ||74|| iti trighā yan-madhye reṣṭihānākhyamudrayā | āye kāli svāgataṃ te sukhāgatam idaṃ tv iti ||75|| āsanaṃ cedam atra tvayāsyatāṃ parameśvari ||76||

Nun will ich das Prāṇa-Mantra darlegen, durch das die Lebenskräfte eingesetzt (belebt) werden: nachdem man ‚Āṃ Hrīṃ Krīṃ Śrīṃ‘ ausgesprochen hat, spreche man sodann [den Namen] der Feuergattin (svāhā). (71) [Dann] spreche man: „Die Lebenskräfte dieser Gottheit sind hier eingetreten“; wiederum, nachdem man dieselben fünf Bīja-Silben ausgesprochen hat, spreche man weiter. (72) „Alle Sinnesorgane dieser [Gottheit]“ – wiederum dieselben Bīja-Silben, dann spreche man das Wort ‚Rede, Denken, Auge, Geruch, Gehör, Getast‘. (73) „Mögen die Lebenskräfte hierher kommen und in Wohlsein lange verweilen“ – so spreche man, und mit einem zweifachen Svāhā vollziehe der Mantra-Kundige diese Einsetzung der Lebenskraft (prāṇapratiṣṭhā). (74) So [vollziehe man] dies dreimal, inmitten des Yantra, mit der sogenannten Reṣṭihāna-Geste [wörtl. unsicher]: „Urzeitliche Kālī, willkommen sei dir, willkommen und wohlgekommen [bist du]!“ (75) „Und dies ist der Sitz hier; auf ihm mögest du, höchste Herrin, Platz nehmen!“ (76)

Verse 71-76: das Prāṇapratiṣṭhā-Ritual (Einsetzung der Lebenskräfte in das Kultbild/Yantra der Göttin) mit den fünf Sinnesorganen (Rede, Denken, Auge, Geruch/Nase, Gehör, Getast/Haut). Name der Geste in Vers 75 („reṣṭihāna“ bzw. ähnlich, im Kommentar als „lekhihāna“-Mudrā bezeichnet) OCR-entstellt, nicht sicher identifizierbar [?].

tato viśeṣārghyajalair mūṃ trighā samuccaran | prokṣayed devadehārthaṃ ṣaḍaṅgaiḥ sakalīkṛtiḥ | tataḥ sampūjayed devīṃ ṣoḍaśopacāraiḥ ||77|| pādyārghyācamanīyaṃ snānaṃ vasanabhūṣaṇe | gandhapuṣpe dhūpadīpau naivedyācamane tathā ||78|| amṛtaṃ caiva tāmbūlaṃ tarpaṇaṃ natikriyā | ayojayad arcanāyā upacārāṃś ca ṣoḍaśa ||79|| ādyabījam idaṃ pādyaṃ devatāyai nama iti padam | pādyaṃ caraṇayor dadyāt śirasy arghyaṃ nivedayet ||80|| svāhāpadena matimān svayam ācamanīyakam | mukhe niyojayen mantraṃ vaṃ svadhety uccārya punar ācamanīyakam ||81|| snānīyam idaṃ vastram etāni bhūṣaṇāni ca | nivedayāmi manunā dadyād etāni deśikaḥ ||82|| madhyamānāmikābhyāṃ ca gandhaṃ hṛdayāmbuje dadyāt | namo'ntena ca mantreṇa vauṣaḍantena puṣpakam ||83||

Danach besprenge man, mit besonderem Argha-Wasser das Mūṃ-Mantra dreimal wiederholend, [den Leib des Bildes] für den Gottesleib und vollziehe mit den sechs Gliedern (ṣaḍaṅga) die Vollständigmachung (sakalīkaraṇa); dann verehre man die Göttin mit den sechzehn Ehrengaben (ṣoḍaśopacāra). (77) Fußwasser (pādya), Ehrenwasser (arghya), Mundspülwasser (ācamanīya), Bad (snāna), Kleidung und Schmuck, Duftstoff und Blüte, Räucherwerk und Lampe, ebenso Speiseopfer (naivedya) und [nochmaliges] Mundspülen, (78) ferner Nektar[trank], Betelbissen (tāmbūla), Trankspende (tarpaṇa) und die Verneigung (nati) – [der Kundige] versah die Verehrung mit diesen sechzehn Ehrengaben. (79) Nachdem man das Ur-Bīja [ausgesprochen und] „dies das Fußwasser, der Gottheit Verehrung“ [gesagt hat], gebe man das Fußwasser auf ihre Füße; auf ihr Haupt reiche man das Ehrenwasser dar. (80) Mit dem Wort „svāhā“ füge der Kundige selbst das Mundspülwasser hinzu; man setze den Mantra, mit „vaṃ svadhā“ endend, in ihrem Mund ein – [dies] zum wiederholten Mundspülen. (81) „Dies das Badewasser, dieses Gewand, diese Schmuckstücke bringe ich dar“ – mit diesem Mantra gebe der Priester (deśika) diese [Gaben]. (82) Mit Mittel- und Ringfinger reiche man Duftstoff auf ihren Herzenslotus; mit einem auf „namaḥ“ endenden Mantra [den Duft], mit einem auf „vauṣaṭ“ endenden die Blüte. (83)

dhūpadīpau ca purataḥ saṃsthāpya prokṣaṇādibhiḥ | nivedayāmīti mantreṇotsṛjya tadanantaram ||84|| jayadhvanimantram ādau svāheti mantrapūrvakam | sampūjya ghaṇṭāṃ vāmena vādayan dakṣiṇena tu ||85|| dhūpaṃ gṛhītvā matimān nāsikādho niyojayet | dīpaṃ tu dṛṣṭiparyantaṃ triṣadhā bhrāmayet puraḥ ||86|| tataḥ pānapātraṃ śuddhiṃ samādāya karadvaye | mūlaṃ samuccaran mantrī yantramadhye nivedayet ||87|| paramaṃ vāruṇīrūpaṃ koṭikalpāntakāriṇi | gṛhāṇa śuddhisahitaṃ dehi me mokṣam avyayam ||88|| tataḥ sāmānyavidhinā purato maṇḍalaṃ likhet | tasyopari nyaset pātraṃ naivedyaparipūritam ||89|| prokṣaṇāvaguṇṭhanaṃ ca rakṣaṇam amṛtīkṛtam | mūlena saptadhāmantrya arghyādi vinivedayet ||90|| mūlam etat tu siddhānnaṃ sarvopakaraṇānvitam | nivedayāmīṣṭadevyai juṣāṇedaṃ haviḥ śive ||91||

