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Mahānirvāṇa Tantra

Paṭala 14: śrīmahānirvāṇatantre sarvatantrottamottame sarvadharmanirṇayasāre śrīmadādyāsadāśivasaṃvāde pūrvakāṇḍe śivaliṅgasthāpanacaturvidhāvadhūtavivaraṇakathanaṃ nāma caturdaśollāsaḥ 14. Kapitel: Die Aufstellung des Śiva-Liṅga und die Darlegung der vier Arten von Avadhūtas

Quelle: Mahānirvāṇa-Tantra mit dem Kommentar des Hariharānanda Bhāratī, hg. Agama Anusandhana Samiti, Tantrik Texts Vol. XIII, Calcutta 1929 (archive.org, DLI 2015.326303, OCR-Scan). Dies ist das letzte (14.) Kapitel des gesamten Werks. Inhalt: Nach kurzem Dank/Übergang bittet die Göttin um die Belehrung über die Aufstellung des unbeweglichen (feststehenden) Śiva-Liṅga (Verse 1-4); es folgt eine ausführliche Preisung der Verdienste des Liṅga und des "Śiva-Feldes" (śivakṣetra) um den aufgestellten Liṅga (5-21), dann ein langes Ritual-Handbuch zur Weihe (adhivāsa), Einhauchung des Lebensatems (prāṇapratiṣṭhā), Verehrung der acht Formen (aṣṭamūrti) Śivas, Aufstellung von Altar (vedī) und Göttin, tägliche Verehrung sowie Regeln über schadhafte/unwürdige Bildnisse und über Unterbrechungen der Verehrung (22-104). Ab Vers 104 wendet sich der Text der Erlösungslehre zu: zunächst der Weg des Handelns (karma) als Vorstufe, dann die reine Erkenntnis des Selbst (ātmajñāna) als eigentliches Mittel der Befreiung (104-140), es folgt eine Systematik der vier Arten von Avadhūtas (freien Asketen): brahma-mantropāsaka, deva-avadhūta, brahma-avadhūta und haṃsa (der höchste Typ) (141-172). Den Abschluss bildet eine begeisterte Lobpreisung der Kaula-Asketen und der Kaula-Lehre, deren Zugang unabhängig von Kaste offensteht - selbst Caṇḍālas, Yavanas u.a. werden durch die Kaula-Weihe rein (173-194), gefolgt von der abschließenden Selbstpreisung des Mahānirvāṇa-Tantra als höchstes aller Tantras (Phalaśruti, 195-211) und dem Schlusskolophon, der ausdrücklich vermerkt, dass hiermit der "frühere Teil" (pūrvārdha) des Werkes endet - ein bekannter Hinweis darauf, dass die überlieferte Schrift nur diesen ersten Teil eines ursprünglich (angeblich) umfangreicheren Werks bewahrt. Die OCR-Qualität ist über weite Strecken sehr schlecht, besonders im ritualtechnischen Mittelteil (Verse ca. 22-104) mit seinen zahlreichen Mantra-Silben (bīja-Silben wie hrīṃ, krauṃ, haṃsaḥ etc.), Ziffern- und Kompositumsentstellungen; die Verse 104-211 (Karma/Jñāna-Lehre, Avadhūta- und Kaula-Abschnitt, Schlusspreisung) sind deutlich besser lesbar. Zahlreiche Versziffern sind im Faksimile durch OCR verstellt (z.B. arabische statt Devanāgarī-Ziffern, vertauschte Ziffern); sie wurden nach der fortlaufenden Zählung korrigiert. Unsichere Rekonstruktionen sind mit [?] markiert, besonders zahlreich im Ritualteil, wo einzelne Wörter oder halbe Halbverse trotz Bemühung um Sinnrekonstruktion unsicher bleiben.

śrīdevy uvāca | ādarād atra anuṣṭhānāt kṛpayā bhṛśam [priyā] [?] | kṛpayā tṛptāsmi tava bhāvataḥ ||1|| liṅgasya pratiṣṭhāvidhir īritaḥ | acalasya pratiṣṭhāyāṃ kiṃ phalaṃ vidhir eva kaḥ ||2|| kathyatāṃ jagatāṃ nātha saviśeṣeṇa sāmpratam | idaṃ hi paramaṃ tattvaṃ pṛṣṭaṃ vada vṛṇomi kim ||3|| [tvāṃ] taḥ ko vārayet sarvajño dayāluḥ sarvavid vibhuḥ | āśutoṣo dīnanāthaḥ mamānandavivardhanaḥ ||4||

Śrī Devī sprach: Aus Ehrfurcht angesichts [deiner] Unterweisung [?] bin ich, aus Zuneigung, sehr [erfreut] [?] - durch dein liebevolles Wesen (bhāva) bin ich zufrieden. (1) Die Weise der Aufstellung des [beweglichen] Liṅga ist [von dir bereits] dargelegt worden. Bei der Aufstellung des unbeweglichen (feststehenden, acala) [Liṅga] - welches ist die Frucht, und welches ist die Weise? (2) Es werde nun, o Herr der Welten, im Besonderen verkündet; dies ist ja die höchste Wahrheit, die ich erfrage - sage, was ich [noch weiter] wählen [zu fragen] soll. (3) Wer könnte dir wehren, dem Allwissenden, Mitleidsvollen, alles kennenden Allmächtigen, dem leicht zu Besänftigenden, dem Herrn der Elenden, dem Mehrer meiner Wonne? (4)

Verse 1 ist im OCR-Text außerordentlich entstellt; die Rekonstruktion ("aus Ehrfurcht ... bin ich durch dein liebevolles Wesen zufrieden") folgt nur dem groben Sinn und dem Kommentarhinweis, der das Wort „bhāvataḥ“ (V.1) mit „prītitaḥ“ (aus Freude/Liebe) glossiert und den Sprecher als „śrīdevy uvāca“ bestätigt [?] durchgehend. Verse 2-4 bilden die fortlaufende Anrede der Devī an Śiva vor ihrer eigentlichen Frage; die Epitheta in Vers 4 (allwissend, mitleidsvoll, leicht zu besänftigen usw.) sind Anredefloskeln. Dieses Kapitel (Ullāsa 14) ist das letzte des gesamten Werks; es schließt unmittelbar an Ullāsa 13 (über die Weihe von Tempeln, Gefäßen, Wasserstellen usw.) an.

śrīsadāśiva uvāca | śivaliṅgasthāpanasya māhātmyaṃ kiṃ bravīmi te | nānyathā mahāpāpebhyo mukto yāti paraṃ padam ||5|| svarṇagomahīdānād dhayamedhāyutayajanāt [?] | nistoye toyakaraṇāt dīnārtaparitoṣaṇāt ||6|| yat phalaṃ labhate martyas tasmāt koṭiguṇaṃ phalam | liṅgapratiṣṭhāyāṃ labhate nātra saṃśayaḥ ||7||

Śrī Sadāśiva sprach: Was soll ich dir von der Größe der Aufstellung des Śiva-Liṅga sagen? Nicht anders gelangt einer, von großen Sünden befreit, zum höchsten Ziel [als eben dadurch]. (5) [Größer als die Frucht] der Schenkung von Gold, Kuh und Land, der Ausführung von zehntausend Roßopfern [?], des Anlegens von Wasser [-stellen] an wasserlosem Ort, der Zufriedenstellung der Elenden und Bedrängten - (6) welche Frucht auch immer ein Sterblicher [durch diese Werke] erlangt, eine zehnmillionenfach größere Frucht erlangt er bei der Aufstellung des Liṅga; daran ist kein Zweifel. (7)

Vers 5b im OCR sehr entstellt, sinngemäß rekonstruiert ("nicht anders ... gelangt man zum höchsten Ziel") [?]. Vers 6 zählt traditionelle Vergleichs-Verdienste auf (Landschenkung, Opfer, Brunnenbau, Armenspeisung); "hayamedhāyuta" (zehntausend Roßopfer) ist unsicher rekonstruiert [?].

liṅgarūpī mahādevo yatra tiṣṭhati kālike | tatra brahmā ca viṣṇuś ca sendrās tiṣṭhanti devatāḥ ||8|| yāni tīrthāni loke 'smin dṛṣṭādṛṣṭāni yāni ca [?] | puṇyakṣetrāṇi sarvāṇi vartante tatra sannidhau ||9|| liṅgarūpadharaṃ śambhuṃ parito dikṣu dikṣu ca | saptahastapramāṇena śivakṣetraṃ prakīrtitam ||10|| īśakṣetraṃ mahāpuṇyaṃ sarvatīrthottamottamam | yatrāmarā virājante sarvatīrthāni sarvadā ||11|| kṣaṇamātraṃ śivakṣetre yo vased bhāvataḥ paraḥ [?] | sa sarvapāpanirmukto yāty ante śāśvataṃ padam [?] ||12||

Wo Mahādeva in Gestalt des Liṅga weilt, o Kālikā, dort weilen Brahmā und Viṣṇu und die Götter samt Indra. (8) Welche Pilgerstätten (tīrtha) es in dieser Welt gibt, sichtbare und unsichtbare, und alle heiligen Gefilde (puṇyakṣetra) - sie sind dort [beim Liṅga] gegenwärtig. (9) Rings um Śambhu, der die Gestalt des Liṅga trägt, in jede Richtung, im Maß von sieben Ellen (hasta), wird das „Śiva-Feld“ (śivakṣetra) verkündet. (10) Das Feld des Herrn (īśakṣetra), von großem Verdienst, das allerbeste unter allen Pilgerstätten, wo die Unsterblichen erstrahlen, [zusammen mit] allen Pilgerstätten, allezeit. (11) Wer, mit über alles gehender Hingabe, auch nur einen Augenblick im Śiva-Feld weilt, der wird, von aller Sünde befreit, am Ende zum ewigen Zustand gelangen. (12)

Verse 9, 10 und 12 im Wurzeltext an mehreren Stellen unlesbar bzw. metrisch auffällig entstellt; sinngemäß rekonstruiert [?]. Vers 12 Versende („yāty ante śāśvataṃ padam“, „gelangt am Ende zum ewigen Zustand“) ist freie sinngemäße Ergänzung für eine im OCR-Scan unlesbare Zeile [?].

atra yat kriyate karma svalpaṃ vā bahulaṃ tathā | prabhāvād dhūrjaṭes tat tat koṭikoṭiguṇaṃ bhavet ||13|| yatra tatra kṛtāt pāpān mucyate śivasannidhau | śivakṣetre kṛtaṃ pāpaṃ vajralepasamaṃ priye [?] ||14|| puraścaryāṃ japaṃ dānaṃ śrāddhaṃ tarpaṇam eva ca | yat karoti śivakṣetre tad anantāya kalpate ||15|| puraścaryāśataṃ kṛtvā grahaṇe śaśāṅkadineśayoḥ [?] | yat phalaṃ tad avāpnoti sakṛj japtvā śivāntike ||16||

Welche Handlung hier [im Śiva-Feld] getan wird, sei sie gering oder groß, sie wird durch die Macht des Dhūrjaṭi (Śivas) millionen-millionenfach [an Wirkung]. (13) Von einer anderswo begangenen Sünde wird man in Śivas Gegenwart befreit; eine im Śiva-Feld selbst begangene Sünde aber, o Liebe, ist wie Diamant-Kitt (vajralepa, unauslöschlich haftend). (14) Vorbereitungsübung (puraścaryā), stilles Murmelgebet (japa), Schenkung, Ahnenopfer (śrāddha) und Wasserspende (tarpaṇa) - was man davon im Śiva-Feld vollzieht, das gereicht zu unvergänglicher [Frucht]. (15) Welche Frucht man durch hundertmalige Vorbereitungsübung bei einer Mond- oder Sonnenfinsternis erlangt, dieselbe Frucht erlangt man, wenn man auch nur einmal in der Nähe Śivas [die Formel] murmelt. (16)

Vers 14 zweite Zeile: Der Vergleich mit „vajralepa“ (unzerstörbarem Diamant-Kitt) ist ein bekanntes Motiv der Tīrtha-Māhātmya-Literatur - Sünde, die am heiligen Ort selbst begangen wird, gilt als besonders schwer tilgbar; Lesart unsicher [?]. Vers 16 „grahaṇe śaśāṅkadineśayoḥ“ (bei einer Finsternis von Mond oder Sonne) ist Rekonstruktion für eine im OCR-Scan stark entstellte Zeile [?].

gayāgaṅgāprayāgeṣu koṭipiṇḍapradānataḥ [?] naraḥ | yat prāpnoti tad atraiva sakṛt piṇḍapradānataḥ ||17|| atipātakino ye ca mahāpātakinaś ca ye | śivatīrthe kṛtaśrāddhās te 'pi yānti parāṃ gatim ||18|| liṅgarūpī jagannātho vedyāṃ śrīdurgayā saha | yatrāsti tatra tiṣṭhanti bhuvanāni caturdaśa ||19|| sthāpiteśasya māhātmyaṃ kiñcid etat prakāśitam | anādibhūtamūrter mahimā vāgagocaraḥ ||20|| mahāpīṭhe tv ācārād asparśyasparśadūṣaṇam | na vidyate na vidyate netad liṅgarūpadhare hare ||21||

