Paṭala 7: śrīmad ādyāsadāśivasaṃvāde stotrakavacakulatattvalakṣaṇakathanaṃ nāma saptamollāsaḥ
7. Kapitel: Die Darlegung des Hundert-Namen-Lobpreises, der Schutzformel und der Kennzeichen der fünf Kula-Wesenheiten
Quelle: Mahānirvāṇa-Tantra mit dem Kommentar des Hariharānanda Bhāratī, hg. Agama Anusandhana Samiti, Tantrik Texts Vol. XIII, Calcutta 1929 (archive.org, OCR-Text). Inhalt: Anknüpfend an die im 6. Ullāsa gelehrten Riten bittet Pārvatī Śiva um den Lobpreis der höchsten Urnatur (1-7). Śiva verkündet zunächst den Hundert-Namen-Lobpreis (śatanāma-stotra) der Ādyā Kālikā, dessen sämtliche hundert Namen mit der Silbe 'ka' beginnen (8-33), sodann seine Frucht (34-54). Es folgt die Schutzformel (kavaca) 'Sieg über die drei Welten', die verschiedene Gestalten der Göttin den einzelnen Körperteilen zuordnet (55-66), und deren Frucht sowie die Anleitung zu ihrer amulettartigen Anwendung (67-74). Danach lehrt Śiva das allgemeine Verfahren der Vorbereitungsübung (puraścaraṇa) für die Mantras der Ādyā Kālikā, in ausführlicher wie in abgekürzter Form (75-93). Den Abschluss bildet, auf Pārvatīs Frage hin, die Lehre von den neun Kula-Prinzipien (jīva, Urnatur, Raum, Zeit und die Elemente) und dem Kula-Wandel (94-102) sowie eine Definition der fünf tantrischen Wesenheiten (pañcatattva: Wein, Fleisch, Fisch, geröstetes Korn, geschlechtliche Vereinigung) durch ihre Wirkung und ihre Namen (103-111). Die OCR-Qualität ist in diesem Ullāsa überdurchschnittlich schlecht, streckenweise (insbesondere in den Versen 19-20, 27-29, 46, 50-51, 88, 94-95, 109-110) massiv entstellt oder an Seitenumbrüchen lückenhaft; unsichere Stellen sind durchgehend mit [?] markiert, echte Textverluste sind in den notes ausgewiesen und wurden nicht durch Erfindung ausgeglichen. Der Kommentar wurde nur zur Klärung entstellter Wurzeltext-Lesarten herangezogen, nie als Grundlage der Deutung.
śrutvā ādyākālikādevyāḥ santāraṃ mahāphalam | saubhāgyamokṣajananaṃ brahmajñānaikasādhanam ||1||
prātaḥkṛtyaṃ tathā snānaṃ sandhyāṃ sandhinirodhanam | nyāsapūjāvidhānaṃ ca bāhyābhyantarabhedataḥ ||2||
baliprapradānaṃ homaṃ ca anuṣṭhānam eva ca | mahāprasādasvīkāraṃ pārvatī hṛṣṭamānasā |
vinayāvanatā devī provāca śaṅkaraṃ prati ||3||
śrīdevy uvāca |
he nātha jagannātha jagatāṃ hitakāraka | kṛpayā kathitaṃ deva parāprakṛtisādhanam ||4||
sarvaprāṇihitakaraṃ bhogamokṣaikakāraṇam | viśeṣataḥ kaliyuge jīvānām āśu siddhidam ||5||
Nachdem sie [das im vorigen Ullāsa Gelehrte über] die große Frucht bringende Errettung durch die Göttin Ādyā Kālikā gehört hatte - die Ursache von Wohlergehen und Erlösung, das alleinige Mittel zur Erkenntnis des Brahman -, (1) und ebenso die Morgenpflichten, das Bad, die Dämmerungsandacht (sandhyā), die Zügelung der Gelenke [d.h. der Sinne in der Sammlung], die Anweisung für Nyāsa (rituelle Berührung/Einprägung der Gottheit in den Körper) und Verehrung, äußerlich wie innerlich, (2) die Darbringung des Opfertranks (bali), das Feueropfer (homa) und die ganze Durchführung, sowie die Annahme der großen Weihegabe (mahāprasāda) - da wandte sich Pārvatī, frohen Gemüts, sich demütig verneigend, die Göttin, an Śaṅkara (Śiva). (3)
Die Göttin sprach: O Herr, Herr der Welt, Wohltäter der Welten! Aus Gnade hast du, o Gott, das Mittel (sādhana) zur höchsten Urnatur (parā prakṛti, d.h. der Göttin selbst) dargelegt, (4) das allen Wesen zuträglich ist, die alleinige Ursache von Weltgenuss und Erlösung, und das besonders im Kali-Zeitalter den Lebewesen rasch Erfolg (siddhi) verleiht. (5)
Vers 1: 'śrutvā' (nachdem sie gehört hatte) ist grammatisch auf Pārvatī bezogen, das Subjekt 'pārvatī' folgt erst in Vers 3; die Verse 1-3 sind ein erzählerischer Übergang in der 3. Person (ohne eigene Sprecherzeile), der auf die im 6. Ullāsa gelehrten Riten zurückblickt. Vers 3 hat im Druck drei Halbzeilen statt der üblichen zwei; die abschließende Zeile 'vinayāvanatā devī provāca śaṅkaraṃ prati' könnte auch als eigene, ungezählte Überleitungszeile vor 'śrīdevy uvāca' zu verstehen sein. Nach Vers 5 folgt im Druck eine isolierte Zeile 'oṃ namo brahmaṇe' (Om, Verehrung dem Brahman); sie wird hier als drucktechnische Kopf-/Randformel und nicht als Versinhalt behandelt und daher nicht mitübersetzt. Vers 4: 'he nātha jagannātha' ist aus stark verderbtem OCR rekonstruiert [?].
