Quelle: Mahānirvāṇa-Tantra, Tantrik Texts Vol. XIII (mit Kommentar des Hariharānanda Bhāratī), Calcutta 1929, archive.org (OCR); übersetzt wurde nur der Wurzeltext, nicht der Kommentar. Inhalt: Pārvatī fragt nach dem Weg, Brahman gnädig zu stimmen, nach Mantra, Meditation und Kult. Sadāśiva legt das Wesen (svarūpa) und die Merkmale (lakṣaṇa) des Brahman dar (1–10), nennt das Brahma-Mantra „oṃ sac-cid-ekaṃ brahma“ samt Bedeutung, Seher, Versmaß, Nyāsa und Atemlenkung (11–50), die Meditation im Herzlotus, die geistige und äußere Verehrung und das Brahma-Stotra „namas te sate sarvalokāśrayāya“ samt Kavaca (51–75), die Gnadengabe (mahāprasāda) ohne Speisevorschriften (76–98), die Lebensregeln des Übenden, Gāyatrī, Puraścaraṇa und Verzicht auf strenge Regeln im Kali-Zeitalter (99–127) sowie die Weihe (dīkṣā) durch den Guru und ihre Zugänglichkeit für alle (128–153). OCR-Qualität mäßig bis schlecht: mehrere Halbverse und ein ganzer Vers (105) sind ausgefallen; Unsicheres mit [?] markiert; Verse 1–153 lückenlos gezählt.
śrīdevy uvāca |
mahādeva devatānāṃ guror guro | vaktā tvaṃ saśāstrāṇāṃ mantrāṇāṃ sādhanasya ca ||1||
kathitaṃ yat tvayā deva paraṃ brahma parāt param | yasyopāsanato martyo bhuktiṃ muktiṃ ca vindati ||2||
kenopāyena bhagavan parabrahma prasīdati | kiṃ tasya sādhanaṃ deva mantraḥ ko vā prakīrtitaḥ ||3||
kiṃ dhyānaṃ kiṃ vidhānaṃ ca parasya paramātmanaḥ | tat sarvaṃ śrotum icchāmi kṛpayā kathaya prabho ||4||
śrīsadāśiva uvāca |
atiguhyaṃ paraṃ tattvaṃ śṛṇu [?…] | [?…] rahasyam etat kalyāṇi na kutrāpi prakāśitam | tava snehena vakṣyāmi mama prāṇādhikaṃ param ||5||
Die Göttin sprach: Großer Gott, Lehrer selbst der Lehrer der Götter! Du bist der Verkünder [?] der Lehrschriften samt den Mantras (heiligen Formeln) und der Praxis (sādhana). (1)
Das höchste Brahman, das Höchste über dem Höchsten, das du erklärt hast, durch dessen Verehrung der Sterbliche Genuss und Befreiung erlangt: (2) auf welchem Weg, Erhabener, wird das höchste Brahman gnädig? Was ist seine Übung, o Gott, oder welches Mantra wird für es verkündet? (3) Was ist die Meditation, was die Ausführung [des Kultes] des Höchsten, des höchsten Selbst? All dies möchte ich vollständig hören; erkläre es aus Erbarmen, Herr. (4)
Śrī Sadāśiva sprach: Höchst geheim ist die höchste Wirklichkeit (tattva); höre [Rest des Halbverses im OCR verloren]. [Anfang der zweiten Hälfte fehlt] Dieses Geheimnis, du Segensreiche, ist nirgends offenbart worden; aus Zuneigung zu dir will ich es sagen, es ist mir teurer als das Leben, das Höchste. (5)
Vers 1: Sprecherzeile „śrīdevy uvāca“ im OCR nicht sichtbar, aus dem Zusammenhang ergänzt. Das Wort vor tvaṃ in 1c ist im OCR unsicher (vaktā ‚Verkünder‘ oder rakṣitā/rakṣakaḥ ‚Beschützer‘ möglich). Vers 2: ‚parabrahma parāt param‘ nach OCR-Rest rekonstruiert. Vers 5: OCR bietet nur eine Zeile ‚atiguhyaṃ paraṃ tattvaṃ śṛṇu …‘ und danach einen eingeschobenen Rest (vermutlich eine Anrufungsformel „oṃ namo brahmaṇe“), dann das vollständige Verspaar ‚rahasyam etat …‘ mit der Nummer 5; der Vers ist daher unvollständig überliefert.
jñeyaṃ bhavati tad brahma saccidviśvamayaṃ param | tathā tatsvarūpeṇa lakṣaṇair vā maheśvari ||6||
sattāmātraṃ nirviśeṣam avāṅmanasagocaram | asattrilokīsadbhānaṃ svarūpaṃ brahmaṇaḥ smṛtam ||7||
samādhiyogais tad vedyaṃ sarvatra samadṛṣṭibhiḥ | dvandvātītair nirvikalpair dehātmādhyāsavarjitaiḥ ||8||
yato viśvaṃ samudbhūtaṃ yena jātaṃ ca tiṣṭhati | yasmin sarvāṇi līyante jñeyaṃ tad brahma lakṣaṇaiḥ ||9||
svarūpabuddhyā yad vedyaṃ tad eva lakṣaṇaiḥ śive | lakṣaṇair āptum icchatāṃ vihitaṃ tatra sādhanam ||10||
Erkennbar wird jenes höchste Brahman, das aus Sein, Bewusstsein und Welt besteht [?], durch sein eigenes Wesen (svarūpa) oder durch Merkmale (lakṣaṇa), o Maheśvarī. (6)
Nur Dasein, ohne Unterschied, für Rede und Denken unerreichbar, [zugleich] das Erscheinen der unwirklichen Dreiwelt als seiend: so wird das eigentliche Wesen (svarūpa) des Brahman überliefert. (7)
Erkannt wird es durch die Versenkungs-Yogas (samādhi) von denen, die überall Gleichmut im Blick haben, jenseits der Gegensatzpaare, ohne Unterscheidungen (nirvikalpa), frei von der Verwechslung des Selbst mit dem Körper. (8)
Woraus die Welt entstanden ist, wodurch sie, geboren, besteht, worin alle Dinge sich auflösen: jenes Brahman ist an [diesen] Merkmalen zu erkennen. (9)
Was man mit dem Verstand als [Brahmans] eigentliches Wesen erkennen kann, ebendas [lässt sich auch] an den Merkmalen [erkennen], o Śivā. Für die, die es mittels der Merkmale erreichen wollen, ist dafür eine Übung vorgeschrieben. (10)
6: ‚saccidviśvamaya‘ wörtlich „aus sat, cit und Welt bestehend“; Deutung unsicher. 7d: OCR ‚saddhānaṃ‘; gelesen als sad-bhāna (‚Erscheinen als seiend‘); Konstruktion des Kompositums unsicher [?]. 9: Definition der ‚Randmerkmale‘ (taṭastha-lakṣaṇa): Ursprung, Bestand, Auflösung der Welt. 10a–b im OCR knapp; Lesung ‚icchatāṃ‘ für OCR-Form icchūnāṃ.