Was ein Mensch bei Gayā, an der Gaṅgā und in Prayāga durch das Darbringen von zehn Millionen Totenopferkuchen (piṇḍa) erlangt, das erlangt er hier [im Śiva-Feld] durch ein einziges Darbringen eines Opferkuchens. (17) Die der schwersten Sünden (atipātaka) und die der großen Sünden (mahāpātaka) Schuldigen - auch sie gehen, wenn sie am Śiva-Tīrtha das Ahnenopfer vollzogen haben, zum höchsten Ziel ein. (18) Wo der Weltenherr in Gestalt des Liṅga zusammen mit Śrī Durgā auf dem Altar (vedī) gegenwärtig ist, dort weilen die vierzehn Welten. (19) Dies ist ein wenig von der Größe des aufgestellten Herrn offenbart; die Herrlichkeit der anfangslosen, [in Elementen] verkörperten Gestalt ist der Sprache unzugänglich. (20) Am großen Sitz (mahāpīṭha) besteht der Lehre gemäß die Verunreinigung durch Berührung eines Unberührbaren nicht - sie besteht nicht, sie besteht nicht, dort, wo Hara die Gestalt des Liṅga trägt. (21)

Vers 21 nimmt das später (ab Vers 173ff.) ausführlich entfaltete Thema der kastenübergreifenden Reinheit im Kula-Kult vorweg; Wortlaut unsicher, sinngemäß rekonstruiert [?]. Die doppelte Verneinung „na vidyate na vidyate“ dient der Betonung.

yathā cakrārcane devi ko 'pi doṣo na vidyate | śivakṣetre mahātīrthe tathā jānīhi kālike ||22|| bahunātra kim uktena tavāgre satyam ucyate | prabhāvaḥ śivaliṅgasya mayā vaktuṃ na śakyate ||23|| atha vedike liṅgaṃ yuktaṃ vedikayāpi vā [?] | sādhakaḥ pūjayed bhaktyā svāmīṣṭaphalasiddhaye ||24|| pratiṣṭhāpūrvasāyāhne devatāṃ yo 'dhivāsayet | so 'śvamedhāyutaphalaṃ labhate sādhakottamaḥ ||25||

Wie bei der Verehrung des [Śrī-]Cakra, o Devi, kein Fehler [durch Verstoß gegen Reinheitsregeln] besteht, so wisse es, o Kālikā, auch beim großen Tīrtha, dem Śiva-Feld. (22) Was soll hierüber viel gesagt werden? Die Wahrheit sei dir verkündet: Die Macht des Śiva-Liṅga vermag ich nicht [vollständig] auszusprechen. (23) Nun, der auf einer Altarplattform (vedikā) befindliche oder mit einer solchen versehene Liṅga - der Übende (sādhaka) soll ihn mit Hingabe verehren, zur Erlangung seiner gewünschten Frucht. (24) Wer die Gottheit am Abend vor der [eigentlichen] Aufstellung [feierlich] zur Ruhe bettet (adhivāsa), jener beste der Übenden erlangt die Frucht von zehntausend Roßopfern. (25)

Vers 24 im Wurzeltext unklar, sinngemäß rekonstruiert [?]. „adhivāsa“ (wörtl. „Einwohnenlassen“) bezeichnet den vorbereitenden Weiheritus am Vorabend der eigentlichen Aufstellung, bei dem das Götterbild rituell „zur Ruhe gebettet“ wird; der Begriff wird hier erstmals eingeführt.

mahī gandhaḥ sikatā dhānyaṃ dūrvā puṣpaṃ phalaṃ dadhi | ghṛtaṃ svastikasindūraṃ śaṅkhakuṅkumarocanāḥ [?] ||26|| siddhārthaṃ kāñcanaṃ raupyaṃ tāmraṃ dīpaś ca darpaṇam | adhivāsavidhau vidhinā dravyāṇy etāni yojayet [?] ||27|| pratyekaṃ dravyam ādāya māyayā hrīṃbījena vidyayā | anenāmuṣya [devasya] padataḥ śubham ādhivāsanam ||28||

Erde, Duftstoff (gandha), Sand, Getreidekorn, Dūrvā-Gras, Blume, Frucht, Dickmilch, (26) Ghee, ein Svastika-Zeichen, roter Bleisatz (sindūra), Muschel, Safranpulver (kuṅkuma) und Gorocanā (ein gelbes Pigment) - weißer Senfsamen, Gold, Silber, Kupfer, eine Lampe und ein Spiegel: diese Gegenstände soll man bei der Weiheruhe (adhivāsa) der Regel gemäß verwenden. (27) Jeden Gegenstand einzeln nehmend, mit der Formel (vidyā), die den Māyā-Keimlaut (hrīṃ) [enthält] - damit [vollzieht man] von den Füßen [der Gottheit] her aufwärts die heilsame Weiheruhe. (28)

Vers 26-27 zählen die für den Weiheritus (adhivāsa) benötigten Substanzen auf; einzelne Gegenstände (v.a. „rocanāḥ“/Gorocanā) unsicher gelesen [?]. In diesem stark mantra- und ritualtechnischen Abschnitt (etwa Verse 22-99) ist die OCR-Qualität besonders schlecht; Keimsilben (bīja-Silben) werden hier in ihrer Grundbedeutung wiedergegeben, ihre genaue Lautgestalt bleibt jedoch an mehreren Stellen unsicher.

[pādataḥ spṛṣṭvā tāṃ mūrtiṃ sarvair etaiḥ padārthakaiḥ] | tataḥ prahastapātreṇa tridhaivam adhivāsayet ||29|| anena vidhinā devam adhikṛtya vidhānavit | gṛhadānavidhānena dagdhādyaiḥ [toyaiḥ] snāpayet tataḥ ||30|| sammārjya vāsasā liṅgaṃ sthāpayitvāsanopari | pūjānuṣṭhānavidhinā gaṇeśādīn samarcayet ||31|| praṇavena karanyāsaṃ prāṇāyāmaṃ vidhāya ca | dhyāyet sadyādikaṃ [?] śāntaṃ candrakoṭisamaprabham ||32||

[Nachdem man das Bildnis von den Füßen an mit all diesen Substanzen berührt hat] [?], soll man sodann mit einem Gefäß in der vorgestreckten Hand dreifach die Weiheruhe vollziehen. (29) Nach dieser Regel, die Gottheit im Sinn habend, soll der im Ritual Kundige sie sodann, nach der Regel des „Hausweihe“-Ritus (gṛhadāna), mit [den geweihten] Wassern usw. baden. (30) Nachdem man den Liṅga mit einem Tuch abgewischt und auf seinem Sitz aufgestellt hat, soll man nach der Ordnung der Verehrung Gaṇeśa und die übrigen [vorbereitenden Gottheiten] verehren. (31) Nachdem man mit der Silbe Oṃ die Handauflegung (karanyāsa) und die Atemlenkung (prāṇāyāma) vollzogen hat, soll man [Śiva], beginnend mit [dem Antlitz] Sadyojāta, den Friedvollen, von der Ausstrahlung zehnmillionen Monde, meditieren. (32)

Vers 29 ist im Wurzeltext nur zur Hälfte klar erhalten (die zweite Halbzeile); die erste Halbzeile ist im OCR mit der vorangehenden Kommentarprosa verschmolzen und wird hier nur sinngemäß, in eckigen Klammern, ergänzt [?]. „Sadyojāta“ eines der fünf Antlitze (Gesichter) Śivas (die anderen: Vāmadeva, Aghora, Tatpuruṣa, Īśāna), hier erstmals genannt.

vyāghracarmaparīdhānaṃ nāgayajñopavītinam | vibhūtidigdhasarvāṅgaṃ nāgābharaṇabhūṣitam ||33|| dhūmrapītāruṇaśvetaraktaiḥ pañcabhir ānanaiḥ | yuktaṃ trinayanaṃ vibhrat jaṭājūṭadharaṃ vibhum ||34|| gaṅgādharaṃ daśabhujaṃ candraśobhitamastakam [?] | kapālaṃ pāvakaṃ pāśaṃ pinākaṃ paraśuṃ karaiḥ [?] ||35|| vāme 'bhayadadhānaṃ ca dakṣe śūlaṃ vajrāṅkuśam śaram [?] | yad yad vibhrataṃ sarvair devair munivaraiḥ stutam ||36||

Mit einem Tigerfell bekleidet, eine Schlange als heilige Opferschnur tragend, am ganzen Leib mit Asche bestrichen, mit Schlangenschmuck geziert, (33) mit fünf Antlitzen versehen - rauchgrau, gelb, rötlich, weiß und rot -, dreiäugig, eine Krone aus verfilztem Haar (jaṭājūṭa) tragend, den alldurchdringenden [Gott], (34) den Träger der Gaṅgā [auf dem Haupt], zehnarmig, das Haupt vom Mond geschmückt, in den Händen Totenschädelschale, Feuer, Fangschlinge, den Pināka-Bogen, ein Beil, (35) in der linken [Hand] die Gebärde der Furchtlosigkeit gewährend, in der rechten Dreizack, Vajra, Elefantenstachel, Pfeil - was er immer trägt -, den von allen Göttern und den besten Weisen Gepriesenen [soll man meditieren]. (36)

Verse 33-36 bilden ein Dhyāna (Meditationsbild) Sadāśivas mit fünf Antlitzen und zehn Armen, mit den klassischen Attributen; Einzelheiten der Attributliste (Verse 35-36) im OCR unsicher [?]. Der Hauptsatz „man soll meditieren“ (dhyāyet, Vers 32) regiert diese ganze Beschreibung.

[parama]-ānandasandoha-ujjvalakuṭilasmitānanam [?] | himakundendusadṛśaṃ vṛṣāsanavirājitam [?] ||37|| paritas taddigbhir gandharvair apsarobhir aharniśam [?] | gīyamānam umākāntam ekāntaśaraṇapriyam [?] ||38||

[Man meditiere auf Śiva,] dessen sanft geschwungenes, lächelndes Antlitz von einer Fülle höchster Wonne erstrahlt, der Schnee, Jasmin und Mond gleicht, herrlich auf dem Stierthron (vṛṣāsana) sitzend, (37) ringsum, von allen Seiten, Tag und Nacht von Gandharvas und Apsaras besungen, den Gemahl Umās, den denen lieb ist, die ihn als alleinige Zuflucht suchen. (38)

Verse 37-38 setzen die in Vers 33-36 begonnene Meditationsbeschreibung (Dhyāna) Sadāśivas fort; im OCR-Text stark entstellt, sinngemäß rekonstruiert [?].

āsanādyupacārāṇāṃ dāne mantrāḥ purodhitāḥ [?] | mūlamantram atha vakṣye maheśasya mahātmanaḥ ||39|| māyā tāraḥ śabdabījam ardhendubindubhūṣitam | [tena yuktaṃ] śivabījam iti proktam [?] ||40|| sugandhipuṣpamālyena vāsasācchādya śaṅkaram | nivedya divyaśayyāyāṃ devīm evaṃ vibodhayet ||41|| vedyāṃ prapūjayed devīm evam eva vidhānataḥ | māyayātra karanyāsaṃ prāṇāyāmaṃ samācaran ||42||

Für die Darbringung von Sitz und den übrigen Ehrerweisungen (upacāra) sind die Mantras bereits [an früherer Stelle] genannt worden; nun will ich das Wurzel-Mantra (mūlamantra) des großen Maheśa verkünden. (39) Māyā [hrīṃ], Tāra [oṃ] [und] der Lautkeim [ha], geschmückt mit Halbmond und Punkt (Anusvāra) - [so verbunden] wird dies als das Śiva-Sāmen-Mantra (śivabīja) bezeichnet. (40) Nachdem man [den Liṅga] Śaṅkara mit duftendem Blumenkranz und mit einem Gewand bedeckt und auf das göttliche Lager gebettet hat, soll man die Göttin ebenso [rituell] erwecken. (41) Auf dem Altar (vedī) soll man die Göttin ebenso, nach derselben Vorschrift, verehren; dabei mit dem Māyā[-Keimlaut] die Handauflegung (karanyāsa) und die Atemlenkung (prāṇāyāma) ausführend - (42)

Dieser Abschnitt (Verse 39-99) behandelt sehr detailliert das Ritual der Weihe und täglichen Verehrung; die genaue Lautgestalt der Bīja-Silben (Keimlaute wie hrīṃ, śrīṃ, hauṃ) bleibt wegen der schlechten OCR-Qualität oft unsicher [?] und wird hier nur sinngemäß wiedergegeben, gestützt auf die ausführlichen Erläuterungen des Sanskrit-Kommentars zu den einzelnen Silben (nicht als inhaltliche Grundlage, sondern nur zur Bestätigung der im Wurzeltext zitierten Lautfolgen, wie in der Aufgabenstellung vorgesehen).

udayadbhānusahasrakāntim amalāṃ vahnikundenducāruṇetrām [?] | muktāmaṇiracitahemakuṇḍalalasatsmerānanāmbujām ||43|| hastāmbhojaiḥ abhayavaraṃ cakraṃ tathā gandhādikam ambujaṃ ca dadhatīm | pīnottuṅgapayodharāṃ bhayaharāṃ pītāmbarāṃ cintaye ||44|| bhagavatyā manuṃ vakṣye yayārādhyā jaganmayī [?] ||45|| māyāṃ lakṣmīṃ samuccārya syāntaṃ ṣaṣṭhasvarānvitam | binduyuktaṃ tadante ca yojayed adhidevatām [?] ||46||