Mein Sinn, versinkend im Nektarmeer deiner Rede, wünscht selbst nicht wieder aufzutauchen, sondern erbittet immer wieder aufs Neue mehr davon. (6) Die Anleitung zur Verehrung der großen Göttin wurde angedeutet, aber nicht vollständig offenbart; das Verkünden des Lobpreises (stotra), o Gott, offenbare das nun. (7)
Śrī Sadāśiva sprach: Höre, Göttin, Mutter der Welt, diesen unübertrefflichen Lobpreis; durch dessen Rezitation und Anhören wird man Herr über alle Siddhis (übernatürlichen Kräfte). (8) Er bewirkt die Besänftigung von Unglück, die Mehrung von Glück und Wohlstand, die Abwendung eines vorzeitigen Todes, die Abwehr eigenen Unheils, (9) er ist die Ursache der glückverheißenden Nähe der glorreichen Ādyā Kālikā; durch die Gnade dieses Lobpreises kenne ich, der Feind der Daitya-Festung Tripura (d.h. Śiva selbst), dies, Liebe. (10) Der Seher (ṛṣi) dieses Lobpreises, Göttin, wird als Sadāśiva genannt; das Versmaß ist Anuṣṭubh, die Gottheit ist als Ādyā Kālī gepriesen; als Anwendung (viniyoga) ist seine Rezitation für Rechtschaffenheit, Weltgenuss, Wohlstand und Erlösung angegeben. (11)
Vers 8: 'jagadambe' (Mutter der Welt) aus OCR-Rest rekonstruiert [?] (Druck entstellt). Vers 9: 'svāpannivāraṇam' (Abwehr eigenen Unheils, sva-āpad) unsicher rekonstruiert [?]. Vers 10: 'tripurāriḥ' (Feind des Tripura) laut Kommentar ein Śiva-Beiname (Tripura = die dreifache Dämonenburg); 'priye' (Liebe) aus entstelltem OCR-Rest [?] anstelle einer unlesbaren Form. Vers 11 folgt dem Standardschema ṛṣi-chandas-devatā-viniyoga, das in Vers 56 für die Schutzformel (kavaca) wiederkehrt; im Druck drei statt zwei Zeilen für einen Vers.
[Beginn des Hundert-Namen-Lobpreises der Ādyā Kālikā; alle Namen beginnen im Original mit der Silbe 'ka' - siehe Vers 33.] Hrīṃ, Kālī, Śrīṃ, Karālī (die Furchtbare), Krīṃ, Kalyāṇī (die Heilbringende), Kaṭavatī [?], Kamalā (die Lotusgleiche), Kalidhvaṃsinī (Zerstörerin des Kali[-Zeitalters bzw. der Sünde]), Kapardīśakṛpānvitā (die von der Gnade des Kapardīśa [Śivas, des Trägers der Zopfkrone] Erfüllte). (12) Chalikā (die Trugreiche [?]), Kālamātā (Mutter der Zeit), Kālanāṭyasamudyatā (die stets zum Tanz der Zeit Bereite), Karālāsyā (die mit furchtbarem Antlitz/Rachen), Karuṇāmṛtasāgarā (der Nektarozean des Mitleids). (13) Kṛpāmayī (die Mitleidsvolle), Dayādhārā (Trägerin des Erbarmens), Kṛpāpārā (deren Mitleid ohne Ufer ist), Kṛpāgamā (die durch ihr Mitleid Erkannte), Kalyāṇī (die Heilvolle), Kapilā (die Rötlich-Goldene), Kṛṣṇā (die Dunkle), Kṛṣṇānandavivardhinī (die Mehrerin der [Kṛṣṇa- bzw. tiefen] Wonne). (14)
Die Hundert-Namen-Verse bestehen fast durchweg aus Reihungen einzelner weiblicher Nominative (Beinamen), ohne durchgehende Satzsyntax; sie werden hier jeweils einzeln übersetzt bzw. erläutert, nicht zu Sätzen verbunden. Vers 12: die Bīja-Silben hrīṃ/śrīṃ/krīṃ sind als eigenständige, den Namen vorangestellte Keimsilben zu verstehen, nicht als Namen im engeren Sinn. 'Kaṭavatī' unsicher, evtl. 'die Scharfe/Wilde' (zu kaṭu) [?]. Vers 13 nach Kommentar rekonstruiert, der 'karālāsyā' ausdrücklich als 'die mit furchtbar-gezähntem Mund' erklärt; 'chalikā' unsicher [?].
Candrārciḥ (die Mondstrahlige [?]), Kāmarūpā (die in Kāmarūpa Wohnende bzw. Wunschgestaltige), Kāmapāravimocanī (die über das jenseitige Ufer des Begehrens Befreiende), Kādambinī (die Wolkenhafte), Kalādhārā (Trägerin der [Mond-]Digitien/Künste), Kalikalmaṣanāśinī (Vernichterin der Sünden des Kali-Zeitalters). (15) Kumārīpūjanaprītā (die an der Jungfrauenverehrung [kumārī-pūjā] Erfreute), Kumārīpūjakapriyā (den Verehrern der Jungfrauen Liebe), Kumārībhojanānandā (die an der Speisung von Jungfrauen Wonne Habende), Kumārīrūpadhāriṇī (die die Gestalt einer Jungfrau Tragende). (16) Kadambavanasañcārā (die im Kadamba-Wald Wandelnde), Kadambavanavāsinī (Bewohnerin des Kadamba-Waldes), Kadambapuṣpasantoṣā (die an Kadamba-Blüten Zufriedene), Kadambapuṣpamālinī (die mit Kadamba-Blüten Bekränzte). (17) Kiśorī (die Jungfräuliche/Junge), Kṛkakaṇṭhā (die mit tönender, taubenartiger Kehle), Kalanādaninādinī (die mit sanftem Klang Tönende), Kādambarīpānaratā (die am Trinken des [Rausch-]Tranks Kādambarī Erfreute), Kādambarīpriyā (der der Trank Kādambarī lieb ist). (18)
Vers 16 spiegelt die im Kaula-Tantra bezeugte Kumārī-Pūjā (rituelle Verehrung junger Mädchen als Verkörperung der Göttin). Vers 17 bezieht sich auf die traditionelle Verortung Kālīs/Rādhās in Kadamba-Hainen. Vers 18: 'kādambarī' ist ein Name für einen (Rausch-)Trank/Wein; Kommentar bestätigt zu 'kṛkakaṇṭhā' einen tief tönenden Hals. 'candrārciḥ' unsicher rekonstruiert [?].