Räucherwerk und Lampe vor [dem Bild] aufgestellt, mit Besprengung usw. [gereinigt], mit dem Mantra „ich bringe dar“ dargebracht, danach: (84) zuerst der Freudenklang-Mantra mit vorangestelltem „svāhā“; nachdem man das Glöckchen verehrt hat, läute man es mit der linken Hand [während man] mit der rechten [die Gaben darbringt]. (85) Der Kundige nehme das Räucherwerk und halte es unter die Nase [des Bildes]; die Lampe aber schwenke man dreimal vor ihr, bis zur Höhe ihres Blicks. (86) Danach nehme man das mit dem geweihten Fleisch [versetzte] Trinkgefäß in beide Hände und bringe es, den Wurzelmantra rezitierend, in der Mitte des Yantra dar. (87) „Höchste Gestalt der Vāruṇī (des Weins), Bewirkerin des Endes von Millionen Weltzeitaltern! Nimm [dies] samt dem geweihten [Fleisch] an, gib mir die unvergängliche Erlösung!“ (88) Dann zeichne man nach der allgemeinen Regel vorn ein Diagramm; darauf stelle man das mit Speiseopfer gefüllte Gefäß. (89) Besprengung, Umhüllung, Schutz und Nektarisierung [der Speise vollziehe man]; mit dem Wurzelmantra siebenmal angerufen, bringe man Ehrenwasser usw. dar. (90) „Diese mit dem Wurzelmantra [geweihte] vollkommene Speise, mit allem Zubehör versehen, bringe ich der verehrten Göttin dar; genieße dieses Opfer, o Śivā!“ (91)

prāṇādimudrābhiḥ pañcabhir bhojayed devīm ||92|| vāme naivedyamudrāṃ ca vikacotpalasannibhām | dhyāyen mūlamantreṇa pānārthaṃ tīrthapūritam ||93|| karadvaye vinivedyātha punar ācamanīyakam | tataḥ śrīpātrasaṃsthenāmṛtena tarpayet tridhā ||94|| uttamāṅge hṛdādhārapādasarvāṅgakeṣu ca | pañca puṣpāñjalīn dattvā mūlamantreṇa deśikaḥ ||95|| kṛtāñjalipuṭo bhūtvā prārthayed iṣṭadevatām | tavāvaraṇadevān ca pūjayāmi nama iti vadet ||96||

Mit den fünf Prāṇa-Gesten (prāṇa, apāna, samāna, udāna, vyāna) speise man die Göttin. (92) Mit der linken Hand [bilde man] die Speiseopfer-Geste, einer sich öffnenden Lotusblüte gleich; man stelle sich, den Wurzelmantra rezitierend, [das Gefäß] zum Trinken, mit heiligem Wasser gefüllt, vor. (93) Nachdem man [dies] mit beiden Händen dargebracht hat, [reiche man] nochmals Mundspülwasser; dann spende man dreimal mit dem im Śrī-Pātra befindlichen Nektar Trankopfer. (94) Auf Haupt, Herz, Wurzelstütze (ādhāra), Füße und den ganzen Leib gebe der Priester (deśika), den Wurzelmantra rezitierend, fünf Blütenhände. (95) Mit gefalteten Händen bete man zur verehrten Gottheit: „Deine Umhüllungsgottheiten verehre ich“ – so spreche man, „Verehrung“. (96)

agni-nairṛti-vāyavya-īśa-koṇeṣu purataḥ pṛṣṭhataḥ kramāt | ṣaḍaṅgāni ca sampūjya gurupaṅktīḥ samarcayet ||97|| guruṃ paramādiṃ ca parāparagurūṃs tathā | parameṣṭhigurūṃś ca yajet kulagurūn imān ||98|| gurupātrāmṛtenaiva triṣu vārāt tarpaṇam ācaret | tato 'ṣṭadalamadhye tu pūjayed aṣṭanāyikāḥ ||99|| maṅgalā vijayā bhadrā jayantī cāparājitā | nandinī nārasiṃhī ca kaumārī cāṣṭanāyikāḥ ||100|| dalāgreṣu yajed aṣṭabhairavān sādhakottamaḥ ||101|| asitāṅgo rurus caṇḍaḥ krodhonmatto bhayaṅkaraḥ | kapālī bhīṣaṇaś caiva saṃhāro 'ṣṭau ca bhairavāḥ ||102|| indrādidaśadikpālān bhūpurāntaḥ prapūjayet | teṣām astrāṇi tadbāhye pūjayet tata eva taḥ ||103|| sarvopacāraiḥ sampūjya baliṃ dadyāt samāhitaḥ ||104|| mṛgo rurukaś ca meṣaś ca mahiṣaḥ śūkaras tathā | śaśaḥ kharo godhā kūrmaḥ khaḍgī daśa smṛtāḥ [?] ||105|| anyān api paśūn dadyāt sādhakecchānusārataḥ ||106||

An den Ecken Feuer (Südost), Nairṛti (Südwest), Vāyu (Nordwest) und Īśa (Nordost), vorn und hinten, der Reihe nach, verehre man die sechs Glieder (ṣaḍaṅga) und ehre sodann die Guru-Reihe. (97) Man verehre den [eigenen] Guru, den höchsten [Guru] und ebenso die Para-Apara-Gurus sowie die Parameṣṭhi-Gurus – diese Kula-Gurus. (98) Mit dem Nektar aus dem Guru-Gefäß vollziehe man dreimal Trankspende; danach verehre man inmitten des Achtblatt-Lotus die acht Herrinnen (nāyikā). (99) Maṅgalā, Vijayā, Bhadrā, Jayantī, Aparājitā, Nandinī, Nārasiṃhī und Kaumārī – dies sind die acht Nāyikās. (100) An den Blattspitzen verehre der beste Übende die acht Bhairavas. (101) Asitāṅga, Ruru, Caṇḍa, Krodhonmatta, Bhayaṅkara, Kapālī, Bhīṣaṇa und Saṃhāra – dies sind die acht Bhairavas. (102) Indra und die übrigen zehn Weltenhüter (dikpāla) verehre man innerhalb des Bhūpura (der äußeren quadratischen Umrandung); ihre Waffen (astra) verehre man außerhalb davon. (103) Nachdem man mit allen Ehrengaben verehrt hat, bringe man, gesammelten Geistes, das Opfer (bali) dar. (104) Hirsch, Antilope (ruruka), Widder, Büffel, Eber, Hase, Esel [?], Waran (godhā), Schildkröte und Nashorn (khaḍgin) gelten als die zehn [für das Opfer geeigneten Tiere]. (105) Auch andere Tiere darf man darbringen, dem Wunsch des Übenden entsprechend. (106)

Vers 105 (Liste der Opfertiere) im OCR stark entstellt; Tiernamen nach bestem Bemühen rekonstruiert, Einzelidentifikation unsicher [?].