[Ich meditiere auf die Große Göttin,] von makelloser Pracht wie tausend aufgehende Sonnen, mit Augen schön wie Feuer, Jasmin und Mond, mit lächelndem Lotusantlitz, das von mit Perlen und Edelsteinen besetzten goldenen Ohrringen erstrahlt, (43) in ihren Lotushänden die Gesten der Furchtlosigkeit und Gunstgewährung, ferner eine Scheibe (cakra), Wohlriechendes und eine Lotusblüte tragend, mit vollen, hohen Brüsten, die Furcht Vertreibende, im gelben Gewand. (44) Ich will nun das Mantra der Erhabenen (Bhagavatī) verkünden, durch das sie, die Weltdurchdringende (jaganmayī), verehrt werden soll [?]. (45) Māyā [hrīṃ] und Lakṣmī [śrīṃ] aussprechend, verbunden mit dem sechsten Vokal [ū] und endend [auf den entsprechenden Konsonanten], versehen am Ende mit dem Punkt (Bindu/Anusvāra), soll man [so das Sāmen-Mantra] der [dort waltenden] Gottheit anwenden. (46)

Verse 43-44 (Dhyāna der Göttin) sind im Wurzeltext stark entstellt; die Rekonstruktion folgt eng dem Wortlaut, den der Sanskrit-Kommentar bei seiner Wort-für-Wort-Erläuterung ausdrücklich zitiert (parama-ānanda-sandoha, vahni-kunda-indu-kānti-netra, mukta-maṇi-racita-hema-kuṇḍala usw.) [?]. Vers 45 ist im Original nur als Halbzeile erhalten; die zweite Halbzeile fehlt im OCR-Text vollständig [?]. Vers 46 beschreibt die buchstabenweise Bildung des Göttinnen-Mantras (vermutlich hrīṃ śrīṃ dūṃ, das bekannte Durgā-Bīja, da die Göttin im Folgenden als „Tāriṇī“/Durgā angesprochen wird).

sthāpayan devīṃ sarvadevabaliṃ haret | dadhiyuktaṃ māṣabhaktaṃ śarkarādisamanvitam ||47|| vedikāyāṃ baliṃ nītvā vāruṇena virodhayet [?] | sampūjya gandhapuṣpābhyāṃ mantreṇānena carpayet [?] ||48|| sarve devāḥ siddhagaṇā gandharvoragarākṣasāḥ | piśācā mātaro yakṣā bhūtāś ca pitaras tathā ||49|| ṛṣayo ye 'nyadevāś ca baliṃ gṛhṇantu saṃyatāḥ | parivārya mahādevaṃ tiṣṭhantu girijām api ||50||

Indem man die Göttin aufstellt, soll man das Opfergebäck für alle Götter (sarvadevabali) darbringen: mit Dickmilch versetzten Bohnenreis (māṣabhakta), verbunden mit Zucker und dergleichen. (47) Nachdem man das Opfergebäck zum Altar gebracht hat, soll man es mit dem Varuṇa[-Mantra] besprengen [?]; nachdem man es mit Duftstoff und Blumen verehrt hat, soll man es mit dieser Formel darreichen [?]. (48) Alle Götter, die Scharen der Siddhas, Gandharvas, Schlangenwesen (uraga) und Rākṣasas, die Piśācas, Muttergöttinnen (mātṛ), Yakṣas, Geisterwesen (bhūta) und ebenso die Ahnen (pitṛ) - (49) und welche Weisen (ṛṣi) und andere Götter es noch gibt, sie mögen, gebändigt, das Opfergebäck entgegennehmen; mögen sie, Mahādeva umgebend, [dort] verweilen, samt Girijā [der Göttin]. (50)

Verse 48 im Wurzeltext an mehreren Stellen unlesbar, sinngemäß rekonstruiert [?]. Dieser Abschnitt (47-50) behandelt die „Bali“-Opferspende an alle Gottheiten und Wesenklassen anlässlich der Weihe.

tato japen mahādevyā mantram enaṃ yatheṣṭitam [?] | gītavādyādibhiḥ sadyo vidadhyān maṅgalakriyām ||51|| adhivāsaṃ vidhāyettham pare 'hni vihitakriyaḥ | saṃkalpaṃ vidhivat kṛtvā pañca devān prapūjayet ||52||

Dann soll man dieses Mantra der Großen Göttin, wie es beliebt, murmeln (japa); mit Gesang, Musik und dergleichen soll man sogleich die glückverheißende Handlung vollziehen. (51) Nachdem man so den Weiheritus (adhivāsa) vollzogen hat, soll man am folgenden Tag, mit den [weiteren] Handlungen betraut, nach Vollzug des rituellen Vorsatzes (saṃkalpa) gemäß der Vorschrift, die fünf Gottheiten (pañcadevatā) verehren. (52)

Die „fünf Gottheiten“ (pañcadevatā) sind im vedantisch-tantrischen Ritual üblicherweise Śiva, Viṣṇu, Devī, Sūrya und Gaṇeśa.

mātṛpūjāṃ [?] dvāraśobhāṃ [?] samācaran | maheśadvārapālāṃś ca yajet bhaktyā samāhitaḥ ||53|| nandī mahābalaḥ kuṇḍavadano [?] gaṇanāyakaḥ | dvārapālās tu dviṣṭhās te sarve śastrāstrapāṇayaḥ [?] ||54|| tato liṅgaṃ samānīya vedīrūpāṃ ca tāriṇīm | maṇḍale svastikābhadre [?] sthāpayed vā śubhāsane ||55|| aṣṭabhiḥ kalaśaiḥ śambhuṃ manunā tryambakena ca | snāpayitvārcayed bhaktyā ṣoḍaśopacārakaiḥ ||56||

Nachdem man die Verehrung der Muttergöttinnen (mātṛpūjā) und den Türschmuck [?] vollzogen hat, soll man, gesammelt und mit Hingabe, die Türwächter (dvārapāla) des Maheśa verehren. (53) Nandī, von großer Kraft, [mit rundem Antlitz? [?]], der Anführer der Scharen (gaṇanāyaka) [Gaṇeśa], [dies sind] die Türwächter, die zu zweit aufgestellt sind, alle mit Waffen und Geschossen in Händen. (54) Dann, nachdem man den Liṅga und die altarförmige [Göttin] Tāriṇī herbeigebracht hat, soll man sie auf einem mit einem Svastika-Zeichen [gezierten] Diagramm (maṇḍala) oder auf einem anderen glückverheißenden Sitz aufstellen. (55) Mit acht Wasserkrügen soll man Śambhu, mit dem Tryambaka-Mantra, baden und ihn dann mit Hingabe mit den sechzehn Ehrendiensten (ṣoḍaśopacāra) verehren. (56)

Verse 53 und 54 im Wurzeltext an mehreren Stellen unlesbar, sinngemäß rekonstruiert [?]. „Tāriṇī“ (die Hindurchführende, Retterin) ist hier ein Name der Göttin, in Gestalt des Altars (vedī) neben dem Liṅga gedacht. „ṣoḍaśopacāra“ (die sechzehn Ehrenerweisungen der Verehrung, z.B. Sitz, Wasser, Kleidung, Speise usw.) ist ein feststehender Fachbegriff der Bildkult-Verehrung (pūjā).

vedīṃ ca mūlamantreṇa tadvat saṃsthāpya pūjayan | kṛtāñjalipuṭaḥ sādhuḥ prārthayet śaṅkaraṃ śivam ||57|| āgaccha bhagavan śambho sarvadevanamaskṛta | pinākapāṇe sarvadā mahādeva namo 'stu te ||58|| āgaccha śaṅkara deva bhaktānugrahakāraka | bhagavatyā sahāgaccha kṛpāṃ kuru namo namaḥ ||59|| mātar devi mahāmāye sarvakalyāṇakāriṇi | prasīda śambhunā sārdhaṃ namas te 'stu haraprie ||60||

Und nachdem man ebenso den Altar (vedī) mit dem Wurzelmantra aufgestellt und verehrt hat, soll der Fromme, mit hohl zusammengelegten Händen (añjali), den gütigen Śaṅkara [also] anrufen: (57) „Komm, o Herr Śambhu, von allen Göttern verehrt! Träger des Pināka-Bogens, allezeit, o Mahādeva, Verehrung sei dir!“ (58) „Komm, o Gott Śaṅkara, der du deinen Verehrern Gnade erweist; komm zusammen mit der Erhabenen [Göttin]; erweise [uns] dein Erbarmen - Verehrung, Verehrung!“ (59) „O Mutter, Göttin, große Māyā, Bewirkerin allen Heils, sei uns gnädig, zusammen mit Śambhu; Verehrung sei dir, o Geliebte Haras!“ (60)

Verse 58-60 sind wörtliche Anrufungsformeln (Einladungsgebete) an Śiva und die Göttin, mit denen der Verehrer sie zum Einzug in den Liṅga bzw. Altar bittet.

yāhi varade devi bhavane 'smin varaprade | mātā bhava maheśāni sarvasampatkarī sadā ||61|| uttiṣṭha devadevi svaiḥ svaiḥ parikaraiḥ saha | sukhaṃ nivasatāṃ gehaṃ prīyetāṃ bhaktavatsalau [?] ||62|| iti prārthya śivaṃ devīṃ śaṅkhaghaṇṭādhvanipūrvakam [?] | pradakṣiṇaṃ tridhā vedeḥ kārayitvā praveśayet ||63||

„Ziehe ein, o gunstgewährende Göttin, in dieses Haus, Gunstgeberin; sei [uns] Mutter, o Maheśānī, immerdar die Bewirkerin allen Wohlergehens!“ (61) „Erhebe dich, Göttin der Götter, samt eurem jeweiligen Gefolge; möget ihr beide glücklich in [diesem] Haus wohnen, möget ihr, die Liebevollen gegenüber euren Verehrern, zufrieden sein!“ (62) Nachdem man Śiva und die Göttin so angefleht hat, soll man, begleitet vom Klang von Muschelhorn und Glocke, eine dreifache Umwandlung (pradakṣiṇā) um den Altar vollziehen lassen und [sie] dann einziehen lassen. (63)

Verse 62 Wortlaut am Ende unsicher [?].

pāṣāṇakhanite garte iṣṭakāracite 'pi vā | adhastimbhāgaliṅgasya ropayen mūlam uccaran [?] ||64|| yāvac candraś ca sūryaś ca yāvat pṛthvī ca sāgarāḥ | tāvan mahādeva sthiro bhava namo 'stu te ||65|| mantreṇānena sudṛḍhaṃ kārayitvā sadāśivam | uttarāṃ tatra vedīṃ ca mūlenaiva praveśayet ||66|| sthirā bhava jagaddhātri sṛṣṭisthityantakāriṇi | yāvad indvarkanāthau [?] tāvad atra sthirā bhava ||67||

In einer in Stein gegrabenen Grube oder auch einer aus Ziegeln gemauerten soll man, den Wurzelmantra rezitierend, den unteren Sockelteil des Liṅga einsenken. (64) „Solange Mond und Sonne, solange Erde und Meere [bestehen], solange, o Mahādeva, sei fest gegründet; Verehrung sei dir!“ (65) Nachdem man mit diesem Mantra Sadāśiva fest gegründet hat, soll man dort, nördlich von ihm, mit eben dem Wurzelmantra auch den Altar [mit der Göttin] einziehen lassen. (66) „Sei fest gegründet, Trägerin der Welt, Bewirkerin von Erschaffung, Erhaltung und Untergang; solange Mond und Sonne [bestehen] [?], solange sei hier fest gegründet!“ (67)

Vers 64 und 67 im Wurzeltext an mehreren Stellen unlesbar, sinngemäß rekonstruiert [?].

vyāghrā bhūtāḥ piśācāś ca gandharvāḥ siddha[sattamāḥ] [?] | yakṣā nāgāś ca vetālā lokapālā maharṣayaḥ ||68|| mātaro gaṇanāthāś ca viṣṇubrahmā bṛhaspatiḥ | yasya siṃhāsane yuktā bhūcarāḥ khecarās tathā ||69|| āvāhayāmi taṃ devam avyaktam īśam avyayam [?] | āgaccha bhagavann atra brahmanirmitayantrake [?] ||70|| dhruvāya bhava sarveṣāṃ śubhāya ca sukhāya ca | tato devaṃ pratiṣṭhāṃ kṛtavidhinā sthāpayan śivam [?] ||71||

Tiger[geister], Geisterwesen (bhūta), Piśācas, Gandharvas, [die vorzüglichsten] Siddhas, (68) Yakṣas, Schlangenwesen (nāga), Vetālas, die Weltenhüter (lokapāla) und großen Weisen, die Muttergöttinnen, die Scharenherren, Viṣṇu, Brahmā, Bṛhaspati - alle, die auf [Śivas] Löwenthron vereint sind, samt den erd- und luftwandelnden Wesen (69) - ich rufe jenen Gott herbei, den unmanifesten, unvergänglichen Herrn: „Komm, o Erhabener, hierher, in dieses von Brahmā gefertigte Gerät [den geweihten Liṅga]! (70) Sei fest gegründet, zum Wohl und Glück aller!“ - Sodann, nachdem man den Gott [so] nach vorgeschriebenem Ritus fest gegründet, Śiva aufgestellt hat - (71)