[Vers 19, bis auf die Schlussworte, und die erste Hälfte von Vers 20 sind durch eine OCR-Lücke am Seitenumbruch verloren; erhalten sind nur die Schlussworte:] … die Bewohnerin des Malaya-Gebirges [?]. (19) … die Wunschgestaltige/Kāmarūpa-Gestaltige. (20) Kāmarūpasthavāsā (die in Kāmarūpa [der berühmten Śākta-Kultstätte] Wohnende), Kāmapīṭhavilāsinī (die im Sitz des Begehrens [Kāmapīṭha] Schwelgende), Kamanīyā (die Liebreizende), Kalpalatā (die Wunschgewährende Ranke), Kamanīyavibhūṣaṇā (die mit lieblichem Schmuck Geschmückte). (21) Kamanīyaguṇārādhyā (die um ihrer lieblichen Eigenschaften willen Verehrte), Komalāṅgī (die Zartgliedrige), Kṛśodarī (die Schlankleibige), Kāraṇāmṛtasantoṣā (die am Nektar des Kāraṇa [des geweihten Rauschtranks im Kaula-Ritual] Zufriedene), Kāraṇānandasiddhidā (die durch die Wonne des Kāraṇa Vollkommenheit Verleihende). (22) Kāraṇānandajapeṣṭā (die am murmelnden Gebet in der Wonne des Kāraṇa Erfreute), Kāraṇārcanaharṣitā (die durch die Verehrung mit Kāraṇa Erfreute), Kāraṇārṇavasammagnā (die im Ozean des Kāraṇa Versunkene), Kāraṇavratapālinī (die Hüterin des Kāraṇa-Gelübdes). (23)
Verse 19-20: an dieser Stelle liegt im Original ein Seitenumbruch mit erheblichem OCR-Verlust vor; von zwei ganzen Versen sind nur die letzten zwei bis drei Wörter lesbar. Die verlorenen Namen werden hier NICHT erfunden, sondern als Lücke ausgewiesen. 'Kāraṇa' ('die Ursache') ist im Kaula-Tantra ein gebräuchlicher Deckname für den geweihten Rauschtrank (kāraṇa-vāri/-sudhā), der im pañcamakāra-Ritual verwendet wird (vgl. den vorigen Ullāsa); die vierfache Häufung 'kāraṇa-' in den Versen 22-23 spiegelt dies wider.
Kastūrīsaurabhāmodā (die vom Duft des Moschus Wohlriechende), Kastūritilakojjvalā (die mit strahlendem Moschus-Stirnzeichen), Kastūrīpūjanaratā (die an der Verehrung mit Moschus Erfreute), Kastūrīpūjakapriyā (den mit Moschus Verehrenden Liebe). (24) Kastūrīdāhajananī (die das Brennen/die Sehnsucht nach Moschus Erweckende [?]), Kastūrīmṛgatoṣiṇī (die durch das Moschustier Erfreute), Kastūrībhojanaparītā (die vom Genuss des Moschus Erfüllte), Kapūrāmodamoditā (die am Duft des Kampfers Erfreute), Kapūramālābharaṇā (die mit einer Kampfer-Girlande Geschmückte), Karpūracandanokṣitā (die mit Kampfer und Sandel Besprengte). (25) Kapūrakāraṇāhlādā (die an Kampfer und [dem geweihten Trank] Kāraṇa Entzückte), Kapūrāratipāyinī (die den Kampfer-Ārati Trinkende [?]), Kapūrasāgaraśāntā (die im Kampferozean Beruhigte), Karpūrasāgarākhyā (die 'Kampferozean' Genannte). (26)
Vers 25 hat im Druck drei statt zwei Zeilen (sechs Halbverse unter einer Nummer); die Zählung folgt hier wörtlich der Ausgabe. Mehrere Wortbedeutungen bleiben angesichts der starken OCR-Entstellung unsicher [?], insbesondere 'kastūrīdāhajananī' und 'kapūrāratipāyinī'.
Kūrcabījajapaprītā (die am Murmeln der Kūrca-Keimsilbe Erfreute), Kūrcajāpaparāyaṇā (die dem Kūrca-Gebet Ergebene), Kuṭilā (die Lockengekrümmte), Kaulikārādhyā (die von den Kaula-Verehrern Angebetete), Kaulikapriyakāriṇī (die den Kaulas Wohlwollende). (27) […an dieser Stelle ist der Text stark beschädigt; erkennbar bleibt nur…] Kalahaṃsagatiḥ (die mit dem Gang der Königsschwäne). (28) […ebenfalls beschädigt; erkennbar…] Kaṅkālamālādhāriṇī (die einen Knochen-/Totenschädelkranz Tragende). (29) Kalamañjīracaraṇā (die mit sanft klingenden Fußspangen), Kanatkāñcīvibhūṣaṇā (die mit schimmerndem Hüftgürtel Geschmückte), Kāñcanādrikṛtāgārā (die auf dem Goldberg [Meru] ihre Wohnstatt Hat), Kāñcanācalakaumudī (der Mondschein des Goldbergs). (30) Kāmabījajapānandā (die an der Rezitation der Kāma-Keimsilbe [hrīṃ] Wonnevolle), Kāmabījasvarūpiṇī (die die Gestalt der Kāma-Keimsilbe Selbst Ist), Kumatighnī (Vernichterin schlechter Gesinnung), Kuṭilārtinivāriṇī (Abwehrerin der Leiden der Verschlagenen [?]), Kulakāminī (die von den Kaulas Begehrte/Geliebte [?]). (31)
Die Verse 28-29 sind im Original an einem Seiten- und Spaltenumbruch außerordentlich stark beschädigt (nur Bruchstücke, Kolumnentitel und Ziffern lesbar); aus dem Kommentar lassen sich lediglich die Einzelnamen 'kalahaṃsagatiḥ' (Gang der Schwäne) und, über die dortige Lexikon-Glosse 'śarīrāsthi = kaṅkālaḥ' (Amarakośa), der Name 'kaṅkālamālādhāriṇī' (Trägerin eines Knochenkranzes - ein klassisches Kālī-Attribut) erschließen. Die übrigen Namen dieser beiden Verse sind nicht mehr rekonstruierbar und werden hier NICHT erfunden. Vers 31: 'kuṭilārtinivāriṇī' und 'kulakāminī' unsicher [?], da der Kommentar hierzu keine Worterklärung bietet.
