Paṭala 4: iti śrīmahānirvāṇatantre sarvatantrottamottame sarvadharmanirṇayasāre śrīmadādyāsadāśivasaṃvāde jīvanistārāyopāyapraśnottarapratipādanopakramo nāma caturthollāsaḥ [?]
4. Kapitel: Frage nach der Verehrung der Göttin und Beginn der Darlegung des Kula-Wegs im Kali-Zeitalter
Quelle: Mahānirvāṇa-Tantra mit dem Kommentar des Hariharānanda Bhāratī, Tantrik Texts Vol. XIII, Calcutta 1929 (archive.org DLI 2015.326303, OCR); übersetzt wurde nur der Wurzeltext (106 Verse), der Kommentar wurde nur zur Klärung einzelner OCR-Lesungen herangezogen. Inhalt: Die Göttin fragt nach Vorschrift, Mantra, Meditation und Verehrung ihrer eigenen sādhana (1–7). Sadāśiva erklärt sie zur höchsten Urnatur und Mutter der Welt, nennt ihre Erscheinungsformen (Mahāvidyās), die Deutung von Kālī als „Verschlingerin der Zeit“ und ihre Gestaltlosigkeit (8–34). Er preist den Kula-Wandel (kulācāra) und den Kaula als höchsten Dharma für das Kali-Zeitalter, nennt Zeichen des erstarkenden Kali und die davor Gefeiten (35–72). Es folgen die Betonung der Wahrheit (satya) als einziges Bestehendes, die Pflicht, Alltags- und Lebensriten (Sakramente, Śrāddha usw.) nach der Vorschrift Śivas auszuführen, und Warnungen vor Handeln auf fremdem („nicht-śāmbhavischem“) Weg (73–105); Vers 106 kündigt das besondere Verehrungsverfahren mit Mantra und Yantra an. OCR-Qualität: mäßig bis schlecht; Vers 64 fehlt vollständig (Lücke im OCR), Verse 65, 86, 93, 95, 100, 101 haben verstümmelte Zeilenanfänge; unsichere Stellen sind mit [?] bzw. […] markiert. Die Kapitel-Kolophonzeile ist stark verderbt und daher ergänzt. Die Verse 1–63 wurden aus einem früheren Übersetzungsanlauf übernommen, nach dem OCR-Text nachgeprüft und in wenigen Stellen (Verse 7, 32, 33) korrigiert.
Nachdem sie die Verehrung des höchsten Brahman recht vernommen hatte, fragte die höchste Herrin (Parameśvarī), von höchster Wonne erfüllt, [den Gott] abermals [?]. (1)
Die Göttin sprach: Herr, die höchste Brahman-Verehrung, die du dargelegt hast, die allen Welten Freude bereitet und unmittelbar den Rang des Brahman verleiht, (2) die Glanz, Einsicht, Kraft und Herrschaft gibt und ein leichtes Mittel [zum Ziel] ist – davon bin ich gesättigt, o Herr des Alls, getränkt vom Nektar deiner Worte. (3)
Was du gesagt hast, Ozean des Erbarmens: Wie [die Menschen] durch den Dienst am Brahman zur Brahman-Vereinigung (sāyujya) gelangen, genauso [gelangen sie] durch die Verehrung meiner [Person]. (4) Dies möchte ich wissen: die auf mich bezogene, höchste Verehrung, die – wie du sagtest, Herr – die Vereinigung mit dem Brahman hervorbringt. (5) Wie ist ihre Vorschrift, auf welchem Weg [geschieht] die Verehrung? Welcher Mantra ist hier festgesetzt, und was [gehört an] Meditation, Ritualverehrung und dergleichen [dazu]? (6)
Du mögest es mit allen Einzelheiten und Resten, von der Wurzel an, darlegen – das mir Wohlgefällige, den Menschen Heilsame. Wer außer dir, Śambhu, wäre denn [sonst] Arzt und Lehrer gegen die Krankheit des Daseins? (7)
Vers 1d: das OCR-Wort vor „paripracchati“ ist unsicher (bhūyaḥ ergänzt). Vers 7 hat im Druck drei Zeilen (irregulär; möglicherweise fehlt eine Zeile oder eine ist eingeschoben). Vers 5b/6: Sinn nach Sprachkenntnis. Die Verszählung des Drucks ist lückenlos.
Als der Gott der Götter, der große Herr, der Gatte der Pārvatī, diese Rede der Göttin gehört hatte, sprach er mit höchster Zuneigung [?]. (8)
Śrī Sadāśiva sprach: Höre, Göttin, Hochbeglückte, den Grund, weshalb man dich verehrt, durch den der Mensch mittels deiner Verehrung die Brahman-Vereinigung erlangt. (9)
Du bist die höchste Urnatur (prakṛti), unmittelbar [die Kraft] des Brahman, des höchsten Selbst. Aus ihr ist die ganze Welt entstanden – eben diese bist du, Weltmutter, Śivā. (10) Alles, was sich von der Mahat-Stufe bis zum Atom erstreckt, dieses Bewegliche und Unbewegliche, [ist] von dir erzeugt; diese Welt hängt von dir ab. (11)
Du bist die Erste unter allen Wissensgestalten (vidyā) und der Ursprungsort auch von uns. Du kennst die ganze Welt; dich kennt niemand. (12) Du bist Kālī, Tāriṇī, Durgā, Ṣoḍaśī, Bhuvaneśvarī, Dhūmāvatī, Bagalā, Bhairavī, Chinnamastakā [die zehn Mahāvidyās, teils in der Aufzählung verkürzt], (13) du bist Annapūrṇā, die Göttin der Rede (Vāc), du die Göttin, die in der Lotusblume wohnt; du bist Wesen aller Kräfte (śakti), dein Leib besteht aus allen Göttern. (14)
Vers 8d unsicher (OCR gibt ein Wort vor pārvatīpatiḥ, das nicht sicher lesbar ist). Vers 11cd: OCR stark verderbt, Rekonstruktion tvayaivotpāditaṃ ... tvadadhīnam nach Sinn und Metrik. Kommentar zitiert in v. 12–14 nur einzelne Wörter (kamalākhyā, tanuḥ); kein Einfluss auf die Deutung.