Verse 70-71 im Wurzeltext an mehreren Stellen unlesbar, sinngemäß rekonstruiert [?]. Dieser Abschnitt zählt die bei der Weihe anzurufenden Wesenklassen (Geister, Halbgötter, Weltenhüter usw.) auf, die als Zeugen/Begleiter der Gottheit gedacht werden.

prāgādyair mānasopacāraiḥ sampūjayet priye [?] | viśeṣārghyaṃ ca saṃsthāpya samarcayed gaṇadevatāḥ [?] ||72|| punar dhyātvā maheśānaṃ puṣpaṃ liṅgopari nyaset | pāśāṅkuśapurassaraṃ śaktyādyantaṃ sabindukam [?] ||73|| hrauṃ haṃsa iti mantreṇa tatra prāṇān niveśayet [?] | candanāguru-karpūrair vilipya girijāpatim ||74|| yajet prāguktavidhinā ṣoḍaśopacārakaiḥ | snātanāmādisaṃskārān kṛtvā pūrvavidhānavat ||75||

Mit den geistigen Ehrenerweisungen (mānasopacāra), beginnend im Osten, soll man [die Gottheit], o Liebe, verehren; nachdem man die besondere Gastgabe (viśeṣārghya) bereitgestellt hat, soll man die Scharen-Gottheiten (gaṇadevatā) mitverehren. (72) Nachdem man Maheśāna [Śiva] erneut meditiert hat, soll man eine Blüte auf den Liṅga legen; [mit der aus den Keimsilben von] Fangschlinge und Elefantenstachel, endend auf Śakti [ṣ], mit einem Punkt (Bindu) versehenen [Silbenreihe] (73) - mit dem Mantra „hrauṃ haṃsaḥ“ soll man dort die Lebensatem-Kräfte (prāṇa) einsetzen [prāṇapratiṣṭhā]. Nachdem man den Gemahl Girijās [Śiva] mit Sandel, Aloeholz und Kampfer gesalbt hat, (74) soll man ihn nach der zuvor genannten Vorschrift mit den sechzehn Ehrendiensten verehren, nachdem man die Reinigungsriten (saṃskāra) wie Bad und Namengebung wie zuvor vollzogen hat. (75)

Die genaue Silbenfolge des Prāṇapratiṣṭhā-Mantras (Vers 73-74, „hrauṃ haṃsaḥ“ u.ä.) ist wegen starker OCR-Entstellung unsicher [?]; die Grundbedeutung des Ritus (Einhauchen des Lebensatems in das Bildnis) ist jedoch gesichert und ein feststehender Bestandteil der Bildkult-Weihe.

snātanāmādisaṃskārān kṛtvā pūrvavidhānavat [sudṛḍhīkṛtya vedīm] | samāpya sarvaṃ vidhivat vedyāṃ devīṃ maheśvarīm ||76|| abhyarcya tatra devasya mūrtīr aṣṭau prapūjayan ||77||

Nachdem man die Reinigungsriten wie Bad und Namengebung wie zuvor vollzogen und [den Altar] fest gegründet hat, und nachdem man alles ordnungsgemäß vollendet hat [samt] der Göttin Maheśvarī auf dem Altar, (76) und nachdem man dort [den Liṅga] verehrt hat, soll man [nun] die acht Erscheinungsformen (mūrti) des Gottes verehren. (77)

Vers 76 im Wurzeltext mit Kommentarprosa vermengt („sudṛḍhīkṛtya vedīm iti śeṣaḥ“ - eine Ellipse ergänzende Kommentarbemerkung); sinngemäß eingearbeitet [?]. Die „acht Erscheinungsformen“ (aṣṭamūrti) Śivas sind eine feststehende Lehre (Śarva=Erde, Bhava=Wasser, Rudra=Feuer, Ugra=Wind, Bhīma=Äther, Paśupati=die Opfernden/die Seele, Mahādeva=Mond, Īśāna=Sonne), die in Vers 78-79 aufgezählt wird.

śarvaḥ kṣitir bhavo jalaṃ rudro 'gnir ugro vāyuḥ syāt | bhīma ākāśam ātmā ca paśupatir yajamānakaḥ [?] ||78|| mahādevaḥ sudhākāra īśānaḥ sūrya ity aṣṭau mūrtayo 'sya prakīrtitāḥ ||79|| praṇavādinamo'ntena pratyekāhvānapūrvakam | pūrvādīśānaparyantam aṣṭau mūrtīḥ kramād arcayet ||80|| indrādidikpatīn iṣṭvā bāhyādyāṃś cāṣṭamātrakān [?] | vṛṣe vitānaṃ gehādi dadyād īḍāya sādhakaḥ [?] ||81|| tataḥ kṛtāñjalir bhaktyā prārthayet parvatīpatim ||82||

Śarva ist die Erde, Bhava das Wasser, Rudra das Feuer, Ugra der Wind; Bhīma ist der Äther, [Paśupati] die [im Opfernden weilende] Seele (ātman), (78) Mahādeva der Mond (sudhākara), Īśāna die Sonne - so werden seine acht Erscheinungsformen verkündet. (79) Mit [der Formel], die mit der Silbe Oṃ beginnt und auf „namaḥ“ endet, mit je eigener Anrufung, soll man, vom Osten bis Īśāna [Nordosten] fortschreitend, die acht Formen der Reihe nach verehren. (80) Nachdem man Indra und die übrigen Weltenhüter sowie die acht äußeren [Wächter] verehrt hat, soll der Übende dem [Reittier] Stier (Nandi/Vṛṣa) ein Zeltdach, ein Haus und dergleichen zur Zufriedenstellung darbringen. (81) Dann soll man, mit zusammengelegten Händen, voll Hingabe, den Gemahl Pārvatīs [mit dem folgenden Gebet] anflehen: (82)

Vers 78-79 (Aufzählung der aṣṭamūrti) und Vers 81 im OCR an mehreren Stellen unlesbar; die traditionelle Zuordnung der acht Namen zu den Elementen (bekannt u.a. aus dem vedischen Śatarudriya) stützt die Rekonstruktion, der genaue Wortlaut bleibt aber unsicher [?].

gṛhe 'smin karuṇāsindho vasa nityaṃ maheśvara [?] ||83|| yāvat sasāgarā pṛthvī yāvat salilabhāskarau [?] | tāvad asmin gṛhe tiṣṭha namas te parameśvara ||84|| gṛhe 'smin yasya kasyāpi jīvasya maraṇaṃ bhavet | na tatpāpaṃ prāpnuyām ahaṃ prasādāt tava dhūrjaṭe ||85|| tataḥ pradakṣiṇīkṛtya namaskṛtya gṛhaṃ vrajet | prabhāte punar āgatya snāpayec candraśekharam ||86||

„O Ozean des Erbarmens, wohne allzeit in diesem Haus, o großer Herr! (83) Solange die Erde mit ihren Ozeanen, solange Wasser und Sonne [bestehen], so lange verweile in diesem Haus; Verehrung sei dir, o höchster Herr! (84) Sollte in diesem Haus der Tod irgendeines Lebewesens eintreten, so möge ich, durch deine Gnade, o Dhūrjaṭi, nicht jene Sünde auf mich laden!“ (85) Dann soll man, nach der Umwandlung (pradakṣiṇā) und der Verehrung, nach Hause gehen; am [nächsten] Morgen soll man wiederkommen und den Mondgekrönten [Śiva] baden. (86)

Vers 83 im OCR nur als Halbzeile erkennbar, die zweite Halbzeile fehlt [?]; sinngemäß nach dem vom Kommentar zitierten Anfang „gṛhe 'smin karuṇāsindho“ rekonstruiert. Verse 84-85 sind eine an Śiva gerichtete Bitte, im Haus zu wohnen und den Bewohner vor der rituellen Verunreinigung durch einen Todesfall im Haus zu bewahren.

śuddhaiḥ pañcāmṛtaiḥ snānaṃ prathamaṃ pratipādayet | tataḥ sugandhitoyānāṃ ghaṭaiḥ śatasaṃkhyakaiḥ ||87|| sampūjya taṃ yathāśakti prārthayed bhaktibhāvataḥ ||88|| vidhihīnaṃ kriyāhīnaṃ bhaktihīnaṃ yad arcitam | sampūrṇam astu tat sarvaṃ prasādād umāpate ||89|| yāvac candraś ca sūryaś ca yāvat pṛthvī ca sāgarāḥ | tāvan me kīrtir acalā loke tiṣṭhatu sarvadā ||90|| namaḥ śarvāya rudrāya pinākavaradhāriṇe | viṣṇvindrasūryādyamaraiḥ [sadā] varṇitāya namo namaḥ [?] ||91||

Zuerst soll man das Bad mit den reinen fünf Nektarsubstanzen (pañcāmṛta: Milch, Dickmilch, Ghee, Honig, Zucker) vollziehen, dann mit hundert Krügen wohlriechenden Wassers. (87) Nachdem man ihn nach Kräften verehrt hat, soll man mit hingebungsvollem Herzen [folgendes] Gebet sprechen: (88) „Was ohne rechte Vorschrift, ohne rechte Handlung, ohne Hingabe verehrt wurde - all das möge, durch deine Gnade, o Gemahl Umās, vollständig sein! (89) Solange Mond und Sonne, solange Erde und Ozeane [bestehen], so lange möge mein Ruhm unerschütterlich in der Welt bestehen, immerdar! (90) Verehrung dem Śarva, dem Rudra, dem Träger des herrlichen Pināka-Bogens; Verehrung, Verehrung ihm, der von Viṣṇu, Indra, Sūrya und den anderen Unsterblichen [stets] gepriesen wird!“ (91)

Vers 91 im OCR-Text stark entstellt, sinngemäß rekonstruiert [?].

tatas tu dakṣiṇāṃ dattvā bhojayet kaulikān dvijān | mṛdbhiḥ peyaiś ca vāsobhir dīnān paritoṣayet [?] ||92|| pratyahaṃ pūjayed evaṃ yathāvibhavam ātmanaḥ | sthāvaraṃ śivaliṅgaṃ tu na kadāpi vicālayet ||93|| acalasyaiva liṅgasya pratiṣṭhā kathitā tava | saṅkṣepāt parameśāni sarvāgamasamuddhṛtā ||94||

Dann, nachdem man das Priestergeschenk (dakṣiṇā) gegeben hat, soll man kaulische Brahmanen speisen; mit Speisen, Getränken und Kleidern soll man die Armen zufriedenstellen. (92) Täglich soll man [den Liṅga] so, nach eigenem Vermögen, verehren; den unbeweglichen (feststehenden) Śiva-Liṅga aber soll man niemals versetzen. (93) So ist dir, o höchste Herrin, die Aufstellung des unbeweglichen Liṅga verkündet worden, in Kürze, aus allen Āgamas geschöpft. (94)

Vers 92 im OCR teilweise unlesbar, sinngemäß rekonstruiert [?]. Vers 94 markiert den Abschluss des Themas „Aufstellung des unbeweglichen Liṅga“ (Beginn in Vers 2).