Diese Übung will ich nun darlegen; höre aufmerksam, Liebe. Zuerst, du Erste, nenne ich die Bildung (uddhāra) des Mantras des großen Herrn. (11)
Man ziehe zuerst die Silbe Oṃ (praṇava) heraus und spreche dann das Wort „sat-cit“ [„Sein-Bewusstsein“]; [Mittelteil im OCR verloren], am Ende „brahma“: so wird die Bildung des Mantras verkündet. (12)
Nach den Regeln der Lautverbindung (sandhi) zusammengefügt gilt dieses Mantra (manu) als siebensilbig; ohne das Oṃ (tāra), o Herrin der Götter, wird dieses Mantra sechssilbig. (13)
Es ist das höchste unter allen Mantras, unmittelbar Gerechtigkeit, Nutzen, Lust und Befreiung (dharma, artha, kāma, mokṣa) gewährend. Hier gibt es keine Prüfung, ob es „passt“ (siddha usw.), und keinen Makel durch „Feind“ oder „Freund“ [-Mantras] und dergleichen. (14)
Weder Mondtag (tithi) noch Mondhaus (nakṣatra) noch Tierkreiszeichen-Berechnung [?] [sind zu beachten]; keine Regel von kula und akula [Mantra-Einteilungen] und dergleichen, und keine [besondere] Weihe ist hier nötig. In jeder Hinsicht ist dies ein von vornherein wirksames („vollendetes“, siddha) Mantra; hier ist keine Prüfung anzustellen. (15)
Wenn man durch die in vielen Geburten angesammelten Verdienste einen wahren Guru findet, dann erkennt man [das Mantra] aus seinem Mund und erlangt die Fruchtbarkeit dieser Geburt. (16)
Das Mantra lautet: oṃ sac-cid-ekaṃ brahma (7 Silben; ohne oṃ 6). 12b: die Halbzeile ist im OCR nur als Rest („…nte … eti“) erhalten; in Klammern ergänzt bzw. als Lücke markiert. 15a: dritte Größe im OCR unsicher (‚rāhiṇaṇana‘), gelesen als rāśigaṇana [?]; Vers 15 hat im OCR drei Zeilen (vermutlich fehlt eine Zeile bzw. sie ist verschmolzen). Zu ‚siddhādi‘ (14): Prüfverfahren der Mantra-Auswahl (siddha–sādhya–susiddha–ari) sind gemeint.
[?…] | caturvargaṃ kare kṛtvā paratreha ca modate ||17||
sa dhanyaḥ sa kṛtārthaś ca sa kṛtī sa ca dhārmikaḥ | sa snātaḥ sarvatīrtheṣu sarvayajñeṣu dīkṣitaḥ ||18||
sarvaśāstreṣu niṣṇātaḥ sarvalokapratiṣṭhitaḥ | yasya karṇapathopāntaprāpto mantramahāmaṇiḥ ||19||
dhanyā mātā pitā tasya pavitraṃ tat kulaṃ [?] | pitaras tasya santuṣṭā modante tridaśaiḥ saha | gāyanti gāyanīṃ gāthāṃ pulakāñcitavigrahāḥ ||20||
asmatkule kulaśreṣṭho jāto brahmopadeśikaḥ | kim asmākaṃ gayāpiṇḍaiḥ kiṃ tīrthaiḥ śrāddhatarpaṇaiḥ ||21||
kiṃ dānaiḥ kiṃ japair homaiḥ kim anyair bahusādhanaiḥ | vayam akṣayatṛptāḥ smaḥ satputrasyāsya sādhanāt ||22||
[erste Halbzeile im OCR ausgefallen] … die vier Lebensziele (caturvarga) in die Hand bekommen habend, freut er sich hier und im Jenseits. (17)
Der ist gesegnet, der hat sein Ziel erreicht, der ist ein Tüchtiger, der ist rechtschaffen; der hat in allen heiligen Furten gebadet, der ist bei allen Opfern geweiht; (18) in allen Lehrschriften bewandert, in allen Welten angesehen, in dessen Ohrbereich das große Kleinod der Mantras gelangt ist. (19)
Selig sind seine Mutter und sein Vater, rein [ist] jenes Geschlecht [?]. Seine Väter (Ahnen) sind zufrieden und freuen sich mit den Göttern; mit vor Freude sich sträubenden Körperhaaren singen sie dieses Lied: (20)
„In unserem Geschlecht ist der Beste des Geschlechts geboren, ein Lehrer des Brahman! Was nützen uns Reisklöße in Gayā, was heilige Orte, Totenopfer und Wasserspenden? (21) Was Gaben, was Rezitationen und Feueropfer, was andere vielfache Übungen? Wir sind unvergänglich gesättigt durch die Übung dieses guten Sohnes.“ (22)
17: Halbzeile vor ‚caturvargaṃ …‘ im OCR verloren. 20: Drei Zeilen im OCR, 20b ‚tat kulaṃ [?]‘ unsicher (OCR ‚taṭaṃ divaṃ‘); ‚tridaśaiḥ‘ nach OCR ‚vidaraḥ‘ rekonstruiert [?]; Variante ‚pulakāṅkitavigrahāḥ‘ (im Kommentar erwähnt, nur zur Klärung der OCR-Lesung). 21–22: Lied der Ahnen (gāthā).
Höre, Göttin, von der Welt Verehrte: Wahrheit, Wahrheit sage ich: was brauchen die Verehrer des höchsten Brahman andere, weitere Übungen? (23)
Schon durch das bloße Empfangen des Mantras wird der Verkörperte brahmanhaft (brahmamaya). Was gäbe es für einen, der Brahman geworden ist, in den drei Welten noch zu erlangen, o Herrin der Götter? (24)
Was können grausame Grahas (ergreifende Dämonen), Vetālas (Leichendämonen), Ceṭakas und andere ausrichten, Piśācas, Guhyakas, Bhūtas, Ḍākinīs, Mātṛkās und dergleichen? Schon bei seinem bloßen Anblick fliehen sie mit abgewandtem Gesicht. (25)
Durch das Brahma-Mantra geschützt, vom Glanz des Brahman umgeben: fürchtet er sich vor Grahas und dergleichen, er, gleichsam eine zweite Sonne (mārtāṇḍa)? (26)
Ihn erblickt habend, geraten sie in Furcht, wie Elefanten, die einen Löwen sehen; sie laufen auseinander und gehen zugrunde wie Motten im Feuer. (27)
Keinerlei Übel haftet dem im Brahman gegründeten Verkörperten an, dem durch Wahrheit Geläuterten, Reinen, dem allen Wesen Wohltuenden. Wer sollte ihm Unheil wünschen – außer einem, der sich selbst umbringen will? (28)
Vers vor 23 im OCR mit falscher Nummer ‚22‘ gedruckt (es gibt zweimal ‚22‘); nach Zählung als 23 gelesen. 25: im OCR drei Zeilen. 26b: OCR ‚parāvṛto‘, gelesen parivṛtaḥ (‚umgeben‘) [?]. 28: ‚sarvaprāṇihitasya‘ nach OCR ‚svaprāṇihitasya‘ [?]; ‚ātmāpaghātaka‘ = jemand, der sich selbst schadet/tötet.