salakṣaṇaṃ paśuṃ devyā agre saṃsthāpya mantravit | viśeṣārghyodakena samprokṣya dhenumudrayāmṛtīkṛtam ||107|| chāgāya padmāya [?] nama ity anena sudhīḥ | sampūjya gandhasindūrapuṣpanaivedyapāthasā | gāyatrīṃ dakṣiṇe karṇe japet paśupāśavimocanīm ||108|| paśupāśāya śabdānte vidmahe padam uccaret | viśvakarmaṇi ca padāt dhīmahīti padaṃ vadet ||109|| tataś codīrayen mantraṃ tanno jīvaḥ pracodayāt | eṣā sā paragāyatrī paśupāśavimocanī ||110|| tataḥ khaḍgaṃ samādāya kūcabījena pūjayet | tadagramadhyamūleṣu kramataḥ pūjayed imān ||111|| vāgīśvarī brahmāṇaṃ lakṣmīnārāyaṇau tataḥ | umāmaheśvarau mūle pūjayet sādhakottamaḥ ||112|| anantaraṃ brahmaviṣṇuśivaśaktiyutāya ca | khaḍgāya nama ity antena manunā khaḍgapūjanam ||113|| mahāvākyena cotsṛjya kṛtāñjaliputo vadet | yathoktena vidhānena tubhyam astu samarpitam ||114|| ittham eva ca paśuṃ bhūmisaṃsthaṃ tu kārayet | devīm āvarjito bhūtvā hanyāt tīvraprahārataḥ ||115|| svayaṃ vā ātmajaḥ putro bhrātā vā suhṛd eva vā | sapiṇḍo nātha vā chedyo nāripakṣaṃ niyojayet ||116|| eṣa kavoṣṇarudhirabaliḥ oṃ vaṭukebhyo nama iti | kavoṣṇaṃ rudhirabaliṃ devyai nivedayet ||117|| evaṃ balividhiḥ prokto vartitavyaḥ kaulikaiḥ | anyathā devatāprītir jāyate na kadācana ||118||

Nachdem man das mit den [rechten] Merkmalen versehene Opfertier vor der Göttin aufgestellt hat, besprenge es der Mantra-Kundige mit besonderem Ehrenwasser und mache es mit der Kuh-Geste zu Nektar. (107) Mit dem [Mantra] „dem Ziegenbock … Verehrung“ verehre der Kundige [das Tier] mit Duftstoff, Zinnober, Blüte und Speiseopfer-Wasser; ins rechte Ohr [des Tieres] flüstere er die „Von-der-Tierfessel-befreiende“ Gāyatrī. (108) Nach dem Wort „paśupāśāya“ spreche man das Wort „vidmahe“ [„wir wollen erkennen“]; nach dem Wort „viśvakarmaṇe“ spreche man das Wort „dhīmahi“ [„wir wollen meditieren“]. (109) Dann spreche man weiter den Spruch: „tan no jīvaḥ pracodayāt“ [„das möge unser Lebensgeist anregen“] – dies ist jene höchste Gāyatrī, die von der Tierfessel befreit. (110) Dann nehme man das Schwert und verehre es mit dem Kūca-Bīja; an dessen Spitze, Mitte und Griff verehre man der Reihe nach diese [Gottheiten]: (111) Vāgīśvarī (Sarasvatī) und Brahmā [an der Spitze], sodann Lakṣmī-Nārāyaṇa [in der Mitte], Umā und Maheśvara verehre der beste Übende am Griff. (112) Danach vollziehe man mit dem Mantra „dem mit Brahmā, Viṣṇu, Śiva und Śakti versehenen Schwert, Verehrung“ die Schwertverehrung. (113) Mit dem großen Widmungswort (mahāvākya) lasse man [das Tier] los und spreche, mit gefalteten Händen: „Nach der genannten Vorschrift sei es dir dargebracht.“ (114) Ebenso lasse man das Tier auf dem Boden liegen; der Göttin zugewandt, erschlage man es mit einem kraftvollen Schlag. (115) Man selbst, oder der eigene Sohn, der Bruder, ein Freund oder ein Verwandter soll [das Tier] schlachten – keinen Außenstehenden [aus feindlicher Partei] setze man dafür ein. (116) „Dies ist das Opfer lauwarmen Blutes, oṃ, den Vaṭukas Verehrung“ – mit [diesem Mantra] bringe man der Göttin das lauwarme Blutopfer dar. (117) So wurde die Regel des Opfers verkündet, wie sie von den Kula-Anhängern zu befolgen ist; anders wird die Gottheit niemals wohlgefällig gestimmt. (118)

tato homaṃ prakurvīta tadvidhānaṃ śṛṇu priye | svadakṣiṇe agnimaṇḍalaṃ caturasrakam ||119|| caturhastaparimitaṃ kṛtvā mūlena vīkṣaṇam | astreṇa tāḍayitvā ca tenaiva prokṣaṇaṃ caret ||120|| kūrcabījenāvaguṇṭhya devatānām apūrvakam | sthaṇḍilāya nama iti yajet sādhakasattamaḥ ||121|| prāgagrā udagagrāś ca rekhāḥ prādeśasammitāḥ | tisras tisro vidhātavyās tatra sampūjayed imān ||122|| prāgagrāsu ca rekhāsu mukundendrapurandarān | brahmayamavaśvatendūṃś cottarāgrāsu pūjayet ||123|| tataḥ sthaṇḍilamadhye tu hasauḥgarbhaṃ trikoṇakam | ṣaṭkoṇaṃ tadbahir vṛttaṃ tato 'ṣṭadalapaṅkajam | bhūpuraṃ tadbahir vidvān likhed uttamam ||124|| mūlena puṣpāñjalinā sampūjya praṇavena tu | homadravyāṇi samprokṣya karṇikāyāṃ yajet sudhīḥ | māyām ādhāraśaktyādīn pratyekaṃ vā prapūjayet ||125||

Danach vollziehe man das Feueropfer (homa); höre seine Regel, Liebste: Auf der eigenen rechten Seite [zeichne man] ein viereckiges Feuer-Diagramm, (119) vier Ellen groß gemacht; nachdem man es mit dem Wurzelmantra betrachtet, mit dem Waffen(-Bīja) geschlagen hat, besprenge man es mit ebendiesem. (120) Nachdem man es mit dem Kūca-Bīja umhüllt hat, verehre der beste Übende, ohne [zunächst] eine [bestimmte] Gottheit [zu nennen], mit dem [Mantra] „dem Opferherd, Verehrung“. (121) Nach Osten und nach Norden gerichtete Linien, je eine Spanne (prādeśa) lang, ziehe man dreifach; dort verehre man diese [Gottheiten]: (122) Auf den nach Osten gerichteten Linien verehre man Viṣṇu (Mukunda) und Indra (Purandara) [und die übrigen Weltenhüter]; auf den nach Norden gerichteten verehre man Brahmā, Yama, Varuṇa und den Mond (Indu). (123) Sodann [zeichne man] inmitten des Opferherdes ein Dreieck mit den Silben ha-sau-ḥ als Kern, darum ein Sechseck, darum einen Kreis, dann einen Achtblatt-Lotus, und darum ganz außen zeichne der Kundige das vortreffliche Bhūpura (die viereckige Umrandung). (124) Nachdem man mit dem Wurzelmantra eine Blütenhand voll dargebracht und mit der Praṇava-Silbe die Opfergaben (homadravya) besprengt hat, verehre der Kundige in der Blütenmitte [des Lotus] das Māyā(-Bīja), die Trägerkraft (ādhāraśakti) u. a., entweder [zusammen oder] einzeln. (125)