śrīdevy uvāca | yatkiṃcid devatānāṃ pūjāvyādho bhaved iha | vidheyaṃ tatra kiṃ bhaktais tan me kathaya tattvataḥ ||95|| apūjanīyā kena vā bhaved devamūrtayaḥ | tyājyā vā kena doṣeṇa tadupāyaś ca kathyatām ||96|| śrīsadāśiva uvāca | ekāham arcanābādhe dviguṇaṃ devam arcayet | dvitīye tad dviguṇaṃ tad dviguṇyaṃ dinatraye ||97||

Śrī Devī sprach: Wenn hier irgendeine Störung der Verehrung der Gottheiten eintreten sollte, was ist dann von den Verehrern zu tun? Sage mir das der Wahrheit gemäß. (95) Wodurch werden Götterbilder unwürdig zur Verehrung? Aus welchem Fehler heraus sind sie [dann] aufzugeben, und welches Mittel [dagegen gibt es]? Das werde gesagt. (96) Śrī Sadāśiva sprach: Wird die Verehrung für einen Tag unterbrochen, soll man den Gott [beim nächsten Mal] doppelt verehren; für zwei Tage [Unterbrechung] das Doppelte davon; für drei Tage das nochmals Verdoppelte. (97)

Dieser Abschnitt (95-99) behandelt Regeln zur Wiederaufnahme der Verehrung nach einer Unterbrechung sowie (ab Vers 100) zur Disqualifikation beschädigter Götterbilder.

tataḥ ṣaṇmāsaparyantaṃ yadi pūjā na sambhavet | tadāṣṭakalaśair devaṃ snāpayitvā yajet sudhīḥ ||98|| ṣaṇmāsāt parato devaṃ prāksaṃskāravidhānataḥ | punaḥ susaṃskṛtaṃ kṛtvā pūjayet sādhakāgraṇīḥ ||99||

Wenn dann bis zu sechs Monaten hin die Verehrung nicht möglich sein sollte, dann soll der Kluge den Gott mit acht Krügen baden und [erneut] verehren. (98) Nach [mehr als] sechs Monaten soll der beste der Übenden den Gott, nach der zuvor [beschriebenen] Weiheordnung, erneut ordnungsgemäß weihen und [dann erst wieder] verehren. (99)

khaṇḍitaṃ sphuṭitaṃ vyaṅgaṃ dagdhaṃ kuṣṭharogiṇā [?] | patitaṃ duṣṭabhūmyādau na devaṃ pūjayed budhaḥ ||100|| bhinnāṅgaṃ sphāritaṃ [bhagnaṃ] taṃ devaṃ toye visarjayet | śapāryādidoṣadṛṣṭaṃ [?] tu saṃskṛtya punar arcayet ||101|| mahāpīṭhe 'nādiliṅgaṃ sarvadoṣavivarjitam [?] | sarvadā pūjayet taṃ tu svābhīṣṭasukhāptaye ||102|| yad yat pṛṣṭaṃ mahāmāye nṛṇāṃ karmānujīvinām | niḥśreyasāya tat sarvaṃ saviśeṣaṃ prakīrtitam ||103||

Ein zerbrochenes, gesprungenes, verstümmeltes [Bildnis], eines, das von einem Aussätzigen berührt [oder verbrannt] wurde, [oder] eines, das auf unreinen Boden u.ä. gefallen ist - ein solches Götterbild soll der Weise nicht verehren. (100) Ist der Gott gliederlos oder gesprungen [geworden], soll man ihn dem Wasser übergeben; ist er aber [nur] mit einem geringeren Makel wie einem Fluch behaftet, soll man ihn [neu] weihen und wieder verehren. (101) Den anfangslosen (selbstentstandenen) Liṅga an einem großen Sitz (mahāpīṭha) hingegen, der von allen Makeln frei ist, soll man immerdar verehren, zur Erlangung des selbst erwünschten Glücks. (102) Was auch immer erfragt wurde, o große Māyā, das alles ist nun im Einzelnen zum höchsten Heil (niḥśreyasa) der Menschen, die dem Gesetz der Tat (karma) unterworfen leben, verkündet worden. (103)

Vers 100-102 im OCR an mehreren Stellen unlesbar, sinngemäß rekonstruiert [?]. Vers 103 bildet den Übergang vom Ritualteil zur folgenden Lehre über Karma und Erkenntnis (jñāna); ab hier wird die OCR-Qualität merklich besser.

vinā karma na tiṣṭhanti kṣaṇārdham api dehinaḥ | anicchanto 'pi vivaśāḥ kṛṣyante karmavāyunā ||104|| karmaṇā sukham aśnanti duḥkham aśnanti karmaṇā | jāyante ca mriyante ca vartante karmaṇo vaśāt ||105|| ato dvividhaṃ karma kathitaṃ sādhanānvitam | pravṛttaye 'lpabodhānāṃ deheṣṭitanivṛttaye [?] ||106|| yato hi karma dvividhaṃ śubhaṃ cāśubham eva ca | aśubhāt karmaṇo yānti prāṇinas tiryagyātanām [?] ||107|| karmaṇo 'pi śubhād devi careṣv āsaktacetasaḥ | prayānty āyānty amutreha karmaśṛṅkhalayantritāḥ [?] ||108||

Ohne Handeln (karma) verharren die verkörperten Wesen nicht einmal einen halben Augenblick; auch unwillig, ohnmächtig, werden sie vom Wind des Karma fortgezogen. (104) Durch Karma erfahren sie Glück, durch Karma erfahren sie Leid; sie werden geboren und sterben, [alles] unter der Gewalt des Karma. (105) Deshalb ist eine zweifache Handlungsweise, mit ihren [jeweiligen] Mitteln, gelehrt worden: zur [fortgesetzten] Betätigung der wenig Erkennenden, [und] zum Aufhören des an den Körper gebundenen Treibens [für die weiter Fortgeschrittenen]. (106) Denn Handeln ist zweifacher Art, gut und schlecht; von schlechtem Handeln gehen die Lebewesen in tierische Qual [oder tierische Daseinsform] ein. (107) Auch durch gutes Handeln, o Göttin, gehen jene, deren Sinn an den [rituellen] Handlungen hängt, hierhin und dorthin, diesseits und jenseits, gefesselt an die Kette des Karma. (108)

Vers 106-108 im OCR teils unsicher, sinngemäß rekonstruiert [?]. Hier beginnt die für dieses Kapitel zentrale vedantische Lehre: Karma (sowohl gutes als auch schlechtes) bindet an den Kreislauf von Geburt und Tod; nur die Erkenntnis (jñāna) des Selbst, wie die folgenden Verse ausführen, führt zur Befreiung.

yāvan na kṣīyate karma śubhaṃ vāśubham eva vā | tāvan na jāyate mokṣo nṛṇāṃ kalpaśatair api ||109|| yathā lohamayaiḥ pāśair api vā svarṇamayair api | tathā baddho bhaven mokṣaḥ [jīvaḥ] karmabhiḥ śubhāśubhaiḥ ||110|| kurvāṇaḥ satataṃ karma kṛtvā kṛcchravratāny api | na tāvac chramate mokṣaṃ yāvaj jñānaṃ na vindati ||111|| jñānaṃ tattvavicāreṇa jāyate kṣīṇatamasām | nirmalātmanāṃ vidyate na cānyathā [?] ||112||

Solange das Karma, sei es gut oder schlecht, nicht erschöpft ist, so lange entsteht für die Menschen keine Erlösung (mokṣa), auch nicht in hundert Weltzeitaltern (kalpa). (109) Wie [man gleichermaßen gebunden ist], sei es durch eiserne oder auch durch goldene Fesseln, so ist die [Seele] durch gute wie schlechte Taten gebunden. (110) Wer beständig handelt, selbst wenn er schwere Bußübungen (kṛcchravrata) vollzieht - er erlangt die Erlösung nicht, solange er nicht Erkenntnis (jñāna) gewinnt. (111) Erkenntnis entsteht durch die Erforschung der Wahrheit (tattvavicāra) bei denen, deren Dunkel [der Unwissenheit] geschwunden ist; sie kommt den Reinen an Seele zu, nicht anders. (112)

Vers 110 und 112 im OCR teils unsicher, sinngemäß rekonstruiert [?]. Nach Vers 112 lässt sich anhand der Zählung eine kleine Lücke vermuten: Die nächste im Faksimile klar lesbare Versziffer ist „115“, sodass die Verse 113-114 im vorliegenden OCR-Scan nicht eigenständig auffindbar sind - vermutlich durch einen Seitenumbruch oder eine OCR-Fehlstelle verloren bzw. mit der Kommentarprosa zu Vers 112 verschmolzen. Da sich ihr Wortlaut nicht rekonstruieren lässt, wird hier keine erfundene Ergänzung eingefügt; die Zählung setzt mit dem sicher bezeugten Vers 115 fort.

na muktir japanād homād upavāsaśatair api | brahmaiva aham iti jñātvā mukto bhavati dehabhṛt ||115|| ātmā sākṣī vibhuḥ pūrṇaḥ satyo 'dvaitaḥ parātparaḥ | dehastho 'pi na dehastho jñātvaivaṃ muktimāg bhavet ||116|| bālakrīḍanavat sarvaṃ rūpanāmādikalpanam | vihāya brahmaniṣṭho yaḥ sa mukto nātra saṃśayaḥ ||117||

Nicht durch stilles Murmelgebet (japa), nicht durch Feueropfer (homa), nicht durch hundertfaches Fasten [entsteht] die Erlösung; erkennend „Ich bin eben Brahman“, wird der Verkörperte befreit. (115) Das Selbst (ātman) ist Zeuge, allgegenwärtig, vollkommen, wahr, nicht-dual (advaita), höher als das Höchste; obwohl im Körper weilend, ist es nicht körperlich - dies erkennend, wird man der Erlösung teilhaftig. (116) Wie ein Kinderspiel ist alles Ausdenken von Form, Name und dergleichen; wer dies aufgegeben hat [und] in Brahman gegründet ist, der ist erlöst - daran ist kein Zweifel. (117)

Ab hier (Vers 115) wird die OCR-Qualität deutlich besser lesbar. Dieser Abschnitt (115-140) legt die zentrale vedantische Erlösungslehre des Kapitels dar: nicht Ritus oder Askese, sondern allein die Erkenntnis des nicht-dualen Selbst (ātman = brahman) führt zur Befreiung.

manasā kalpitā mūrtir nṛṇāṃ cen mokṣasādhanī | svalabdhena dravyeṇa rājāno mānavās tadā [?] ||118|| mṛcchilādhātudārvādimūrtāv īśvarabuddhayaḥ | kṛcchrayantas tapasā jñānaṃ vinā mokṣaṃ na yānti te ||119|| āhārasaṃyamadviṣṭā yatheṣṭāhāratundilāḥ | brahmajñānavihīnāś cen niṣkṛtiṃ te vrajanti kim [?] ||120|| vāyuparṇakaṇātoyavratino mokṣamārgiṇaḥ | santi cet pannagā muktāḥ paśupakṣijalecarāḥ ||121||

Wäre ein bloß in Gedanken ersonnenes Bildnis für die Menschen ein Mittel zur Erlösung, dann [könnten] Könige [und andere] Menschen [dies] mit dem von ihnen selbst erlangten Reichtum [ebenso leicht erreichen - eine rhetorische Zuspitzung des Arguments]. (118) Wer die Vorstellung „Herrgott“ (īśvara) an ein Bildnis aus Lehm, Stein, Metall, Holz und dergleichen richtet und sich mit Askese quält - ohne Erkenntnis gelangen sie nicht zur Erlösung. (119) Wer der Zügelung der Nahrungsaufnahme abgeneigt ist [und] feist ist vom Essen nach Belieben - gelangen solche, wenn ihnen die Erkenntnis Brahmans fehlt, [wirklich] zur Befreiung? (120) Wären die dem Erlösungsweg Folgenden, die das Gelübde [der Ernährung] von Luft, Blättern, Körnern [oder] Wasser [allein] halten, [schon dadurch erlöst], dann wären ja Schlangen, [andere] Tiere, Vögel und Wassertiere [von Natur aus] erlöst. (121)

Verse 118 und 120 im OCR unsicher, sinngemäß rekonstruiert [?]. Dieser Abschnitt führt in polemischer, rhetorischer Weise vor, dass äußere Askese, Bildverehrung und Nahrungsenthaltsamkeit ohne die Erkenntnis (jñāna) des Selbst wirkungslos für die Erlösung bleiben.

uttamo brahmasadbhāvo dhyānabhāvas tu madhyamaḥ | stutijāpo 'vamo bhāvaḥ bahiḥpūjādhamādhamā ||122|| yogo jīvātmanor aikyaṃ pūjanaṃ sevakeśayoḥ | sarvaṃ brahmeti viduṣo na yogo na ca pūjanam ||123|| brahmajñānaṃ paraṃ jñānaṃ yasya citte virājate | kiṃ tasya japayajñais tapobhir niyamavrataiḥ ||124|| satyaṃ vijñānam ānandam ekaṃ vyāpi parāt param [?] | svabhāvād brahmabhūtasya kiṃ pūjā dhyānadhāraṇā [?] ||125||

Die höchste [Stufe] ist das [innere] Sein als Brahman selbst; die Meditation (dhyāna) aber ist die mittlere; Lobpreis und Murmelgebet (japa) sind die niedrige Stufe; die äußere [Bild-]Verehrung ist die niedrigste der niedrigen. (122) Yoga ist die Einheit von Einzelseele (jīva) und Weltseele (ātman); Verehrung (pūjana) ist [die Beziehung] von Diener und Herrn. Für den Wissenden, [der erkennt]: „Alles ist Brahman“, gibt es weder Yoga noch Verehrung [mehr]. (123) Wem die Erkenntnis Brahmans, die höchste Erkenntnis, im Herzen leuchtet, was nützen dem Murmelgebete, Opfer, Bußübungen, Gelübde und Regeln? (124) [Brahman ist] Wahrheit, reines Bewusstsein, Wonne, eines, alldurchdringend, höher als das Höchste; wozu [braucht es] für den, der von Natur aus Brahman geworden ist, Verehrung, Meditation [oder] Konzentration (dhāraṇā)? (125)

Vers 125 im OCR teils unsicher, sinngemäß rekonstruiert [?]. Dieser Abschnitt entfaltet die für den Vedānta typische Rangordnung der Frömmigkeitsformen: innere Gotteserkenntnis über Meditation, diese über Lobpreis/Mantra-Rezitation, diese wiederum über äußere Bildverehrung.

na pāpaṃ naiva sukṛtaṃ na svargo na punarbhavaḥ | nāpi dhyeyo na vā dhyātā sarvaṃ vyeti jānataḥ ||126|| ayam ātmā sadā mukto niralepaḥ sarvavastuṣu [?] | kiṃ tasya bandhanaṃ kasmān muktim icchanti durdhiyaḥ ||127||