ye druhyanti khalāḥ pāpāḥ parabrahmopadeśine | svadrohaṃ te prakurvanti nātiriktā yataḥ sataḥ ||29||
sa tu sarvahitaḥ svasthaḥ [?] sarveṣāṃ priyakārakaḥ | tasyāniṣṭe kṛte devi ko vā syān nirupadravaḥ ||30||
mantrī mantracaitanyaṃ yo na jānāti sādhakaḥ | śatalakṣaprajaptopi tasya mantro na sidhyati ||31||
ato 'syārthaṃ caitanyaṃ kathayāmi śṛṇu priye | akāreṇa jagatpātā saṃhartā syād ukārataḥ ||32||
makāreṇa jagatsraṣṭā praṇavārtha udāhṛtaḥ | sacchabdena sadā sthāyi ciccaitanyaṃ prakīrtitam ||33||
ekam advaitam īśāni bṛhattvād brahma gīyate | mantrārthaḥ kathito devi sādhakābhīṣṭasiddhidaḥ ||34||
Die bösen Schurken, die dem Verkünder des höchsten Brahman Schaden zufügen, tun sich selbst Schaden an, denn sie sind nicht getrennt von dem Guten (sat). (29)
Er aber ist allen wohlgesinnt, in sich ruhend [?], allen Angenehmes tuend. Wenn ihm Übles angetan wird, o Göttin, wer bliebe da unbehelligt? (30)
Der Mantra-Übende (sādhaka), der die „Bewusstheit“ des Mantras (mantracaitanya) nicht kennt, bei dem wird das Mantra nicht wirksam, auch wenn es hunderttausendfach rezitiert wird. (31)
Darum sage ich dir die Bewusstheit seines Sinnes, höre, Liebe: Durch „a“ [ist gemeint] der Erhalter der Welt, durch „u“ der Vernichter; (32) durch „m“ der Schöpfer der Welt: so ist die Bedeutung des Praṇava (Oṃ) angegeben. Durch das Wort „sat“ ist das ewig Bestehende genannt, durch „cit“ die Bewusstseinsnatur. (33)
„Ekam“ [das Eine] und „advaita“ [ohne Zweites], o Herrin: wegen seiner Größe (bṛhattva) heißt es „brahma“. Der Sinn des Mantras ist [so] dargelegt, o Göttin, der dem Übenden die gewünschte Vollendung gewährt. (34)
32: Zuordnung a = Erhalter, u = Vernichter, m = Schöpfer nach OCR (‚jagatpātā‘ erschlossen aus OCR ‚jagasātā‘ [?]); sie weicht von der üblichen Reihenfolge ab. 30b: ‚svasthaḥ‘ nach OCR ‚svuḥ‘ [?]. 29: Dativ ‚parabrahmopadeśine‘ = dem, der Brahman lehrt. Etymologie in 34: brahma von bṛh-/bṛhat ‚groß‘.
Dies aber ist die „Bewusstheit des Mantras“: die über ihm stehende Gottheit; das Wissen um sie, o höchste Herrin, verleiht den Gläubigen Erfolg. (35)
Die Herrin über dieses [Mantra], o Herrin der Götter, ist das allesdurchdringende, ewige, undenkbare, gestaltlose, über die Rede hinausgehende, makellose [Brahman]. (36)
Mit dem [Mantra], das mit „vāk“, „māyā“ oder „kamalā“ [den Keimsilben aiṃ, hrīṃ, śrīṃ] beginnt und ohne Oṃ (tāra) ist, o Pārvatī, wird mannigfaltiges Wissen (vidyā), Māyā und allseitig gewandte Glücksfülle (śrī) verliehen. (37)
Mit dem Oṃ oder ohne Oṃ, jedes einzelne Wort oder das ganze, ebenso in Paaren geordnet: so kann dieses Mantra vielfältig werden. (38)
Seher (ṛṣi) ist Sadāśiva, als Versmaß wird Anuṣṭubh genannt; Gottheit ist das höchste Brahman, der Innenlenker (antaryāmin) von allem, eigenschaftslos (nirguṇa). (39)
Zur Erlangung der Frucht der vier Lebensziele wird der Einsatz (viniyoga) angegeben. Die Gliederberührung (aṅganyāsa) und die Handberührung (karanyāsa) sage ich dir, höre, Liebe. (40)
37: ‚vāṅmāyākamalā‘ = die Keimsilben aiṃ (Vāc), hrīṃ (Māyā), śrīṃ (Kamalā); die Bedeutung von ‚dīyate … śrīḥ sarvatomukhī‘ ist im Wurzeltext knapp; ich gebe wörtlich wieder [?]. 36: ‚adhiṣṭhātṛ‘ (Neutrum) auf Brahman bezogen. Nyāsa = rituelles Berühren von Körperteilen mit Mantras.
Zuerst Oṃ, dann „sat“, „cit“, „ekam“, „brahma“, danach das ganze [Mantra]: an Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger, Ringfinger, o Maheśvarī, (41) an den beiden kleinen Fingern, an Handfläche und Handrücken, o von den Göttern Verehrte, [jeweils] mit den Endungen „namaḥ, svāhā, vaṣaṭ, huṃ, vauṣaṭ, phaṭ“ der Reihe nach, (42) soll der Übende mit gesammeltem Geist nach der im Nyāsa-[Abschnitt] gelehrten Regel [dies] auflegen. Von Herz an [bis] zur Hand [?] wird ebenso verfahren. (43)
Dann führe man den Atemlenkungs-Vorgang (prāṇāyāma) aus, mit dem Wurzel-Mantra oder mit dem Praṇava [Oṃ], und zwar mit Mittel- und Ringfinger der rechten Hand, o Pārvatī: (44) Man verschließe die linke Nasenöffnung und atme durch die rechte Nasenöffnung die Luft ein, der Mantra-Übende, dabei achtmal das Wurzel-Mantra murmelnd (japa). (45)
41–42: Karanyāsa: oṃ aṅguṣṭhābhyāṃ namaḥ (sat), tarjanībhyāṃ svāhā (cit) usw.; die Zuordnung der Endungen ist aus dem Wurzeltext nur als Reihe ersichtlich. 43b: im OCR fehlt der Mittelteil („hṛdādikaraparyantaṃ … evam eva vidhīyate“); nur Rest übersetzt. 44a: die Hälfte vor ‚madhyamānāmikābhyām‘ im OCR nicht ganz klar; ‚mūlena praṇavena vā‘ wörtlich. mūla = Wurzel-Mantra (oṃ saccidekaṃ brahma).