agnyādikoṇe dharmaṃ jñānaṃ vairāgyam eva ca | aiśvaryaṃ pūjayitvā tu prāgādiṣu diśāṃ kramāt ||126|| adharmam ajñānam iti avairāgyam anantaram | anaiśvaryaṃ yajan mantrī madhye 'nantaṃ ca padmakam ||127|| kalāsahitasūryasya tathā somasya maṇḍalam | prāgādikadaleṣu ca madhye caitāḥ prapūjayet ||128|| pītā śvetāruṇā kṛṣṇā dhūmrā tīvrā tathaiva ca | sphuliṅginī ca rucirā jvālinīti tathā kramāt ||129|| praṇavādinamo'ntena sarvatra pūjanaṃ caret | raṃ vahnyāsanāya iti namo'ntena prapūjayet ||130|| vāgīśvarīṃ śyāmalatāṃ nīlendīvaralocanām | vāgīśvareṇa saṃyuktāṃ dhyātvā mantrī tadāsane ||131||

An der Feuer(Südost)ecke [des Achtblatt-Lotus verehre man] Dharma (Rechtschaffenheit), Erkenntnis, Entsagung (vairāgya) und Herrschaft (aiśvarya); nachdem man diese verehrt hat, [verehre man] in den Himmelsrichtungen, beginnend im Osten, der Reihe nach [die Gegensätze]. (126) Unrecht, Unwissenheit, sogleich danach Nicht-Entsagung und Nicht-Herrschaft opfernd, verehre der Mantra-Kundige in der Mitte den Anantalotus (den unendlichen Lotus). (127) Ebenso [verehre man] den mit seinen Teilkräften versehenen Kreis der Sonne und des Mondes; auf den Blättern von Osten an sowie in der Mitte verehre man diese [Flammenenergien]: (128) Gelb, Weiß, Rot, Schwarz, Rauchfarben, Heftig, Funkensprühend und Glänzend, ebenso [in der Mitte] „Flammend“ (jvālinī) – so der Reihe nach. (129) Mit der Praṇava-Silbe [voran] und auf „namaḥ“ endend vollziehe man überall die Verehrung; mit „Raṃ, dem Feuersitz, Verehrung“ verehre man [den Sitz des Feuers]. (130) Nachdem der Mantra-Kundige sich die dunkelfarbene Vāgīśvarī (Sarasvatī) mit blauen Lotusaugen, vereint mit Vāgīśvara (Brahmā), auf jenem Sitz vorgestellt hat, (131)

Vers 129: die acht „Flammen-Energien“ des Feuers (bzw. der Sonne), auf den acht Lotusblättern und in der Mitte verehrt; Namen und Reihenfolge nach Kommentar, Einzelidentifikation teils unsicher.

māyayā tau prapūjyātha vidhivac chuddham agnim ānayet | mūlena vīkṣaṇaṃ kṛtvā phaṭā vahnyāvāhanam ācaret ||132|| praṇavaṃ ca tato vahniyāgapīṭhāya hannamo mantraḥ | yantre pīṭhaṃ pūjayitvā diśu caitāḥ prapūjayet | vāmā jyeṣṭhā tathā raudrī ambiketi yathākramam ||133|| tato 'muṣyā devatāyāḥ sthaṇḍilāya nama iti padam | iti sthaṇḍilam āpūjya tanmadhye mūlarūpiṇīm ||134|| dhyātvā vāgīśvarīṃ devīṃ vahnibījapuraḥsaram | vahnim uddhūya mūlānte kūcabījaṃ samuccaran ||135|| kravyādebhyo vahnijāyāṃ kravyādāṃśaṃ parityajet | astreṇa vahniṃ saṃvīkṣya kūrcenaivāvaguṇṭhayet ||136|| dhenvā caivāmṛtīkṛtya hastābhyām abhimudrayet | prādakṣiṇyakrameṇāgniṃ bhrāmayan sthaṇḍilopari ||137|| tridhā jānusspṛṣṭabhūmiḥ śivabījaṃ vicintayan | ātmano 'bhimukhīkṛtya yoniyantre niyojayet ||138||

Nachdem man [Vāgīśvarī und Vāgīśvara] mit dem Māyā(-Bīja) verehrt hat, bringe man vorschriftsmäßig reines Feuer herbei; nachdem man es mit dem Wurzelmantra betrachtet hat, vollziehe man mit „phaṭ“ die Einladung des Feuers. (132) Mit der Praṇava-Silbe, dann für den Opfersitz des Feuers das Mantra „hāṃ, Verehrung“ [aussprechend], verehre man im Yantra den Sitz; in den Himmelsrichtungen verehre man diese [Göttinnen]: Vāmā, Jyeṣṭhā, Raudrī und Ambikā, der Reihe nach. (133) Dann [spreche man] das Wort „dieser Gottheit, dem Opferherd, Verehrung“; nachdem man so den Opferherd verehrt hat, [stelle man sich] in seiner Mitte die Wurzelgestalt [des Feuers] vor. (134) Nachdem man sich die Göttin Vāgīśvarī, mit dem Feuer-Bīja vorangestellt, vorgestellt hat, hole man das Feuer herauf und spreche, am Ende des Wurzelmantras, das Kūca-Bīja aus. (135) Den Leichenfressern (kravyāda, Dämonen) überlasse man in der Feuergattin (svāhā) deren Anteil (kravyāda-Anteil); nachdem man das Feuer mit dem Waffen(-Bīja) betrachtet hat, umhülle man es mit eben dem Kūca(-Bīja). (136) Nachdem man [das Feuer] mit der Kuh-Geste zu Nektar gemacht hat, halte man es mit beiden Händen [hoch] und lasse es, im Uhrzeigersinn kreisend, über dem Opferherd wandern. (137) Dreimal mit den Knien den Boden berührend, das Śiva-Bīja bedenkend, wende man [das Feuer] sich selbst zugewandt und setze es in das Yoni-Yantra (das Dreieck) ein. (138)

tato māyāṃ samuccārya vahnimūrtiṃ namasyutām | namo'ntena prapūjyātha raṃ vahniparataḥ sudhīḥ | caitanyāya namo vahneś caitanyaṃ paripūjayet ||139|| namasā vahnimūrtiṃ ca caitanyaṃ parikalpya ca | prajvālayet tato vahniṃ mantreṇānena mantravit ||140|| praṇavaṃ prasamuddhṛtya jvāliṅgṛdaṃ tathā | hanadvayaṃ daha daha paca paceti tato vadet ||141|| sarvajñājñāpaya svāhety ayaṃ vahniprajvālane manuḥ | tataḥ kṛtāñjalir bhūtvā prakuryād agnivandanam ||142|| agniṃ prajvalitaṃ vande jātavedaṃ hutāśanam | suvarṇavarṇam amaraṃ samiddhaṃ sarvatomukham ||143|| ity upasthāpya dahanaṃ chādayet sthaṇḍilaṃ kuśaiḥ | sveṣṭanāmnā vahnināma kṛtvā abhyarcanam ācaret ||144||