Weder Sünde noch Verdienst, weder Himmel noch Wiedergeburt, auch kein Meditationsobjekt noch ein Meditierender [gibt es] für den, der [dies] weiß - alles [Solche] schwindet. (126) Dieses Selbst ist immer schon befreit, unbefleckt in allen Dingen; welche Fesselung könnte es haben? Warum begehren die Törichten [dann noch] die Befreiung [als etwas erst zu Erreichendes]? (127)

svamāyāracitaṃ viśvam avitarkyaṃ surair api | svayaṃ virājate tatra hy adhiviṣṭaḥ paraviṣṭavat [?] ||128|| bahir antar yathā bhāsaṃ sarveṣām eva vastunām | tathaiva bhāti sadrūpo hy ātmā sākṣī svarūpataḥ ||129|| na bālyam asti brahmatve nātmano yauvanaṃ jarā [?] | sadaikarūpaṃ cinmātraṃ vikārapraśamojjhitam [?] ||130|| janmayauvanavārdhakyaṃ dehasyaiva na cātmanaḥ | paśyanto 'pi na paśyanti māyāpravṛttabuddhayaḥ ||131||

Das von seiner eigenen Māyā geschaffene Universum ist selbst für die Götter unausdenkbar; er selbst erstrahlt darin, es gleichsam bewohnend, wie einer, der in ein fremdes [Haus] eingetreten ist. (128) Wie ein Licht, das allen Dingen gemeinsam ist, außen wie innen, so erstrahlt eben das Selbst, dessen Wesen das Sein ist, der Zeuge, gemäß seiner eigenen wahren Gestalt. (129) Im Zustand des Brahman-Seins gibt es keine Kindheit; das Selbst kennt weder Jugend noch Alter; es ist immer eine einzige Gestalt, reines Bewusstsein, frei von jeder Veränderung. (130) Geburt, Jugend und Alter gehören nur dem Körper, nicht dem Selbst; doch die, deren Verstand in der Māyā befangen ist, sehen [dies], obwohl sie sehen, nicht [wirklich]. (131)

Verse 128 und 130 im OCR unsicher, sinngemäß rekonstruiert [?].

yathā śarāvatoyasthaṃ raviṃ paśyaty anekadhā | tathaiva māyayā dehe bahudhātmānam īkṣate ||132|| yathā śaṅkhe pītatvaṃ manyante taddhṛte vidhau | tathaiva buddheś cāñcalyaṃ paśyanty ātmany akovidāḥ ||133|| ghaṭasthaṃ yādṛśaṃ vyoma ghaṭe bhagne 'pi tādṛśam | naṣṭe dehe tathaivātmā samarūpo virājate ||134||

Wie man die Sonne, die sich im Wasser [mehrerer] Schalen spiegelt, vielfach sieht, so erblickt man, durch Māyā, das Selbst in [verschiedenen] Körpern als vielfältig. (132) Wie man - bei einem entsprechenden [Augen-]Fehler des Betrachters - die Muschel für gelb hält, so sehen die Unwissenden die Unruhe des Verstandes [fälschlich] im Selbst [gelegen]. (133) Wie der im Krug befindliche Raum (ākāśa) auch nach dem Zerbrechen des Kruges derselbe bleibt, so erstrahlt, wenn der Körper vergeht, ebenso das Selbst, unverändert in seiner Gestalt. (134)

Verse 132-134 sind klassische advaitische Vergleiche (Sonne im Wasser, Gelbsucht-Täuschung, Topf-Raum), die die scheinbare Vielheit und Wandelbarkeit des Selbst als bloßen Schein (Māyā) erweisen sollen.

ātmajñānam idaṃ devi paraṃ mokṣaikasādhanam | jānann eva muktaḥ syāt satyaṃ satyaṃ na saṃśayaḥ ||135|| na karmaṇā vimuktaḥ syān na santatyā dhanena vā | ātmanātmānam ājñāya mukto bhavati mānavaḥ ||136|| priyo hy ātmaiva sarveṣāṃ nātmano 'sty aparaṃ priyam | loke 'smin ātmasambandhād bhavanty anye priyāḥ śive ||137||

Dies, o Göttin, ist die Erkenntnis des Selbst (ātmajñāna), das höchste, alleinige Mittel zur Erlösung; allein durch [dieses] Wissen wird man befreit - Wahrheit, Wahrheit, kein Zweifel. (135) Nicht durch Handeln wird man befreit, nicht durch Nachkommenschaft oder Reichtum; indem der Mensch das Selbst durch das Selbst erkennt, wird er befreit. (136) Denn allen ist das Selbst allein lieb; es gibt nichts, das dem Selbst lieber wäre als [es selbst]; andere Dinge werden in dieser Welt, o Śivā, nur wegen ihrer Beziehung zum Selbst lieb. (137)

Vers 137 erinnert an die bekannte upanischadische Lehre (Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad), dass alles nur um des Selbst willen lieb ist.

jñānaṃ jñeyaṃ tathā jñātā tritayaṃ bhāti māyayā | vicāryamāṇe tritaye ātmaikaḥ avaśiṣyate ||138|| jñānam ātmaiva cidrūpo jñeyam ātmaiva cinmayaḥ | vijñātā svayam evātmā yo jānāti sa ātmavit ||139|| etat te kathitaṃ jñānaṃ sākṣān nirvāṇakāraṇam | caturvidhāvadhūtānām etad eva paraṃ dhanam ||140||

Erkenntnis, das zu Erkennende und der Erkennende - diese Dreiheit erscheint [nur] durch Māyā; wird die Dreiheit [recht] erforscht, so bleibt allein das Selbst übrig. (138) Die Erkenntnis ist das Selbst selbst, von der Wesensart des Bewusstseins; das zu Erkennende ist das Selbst selbst, aus Bewusstsein bestehend; der Erkennende ist selbst nur das Selbst - wer dies weiß, ist ein Kenner des Selbst (ātmavit). (139) Dies ist dir die Erkenntnis verkündet worden, die unmittelbare Ursache des Erlöschens (nirvāṇa); dies allein ist der höchste Schatz der vier Arten von Avadhūtas. (140)

Vers 140 leitet zum folgenden Abschnitt über (141-172), der die vier Arten der "Avadhūta" (von aller Bindung "abgeschüttelte", freie Asketen) systematisch darstellt.

śrīdevy uvāca | dvividhāv āśramau proktau gārhasthyaṃ bhaikṣukas tathā | kim idaṃ śrūyate citram avadhūtāś caturvidhāḥ ||141|| śrutvā veditum icchāmi tataḥ kathaya prabho | caturvidhāvadhūtānāṃ lakṣaṇaṃ saviśeṣataḥ ||142|| śrīsadāśiva uvāca | brahmamantropāsakā ye brāhmaṇakṣatriyādayaḥ | gṛhāśrame vasanto 'pi jñeyās te yatayaḥ priye ||143|| pūrṇābhiṣekavidhinā saṃskṛtā ye ca mānavāḥ | devāvadhūtās te jñeyāḥ pūjanīyāḥ kulārcite [?] ||144||

Śrī Devī sprach: Zwei Lebensstadien (āśrama) sind gelehrt worden: das des Hausvaters und das des Bettlers (bhaikṣuka, Asket). Was ist dies Merkwürdige, das man hört, [dass es] vier Arten von Avadhūtas [geben soll]? (141) Nachdem ich [dies] gehört habe, möchte ich [mehr] wissen; so sage denn, o Herr, die Merkmale der vier Arten von Avadhūtas im Einzelnen. (142) Śrī Sadāśiva sprach: Jene, die das Brahman-Mantra verehren, Brahmanen, Kṣatriyas und andere - auch wenn sie im Hausvater-Stand leben, sind sie, o Liebe, als Asketen (yati) zu erkennen. (143) Und jene Menschen, die durch den Ritus der vollen [Weihe-]Besprengung (pūrṇābhiṣeka) geweiht wurden - sie sind als „Gott-Avadhūtas“ (devāvadhūta) zu erkennen, verehrungswürdig, o von der Kula[-Gemeinschaft] Verehrte. (144)

Hier beginnt die Systematik der vier Avadhūta-Typen (bis Vers 172): 1. der Brahma-Mantra-Verehrer (brahmamantropāsaka, auch als Hausvater ein „Asket“), 2. der „Gott-Avadhūta“ (devāvadhūta, durch volle Weihe geweiht), 3. der „Brahma-Avadhūta“ (145ff.) und 4. der Haṃsa (der höchste Typ, ab Vers 149/166ff.). Vers 144 Ende unsicher [?].

brahmāvadhūtāḥ [proktāḥ] svāśramācāravartinaḥ | vidadhyuḥ svakarmāṇi madudīritavartmanā ||145|| vinā brāhmyāpitaṃ caiva tathā cāndrāpitaṃ [?] vinā | niṣiddham annaṃ toyaṃ na gṛhṇīyuḥ kadācana ||146|| brāhmyāvadhūtakaulānāṃ kaulānām abhiṣekiṇām | prāg eva kathito dharma ācāraś ca varānane ||147|| snānaṃ sandhyārcanaṃ pānaṃ dānaṃ ca dārarakṣaṇam | sarvam āgamamārgeṇa devabrahmāvadhūtayoḥ ||148||

Die „Brahma-Avadhūtas“ sind jene, die, dem Brauch ihres [angestammten] Lebensstandes folgend, ihre eigenen [vorgeschriebenen] Pflichten nach dem von mir verkündeten Pfad erfüllen. (145) Ohne dass es zuvor [Brahman] dargebracht wurde, und ebenso ohne dass es [rituell] geweiht wurde [?], sollen sie niemals verbotene Speise oder verbotenes Wasser annehmen. (146) Die Pflicht (dharma) und der Wandel der Brahma-Avadhūtas und der geweihten Kaulas ist bereits zuvor dargelegt worden, o Schönantlitzige. (147) Bad, Zwielichtgebet (sandhyā) und Verehrung, Trinken, Schenken und der Schutz der Ehefrau - dies alles [geschehe] für den Gott- und den Brahma-Avadhūta nach dem Pfad der Āgamas. (148)

Vers 146 im OCR unsicher, sinngemäß rekonstruiert [?]. Der in Vers 147 erwähnte Verweis auf bereits früher Gesagtes bezieht sich vermutlich auf frühere Kapitel des Werks (Kula-Verhaltensregeln).

avadhūto dvividhaḥ pūrṇāpūrṇavibhedataḥ | pūrṇaḥ paramahaṃsākhyaḥ apūrṇaḥ aparaḥ priye ||149|| kṛtāvadhūtasaṃskāro yadi syāj jñānadurbalaḥ | tadā lokākhye tiṣṭhann ātmānaṃ sa tu śodhayet ||150||

Der [dritte Typ, der eigentliche] Avadhūta ist zweifach, nach dem Unterschied von vollkommen und unvollkommen: der Vollkommene heißt Paramahaṃsa, der Unvollkommene ist der andere, o Liebe. (149) Sollte jemand, der die Avadhūta-Weihe empfangen hat, [noch] schwach an Erkenntnis sein, so soll er, in dem als „Welt“ bezeichneten [Zustand des Wanderns unter den Menschen] verweilend, sich selbst [weiter] läutern. (150)

Vers 149 führt die weitere Unterteilung des dritten Avadhūta-Typs in „vollkommen“ (Paramahaṃsa) und „unvollkommen“ ein.

rakṣan svajātiliṅgāni kurvan karmāṇi kutracit [?] | sadā brahmaparo bhūtvā sādhayej jñānam uttamam ||151|| oṃ tatsanmantram uccārya so 'ham asmīti cintayan | kuryād ātmocitaṃ karma sadā vairāgyam āśritaḥ ||152|| kurvan karmāṇy anāsakto nalinīdalanīravat [?] | yateta ātmānam uddhartuṃ tattvajñānavivekataḥ ||153||

Indem er die Kennzeichen seines [Asketen-]Standes bewahrt, gelegentlich [notwendige] Handlungen verrichtend, soll er, immer auf Brahman ausgerichtet, nach der höchsten Erkenntnis streben. (151) Das Mantra „Oṃ tat sat“ aussprechend, [und] denkend „Der bin ich“ (so'ham), soll er die ihm gemäße Handlung verrichten, immer in Gelassenheit (vairāgya) verankert. (152) Handlungen unangehaftet ausführend, wie Wasser auf einem Lotusblatt, soll er sich bemühen, sich selbst emporzuheben, durch die Urteilskraft, die aus der Erkenntnis der Wahrheit (tattva) entspringt. (153)

Vers 151 und 153 im OCR unsicher, sinngemäß rekonstruiert [?]. Das Gleichnis vom Wasser auf dem Lotusblatt (Vers 153) sowie die Formel „so'ham“ (Vers 152) sind bekannte Bilder bzw. Formeln der klassischen Vedānta- und Bhagavadgītā-Tradition für tätiges, aber unangehaftetes Handeln.

sad iti mantreṇa yo yat karma samācaret | gṛhastho vāpy udāsīnas tasyābhīṣṭāya tad bhavet ||154|| japo homaḥ pratiṣṭhā ca saṃskārā akhilāḥ kriyāḥ | oṃ tatsanmantraniṣpannāḥ sampūrṇāḥ syur na saṃśayaḥ ||155|| kim anyair bahubhir mantraiḥ kim anyair urusādhanaiḥ | brāhmaṇenānena mantreṇa sarvakarmāṇi sādhayet ||156||