Mit dem Daumen die rechte Nasenöffnung verschließend, im Vollzug des Atemanhaltens (kumbhaka), murmle er zweiunddreißigmal [das Mantra] [?]; dann [lasse er den Atem] durch die rechte Nasenöffnung [hinaus]. (46)
Ganz allmählich gebe er die Luft frei, das Mantra sechzehnmal murmelnd. Bei der linken Nasenöffnung ebenso: Einatmen, Anhalten, Ausatmen. (47)
Wieder von rechts her verfahre er wie zuvor, o von den Göttern Verehrte. So ist das Verfahren der Atemlenkung für die Übung des Brahma-Mantras erklärt. (48)
Danach vollziehe er die Meditation (dhyāna), das Mittel zum Gelingen des Gewünschten für den Übenden. (49)
Im Innern der Herzlotusblüte [weilend], ohne Unterschied, ohne Wunsch, von Hari, Hara und Brahmā [?] erkennbar, durch Meditation von den Yogis zu erreichen, die Furcht vor Geburt und Tod vernichtend, dessen Wesen Sein und Bewusstsein ist, den Samen aller Welten, das Brahman, die Bewusstseinsnatur, preise ich. (50)
46a–b: ‚vārān‘ [?] – im OCR nur ‚dvātriśatā …‘; Lesung ‚dvātriṃśatā‘ (32 Mal), der Ausatmungsweg (rechts) wie im OCR (‚dakṣiṇanāsayā‘). 49: nur eine Zeile im OCR (Vers unvollständig oder einzeilig). 50: OCR ‚śihirvidhi‘ – gelesen als ‚harihara-vidhi-vedyaṃ‘ [?]; Metrum nicht Anuṣṭubh (Strophe mit vier langen Zeilen). ‚īḍe‘ 1. Sg. „ich preise“.
So das höchste Brahman meditiert habend, verehre er es mit geistig vorgestellten Darbringungen (upacāra) in höchster Hingabe, um die Einheit mit dem Brahman (sāyujya) zu erlangen. (51)
Als Duft gebe er das Erdelement, als Blüte den Raum (ākāśa); als Weihrauch gebe er das Luftelement, als Lampe opfere er das Feuer(Licht)-Element; als Speiseopfer reiche er dem höchsten Selbst das Wasserelement dar. (52)
Dann murmle er innerlich das große Mantra, und nachdem er es dem Brahman dargebracht hat, beginne der beste der Übenden die äußere Verehrung. (53)
Die bereitgestellten Dinge – Duftstoffe, Blüten usw., Gewänder, Schmuck und dergleichen, und was an Speise und Trank da ist – (54) soll der Verständige mit diesem Mantra [weihend] festhalten, das ewige Brahman meditieren, die Augen schließen und es dem höchsten Selbst darbringen: (55)
„Die Darbringung ist Brahman, die Opfergabe ist Brahman; ins Feuer, das Brahman ist, ist sie durch Brahman geopfert. Brahman selbst ist durch ihn zu erreichen, durch die Sammlung auf das Brahman-Handeln.“ (56)
52: drei Zeilen im OCR. 55: ‚mantreṇānena‘ verweist auf den unmittelbar folgenden Vers 56. 56: gleicher Wortlaut wie ein bekannter Vers der Bhagavadgītā (4.24); hier ohne Kommentar übersetzt.
Dann öffne er die Augen [erste Halbzeile im OCR unvollständig]; das Murmeln [des Mantras] dem Brahman überantwortet habend, rezitiere er Lobpreis (stotra) und Schutzformel (kavaca). (57)
Höre den Lobpreis des Brahman, des höchsten Selbst, o große Herrin, durch dessen Hören der Übende, o Göttin, die Einheit mit dem Brahman (sāyujya) erlangt: (58)
Verneigung dir, dem Seienden, der Zuflucht aller Welten! Verneigung dir, dem Bewusstsein, dessen Selbst die Gestalt der Welt ist! Verneigung dem Wesen ohne Zweites, der Befreiung Gewährenden! Verneigung dem Brahman, dem Alles-Durchdringenden, Eigenschaftslosen! (59)
Du allein bist Zuflucht, du allein erwählenswert; du allein bist Ursache der Welt, [dessen] Gestalt die Welt ist; du allein bist Erschaffer, Erhalter und Zerstörer der Welt; du allein bist das Höchste, unbewegt, ohne Vorstellungsgebilde (nirvikalpa). (60)
57: Anfangs-Halbzeile nach ‚samunmīlya‘ im OCR ausgefallen. 59: Stotra-Verse in Bhujaṅgaprayāta-Metrum (4 × 12 Silben), 60 ebenso. 60: Anrede ‚tvam‘ nach Lesung der OCR-Form ‚tam/lam‘ [?]; alternativ „ihn, den Einen …“ (‚tam ekaṃ‘) wie in 61 – die Lesung ‚tvam‘ wird durch ein im Kommentar wörtlich zitiertes Anfangswort gestützt (nur zur OCR-Klärung verwendet).
Der Schrecken der Schrecken, furchtbar unter den Furchtbaren, Ziel der Lebewesen, Reiniger der Reinigenden, der Lenker derer, die die höchsten Stellungen innehaben – ihn, den Einen; der Höchste unter den Höchsten, Beschützer der Beschützer: (61)
Höchster Herr, Gebieter, du Unvergänglicher in allen Gestalten, nicht zu bezeichnen, den Sinnen allen unzugänglich, wahrhaft; undenkbar, unzerstörbar (akṣara), allesdurchdringend, ungeoffenbart, Wirklichkeit; Erleuchter der Welt, Oberherr: mögest du [uns] vor dem Verderben (apāya) schützen! (62)
Ihn allein erinnern wir, ihn allein murmeln wir, ihm, der Zeuge der Welt ist, verneigen wir uns. Das Eine Seiende, den Halt [der Welt], den Herrn, der selbst keinen Halt braucht, das Schiff über den Ozean des Daseins: bei ihm, der Zuflucht ist, suchen wir Zuflucht. (63)
Dieser „Fünf-Juwelen“-Lobpreis (pañcaratna) auf das Brahman, das höchste Selbst: wer ihn gereinigt in Hingabe rezitiert, erlangt die Einheit mit Brahman. (64)
Am Abend [Dämmerung] soll man ihn täglich lesen, besonders am Montag; der Weise soll ihn die im Brahman Gegründeten, seine Verwandten, hören lassen und lehren. (65)
61–63: Stotra-Verse; „pañcaratna“ = fünf Strophen (59–63). 62: ‚pāyād‘ so im OCR; sinngemäß Optativ „möge (er/du) schützen“; ‚apāyāt‘ = vor Unheil/Verderben. 63a: Lesung ‚tad ekaṃ‘ an den drei ersten Versanfängen; 63c ‚sad ekaṃ‘ nach OCR (‚tad ekaṃ‘ möglich) [?]. 64c: ‚bhūtvā‘ nach OCR ‚bhūtyā‘ [?] (‚bhaktyā‘ möglich). ‚pradoṣe‘ = Abenddämmerung.