[…durch die Mantra-Silben (oṃ hrīṃ śrīṃ) …] die mit dem Glanz des Goldes Strahlende [?]. So sind die hundert Namen der Göttin Ādyā Kālikā verkündet. (32) [Dieser Lobpreis,] aus Wörtern gebildet, die [alle] mit der Silbe 'ka' beginnen, ist die eigene Gestalt Kālīs selbst. (33)
Vers 32 ist im letzten Namen stark entstellt; die Übersetzung des ersten Halbverses ist ein Versuch [?]. Der zweite Halbvers (ab 'iti') ist die feste Schlussformel des Hundert-Namen-Stotra. Vers 33 bestätigt ausdrücklich das namengebende Formprinzip: alle hundert Namen beginnen mit dem Laut 'ka' (kakāra) - ein Akrostichon-Lobpreis, der damit selbst als Abbild der Gestalt Kālīs gilt.
Zur Zeit der Verehrung soll man es rezitieren, den Sinn auf Kālikā gerichtet; ihm wird rasch Mantra-Vollendung (siddhi) zuteil, Kālī wird ihm gnädig. (34) Er erlangt Verstand und Wissen allein durch die Anweisung des Gurus; er werde wohlhabend und berühmt, wohlgesinnt und voll Erbarmen. (36) […hier fehlt im Druck die erste Vershälfte…] der Übende erlangt auf Erden das Glück und den Wohlstand von Söhnen und Enkeln. (36)
Vers 36 besteht im Druck nur aus einer einzigen Halbzeile (16 statt 32 Silben); die vorangehende Halbzeile ist offenbar beim Druck/bei der OCR verlorengegangen. Dies wird hier als Textlücke ausgewiesen, nicht ergänzt [?].
[Vers 37 ist stark beschädigt; erkennbar ist, dass er von der Verehrung] - versehen mit den fünf [im vorigen Ullāsa genannten] Weihegaben (pañcamakāra) - der unvergänglichen Māyā, der Herrin der drei Welten, [in der Nacht einer auf einen Dienstag fallenden Neumondnacht] handelt. (37) Für ihn werden die hundert Namen unmittelbar mit dem Wesen Kālīs eins; für ihn gibt es in den drei Welten nichts, was ihm unbekannt/unerreichbar bliebe. (38) In der Gelehrsamkeit wird er unmittelbar dem Vācaspati (dem Sprachherrn der Götter) gleich, im Reichtum dem Herrn des Reichtums (Kubera); an Tiefe/Würde gleicht er dem Ozean, an Schnelligkeit dem Wind. (39)
Vers 37: erste Vershälfte stark entstellt; die Rekonstruktion 'madyapañcakasamanvitaḥ' (versehen mit den fünf Weihe-/Rauschgaben) stützt sich auf den Kommentar, der ausdrücklich 'madyādipañcakayuktaḥ' (verbunden mit den fünf Dingen, angefangen mit Wein) und eine mit einem Dienstag zusammenfallende Neumondnacht (bhaumāmāvāsyā) erklärt [?]. Verse 38-39 mit mittlerer Zuversicht rekonstruiert.
Wie die scharfstrahlige Sonne wird er für die Blicke seiner Feinde unerträglich anzusehen, [den anderen jedoch] von schönem Anblick; er wird selbst zum verkörperten Liebesgott (Kāma), der die Herzen der Frauen gewinnt. (40) […erste Vershälfte fehlt im Druck…] Stets erlangt er den Sieg durch die Gnade dieses Lobpreises. (41) Welchen Wunsch auch immer man voranstellt, wenn man diesen Lobpreis studiert/rezitiert, jenen Wunsch erlangt man durch die Gnade der glorreichen Ādyā. (42)
Vers 41 wieder nur als Halbzeile überliefert (vgl. Vers 36); dies dürfte auf eine wiederkehrende Drucklücke zurückgehen. Vers 40 mit mittlerer Sicherheit rekonstruiert, gestützt auf den Kommentar ('tigmāṃśau sūrye iva durprekṣyo duḥkhena draṣṭavyaḥ').
Im Kampf, am Königshof, beim Würfelspiel, im Streit, im Pfeilhagel; wenn man von Räubern ergriffen ist, in Angst, im Brand, ebenso wenn man von Löwen und Tigern umringt ist, (43) im Wald, in der Einöde, in der Festung, oder auch bei Angriffen böser Planetengeister; bei brennendem Fieber, bei langwieriger Krankheit, inmitten schwerer Seuchen und dergleichen, (44) bei Kinderkrankheiten (bāla-graha) und dergleichen, ebenso wenn Leid sich zeigt; an unüberwindlichem Ufer oder auf einem Schiff, das in die Gefahr des Schiffbruchs geraten ist [- ist der Verehrer geschützt]. (45)
Verse 43-45 bilden eine typische Aufzählung von Gefahren, vor denen der Lobpreis schützt; zahlreiche Einzelwörter sind aus stark verderbtem OCR rekonstruiert [?], der Gesamtsinn (Schutz in Kampf, Rechtsstreit, wilden Tieren, Wildnis, Krankheit, Schiffbruch usw.) ist jedoch typisch für solche Phalaśruti-Passagen und mit mittlerer Sicherheit gesichert.
[…] paṭhet sa hi hṛdbhaktisamanvitaḥ ||46||
sarvāpadbhyo vimucyeta devi satyaṃ na saṃśayaḥ | na pāpebhyo bhayaṃ tasya na rogebhyo bhayaṃ kvacit ||47||
sarvatra vijayas tasya na kutrāpi parābhavaḥ | tasya darśanamātreṇa palāyante vipadgaṇāḥ ||48||
[Vers 46 ist zu Beginn stark beschädigt; erkennbar bleibt nur, dass gemeint ist: in welcher Notlage auch immer er sich befindet,] rezitiert er es fürwahr mit Herzensfrömmigkeit erfüllt. (46) Von allen Nöten wird er befreit, Göttin, wahrlich, ohne Zweifel; keine Furcht hat er vor Sünden, keine Furcht je vor Krankheiten. (47) Überall ist sein Sieg, nirgends seine Niederlage; beim bloßen Anblick seiner fliehen die Scharen der Gefahren. (48)
Vers 46: erste Vershälfte im Druck unlesbar; die deutsche Wiedergabe stützt sich sinngemäß auf das Muster der umgebenden Verse [?].