Du allein bist die Feine und die Grobe, du bist von manifester und unmanifester Wesensart; obwohl gestaltlos, bist du gestaltet – wer vermöchte dich zu erkennen? (15) Zum Nutzen der Verehrer und zum Heil der Welten, zur Vernichtung der Dānavas (Dämonen) nimmst du vielerlei Leiber an. (16) Vierarmig, zweiarmig, sechsarmig und achtarmig [bist du], und eben du trägst, um die Welt zu schützen, mannigfache Waffen und Wurfgeschosse. (17)
Entsprechend den jeweiligen Gestalten ist die Verehrungspraxis mit Mantra, Yantra (Diagramm) usw. in [den jeweiligen] eigenen Tantras dargelegt und auch unmittelbar von dir dargelegt worden [?]. (18)
Im Kali[-Zeitalter] gibt es die Haltung des Tiers (paśubhāva) nicht, und auch die göttliche Haltung (divyabhāva) ist schwer zu erlangen; im Kali-Zeitalter sind die Werke der Heldenpraxis (vīrasādhana) sogleich wirksam (wörtlich: augenscheinlich). (19) Ohne den Kula-Wandel (kulācāra), Göttin, entsteht im Kali-Zeitalter keine Vollendung (siddhi); darum soll man mit aller Anstrengung die Kula-Praxis ausüben. (20) Durch den Kula-Wandel, Herrin der Götter, entsteht Brahman-Erkenntnis; der Sterbliche, der die Brahman-Erkenntnis besitzt, ist ein bei Lebzeiten Erlöster (jīvanmukta), daran ist kein Zweifel. (21)
Vers 18: OCR in der zweiten Zeile stark verderbt (svatantreṣu / kathitaṃ tvayā unsicher). Bhāva: paśu-, vīra-, divya-Haltung sind die drei Grundhaltungen tantrischer Praktizierender. Vers 21 Zählung im OCR als 23 gedruckt, laut Folge 21.
Durch Erkenntnis ist alles rein; aus Nichterkenntnis [?] würde es unrein. Ist die Brahman-Erkenntnis erlangt, so gibt es Reines und Unreines nicht mehr. (22) Wer das höchste Brahman kennt, das alles durchdringt und ewig ist – was ist für ihn, der weiß „alles ist Brahman“, [noch] unrein? (23)
Du, Göttin, hast alle Gestalten, bist die höchste Mutter aller; ist du, Herrin der Götter, zufriedengestellt, so sind alle zufriedengestellt. (24) Am Anfang der Schöpfung warst du allein, von der Wesensart des Dunkels (tamas), unfassbar; daraus entstand die ganze Welt aus dem Schöpfungswunsch des höchsten Brahman. (25) Von der Mahat-Stufe (mahattattva) bis zu den Elementen ist diese Welt von dir geschaffen; jenes Brahman ist bloß die Anlassursache (nimitta), die Ursache aller Ursachen. (26)
Dem Wesen nach seiend, überall durchdringend, wohnt es allem inne; stets von einer Wesensart, reines Bewusstsein, in allen Dingen unbefleckt. (27) Es handelt nicht, es isst nicht, geht nicht, steht nicht: wahr, Erkenntnis, ohne Anfang und Ende, für Sprache und Denken unerreichbar. (28) Auf bloßen Willen gestützt, bewirkst du, höchste große Yoginī, [das Entstehen], erhältst und vernichtest am Ende diese bewegte und unbewegte Welt. (29)
22a: OCR nur ‚jñānato bhavet‘; ergänzt ajñānato nach Sinn ([?]). 23a: ‚na jānāti‘ im OCR, ‚yo jānāti‘ nach Sinn und dem im Kommentar an dieser Stelle zitierten Anfang (y-) gelesen. Zählung 25 im OCR mit Ziffernfehler, folgt der Reihe.
Deine [eine] Gestalt ist Mahākāla („die große Zeit“), der Bewirker der Weltauflösung; zur Zeit der großen Auflösung wird die Zeit (kāla) alles verschlingen. (30) Weil er alle Wesen „berechnet“ bzw. „ergreift“ (kalanāt), wird er Mahākāla genannt; weil du auch den Mahākāla „ergreifst“, bist du die Urerste, die höchste Kālikā. (31) Weil sie die Zeit verschlingt, [heißt sie] Kālī, die Urgestalt [wörtl.: Gestalt des Anfangs] von allen [?]; wegen des Zeit-Seins und weil sie am Anfang stand, wird die Erste „Kālī“ genannt. (32)
Wenn du wieder deine Eigengestalt angenommen hast – die dunkle Gestalt, gestaltlos, für die Rede unerreichbar und dem Denken unzugänglich –, dann bleibst du allein übrig. (33) Obwohl gestaltet, bist du gestaltlos; durch Māyā (Schein-Kraft) vielgestaltig; du bist der Anfang von allem und ohne Anfang, du bist die Schöpferin, die Vernichterin und die Erhalterin. (34)
Vers 32b im OCR verderbt (sarveṣām ādirūpiṇī, mit Rest-Unsicherheit; Kommentar zitiert nur „ādirūpiṇī“). Wortspiel kalanāt/kāla: kal- „zählen, ergreifen, verschlingen“, Kāla „Zeit“. In 33a lese ich tamorūpaṃ (Eigengestalt mit dem Wesen des Dunkels), Lesung unsicher.