So ist dir, Göttin, das „Fünf-Juwelen“ des großen Herrn [Maheśa] gesagt. Nun höre die Schutzformel (kavaca), Schönleibige, die „Heil der Welt“ heißt; durch deren Lesen und Tragen einer sicher zum Brahman-Kenner wird. (66)
Das höchste Selbst schütze [mir] das Haupt, der höchste Herr das Herz; der Erhalter der Welt schütze die Kehle, der Zuflucht von allem das Gesicht. (67)
Das Selbst des Alls schütze meine Hände, der aus Bewusstsein Bestehende bewahre die Füße; das höchste, ewige Brahman schütze allezeit alle Glieder. (68)
[Seher ist Sadāśiva, Versmaß Anuṣṭubh, Gottheit das höchste Brahman:] zur Erlangung der Frucht der vier Lebensziele wird der Einsatz angegeben. (69)
Wer diese Brahma-Schutzformel mit vorausgehender Seher-Berührung (ṛṣinyāsa) liest, der erlangt Brahman-Erkenntnis und wird unmittelbar brahmanhaft. (70)
66: drei Zeilen im OCR. 67a: OCR ‚hiraḥ‘, gelesen ‚śiraḥ‘ (Kopf) [?]; 67d ‚sakalāśrayaḥ‘ nach OCR ‚sakalamibhaḥ‘ [?]. 69: im OCR nur Fragmente (Sprecherangaben ṛṣi/chandas/devatā in Klammern); die erste Hälfte des Verses ist eine Ergänzung nach Sinn und den Resten [?].
Wenn man es auf Birkenrinde schreibt, [als] Kapsel [in Gold gefasst?] und am rechten Arm trägt, wird man Herr aller Vollkommenheiten (siddhi). (71)
So ist dir diese höchste Brahma-Schutzformel offenbart; man gebe sie einem lieben, dem Guru ergebenen, klugen Schüler. (72)
[erste Zeile im OCR ausgefallen] Nach dem Lesen von Lobpreis und Schutzformel verneige sich der Vorzügliche unter den Übenden: (73)
„Verneigung dir, höchstes Brahman; Verneigung dir, höchstes Selbst; Verneigung dir, Eigenschaftslosem; dir, der Wesensform des Seins, Verneigung, Verneigung!“ (74)
Verbal, körperlich oder auch geistig, je nach Verständnis: bei der Verehrung des Höchsten wird die Reinheit der Gesinnung (bhāvaśuddhi) vorgeschrieben. (75)
71b: ‚svarṇasthāṃ‘ nach OCR ‚spenthaṃ‘ [?]. 72d: ‚gurubhaktāya‘ nach OCR [?]. 73: nur eine Zeile lesbar; Verb ‚praṇamet‘ (OCR ‚praṇaman‘). 75b: ‚parasya‘ [?]. Verse 71–75 im OCR teils stark verderbt.
evaṃ saṃpūjya matimān svajanabāndhavaiḥ saha | mahāprasādaṃ svīkuryād brahmaṇaḥ paramātmanaḥ ||76||
pūjane paramātmasya nāvāhanavisarjane | sarvatra sarvakāleṣu sādhayed brahmasādhanam ||77||
asnāto vā kṛtasnāno bhukto vāpi bubhukṣitaḥ | pūjayet paramātmānaṃ sadā nirmalamānasaḥ ||78||
anena brahmamantreṇa bhakṣyapeyādikaṃ ca yat | dīyate parameśāya tad eva pāvanaṃ mahat ||79||
gaṅgātoye śilādau ca spṛṣṭadoṣo na vartate [?] | parabrahmārpite dravye spṛṣṭāspṛṣṭaṃ na vidyate ||80||
So verehrend, soll der Verständige mit seinen Angehörigen und Verwandten zusammen die große Gnadengabe (mahāprasāda) des Brahman, des höchsten Selbst, empfangen. (76)
Bei der Verehrung des höchsten Selbst gibt es weder Herbeirufung noch Verabschiedung. Überall und zu allen Zeiten vollziehe er die Brahman-Übung. (77)
Ungebadet oder gebadet, gegessen habend oder hungrig, verehre er das höchste Selbst allezeit mit reinem Geist. (78)
Was mit diesem Brahma-Mantra an Essbarem, Trinkbarem und dergleichen dem höchsten Herrn dargebracht wird, das ist wahrhaft groß reinigend. (79)
Im Wasser der Gaṅgā und an [heiligem] Stein (Śālagrāma) usw. gibt es keinen Makel der Berührung [?]; bei dem dem höchsten Brahman geweihten Gut gibt es die Unterscheidung „berührt – unberührt“ nicht. (80)
76–77: im OCR fehlt die Nummer 76; ich zähle 76 und 77 nach der Zeilenzahl (4 Zeilen zwischen 75 und 78). 79–80: Nummern im OCR ebenfalls nicht sichtbar; nach Zählung gesetzt (81 ist deutlich). 79b: ‚parameśāya‘ nach OCR ‚paramāya‘ [?]. 80a: ‚śilādau‘ nach OCR ‚hiddau‘ (gelesen als ‚śilādau‘, ‚Steinen usw.‘; Śālagrāma-Stein nach Kommentarwort nur zur OCR-Klärung); ‚spṛṣṭadoṣo na vartate‘ – im OCR steht ‚…pi vartate‘; die Verneinung ist nach dem Sinn ergänzt [?].
Ob gekocht oder ungekocht: was mit diesem Mantra geweiht worden ist, [das] soll der Übende, nachdem er es dem Brahman übereignet hat, mit seinen Angehörigen zusammen genießen. (81)
Hier gibt es keine Prüfung nach dem Stand (varṇa), keine Unterscheidung von Verunreinigung durch Speisereste (ucchiṣṭa) und dergleichen; auch eine Zeitregel gibt es hier nicht, [und ebenso] [Rest der Zeile unklar]. (82)
Wie es zur Zeit, am Ort und nach Gelegenheit zu bekommen ist, soll man die dem Brahman übereignete Speise ohne Prüfung essen. (83)
Selbst von einem Hundeesser (śvapaca) gebracht, selbst aus dem Mund Śambhus (Śivas) hervorgegangen [?]: jene Speise ist reinigend, o Göttin, selbst für die Götter schwer zu erlangen. (84)
Was ist da erst über Menschen und dergleichen zu sagen, o von den Göttern Verehrte, [nämlich] über die Frucht, die aus dem Genuss der Opferspeise des höchsten Herrn entsteht? (85)
Ob mit einer großen Sünde behaftet oder mit anderen Sünden: schon durch einmaliges Nehmen der Gnadengabe wird man frei; daran ist kein Zweifel. (86)
82c–d: im OCR verderbt (‚sīraśca tathaṃ ca‘); die Aufzählung endet vermutlich mit einer weiteren Regel (Ort, Reinheit?), nicht sicher lesbar [?]. 84: ‚śvapaca‘ = Hundeesser, Angehöriger einer niedrigen Kaste; Lesung ‚śambhumukhād‘ nach OCR ‚śamukhād‘ [?] (‚aus dem Mund Śambhus‘, d. h. von Śiva Übriggelassenes); ohne diese Ergänzung stünde nur ‚mukhād api niḥsṛtam‘ („aus dem Mund herausgekommen“).