Sodann verehre der Kundige, das Māyā(-Bīja) aussprechend, die mit „namaḥ“ versehene Gestalt des Feuers, mit auf „namaḥ“ endendem [Mantra]; dann [spreche man] „Raṃ, dem Feuer voran“ und verehre mit „Bewusstsein, Verehrung“ das Bewusstsein des Feuers. (139) Nachdem man mit dem Namaḥ(-Mantra) die Gestalt und das Bewusstsein des Feuers so gestaltet hat, entzünde der Mantra-Kundige mit folgendem Mantra das Feuer: (140) Nachdem man die Praṇava-Silbe hervorgeholt und das Wort „Jvālinī“ [ausgesprochen] hat, spreche man das doppelte „hana“ [„töte“] und dann „daha daha, paca paca“ [„verbrenne, verbrenne, koche, koche“]. (141) „Sarvajñājñāpaya svāhā“ [„Allwissende, gib deinen Befehl, Svāhā“] – dies ist der Spruch für die Entzündung des Feuers; danach vollziehe man, mit gefalteten Händen, die Verehrung des Feuers (agnivandana). (142) „Ich verehre das entflammte Feuer, den Allwisser (Jātavedas), den Opferverzehrer, goldfarben, unsterblich, entzündet, allseitig das Gesicht wendend.“ (143) Nachdem man so das Feuer aufgestellt hat, decke man den Opferherd mit Kuśa-Gras zu; nachdem man dem Feuer den Namen der eigenen erwählten Gottheit gegeben hat, vollziehe man seine Verehrung. (144)

tāro vaiśvānarapadāt jātavedapadaṃ vadet | ihāvahāvaheti uktvā lohitākṣapadāntaram ||145|| sarvakarmāṇi padataḥ sādhaya svāheti vahnaye | ity abhyarcya hiraṇyādisaptajihvāḥ prapūjayet ||146|| sahasrārciḥpadaṃ ḍekāntaṃ hṛdayāya namo vadan | ṣaḍaṅgaṃ pūjayed vahner mūrtīḥ pūjayet sudhīḥ ||147|| jātavedaprabhṛtayo mūrtayo 'ṣṭau prakīrtitāḥ ||148|| tato yajed brāhmyādyāṣṭaśaktīr vahnyās tadanantaram | padmādyaṣṭanidhīn iṣṭvā yajed indrādidikpatīn ||149||

Nach der Praṇava-Silbe und dem Wort „Vaiśvānara“ spreche man das Wort „Jātaveda“; nachdem man „ihāvahāvaha“ gesagt hat, [füge man] das Wort „Lohitākṣa“ [„Rotäugiger“] dazwischen. (145) „Alle Werke vollbringe, Svāhā“ – dem Feuer [gilt dieser Spruch]; nachdem man so verehrt hat, verehre man die sieben Zungen [des Feuers], beginnend mit Hiraṇyā. (146) Mit dem Wort „Sahasrārciḥ“ [„Tausendstrahliger“], auf ḍa endend, „dem Herzen, Verehrung“ sprechend, verehre man die sechs Glieder des Feuers; der Kundige verehre [dann] seine Gestalten (mūrti). (147) Jātavedas und die übrigen [Namen] werden als die acht Gestalten [des Feuers] verkündet. (148) Danach verehre man die acht Kräfte (śakti) des Feuers, beginnend mit Brāhmī; sodann verehre man, nachdem man die acht Schätze, beginnend mit dem Lotus, verehrt hat, Indra und die übrigen Weltenhüter. (149)

vajrāyudhāstrāṇi sampūjya prādeśaparimāṇakam | kuśapatradvayaṃ gṛhītvā ghṛtamadhye nidhāpayet ||150|| vāme dhyāyed iḍāṃ nāḍīṃ dakṣiṇe piṅgalāṃ tathā | madhye suṣumnāṃ sañcintya dakṣabhāgāt samāhitaḥ ||151|| ājyaṃ gṛhītvā matimān dakṣanetre hutāditaḥ | mantreṇānena juhuyāt praṇavānte 'bhayapadam ||152|| svāhānto manur ākhyāto vāmabhāgād dhaviṃ haret | vāmanetre hunet tv agneḥ oṃ somāya dviṭ manuḥ ||153||

Nachdem man die Waffe Vajra und die übrigen Waffen [der Weltenhüter] verehrt hat, nehme man zwei eine Spanne (prādeśa) lange Kuśa-Grasblätter und lege sie in das Butterschmalz (ghṛta). (150) Auf der linken Seite [des Schmalzes] stelle man sich die Iḍā-Nāḍī vor, auf der rechten ebenso die Piṅgalā; in der Mitte, die Suṣumnā bedenkend, [nehme man], gesammelt, von der rechten Seite [das Schmalz]. (151) Der Kundige nehme das Butterschmalz und opfere damit, beginnend, in das rechte Auge [des Feuers], mit dem Mantra, das am Ende der Praṇava-Silbe das Wort „abhaya“ [„Furchtlosigkeit“] trägt [„oṃ abhaye“]. (152) Dieser Spruch, mit „svāhā“ endend, ist genannt; von der linken Seite nehme man die Opfergabe und opfere sie ins linke Auge des Feuers mit dem Spruch „oṃ somāya“, [dessen Kennwort] „dviṭ“ [svāhā] ist. (153)

madhyād ājyaṃ samānīya vahnyakṣe havanaṃ caret | abhīṣomau sapraṇavau turyadvivacanānvitau ||154|| svāhānto 'yaṃ manuḥ prokta punar dakṣiṇato haviḥ | gṛhītvā namasā mantraṃ praṇavaṃ pūrvam uccaret ||155|| abhaye ca sviṣṭikṛte vahnikāntāṃ tato vadet | anena vahnivadane juhuyāt sādhakottamaḥ | bhūrbhuvaḥ svar iti dviṣṭhānena vyāhṛtyā homam ācaret ||156|| tāro vaiśvānarapadāt jātaveda ihāvaha | vahnimehipadānte ca lohitākṣasarvapadaṃ vadet | karmāṇi sādhaya svāhā tridhānenāhutīr haret ||157||