Deshalb ist dir, Gütige, gesagt worden: Welche Frucht der mit dem Brahman-Mantra Eingeweihte erlangt, [die erlangt man] dort durch die Ausübung [der Verehrung] von dir [?]. (35) Gemäß der vielerlei Praxis aller, entsprechend den Unterschieden von Ort, Zeit und Befähigung, ist, Göttin, an manchen Stellen eine [andere, ggf. verborgene] Ausübung gelehrt worden [?]. (36) Welche Menschen für welche [Praxis] befähigt sind, die haben dort ihren Anteil an der Frucht; sie werden [zum Heil] gelangen und hinüberkommen, die Menschen, frei von Schuld. (37)
Durch in vielen Geburten erworbene Verdienste entsteht die Neigung zum Kula-Wandel (kulācāra); durch den Kula-Wandel wird das Selbst gereinigt und man wird unmittelbar Śiva-gleich (śivamaya). (38) Wo es ein Übermaß an Genuss (bhoga) gibt, was ist dort von Yoga zu sagen? Beim Yoga wiederum gibt es keinen Genuss; der Kaula aber erlangt beides. (39)
35cd und 36d: OCR verderbt; Lesart nach Sinn. Der Kommentar (nicht zur Deutung genutzt) bietet für 36d nur kutracit-Zitat; guptasādhana/vyaktasādhana bleibt unsicher.
Wenn auch nur ein einziger Kenner der Kula-Wirklichkeit (kulatattva) von jemandem verehrt worden ist, Schöne, so sind alle Götter und Göttinnen verehrt worden; daran ist kein Zweifel. (40) Die Frucht, die man erlangt, wenn man die mit Gold gefüllte Erde verschenkt – davon das Zehnmillionenfache an Verdienst gewinnt man durch die Verehrung eines Kaula. (41) Auch ein Hundeköcher (Śvapaca, Kastenloser), der die Kula-Erkenntnis besitzt, ragt über den Brāhmaṇa hinaus; ein Brāhmaṇa aber ohne Kula-Wandel ist schlimmer als ein Śvapaca. (42)
Es gibt keine höhere Dharma-Weise als den Kaula-Dharma [im Hinblick auf Erkenntnis für den Menschen?]; durch dessen bloße Ausübung wird der Mensch ein Brahman-Kenner. (43) Wahr sage ich es dir, Göttin, nimm es dir zu Herzen: Höher als der Kaula[-Dharma], der der beste aller Dharmas ist, gibt es keinen Dharma. (44) Dieser höchste Weg aber ist verborgen im Gedränge der paśu (der „Tiere“, Nicht-Eingeweihten); bald wird er offenbar werden, wenn das Kali[-Zeitalter] eingetreten und erstarkt ist. (45)
Vers 43ab und 44ab sind im OCR stark verderbt; 44cd nach Klang und Sinn rekonstruiert (sarvadharmottamāt kaulāt). 45: paśusaṅkule ist geraten (OCR ‚-saṅkaṭa‘); der Kommentar glossiert nur „paśu-Gruppe“, kein Einfluss auf die Deutung.
kalikāle pravṛddhe tu satyaṃ satyaṃ mayocyate | na sthāsyati vinā kaulāt [?] pāpe [?] mānavā bhuvi ||46||
yadā tu vaidikī dīkṣā dīkṣā paurāṇikī tathā | na sthāsyati varārohe tadaiva pravalaḥ kaliḥ ||47||
yadā tu puṇyapāpānāṃ parīkṣā vedasaṃbhavā [?] | na sthāsyati hi [?] śānte tadaiva pravalaḥ kaliḥ ||48||
kvacic chinnā kvacid bhinnā [?] yadā surataraṅgiṇī | bhaviṣyati kuleśāni tadaiva pravalaḥ kaliḥ ||49||
Wenn das Kali-Zeitalter erstarkt ist, wahrlich, wahrlich sage ich: Ohne [den] Kaula[-Weg] werden die Menschen auf Erden nicht [aufrecht?] bestehen können [?]. (46) Wenn die vedische Weihe (dīkṣā) und ebenso die purāṇische Weihe nicht mehr bestehen, Schönhüftige, dann ist das Kali[-Zeitalter] gerade stark. (47) Wenn die Prüfung von Verdienst und Sünde, die aus dem Veda [entspringt], nicht mehr bestehen wird, o Friedvolle, dann ist das Kali[-Zeitalter] gerade stark. (48) Wenn die Himmelsflut, die Gaṅgā, hier zerrissen, dort zerteilt ist, dann wird, Herrin der Kula, das Kali[-Zeitalter] gerade stark sein. (49)
46cd, 48ab und 49ab sind im OCR verderbt; Lesarten unsicher. 49: surataraṅgiṇī = „Fluss der Götter“ = Gaṅgā (so auch der Kommentar; nur als Wortglosse).