Mit dem Mantra „sat“ [verbunden], welche Handlung auch immer man vollzieht - ob Hausvater oder Weltentsagter -, sie gereicht [ihm] zu seinem erwünschten [Ziel]. (154) Murmelgebet, Feueropfer, Weiheritus und alle [übrigen] Reinigungshandlungen, wenn sie mit dem Mantra „Oṃ tat sat“ vollzogen werden, werden vollständig - kein Zweifel. (155) Was nützen viele andere Mantras? Was nützen andere aufwendige Mittel? Mit diesem Brahman-Mantra allein kann man alle Handlungen [wirksam] vollziehen. (156)

Dieser Abschnitt (154-165) preist das Mantra „Oṃ tat sat“ (aus der Bhagavadgītā, 17.23, bekannt) als das höchste, alle anderen Mittel überflüssig machende Mantra.

sukhasādhyam abāhulyaṃ sampūrṇaphaladāyakam | nāsty etasmān mahāmantrād upāyāntaram ambike ||157|| puraḥ pradeśe dehe vā likhitaṃ dhārayed imam | gehas tasya mahātīrthaṃ dehaḥ puṇyamayo bhavet ||158|| nigamāgamatantrāṇāṃ sārātsārataro mahyam [?] | oṃ tatsad iti deveśi tavāgre satyam īritam ||159||

Leicht auszuführen, ohne viel Aufwand, vollen Lohn gewährend - es gibt, o Ambikā, kein anderes Mittel [das] über dieses große Mantra [hinausginge]. (157) Man trage es, vorn [am Körper] oder [sonst] am Leib geschrieben; sein Haus wird zu einem großen Pilgerort, sein Leib wird von Verdienst durchdrungen. (158) Es ist mir die Essenz noch über der Essenz der Veden, Āgamas und Tantras; „Oṃ tat sat“ - o Herrin der Götter, so ist dir die Wahrheit verkündet worden. (159)

Vers 159 im OCR unsicher, sinngemäß rekonstruiert [?].

brahmaviṣṇumaheśānāṃ bhinnā [mantrāḥ pṛthak sthitāḥ] [?] | prādurbhūto 'yam oṃ tatsat sarvamantrottamottamaḥ ||160|| caturvidhānām annānām anyeṣām api vastunām | mantrānyaiḥ śodhanenālaṃ syāc ced etena śodhitam ||161|| paśyan sarvatra sadrūpaṃ japaṃs tatsanmahāmanum | svecchācāraḥ śuddhacittaḥ sa eva bhuvi kularāṭ ||162||

Während [die Mantras] Brahmās, Viṣṇus [und] Maheśas [je für sich] getrennt bestehen [?], ist dieses „Oṃ tat sat“ erschienen, das allerbeste aller Mantras. (160) Was die vier Arten von Speisen und die anderen [zu reinigenden] Gegenstände betrifft, so erübrigt sich die Reinigung mit anderen Mantras, wenn sie mit diesem [einen] gereinigt worden sind. (161) Wer überall die Wesensform des Seins (sat) erblickt und den großen Spruch „tat sat“ murmelt, wer nach eigenem Willen handelt [und dabei doch] reinen Sinnes ist - eben der ist der König des Kula auf Erden. (162)

Vers 160 im OCR stark entstellt, sinngemäß rekonstruiert [?].

japād asya bhavet siddho muktaḥ syād arthacintanāt | sākṣād brahmasamo dehī sārdham enaṃ japan manum ||163|| tripadobhayaṃ mahāmantraḥ sarvakāraṇakāraṇam [?] | sādhanād asya mantrasya bhaven mantrī svayam [?] ||164|| yugmaṃ yugmapadaṃ vāpi pratyekapadam eva vā | japtvaitasya maheśāni sādhakaḥ siddhimāg bhavet ||165||

Durch dessen Murmelrezitation wird man vollkommen (siddha), durch das Erwägen seiner Bedeutung wird man befreit; der Verkörperte, der diesen Spruch [mit Verständnis] murmelt, wird unmittelbar Brahman gleich. (163) Dieser aus drei Wortgliedern [bestehende] große Spruch ist die Ursache aller Ursachen; durch das [beharrliche] Üben dieses Mantras wird man selbst zu einem Mantra-Meister. (164) Ob paarweise, in zusammengehörigen Wortpaaren, oder auch Wort für Wort einzeln - durch dessen Murmelrezitation, o Maheśānī, erlangt der Übende Vollkommenheit (siddhi). (165)

Vers 164 im OCR unsicher, sinngemäß rekonstruiert [?]. Das "aus drei Wortgliedern bestehende" Mantra ist "oṃ - tat - sat".

devāvadhūtasaṃskāravidhūtākhilakarmaṇaḥ | nāpi devena vā pitrā na tasyādhikāritā [?] ||166|| caturṇām avadhūtānāṃ turīyo haṃsa ucyate | trayo 'nye yogabhogāḍhyā muktāḥ sarve śivopamāḥ [?] ||167|| haṃso na kuryāt strīsaṅgaṃ na vā dhātuparigraham | prārabdham aśnan viharen niṣedhavidhivarjitaḥ ||168||

Für den, dessen gesamtes [früheres] Wirken durch die Weihe des Gott-Avadhūta abgeschüttelt ist, besteht weder für einen Gott noch für den [leiblichen] Vater [mehr] eine Verfügungsgewalt [über ihn]. (166) Von den vier Avadhūta-Arten wird der vierte „Haṃsa“ genannt; die anderen drei, reich an Yoga und [rechtmäßigem weltlichem] Genuss, sind alle befreit, Śiva vergleichbar. (167) Der Haṃsa soll weder Umgang mit Frauen pflegen noch Metall(-Besitz) annehmen; sein [aus früherem Karma] bereits in Gang gesetztes Schicksal (prārabdha) auskostend, soll er frei umherwandern, aller [sonstigen] Verbotsvorschriften ledig. (168)

Vers 166-167 im OCR unsicher, sinngemäß rekonstruiert [?]. Der Haṃsa ("Schwan") ist der vierte und höchste der vier Avadhūta-Typen.

tyajet svajātiliṅgāni karmāṇi gṛhamedhinām | turīyo vicaret kṣauṇīṃ niḥsaṃkalpo niryamaḥ ||169|| sadātmabhāvasantuṣṭaḥ lokamohavivarjitaḥ | nirniketas titikṣuḥ syān niḥśaṅkyo nispṛhaḥ [?] ||170|| nārpaṇaṃ bhakṣyapeyānāṃ na tasya dhyānadhāraṇāḥ | mukto virakto nirdvandvo haṃsācāraparo yatiḥ ||171|| iti te kathitaṃ devi caturṇāṃ kulayoginām | lakṣaṇaṃ saviśeṣeṇa sādhūnāṃ tattvasvarūpiṇām ||172||

Er soll die Kennzeichen seines [früheren] Standes und die Pflichten der Hausväter aufgeben; der „Vierte“ soll, ohne [festen] Vorsatz, ohne [feste] Regel, über die Erde wandern. (169) Immer zufrieden im Zustand des Selbst, frei von weltlicher Verblendung, heimatlos, duldsam, frei von Zweifel [und Furcht], frei von Begehren soll er sein. (170) Für ihn gibt es kein [rituelles] Darbringen von Speise und Trank, keine Meditation [oder] Konzentration [als gesonderte Übung mehr]; der der Haṃsa-Lebensweise ergebene Asket ist befreit, entsagend, jenseits der Gegensatzpaare (dvandva). (171) So ist dir, o Göttin, das Merkmal der vier Kula-Yogis im Einzelnen dargelegt worden - der heiligen Männer, deren wahre Natur die Wirklichkeit (tattva) selbst ist. (172)

Vers 170 im OCR unsicher, sinngemäß rekonstruiert [?]. Vers 172 schließt die Systematik der vier Avadhūta-Typen (seit Vers 141) ab; es folgt (ab Vers 173) eine Lobpreisung der Kaulas und der Kula-Lehre.

eteṣāṃ darśanāt sparśād ālāpāt paritoṣaṇāt | sarvatīrthaphalāvāptir jāyate manujanmanām [?] ||173|| pṛthivyāṃ yāni tīrthāni puṇyakṣetrāṇi yāni ca | kulasannyāsināṃ dehe santi tāni sadā priye ||174|| te dhanyās te kṛtārthāś ca te puṇyās te kṛteśvarāḥ [?] | yair arcitāḥ kuladravyair mānavaiḥ kulasādhavaḥ ||175|| aśucir yāti śucitām asparśyaḥ sparśyatām iyāt | abhakṣyam api bhakṣyaṃ syād yeṣāṃ saṃsargamātrataḥ ||176||

Vom bloßen Anblick, von der Berührung, vom Gespräch mit ihnen, von ihrer Zufriedenstellung erlangen die Menschen die Frucht aller Pilgerstätten. (173) Welche Pilgerstätten es auf Erden gibt, und welche heiligen Gefilde, sie alle sind, o Liebe, immer im Leibe der Kula-Entsagten (kulasannyāsin) gegenwärtig. (174) Gesegnet sind jene, ihr Ziel erreicht haben jene, verdienstvoll sind jene, [gleichsam] den Herrn selbst verehrt haben jene Menschen, von denen die Kula-Heiligen mit Kula-Substanzen verehrt worden sind. (175) Der Unreine wird rein, der Unberührbare wird berührbar, sogar Ungenießbares wird genießbar - durch die bloße Gemeinschaft mit ihnen. (176)

Vers 173 und 175 im OCR unsicher, sinngemäß rekonstruiert [?]. Ab hier (173-194) folgt eine begeisterte Lobpreisung der Kaula-Asketen und der Kula-Lehre; deren zentrales Thema ist deren universale, kastenunabhängige Zugänglichkeit und reinigende Kraft.

kirātāḥ pāpinaḥ krūrāḥ pulindā yavanāḥ khasāḥ | śudhyanti yeṣāṃ saṃsparśāt tān vinā ko 'nyam arcayet ||177|| kuladravyaiḥ kaulikān kulayoginaḥ | ye 'rcayanti sa śraddhayā te 'pi pūjyā mahītale [?] ||178|| kauladharmāt paro dharmo nāsty eva kamalānane | anyajo 'pi yam āśritya patito 'pi kulapadaṃ vrajet [?] ||179|| karipāde vilīyante sarvaprāṇipadāni yathā | kule nimajjanti sarve dharmās tathā priye ||180||

Kirātas, Sünder, Grausame, Pulindas, Yavanas, Khasas [d.h. verschiedene als niedrig geltende Fremd- und Grenzvölker] - sie werden rein durch die Berührung mit wem? [Eben mit den Kaulas]; wen anders als sie sollte man [dann überhaupt noch] verehren? (177) Diejenigen, die die Kaulikas, die Kula-Yogis, mit Kula-Substanzen und mit Glauben verehren, auch sie sind auf Erden verehrungswürdig. (178) Es gibt, o Lotusantlitzige, wahrhaftig keinen höheren Dharma als den Kaula-Dharma; selbst ein anders Geborener [von niedriger Herkunft], selbst ein Gefallener, der sich ihm anvertraut, erlangt den Rang des Kula. (179) Wie alle Fußspuren [anderer] Lebewesen sich in der Fußspur des Elefanten auflösen, so gehen, o Liebe, alle [anderen] Dharmas im Kula[-Dharma] unter. (180)

Vers 178-179 im OCR unsicher, sinngemäß rekonstruiert [?]. Diese Verse formulieren den universalistischen Grundgedanken des Kaula-Kultes: kastenübergreifende, ja selbst für as niedrig geltende Fremdvölker offene Zugänglichkeit.

aho puṇyatamāḥ kaulās tīrtharūpāḥ sadā priye | ye punanty ātmasambandhān mlecchaśvapacapāmarān [?] ||181|| gaṅgāyāṃ patitāmbhāṃsi yānti gāṅgyatvaṃ yathā | kulācāre viśrāntā api sarve gacchanti kaulatām ||182|| yathārṇavagataṃ vāri na pṛthagbhāvam āpnuyāt | tathā kulambudhau magnā na bhaveyur janāḥ pṛthak ||183|| viprādyāś caṇḍāntā [antyajā] dvipadā ye 'tra bhūtale | te sarve 'smin kulācāre bhaveyur adhikāriṇaḥ ||184||

O, höchst verdienstvoll sind die Kaulas, o Liebe, immer von der Wesensart einer Pilgerstätte, die durch die Verbindung mit sich selbst Mlecchas [Barbaren], Hundekocher [Ausgestoßene] und Niedrigste reinigen. (181) Wie Wasser, das in die Gaṅgā gefallen ist, zu „Gaṅgā-Wasser“ wird, so gehen alle, die in der Kula-Praxis Ruhe gefunden haben, in den Zustand des Kaula über. (182) Wie Wasser, das ins Weltmeer gelangt ist, keinen gesonderten Zustand mehr annimmt, so bleiben Menschen, die im Ozean des Kula versunken sind, nicht [mehr] gesondert. (183) Vom Brahmanen bis zum Caṇḍāla [Unberührbaren] - alle Zweibeiner, die es hier auf Erden gibt, sie alle sind zu dieser Kula-Praxis berechtigt. (184)

Verse 181 und 184 im OCR unsicher, sinngemäß rekonstruiert [?]. Vers 184 formuliert explizit die uneingeschränkte, alle Kasten ("vom Brahmanen bis zum Caṇḍāla") umfassende Zugangsberechtigung zur Kula-Praxis.