sa vaktā sarvaśāstrāṇāṃ sa bhoktā sarvasampadām | sa kartā jātidharmāṇāṃ jñātīnāṃ prabhur eva saḥ ||49||
lakṣmīs tasya gṛhe nityaṃ kamalā niścalā vaset | tannāmnā mānavāḥ sarve praṇamanti sasambhramāḥ ||50||
digantās tasya namante aṇimādyāṣṭasiddhayaḥ | ādyākālīsvarūpākhyaṃ śatanāma prakīrtitam ||51||
Er wird zum Verkünder aller Lehrschriften, er zum Genießer aller Reichtümer; er zum Vollzieher der Pflichten seiner Geburtsgemeinschaft (jāti-dharma), er selbst zum Herrn seiner Verwandtschaft. (49) Lakṣmī, die Lotusgöttin, wohnt beständig unwandelbar in seinem Haus; bei der bloßen Nennung seines Namens verneigen sich alle Menschen ehrfürchtig-bestürzt. (50) Die Himmelsrichtungen huldigen ihm, [ebenso] die acht Siddhis (übernatürlichen Kräfte), beginnend mit Aṇimā (der Fähigkeit, sich winzig klein zu machen). So sind die hundert Namen, welche die eigene Gestalt der Ādyā Kālī benennen, verkündet. (51)
Vers 50 und 51a mit einiger Unsicherheit rekonstruiert [?], da das Original hier stark entstellt ist; der Sinn (Verehrung, Wohlstand, universale Macht des Rezitierenden) folgt jedoch dem Muster der übrigen Phalaśruti-Verse. 'aṣṭasiddhi' (die acht Vollkommenheiten: aṇimā, mahimā, garimā, laghimā, prāpti, prākāmya, īśitva, vaśitva) ist ein Standardbegriff der Yoga-/Tantra-Literatur.
Seine Vorbereitungsübung (puraścaraṇa) wird als aus hundertundacht Anbetungen bestehend genannt; der mit Vorbereitungsübung versehene Lobpreis gewährt die Frucht aller Wünsche. (52) Wer diesen Hundert-Namen-Lobpreis, der die eigene Gestalt der Ādyā Kālī besingt, rezitiert, oder rezitieren lässt, oder anhört, oder anhören lässt, (53) der wird von aller Sünde befreit und erlangt die Vereinigung mit dem Brahman (brahma-sāyujya). (54)
Vers 54 im Druck wieder nur als einzelne Halbzeile überliefert, hier als abschließende Zusammenfassungszeile des Hundert-Namen-Stotra belassen.
Śrī Sadāśiva sprach: Verkündet wurde der große Lobpreis der [Göttin], die von der Gestalt des höchsten Brahman ist; nun höre auch die Schutzformel (kavaca) der glorreichen Ādyā Kālikā. (55) Der Seher (ṛṣi) dieser Schutzformel 'Sieg über die drei Welten' ist Śiva; das Versmaß ist Anuṣṭubh, die Gottheit ist als Ādyā Kālī gepriesen. (56) Die Māyā-Keimsilbe (hrīṃ) wird als Keimsilbe (bīja) genannt, Ramā (śrīṃ) als Kraft (śakti); krīṃ als Festigungssilbe (kīlaka); als Anwendung (viniyoga) ist die Erlangung erwünschter Ziele angegeben. (57)
Vers 57 folgt dem Kommentar wörtlich, der 'māyābījam' als die Silbe hrīṃ und 'ramā' als die Silbe śrīṃ (Śrī-bīja) erklärt; die eingeklammerten Bīja-Silben sind Kommentarzusätze, im Wurzeltext selbst nur durch die Bezeichnung ('Māyā-Keim', 'Ramā') angedeutet.
Hrīṃ-Māyā beschütze mein Haupt, Śrī Kālī mein Antlitz; das Herz beschütze Krīṃ, die Höchste; die Kehle bewahre die Mitleidsvolle (kṛpāmayī). (58) Die Augen beschütze Jagaddhātrī (die Welterhalterin), die Ohren bewahre Śāṅkarī (Śivas Gattin); den Atem/das Leben beschütze Mahāmāyā, die Zunge Sarvamaṅgalā (die Allbeglückende). (59) Die Zähne bewahre Kaumārī, die Wangen Kamalālayā (die in der Lotusblüte Wohnende); Ober- und Unterlippe bewahre Kṣamā (die Geduld), das Kinn Cāruhāsinī (die Lieblich-Lächelnde). (60)
Die Schutzformel (kavaca) folgt dem in der Tantra-Literatur üblichen Schema, wobei jedem Körperteil eine schützende Gestalt/Anrufung der Göttin zugeordnet wird; die Reihenfolge folgt von Kopf zu Fuß.
Den Nacken bewahre Kuladarśinī (die den Kula-[Weg] Offenbarende), den Nacken-/Schulteransatz beschütze die Mitleidsvolle; die Arme beschütze Hrīṃ-Bāhudā (die Armverleihende), die Hände Kaivalyadāyinī (die Erlösung Verleihende). (61) Die Schultern beschütze Kapardinī (die mit der Zopfkrone), den Rücken Trailokyatāriṇī (die Retterin der drei Welten); die Seite bewahre Aparṇā (Umā) für mich, die Hüfte die Lotusbrüstige (kamalāstanā). (62) Den Nabel beschütze Viśālākṣī (die Großäugige), den Zeugungsort (prajāsthāna) Bhagavatī; die Schenkel bewahre Kalyāṇī, die Füße bewahre Pārvatī für mich. (63)
Vers 61 'kuladarśinī' unsicher rekonstruiert [?] (OCR entstellt); der Kommentar bietet hier keine Worterklärung. Vers 63: 'prajāsthāna' wird vom Kommentar ausdrücklich als 'upastha' (das Geschlechtsglied) erklärt.
jayadurgā prāṇān sarvāṅgaṃ sarvasiddhidā | rakṣāhīnaṃ tu yat sthānaṃ varjitaṃ kavacena ca ||64||
tat sarvaṃ me sadā rakṣed ādyā kālī sanātanī | iti te kathitaṃ divyaṃ trailokyavijayābhidham ||65||
kavacaṃ kālikādevyā ādyāyāḥ paramādbhutam ||66||
Jayadurgā [beschütze] die Lebensatem, die Allsiegverleihende (sarvasiddhidā) den ganzen Körper; und welcher Ort auch immer ohne Schutz bleibt, von dieser Schutzformel ausgespart, (64) das alles möge stets die ewige Ādyā Kālī beschützen. Damit ist dir diese göttliche [Schutzformel] namens 'Sieg über die drei Welten' verkündet, (65) die Schutzformel der Göttin Kālikā Ādyā, höchst wunderbar. (66)
Vers 66 im Druck nur als eine einzelne Halbzeile überliefert.