Wenn Könige aus barbarischen (mleccha-)Geschlechtern, gierig nach Reichtum, [herrschen] werden, du sehr Weise, dann ist das Kali[-Zeitalter] gerade stark. (50) Wenn Frauen sehr schwer zu bändigen sind, hart, am Streit ihre Freude findend, und ihren Gatten tadeln, dann ist das Kali[-Zeitalter] gerade stark. (51) Wenn die Menschen auf Erden, von Frauen besiegt, Diener der Begierde, den Lehrer, Freunde und andere schmähen [?], dann ist das Kali[-Zeitalter] gerade stark. (52) Wenn die Erde [nur wenig?] Korn und Frucht trägt, die Wolken nur spärlich regnen, die Bäume nicht recht Früchte tragen, dann ist das Kali[-Zeitalter] gerade stark. (53) Wenn Brüder, Verwandte und Kinder um ein Körnchen Reichtums willen einander schlagen, dann ist das Kali[-Zeitalter] gerade stark. (54) Wenn Wein, Fleisch und dergleichen [etwas] Offenes ist, frei von Tadel und Strafe, [und] man dennoch heimlich trinkt, dann ist das Kali[-Zeitalter] gerade stark. (55)
52c: OCR nicht sicher (dūṣayanti oder duṣyanti). 53a: ‚sasyaphalā‘ ohne Vorsilbe im OCR. 55: Satzbau gemäß OCR, wörtlich wiedergegeben.
satyatretādvāpareṣu yathā madyādisevanam | kalāv api tathā kuryāt kulavartmānusārataḥ ||56||
ye kurvanti kulācāraṃ satyapūtā jitendriyāḥ | tyaktavairā [?] dayāśīlā na hi tān bādhate kaliḥ ||57||
gurusuśrūṣaṇe yuktā ratā mātṛpadāmbuje [?] | anuraktāḥ svadāreṣu na hi tān bādhate kaliḥ ||58||
satyavratāḥ satyaniṣṭhāḥ satyadharmaparāyaṇāḥ | kulasādhanasatyā ye na hi tān bādhate kaliḥ ||59||
kulamārgeṇa tattvāni śodhitāni ca yogine | ye dadyuḥ satyavacase na hi tān bādhate kaliḥ ||60||
hiṃsāmātsaryarahitā dambhadveṣavivarjitāḥ | kauladharmeṣu niṣṭhā ye na hi tān bādhate kaliḥ ||61||
kaulikaiḥ saha saṃsargaṃ vasatiṃ kulasādhuṣu | kurvanti kaulasevāṃ ye na hi tān bādhate kaliḥ ||62||
nānāveṣadharāḥ kaulāḥ kulācāreṣu niścalāḥ | sevante tāṃ kuleśānīṃ [?] na hi tān bādhate kaliḥ ||63||
Wie in [den Zeitaltern] Satya, Tretā und Dvāpara der Gebrauch von Wein und dergleichen [üblich war], so soll man es auch im Kali[-Zeitalter] tun, dem Weg der Kula folgend. (56) Die den Kula-Wandel ausüben, durch Wahrhaftigkeit gereinigt, die Sinne bezwungen, [frei von Feindschaft?], von mitfühlender Art – sie bedrängt das Kali nicht. (57) Die dem Guru wohl dienen, an den Lotusfüßen der Mutter hängen [?], ihren eigenen Frauen zugetan sind – sie bedrängt das Kali nicht. (58) Die dem Wahren gelobt, in der Wahrheit gefestigt, der Wahrheit als Dharma ergeben sind, die in der Kula-Praxis wahrhaftig sind – sie bedrängt das Kali nicht. (59)
Die dem wahrhaftig redenden Yogin die auf dem Kula-Weg gereinigten Tattvas (die „Wirklichkeiten“, d. h. die rituellen Substanzen Wein, Fleisch usw.) geben – sie bedrängt das Kali nicht. (60) Die frei von Gewalttätigkeit und Missgunst sind, ohne Heuchelei und Hass, im Kaula-Dharma gefestigt – sie bedrängt das Kali nicht. (61) Die den Umgang mit Kaulas pflegen, unter guten Kula-Anhängern wohnen und den Kaulas dienen – sie bedrängt das Kali nicht. (62) Die Kaulas, die vielerlei Gewänder tragen und im Kula-Wandel unerschütterlich sind, die diese Herrin der Kula verehren [?] – sie bedrängt das Kali nicht. (63)
57c: tyaktavairā ist Konjektur für verderbtes OCR. 58b: ‚ratā mātṛpadāmbuje‘ unsicher (OCR nur ‚matta mātra…‘). 63c: ‚kuleśānīṃ‘ Konjektur (OCR ‚kuceṇa‘). Im Kommentar wird tattvāni als „Wein, Fleisch usw.“ geglosst; diese Glosse bestätigt lediglich die im Text selbst naheliegende Bedeutung.
[…lacuna…] ||64||
[…]ṣekādisaṃskārāḥ [?] pitṛśrāddhādikāḥ kriyāḥ | ye tu kulācāreṇa […] na hi tān bādhate kaliḥ ||65||
kulatattvaṃ kuladravyaṃ kulayoginam eva ca | namaskurvanti ye bhaktyā na hi tān bādhate kaliḥ ||66||
kaulikācāravratānāṃ [?] svacchānāṃ kulamārgiṇām | paropakāravratināṃ sādhūnāṃ kiṅkaraḥ kaliḥ ||67||
kaler doṣasamūhasya mahān eko guṇaḥ priye | satyapratijñakaulānāṃ śreyaḥ saṅkalpamātrataḥ ||68||
[Vers 64 fehlt im OCR-Text vollständig; sein Inhalt lässt sich nicht erschließen.] (64)
[…] die mit [Salbung? (abhi)ṣeka?] beginnenden Sakramente (saṃskāra) und die mit dem Ahnenopfer (pitṛśrāddha) beginnenden Riten – die [sie] gemäß dem Kula-Wandel [vollziehen] […], sie bedrängt das Kali nicht. (65) Die Kula-Wirklichkeit (kulatattva), die Kula-Substanz (kuladravya) und den Kula-Yogin in Hingabe verehren (wörtlich: sich vor ihnen verneigen) – sie bedrängt das Kali nicht. (66)
Denen, die dem Gelübde des Kaula-Wandels [treu sind?], den Lauteren (svaccha), die dem Kula-Weg folgen, dem Wohl anderer als Gelübde ergeben, den Guten – ihnen ist das Kali ein Diener (kiṅkara). (67) Vom Kali, dem Inbegriff der Fehler, gibt es einen einzigen großen Vorzug, Liebe: Für Kaulas, die ihrem Wahrheitsgelöbnis treu sind, [entsteht] Heil schon durch bloßen Vorsatz (saṅkalpa). (68)
Kulturell-ritueller Kontext: Kaula = Anhänger der Kula-Überlieferung. Vers 64 ist im OCR ausgefallen (die Kopfzeilen der Seite fehlen im Text; das Kapitel zählt trotzdem 64 weiter, Vers 65 folgt mit der Nummer 65). Vers 65: die Zeilenanfänge sind verstümmelt: „…ṣekādi-“ könnte abhiṣekādi sein (unsicher), in Zeile 2 fehlt vor „na hi tān“ ein Stück (etwa 2 Silben). 66: Zählung im OCR verderbt, Reihenfolge klar; erstes Wort nach Klang und Silbenzahl kulatattvaṃ gelesen. 67a: das OCR gibt „…hīnānām“, das mit „ist Kali ihr Diener“ nicht zusammenpasst; gelesen kaulikācāravratānāṃ [?]. 67c: im Kommentar wörtlich als „paropakāravratinām“ zitiert (nur zur Klärung der OCR-Lesung). 68: Zählung im Druck als 68 gelesen.