Nachdem man aus der Mitte [des Yantra] Butterschmalz genommen hat, opfere man ins Auge des Feuers; „abhi“ und „somau“, mit vorangestellter Praṇava-Silbe, im Dativ Dual, verbunden. (154) Dieser Spruch, mit „svāhā“ endend, ist verkündet; wiederum von rechts nehme man die Opfergabe, spreche zuerst mit „namaḥ“ das [Feuer-]Mantra, dann die Praṇava-Silbe. (155) „Abhaye“ und „Sviṣṭikṛte“ [dem, der das Opfer wohlgelingen lässt], dann spreche man das Wort „Vahnikāntā“; mit diesem [Mantra] opfere der beste Übende in den Mund des Feuers; mit den drei Weltrufen (vyāhṛti) „bhūr bhuvaḥ svar“, zweifach gesprochen, vollziehe man das Feueropfer. (156) Nach der Praṇava-Silbe und „Vaiśvānara“ [spreche man] „Jātavedas, komm hierher“; nach dem Wort „vahnim ehi“ spreche man das Wort „Lohitākṣa, alles“; „die Werke vollbringe, Svāhā“ – mit diesem [Mantra] bringe man dreimal Opfergaben dar. (157)

tato 'gnau iṣṭam āvāhya pīṭhādyaiḥ saha pūjanam | kṛtvā svāhāntamanunā mūlena pañcaviṃśatīḥ ||158|| hutvā vahnyātmanor devyā aikyaṃ sambhāvayan dhiyā | ekādaśāhutīr havyā mūlenaivāṅgadevatāḥ ||159|| hutvā svakāmam uddiśya tilājyamadhumiśritaiḥ ||160|| puṣpair vilvadalair vāpi yathāvihitavastubhiḥ | yathāśakty āhutir dadyān nāṣṭonyūnāṃ prakalpayet ||161|| tataḥ pūrṇāhutiṃ dadyāt phalapatrasamanvitām | svāhāntamūlamantreṇa tataḥ saṃhāramudrayā | tasmād devīṃ samānīya sthāpayet hṛdayāmbuje ||162||

Danach lade man die erwählte Gottheit ins Feuer ein und vollziehe, samt dem Opfersitz u. a., die Verehrung; mit dem auf „svāhā“ endenden Mantra, dem Wurzelmantra, [bringe man] fünfundzwanzig [Opfergaben dar]. (158) Nachdem man geopfert und in Gedanken die Einheit von Feuer, Selbst und Göttin erwogen hat, bringe man mit dem Wurzelmantra elf Opfergaben für die Glied-Gottheiten dar. (159) Nachdem man, den eigenen Wunsch bezeichnend, mit Sesam, Butterschmalz und Honig vermischte [Opfergaben] dargebracht hat, (160) mit Blüten oder Vilva-Blättern oder mit den vorgeschriebenen Stoffen, bringe man nach Vermögen Opfergaben dar; nicht weniger als acht setze man an. (161) Dann gebe man die mit Frucht und Blatt versehene Vollendungsgabe (pūrṇāhuti) dar, mit dem auf „svāhā“ endenden Wurzelmantra; sodann führe man mit der Auflösungs-Geste (saṃhāramudrā) die Göttin von dort zurück und setze sie im Herzenslotus ein. (162)

kṣamasveti ca mantreṇa visṛjed hutāśanam | kṛtadakṣiṇako mantrī acchidram avadhārayet ||163|| hutaśeṣaṃ bhruvor madhye dhārayet sādhakottamaḥ ||164|| eṣa homavidhiḥ prokto sarvatrāgamakarmaṇi | homaṃ samāpyaivaṃ sādhako japam ācaret ||165|| vidhānaṃ śṛṇu deveśi yena vidyā prasīdati | devatāgryamantrāṇām aikyaṃ sambhāvayed dhiyā ||166|| mantravarṇā devatā proktā devatā gururūpiṇī | abhedena yajed yas tu tasya siddhir anuttamā ||167|| gurau śirasi sañcintya devatāṃ hṛdayāmbuje | rasanāyāṃ mūlavidyāṃ tejorūpāṃ vicintya ca | trayāṇāṃ tejasātmānam ekībhūtaṃ vicintayet ||168||

Mit dem Spruch „Verzeih“ entlasse man das Feuer; nachdem der Mantra-Kundige das Gastgeschenk (dakṣiṇā) gegeben hat, versichere er sich, dass [das Ritual] ohne Lücke [vollzogen wurde]. (163) Den Opferrest halte der beste Übende zwischen den Augenbrauen. (164) Dies ist die Regel des Feueropfers, wie sie in allen Āgamas für dieses Werk gilt; nachdem man so das Feueropfer beendet hat, vollziehe der Übende die Wiederholungsandacht (japa). (165) Höre die Vorschrift, Göttin der Götter, durch die die Mantra-Wissenschaft (vidyā) gnädig wird: man erwäge in Gedanken die Einheit der Gottheit und des höchsten Mantras. (166) Die Mantra-Silben werden als die Gottheit erklärt, die Gottheit als in Gestalt des Guru; wer ohne Unterschied [zwischen beiden] verehrt, dessen Erfolg (siddhi) ist unübertrefflich. (167) Im Guru, im Haupt gedacht, in der Gottheit, im Herzenslotus, und auf der Zunge den Wurzel-Mantra (mūlavidyā) als Lichtgestalt bedenkend, stelle man sich das Licht der drei [Guru, Gottheit, Mantra] als zu einem verschmolzenen Selbst vor. (168)

tāreṇa sampuṭīkṛtya bhūrimantraṃ ca saptadhā | japtvā tu sādhakaḥ paścān mātṛkāpuṭitaṃ smaret ||169|| māyābījaṃ svaśirasi dvidhā prajapet sudhīḥ | vadane praṇavaṃ tadvat punar māyāṃ hṛdambuje | prajapya saptadhā mantraṃ prāṇāyāmaṃ samācaret ||170|| tato mālāṃ samādāya pravālādisamudbhavām | māle māle mahābhāge sarvasiddhikarūpiṇi ||171|| caturarthe niyastāsi tasmān me siddhidā bhava | iti sampūjya mālāṃ tāṃ śrīpātrasthāmṛtena ca ||172|| tridhā mūlena santapya sthiracitto japec ca | aṣṭottarasahasraṃ vāpy athavāṣṭottaraṃ śatam ||173||