sārdhatrikoṭitīrtheṣu snānadānena yat phalam | tat phalaṃ labhate martyo brahmārpitaniṣevaṇāt ||87||
aśvamedhādibhir yajñair iṣṭvā yat phalam aśnute | bhukte brahmanaivedye tasmāt koṭiguṇaṃ labhet ||88||
jihvākoṭisahasrais tu vaktrakoṭiśatair api | mahāprasādamāhātmyaṃ varṇituṃ naiva śakyate ||89||
yatra kutra sthito vāpi prāpya brahmārpitāmṛtam | gṛhītvā kīkaso 'pi brahmasāyujyam āpnuyāt ||90||
yadi syān nīcajātīyam annaṃ brahmaṇi bhāvitam | tad annaṃ brāhmaṇair grāhyam api vedāntapāragaiḥ ||91||
jātibhedo na kartavyaḥ prasāde paramātmanaḥ | yo 'nyathābuddhiṃ kurute sa mahāpātakī bhavet ||92||
Die Frucht, die man durch Baden und Geben an dreieinhalb Krores [35 Millionen] heiliger Furten erlangt, dieselbe Frucht erlangt der Sterbliche durch das Genießen des dem Brahman Dargebrachten. (87)
Die Frucht, die man durch Opfer wie das Rossopfer (aśvamedha) erlangt: das Millionenfache davon erlangt man, wenn die Opferspeise des Brahman gegessen wird. (88)
Mit tausend Millionen Zungen und mit hundert Millionen Mündern kann man die Größe der Gnadengabe (mahāprasāda) nicht beschreiben. (89)
Wo immer einer sich befindet: hat er die dem Brahman dargebrachte Nektar[-Speise] erhalten und genommen, erlangt selbst ein Elender (kīkasa) die Einheit mit Brahman. (90)
Wenn eine Speise aus niedriger Kaste [stammt, aber] im Brahman „geläutert“ [dem Brahman dargebracht] ist, so ist diese Speise selbst für Brāhmaṇas, auch für die im Vedānta Bewanderten, annehmbar. (91)
Bei der Gnadengabe des höchsten Selbst darf man keinen Kastenunterschied machen. Wer sie anders ansieht [?], wird ein großer Sünder. (92)
Lieber hundert Sünden begehen, lieber [sogar einen Brahmanen-Mord] [?], Liebe, als bei dem dem höchsten Brahman dargebrachten Gut Geringschätzung zu zeigen. (93)
Die törichten Menschen, die mit dem großen Mantra geweihte Speise, Wasser und dergleichen verschmähen, o Edle, stürzen ihre Väter (Ahnen) hinab; (94) sie selbst fallen in die Hölle Andhatāmisra, [und bleiben dort] bis zur Auflösung der Wesen (bis zum Weltende). Für die Hasser der dem Brahman übereigneten Opferspeise gibt es keine Sühne. (95)
Alle Handlungen werden verdienstvoll; „gutes Gedeihen“ wird sehr fest [?]. Beim Üben des großen Mantras ist freie Selbstbestimmung des Handelns (svecchācāra) vorgeschrieben. (96)
Was nützen ihm vedische Regeln, was tantrische? Für den im Brahman Gegründeten, den Wissenden ist eigener Wille als Handlungsweise als Vorschrift überliefert. (97)
Durch Getanes entsteht ihm kein Verdienst, durch Nichtgetanes kein Makel; ein Rückschlag/Vergehen (pratyavāya) besteht für ihn nicht, aufgrund der Übung des Brahma-Mantras. (98)
93b: OCR ‚varaṃ viṣavadhaṃ‘ [?] – gelesen ‚brahmavadhaṃ‘ (Brahmanenmord) als sinnvollste Lesung, unsicher. 96b: ‚supuṣṭiḥ sudṛḍhāyate‘ nach OCR, Sinn unklar [?]. 94d ‚pitṝṃs te‘ nach OCR ‚pituḥ ta‘ [?]. 95a: ‚ābhūtasamplavam‘ = bis zum Untergang der Wesen (Weltuntergang). ‚svecchācāra‘: hier im Sinne freier, nicht durch Vorschriften gebundener Praxis (Fachbegriff, nicht weiter gedeutet).
In diesem Dharma, o große Herrin, soll man wahrhaftig sein, die Sinne beherrschen, auf das Wohl anderer bedacht, unwandelbar (nirvikāra, gleichmütig), von lauterer Gesinnung; (99) ohne Neid, ohne Heuchelei, mitleidig, reinen Geistes, den Eltern Freude machend, im Dienst an ihnen beflissen; (100) Hörer des Brahman, Übender des Brahma-Mantras, im Geist nach Brahman suchend, gezügelten Selbst, festen Verstandes sein, „Brahman ist unmittelbar [gegenwärtig]“ bedenkend. (101)
Keine Lüge soll er sagen, nicht Unheil für andere ersinnen; auch den Verkehr mit fremden Frauen meide der Brahma-Mantra-Übende. (102)
„Tat sat“ [„Das ist das Wahre“] spreche man, o Göttin, zu Beginn aller Handlungen; „Dem Brahman dargebracht“ sei das Wort beim Trinken und Essen. (103)
Das, wodurch der Lebensgang der Sterblichen gelingt, das soll man tun, ihr Brahman-Kundigen; dies ist das ewige Dharma. (104)
102–104: im OCR ist die Nummer ‚102‘ zweimal gedruckt (für 102 und 103); nach Zählung 103 gesetzt, dann 104 (Kommentar: 101–104). 99: ‚sadāśayaḥ‘ ‚guter Absicht‘. 104d: ‚idaṃ dharmaṃ sanātanam‘ wörtlich nach OCR (grammatisch unregelmäßig).
[Vers 105: im OCR ausgefallen (Seitenverlust); nicht übersetzbar.] (105)
[erste Halbzeile im OCR ausgefallen] … wie zuvor das höchste Brahman meditierend, der Beste der Übenden, (106) soll er, o Göttin, 108-mal die Gāyatrī murmeln; nach vorschriftsmäßiger Darbringung des Murmelns verneige der Kluge sich wie zuvor. (107)
Dies ist die von mir verkündete Abenddämmerungs-Andacht (sandhyā) für jede Brahman-Übung; bei ihrer Ausführung wird der Mantra-Übende reinen Herzens (antaḥkaraṇa). (108)
Höre die Gāyatrī, Schönleibige, die alle Sünden vernichtet: Man spreche „parameśvarāya“ (das Wort „parameśvara“ mit der Dativ-Endung), danach „vidmahe“; (109) nach [dem Wort] „paratattvāya“ „dhīmahi“, Liebe; danach, o Herrin: „tan no brahma pracodayāt“. Dies ist die Brahma-Gāyatrī, die die vier Lebensziele gewährt. (110)
105: Ein Seitenbereich im OCR ist verloren; nur Kommentarreste und Seitenköpfe erhalten – Vers 105 und die erste Hälfte von 106 sind daher nicht rekonstruierbar (Lücke im Wurzeltext, Zählung durch die Nachbarverse gesichert). 108: Der OCR-Text setzt die Nummer ‚108‘ deutlich. 110: drei Zeilen im OCR. Die Gāyatrī lautet: parameśvarāya vidmahe, paratattvāya dhīmahi, tan no brahma pracodayāt („Wir wollen den höchsten Herrn erkennen, über die höchste Wirklichkeit sinnen; Brahman möge uns antreiben“).