apare tu yuge devi puṇyaṃ pāpaṃ ca mānasam | nṛṇām āsīt kalau puṇyaṃ kevalaṃ na tu duṣkṛtam ||69||
kulācāravihīnā ye satatāsatyabhāṣiṇaḥ | paradrohaparā ye ca te narāḥ kalikiṅkarāḥ ||70||
kulavartmasv abhaktā ye parayoṣitsu kāmukāḥ | dveṣṭāraḥ kulaniṣṭhānāṃ te jñeyāḥ kalikiṅkarāḥ ||71||
yugācāraprasaṅgena kaleḥ prābalyalakṣaṇam | saṃkṣepāt kathitaṃ bhadre prītaye tava pārvati ||72||
In den anderen Zeitaltern aber, Göttin, waren bei den Menschen Verdienst und Sünde [schon] gedanklich [wirksam] (mānasa); im Kali[-Zeitalter] [zählt] nur das Verdienst [gedanklich], nicht aber die Untat [bloß gedacht] [?]. (69)
Wer ohne Kula-Wandel ist, stets Unwahres redet und darauf aus ist, anderen zu schaden – diese Menschen sind Diener des Kali. (70) Die dem Kula-Weg nicht ergeben sind, nach fremden Frauen lüstern, Hasser derer, die im Kula fest stehen – sie sind als Diener des Kali zu erkennen. (71) Bei Gelegenheit des Zeitalter-Wandels (yugācāra) ist so das Merkmal der Übermacht des Kali kurz dargelegt worden, Gütige, dir zur Freude, Pārvatī. (72)
69: der Sinn der Zeile (Kali: nur gedanklicher Verdienst zählt, nicht gedankliche Sünde) ist erschlossen; āsīt (Imperfekt) neben kalau ist auffällig, im OCR nicht anders lesbar. 70–72: Lesung sicher bis auf OCR-Kleinigkeiten (72d: „tava pārvati“ aus verderbtem „tam pavati“).
prakaṭe 'tra kalau devi sarve dharmā durbalāḥ [?] | sthāsyaty ekaṃ satyam ācāraṃ [?] tasmāt satyamayo bhavet ||73||
[satyaṃ] dharmaṃ samāśritya yat karma kurute naraḥ | tad eva saphalaṃ karma satyaṃ jānīhi [sundari?] ||74||
na hi satyāt paro dharmo na pāpam anṛtāt paraḥ | tasmāt sarvātmanā martyaḥ satyam ekaṃ samāśrayet ||75||
satyahīnā vṛthā pūjā satyahīno vṛthā japaḥ | satyahīnaṃ tapo vyarthaṃ ūṣare vapanaṃ yathā ||76||
satyarūpaṃ paraṃ brahma satyaṃ hi paramaṃ tapaḥ | satyamūlāḥ kriyāḥ sarvāḥ satyāt parataraṃ na hi ||77||
ata eva mayā proktaṃ duṣkṛte prabale kalau | kulācāro 'pi satyena kartavyo vyaktamātrataḥ [?] ||78||
gopanād dhīyate satyaṃ na guptir anṛtaṃ vinā | tasmāt prakāśataḥ kuryāt kaulikaḥ kulasādhanam ||79||
[Hier], wo das Kali offenbar [geworden ist] [?], Göttin, sind alle Dharmas schwach; es wird nur die Wahrheit als Wandel [?] bestehen bleiben – darum soll man wahrheitsvoll (satyamaya) sein. (73) [Die Wahrheit als] Dharma zur Zuflucht nehmend – welches Werk der Mensch [so] tut, eben dieses Werk ist fruchtbar; das erkenne als Wahrheit, [Schöne?]. (74) Es gibt keinen höheren Dharma als die Wahrheit und keine Sünde, die größer wäre als die Unwahrheit; darum soll der Sterbliche mit ganzem Wesen allein die Wahrheit zur Zuflucht nehmen. (75)
Ohne Wahrheit ist Verehrung nutzlos, ohne Wahrheit ist das Murmeln [des Mantra] (japa) nutzlos, ohne Wahrheit ist die Askese (tapas) vergeblich, wie eine Aussaat auf salzigem Boden. (76) Die Wahrheit ist das höchste Brahman [wörtl.: von der Gestalt der Wahrheit ist das höchste Brahman], die Wahrheit ist die höchste Askese; alle Riten haben die Wahrheit zur Wurzel; es gibt nichts, was höher wäre als die Wahrheit. (77) Deshalb habe ich gesagt: Im übel gearteten (duṣkṛta), erstarkten Kali soll auch der Kula-Wandel mit Wahrheit ausgeübt werden, nur offen [?]. (78) Durch Verbergen schwindet die Wahrheit, und Verbergen gibt es nicht ohne Unwahrheit; darum soll der Kaula die Kula-Praxis offen ausüben. (79)
73a: das erste Wort im OCR verderbt; „prakaṭe 'tra“ nach dem Kommentar gelesen, der es wörtlich als Beginn zitiert (nur zur Klärung der OCR-Lesung); die Zeile ist zu kurz (2 Silben fehlen, Text evtl. lückenhaft). 73b: „satyam ācāraṃ“ als Akkusativ zu sthāsyati ist syntaktisch auffällig; Lesung unsicher. 74: Anfang und Ende der Verse im OCR verloren bzw. verderbt (‚satyaṃ‘ und ‚sundari‘ sind Ergänzungen). 78c/d: „vyaktamātrataḥ“ nach OCR ‚vyaktamābataḥ‘, Sinn „offen/sichtbar“ nach Lesung, [?]. 79: Numerierung im OCR sicher.