Zur Zeit der Verehrung soll man es rezitieren, den Sinn auf Ādyā gerichtet; er erlangt alle Wünsche, Ādyā wird ihm gnädig; rasch wird ihm Mantra-Vollendung zuteil, die niederen Siddhis (übernatürlichen Kräfte) werden ihm dienstbar. (67) Der Sohnlose erlangt einen Sohn, der nach Reichtum Strebende erlangt Reichtum; der nach Wissen Strebende erlangt Wissen, der Begehrende erlangt seine Wünsche. (68)
Vers 67 im Druck mit drei Zeilen (sechs Halbversen) unter einer Nummer; die Zählung folgt wörtlich der Ausgabe.
sahasrāvṛttipāṭhena varmaṇo 'sya puraḥkriyā | puraścaraṇasampannaṃ yad phalaṃ tad bhavet ||69||
candanāgarukastūrīkuṅkumaiś ca candanaiḥ | bhūrje vilikhya guṭikāṃ svarṇasthāṃ dhārayed yadi ||70||
Durch tausendfache Rezitation ist die Vorbereitungsübung dieser Schutzformel [vollzogen]; nur wenn sie mit der Vorbereitungsübung (puraścaraṇa) versehen ist, tritt ihre [volle] Frucht ein. (69) Wenn man [die Schutzformel] mit Sandelholzpaste, Aloeholz, Moschus, Safran und Sandel auf Birkenrinde schreibt, eine Kugel [daraus] fertigt und, in Gold gefasst, trägt, … (70)
Vers 69 stark durch OCR entstellt; die Wiedergabe des zweiten Halbverses ist sinngemäß [?]. Vers 70 beschreibt die Herstellung eines Amuletts (auf Birkenrinde geschrieben, mit wohlriechenden Substanzen versehen, in einer goldenen Kapsel getragen) - eine im Tantra übliche Praxis.
[Trägt es der Übende] im Haarschopf, am rechten Arm, am Hals oder an der Hüfte, so gewährt ihm ebenfalls Ādyā Kālikā das gewünschte Ziel. (71) Nirgends hat er Furcht, überall wird er siegreich; er wird gesund, langlebig, stark und fähig zur Beherrschung (dhāraṇā, d.h. des Gedächtnisses/der Konzentration). (72) Er wird kundig in allen Wissenschaften, ein Kenner des wahren Sinns aller Lehrschriften; Könige werden ihm untertan, Weltgenuss und Erlösung liegen ihm in der Hand. (73) [Dies ist] das höchste Mittel zur endgültigen Seligkeit für die von den Sünden des Kali-Zeitalters Befallenen. (74)
Vers 72 im Original 'rogī' (krank) statt sinngemäß 'arogī' (gesund) - stillschweigend nach dem Sinn der Aufzählung korrigiert. Vers 74 im Druck wieder nur als Halbzeile überliefert.
śrīdevy uvāca |
kathitaṃ kṛpayā nātha stotraṃ kavacam eva ca | adhunā śrotum icchāmi puraścaryāvidhiṃ vibho ||75||
śrīsadāśiva uvāca |
yo vidhiḥ sarvamantrāṇāṃ puraścaraṇakarmaṇi | sa evādyāyāḥ kālikāyā mantrāṇāṃ vidhir iṣyate ||76||
atra sādhake devi japapūjāhutādiṣu | pūjā saṃkṣepataḥ kāryā puraścaraṇam eva ca ||77||
Die Göttin sprach: Aus Gnade hast du, Herr, den Lobpreis und die Schutzformel verkündet; nun möchte ich, o Mächtiger, das Verfahren der Vorbereitungsübung (puraścaraṇa) hören. (75) Śrī Sadāśiva sprach: Welches Verfahren für das Werk der Vorbereitungsübung bei allen Mantras [allgemein gilt], eben dieses Verfahren gilt auch für die Mantras der Ādyā Kālikā. (76) Hierbei, Göttin, kann für den Übenden bei murmelndem Gebet, Verehrung, Opfer usw. die Verehrung in abgekürzter Form vollzogen werden, ebenso die Vorbereitungsübung. (77)
Denn besser als gar keine Durchführung ist selbst eine sehr geringe Durchführung; die abgekürzte Verehrung, o Gütige, höre, wie sie zuerst dargelegt wird. (78) Nachdem man mit dem Wurzelmantra die Mundspülung (ācamana) vollzogen hat, vollziehe man die Seher-Einprägung (ṛṣi-nyāsa); dann vollziehe man die Einprägung an den Fingern/Handgliedern und an beiden Händen. (79) Sodann vollziehe der Kluge die den ganzen Körper durchdringende Einprägung (sarvāṅga-vyāpaka-nyāsa); Meditation (dhyāna), Verehrung (pūjā) und murmelndes Gebet (japa) - dies ist das Verfahren bei der abgekürzten Verehrung. (80)
'Nyāsa' bezeichnet die rituelle Einprägung von Mantra-Silben durch Berührung bestimmter Körperstellen, ein Grundelement tantrischer Verehrung.
Bei welchem Mantra auch immer für die Vorbereitungsübung eine bestimmte [übliche] Anzahl an Wiederholungen des Murmelgebets vorgeschrieben ist - vom Vierfachen dieser Anzahl an Wiederholungen wird [hier, in abgekürzter Form,] die Vorbereitungsübung vollzogen [ohne Feueropfer usw.]. (81) Oder aber, auf andere Weise, wird die Vorbereitungsübung [so] gelehrt: Wenn man die dunkle Vierzehnte [des Mondmonats] erreicht, die auf einen Dienstag oder Samstag fällt, die fünf [geweihten] Substanzen (pañcatattva) beschafft und die Weltgestaltige (jaganmayī) verehrt hat, … (82)
Vers 81 stimmt wörtlich mit der Kommentarparaphrase überein ('yo japo vihitas tasmāc caturguṇajapāt homādikaṃ vinaiva puraścaryā vidhīyate').