Verehrung, Opfer, Baden, Trinken und Essen: welche Handlung immer er vollzieht, soll er mit dem Brahma-Mantra verrichten. (111)
Er stehe zur Brahmā-Stunde (brāhme muhūrte, vor Sonnenaufgang) auf, verneige sich vor dem Guru, der Brahman verleiht, meditiere das höchste Brahman und erinnere das Mantra nach Vermögen; wie zuvor verneige er sich vor dem Brahman: dies gilt als die Morgenpflicht. (112)
Als Vorbereitungsritus (puraścaraṇa) rezitiere man das Mantra 32 000-mal; der zehnte Teil davon [ist] Feueropfer (homa), davon wieder der zehnte Teil Wasserspende (tarpaṇa); (113) Besprengung [mārjana] mit dem zehnten Teil davon, o Schöne, [und] der zehnte Teil davon [ist Speisung]; Brāhmaṇas soll der Mantra-Übende beim Puraścaraṇa speisen. (114)
Hier gibt es keine Prüfung, was essbar oder nicht essbar ist, was geeignet oder ungeeignet; keine Regel über Reinheit der Zeit, keine Festlegung des Ortes. (115)
Gegessen oder nicht gegessen, gebadet oder ungebadet: der Übende vollzieht das höchste Mantra nach freiem Willen. (116)
112: drei Zeilen im OCR. 113: OCR ‚dvātriśatā sahasreṇa‘ (32 000); wörtlich ‚tadaśāṃśena‘ = mit seinem Zehntel. 114: die Zählfolge (Homa–Tarpaṇa–Secana–Speisung, je ein Zehntel des Vorigen) ist im OCR knapp; 114a wörtlich nach OCR [?]. 115: ‚yogyāyogyaṃ‘ nach OCR ‚yogyaṃ grāhyaṃ‘ [?]; 115c ‚kālaśuddhi‘ nach OCR ‚kāludi‘ [?].
Ohne Übung, ohne Bußübung (kṛcchra), ohne Lobpreis und Schutzformel, ohne Nyāsa, ohne Mudrā (rituelle Gebärde), ohne „Brücke“ (setu), o Schönantlitzige, (117) ohne [eine weitere Murmel-Übung – im OCR verderbt] und ohne Kullukā [eine weitere Murmel-Übung]: [auch so] wird plötzlich unweigerlich die unmittelbare Schau des höchsten Brahman eintreten [?]. (118)
Bei diesem großen Mantra gilt eine bloß geistige Willensrichtung (saṃkalpa) als [ausreichend]; bei der Übung des Brahma-Mantras wird Reinheit der Gesinnung verlangt. (119)
So soll der Brahman-Übende, o Göttin, [alles] als brahmanhaft betrachten. Ihm entsteht kein Rückschlag (pratyavāya) und keine Mangelhaftigkeit der Glieder [des Rituals]; das große Mantra wird auch bei mangelhafter Übung gewiss wirksam. (120)
Im Kali-Zeitalter, dem schrecklichen Sünden-Zeitalter, arm an Askese und höchst schwer zu durchqueren, ist dies allein das Samenkorn der Rettung: die Übung des Brahma-Mantras. (121)
Viele Übungen gibt es hier in den verschiedenen Tantras und Āgamas; im Kali-Zeitalter aber sind sie für die schwachen Lebewesen nicht durchführbar, o Maheśvarī. (122)
117c: ‚setu‘ nach OCR ‚suṃ‘ [?] (rituelle Murmel-Sequenz); 118a: der Ausdruck ‚corgaṇāḍyādijapaṃ‘ ist im OCR nicht sicher lesbar; ‚kullukā‘ = ein Mantra-Vorspann. 118b: ‚paramabrahmasākṣātkāro‘ nach OCR ‚paramacyasākṣācchaḥ‘ [?]. 119: Nummer 118 im OCR nicht gedruckt; nach Zählung gesetzt. 120: drei Zeilen; 120c ‚mahāmanuḥ‘ nach OCR ‚mahāmanāḥ‘ [?]. 122a: ‚bahūnīha‘ nach OCR [?].
Kurzlebig, von schmalem Lebensunterhalt, mit vom Essen abhängigem Lebenshauch, Liebe, gierig, im Gelderwerb eifrig, stets unruhigen Geistes, (123) im Versenkungszustand (samādhi) unbeständigen Verstandes, die Mühen des Yoga nicht ertragend: für ihr Wohl und ihre Befreiung ist dieser Brahman-Weg ausgesprochen. (124)
Im Kali-Zeitalter gibt es – Wahrheit, Wahrheit sage ich – ohne die Brahman-Weihe (brahmadīkṣā) weder Alleinheit (kaivalya) noch Glück, Göttin, gewiss nicht, gewiss nicht. (125)
Morgenpflicht am Morgen, die Dämmerungs-Andacht (sandhyā) dreimal am Tag, mittags die Verehrung: so ist die Regel in allen [anderen] Tantras. Bei der Verehrung des höchsten Brahman aber ist der Wille des Übenden die Regel, o Śivā. (126)
Wo Vorschriften Diener sind und Verbote keine Macht haben, [dort gilt:] durch eigenen Willen [gelingt] das Gewünschte; wer sollte außerdem noch eine andere [Übung] wählen? (127)
Hat man einen Guru, der Brahman erkennt, gefunden – friedvoll, reinen Geistes – so ergreife man seine Lotosfüße und bitte in hingebungsvoller Haltung: (128)
123: ‚lubdhā‘ nach OCR ‚ṭvdhā‘ [?]; ‚svalpavṛttāḥ‘ [?]. 125a: ‚kalau‘ nach OCR ‚kalāt‘ [?]. 126: drei Zeilen im OCR; die Aussage ist wohl: in anderen Tantras gelten feste Zeiten, bei der Brahman-Verehrung nicht. 127a: ‚kiṅkarā‘ nach OCR ‚krā‘ [?]. 128a: ‚brahmajñāniguruṃ‘ nach OCR.
„Du Mitleidsvoller, Herr der Götter, bei dir habe ich Zuflucht genommen; gib den Schatten deiner Lotosfüße auf mein Haupt, du Schatz des Erbarmens!“ (129)
Mit dieser Bitte an den Guru soll er ihn danach nach Kräften verehren, mit gefalteten Händen vor dem Guru schweigend stehen. (130)
Der Lehrer soll, nachdem er nach Vorschrift geprüft hat, ob die Merkmale des Schülers wie gelehrt vorliegen, aus Mitgefühl dem guten Schüler das große Mantra geben. (131)
Der wissende Lehrer setze sich auf einen Sitz, nach Osten oder Norden gewendet, führe den Schüler auf seine linke Seite und schaue ihn mitleidig an. (132)
Dann murmle er auf dem Haupt des Schülers, mit der Seher-Berührung (ṛṣyādinyāsa) voraus, das Mantra 108-mal zum Gelingen des Gewünschten für den Übenden. (133)
Bei Brāhmaṇas ins rechte Ohr, bei den anderen von links her soll der gute Guru, ein Schatz des Erbarmens, das Mantra siebenmal hören lassen. (134)
Dies ist die Regel der Unterweisung im Brahma-Mantra, o Kālikā. Verehrung und dergleichen sind hier nicht erforderlich; nur ein geistiger Vorsatz (saṃkalpa) ist zu vollziehen. (135)
129b: ‚dayānidhe‘ nach OCR ‚yadādhana‘ [?]. 131: ‚ācāryaḥ‘ statt OCR ‚āryaḥ‘ (Metrum). 133b/c: Lesung ‚ṛṣyādi‘ nach OCR ‚ṛṣyāsa‘ [?]. 134d: ‚karuṇānidhiḥ‘ nach OCR ‚karmanidhiḥ‘ [?]. Anrede ‚kālike‘ (135) bezeichnet die Göttin.