Dass „zur Geheimhaltung des Kula-Dharma die Unwahrheit nicht verwerflich sei“, wie es in den Kula-Tantras gesagt ist, das wird im erstarkten Kali nicht gebilligt. (80) Im Kṛta[-Zeitalter] hatte der Dharma vier Viertel (pāda), im Tretā[-Zeitalter] war er um ein Viertel vermindert, im Dvāpara, Göttin, hatte er zwei Viertel, im Kali-Zeitalter [bleibt] nur noch ein Viertel. (81)
Auch darin [in diesem einen Viertel] [ist] die Wahrheit [stark?], [ferner] Askese, [Reinheit?] und auch Mitleid (dayā). Wird an [diesem] einen Viertel [?] Schaden getan, so entsteht der Untergang des Dharma; darum soll man die Wahrheit zur Zuflucht nehmen und alle Werke vollbringen. (82)
Wo es ohne Kula-Wandel, Herrin der Kula, kein Mittel gibt – wie soll dort, wenn Unwahrheit eindringt, das Höchste Heil (niḥśreyasa) entstehen? (83) Auf alle Weisen durch Wahrheit geläutert im Selbst, soll der Mensch alle Werke tun nach dem Weg, den ich mit meinem Mund verkündet habe, [nämlich] dem, was für den jeweiligen eigenen Stand (varṇa) und Lebensabschnitt (āśrama) gelehrt ist. (84)
80: der Kommentar gibt die Frage („zur Geheimhaltung … nicht verwerflich“) als wörtliches Zitat aus den Kula-Tantras an; ich lese so. 82: im Druck stehen hier 5 Zeilenhälften bzw. 3 Zeilen (irregulär, entweder eine Zeile eingeschoben oder ein Halbvers doppelt); OCR in Zeile 1 und 2 verderbt: „ulvat“ (evtl. ulbaṇaṃ ‚stark‘ oder mūlavat) und „śaucaṃ“ sind unsichere Konjekturen, ebenso „svapāde“ (OCR ‚syapāde‘). Der Sinn (im letzten Viertel des Dharma bleiben satya, tapas, śauca, dayā; Verletzung führt zum Untergang) ist vom Kommentar nur bruchstückhaft gestützt und daher [?]. Zählung: der Druck hat für 82, 83, 84 dreimal „82“ (Ziffernfehler), hier nach der Reihe korrigiert.
dīkṣāṃ pūjāṃ japaṃ homaṃ puraścaraṇatarpaṇam | vratodvāhau puṃsavanaṃ sīmantonnayanaṃ tathā ||85||
[…] tathā nāmacūḍākaraṇam eva ca | mṛtakriyāṃ [?] pitṛśrāddhaṃ kuryād āgamasammatam ||86||
tīrthaśrāddhaṃ vṛṣotsargaṃ śāradotsavam eva ca | yātrāṃ [?] gṛhapraveśaṃ ca navavastrādidhāraṇam ||87||
vāpīkūpataḍāgānāṃ saṃskāraṃ tithikarma ca | gṛhārambhapratiṣṭhāṃ ca devānāṃ sthāpanaṃ tathā ||88||
divākṛtyaṃ niśākṛtyaṃ pakṣakṛtyaṃ tathaiva ca | ṛtumāsavarṣakṛtyaṃ nityaṃ naimittikaṃ ca yat ||89||
kartavyaṃ yad akartavyaṃ tyājyaṃ grāhyaṃ ca yatnena | mayoktena vidhānena tat sarvaṃ sādhayen naraḥ ||90||
na kuryād yadi mohena durmatyā 'śraddhayāpi vā | vinaṣṭaḥ sarvakarmabhyo viṣṭhāyāṃ sa bhavet kṛmiḥ ||91||
Weihe (dīkṣā), Verehrung, das Murmeln [des Mantra] (japa), Feueropfer (homa), Vorbereitungsdienst (puraścaraṇa) und Tarpaṇa (Wasserspende), Gelübde und Hochzeit, das Pumsavana- und das Sīmantonnayana-Sakrament (Riten während der Schwangerschaft), (85) […] sowie die Namengebung und die Haarschur des Kindes (cūḍākaraṇa), die Totenriten (?) und das Ahnenopfer (śrāddha) soll man – im Einklang mit den Āgama-Schriften – vollziehen; (86) das Pilger-Śrāddha (tīrtha), das Stierweihe-Opfer (vṛṣotsarga), das Herbstfest, die Reise [?], den Einzug ins [neue] Haus und das Anlegen neuer Kleider und dergleichen, (87) das Herrichten von Zisternen, Brunnen und Teichen, die Riten des [Mond-]Tags (tithi), Hausbau-Beginn und -Weihe sowie die Aufstellung der Götter, (88) die Pflichten des Tages, der Nacht, des Halbmonats, die Pflichten der Jahreszeit, des Monats und des Jahres, was täglich [nityam] und was gelegentlich [naimittikam] [zu tun ist], (89) was zu tun und was nicht zu tun ist, was man meiden und was man annehmen soll – das alles soll der Mensch mit Sorgfalt nach der von mir verkündeten Vorschrift ausführen. (90)