… soll man in der großen [Neumonds-]Nacht mit ungeteiltem Sinn die Mantra-Rezitation zehntausendmal (ayuta) vollziehen; nachdem man die in Brahman Gegründeten (d.h. gelehrte Brahmanen) gespeist hat, hat man die Vorbereitungsübung vollzogen. (83) Vom Dienstag beginnend bis zum [nächsten] Dienstag rezitiere man täglich das Mantra in der Anzahl von je Tausend. (84) Allein durch dieses tageweise gezählte Rezitieren ist die Vorbereitungsübung des Mantras vollzogen. (85)
Vers 85 im Druck als einzelne Halbzeile überliefert.
Die Mantras der glorreichen Ādyā Kālikā sind 'vollendete' (siddha) Mantras, die vortreffliche Vollendung (siddhi) verleihen, stets, in jedem Weltzeitalter, o Göttin, besonders aber im Kali-Zeitalter. (86) Vielfältig sind die Gestalten Kālīs, die im Kali-Zeitalter wach/wirksam sind, Pārvatī; im mächtigen Kali-Zeitalter aber ist gerade diese Gestalt [d.h. Ādyā Kālikā] der Welt zum Heil. (87)
nātra siddhyādyapekṣāsti nārīmiśrādidūṣaṇam | niyamāniyamenāpi japan nāḍyāṃ prasādayet ||88||
brahmajñānam avāpnoti śrīmad ādyāprasādataḥ | brahmajñānayuto martyo jīvanmukto na saṃśayaḥ ||89||
Hierbei besteht keine Notwendigkeit, auf [vorherige] Erfolge o.ä. zu warten, noch [haftet dem] ein Makel der Vermischung mit Frauen o.ä. an; sei es mit oder ohne feste Regel (niyama), allein durch das Murmelgebet erlangt man ihre Gunst [?]. (88) Er erlangt die Erkenntnis des Brahman durch die Gnade der glorreichen Ādyā; der Sterbliche, der mit der Erkenntnis des Brahman ausgestattet ist, wird zweifellos zum zu Lebzeiten Erlösten (jīvanmukta). (89)
Vers 88 ist stark verderbt; die Übersetzung des zweiten Halbverses ist unsicher [?]. Sinngemäß scheint der Vers zu betonen, dass die Verehrung der Ādyā Kālikā ohne strenge Vorbedingungen (Kaste, vorherige Erfolge, rituelle Reinheitsregeln) wirksam ist - ein wiederkehrendes Thema des Mahānirvāṇatantra.
na ca prayāsabāhulyaṃ kāyakleśo 'pi na priye | ādyākālīsādhakānāṃ sādhanaṃ sukhasādhanam ||90||
cittaśuddhir evātra mantrāṇāṃ phaladāyinī ||91||
yāvan na cittakāluṣyaṃ hātum utsahate patiḥ | tāvat karma prakurvīta gurubhaktisamanvitaḥ ||92||
yathāvihitaṃ karma cittaśuddher hi kāraṇam | ādau mantraṃ guror vaktrād gṛhṇīyād brahmamantravat ||93||
Es bedarf hierbei weder großer Anstrengung noch körperlicher Kasteiung, Liebe; für die Übenden der Ādyā Kālī ist die Übung [selbst] eine leichte, wohltuende Übung. (90) Allein die Reinheit des Geistes (citta-śuddhi) ist es, die hier den Mantras ihre Frucht verleiht. (91) Solange der [Übende] die Trübung seines Geistes nicht aufzugeben vermag, so lange soll er, von Verehrung des Gurus erfüllt, [äußeres] rituelles Handeln (karman) verrichten. (92) Denn vorschriftsmäßig verrichtetes rituelles Handeln ist die Ursache der Reinheit des Geistes; zu Beginn empfange man das Mantra aus dem Mund des Gurus, wie [man] das Brahman-Mantra [empfängt]. (93)
Vers 91 im Druck als einzelne Halbzeile überliefert.
śrīdevy uvāca |
kiṃ tat kulaṃ parameśāna kulācāraḥ ca kīdṛśaḥ ||94||
lakṣaṇaṃ pañcatattvasya śrotum icchāmi tattvataḥ ||95||
Die Göttin sprach: Was ist jenes 'Kula', o höchster Herrscher, und von welcher Art ist der Kula-Wandel (kulācāra)? Ich möchte der Wahrheit gemäß die Kennzeichen der fünf Wesenheiten (pañca-tattva) hören. (94-95)
Dieser Übergang (die Frage der Devī nach Kula, Kulācāra und den fünf tattvas) ist im Original an dieser Stelle außerordentlich stark durch OCR-Fehler entstellt; nur wenige Einzelworte ('parameśāna', 'kulācāraḥ', 'lakṣaṇam', 'pañcatattvasya', 'śrotum icchāmi tattvataḥ') sind sicher lesbar. Die Verse 94 und 95 werden daher hier, mangels sicherer Abgrenzung, unter einer gemeinsamen Nummer zusammengefasst [?]; der Kommentar bestätigt lediglich, dass die Göttin hier fragt 'kulaṃ kim' (Was ist Kula) und dass darauf in Vers 96 Sadāśivas Antwort 'samyak pṛṣṭam' (Wohl gefragt) folgt.
śrīsadāśiva uvāca |
samyak pṛṣṭaṃ kuleśāni sādhakānāṃ hitaiṣiṇi | kathayāmi tava pratyakṣaṃ yathāvad avadhāraya ||96||
jīvaḥ prakṛtitattvaṃ ca dikkālātmakam eva ca | kṣityaptejovāyavaś ca kulam ity abhidhīyate ||97||
brahmabuddhyā nirvikalpam eteṣv ācaraṇaṃ ca yat | kulācāraḥ sa evāyaṃ dharmakāmārthamokṣadaḥ ||98||
Śrī Sadāśiva sprach: Wohl gefragt, Herrin der Kula, die du das Wohl der Übenden suchst; ich will es dir unmittelbar/deutlich verkünden - vernimm es, wie es sich wahrhaft verhält. (96) Die Einzelseele (jīva), das Prinzip der Urnatur (prakṛti), das Wesen von Raum und Zeit, sowie Erde, Wasser, Feuer und Luft - [diese, insgesamt neun,] werden 'Kula' genannt. (97) Welches Handeln man diesen gegenüber mit der Gesinnung des Brahman, frei von [trennender] Unterscheidung, vollzieht - eben dies, und nur dies, ist der Kula-Wandel (kulācāra), der Rechtschaffenheit, Weltgenuss, Wohlstand und Erlösung verleiht. (98)
Vers 97: der Kommentar merkt ausdrücklich an, dass 'jīva' usw. insgesamt NEUN Prinzipien seien ('jīvādayaḥ nava kulam ity abhidhīyate'); da im lesbaren Wurzeltext nur jīva, prakṛti, Raum-Zeit (als eine oder zwei Größen) und die vier Elemente Erde/Wasser/Feuer/Luft (ohne den Äther) genannt sind, bleibt die genaue Aufzählung auf neun Glieder unsicher [?] - vermutlich sind Raum (dik) und Zeit (kāla) als zwei gesonderte Prinzipien sowie zusätzlich der Äther (ākāśa) mitzuzählen.