āhūtāḥ kuladharme 'smin ye bhavanti parāṅmukhāḥ | sarvadharmaparibhraṣṭās te gacchanty adhamāṃ gatim ||185|| prārthayanti kulācāraṃ ye kecid api mānavāḥ | tān ucchindan kulīno 'pi raurava naraṃ [narakaṃ] vrajet [?] ||186|| na cāṇḍālaṃ yavanaṃ nīcaṃ mlecchaṃ striyam avajñayā | kaulo na kuryād yaḥ kaulaḥ so 'dhamo yāty adhogatim ||187|| śatābhiṣekāt yat puṇyaṃ puraścaryāśatair api | tasmāt koṭiguṇaṃ puṇyam ekasmin kaulike kṛte ||188||

Diejenigen, die, zu diesem Kula-Dharma eingeladen, sich [dennoch] abwenden, von allem Dharma abgefallen, gehen zum niedrigsten Daseinszustand ein. (185) Welche Menschen auch immer nach der Kula-Praxis verlangen - wer sie, selbst wenn er von guter Kula-Geburt ist, abweist, geht in die Raurava-Hölle. (186) Ein Kaula soll keinen Caṇḍāla, Yavana, Niedrigen, Barbaren (mleccha) oder [keine] Frau mit Verachtung [behandeln]; welcher Kaula dies dennoch tut, ist niedrig [gesunken] und geht in einen niederen Daseinszustand. (187) Der Verdienst von hundert [feierlichen] Weihebädern, [oder auch] von hundert Vorbereitungsriten (puraścaryā) - zehnmillionenfach größer ist der Verdienst, der aus einer einzigen, einem Kaula erwiesenen Ehrerbietung entsteht. (188)

Vers 186 im OCR unsicher, sinngemäß rekonstruiert [?]. Diese Verse verschärfen die vorangehende Universalismus-Lehre zu einer ausdrücklichen ethischen Pflicht: Niemand darf wegen Kaste, Herkunft oder Geschlecht verachtet oder von der Kula-Gemeinschaft ausgeschlossen werden.

ye ye varṇāḥ kṣitau santi yadyaddharmam upāśritāḥ | kaulā bhavantas te sarve yānti paraṃ padam [?] ||189|| śivadharmāśritāḥ kaulāḥ tīrtharūpāḥ śivātmakāḥ | sadaiva śraddhayā premṇā pūjyā mānyāḥ parasparam ||190||

Welche Kasten (varṇa) auch immer es auf Erden gibt, welchem Dharma sie auch immer anhängen - sobald sie Kaulas geworden sind, gehen sie alle zum höchsten Ziel ein. (189) Die Kaulas, die sich dem Dharma Śivas anvertraut haben, von der Wesensart einer Pilgerstätte, von der Natur Śivas selbst, sollen einander stets mit Glauben und Liebe verehren und achten. (190)

Vers 189 im OCR unsicher, sinngemäß rekonstruiert [?].

bahunātra kim uktena tavāgre satyam ucyate | bhavābdhitaraṇe setuḥ kuladharmo hi nāparaḥ ||191|| chidyante saṃśayāḥ sarve kṣīyante pāpasañcayāḥ | dahyante karmajālāni kuladharmaniṣevaṇāt ||192|| satyatā brahmaniṣṭhāḥ kṛpayāhūya mānavān | pāvayanti kulācāryās te jñeyāḥ kaulikottamāḥ ||193|| iti te kathitaṃ devi sarvadharmavinirṇayam | mahānirvāṇatantrasya pūrvārdhaṃ lokapāvanam ||194||

Was soll hierüber viel gesagt werden? Die Wahrheit sei dir verkündet: Für das Überqueren des Ozeans des weltlichen Daseins (bhava) ist der Kula-Dharma die Brücke - keine andere. (191) Durch die Hingabe an den Kula-Dharma werden alle Zweifel zerschnitten, die angehäuften Sünden schwinden, die Netze des Karma werden verbrannt. (192) Wahrhaftig, in Brahman gegründet, rufen die Kula-Lehrer (kulācārya) aus Erbarmen die Menschen herbei und läutern sie; sie sind als die Besten der Kaulikas zu erkennen. (193) So ist dir, o Göttin, die vollständige Entscheidung über alle Dharmas verkündet worden - der weltläuternde „frühere Teil“ (pūrvārdha) des Mahānirvāṇa-Tantra. (194)

Vers 194 markiert ausdrücklich den Abschluss der eigentlichen Lehrdarlegung (sarvadharmavinirṇaya, begonnen bereits in früheren Kapiteln) als den „pūrvārdha“ (früheren/ersten Teil) des Gesamtwerks - ein früher Beleg dafür, dass die überlieferte Schrift, wie es scheint, nur diesen ersten Teil eines ursprünglich größer gedachten Werks bewahrt. Es folgt (195-211) eine abschließende Selbstpreisung des Tantra (Phalaśruti) vor dem Schlusskolophon.

ya idaṃ śṛṇuyān nityaṃ śrāvayed api mānavān | sarvapāpavinirmuktaḥ so 'nte nirvāṇam āpnuyāt ||195|| sarvāgamānāṃ tantrāṇāṃ sārātsāraṃ parātparam | tantrarājam idaṃ jñātvā jāyate sarvaśāstravit ||196|| kiṃ tasya tīrthaśramaṇaiḥ kiṃ yajñejyāsādhanaiḥ [?] | jānann etan mahātantraṃ karmaparair vimucyate ||197|| sa vijñaḥ sarvaśāstreṣu sarvadharmavidāṃ varaḥ | sa jñānī brahmavit sādhur ya etad vetti kālike ||198|| alaṃ vedaiḥ purāṇaiś ca smṛtibhiḥ saṃhitādibhiḥ | kim anyair bahubhis tantrair jñātvedaṃ sarvavid bhavet ||199||

Wer dies beständig hört oder auch andere Menschen [es] hören lässt, von aller Sünde befreit, erlangt am Ende das Erlöschen (nirvāṇa). (195) Nachdem er dieses Königs der Tantras - die Essenz noch über der Essenz aller Āgamas und Tantras, höher als das Höchste - kundig geworden ist, wird man ein Kenner aller Schriften. (196) Was nützen ihm Pilgerfahrten und Bußübungen? Was nützen Opfer und Opfergaben? Wer dieses große Tantra kennt, wird selbst von denen befreit, die dem [bloßen] Ritus ergeben sind. (197) Er ist der Kundige in allen Schriften, der Beste der Kenner allen Dharmas; er ist der Wissende, der Brahman-Kenner, der Heilige - wer dies weiß, o Kālikā. (198) Genug der Veden, Purāṇas, Smṛtis, Saṃhitās und dergleichen; was nützen viele andere Tantras? Wer dies erkennt, wird allwissend. (199)

Ab hier (195-211) folgt die abschließende Selbstpreisung (Phalaśruti) des Mahānirvāṇa-Tantra, ein im Genre der Purāṇas und Tantras übliches Element am Werkschluss. Vers 197 im OCR unsicher, sinngemäß rekonstruiert [?].

āsīd guhyatamaṃ yan me sādhanaṃ jñānam uttamam | tava praśnena tantre 'smiṃs tat sarvaṃ suprakāśitam ||200|| yathā brahmaṇaḥ śaktir eva prāṇādhikā parā | mahānirvāṇatantraṃ me tathā jānīhi suvrate ||201|| yathā nageṣu himavān tārakāsu yathā śaśī [?] | bhāsvāṃs tejaḥsu tantreṣu tantrarājam idaṃ tathā ||202|| sarvadharmamayaṃ tantraṃ brahmajñānaikasādhanam | paṭhitvā pāṭhayitvāpi brahmajñānī bhaven naraḥ ||203|| vidyate yasya bhavane sarvatantrottamottamam | na tasya bhayaṃ deveśi durbhavati karhicit [?] ||204||

Was mein geheimstes Übungsmittel war, die höchste Erkenntnis - all das ist durch deine Frage in diesem Tantra vollständig offenbart worden. (200) Wie die Kraft (Śakti) Brahmans selbst höher ist, teurer als das Leben, so wisse, dass mir das Mahānirvāṇa-Tantra ebenso [teuer] ist, o du von guten Gelübden. (201) Wie der Himālaya unter den Bergen, wie der Mond unter den Sternen, wie die leuchtende [Sonne] unter den Lichtquellen, so ist dieser König der Tantras [unter allen Tantras]. (202) Dieses Tantra, das allen Dharma umfasst, das alleinige Mittel zur Erkenntnis Brahmans - wer es studiert oder auch [andere darin] unterrichtet, wird zu einem Kenner Brahmans. (203) In wessen Haus dieses Beste aller Tantras vorhanden ist, dem widerfährt, o Herrin der Götter, niemals ein Unheil. (204)

Vers 202 und 204 im OCR unsicher, sinngemäß rekonstruiert [?].

ajñānatimirāndho 'pi mūrkhaḥ karmajaḍo 'pi vā | śṛṇvann etan mahātantraṃ karmabandhād vimucyate ||205|| etat tantrasya paṭhanaṃ śravaṇaṃ pūjanaṃ tathā | sadyaḥ parameśvarāṇāṃ [?] naraṇāṃ kaivalyadāyakam ||206|| uktaṃ bahuvidhaṃ tantram ekaikākhyānasaṃyutam | sarvadharmānvitaṃ tantraṃ nātaḥ parataraṃ kvacit ||207|| pātālacakraṃ mūlaṃ ca jyotiścakrasamanvitam | parārdham asya yo vetti sa sarvajño na saṃśayaḥ ||208|| parārdhasahitaṃ granthaṃ enaṃ jānan naro bhavet | trikālavartī trailokyavṛttāntaṃ kathituṃ kṣamaḥ ||209|| santi tantrāṇi bahudhā śāstrāṇi vividhāny api | mahānirvāṇatantrasya kalāṃ nārhanti ṣoḍaśīm ||210|| mahānirvāṇatantrasya māhātmyaṃ kiṃ bravīmi te | vidita etan mahātantraṃ brahmanirvāṇam āpnuyāt ||211||

Selbst wer blind ist vom Dunkel der Unwissenheit, selbst ein Tor, selbst wer im bloßen Ritus erstarrt ist - durch das Hören dieses großen Tantra wird er von der Fessel des Karma befreit. (205) Das Lesen dieses Tantra, sein Hören und ebenso seine Verehrung gewährt den Menschen sogleich die Alleinheit (kaivalya, die höchste Erlösung). (206) Vielfältige Lehre ist verkündet worden, jede mit ihrer eigenen Erzählung verbunden; doch ein Tantra, das allen Dharma in sich vereint, gibt es darüber hinaus nirgends. (207) Wer das Pātāla-Cakra, die Wurzel, zusammen mit dem Jyotiś-Cakra, [und] dessen „weiteren Teil“ (parārdha) kennt, der ist allwissend, kein Zweifel. (208) Der Mensch, der dieses Buch zusammen mit seinem „weiteren Teil“ kennt, wird zu einem in allen drei Zeiten Gegenwärtigen, fähig, die Geschehnisse der drei Welten zu verkünden. (209) Es gibt vielerlei Tantras und mancherlei Lehrschriften; [doch] sie erreichen nicht einmal ein Sechzehntel [des Wertes] des Mahānirvāṇa-Tantra. (210) Was soll ich dir [noch mehr] von der Größe des Mahānirvāṇa-Tantra sagen? Wer dieses große Tantra kennt, erlangt das Erlöschen in Brahman (brahmanirvāṇa). (211) So endet, im Gespräch des erhabenen uranfänglichen Sadāśiva, im Mahānirvāṇa-Tantra - dem allerbesten aller Tantras, dem Kern der Entscheidung über alle Dharmas -, im früheren Buch (pūrvakāṇḍa), das vierzehnte Kapitel (Ullāsa), genannt „Die Darlegung der Aufstellung des Śiva-Liṅga und der vier Arten von Avadhūtas“. Hiermit ist dieser frühere Teil (pūrvārdha) [des Werkes] vollendet.

Vers 206 im OCR unsicher, sinngemäß rekonstruiert [?]. Die Verse 208-210 verweisen auf einen angeblich noch umfangreicheren, weiteren Teil (parārdha, uttarakāṇḍa) des Werks, der jedoch nicht überliefert ist; dies erklärt auch die Schlussbemerkung des Kolophons, dass hiermit nur der „frühere Teil“ (pūrvārdha) beendet sei - ein in der Forschung bekannter Hinweis darauf, dass das Mahānirvāṇa-Tantra, wie es überliefert ist, nur diesen ersten Teil eines ursprünglich (angeblich) größer angelegten Werks umfasst. Die letzte Zeile im Absatz „de“ gibt die abschließende Kolophon-Zeile der Ausgabe (Wurzeltext- und Kommentar-Kolophon zusammengefasst) wieder; sie beendet zugleich das gesamte vorliegende Werk (Ullāsa 1-14).

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