Tut er es nicht, aus Verblendung, aus schlechter Gesinnung [?] oder auch aus Unglauben, so ist er von allen Werken abgeschnitten und wird im Kot ein Wurm. (91)
85b: „puraścaraṇatarpaṇam“ wird im Kommentar wörtlich als Kompositum zitiert. 86a: die erste Halbzeile ist im OCR ausgefallen (Seitenanfang: nur „…tathā nāmacūḍākaraṇam eva ca“ erhalten; ca. 3 Silben fehlen); die Zählung „86“ steht am Ende der Folgezeile. 86c: OCR ‚gratakriyāṃ‘ = vratakriyāṃ oder (besser) mṛtakriyāṃ „Totenritus“; gewählt mṛtakriyāṃ [?]. 87b: „yātrāṃ“ nach OCR ‚yānāṃ‘ unsicher. 89a: OCR ‚divākaraṃ nirākṛyaṃ pakṣakṛtyaṃ‘: gelesen divākṛtyaṃ niśākṛtyaṃ pakṣakṛtyaṃ nach Sinn und Reihe. 89d: OCR ‚yat‘, gelesen „ca yat“ nach Metrum. 91b: Mohena und aśraddhayā im Kommentar wörtlich genannt; „durmatyā“ nach OCR ‚durmayā‘ unsicher. 91d: OCR liest bhavet kṛmiḥ.
Wenn man meine Lehre übertritt […] im erstarkten Kali – jedes Werk, das dann getan wird, schlägt ins Verkehrte aus. (92)
[…] die [unerlaubte?] Weihe (dīkṣā) ist eine Mörderin des Lebens des Sādhaka [des Übenden]; auch [die Verehrung?] ist vergeblich, Göttin, wie ein Feueropfer, das in Asche dargebracht wird; […] bei jedem Schritt Unglück [?] (Text zerstört). (93)
Wenn im erstarkten Kali-Zeitalter jemand, obgleich er meine Lehre (śāstra) kennt, das Ritual auf einem anderen Weg vollzieht, Ambikā, so wird er ein großer Frevler. (94) Der Mensch, der [eine Ehe geschlossen hat?] […] auf anderem Weg, geht in die furchtbare Hölle, solange Mond und Sonne [bestehen]. (95) Beim [Einführungs-]Gelübde (vrata) wird [dies] als Brahmanen-Mord bezeichnet [?]; der Mensch wird zum Vrātya (Ausgestoßenen), nur noch ein Träger der [Brahmanen-]Schnur, und selbst schlechter als ein Caṇḍāla. (96)
92b: das Wort vor „prabale kalau“ im OCR unlesbar (‚mahaidi‘); Lücke von ca. 3 Silben. 93: Seitenanfang; die linken Teile der ersten drei Zeilen fehlen im OCR (Zeile 1: „…mmatā dīkṣā sādhakaprāṇaghātinī“, Zeile 2: „…pi viphalā devi hutaṃ bhasmārpaṇaṃ yathā“, Zeile 3: „…pitā tasya vi…tasya pade pade“). Die Verszahl 93 steht am Ende der dritten Zeile; eine Zeile ist wohl doppelt gezählt oder verloren – regelwidrig. „bhasmārpaṇa“ (Opfer in Asche) ist im Kommentar als Kompositum (bhasmārpitam iva) erläutert; die Deutung von Zeile 3 ist unsicher. 94: „kriyāṃ“ nach OCR ‚bhiyāṃ‘ (kriyāṃ). 95a: der OCR-Text (‚ratodārī parakvāṇo‘) ist verderbt; bei „kṛtodvāhaḥ“ handelt es sich um eine bloße Vermutung nach Kommentar-Kontext (dort wird von der ‚auf anderem Weg Verheirateten‘ gesprochen); Zeilenrest fehlt. 95d: yāvac candradivākarau nach ‚yāvan…divākarau‘. 96a: „vrate“ (‚beim Gelübde‘) und die Bedeutung „Brahmanenmord“ sind unsicher [?]. 96b: „mānavako“ = mānavakaḥ „Bursche/Mensch“ (verächtlich).