Nur durch in vielen Geburten angesammeltes Verdienst, durch Askese, Freigebigkeit, Gelübde und dergleichen entsteht bei standhaften Übenden die Zuneigung zum Kula-Wandel. (99) Bei wem die auf den Kula-Wandel gerichtete Erkenntnis vollkommen lauter geworden ist, bei dem entsteht dann Hingabe zu den Lotosfüßen der Ādyā. (100) Nachdem sie durch Dienst am wahren Guru dieses höchste aller höchsten Wissen (vidyā) erlangt haben, verehren sie, im Kula-Wandel aufgehend, die Herrin der Kula (kuleśvarī). (101)
yajantaḥ kālikām ādyāṃ kulajñāḥ sādhakottamāḥ | iha bhuktvākhilān bhogān vrajanty ante nirāmayam ||102||
mahauṣadhaṃ yaj jīvānāṃ duḥkhavismārakaṃ mahat | ānandajanakaṃ yac ca tad ādyaṃ tattvalakṣaṇam ||103||
asaṃskṛtaṃ ca yat tv anyair mohadaṃ bhramakāraṇam | vivādarogajananaṃ tyājyaṃ tv anyaiḥ sadā priye ||104||
Die besten Übenden, Kenner des Kula, die die ur-anfängliche Kālikā verehren, gehen, nachdem sie hier alle Genüsse genossen haben, am Ende in den ungetrübten [Zustand, d.h. die Erlösung] ein. (102) Was für die Lebewesen das große Heilmittel (mahauṣadha) ist, das große Vergessen-Machende des Leids, und was Wonne erzeugt - das ist das Kennzeichen der ersten Wesenheit [des Weins, madya]. (103) Was aber [von anderen, d.h. Uneingeweihten] unrituell [genossen wird], ist verwirrend, Ursache der Verirrung, Erzeuger von Streit und Krankheit - das ist von anderen stets zu meiden, Liebe. (104)
Vers 103 definiert - wie der Kommentar ausdrücklich bestätigt ('atha kramato madyādipañcatattvānāṃ lakṣaṇam āha') - das erste der fünf tantrischen 'Wesenheiten' (pañcatattva: Wein, Fleisch, Fisch, geröstetes Korn, geschlechtliche Vereinigung) durch seine Wirkung, nicht durch seinen Namen; erst Vers 109 nennt die Namen ausdrücklich. Vers 104 unterscheidet den rituell geweihten vom gewöhnlichen (unrituell genossenen) Trank - ein Grundgedanke der im 6. Ullāsa entfalteten Weinregeln.
Was, von zahmen, [wilden] und Wald-Tieren gewonnen, die Nahrhaftigkeit mehrt und Kraft und Tatkraft für den Kampf verleiht - das ist das Kennzeichen der zweiten Wesenheit [des Fleisches, māṃsa]. (105) Was, aus dem Wasser entstanden, heilsam, lieblich, wohltuend und auch mehrend für den Nachwuchs ist - das ist das Kennzeichen der dritten Wesenheit [des Fisches, matsya]. (106) Was, aus der Erde geboren, den Lebewesen Wohlbefinden und Lebenskraft ist, die Wurzel der Langlebigkeit für die drei Welten - das ist das Kennzeichen der vierten Wesenheit [des gerösteten Korns, mudrā]. (107)
Der Kommentar erläutert zu Vers 105 ausdrücklich 'grāmya' (Haustiere wie Ziegen), '[…]' und 'vanya' (Waldtiere wie Hirsche) als die Quellen des Fleisches.
Was großes Entzücken erzeugt, Göttin, und die Ursache der Erzeugung der Lebewesen ist, die anfangs- und endlose Wurzel der Welt - das ist das Kennzeichen der fünften [Wesenheit, der geschlechtlichen Vereinigung, maithuna]. (108) Als erste Wesenheit gilt der Wein (madya); die zweite wird Fleisch (māṃsa) genannt; als dritte erkenne den Fisch (matsya), als vierte, Liebe, das geröstete Korn (mudrā). (109) Als fünfte erkenne man die geschlechtliche Vereinigung (maithuna), die Ursache und Grundlage der Welt, o Schönantlitzige. (110)
Vers 109-110 fassen die fünf zuvor (103-108) nur durch ihre Wirkung umschriebenen tantrischen 'Wesenheiten' (pañcatattva, das sogenannte pañcamakāra: madya, māṃsa, matsya, mudrā, maithuna) nun ausdrücklich mit Namen zusammen. Vers 110 im Druck nur als Halbzeile überliefert; die Ergänzung 'jagadādhārakāraṇam' ist sinngemäß aus dem Reim zu Vers 108 ('anādyantajaganmūlam') erschlossen [?].
So erkenne, Herrin der Kula, die fünf Kula-Wesenheiten (kula-tattva) und den Wandel des Kula-Dharma, [und] der Mensch wird zum zu Lebzeiten Erlösten (jīvanmukta). (111)
So lautet im glorreichen Mahānirvāṇatantra, dem besten aller Tantras, der Essenz der Bestimmung aller Rechtssatzungen, im Zwiegespräch des glorreichen Ādyā [d.h. der Urgöttin] mit Sadāśiva, das siebte Ullāsa, betitelt 'Die Darlegung des Lobpreises, der Schutzformel und der Kennzeichen der Kula-Wesenheiten'.
Die Kolophonzeile ist im Original klarer erhalten als die meisten übrigen Kolophone dieses Textes und wird hier weitgehend wörtlich wiedergegeben; der Titel 'stotra-kavaca-kulatattva-lakṣaṇa-kathanam' fasst die drei Hauptteile des Kapitels (Hundert-Namen-Lobpreis, Schutzformel, Lehre von den fünf Kula-Wesenheiten) zusammen.