Nachdem man den ausführlichen Mantra, mit der Praṇava-Silbe eingefasst, siebenmal wiederholt hat, gedenke der Übende danach [desselben], mit der Buchstabenreihe (mātṛkā) eingefasst. (169) Der Kundige murmle das Māyā(-Bīja) zweimal auf dem eigenen Haupt, ebenso die Praṇava-Silbe im Mund, dann wieder das Māyā[-Bīja] im Herzenslotus; nachdem er den Mantra so siebenmal gemurmelt hat, vollziehe er die Atemzügelung (prāṇāyāma). (170) Dann nehme man die aus Koralle u. Ä. gefertigte Gebetskette (mālā) und [spreche]: „Kette, Kette, du von großem Anteil, Gestalt aller Vollkommenheit verleihend, (171) du bist zum vierfachen Zweck eingesetzt; darum sei du mir Vollkommenheit-Verleiherin!“ – so verehre man die Kette mit dem Nektar aus dem Śrī-Pātra, (172) besprenge sie dreimal mit dem Wurzelmantra und murmle dann, festen Sinnes, den Wurzelmantra entweder tausendundacht- oder hundertundachtmal. (173)

prāṇāyāmam ataḥ kṛtvā śrīpātrajalapuṣpakaiḥ | guhyātiguhyatare tvaṃ gṛhāṇāsmatkṛtaṃ japam ||174|| siddhidaṃ me devi kuladhāraṇāt maheśvari | iti mantreṇa matimān devyā vāmakarāmbuje ||175|| tejorūpaṃ japaphalaṃ samarpya praṇamed bhuvi | tataḥ kṛtāñjalir bhūtvā stotraṃ kavacaṃ paṭhet ||176|| tataḥ pradakṣiṇīkṛtya viśeṣārghyeṇa sādhakaḥ | vilomārghyapradānena kuryād ātmasamarpaṇam ||177|| itaḥ pūrvaṃ prāṇabuddhidehadharmādhikārataḥ | jāgratsvapnasuṣuptyavasthāsu prakīrtayet ||178|| manasānte vadec cāpi karmaṇā tadanantaram | hastābhyāṃ padataḥ padbhyāṃ mudreṇa tataḥ param ||179|| śikṣayā yat kṛtaṃ proktaṃ yat smṛtaṃ padato vadet | yad uktaṃ tat sarvam iti brahmārpaṇam udīrayet | bhavatv ante māṃ madīyaṃ sarvaṃ tadanantaram ||180|| ādyākālīpadāmbhoje 'rpayāmi padaṃ vadet | praṇavaṃ tatsad ity uktvā kuryād ātmasamarpaṇam ||181||

Nachdem man so die Atemzügelung vollzogen hat, [spreche man] mit Wasser und Blüten aus dem Śrī-Pātra: „Du Geheimere als das Geheimste, nimm diese unsere Andacht (japa) an!“ (174) „Verleihe mir Vollkommenheit, Göttin, durch das Festhalten an der Kula[-Lehre], große Herrin!“ – mit diesem Mantra lege der Kundige [die Frucht der Andacht] auf die linke Lotushand der Göttin, (175) die Lichtgestalt, die Frucht der Andacht, dargebracht, verneige er sich zu Boden; danach lese er, mit gefalteten Händen, das Lob (stotra) und den Schutzspruch (kavaca). (176) Danach, nachdem er [die Göttin] umschritten hat, vollziehe der Übende mit dem besonderen Ehrenwasser, durch Darreichung des „umgekehrten“ Ehrenwassers, die Selbsthingabe (ātmasamarpaṇa). (177) Zuvor spreche man [die Formel], nach dem Recht auf Lebenskraft, Denken und Leib gegliedert, in den Zuständen Wachen, Traum und Tiefschlaf, (178) und ebenso mit Geist, Rede, danach mit der Tat, mit beiden Händen, mit den Füßen, dann weiter mit der [Verdauungs-]Geste, (179) mit dem Wort: „was durch Erziehung getan, gesagt, was durch die Füße gedacht wurde, was gesagt wurde – all das sei Brahman-Opfergabe“; danach: „am Ende sei alles, was mein ist, mit mir selbst [der Göttin geweiht]“, (180) „in den Lotusfuß der Urzeitlichen Kālī opfere ich es“ – so spreche man, und nachdem man die Praṇava-Silbe und ‚tat sat‘ ausgesprochen hat, vollziehe man die Selbsthingabe. (181)

Verse 178-181 geben (in stark verkürzter, listenartiger Form) die Formel der vollständigen Selbsthingabe an die Göttin wieder, in der Denken, Rede, Tat, Hände, Füße usw. der Reihe nach Brahman geweiht werden; im Druck äußerst komprimiert, Übersetzung dem Sinn nach.

hrīṃ śrīṃ krīṃ kālike devi mayā yat pūjitaṃ tava | tat sarvaṃ kṣamyatāṃ devi yathāśaktyā kṛtaṃ mayā [?] ||182|| pūjitāsi yathāśaktyā kṣamasveti visṛjya ca | saṃhāramudrayā puṣpam āghrāya sthāpayet hṛdi ||183|| īśānyāṃ diśi supariṣkṛtaṃ trikoṇaṃ maṇḍalaṃ kṛtvā | tatra sampūjayed devīṃ nirmālyapuṣpavāriṇā | hrīṃ nirmālyavāsinyai nama ity api ||184|| brahmādibhyaḥ sarvadevebhya eva ca | naivedyaṃ paścāt gṛhṇīyāc chaktisādhakaḥ ||185|| svīyāṃ śaktiṃ vāmabhāge saṃsthāpya pṛthagāsane | ekāsanopaviṣṭau vā pātraṃ kuryān manoramam ||186||

„Hrīṃ Śrīṃ Krīṃ, Kālikā-Göttin, was auch immer ich dir mit meinem Vermögen an Verehrung dargebracht habe – all das sei mir verziehen, Göttin!“ [Vers 182 unsicher, Sinn nach Kommentar]. (182) „Du bist nach [meinem] Vermögen verehrt worden, verzeih [was mir misslang]“ – so spreche man beim Entlassen [der Gottheit], nehme mit der Auflösungs-Geste eine Blüte, rieche daran und lege sie sich ans Herz. (183) In der Nordostrichtung (īśāna) zeichne man ein wohlausgeführtes dreieckiges Diagramm; dort verehre man mit dem Wasser der Opferreste-Blüten die Göttin, die in den Opferresten wohnt (nirmālyavāsinī): „Hrīṃ, der Nirmālyavāsinī Verehrung.“ (184) Erst danach nehme der von seiner Śakti begleitete Übende das Speiseopfer [das der Göttin dargebrachte Naivedya], nachdem es Brahmā und den übrigen Göttern [dargebracht wurde]. (185) Nachdem er die eigene Śakti (Partnerin) auf der linken Seite in einem eigenen Sitz aufgestellt hat – oder beide auf demselben Sitz –, mache man ein reizvolles Gefäß bereit. (186)