udvāhitā 'pi yā nārī jānīyāt tāṃ tu garhitām |
udvoḍhā 'pi bhaved pāpī saṃsargāt kulanāyike |
veśyāgamanajaṃ pāpaṃ tasya syād dine dine ||97||
tadhastadattānnatoyādi naiva gṛhṇanti devatāḥ | pitaro 'pi na cāśnanti yatas tan malapūyavat [?] ||98||
tayor apatyaṃ kānīnaḥ sarvadharmabahiṣkṛtaḥ | daive paitre kulācāre nādhikāro 'sya jāyate ||99||
[…]vena mārgeṇa devatāsthāpanaṃ caret |
[…]nidhyaṃ bhavet tatra devatāyāḥ kathañcana |
[…]sti kāyakleśo dhanakṣayaḥ ||100||
[ta]dvidhiṃ hitvā yaḥ śrāddhaṃ kurute naraḥ | so 'pi pitṛbhiḥ saha narakaṃ vrajet ||101||
Auch eine auf [einem solchen anderen Weg] verheiratete Frau soll man als verworfen ansehen; auch der Ehemann wird durch den Umgang [mit ihr] zum Sünder, Herrin der Kula; die Sünde, die aus dem Umgang mit einer Hetäre entsteht, wächst ihm Tag für Tag. (97) Aus ihrer Hand Gegebenes – Speise, Wasser und dergleichen – nehmen die Götter nicht an; auch die Ahnen (pitṛ) essen es nicht, weil es wie Unrat und Eiter ist [?]. (98) Ihr Kind, der „Kānīna“ (Jungfrauen-Sohn, Bastard), ist aus allen Dharmas ausgeschlossen; für den göttlichen Ritus, den Ahnenritus und den Kula-Wandel entsteht für ihn keine Befugnis. (99)
Wer auf einem […]weg [nicht-śāmbhavischen? Weg] eine Gottheit aufstellt: nirgends wird dort die Gegenwart der Gottheit sein; [es entsteht] Plage des Leibes [und] Verlust des Vermögens. (100) Wer diese Vorschrift (vidhi) verlässt und das Ahnenopfer vollzieht, der geht auch [mit] den Ahnen in die Hölle. (101)
97: Der Druck hat drei Zeilen (irregulär). Zeile 1 nach dem Kommentar: er nennt eine Nebenlesart „tāṃ tu garhitām“ (‚jene aber als verworfen‘); ich habe diese Variante gewählt (nur zur Klärung der OCR-Lesung); die Hauptlesart ‚sā tu garhitā‘ gibt ebenfalls Sinn. Zeile 3: OCR ‚vedyāgamanajaṃ … tasya paso‘ = veśyāgamanajaṃ … tasya syād. 98: OCR ‚tadastādayatoyādi‘ = tadhastadatta-annatoyādi; „malapūyavat“ nach ‚malpuyavat‘ unsicher. 99: ‚kānīna‘ = Sohn einer unverheirateten Frau. 100: Seitenanfang mit abgeschnittenen Zeilenanfängen; der Kommentar spricht an dieser Stelle von „aśāmbhavamārga-sthāpita-devatā-pratimā“ (‚Götterbild, das auf einem nicht-śāmbhavischen Weg aufgestellt ist‘) und stützt damit die Ergänzung des ersten Wortes (nur zur Klärung der OCR-Lesung); Zeile 3 („…sti kāyakleśo dhanakṣayaḥ“) ist verstümmelt. 101a: vor ‚dvidhiṃ‘ fehlt eine Silbe (evtl. ‚śāmbhava-‘ oder ‚tad‘); im OCR steht danach als Restfragment „śrāddha tadiṣṭaṃ“, das ich nicht einordnen kann.
Das Wasser [das er spendet] wird [den Ahnen] wie Blut, der Reisball (piṇḍa) wird zu Unrat. Darum soll der Sterbliche mit Anstrengung das Śāmbhava-Lehrgebäude (die Lehre Śambhus) zur Zuflucht nehmen. (102) Was soll hier vieler Worte: Wahrlich, wahrlich sage ich es: Jedes Werk, das nicht-śāmbhavisch (nicht auf dem Śāmbhava-Weg) getan wird, ist völlig nutzlos, Göttin. (103) Der andere Dharma mag dahingestellt sein: sogar der frühere Dharma [des Übenden] geht dahin; für den, der den Śāmbhava-Wandel meidet, gibt es aus der Hölle keine Befreiung. (104) Was für die täglichen und gelegentlichen Riten die Ausübung auf dem von mir dargelegten Weg ist, Maheśānī, das eben ist deine Verehrung (sādhana). (105) Höre nun von mir, der ich [sie] verkünde, das besondere Verehrungsverfahren dabei, mit Mantras, Yantras (Diagrammen) und dergleichen – das Heilmittel gegen die Krankheiten des Kali[-Zeitalters]. (106)
Kolophon: So im ehrwürdigen Mahānirvāṇa-Tantra, dem Höchsten der Höchsten unter allen Tantras, dem Wesenskern der Entscheidung über alle Dharmas, im Gespräch der hochwürdigen Ādyā und Sadāśivas: das vierte Kapitel (ullāsa), der Beginn der Darlegung von Frage und Antwort über das Mittel zur Rettung der Lebewesen [?].
102a: „tat“ nach OCR ‚tat toyaṃ‘ (‚jenes Wasser‘, gemeint: das dem Ahnen dargebrachte Wasser). 103: die Verszahl ist im OCR ausgefallen (nach ‚nirarthakam‘ folgt sofort Vers 104, gedruckt als 304). 104 und 105: Zählung im Druck als 304/305 (Ziffernfehler, hier 104/105). 105: dies spiegelt Vers 4.36 ff. wider. 106: OCR ‚bheṣajaṃ kalirogāṇāṃ gadato mama‘; „gadato mama“ vom Kommentar wörtlich als „gadataḥ mama = kathayataḥ mama“ zitiert (nur Klärung der OCR-Lesung). Kolophon: OCR stark verderbt (…jīvanistārāyopāyapraśnottarapratipādanopakramo…), Ergänzung nach Klang, daher [?]; „sarvadharmanirṇayasāre“ statt OCR ‚…nirṇayapare‘ nach dem im Auftrag gegebenen Kolophon-Muster. Im OCR folgt danach die Kommentar-Kolophonzeile „iti śrīmahānirvāṇatantraṭīkāyāṃ caturthollāsaḥ“ und der Beginn des 5. Ullāsa.