Dann [soll der Lehrer] den Schüler, der wie ein Stab vor den Lotosfüßen des Gurus hingefallen ist, aufrichten, indem er dieses Mantra ausspricht [Halbzeile teils unlesbar]: (136)
„Steh auf, mein Kind, du bist befreit [?]; sei ganz auf die Brahman-Erkenntnis ausgerichtet; die Sinne beherrschend, wahrhaftig, sollst du stets Kraft und Gesundheit haben.“ (137)
Dann soll der Beste der Übenden nach Vermögen dem Guru als Lehrgeld [sein Eigentum? – Text unsicher] geben; die Weisung des Gurus [auf dem Haupt tragend?] wandle er wie ein Gott auf Erden. (138)
Schon durch das bloße Empfangen des Mantras wird er dessen Selbst, in ihm aufgehend. Für einen, der Brahman geworden ist, o Herrin der Götter, was braucht es da andere, vielfache Übungen? (139)
So ist dir, Liebe, die Brahman-Weihe (brahmadīkṣā) in Kürze erklärt worden. Durch bloßes Erbarmen des Gurus möge man die Brahman-Weihe empfangen. (140)
Śāktas, Śaivas, Vaiṣṇavas, ebenso Saura (Sonnenverehrer) und Gāṇapatyas, Brāhmaṇas und Nicht-Brāhmaṇas: alle sind hier berechtigt (adhikārin). (141)
136: der Mittelteil der zweiten Zeile ist im OCR stark verderbt; ‚śiṣyam‘ und ‚guruḥ‘ nach Sinn [?]. 137a: OCR ‚yukto ’si‘ (‚du bist verbunden‘); gelesen ‚mukto ’si‘ (‚befreit‘) nach Sprachgebrauch [?]. 138: Text stark verderbt; ‚dakṣiṇāṃ svaṃ [?]‘ (der Kommentar glossiert ‚svam‘ mit ‚Vermögen oder sich selbst‘; hier nur zur OCR-Klärung erwähnt); ‚gurvājñā-[?]bhūto‘ unklar. 140: ‚kāruṇyamātreṇa‘. 141a: OCR ‚śāktāḥ‘, ‚gāṇapatāḥ‘.
Ich, o Göttin, bin Mṛtyuñjaya („Todesbesieger“), Gott der Götter, Lehrer der Welt, handle nach eigenem Willen und bin ohne Vorstellungsgebilde durch die Gnade dieses Mantras. (142)
Ebendieses Brahma-Mantra haben vor mir Brahmā und die Brahmanen-Seher (brahmarṣi), die Götter und die Götter-Seher (devarṣi) verehrt [nachdem sie es von mir empfangen hatten]; (143) von den Götter-Sehern [haben es] die Weisen (muni), von ihnen die Königs-Seher (rājarṣi) [empfangen], Liebe. Verehrt, wurden sie brahmanhaft durch die Gnade des höchsten Selbst. (144)
Beim Brahma-Mantra, o große Herrin, gibt es nirgends eine Prüfung; der Guru gebe sein eigenes Mantra den Schülern, ohne zu prüfen. (145)
Auch der Vater soll den Sohn weihen, der Bruder die Brüder, der Ehemann die Frau, der Mutterbruder die Schwestersöhne, der Großvater mütterlicherseits die Enkel. (146)
Der Fehler, der beim Weitergeben des eigenen Mantras oder bei der Weihe durch den Vater und andere [Verwandte] [nach anderen Regeln] entsteht: bei dem gelungenen großen Brahma-Mantra besteht dieser Fehler nicht. (147)
143: Nummer im OCR unsichtbar (nach Zählung). 143b: ‚mattaḥ [gṛhītvā]‘ – die Ergänzung „nachdem sie es empfangen hatten“ ist eine Sinnergänzung. 146c–d: ‚pautrān‘ [?] nach OCR ‚patan‘ (ursprünglich wohl ‚na patet‘ gedruckt; Lesung unsicher). 147: der Kommentar erwähnt hier, es gehe um Verbote in anderen Regelwerken, wonach man das Mantra nicht vom Vater usw. empfangen dürfe; das gehört nicht zum Wurzeltext und ist nicht übersetzt.
Wer es aus dem Mund eines Brahman-Kenners hört, auf welche Weise auch immer, der wird brahmanhaft, gereinigt, und wird durch Verdienst und Sünde nicht befleckt. (148)
Hausväter, Brāhmaṇas und andere, die das Brahma-Mantra verehrt haben und ihrer jeweiligen Standespflicht ergeben sind, sind zu verehren und besonders zu ehren. (149)
Brāhmaṇas werden [dann] gleichsam Asketen (yati); die anderen sind den Brāhmaṇas gleich. Deshalb sollen alle die Brahman-Kundigen, die die Brahman-Weihe haben, verehren. (150)
Und wer sie geringschätzt, jene Menschen sind Brahman-Mörder; sie fallen in eine schreckliche Hölle, solange Sonne und Sterne bestehen. (151)
Die Sünde, die für die Tötung einer Frau angegeben ist, die Sünde bei der Tötung eines Embryos: das Millionenfache davon ist die Sünde beim Schmähen der Brahman-Verehrer. (152)
Wie [Menschen] durch die Unterweisung im Brahman zur Einheit mit Brahman gelangen, so ebenso durch dessen Übung. (153)
So endet im ehrwürdigen Mahānirvāṇa-Tantra, dem Höchsten der höchsten Tantras, im Wesenskern der Bestimmung aller Pflichten, im Gespräch des erhabenen Ādyā und Sadāśiva, im Abschnitt „Frage nach dem Weg der Rettung der Lebewesen“, das dritte Kapitel (ullāsa), genannt „Darlegung der Brahman-Unterweisung“.
149: ‚te pūjyā‘ [?] nach OCR ‚ta pūjyā‘. 150ab: Sinn nach OCR ‚brāhmaṇā yatayaḥ sākṣād itare brāhmaṇaiḥ samāḥ‘ – Deutung „Brāhmaṇas werden gleichsam Asketen“ ist wörtlich, aber knapp. 152a: ‚strīvadhe‘ nach OCR ‚sīdhe‘ [?]. 153: der Vers ist im OCR nur einzeilig erhalten (erste Hälfte verstümmelt); ‚tatsādhanāt‘ nach OCR ‚tava sādhanāt‘ [?]. Die Kolophon-Zeile ist im OCR stark entstellt, ihr Kern ‚brahmopadeśakathanaṃ nāma tṛtīyollāsaḥ‘ ist aber lesbar; das Kommentar-Kolophon ‚iti śrīmahānirvāṇatantraṭīkāyāṃ tṛtīyollāsaḥ‘ gehört nicht zum Wurzeltext.