Vers 182 im OCR unlesbar; Übersetzung ist ein Rekonstruktionsversuch nach dem allgemeinen Sinn der Entlassungsformel [?].

pānapātraṃ prakurvīta na pañcatolakādhikam | tolakatritayān nyūnaṃ svarṇaṃ rājatam eva ca ||187|| athavā kācajanitaṃ nārikelodbhavaṃ vā | ādhāropari saṃsthāpya śuddhipātrasya dakṣiṇe ||188|| mahāprasādam ānīya pātreṣu pariveṣayet | svayaṃ vā bhrātṛputreṇa vā jyeṣṭhānukramataḥ sudhīḥ ||189|| pānapātre surā deyā śuddhipātre śuddhyādikāni ca | tataḥ sāmayikaiḥ sārdhaṃ pānabhojanam ācaret ||190||

Man fertige das Trinkgefäß nicht größer als fünf Tolaka [ein Gewichtsmaß] und nicht kleiner als drei Tolaka an, aus Gold oder Silber, (187) oder aber aus Glas oder aus Kokosnussschale gefertigt; man stelle es auf den Untersatz, rechts vom Gefäß der geweihten Speise. (188) Nachdem man die gnadenreiche Opferspeise (mahāprasāda) herbeigebracht hat, verteile man sie auf die Gefäße, sei es selbst, sei es durch den Sohn des Bruders, der Kundige nach der Reihenfolge des Alters [seit der Weihe]. (189) In das Trinkgefäß gebe man den Wein, in das Reinheits-Gefäß Fleisch u. Ä.; danach nehme man mit den zur Feier Versammelten gemeinsam Trank und Speise ein. (190)

ādāv āstaraṇārthāya gṛhṇīyāc chuddhim uttamām | tato 'tihṛṣṭamanasā samastaḥ kulasādhakaḥ ||191|| svasvapātraṃ samādāya paramāmṛtapūritam | mūlādhārādijihvāntāṃ cidrūpāṃ kulakuṇḍalīm ||192|| vibhāvya tanmukhāmbhoje mūlamantraṃ samuccaran | parasparājñām ādāya juhuyāt kuṇḍalīmukhe ||193|| atipānaṃ kaulastrīṇāṃ gandhasvīkāralakṣaṇam | sādhakānāṃ gṛhasthānāṃ pañcapātraṃ prakīrtitam ||194|| atipānāt kaulīnānāṃ siddhihāniḥ prajāyate ||195||

Zuerst nehme man als Grundlage [der Mahlzeit] das vortrefflichste Fleisch; dann, mit überaus erfreutem Gemüt, [nehme] jeder Kula-Übende (192) sein eigenes, mit höchstem Nektar gefülltes Gefäß und stelle sich die vom Wurzelstützpunkt (mūlādhāra) bis zur Zungenspitze reichende, bewusstseinsförmige Kula-Kuṇḍalinī vor, (192) und, sie sich in deren Lotusmund vorstellend, den Wurzelmantra rezitierend, mit gegenseitiger Erlaubnis, opfere man [den Trank] in den Mund der Kuṇḍalinī. (193) Übermäßiges Trinken bei den Kula-Frauen wird als [bloße] Annahme des Duftes bezeichnet [d.h. gilt nicht als Verstoß]; für die im Hausstand lebenden Übenden gilt ein Maß von fünf [kleinen] Gefäßen. (194) Durch übermäßiges Trinken entsteht bei den Kula-Anhängern ein Verlust der Vollkommenheit (siddhi). (195)

yāvan na cālyed dṛṣṭiṃ yāvan na cālyen manaḥ | tāvat pānaṃ prakurvīta paśupānam ataḥ param ||196|| pāne bhrāntim upaiti yasya ghṛṇī ca śaktisādhake | sa pāpiṣṭhaḥ kathaṃ brūyād ādyāṃ kālīṃ bhajāmy aham ||197|| yathā brahmārpite śrāddhe spaṣṭadoṣo na vidyate | tathā tava prasāde 'pi jātibhedaṃ vivarjayet ||198|| evam eva vidhānena kuryāt pānaṃ ca bhojanam | hastaprakṣālanaṃ nāsti tava naivedyasevane | lepāvanodanaṃ kuryāt hastena pāthasāpi vā ||199|| tato nirmālyakusumaṃ vidhṛtya śirasā sudhīḥ | lepaṃ kṛtvā bhruvordeśe vicared devavad bhuvi ||200|| iti śrīmahānirvāṇatantre sarvatantrottamottame sarvadharmanirṇayasāre śrīmad-ādyāsadāśivasaṃvāde śrīpātrasthāpanahomānuṣṭhānakathanaṃ nāma ṣaṣṭhollāsaḥ ||

Solange man den Blick nicht schweifen lässt, solange man den Geist nicht abschweifen lässt, so lange treibe man das Trinken; darüber hinaus ist es Vieh-Trinken (paśupāna, d.h. sinnloses Trinken). (196) Wer beim Trinken in Verwirrung gerät und Abscheu vor der [gleichgestellten] Śakti-Übenden hegt, wie könnte dieser Sündige sagen: „Ich verehre die Urzeitliche Kālī“? (197) Wie beim dem Brahman dargebrachten Totenopfer (śrāddha) kein offenkundiger Fehler [durch die Herkunft der Speisenden] besteht, so vermeide man auch bei deiner gnadenreichen Opferspeise jeden Kastenunterschied. (198) Ebenso nach dieser Regel vollziehe man Trinken und Essen; beim Genuss deiner Opferspeise gibt es kein Händewaschen; man wische die Hand ab, sei es mit der Hand selbst, sei es mit Wasser. (199) Dann nehme der Kundige eine Opferrest-Blüte, trage sie auf dem Haupt, mache damit eine Salbe auf der Stirn zwischen den Brauen, und wandle so, einem Gotte gleich, auf Erden umher. (200) So [endet] im ehrwürdigen Mahānirvāṇa-Tantra, dem Besten unter allen Tantras, dem Kernstück der Entscheidung über alles Recht, im Zwiegespräch des erhabenen Ur-Sadāśiva, das sechste Kapitel (ullāsa), genannt „Darlegung der Aufstellung des Verehrungsgefäßes und der Vollziehung des Feueropfers“.

Vers 197: „Śaktisādhaka“ bzw. die am Ritual teilnehmende Śakti-Frau; Verachtung ihr gegenüber wird als mit echter Kālī-Verehrung unvereinbar gebrandmarkt – ein Kernmotiv der Kula-Ethik (Gleichrangigkeit der Geschlechter/Kasten im Ritual, vgl. bereits Vers 4 und 198). Kolophon-Titel des Kapitels („śrīpātrasthāpanahomānuṣṭhānakathanam“) nach Wurzeltext-Kolophon übersetzt; das Kolophon selbst im OCR gut lesbar.

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